Inhalt
1. Das ängstliche Gender? Zur Konstruktion des
m ännlichen Helden im Nibelungenlied 3
2. Theoretische Betrachtung der Angstemotion aus
moderner Sicht 4
Wortfeld angest und Synonyme
3. 6
4 Konstruktion des idealen Helden 8
Siegfried - Angstfreiheit als Gefahr
4.1 9
Hagen - Angst vor dem Angstverdacht
4.2 10
Gunther - Die Lizenz zur Angst
4.3 11
Gern ôt - Determiniertheit durch das Schicksal
4.4 13
R üdeger - Vorbildlicher Held mit Gottvertrauen
4.5 14
Feinde und Gegner - Provokation durch Schmähung
4.6 15
5 Die Angst des Mannes vor der starken Frau? 17
5.1 Werbung um Brünhilde 17
5.2 Entmachtung der Frau durch Entziehung des
materiellen Besitzes 19
6 Fazit 22
7 Bibliographie 23
2
1 Das ängstliche Gender? Zur Konstruktion des
männlichen Helden im Nibelungenlied
Angst kennt ein jeder. Jeder hat schon in diversen Situationen seines Lebens Angst gehabt und sie auch schon mehrfach thematisiert. Diese Emotion ist schon seit langem Gegenstand der öffentlichen Kommunikation und sie hat auch in die Psychoanalyse Eingang gefunden. Ihre „Ursachen und Auswirkungen [werden] analysiert un d über Maßnahmen gegen sie [wird] nachgedacht.“ 1
Doch Angst war nicht immer opportun. Wenn man eine Emotion in der mittelhochdeutschen Literatur betrachtet, muss man davon ausgehen, dass sie anders wahrgenommen, geäußert und bewertet wurde. Es ist nötig, sie als „historische Kategorie“ 2 zu verstehen, „die abhängig ist von
den jeweiligen epochenspezifischen sozialen und kulturellen
Gegebenheiten und sich mit deren Veränderungen wandelt.“ 3 Ängste in
der Literatur kommentieren, spiegeln und antizipieren das Geschehen und denHandlungsverlauf und sind ihm inhärent. Diese Emotion wird hier nur selten zerlegt und analysiert, denn sie hat topischen Charakter und tritt in bestimmten Lebenslagen und - krisen auf. 4
Die grundsätzliche Frage, die ich mir in dieser Arbeit stelle, ist wie die Männlichkeit und somit das Heldenideal im Nibelungenlied über die Angstemotion bzw. über das Fehlen der Angstemotion konstruiert wird. Zunächst möchte ich die Emotion Angst theoretisch betrachten und anschließend das Wortfeld angest und seine Synonyme erschließen. Sie sollen zum besseren Verständnis dienen. Anschließend soll allgemein dargestellt werden, in welchen Situationen der ideale Held Angst empfindet oder auch nicht. In diesem Zusammenhang werde ich auf die Hauptfiguren eingehen und ihr Verhalten interpretieren. Insbesondere soll hier auf Siegfried, Hagen, Gunther, Gernot und Rüdeger eingegangen werden. Außerdem ist es an dieser Stelle auch wichtig darzustellen, wie die Helden ihre Gegner durch Schmähung als Feiglinge diffamieren und
1 Lehmann, S.211
2 Lehmann, S. 211 3 Lehmann, S. 211 4 Lehmann, S. 213
3
sie so zum kämpfen bewegen. Im letzten Teil der Arbeit werde ich auf den Genderaspekt eingehen. Hier soll näher betrachtet werden, wie sich die Helden gegenüber den beiden weiblichen Protagonistinnen verhalten. Ich stelle die These auf, dass die Männer hier Angst vor der starken Frau haben bzw. die Frau als Platzhalter für andere Ängste der Männer eingesetzt wird, um die Männer nicht negativ zu besetzen und das Heldenideal aufrecht zu erhalten. Diesbezüglich soll auf die Entmachtung und Unterwerfung von Brünhild und Kriemhild besonders eingegangen werden.
2 Theoretische Betrachtung der Angstemotion aus
moderner Sicht
Die moderne psychoanalytische Forschung hat sich im 20 Jahrhundert stark mit der Emotion der Angst beschäftigt, weshalb es viele verschiedene Ansätze gibt, Angst zu definieren, zu analysieren und zu interpretieren. Ich werde mich im Folgenden auf den Aufsatz „Angst“ von
Joachim Stöber und Ralf Schwarzer beziehen, da sie für die mittelalterliche Literatur anwendbarste Darstellung bieten. Die Autoren zitieren für die Definition von Angst zunächst Krohne: Angst ist ein „affektiver Zustand des Organismus, der durch erhöhte
Aktivität des autonomen Nervensystems sowie durch die
Selbstwahrnehmung von Erregung, das Gefühl des Angespanntseins, ein Erlebnis des Bedrohtwerdens und verstärkte Besorgnis gekennzeichnet ist.“ 5 Anders ausgedrückt „ist Angst das bewusste Erleben eines Erregungszustandes, der als quälend und bedrückend empfunden wird.“ 6
Es ist hierbei wichtig, zwischen Angst als Zustand und Ängstlichkeit als Persönlichkeitsmerkmal zu unterscheiden. Angst als Zustand ist demnach eine emotionale Reaktion auf eine Situation, wohingegen Ängstlichkeit eine überdauernde Disposition einer Person darstellt. Personen mit hoher Ängstlichkeit nehmen bedrohliche Situationen für ihr Selbstwertgefühl
5 Stöber, Joachim und Ralf Schwarzer: Angst. In: Emotionspsychologie. Ein Handbuch. Otto, Jürgen H. (Hg.). Weinheim: Psychologie Verlags Union 2000, S. 189f 6 Stöber, Schwarzer, S. 195
4
stärker wahr als andere. Sie bemerken bedrohliche Situationen auch viel schneller und daher ließe sich behaupten, „dass die Hauptfunktion von Angst die schnelle Entdeckung von Bedrohungen sei.“ 7 Ängste lassen sich
allgemein in zwei große Bereiche einteilen: die körperliche Bedrohung und die Selbstwertbedrohung, wobei sich diese abermals in Sozialangst (z.B. Schüchternheit, Publikumsangst) und Leistungsangst (Prüfungsangst) gliedern lässt. Angst übt in der Regel einen negativen Effekt auf Leistung aus. Der Grund hierfür ist, dass das „Arbeitsgedächtnis mit
aufgabenirrelevanten Inhalten belegt ist [...] bzw. Aufmerksamkeit von der eigentlichen Aufgabe abzieht.“ 8 So muss mehr Aufwand vom Ängstlichen
aufgebracht werden als von jemandem von geringerer Ängstlichkeit, um die gleiche Leistung zu erzielen. Besonders geeignet für das Thema „ Konstruktion der Männlichkeit im Nibelungenlied “ scheint mir das 9 Es unterscheidet drei mehrdimensionale Modell von Billings und Moos. Kategorien der Angstbewältigung: (a) bewertungszentrierte Bewältigung (b) problemzentrierte Bewältigung und (c) emotionszentrierte Bewältigung
Bei (a) wird die Angstquelle logisch analysiert und gegebenenfalls eine Neubewertung vorgenommen. Ein gutes Beispiel hierfür ist ein Bewerbungsgespräch, das vom Bewerber zunächst als Bedrohung empfunden wird, dann aber als Herausforderung umgewertet werden kann. (b) ist die aktive Beseitigung von Bedrohung, auch unter Einsatz des sozialen Netzwerks. Emotionszentrierte Bewältigung (c) findet über emotionale Regulation statt, die alle Versuche unternimmt, die Angstreaktion zu kontrollieren, sei es durch tief durchatmen oder durch verbale oder verhaltensmäßig-expressive Affektabfuhr. Diese theoretische Darstellung soll nun dazu dienen, der Angstemotion der Helden im Nibelungenlied näher zu kommen bzw. zu begründen, warum die Männer nur selten oder gar keine Angst in Situationen empfinden, in denen diese Emotion aber durchaus angebracht wäre. Dass man moderne Psychoanalyse auf die literarischen Figuren des Mittelalters
7 Stöber, Schwarzer, S. 192 8 Stöber, Schwarzer, S. 193 9 vgl. Stöber, Schwarzer, S. 195
5
nicht eins zu eins anwenden kann, zeigt schon der Wörterbucheintrag zum Wort angest. Im Kapitel „Wortfelder“ sollen nun die Angstbegriffe des
Nibelungenliedes näher betrachtet werden.
3 Wortfeld angest und Synonyme
Im Text des Nibelungenliedes treten Wörter, die für die Angstemotion stehen, äußerst selten auf. An dieser Stelle sollen aber nun die Wortfelder um angest, sorge und fürchten näher bestimmt werden und dabei auch genauer auf die Bedeutungen der einzelnen Wörter eingegangen werden. Angst, bzw. Zunächst möchte ich drei Wörterbucheinträge zum Wort angest vergleichen. Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm bietet folgende Definition:
Angst : „nicht näher bestimmbares gefühl der b eklemmung, des (existentiellen) bedrohtseins, der schutzlosigkeit vor gefahr, das sich häufig nach außen in
körperl. reaktionen wie herzklopfen, blässe oder zittern zeigt, gefühl der sorge.“ 10 (sic.) „ nicht näher
Interessant ist, dass dieses Gefühl im 19. Jahrhundert als bestimmbar[...]“ bezeichnet wird und sich so eine gewisse Unschärfe in
der Erklärung aufwirft. Jedoch wird das Angstgefühl und auch der Emotionsausdruck relativ klar geschildert, auch wenn der Begriff hier schwammig bleibt. Matthias Lexer bietet uns zwar keine Erklärung für angest, übersetzt das Wort aber mit neuhochdeutschen Synonymen: „ angest : stf. und stm. bedrängnis; angst, furcht, besorgnis“ 11 Eine Erklärung, die den mittelhochdeutschen angest-Begriff vom neuhochdeutschen Wort Angst abgrenzt, bietet das mittelhochdeutsche Wörterbuch von Wilhelm Müller.
angest : stf. und stm. „das nhd. ‚angst‘ mit dem wir den begriff vomutlosigkeit, furcht zu verbinden pflegen, entspricht dem alten angest durchaus nicht, oder
nur zufällig. - angest bedeutet den zustand, in dem man sich von noth und gefahr bedroht sieht, selbst auch dann, wenn man mit der größten herzhaftigkeit
gegen sie angeht, oder sie gefaßt trägt.“ 12 (sic.)
10 Grimm, Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. 2. Bd. Affront-Ansüszen. Stuttgart/Leipzig: S. Hirzel Verlag 1998. Spalte 1000f. 11 Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Stuttgart: S. Hirzel Verlag 1974.
12 Müller, Wilhelm: Mittelhochdeutsches Wörterbuch. S. Hirzel Verlag Stuttgart 1990.
6
Arbeit zitieren:
Veronika Luther, 2009, Das ängstliche Gender?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik: Das ängstliche Gender? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik: neuer Titel erschienen: Das ängstliche Gender?
Veronika Luther hat einen neuen Text hochgeladen
Von ängstlichen, traurigen und unruhigen Kindern
Grundlagen einer spirituellen ...
Henning Köhler
Rules for the Endgame: The World of the Nibelungenlied
The World of the "Nibelungenli...
William T. Whobrey, Jan-Dirk Muller
The Nibelungen Tradition: An Encyclopedia
Francis G. Gentry, Winder McConnell, Ulrich Mueller
German Epic Poetry: The Nibelungenlied, the Older Lay of Hildebrand, a...
Francis Gentry, Mark Werner, E. Sander
0 Kommentare