Inhalt
ABBILDUNGSVERZEICHNIS 6
DANKSAGUNG 8
VORWORT 10
1 EINLEITUNG 12
1.1 Fragestellung und Vorgehensweise 14
2 MIGRATION UND INTEGRATION 16
2.1 Die Arbeitsmigration in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg 17
2.2 Einwanderungsgeschichte der türkischen Bevölkerung 22
2.3 Integration als Begriff der Migrationsforschung 22
2.4 Das Integrationskonzept nach Esser 25
2.4.1 Systemintegration 25
2.4.2 Vier Bereiche sozialer Integration 26
2.4.3 Sozialintegration von Migranten 29
2.4.4 Systemintegration: Multiethnische Gesellschaft oder strukturelle Assimilation 31
2.4.5 Zusammenfassung 34
2.5 Systemintegration der türkischen Bevölkerung 35
2.6 Soziale Integration der türkischen Bevölkerung 39
2.6.1 Zusammenhang zwischen den Integrationsbereichen - Theorie und Realität 42
2.7 Zwischenfazit 44
3 SOZIALISATION 46
3.1 Theorien zur Sozialisation 49
3.1.1 Strukturfunktionalistischer und rollentheoretischer Ansatz 50
3.1.2 Entwicklungsbezogener, psychodynamischer Ansatz 52
3.1.3 Reflexiv-handlungstheoretischer Ansatz 54 3.1.4 Systemtheoretisch-ökologischer Ansatz 56 3.1.5 Zusammenfassung 60
3.2 Sozialisation in der Familie 61 3.2.1 Was ist eine Familie? 61 3.2.2 Familienspezifische Umwelt türkischer Jungen - sozio-ökonomische Daten 63 3.2.2.1 Erwerbstätigkeit und berufliche Stellung 64 3.2.2.2 Einkommen 65 3.2.2.3 Wohnsituation 65 3.2.2.4 Soziales Umfeld 67 3.2.2.5 Außerfamiliäre Anregungen 68 3.2.3 Innerfamiliäres Sozialisationsgeschehen in türkischen Familien 69 3.2.3.1 Erziehungsziele 69 3.2.3.2 Erziehungsstil 72 3.2.3.3 Sprache 74 3.2.4 Zusammenfassung 76
3.3 Sozialisation in der Schule 77 3.3.1 Funktionen der Schule 78 3.3.2 Rollenan-und Überforderung des Schülers 80 3.3.3 Bildungsabschlüsse türkischer Jugendlicher 81 3.3.4 Institutionelle Benachteiligung 83 3.3.4.1 Eintritt in die Grundschule 84 3.3.4.2 Überweisung auf eine Sonderschule 84 3.3.4.3 Übergang zu weiterführenden Schulen 85 3.3.4.4 Ebenen der institutionellen Diskriminierung 85 3.3.5 Verschlungene Bildungspfade 86 3.3.6 Zusammenfassung 88
3.4 Sozialisation und Geschlecht 90 3.4.1 Gleichberechtigte Verhältnisse oder traditionelle Geschlechtsrollen? 91 3.4.2 Freizeitaktivitäten 92 3.4.3 Mitschüler oder Türke? 94 3.4.4 Berufliche und private Lebensentwürfe 95 3.4.5 Trotziger Außenseiter, Familienmann oder Bildungsaufsteiger? 97 3.4.6 Zusammenfassung 100
4 FAZIT 103
5 LITERATUR 107
Abbildungsverzeichnis
ABBILDUNG 1: INTEGRATIONSBEREICHE NACH ESSER 29
ABBILDUNG 2: TYPEN DER SOZIALINTEGRATION VON MIGRANTEN UND ETHNISCHEN MINDERHEITEN (NACH ESSER 1999) 30
ABBILDUNG 3: DIE SYSTEMINTEGRATION DER GESELLSCHAFT UND DIE ASSIMILATION DER MIGRANTEN (ESSER 1999, S. 25) 32
ABBILDUNG 4: DIE SYSTEMINTEGRATION DER GESELLSCHAFT UND DIE ASSIMILATION DER MIGRANTEN (ESSER 1999, S. 26) 33
ABBILDUNG 5:AKKULTURATIONSINDEX IN DEUTSCHLAND 2008 (SAUER/HALM 2009, S. 111)) 40
ABBILDUNG 6: MITTELWERT UND MEDIAN NACH GENERATIONSZUGEHÖRIGKEIT 40
ABBILDUNG 7: MITTELWERT UND MEDIAN DES PLATZIERUNGSINDEX NACH GENERATIONSZUGEHÖRIGKEIT 40
ABBILDUNG 8: INTERAKTIONSINDEX IN DEUTSCHLAND 2008 41
ABBILDUNG 9: IDENTIFIKATIONSINDEX IN DEUTSCHLAND 2008 42
ABBILDUNG 10: SCHEMATISCHE DARSTELLUNG DER GEMESSENEN ZUSAMMENHÄNGE DER INTEGRATIONSBEREICHE IN DEUTSCHLAND 2008 42
ABBILDUNG 11: SCHEMATISCHE DARSTELLUNG DER GEMESSENEN ZUSAMMENHÄNGE DER INTEGRATIONSBEREICHE, NACHFOLGEGENERATION IN DEUTSCHLAND 2008 43
ABBILDUNG 12 - STRUKTURMODELL VON SOZIALISATIONSBEDINGUNGEN (N. TILLMANN 1989, IN ZIMMERMANN 2006, S. 16) 48
ABBILDUNG 13 - MEHREBENENMODELL DER SOZIALISATION (NACH BRONFENBRENNER 1981, AUS ZIMMERMANN 2006, S. 46) 57
ABBILDUNG 14 - FAMILIENSPEZIFISCHE UMWELT UND INNERFAMILIÄRES SOZIALISATIONSGESCHEHEN (ZIMMERMANN 2006, S. 94) 59
ABBILDUNG 15: RANGLISTE NACH ERZIEHUNGSZIELEN (SCHERBERGER IN USLUCAN 2007, S. 16) 71
ABBILDUNG 16 SCHULISCHE UND BERUFLICHE ABSCHLÜSSE (GRANATO/KALTER 1996 IN KRISTEN 2003) 82
ABBILDUNG 17 BILDUNGSABSCHLÜSSE DER 19-29 JÄHRIGEN (SAUER/HALM 2009) 83
Danksagung
Zuallererst möchte ich mich bei meiner Frau bedanken, die seit zwölf Jahren an meiner Seite steht und wie kein Anderer versteht, welche Anstrengungen und Rückschläge mich auf meiner langen Reise im Studium begleitet haben. Aber ebenfalls wie kein Zweiter hat sie nicht an mir und meinen Abschluss gezweifelt und genau diese Unterstützung ist es, welche ich hier an dieser herausgestellten Position hervorheben möchte - du siehst mich wirklich, auch ohne Licht! Dein Vertrauen ist es, was mich nicht aufhören ließ und v.a. dafür liebe ich Dich.
Ich möchte mich weiterhin meiner geliebten Schwester gegenüber dankbar zeigen, weil sie weiß, welche Hindernisse und Probleme einen nicht kaputtmachen müssen, sondern im Gegenteil Stärke und Selbstbewusstsein hervorbringen können. Danke dir vielmals für dein gelebtes Vorbild und sei es weiterhin für deinen Sohn und Mann.
Selbstverständlich dürfen hier zwei Menschen nicht fehlen, die es mit möglich gemacht haben, einerseits Vorbereitungen und Prüfungen absolvieren zu können, weil sie sich um meine Tochter kümmerten und andererseits die ein oder andere brenzlige Situation in Rauch auflösen ließen: meinen Schwiegereltern herzlichst zu Dank verpflichtet in der Hoffnung, sie noch ein ganzes Stück in meinem Leben dabei haben zu dürfen.
Meiner Tante väterlicherseits soll auch in diesem Rahmen nicht fehlen: Ohne Dich wäre ich heute nicht so häufig im Geburtsland meines Vaters gewesen und ohne Deine beste Freundin wäre ich womöglich heute ohne Abitur von der Schule gegangen. Dank an Dich und meiner gesamten türkischen Familie, die einen großen Teil in meinem Herzen einnimmt
Dann bleiben natürlich noch alle Freunde und Wegbegleiter auf der langen Strecke des Lehramtstudiums zu nennen. Da es hierfür aber nicht genug Platz gibt, soll hier jeder sich angesprochen fühlen, der diese Zeilen liest, denn ihr habt auf die eine oder andere Weise Einfluss auf mich gehabt und dafür gebührt euch gleichfalls mein Dank.
Es darf auch der Mensch nicht ungenannt bleiben, der mich erst auf die Idee gebracht hat, dieses Thema in einer Examensarbeit zu verarbeiten. Dank an Professor Dr. Tiedtke.
Für den Menschen, der mich erwachsen werden ließ und für den ich alles stehen und liegen lassen würde, verbleiben die letzten Zeilen. Meiner Tochter widme ich diese Arbeit, die zwar mit ihren fast drei Jahren erkennt, dass ich momentan im „Büro arbeite“, aber für die ich sehr gerne das Vorbild sein möchte, sich dem Druck nicht zu beugen, seinen Abschluss zu machen und vor allem anderen nie aufzuhören zu fragen: „Was ist das?“ - Ich liebe dich und bin glücklich das du mein Leben ausfüllst!
Vorwort
An einem Sommertag im Jahr 2007 war ich auf dem Weg zur Uni in Potsdam-Golm. Hier hatte ich vor, mir einen Seminarschein aus dem vergangenen Semester abzuholen. Bei dem Gespräch mit dem verantwortlichen Dozenten ergab sich das Thema der vorliegenden Arbeit. Der Professor fand es interessant, dass mein Nachname so gar nicht zur äußeren Erscheinung passen sollte. Daher fragte er auch folgerichtig, wie ein rotblonder junger Mann zu einem ausländisch klingenden Namen kommen kann. Ich erzählte die Geschichte meines früh verstorbenen Vaters, der meine deutsche Mutter nach erheblichem Widerstand seiner türkischen Eltern heiratete. Wenn man so will, war ich ein Nachkomme der dritten Generation türkischer Gastarbeiter, ohne es jedoch bewusst zu erkennen. Im Laufe der Jahre intensivierte sich das Verhältnis zu meinen Großeltern und v.a. die Beziehung zur Schwester meines Vaters erinnerte mich daran, türkische Wurzeln zu haben. Doch im alltäglichen Leben wurde mir meine Teilherkunft oft nicht bewusst. Obwohl ich einen türkischen Nachnamen besaß, kam ich mir nie anders vor. Wahrscheinlich hatte dies mit den Umständen zu tun, das ich zum einen nicht türkisch aussah (was auch immer das heißen mag) und zum anderen viel in der deutschen und wenig mit der türkischen Bevölkerung Zeit verbrachte hatte. Mit anderen Worten hatte ich mich bisher kaum mit meiner Herkunft auseinandergesetzt bzw. war mir dessen gar nicht bewusst.
Doch in diesem Sommer sollte ich noch zwei weitere und entscheidende Erlebnisse machen dürfen. Zuerst war ich im Begriff zu heiraten und in dem Moment, als ich die dafür erforderliche Geburtsurkunde in den Händen hielt, interessierte mich auf einmal, woher mein Vater kam und wie er gelebt hatte. Danach folgte die Geburt meiner Tochter und nun musste ich anerkennen, welche Verantwortung man als Vater trägt und diese Erkenntnis brachte mich zu weiteren Überlegungen in Bezug auf den Teil der Familie, dem ich bisher eigentlich nie richtig Gehör geschenkt hatte. Wie es wohl für meine Oma und meinen Opa gewesen sein mag, als eine der ersten Gastarbeiter nach Deutschland zu kommen, ihren ältesten Sohn (mein Vater) nachzuholen, ihn früh zu verlieren und mit den verbliebenen zwei Kindern und der Schwiegertochter mit ihren beiden Enkelkindern zu leben.
Kurz gesagt, bot sich mir die Gelegenheit, einen Teil meiner Identität in Form einer Hausarbeit aufzuarbeiten, mit dem ich mich bis dahin nicht auseinandersetzen wollte oder konnte. Wie vollzog sich Migration türkischer Einwanderer nach Deutschland, mit welchen Hürden hatten sie zu kämpfen und welche Schwierigkeiten zeigen sich nun bei der Sozialisation türkischer Jungen? Diese Fragen waren Anlass genug, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und die vorliegende Arbeit ist das Ergebnis dieses Arbeitsprozesses.
1 Einleitung
„Man muss aufhören, von ‚den’ Migranten zu reden. Wir müssen uns einmal die unterschiedlichen Migrantengruppen anschauen. Die Vietnamesen: Die Eltern können kaum Deutsch, verkaufen Zigaretten oder haben einen Kiosk. Die Vietnamesen der zweiten Generation haben dann durchweg bessere Schulnoten und höhere Abiturientenquoten als die Deutschen. Die Osteuropäer, Ukrainer, Weißrussen, Polen, Russen weisen tendenziell dasselbe Ergebnis auf. Sie sind integrationswillig, passen sich schnell an und haben überdurchschnittliche akademische Erfolge. Die Deutschrussen haben große Probleme in der ersten, teilweise auch der zweiten Generation, danach läuft es wie am Schnürchen, weil sie noch eine altdeutsche Arbeitsauffassung haben. Sobald die Sprachhindernisse weg sind, haben sie höhere Abiturienten- und Studentenanteile usw. als andere. Bei den Ostasiaten, Chinesen und Indern ist es dasselbe. Bei den Kerngruppen der Jugoslawen sieht man dann schon eher ‚türkische’ Probleme; absolut abfallend sind die türkische Gruppe und die Araber. Auch in der dritten Generation haben sehr viele keine vernünftigen Deutschkenntnisse, viele gar keinen Schulabschluss, und nur ein kleiner Teil schafft es bis zum Abitur.“ (Sarrazin/Berberich 2009, S.200)
Der ehemalige Finanzsenator Berlins Thilo Sarrazin, der heute Mitglied im Vorstand der Bundesbank ist, gab im September 2009 der Zeitschrift Lettre International 1 ein Interview zum Wandel Berlins anlässlich des 20-jährigen Mauerfalls. Doch ist es weniger ein Interview, denn eine mündliche Abhandlung, in der Sarrazin u.a. auf die ihm eigene Art und Weise über ein Bildungs- und Integrationsproblem von Türken der zweiten und dritten Generation spricht. Der in der Hauptstadt und mittlerweile auch bundesweit als scharfzüngig und politisch nicht immer korrekt formulierend bekannte SPD-Politiker artikuliert in diesem Interview überspitzt ein öffentlich nicht offen ausgesprochenes, aber doch zumindest in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft verfestigtes Bild 2 . Ein Bild, das von Türken geprägt ist, welche in der Mehrzahl zur bildungsfernen ethnischen (Unter-) Schicht gehören und die damit kaum in der Lage
1 Lettre International ist eine vierteljährlich erscheinende, europäische Kulturzeitung, die als
intellektuell anspruchsvolle Lektüre angesehen wird
2 Das zeigt eine aktuelle Umfrage durch das Meinungsforschungsinstitut Emnid, welche eine
Zustimmung der Bevölkerung zu Sarrazins Äußerungen mit 51% angibt (Gauland, Tagesspiegel v.
19.10.09, S.8)
sind, gesellschaftliche Anforderungen in Deutschland zu erfüllen, geschweige denn als hoffnungsvoller Wachstumsfaktor für den demografischen Wandel unserer Gesellschaft angesehen werden können. Unterstützung für seine Thesen erhielt Sarrazin - ebenso wie starken Widerspruch 3 bis hin zu Rücktrittsforderungen - von nicht wenigen als intellektuell geltende Personen 4 , die das politisch Unaussprechliche nun endlich einmal formuliert, benannt und somit das allseits bekannte Bildungs- und Integrationsproblem der Türken auf den Tisch der Allgemeinheit gebracht sahen.
Fernab von Sarrazin´scher Rhetorik - die integrationswillige Türken und erfolgreiche Bildungskarrieren von Arabern nicht vorsieht, sondern ein Schreckgespenst aufbaut, welches ein zukünftiges Deutschland vorhersagt, das von Türken „erobert“ wird, die „ständig neue kleine Kopftuchmädchen produzier[en]“ (Sarrazin/Berberich 2009, S. 200 f.), somit durch eine höhere Geburtenanzahl die Deutschen verdrängen und sich zudem nicht um die Ausbildung ihrer Kinder bemühen - liefert das viel-zitierte Interview Anknüpfungspunkte, die unter soziologischer und pädagogischer Sicht näher betrachtet werden sollten. Denn es scheint recht einfach zu sein, eine Mehrheitsmeinung gegenüber Minderheiten aufzubauen bzw. diese zu untermauern, wenn man die hohen Zustimmungswerte aus der Bevölkerung berücksichtigt. Jedoch sollte sich ein (vermeintlich) kluger Mensch wie Thilo Sarrazin - ebenso wie alle anderen Angehörigen einer aufgeklärten Gesellschaft - in seiner Argumentation nicht Pauschalzuschreibungen und Alltagsbeobachtungen bedienen. Ebenfalls müsste ein der Oberschicht angehöriger Banker und ehemaliger Hauptstadtpolitiker
verantwortungsvoller mit seinen Aussagen umgehen, denn nicht jedem Menschen scheint bewusst zu sein, dass eine (wie Sarrazin behauptet) 40-prozentige Geburtenrate in der sozialen Unterschicht keine Gesellschaft zwangsläufig in die allgemeine
3 Stellvertretend für den Widerspruch stehen: Barbara John (Vorsitzende der Bundes-
Diskriminierungsstelle), für die Sarazzin ziemlich nah am Rassismus wandelt (vgl. morgenpost.de,
08.10.09), Stephan Kramer (Generalsekretär des Zentralrats der Juden), der ihn mit Hitler auf eine
Stufe stellt (vgl. tagesspiegel.de, 10.10.09) und Cem Özdemir (Vorsitzender der Grünen), der beim
Ex-Finanzsenator ein „sozialdarwinistische[s] Weltbild“ ausmacht, das ihn zu vorgefertigten
Meinungen über Menschen verschiedener Kulturen verleitet (tagesspiegel.de, 11.10.09)
4 Hier seien nur einige Befürworter genannt: Henryk M. Broder (Publizist), dem die Kritik Sarrazins
nicht weit genug gehe, der aber sonst die Schilderung der Berliner Situation als real ansieht(vgl.
welt.de, 8.10.09), Ralph Giardano (Schriftsteller), der nicht dieselben Worte gewählt hätte, jedoch
„Sarrazin […] mit dem, was er gesagt hat, vollkommen recht“ gibt (focus.de, 06.10.09 ) und Heinz
Buschkowsky (SPD-Bürgermeister von Berlin-Neukölln), welcher besonders den analytischen Teil
zur Integrationsproblematik von Sarazzins Ausführungen würdigt, nur mit den empirisch genannten
Prozentzahlen nicht mitgehen würde (vgl. morgenpost.de, 08.10.09).
Verdummung führt. Jedenfalls dann nicht, wenn der Anspruch des deutschen Schulsystems allen Kindern gerechte Zugänge auf Bildungsangebote anzubieten aufrecht erhalten wird und die Menschen in der Gesellschaft darin eine Chance für ihre Zukunft sehen. Es scheint in den Jahren seit der ersten Anwerbung von Arbeitsmigranten keine oder zumindest keine fruchtbare öffentliche
Auseinandersetzung mit den Folgen von Migration gegeben zu haben. Zu tief sind die Gräben, in denen sich auf der einen Seite die Menschen begeben, die Sarrazin Rassismus und Volksverhetzung vorwerfen und auf der anderen Seite sich diejenigen positionieren, die durch Sarrazin den vermeintlichen Konsens der Allgemeinheit ausgesprochen sehen. Dabei wird von beiden Seiten aus übersehen, dass die absichtlich oder unabsichtlich von der Bildung Ausgeschlossenen von keiner der beiden Seiten profitieren können, wenn weiterhin das allgemein diagnostizierte Migrationsproblem entweder auf der Migrantenseite oder aber auf der Mehrheitsseite verortet wird. Nimmt man die Tatsache ernst, dass Migration in Deutschland selbstverständlich ist und auch weiterhin sein wird, dann ist erfolgreiche Integration eine Grundbedingung und somit Grundaufgabe für alle, die künftig in einer Gesellschaft leben wollen, welche ihren Kindern ein Recht auf Bildung und Schutz vor Gewalt bieten will.
1.1 Fragestellung und Vorgehensweise
Die Fragen, die Sarrazin´s Interview zweifellos aufgeworfen, durch verschiedene Medien weitergetragen und zu einer regen Diskussion in allen Gesellschaftsschichten geführt haben, sollen nachfolgend in dieser Arbeit differenziert betrachtet werden, auch wenn sie nicht als entscheidender Ausgangspunkt für das Thema der Arbeit angesehen werden können (siehe Vorwort).
Steht es erstens um Deutschlands Integrationsbemühungen, den dazugehörigen Angeboten sowie deren Nutzung seitens ethnischer Minderheiten wirklich so schlecht, so dass sich die Hälfte der Bevölkerung der Meinung Sarrazins anschließt, nach der türkischstämmige (und arabischstämmige) Menschen weder integrationsfähig noch integrationswillig sind? Stimmt es zum zweiten weiterhin, dass Türken unterdurchschnittliche Bildungserfolge erzielen, wenn sie mit deutschen Schülern oder aber anderen Migrantengruppen verglichen werden? Und drittens: Welche Erfolge und
Versäumnisse kann die Integration in Deutschland vorweisen, welche Bedingungen finden Migranten im Bildungssystem vor und welchen Benachteiligungen sehen sie sich ausgesetzt?
Diese drei zentralen Fragen sollen als Leitfaden dienen, an dem sich die vorliegende Arbeit orientiert. Zur Klärung der Ausgangsfragen, ob es tatsächlich nur integrationsunwillige Türken gibt, die in bildungsfernen Familien der Unterschicht aufwachsen, in denen besonders die Jungen negativ auffällig im (Nicht-)Erwerb von Bildungsabschlüssen erscheinen und die kaum erfolgreiche Bildungsbürger hervorbringen, möchte ich folgendermaßen vorgehen. Kapitel zwei werde ich dafür nutzen, Migration und Integration als bedeutsamen Zusammenhang für die Situtation türkischer Einwanderer in Deutschland darzulegen. Hier wird ein Integrationskonzept ausführlich vorgestellt, mit dessen Hilfe und anhand empirischer Daten gezeigt wird, wie und ob die türkische Bevölkerung in die Bundesrepublik integriert ist. Der dritte Abschnitt bildet den Kern dieser Arbeit. Er handelt daher von der Familie und Schule, aber v.a. von den Bedingungen der Sozialisation türkischer Jungen. Ausgehend von soziologischen Theorielinien, die jeweils verkürzt erläutert werden, versuche ich mithilfe empirischer Daten und wissenschaftlicher Beiträge einen differenzierten Blickwinkel zur Sozialisation türkischer Jungen einzunehmen. Am Ende der jeweiligen Teilabschnitte fasst ein Resümee die Zusammenhänge jeweils zusammen, die sich dann am Ende der Arbeit im vierten Kapitel zu einem Fazit bündeln lassen. Hier soll aus den vorher gesammelten Informationen gefolgert werden, wie sich die Sozialisation türkischer Jungen auf einen (Miss-)Erfolg im deutschen Schulsystem auswirkt und wie dieser gedeutet werden kann.
2 Migration und Integration
Die Wanderung von Menschen in- und außerhalb von Landesgrenzen scheint ein Vorgang zu sein, den es immer schon gegeben hat. Seit Beginn der Menschheitsgeschichte lassen sich Migrationsbewegungen 5 beobachten. Diese Feststellung ist einerseits wohl kaum infrage zu stellen, andererseits aber sagt sie überhaupt nichts darüber aus, welche Gründe Menschen zu entbehrungsreichen Anstrengungen veranlassen, um ihren Lebensmittelpunkt in ein anderes Land zu verlegen. Migration, wie sie heute in Deutschland verstanden wird, ist im historischen Kontext ein ziemlich neues Phänomen. Seit der Zeit, in der Nationalstaaten gebildet und die Industrialisierung kapitalistisch vorangetrieben wurden, gibt es sogenannte moderne Systeme, die eine Wanderung von Menschen im Sinne der Aufnahmegesellschaft bewusst steuern (vgl. Auernheimer 2007, S. 16). Vor der industriellen Revolution waren erhebliche Wanderungsbewegungen in der Siedlungs- und Fluchtmigration zu beobachten. Beispiele für Siedlungsmigranten sind die Auswanderer, die in der Neuzeit in Amerika ein neues Leben zu beginnen hofften. Oder aber die „von merkantilistisch orientierten Herrschern, …, geförderten Migrationen“ (Auernheimer 2007, S.16), die Neuland erschließbar machte und Grenzen sichern half. Fluchtbewegungen waren v.a. durch religiöse Konflikte seit dem 16. Jahrhundert gekennzeichnet. Als Beispiel dienen hier die aus Frankreich vertriebenen Hugenotten, die wegen ihrer handwerklichen Fähigkeiten gern u.a. in Preußen aufgenommen wurden. Bis zur Französischen Revolution lösten religiöse Verfolgungen Flucht aus, danach sind es politisch Verfolgte und Menschen, die wegen Bürgerkriegen aus ihren Heimatländer fliehen. Einen weiteren großen Flüchtlingsstrom erlebte Europa während des Ersten und v.a. Zweiten Weltkriegs. Das Hitler-Regime trug aufgrund seines Angriffskriegs und v.a. durch seine ethnischen „Säuberungen“ erheblich dazu bei, dass Europa sich politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich in einer desolaten Lage befand. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges, in dem Millionen von Menschen aus den besetzten Gebietern deportiert und zwangsweise an der Kriegswirtschaft mitgewirkt hatten, führt eine für
5 Migration entstammt dem Lateinischen „migrare“ und bedeutet Wanderung. Verwendet wird das
Wort heute als soziologischer Begriff, der damit alle Formen räumlicher Mobilität von Individuen,
Gruppen, Minderheiten und Volksteilen meint (vgl. Schubert/Klein 2006)
die Bundesrepublik Deutschland bis dahin einzigartige Maßnahme zur heutigen Integrationsproblematik: Das „Wirtschaftswunder“ veranlasst die Bundesrepublik dazu, Menschen verschiedener Herkunft vorübergehend als „Gastarbeiter“ anzuwerben.
Mit der Debatte um Migration verknüpft ist die Frage nach der Integration der Eingewanderten. Daher werde ich nun den Bewusstseinswandel der Bundesrepublik zum Einwanderungsland darstellen, folgend die Einwanderung der türkischen Bevölkerung in Deutschland, um darzulegen, in welchem Rahmen Integration in Deutschland zu betrachten ist. Anschließend möchte ich das Konzept von Hartmut Esser vorstellen, das hinreichende und hilfreiche Orientierung anbietet, wie Integration in Deutschland aussehen kann.
2.1 Die Arbeitsmigration in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg
Deutschland hat sich seit dem 19. Jahrhundert von einem Auswanderungs- zu einem Einwanderungsland entwickelt. Diesen Wandel vollzog die junge Bundesrepublik durch die Integration von 13 Millionen Vertriebenen aus dem Zweiten Weltkrieg und anschließend durch Anwerbung ausländischer Arbeiter in den Jahren von 1955- 1973.Die als „Gastarbeiter“ bezeichneten Arbeitsmigranten, denen 1955 die ersten befristeten Arbeitsverträge vorgelegt wurden, kamen hauptsächlich aus der Mittelmeerregion 6 . Sie wurden mit dem Ziel angeworben, den Arbeitskräftemangel in bestimmten Industriezweigen auszugleichen. Überwiegend handelte es sich um junge, männliche Arbeitsmigranten, die ohne Familienangehörige in Sammelunterkünften zusammenlebten und in Stellen eingesetzt wurden, die von den zunehmend anspruchsvollen einheimischen Arbeitern nicht mehr besetzt werden konnten. Dem Gastarbeiter kam auf dem deutschen Arbeitsmarkt eine besondere Aufgabe zu: Er sollte eine Ersatz-, Puffer- und Erweiterungsfunktion einnehmen, durch die man flexibel auf die jeweilige wirtschaftliche Situation reagieren konnte. Daher ging man auch davon aus, dass die einseitig gedachte Rotation - der
6 Italien (1955), Spanien und Griechenland (1960) und später auch mit der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968)
Arbeitsmigrant hält sich nur temporär in Deutschland auf und kehrt nach erledigter Arbeit wieder in seine Heimat zurück - für beide Seiten zufriedenstellend sein würde. Das Rotationsprinzip verlief jedoch nicht wie erhofft. Auch wenn infolge von wirtschaftlichen Abschwüngen zeitweise weniger Arbeiter benötigt wurden, verlängerte sich insgesamt die Aufenthaltsdauer der Gastarbeiter zunehmend, was den Nachzug von Familienangehörigen nach sich zog. Dieser Schritt führte zu ersten Ansiedlungstendenzen und sozialen Veränderungen, die eine lange Zeit politisch nicht beachtet wurden. Im Jahr 1973 beendete der von der damaligen Regierung erlassene Anwerbestopp, den staatlich organisierten Zuzug von Arbeitsmigranten (vgl. Reißlandt 2005).
Eine zweite Phase der Migration in die Bundesrepublik markiert der Zuzug von Ehegatten und Kindern der Gastarbeiter. Für Familien, die sich für eine dauerhafte Niederlassung in Deutschland entschieden, ergab sich durch die Zuzugs- bzw. Aufenthaltsgenehmigung eine rechtliche Grundlage zur familiären
Zusammenführung. Da die Rückkehrmöglichkeit nach Deutschland für Arbeitsmigranten durch den Anwerbestopp nicht mehr gegeben war (man blieb also im Land), lag der Familiennachzug auf der Hand, der damit aber auch den einzigen legalen Weg von Zuwanderung darstellte. Mit Aussicht auf eine angekündigte, verbesserte Eingliederungspolitik erhofften sich nun Migrantenfamilien eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder. Dieser als „Phase der Konsolidierung von Auslandsbeschäftigung“ (Reißlandt 2005) bezeichnete zweite Abschnitt in der Zuwanderungspolitik festigt die bestehenden Arbeitsmarktstrukturen, lässt aber auch die bevorstehenden Probleme erahnen. Die rechtliche Sicherheit für den Verbleib der ausländischen Familien stand auf wackligen Beinen, da die Aufenthaltsgenehmigung alles andere als einen sicheren Verbleibstatus gewährleistete - sie konnte jederzeit widerrufen werden. Mit dem Eingliederungsvorgang der Migrantenkinder in die deutsche Schule - in den 1970er Jahren wurden spezielle Förder- und Ausländerklassen eingerichtet - beginnt die bis heute anhaltende Diskussion um Integration von Migranten. Hier liegt damit auch der Ursprung verschiedener Konzepte zur Integration von Migranten in Deutschland.
1979 legt der erste Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Heinz Kuhn (SPD), ein Arbeitspapier vor, in dem u.a. die Anerkennung der Einwanderungssituation und die damit verbundene Herstellung von Gleichberechtigung für die zweite Generation in Bildung, Arbeit und Wohnen gefordert wird. Zudem wird von Kuhn vorgeschlagen, die politische Teilhabe der Migranten durch kommunales Wahlrecht und v.a. den Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft für hier geborene ausländische Kinder zu fördern. In der öffentlichen Debatte der damaligen Bundesregierung fanden die Vorschläge von Heinz Kuhn kaum Gehör. Es wurde um das Jahr 1980 herum schon an der Integrationswilligkeit der Zugewanderten gezweifelt. Zudem waren alle von der Bundesregierung auf soziale Integration abzielenden Beschlüsse von vorübergehender Bedeutung und eine den Kommunen überlassene Integrationspolitik verhinderte ein koordiniertes Vorgehen in der Integrationsförderung.
Die 1980er Jahre sind an ihrem Ende von einer Wende in der Ausländerpolitik geprägt. Zu Beginn aber verengt weiterer Zuzug von Gastarbeiterfamilien, sowie vermehrt Asylsuchende bei gleichzeitig wachsender Arbeitslosigkeit die Debatte um die Integrationssituation zu einem „Ausländerproblem“. Die Regierung unter Helmut Kohl nahm 1982 die von ihrem Vorgänger vorgebrachten Maßnahmen in ein „Dringlichkeitsprogramm“ auf, deren zentrales Anliegen es war, massiv die Rückkehrabsichten der angeworbenen Arbeiter und ihre Familien zu fördern. Aber ebenfalls nahm sich das neu geschaffene Gestaltungsfeld vor, die Angebote zur Integration für hier lebende Migranten zu erweitern. Ein zu dieser Zeit oft angesprochenes, aber nicht verwirklichtes Ausländergesetz fand erst im Frühjahr 1990 eine parlamentarische Mehrheit. Erstmalig bot das neue Ausländergesetz Menschen mit ausländischem Pass einen gesicherten Einwanderungsstatus. Des Weiteren ergab sich daraus für hier aufgewachsene Jugendliche die erleichterte Einbürgerung. Doch mit dem neuen Gesetz wurden gleichzeitig die Ausweisungsmöglichkeiten verschärft, sowie Widersprüche produziert: Es gab Zulassungen weiterer Anwerbung von Arbeitskräften bei bestehendem Anwerbestopp. Damit hielt die Bundesregierung den Schein aufrecht, dass Deutschland weiterhin kein Einwanderungsland sei.
Als im Jahr 1991 das neue Ausländergesetz wirksam wurde, sah sich die Bundesrepublik einem neuen Zustrom von Migranten ausgesetzt. Nach dem Fall der Mauer und der Grenzöffnung einiger Ostblockstaaten waren es zunächst Aussiedler der ehemaligen Sowjetunion, dann Asylsuchende aus Asien und Afrika und später Flüchtlinge des Bürgerkriegs in Jugoslawien, die Zuflucht in Deutschland suchten. Während in den neuen Bundesländern vormals überwiegend aus Vietnam angeworbene Arbeitsmigranten wegen unsicherer Aufenthaltsverhältnisse in ihre Heimat zurückkehrten, zeigte sich in den alten Ländern eine zunehmende Widersprüchlichkeit zwischen der langen Aufenthaltsdauer von Migranten und der Erlangung der deutschen Staatsangehörigkeit unter strengen Auflagen, insbesondere für die zweite Generation. Hier ist die Ursache für den vergleichsweisen hohen Anteil von Nicht-Deutschen in der Gesamtbevölkerung zu finden, wenn man die Integrationspolitik mit anderen Einwanderungsländern vergleicht. Kennzeichnend bleibt weiterhin, dass die Bundesrepublik verneint ein Einwanderungsland zu sein. Unabhängig davon bildeten sich pragmatische Integrationsbemühungen in der Praxis heraus, wobei hier das „Manifest der 60“ heraussticht, welches aus Wissenschaftlern bestand, die sich um die politische Gestaltung der Migration sorgten und die umfassende Ausgestaltung eines Integrationsgesetztes anstrebten. Unterstützt von Bürgern gelangen dem Zusammenschluss einige kleinere migrationspolitische Erfolge, wie die Ergänzung des Ausländergesetzes zur erleichterten Einbürgerung. Grundlegende Veränderungen in der
Integrationsdiskussion wurden aber auch zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorgenommen.
Mit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts vom 1. Januar 2000, das von Innenminister Otto Schily vorgelegt wurde, nahm die Anerkennung der Einwanderersituation einen weiteren Schritt. Der bis dahin vereinfachte, paradoxe Grundgedanke, „Deutscher könne man zwar sein, aber nicht werden“ (Reißlandt 2005) brach mit „ethnonationalen Vorstellungen“ (ebd.) und offerierte damit ab dem 1. Januar 2000 in Deutschland geborenen Kindern die Möglichkeit per Geburt die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen. Doch auch dieses Gesetz beinhaltete Einschränkungen darin, dass die Kinder sowohl die deutsche als auch die Staatsangehörigkeit ihrer Eltern erwerben, sich jedoch bis zum Alter von 23 Jahren
für eine entscheiden müssen. Erleichtert wurde den hier lebenden Migranten die Einbürgerung, die sie nun nach acht und nicht nach fünfzehn Jahren Aufenthalt in Deutschland erlangen können. Mit der in die Öffentlichkeit gelangten Einsicht, nach der die deutsche Gesellschaft einem demografischen Wandel unterliegt, der es notwendig macht, Zuwanderung zu fördern, wolle man die bestehenden ökonomischen und sozialen Verhältnisse aufrechterhalten, gewinnt nun auch die seit zwanzig Jahren geforderte aktive Integrationspolitik 7 an Bedeutung. Unter der Leitung von Rita Süßmuth (CDU) empfahl eine eigens gegründete Kommission die aus wirtschaftlichen und demografischen Gründen nötige Umorientierung der Integrationspolitik. Unter dem Stichwort „Fördern und Fordern“ sollten neue Arbeiter nach bestimmten Auswahlkriterien (Alter, Sprache, Ausbildung) angeworben und ihnen Hilfen in Form von Sprach- und Orientierungskursen angeboten werden. In ihrem Abschlussbericht fasst ein Absatz die bisherige Integrationspolitik und den Sinneswandel der Bundesregierung ziemlich kurz und einprägsam zusammen:
„Die jahrzehntelang vertretene politische und normative Festlegung 'Deutschland ist kein Einwanderungsland' ist aus heutiger Sicht als Maxime für eine deutsche Zuwanderungs- und Integrationspolitik unhaltbar geworden. Denn eine solche Maxime würde verhindern, dass weitreichende politische Konzepte für dieses zentrale Politikfeld entwickelt werden. [...] Die Kommission stellt fest, dass Deutschland - übrigens nicht zum ersten Mal - ein Einwanderungsland geworden ist." (Süßmuth-Kommission 2000 zit. nach Reißlandt 2005)
Ein Bericht des Zuwanderungsrates mit dem Entwurf eines Gesetzes zur Zuwanderung, welches 2005 in Kraft tritt, markiert den vorläufigen Höhepunkt einer Integrationspolitik, die sich „von einer eher reaktiven zu einer aktiven und planvollen Gestaltung von Migration und Integration als zentralen Aufgaben der Wirtschafts-, Gesellschafts- und Kulturpolitik“ (Reißlandt 2005) in den letzten 30 Jahren gewandelt hat.
7 Das Amt des „Beauftragten für die Integration ausländischer Arbeitnehmer und ihrer
Familienangehörigen“ heißt heute „Beauftragte(r) für Migration, Flüchtlinge und Integration" und hat
seit seiner Einführung eine deutliche Aufwertung erfahren. Angela Merkel siedelte das Amt der
Beauftragten im Bundeskanzleramt an und erhob Prof. Dr. Maria Böhmer als neue Beauftragte in den
Rang einer Staatsministerin (www.bundesregierung.de 2010)
2.2 Einwanderungsgeschichte der türkischen Bevölkerung
Heute leben ungefähr acht Millionen Menschen in der Bundesrepublik, die gern mit dem Attribut Migrationshintergrund belegt werden, wobei mittlerweile 1,59 Millionen (das sind 21,7 %) nicht nach Deutschland eingewandert sind, sondern hier geboren wurden (BEAUFTRAGTE DER BUNDESREGIERUNG FÜR AUSLÄNDERFRAGEN 2000). Die größte und dabei besonders auffällige Gruppe stellt die Bevölkerung türkischer Herkunft dar.
Im Jahr 1961 schließt die Bundesrepublik ein Anwerbeabkommen mit der Türkei, jedoch ist die erste Welle von Arbeitern aus der Türkei mit 156000 Zuwanderungen im Vergleich zu den Jahren 1968-1973 gering. In dieser zweiten Phase steigt die türkische Bevölkerung zur zahlenmäßig größten Ausländergruppe auf. Es wird davon ausgegangen, dass es 704000 weitere Zuwanderungen aus der Türkei gegeben hat. In den Folgejahren bis 1980 verändert sich die Zusammensetzung innerhalb der türkischen Bevölkerung in Deutschland aufgrund des Anwerbestopps. Wanderten vorher hauptsächlich junge Männer ein, trägt der Familiennachzug erheblich dazu bei, dass Deutschland einen Wanderungsüberschuss von 290000 Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit verzeichnen konnte (vgl. Hupka 2002, S. 40).
Migrierten türkische Staatsangehörige der Arbeit wegen nach Deutschland, ist seit Beginn der 1980er Jahre die Suche nach Asyl der Hauptgrund für die Einwanderung. 58000 Türken verlassen nach einem Militärputsch ihr Land und rund 20000 tun dies noch bis zum Ende der 1980er Jahre. Ab dem Jahr 1986 wandern rund 30000 Menschen türkischer Herkunft jedes Jahr nach Deutschland ein, bis sich diese Zahl Mitte der Neunziger reduziert. Aktuell wandern inzwischen mehr Türken aus (40000), als nach Deutschland einwandern (30000) (vgl. Steinvorth 2010).
2.3 Integration als Begriff der Migrationsforschung
Denkt man an das Wort Integration, scheint sich die Bedeutung dieses Begriffes ziemlich schnell im Bewusstsein einzustellen. Umgangssprachlich formuliert könnte man Integration leicht als Einfügen eines (neuen) Elements zum Bestehenden
betrachten. Abgeleitet von seiner lateinischen Herkunft integratio bedeutet Integration soviel wie ein Ganzes (wieder) herstellen. Synonym verwendet werden die Begriffe Einbeziehung, Verschmelzung, Einbindung oder Zusammenführung (vgl. digitales Wörterbuch DWDS). Es ist - auch wegen seiner vielfachen Verwendung im mathematischen, sprachwissenschaftlichen, geschichtlichen und politischen Sinne - daher nicht ganz einfach, eine exakte und eindeutige Verwendung des Begriffs in Bezug auf die gesellschaftliche Einbindung von Menschen in ein bestehendes soziales System vorzunehmen.
In der Soziologie hat der Begriff der Integration eine lange Tradition. Bereits in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts entstand in den USA eine Migrationsforschung, die maßgeblich auf Robert Ezra Park zurückzuführen ist. Ohne auf Park und seine für die heutige Migrationsforschung prägenden Leistungen genau eingehen zu wollen, möchte ich anführen, dass hier die Wurzeln für die Diskussion um eine Integration von Zugewanderten liegen. Sein Wirken soll daher kurz dargestellt werden.
Nach seinem Philosophie-Studium beschäftigte Park die Frage, wie sich fremde Gruppen (die nun freie schwarze Bevölkerung und neue Einwanderer aus Ost- und Südeuropa) in die amerikanische Gesellschaft integrieren ließen. Zu seinen erwähnenswerten Erkenntnissen, die zu Wendepunkten in den Denkweisen der Wissenschaft führten, muss man sicherlich die Abkehr von biologischdeterministischen Erklärungsversuchen interethnischer Differenzen - die den Blick für soziale Bedeutungszuschreibungen weitet - ebenso zählen, wie eine Denkfigur, die sich bis heute in der Integrationsproblematik wiederfinden lässt: der Unterschied zwischen Familie und Gesellschaft. Weil sich die primäre Sozialisation in der Familie vollzieht und diese sich sehr von den Werten und Normen der Aufnahmegesellschaft unterscheiden kann, haben Einwandererfamilien und v.a. deren Kinder (die sog. zweite Generation) so erhebliche Probleme in der Mehrheitsgesellschaft. Da sich aus diesem Umstand heraus kulturelle Defizite, wie Park sie nennt, aufseiten der Einwanderer ergeben haben und diese sich erst in einem langwierigen Prozess abtragen, trägt der moderne Staat eine wichtige Verantwortung. Nämlich die Aufgabe, „einen friedlichen Rahmen für das Zusammenleben unterschiedlichster gesellschaftlicher Gruppen zu schaffen“ (Park 1950k, p. 191, zit. n. Hupka). Als Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben
in einer heterogenen Gesellschaft sieht Park die Notwendigkeit einer Vereinheitlichung der Bevölkerung. Würde es also zu wenig bis gar nicht assimilierten Gruppen in der Gesellschaft kommen, bestünde erhebliche Gefahr für den Zusammenhalt. Um Einheit und Stabilität zu erreichen, ist also Homogenität notwendig, womit der Integrationsgedanke durch eine Forderung nach Assimilation ersetzt wird (vgl. Hupka 2002, S. 25).
Die hier stark verkürzt dargelegte Wirkungsweise von Robert Ezra Park auf die Migrationsforschung hat zu verschiedenen Integrationskonzepten geführt. Der Begriff der Integration wurde lange Zeit „in der soziologischen Theorielinie des Strukturfunktionalismus, die […] maßgeblich (auf) Talcott Parsons (1951) zurückgeht“ (Diehm/Radtke 1999, S. 163) mit den Begriffen Funktionalität, Stabilität und Konsens zusammen verwendet, um Kontinuität und Bestandserhalt sozialer Systeme zu beschreiben und zu untersuchen. Grob kann man davon sprechen, dass sich diese Theorie damit auseinandersetzt, wie arbeitsteilig verfahrende und funktional differenzierte Gesellschaften trotz konkurrierender Interessen zusammengehalten werden. Und wie Menschen trotz aller Unterschiedlichkeit in diese Gesellschaften eingebunden werden, so dass diese als Ganzes weiterhin funktionsfähig bleiben. Als Ergebnis dieser Theorie strukturfunktionalistischen Denkens steht die einseitige Anpassung der Einwanderer an die bestehenden Werte der aufnehmenden Gesellschaft. Der zentrale Begriff hierfür ist die Assimilation, die einen „Endpunkt individueller Anpassungs- und Identifikationsleitungen, die alle Zuwanderer selbst zu erbringen haben“ (Diehm/Radtke 1999, S. 165), markiert. In diesem Zustand vollständiger Angleichung, der durchaus längere Zeit in Anspruch nehmen kann, gelingt es den Zugewanderten die gesellschaftlichen Herausforderungen in den dafür vorgesehenen Mustern zu bewältigen. Jedoch ist anzumerken, dass die Verantwortung für eine relativ spannungsfreie Neuzusammensetzung der Gesellschaft an die Einwanderer als Anpassungsforderung abgegeben wird.
Hartmut Esser (1980) steht mit seinem Integrationskonzept in eben dieser Tradition von Talcott Parsons Anpassungsvorstellung, die Einwanderer in modernen, arbeitsteilig organisierten Gesellschaften zu leisten haben. Er geht davon aus, dass Integration in Gesellschaft grundsätzlich möglich ist. Im Gegensatz zu Niklas
Arbeit zitieren:
Stephan Çakir, 2010, Sozialisation türkischer Jungen und ihr (Miss-)Erfolg im deutschen Schulsystem, München, GRIN Verlag GmbH
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