Vorwort 2
Inhalt
Vorwort 5
Einleitung 7
1 Kindheit im Wandel - Aktualität und Bedarf von Beratung 12
1.1 Auswirkungen einer zunehmenden Komplexität der Lebenswelt. 12
1.2 Pluralisierung der Familienformen 16
2 Erziehungsberatung in Theorie und Praxis 19
2.1 Vorabklärung zentraler Begrifflichkeiten 19
2.1.1 Erziehung 19
2.1.2 Beratung 20
2.1.3 Erziehungsberatung 21
2.2 Historische Entwicklung der Erziehungsberatung 22
2.2.1 Die Anfänge der institutionalisierten Erziehungsberatung 23
2.2.2 Erziehungsberatung im Nationalsozialismus 24
2.2.3 Erziehungsberatung seit 1945 25
2.3 Aufgaben der Erziehungsberatung 26
2.3.1 Vorüberlegungen zum Aufgabenspektrum 27
2.3.2 Vom JWG zum neuen KJHG 28
2.3.3 Erziehungsberatung im Kontext der Jugendhilfe 29
2.3.4 Erziehungsberatung und ihre Doppelfunktion als Prävention und
Intervention 30
2.4 Methoden 32
2.4.1 Diagnostik in der Erziehungsberatung 32
2.4.1.1 Zur Bedeutung der Diagnostik heute 32
2.4.1.2 Diagnostik als offener Prozess innerhalb des
Beratungsgeschehens 34
2.4.1.3 Exkurs: Spiel als diagnostisches Medium 36
2.4.2 Der Einfluss psychotherapeutischer Konzepte auf die
Erziehungsberatung 37
2.4.2.1 Psychoanalytische Verfahren 38
2.4.2.2 Der klientenzentrierte Ansatz 39
Vorwort 3
2.4.2.3 Das Konzept der Verhaltensmodifikation 40
2.4.2.4 Familientherapeutische bzw. systemische Perspektive 42
2.4.3 Offene Formen der Beratung 44
2.5 Rahmenbedingungen und Grundsätze in der Beratungsarbeit 46
2.5.1 Teamwork 46
2.5.1.1 Teamarbeit als Prinzip in der Erziehungsberatung 46
2.5.1.2 Beteiligte Berufsgruppen: Aufgaben- und Rollenverteilung im
Team 47
2.5.1.3 Gleichberechtigung und hierarchische Teamstrukturen 49
2.5.1.4 Teamarbeit aktuell 50
2.5.2 Schweigepflicht 51
2.5.3 Kostenfreiheit für den Klienten 51
2.5.4 Freiwillige Inanspruchnahme 53
2.5.5 Hilfe zur Selbsthilfe 53
3 Überlegungen zu einer pädagogischen Theorie der Erziehungsberatung 55
3.1 Theoriebildung allgemein - Beratungstheorie konkret 55
3.1.1 Von der Hypothese zur Theorie 55
3.1.2 Gegenüberstellung von Alltagstheorie und Wissenschaft 56
3.1.3 Alltagstheorien im Beratungsprozess 57
3.1.4 Anforderungen an eine Beratungstheorie 58
3.1.5 Schwierigkeiten der Formulierung einer Beratungstheorie. 59
3.1.6 Pädagogik als Beratungswissenschaft 60
3.2 Pädagogische Beratung als Handlungsdisziplin 61
3.2.1 Begriffliche Vorüberlegungen und Einordnung 61
3.2.2 Beratung als soziales Phänomen: Die Anfänge pädagogischer
Beratung bei K. Mollenhauer 62
3.2.3 Was ist pädagogische Beratung - Gegenüberstellung verschiedener
Sichtweisen 65
3.2.4 Orientierungsprinzipien für pädagogische Beratung 66
3.3 Erfahrungen in der Erziehungsberatung 68
3.3.1 Das Interesse des Pädagogen an lebensgeschichtlichen Erzählungen 68
3.3.2 Die Bedeutung von Erfahrungen im Beratungsprozess 70
3.3.3 Bereitstellen eines Erfahrungsraumes - ein Konzept von
Erziehungsberatung 72
Vorwort 4
3.4 Die Berater-Klient-Beziehung 73
3.4.1 Beziehung als Hintergrundphänomen 73
3.4.2 Gestaltung einer Vertrauensbeziehung 74
3.4.3 Schwierigkeiten und Konflikte bedingt durch die Beratungsbeziehung 75
3.4.4 Authentizität als treibende Kraft in der Berater-Klient-Beziehung 76
3.5 Erziehungsberatung im Fokus psychoanalytischer Pädagogik 78
3.5.1 Der Beitrag der Psychoanalyse für die Pädagogik 79
3.5.2 Eigenschaften einer psychoanalytisch-pädagogischen
Erziehungsberatung 81
3.5.2.1 Fördern positiver Übertragungsgefühle mit dem Ziel einer
stabilen Arbeitsbeziehung 81
3.5.2.2 Tiefenpsychologisches Verstehen (un-)bewusster Prozesse 82
3.5.2.3 Arbeiten an der Veränderung von Beziehungen im Sinne einer
Verbesserung von Entwicklungsbedingungen 83
3.5.2.4 Schließen eines pädagogischen Arbeitsbündnisses 84
3.6 Erziehungsberatung als Spannungsfeld 85
3.6.1 Zur begrifflichen Abgrenzung von Beratung, Therapie und Erziehung 85
3.6.1.1 Beratung vs. Therapie 86
3.6.1.2 Erziehung vs. Therapie 87
3.6.2 Erziehungsberatung zwischen Jugendhilfe und Gesundheitswesen 88
3.6.2.1 Zur Frage therapeutischer Leistungen in der Erziehungsberatung 89
3.6.2.2 Auswirkungen des Psychotherapeutengesetzes 90
3.6.2.3 Der Krankheitsbegriff in der Beratung - Tücken und Chancen 91
4 Praxisteil: Befragung von Erziehungsberatungsstellen:
„Erziehungsberatung - Beratung oder Therapie?“ 93
4.1 Über Methodik und Fragestellung 93
4.2 Erörterung und Diskussion der Rückmeldungen 94
5 „Back to basics“ - zurück zur Erziehung oder: Der Versuch einer
Aufgaben -Neubestimmung der Erziehungsberatung aus pädagogischer
Sicht 100
Schlussbetrachtung : Fazit und persönliche Stellungnahme 108
Anhang 111
Literatur 113
Vorwort 5
Vorwort
„Es tut uns leid, wir nehmen in unserer Beratungsstelle nur Studenten der Psychologie für Praktika an.“ - Diese oder ähnliche Aussagen bekam ich während meines Pädagogik-Studiums mehrmals zu hören. Ich musste sie in ihrer Endgültigkeit so hinnehmen, wenngleich ich mich als angehende Pädagogin ungerecht behandelt und hinsichtlich meiner Kenntnisse vorschnell verurteilt fühlte, ohne die Chance erhalten zu haben, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Diese Tatsache gehört neben meinem ausgeprägten Interesse an Beratung und Therapie zu den wesentlichen Gründen, die mich dazu bewegt haben, meine Diplomarbeit der Erziehungsberatung zu widmen.
Die in der Praxis bestehende, nahezu ausschließliche Alleinherrschaft der Psychologen in der Erziehungsberatung halte ich nicht für gerechtfertigt, da eine psychologisch ausgerichtete Beratungsarbeit vornehmlich durch eine Bandbreite an psychotherapeutischen Methoden und Konzepten geprägt ist. Diese lassen eine eher durchstrukturierte Beratungssituation vermuten, in der dem Berater 1 nur wenig Freiraum und Möglichkeit für ein klientenorientiertes Handeln bleibt. Vielmehr scheint sich (psychologische) Beratung verstärkt auf die Probleme von Ratsuchenden zu fokussieren und sich von den Menschen und ihrer je individuellen Lebensgeschichte zu entfernen.
Der Pädagogik per se stehen keine spezifischen Methoden zur Verfügung, denn sie ist, dadurch dass sie in viele Lebensbereiche hineinreicht, nicht ohne weiteres fassbar. Pädagogen konzentrieren sich in ihrem Handeln auf ihr Gegenüber, auf den Menschen in seiner Gesamtheit - nicht nur reduziert auf seine Probleme, sondern mit all seinen Fähigkeiten und Eigenschaften - und machen ihn zum Ausgangspunkt der Beratung, der Erziehung, des Gesprächs, der zwischenmenschlichen Interaktion, mit dem Ziel, ihm zu Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit zu verhelfen. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass ich die Anstellung von Psychologen in Erziehungsberatungsstellen überflüssig bzw. die Anwendung therapeutischer Elemente in der Beratung unwichtig halte. Allerdings denke ich, dass eine Orientierung
1 Des besseren Verständnisses wegen verwende ich in meinen Ausführungen durchgängig die
männliche grammatikalische Form.
Vorwort 6
am Ratsuchenden und seiner individuellen Geschichte in der heutigen Zeit weitestgehend verloren gegangen ist. Deshalb möchte ich für eine „pädagogischere“ Haltung gegenüber denjenigen plädieren, die sich Hilfe suchend an eine Erziehungsberatungsstelle wenden, und das Interesse wieder verstärkt auf den einzelnen Menschen lenken, denn für diesen gibt es nichts wichtigeres, als mit seinem persönlichen Anliegen ohne Vorbehalte von seinem Gegenüber angenommen zu werden.
An dieser Stelle möchte ich einigen Menschen danken: Gerade weil die Anfertigung der Diplomarbeit eine Zeit voller Höhen und Tiefen war, eine Zeit, die von Unsicherheit und Zweifeln geprägt war, aber auch eine Zeit, die einen immer wieder neuen Mut schöpfen und an sich glauben ließ, möchte ich an erster Stelle Freunden und Familie für die emotionale Unterstützung sowie für kritische Kommentare danken; Prof. Bittner für seine Betreuung sowie für wertvolle Anregungen; und nicht zuletzt den Fachkräften der Erziehungsberatungsstellen, die bereit waren, sich im Rahmen einer Fragebogenaktion an meiner Diplomarbeit zu beteiligen.
Einleitung 7
Einleitung
Erziehung hat in den letzten Jahren enorm an Bedeutung und Aufmerksamkeit gewonnen und begleitet die Menschen als Thema stetig in ihrem Alltag: Elternkurse werden zur Vorbereitung auf die Mutter- und Vaterschaft angeboten und dabei Tipps und Anregungen vermittelt, wie das familiäre Zusammenleben mit einem Kind entwicklungs- und bedürfnisorientiert gestaltet werden kann. Fernsehshows gewähren Einblick in die kindliche (Nicht-)Erziehung und führen die Familien regelrecht „auf dem Präsentierteller“ vor. Dabei werden wilde Szenarien und Konflikte zwischen Kindern und Eltern oder Geschwistern untereinander zur Schau getragen, die dann gemeinsam mit der „Super-Nanny“ oder den „Supermamas“ analysiert und lösungsorientiert besprochen werden. Auch Zeitungen bringen regelmäßig Berichte über Fälle elterlicher Gewalt gegenüber ihren Kindern und meist ist es nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Skandal die Medien beherrscht.
Diese kurze Illustration verdeutlicht, dass sich in der Gesellschaft intensiver denn je mit Erziehung beschäftigt wird und werden muss. Immer mehr Eltern suchen in der heutigen Zeit Erziehungsberatungsstellen auf, weil die Probleme mit ihrem Nachwuchs über Hand nehmen und sie sich mit ihrem Erziehungsauftrag überfordert fühlen. Gefühle wie Verzweiflung, Wut und Versagensängste sowie die Hoffnung, durch professionelle Ratschläge eine schnelle Hilfe zu erhalten, sind dabei dominierend. Oft wird das Hilfeangebot jedoch erst sehr spät wahrgenommen, wenn sich eine Krisensituation so verfestigt hat, dass sich die Eltern, am Ende ihrer Kräfte angelangt, nicht mehr im Stande fühlen, das Problem allein zu bewältigen. Die Angelegenheiten, mit denen sich Ratsuchende 2 an eine Erziehungsberatungsstelle wenden, gestalten sich immer komplexer und vielschichtiger, was auf einen gestiegenen Hilfebedarf hinweist, der mitunter eine Folge des schnellen Wandels in der Gesellschaft darstellt. Um den Anspruch, Kinder und Eltern auf ihrem Lebensweg durch das gesellschaftliche Dickicht zu begleiten und zu unterstützen, gleichermaßen professionell und qualitativ erfüllen zu können, muss Erziehungsberatung immer auf dem neuesten Stand sein.
2 Neben der Bezeichnung „Ratsuchender“ wird in der Arbeit auch der eher therapeutisch
geprägte Ausdruck „Klient“ gebraucht.
Einleitung 8
Die Frage ist: kann sie mit ihren jetzigen Sichtweisen und Methoden den vielfältigen Veränderungen gerecht werden und sich diesen anpassen oder sollte sie vielmehr ihre Arbeit hinsichtlich ihres momentanen Aufgabenverständnisses neu überdenken? Die Diplomarbeit gliedert sich in vier aufeinander aufbauende Abschnitte, die nun im Folgenden kurz vorstellt werden:
In einem ersten Punkt soll näher auf den erwähnten gesellschaftlichen Wandel eingegangen werden, dem die Kindheit in der heutigen Zeit unterworfen ist. Die Auswirkungen machen sich in einer zunehmenden Komplexität der Lebens- und Sozialisationsbedingungen und einem erweiterten Handlungs- und Entscheidungsspielraum bemerkbar und erfordern von der Familie enorme Anpassungsleistungen sowie ein Schritt halten mit den fortwährenden Veränderungen. Diese neue Orientierungslosigkeit und Unsicherheit wird zudem von familiären Umbrüchen genährt, die sich in einer Pluralisierung von Familienformen offenbaren. Dadurch dass sich immer mehr Eltern aufgrund erschwerter Lebens- und Erziehungsbedingungen mit ihrem Hilfebedürfnis an Erziehungsberatungsstellen wenden, entsteht ein hoher Beratungsbedarf, der Erziehungsberatung als unterstützendes Angebot heute erforderlicher denn je macht.
Von diesem Wandel und seinen Folgen für das Kind und seine Familie ausgehend werde ich mich im nächsten Abschnitt ausführlich mit der Erziehungsberatung befassen, wobei es mir sinnvoll erscheint, als Einführung in den Gegenstand vorab einige zentrale Begrifflichkeiten - nämlich Erziehung, Beratung und auch Erziehungsberatung - zu umreißen und zu erläutern.
Im Folgenden soll auf die historische Entwicklung der institutionalisierten Erziehungsberatung, deren Aufgaben auf dem Hintergrund rechtlicher Bestimmungen, vor allem im Kontext des Kinder- und Jugendhilfegesetzes, sowie auf methodische Konzepte von Erziehungsberatung eingegangen werden. An Methoden stehen dabei in erster Linie die Diagnostik, verschiedene psychotherapeutische Verfahren, die die Arbeit in Erziehungsberatungsstellen beeinflussen, und offene Formen von Beratung im Mittelpunkt.
Schließlich werde ich auf einige handlungsleitende Grundsätze und Rahmenbe- dingungen zu sprechen kommen, die sich für eine Tätigkeit in der Erziehungsbera-
Einleitung 9
tung als wichtig erweisen. Darunter fallen beispielsweise das Teamwork-Prinzip sowie gesetzliche Rahmenbedingungen wie in etwa Kostenfreiheit, Freiwilligkeit etc., die dem Klienten eine möglichst reibungslose Inanspruchnahme der Hilfe ermöglichen.
Es ist anzumerken, dass die Erziehungsberatung ein breit gefächertes Feld ist, von dem nicht ohne weiteres eine vollständige Darstellung gegeben werden kann. Da eine solche den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, spiegeln die behandelten Gesichtspunkte meine persönliche Auswahl wider, die hinsichtlich der Themenstellung von Bedeutung sind. So wird beispielsweise auf eine Schilderung spezifischer Anwendungsbereiche 3 von Erziehungsberatung z.B. Trennung und Scheidung, elterliche Gewalt, Lern- und Leistungsstörungen verzichtet, da diese hinsichtlich der Themenstellung kaum an Relevanz erlangen und ohnehin an mehreren Stellen der Arbeit auftreten. 4 Dem Leser soll vielmehr ein Überblick über die Erziehungsberatung in theoretischer und praktischer Hinsicht gegeben werden. Aufbauend auf diesen Ausführungen zur Erziehungsberatung werden anschließend ausgewählte Aspekte vorgestellt, die sich als Bestandteile einer pädagogischen Theorie der Erziehungsberatung eignen:
Zunächst halte ich es für zweckmäßig, sich neben inhaltlichen Gesichtspunkten auch mit grundlegenden Anforderungen an eine wissenschaftliche Theorie auseinanderzusetzen und sich den Schwierigkeiten, die sich hinsichtlich der Formulierung einer pädagogischen Beratungstheorie ergeben, zu stellen. Im Anschluss wird pädagogische Beratung als Handlungsdisziplin genauer unter Betracht genommen, angefangen bei Mollenhauers Abhandlung „Das pädagogische Phänomen ‚Beratung’“ (1965) bis hin zu verschiedenen Sichtweisen pädagogischer Beratung sowie konkreten Orientierungsprinzipien für pädagogisches Handeln. Diesen eher theoretischen Vorüberlegungen folgen spezifische Elemente einer Theorie der Erziehungsberatung. Es ist auffallend, dass sie sich allesamt am Menschen - am Ratsuchenden wie am Berater - orientieren, entsprechend meiner
3 Körner & Hörmann (1998) liefern in ihrem Handbuch einen umfangreichen Einblick in
verschiedene Anwendungsbereiche von Erziehungsberatung.
4 vgl. u.a. 1 Kindheit im Wandel - Aktualität und Bedarf von Beratung
Einleitung 10
eingangs formulierten Zielsetzung, dem Ratsuchenden sowie seinem individuellen Anliegen in der Beratungssituation wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. So habe ich neben der Vertrauensbeziehung, die Berater und Klient gemeinsam aufbauen und als Fundament der Beratung zu Grunde legen müssen, Erfahrungen bzw. Erzählungen über Erlebnisse eine gewichtige Stellung innerhalb des Beratungsgeschehens zugewiesen. Verstanden als „Erziehungs-, Bildungs- und Lerngeschichten“ (Bittner 1997, 80) liefern diese dem Berater wertvolle Informationen und ermöglichen ein besseres Verständnis des jeweiligen Gesprächsbzw. Interaktionspartners. Darüber hinaus werde ich die Bedeutung von Erfahrungen anhand des Konzepts von Erziehungsberatung als Bereitstellen eines Erfahrungsraumes veranschaulichen.
Da neben dem beobachtbaren Verhalten und den Erzählungen, die der Klient gegenüber dem Erziehungsberater verbal äußert, auch den unbewusst ablaufenden Prozessen in der Beratungssituation Beachtung geschenkt werden muss, werde ich mich gezielt mit Anregungen befassen, die die Psychoanalyse für eine pädagogische Erziehungsberatung bereithält. Dabei soll zuerst der Ertrag der Psychoanalyse als Wissenschaft vom Unbewussten für die Pädagogik beleuchtet und überdies einige Charakteristika einer psychoanalytisch-pädagogischen Erziehungsberatung dargestellt werden, die mir förderlich für den Verlauf des Beratungsprozesses erscheinen. Im Hinblick auf eine pädagogische Beratungstheorie ist es unabdingbar, sich auch mit Erziehungsberatung als Spannungsfeld zu beschäftigen. Nicht nur ein schwammiger, unpräziser Gebrauch der Begriffe Beratung, Therapie und Erziehung, der eine Abgrenzung erschwert bzw. in der Praxis unmöglich macht, determiniert die Erziehungsberatung als konfliktreiches Tätigkeitsfeld, sondern auch ihre Stellung zwischen Jugendhilfe- und Gesundheitssystem. Hieraus ergeben sich Spannungen zum einen bezüglich der Streitfrage, inwiefern therapeutische Leistungen in einem beraterischen Kontext angeboten werden dürfen, zum anderen aber auch insbesondere durch die Auswirkungen des neuen Psychotherapeutengesetzes auf die Erziehungsberatung und die Tücken und Chancen, die der Krankheitsbegriff in sich birgt.
Dass Erziehungsberatung ein spannungsreiches Feld darstellt, geht auch direkt aus der Praxis hervor. In einer Befragung von Erziehungsberatungsstellen wurden
Einleitung 11
Fachkräfte aufgefordert, zu der Frage Stellung zu nehmen, was Erziehungsberatung sei, Beratung oder Therapie. Aufbauend auf dieser Umfrage habe ich eine Erörterung und Diskussion der einzelnen Reaktionen der Fachkräfte durchgeführt und in Zusammenhang mit meinen eigenen Darstellungen gebracht. Im Anschluss an die Auswertung der Fragebogenaktion werde ich dann den Versuch unternehmen, die Aufgaben von Erziehungsberatung aus pädagogischer Sicht neu zu bestimmen und dabei auf Grundlage der vorherigen Ausführungen meine eigenen Gedanken entfalten.
Abschließend werde ich in einer zusammenfassenden Betrachtung meine persönliche Vorstellung einer pädagogisch gelungenen, sprich subjektorientierten Erziehungsberatung zum Ausdruck bringen, indem ich den Verlauf eines Beratungsprozesses phasenweise darstelle. In diesem Zusammenhang möchte ich einige kritische Worte zur aktuellen Kostenkonzentration in der Erziehungsberatung verlieren und die Diplomarbeit mit einer persönlichen Stellungnahme zur Professionalisierung päda- gogischen Handelns abrunden.
1 Kindheit im Wandel - Aktualität und Bedarf von Beratung 12
1 Kindheit im Wandel - Aktualität und Bedarf von
Beratung
Erziehungsberatung wird in der heutigen Zeit mehr denn je in Anspruch genommen. Dies deutet darauf hin, dass Kinder und Jugendliche zunehmend unter Verhaltensauffälligkeiten leiden, die aber oftmals durch die Eltern und deren Erziehung ausgelöst werden. Viele Eltern fühlen sich dann später, wenn Probleme auftauchen, über-fordert, weil sie nicht gelernt haben, wie Erziehung richtig „funktioniert“, und benötigen deshalb Hilfe von außen. Somit sind nicht nur die Kinder in ihrer eigenen Entwicklung erheblich beeinträchtigt, sondern auch ein konfliktfreies Zusammenleben als Familie gestaltet sich bedingt durch die Verhaltensauffälligkeiten schwierig.
Dass Kindheit heutzutage alles andere als unbeschwert ist, sondern unter erschwerten Sozialisationsbedingungen stattfindet, kann in erster Linie auf einen gesellschaftlichen Wandel und dessen weit reichende Auswirkungen zurückgeführt werden, aber auch auf Veränderungen, die die Familie als Lebensform betreffen. Auf die Auswirkungen des gesellschaftlichen sowie familiären Wandels auf das Kind und seine Familie soll nun explizit eingegangen werden und dadurch der aktuelle Bedarf an Beratung zum Ausdruck gebracht werden.
1.1 Auswirkungen einer zunehmenden Komplexität der Lebenswelt
Die Verhaltensauffälligkeiten und Beeinträchtigungen, anlässlich derer Eltern ihre Kinder in Beratungsstellen anmelden, sind von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen abhängig und müssen stets auf einem solchen Hintergrund betrachtet werden. Es gilt heute als unumstritten, dass „gesellschaftliche Bedingungen bzw. in weitestem Sinne Umwelteinflüsse ... Einfluß auf individuelle und familiäre Lebens- wirklichkeiten“ (Hundsalz 1995, 39) nehmen.
1 Kindheit im Wandel - Aktualität und Bedarf von Beratung 13
Die gesellschaftlichen Veränderungen können an der beständigen Zunahme der Wahlmöglichkeiten und Informationen sowie an der neuen Vielfalt von Angeboten zur Lebens- und Freizeitgestaltung beobachtet werden und bringen für den einzelnen Menschen sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich: Auf der einen Seite entstehen dadurch vielfältige Möglichkeiten sich auszuprobieren und damit verbunden größere Handlungs- und Entscheidungsfreiheiten. Auf der anderen Seite hat der gesellschaftliche Wandel auch höhere Risiken für das Individuum zur Folge, da das Fällen von Entscheidungen durch den erweiterten Handlungsspielraum ein hohes Maß an Selbstständigkeit und die Übernahme von Eigenverantwortung erfordert. (vgl. Krause 2003, 19f.)
Inwiefern sich diese gesellschaftlich bedingte Tendenz zur „Individualisierung und Pluralisierung der Lebenswelten“ (ebd., 19, Hervorh. im Original) in der kindlichen (Persönlichkeits-)Entwicklung niederschlägt, soll im Folgenden umrissen werden. In der Schule strömt eine unüberschaubare Flut an Informationen auf die Kinder und Jugendlichen ein. Von ihnen wird erwartet, mehr Lernstoff in immer kürzerer Zeit zu bewältigen. Dadurch stellen sich zunehmend Konzentrationsschwierigkeiten und ein geringeres Durchhaltevermögen beim Lösen von Aufgaben ein. Die Schüler können nur schwer bei der Sache bleiben und schweifen leicht ab, was letztendlich ein Absinken ihrer schulischen Leistungen zur Folge hat.
Schulischer Misserfolg ist nicht selten auf zu hohe Leistungserwartungen von Seiten der Eltern zurückzuführen. Diese wünschen sich meist, dass aus ihrem Kind einmal etwas Besseres wird. (vgl. Hornstein 1977, 128) Durch ihre Vorstellungen und Wünsche gerät das Kind in eine schwierige Situation. Es will natürlich die Erwartungen der Eltern erfüllen, jedoch wirken sich diese beeinträchtigend auf das Leistungsvermögen des Kindes aus und rufen verstärkt Ängste hervor. So nimmt der Teufelskreis aus Leistungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten seinen Lauf. Die schwierige Situation auf dem Arbeitsmarkt erzeugt unter den Schülern zusätzlichen Druck, gute Leistungen zu erzielen, denn die Chancen einen Ausbildungsplatz zu bekommen sinken mit abnehmendem Bildungsgrad. (vgl. Vernooij 2005, 303) Ihre Bemühungen gleichen einem Konkurrenzkampf, der sie während ihrer ganzen Schullaufbahn und darüber hinaus begleitet. Nur Kinder, die in einem konstanten familiären Klima aufwachsen und die Unterstützung durch die Familie erfahren,
1 Kindheit im Wandel - Aktualität und Bedarf von Beratung 14
können sich diesem Leistungsdruck erfolgreich widersetzen. Wer darauf nicht entsprechend vorbereitet ist, wird nicht lange mit den Klassenkameraden mithalten können. Hundsalz (1995) stellt folgerichtig fest: „Soziale Herkunft ist ein wichtiger determinierender Faktor für den Schulerfolg“ (ebd., 46). Die soziale Schicht steht also in Zusammenhang mit dem Erfolg eines Kindes oder Jugendlichen in der Schule. Dadurch dass nicht alle sozialen Schichten aufgrund unterschiedlicher personaler Kompetenzen und Ressourcen die Möglichkeit haben, vorhandene Entwicklungschancen gleichermaßen auszunutzen, spaltet sich die Gesellschaft zunehmend in Gewinner und Verlierer. (vgl. Krause 2003, 20)
Auch Eltern fühlen sich mit den Folgen des gesellschaftlichen Wandels überfordert und haben erheblich mit dem erweiterten Entscheidungsspielraum zu kämpfen. Gelingt es ihnen nicht, sich an die neuen Anforderungen anzupassen, werden sie zu „Modernisierungsverlierern“ (ebd., 20). Dies macht nicht nur den Eltern selbst zu schaffen, sondern wirkt sich indirekt auch auf die Kinder aus, denn viele neigen auf-grund der ausgeprägten Belastungssituation dazu, körperliche Gewalt an ihren Kindern auszuüben, um das Gefühl der Hilflosigkeit auf diese Weise zu kompensieren. Kinder aus sozial benachteiligten Familien leiden deshalb besonders unter körperlicher Gewalt durch ihre Eltern, da hier am meisten Probleme und Krisen bestehen und gleichzeitig nicht ausreichend Kompensationsmöglichkeiten vorhanden sind. (vgl. Körner 1998, 284f.) Die Kinder wachsen zudem häufig unter ungünstigen Bedingungen in einer wenig förderlichen Umgebung auf und sind in ihren Entwicklungsmöglichkeiten enorm eingeschränkt. Die Mutlosigkeit und Resignation sowie die verlorene Hoffnung auf eine bessere Lebensqualität überträgt sich von den Eltern auf ihre Kinder.
Die eigenen Eltern so zu erleben, verursacht beim Kind eine große Unsicherheit und Verzweiflung, haben Eltern doch eine Vorbildfunktion, an der sich die Kinder ständig neu definieren. Kommt diese ins Wanken und passt nicht mehr in das Schema der kindlichen Vorstellungen, wird dem Kind sprichwörtlich der Boden unter den Füßen weggezogen und der familiäre Rahmen, der bisher Schutz und Halt geboten hat, beginnt zu bröckeln. Die von den Eltern übertragenen Existenzängste haben bei Kindern oft psychische Erkrankungen zur Folge. Sie werden z.B. depressiv und ziehen sich immer mehr aus ihrem sozialen Umfeld zurück.
1 Kindheit im Wandel - Aktualität und Bedarf von Beratung 15
Diese Rückzugstendenzen von Kindern werden von zwei weiteren Umständen, die mit dem gesellschaftlichen Wandel einhergehen, verstärkt: Zum einen hat sich die „Wohnumwelt 5 als wichtige Sozialisationsbedingung für Kinder“ (Hundsalz 1995, 46) nachhaltig verändert. In den 50er und 60er Jahren haben Kinder und Jugendliche bedeutsame Impulse für ihre Entwicklung durch die sogenannte „Straßensozialisation“ erhalten. Seitdem haben sich Lern- und Lebenserfahrungen fast vollständig in die familiäre Privatsphäre verlagert; nur noch wenige Freizeitaktivitäten finden in der Öffentlichkeit statt. Durch diese Entwicklung weisen öffentliche Freiräume nur eine „geringe Nutzbarkeit als Spiel-, Begegnungs- und Bewegungsräume“ (Hurrelmann 2002, 249) auf und Kinder haben nur wenig Möglichkeiten sich auszuprobieren, unmittelbare Erfahrungen zu machen und eigene Kräfte und Fähigkeiten zu entfalten. (vgl. ebd., 249f.) Durch den zunehmenden Verkehr und andere Gefahrenquellen können Kinder kaum noch ohne Begleitung zum Spielen ins Freie gehen und sind damit von den elterlichen Zeitressourcen abhängig, die arbeitsbedingt oftmals nicht gegeben sind. Außerdem ist die Konsumorientierung sowie die Nutzung technischer Geräte in den vergangenen 50 Jahren deutlich angestiegen. Raffinierte Werbespots üben vor allem auf Kinder und Jugendliche eine starke Anziehungskraft aus und vermitteln den Eindruck eines Zusammenhangs zwischen Konsum und Persönlichkeitswert. (vgl. ebd., 247) Kinder verbringen ihre Freizeit heutzutage verstärkt vor dem Fernseher und flüchten sich in die virtuelle Welt der Computerspiele. In dieser verspüren sie Kontrolle und Macht über sich und andere und kompensieren damit die Fähigkeit der Selbststeuerung und die Sozialkompetenz, an denen es ihnen im realen Leben mangelt. Folgen eines übermäßigen Medienkonsums sind neben Bewegungsunlust und krankhafter Adipositas vor allem soziale Isolation und Vereinsamung. Außerdem besteht die Gefahr einer Reizüberflutung, da die angestauten Emotionen nicht ausgelebt und dadurch nicht verarbeitet werden können. Die Auswirkungen einer zunehmend komplexer werdenden Lebenswelt erweisen sich als verheerend für Kinder und Jugendliche und machen die Notwendigkeit und den aktuellen Bedarf von Beratung sehr deutlich.
5 Mit Wohnumwelt sind vorhandene Freiräume, Spielplätze, Kindergärten etc. gemeint.
1 Kindheit im Wandel - Aktualität und Bedarf von Beratung 16
1.2 Pluralisierung der Familienformen
Nicht nur in der Gesellschaft finden Veränderungen statt, auch die Familie als Lebensform, die ihrerseits Einfluss auf die Entwicklung des Heranwachsenden nimmt, unterliegt einem Wandel.
Die Familie gilt als wichtigste soziale Bezugsgruppe, gefolgt von Schule und peergroups, der das Kind in seinem Leben angehört. Ihr kommt eine hohe Sozialisationswirkung zu, da sie Kindern und Jugendlichen einen geschützten Raum bietet, in dem soziale Erfahrungen gemacht und Handlungen, Gedanken, Urteile und Einstellungen erprobt werden können. (vgl. Schäfers 2001, 103) Die Kernfamilie bildete in Deutschland lange Zeit den vorherrschenden Familientyp und setzt sich aus den Eltern und meist zwei heranwachsenden Kindern zusammen. Gegenwärtig repräsentiert sie allerdings eher ein Idealbild von Familie, welches heutzutage so nicht mehr ausschließlich existiert. (vgl. Kurz-Adam 1995, 95) Während die Kernfamilie in den 60er Jahren noch weit verbreitet war, erlag sie in der folgenden Zeit einem enormen Bedeutungsverlust. Seitdem verkörpert sie nicht mehr den alleinigen Familientyp, sondern es treten verstärkt neue Formen auf, z.B. (nicht-) eheliche Lebensgemeinschaften, getrennt lebende Eltern und sogenannte Patchwork-Familien. Allein erziehende Eltern hat es zwar früher schon vereinzelt gegeben, jedoch ist deren Zahl bis heute gewaltig angestiegen; diese Lebensform ist meist keine freiwillige Entscheidung, sondern resultiert aus einer vorangegangenen Scheidung. (vgl. Hurrelmann 2004, 107f.)
Diese Pluralisierung familialer Lebensformen ist auf das Zusammenwirken mehrerer Faktoren zurückzuführen: Einmal sind die Eheschließungen fast um die Hälfte gesunken. Gleichzeitig hat sich die Scheidungsrate in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt; mittlerweile wird jede dritte Ehe in Deutschland geschieden, Tendenz steigend. Außerdem ist festzustellen, dass sich Familien zahlenmäßig verkleinern, da die Kinderzahl immer mehr zurückgeht und knapp die Hälfte der Kinder ohne Geschwister aufwächst. Ferner sind immer weniger Mütter und Väter bereit, auf die Ausübung einer Berufstätigkeit zu verzichten. (vgl. Mrozynski 1998, 1f.)
1 Kindheit im Wandel - Aktualität und Bedarf von Beratung 17
Inwiefern ergibt sich nun aus dieser bestehenden Vielfalt an Formen familiären Zusammenlebens ein Beratungsbedarf?
Kinder und Jugendliche erleben die Scheidung der Eltern, die in der Erziehungsberatung übrigens die Spitzenposition unter den Anlässen bildet, als gravierenden Einschnitt in ihr Leben und haben mit unterschiedlichen Auswirkungen und Veränderungen zu kämpfen.
Den Verlust der elterlichen Solidarität empfinden sie als starke psychische Belastung und können die Ursachen meist nur schwer nachvollziehen. Dadurch dass Eltern ihre Kinder über die bevorstehende Trennung häufig nicht ausreichend informieren, können diese keine entsprechenden Verarbeitungsmechanismen aufbauen, können diese keine entsprechenden Verarbeitungsmechanismen aufbauen und mit der neuen Situation deshalb nur schwer umgehen. In vielen Fällen werden die Beziehungsprobleme der Eltern auf dem Rücken der Kinder ausgetragen und diese in Streitigkeiten hineingezogen, so dass schon im Kindesalter die Fähigkeit, Beziehungen einzugehen, Schaden nimmt. Häufig steigen die Anforderungen an die Selbstständigkeit der Kinder sprunghaft an, da der jeweilige Elternteil - in 80% der Fälle ist dies die Mutter - die „Doppelbelastung als Alleinerzieher und Alleinverdiener“ (Hurrelmann 2004, 113) bewältigen muss. Diesen Anforderungen werden Kinder und Jugendliche oft nicht gerecht und fühlen sich maßlos überfordert. Darüber hinaus leiden sie unter Isolation, weil mit einer Trennung der Eltern meist ein Wohn-ortwechsel verbunden ist, der sie aus der gewohnten Umgebung herausreißt und zum Auseinanderbrechen von Freundschaften führt. (vgl. ebd., 111ff.) Es ist nahe liegend, dass nicht nur eine Scheidung, die ich hier beispielhaft angeführt habe, sondern auch eine neue Partnerschaft eines allein erziehenden Elternteils ver-bunden mit der Integration der Stiefgeschwister in den Familienverband negative Auswirkungen auf den Sozialisationsprozess des Kindes oder Jugendlichen zur Folge haben können. Diese kommen mit der veränderten Familien- und Lebenssituation nur schwer klar und reagieren vielfach mit Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen, was sie letztendlich mit ihren Eltern in die Erziehungsberatung führt. Trotz all dieser familiärer Entwicklungen und Veränderungen erweist sich die Familie als äußerst stabil und wird vor allem von jüngeren Menschen nach wie vor wertgeschätzt. (vgl. Mrozynski 1998, 2) Es liegt somit weniger ein Bedeutungs-
1 Kindheit im Wandel - Aktualität und Bedarf von Beratung 18
verlust der Familie vor, sondern lediglich ein Wandel der Familienstrukturen. Befragungen zufolge hat die Familie keineswegs an Bedeutung eingebüßt. (vgl. Nave-Herz, zit. nach Hundsalz 1995, 48)
Das Interesse, eine eigene Familie zu gründen, hat also nicht nachgelassen, was als positiv gewertet werden sollte. Die Erziehungsberatung kann dieses Interesse aufgreifen und stützen, indem sie es als ihre Aufgabe betrachtet, „die Fähigkeit der Familie zur Erfüllung ihrer Aufgaben zu stärken“ (Mrozynski 1998, 3, Hervorh. im Original).
Somit kann festgehalten werden, dass Kinder und Jugendliche aufgrund der gesellschaftlichen und familiären Umbrüche unter erschwerten Sozialisationsbedingungen aufwachsen und sich in einer immer unübersichtlicheren Lebenswelt zurechtfinden und behaupten müssen. „Durch wenig vorgegebene Verhaltensregeln und Wertemuster werden immer wieder neue Abstimmungen und Lebensentscheidungen nötig. Wo dies alles nicht zur Zufriedenheit gelingt, wächst Beratungsbedarf.“ (Kurz-Adam 1995, 166)
2 Erziehungsberatung in Theorie und Praxis 19
2 Erziehungsberatung in Theorie und Praxis
2.1 Vorabklärung zentraler Begrifflichkeiten
Wenn man sich mit Erziehungsberatung beschäftigt, ist es erforderlich, zunächst auf die Begrifflichkeiten, aus denen sich diese zusammensetzt, und auch auf Erziehungsberatung per se einzugehen. Die folgende Darstellung soll vorerst nicht bestimmend für ein Verständnis von (Erziehungs-)Beratung im Rahmen dieser Arbeit sein, sondern lediglich einer groben Begriffsklärung und einer ersten Einführung in die Thematik dienen.
2.1.1 Erziehung
Erziehung gilt neben der Bildung als wichtigster Grundbegriff der Pädagogik. Ihr Ziel ist es, dem Menschen zu Autonomie und Mündigkeit zu verhelfen und ihn dabei zu unterstützen, seine inneren Kräfte und Fähigkeiten zum Vorschein und Einsatz zu bringen. Erziehung betrifft in erster Linie den Menschen als Individuum, zielt also auf Entwicklung und Wachstum ab; außerdem bezieht sie sich auf den Menschen als soziales Wesen, als Mitglied der Gesellschaft und versteht sich demnach als Sozialisation. (vgl. Böhm 2000, 156f.) Erziehung kann sowohl intentional, das heißt als planmäßiger Vorgang mit bestimmten erzieherischen Absichten, als auch funktional, bezogen auf den „absichtslosen Einfluß der Verhältnisse und das Geflecht sozialer Interaktionen“ (ebd., 157), aufgefasst werden.
Erziehung befindet sich seit jeher in einem grundlegenden Zwiespalt: Zum einen ist sie Fremd-Erziehung, sprich kann als Einwirkung von außen gesehen werden, zum anderen ist sie Selbst-Erziehung, also ein Vorgang, in dem ein Mensch „aus eigener
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Einsicht und aus eigenem Entschluß Erziehungsziele übernimmt ... sowie nach Kräften und Möglichkeiten an ihrer Realisierung arbeitet“ (ebd., 490). Vernooij (2005) bezeichnet Erziehung als einen Prozess, bei dem „zunächst fremdgesteuert, mit zunehmendem Alter auch selbstgesteuert ... auf die Entfaltung einer selbständigen, verantwortungsbewussten Persönlichkeit hingewirkt wird mit dem Ziel ... Mündigkeit zu erreichen“ (ebd., 40).
Folglich sollte unter dem Begriff der Erziehung - vor allem in der Erziehungsberatung - ein individueller Selbstgestaltungsprozess verstanden werden, so dass eine Fremd-Erziehung durch den Berater als Hilfe zur Selbsthilfe lediglich ergänzend zur Selbst-Erziehung erforderlich wird.
2.1.2 Beratung
Beratung wird von Menschen heutzutage in einer „immer unübersichtlicher werdenden Welt“ (Bollnow 1959, 78) mehr denn je in Anspruch genommen. Dies hat zu einem enormen Ausbau des Beratungsangebots und der „Ausbildung eigener Beratungsberufe“ (Bittner 2001, 223) geführt. Eheberater kümmern sich um Probleme in der Partnerschaft, Studienberater betreuen Studenten bei Angelegenheiten rund um ihr Studium, Berufsberater helfen Schülern bei der Berufswahl und Erziehungsberater ... welche Aufgaben kommen ihnen zu? Die Frage lässt sich in diesem Zusammenhang nicht beantworten; allerdings werde ich anderweitig erneut darauf zu sprechen kommen. 6
Doch zunächst zurück zum Begriff der Beratung. In ihm verbirgt sich das kleine Wörtchen „Rat“. Ursprünglich verstand man unter Rat vorhandene Mittel im Sinne von Vorrat oder Hausrat; erst einige Zeit später wandelte sich seine Bedeutung in Hilfe und Unterstützung. (vgl. Manstetten 1987, 6) Es muss zwischen zwei Hilfeformen unterschieden werden: Zur Veranschaulichung wird bei Bittner (2001) das Beispiel eines Fremden von Bollnow (1959) herangezogen, der sich bei einem Einheimischen nach dem Weg
6 vgl. dazu 2.3 Aufgaben der Erziehungsberatung; 5 „Back to Basics“ - zurück zur Erziehung oder:
Der Versuch einer Aufgaben-Neubestimmung der Erziehungsberatung aus pädagogischer Sicht
2 Erziehungsberatung in Theorie und Praxis 21
erkundigt: Der Einheimische hat mehrere Möglichkeiten auf die Frage einzugehen: er kann sachliche Informationen liefern, die dem Fremden helfen den richtigen Weg schnurstracks zu finden oder er kann eine persönliche Empfehlung für einen speziellen Weg, verbunden mit einem schönen Ausblick, aussprechen. (vgl. ebd., 80f.)
Demzufolge kann zwischen einer informativen Auskunft und einer Beratung unterschieden werden. Eine Information ist sachlicher Natur, nicht sonderlich zeitaufwendig und besitzt nur „minimalen bzw. gar keinen Prozeßcharakter, wie er für eine echte Beratung kennzeichnend ist“ (Manstetten 1987, 8), während eine Beratung umfangreicher und von einer größeren Intensität geprägt ist. Außerdem ist es bei der Beratung im Gegensatz zur reinen Information wichtig, dem Ratsuchenden Einsicht zu vermitteln, denn in einer Beratung muss die Entscheidung von diesem selbst gefällt werden. Der Berater unterstützt den Klienten zwar dabei, Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln und verschiedene Gründe für diese abzuwägen, er trifft jedoch nicht die Entscheidung und überträgt die Verantwortung dem Ratsuchenden. (vgl. ebd., 8)
Eine Beratung kann also rein aufklärender Natur sein, sich aber auch als wechselseitiges kommunikatives Geschehen, als Beratungsgespräch, vollziehen. Sie ist nicht nur auf das be-raten im seinem ursprünglichen Sinne von „Rat geben“ beschränkt, sondern reicht in den meisten Fällen weit darüber hinaus. 7
2.1.3 Erziehungsberatung
Gemäß der eben beschriebenen Missverständnisse von Beratung ist auch der Begriff der Erziehungsberatung leicht irreführend und verleitet dazu, deren Aufgabenfeld auf die in ihm enthaltende Aufgabe zu reduzieren: Beratung in der Erziehung. Dies stellt sich jedoch als unangemessen heraus, denn aufgrund der aktuellen Veränderungen 8 kann und darf Erziehungsberatung nicht auf die Beratung in Erziehungsangelegenheiten beschränkt sein, sondern muss sich den vielfältigen Problemen der heutigen Zeit anpassen.
7 Dies ergaben auch die Rückmeldungen meiner Fragebogenaktion. (vgl. 4 Praxisteil: Befragung von
Erziehungsberatungsstellen: „Erziehungsberatung - Beratung oder Therapie?“)
8 vgl. 1 Kindheit im Wandel - Aktualität und Bedarf von Beratung
2 Erziehungsberatung in Theorie und Praxis 22
Bittner (2001) vertritt in diesem Zusammenhang die These, dass „Erziehungsberatung schon immer unter einem falschen Etikett gesegelt ist“ (ebd., 223) und der Berater eine ziemlich komplexe Figur darstellt, da er nur vereinzelt der Aufgabe der Beratung im eigentlichen Sinne nachgeht. (vgl. ebd. 223) Den Erziehungsberatern sei es eigentlich schon immer klar gewesen, dass es in der Erziehungsberatung nicht vornehmlich um Wissensvermittlung geht, sondern vielmehr um die Befähigung zu einem neuen zwischenmenschlichen Handeln. (vgl. Bittner 2007, 13) Erziehungsberatung hat es mit einer großen Vielfalt persönlicher Anliegen zu tun, denn sie „gewährt bei Erziehungsschwierigkeiten, Verhaltensstörungen und Schulproblemen ... Beratung, psychologische, ärztliche und ggf. therapeutische Betreuung für Eltern, Kinder und Jugendliche“ (Böhm 2000, 159). Somit wendet sich Erziehungsberatung nicht nur an Eltern, sondern bietet auch Kindern und Jugendlichen ihre Unterstützung an. Dabei steht immer das Kindeswohl und dessen Sicherstellung gemäß § 27 des KJHG (Kinder- und Jugendhilfegesetz) im Vordergrund. Es gestaltet sich schwierig, eine knapp umrissene Definition der Erziehungsberatung abzugeben, da der Übergang von einer Begriffsklärung hin zu einer Beschreibung des Aufgabenfeldes fließend und schnell vollzogen ist. Ich möchte es deswegen bei dieser kurzen Umschreibung belassen und mich nun im Folgenden ausführlicher mit der Erziehungsberatung in theoretischer sowie praktischer Hinsicht beschäftigen.
2.2 Historische Entwicklung der Erziehungsberatung
Die institutionalisierte Erziehungsberatung blickt auf eine mehr als hundertjährige Geschichte zurück. Ihre Anfänge können zu Beginn des 20. Jahrhunderts konstatiert werden. Schon immer kam durch die Arbeit von Erziehungsberatungsstellen der aktuelle gesellschaftliche Zustand zum Ausdruck und auch heute noch lassen sich Entwicklungen und Veränderungen anhand deren Tätigkeit wahrnehmen. Vermutlich veranlasste dies Vossler dazu, die Erziehungsberatungsstellen als „gesellschaftliche Seismografen“ zu bezeichnen.
2 Erziehungsberatung in Theorie und Praxis 23
2.2.1 Die Anfänge der institutionalisierten Erziehungsberatung
Die ersten Erziehungsberatungsstellen wurden 1896, angeschlossen an psychologische Einrichtungen, eröffnet, z.B. die „Psychological Clinic Lightner Witmer“ in den USA oder die Sprechstunde von Sully in England, ein Angebot für Eltern von schwierigen Kindern. (vgl. Bornemann 1963, 49)
In Deutschland wurden die ersten Einrichtungen, die als Vorläufer der gegenwärtigen Erziehungsberatung angesehen werden können, durch die Initiative von Medizinern und Heilpädagogen ins Leben gerufen. Hier können Fürstenheims „Medico-pädagogische Poliklinik für Kinderforschung und Erziehungsberatung“ (Daumenlang 1983, 76), die 1906 in Berlin gegründet wurde, und Homburgers heilpädagogische Beratungsstelle in Heidelberg genannt werden. Homburger widmete sich bereits vorher Problemkindern und deren Eltern, jedoch erwies sich die psychiatrische Klinik als Beratungsort als unvorteilhaft und somit bot er ab 15. April 1917 seine heilpädagogische Beratung einmal wöchentlich in der Heidelberger Kinderklinik an. (vgl. Bittner 2001, 224)
Die Erziehungsberatung geht nicht nur auf eine, sondern auf verschiedene Wurzeln zurück: Die heilpädagogischen Bestrebungen erhielten enormen Aufschwung durch die Tiefenpsychologie, die erstmals die Existenz psychischer Erkrankungen und die Wirksamkeit der Psychotherapie bei solchen vertrat. Besonders zu betonen sind in diesem Zusammenhang Freuds Erkenntnisse über Verhaltensauffälligkeiten und deren Entwicklung in der frühen Kindheit sowie die Überlegungen von Adler, die er in seiner Individualpsychologie zum Ausdruck brachte. (vgl. Bornemann 1963, 49f.) Adler gründete seine erste Beratungsstelle, nachdem er 1915 begonnen hatte, in der Volkshochschule regelmäßig Vorträge über Erziehung zu halten. Aufgrund der Tatsache, dass die Beratungsstelle der Volkshochschule angegliedert war, sieht Bittner „eine ihrer [der Erziehungsberatung] wesentlichen Wurzeln“ (Bittner 2001, 225) in der Erwachsenenbildung. Die psychoanalytische Erziehungsberatung bildete sich erst einige Zeit später heraus; sie wurde entscheidend durch Aichhorn geprägt, der die Bedeutung psychoanalytischer Praktiken für die Beratung verdeutlichte. (vgl. ebd. 225)
2 Erziehungsberatung in Theorie und Praxis 24
In Deutschland, Österreich und der Schweiz bildeten sich verstärkt nach dem ersten Weltkrieg verschiedenste Erziehungsberatungseinrichtungen heraus, deren Gründung und Aufbau vor allem Adler und seinen Schülern zu verdanken war. (vgl. Bornemann 1963, 49f.) Diese rasante Ausbreitung machte eine baldige gesetzliche Verankerung der Erziehungsberatung erforderlich. Durch die Verabschiedung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes im Jahr 1922 wurde sie Teil des Systems der Jugendhilfe, wodurch sie ihr gesetzliches Fundament erhielt. Einige Jahre später war die Zahl an Erziehungsberatungsstellen in Deutschland bereits auf 42 gestiegen. (vgl. Daumenlang 1983, 76)
2.2.2 Erziehungsberatung im Nationalsozialismus
Die Fortentwicklung der Erziehungsberatung wurde jedoch in Deutschland durch die Wirtschaftskrise und die Machtergreifung Adolf Hitlers im Jahr 1933 unterbrochen. Vielmehr wurde sie von den Nationalsozialisten für eigene Zwecke umfunktionalisiert und dazu verwendet, die NS-Ideologie zu verbreiten. Im Mittelpunkt des Interesses stand nicht mehr das Individuum, sondern das Volk als Ganzes. Je nach Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe galten folgende erzieherische Zielsetzungen: Die erste Gruppe repräsentierte den Typ Mensch, bei dem aufgrund idealer Erbanlagen keine pädagogische Arbeit geleistet werden musste. Diesen Kindern und Jugendlichen wurde außerordentlich viel Zuwendung und Fürsorge gegeben; ihnen kam das Privileg der Hitlerjugend und dem Bund Deutscher Mädel zu. Der dritten Gruppe wurden die Schwererziehbaren zugeordnet. Diese galten aufgrund ihrer genetischen Veranlagung als nicht mehr sozialisierbar, so dass pädagogische Bemühungen bei ihnen als überflüssig angesehen wurden. Demnach lag der Fokus der pädagogischen Behandlung auf der zweiten Gruppe. Die Kinder und Jugendlichen dieser Gruppe galten anlagebedingt als minderwertig, aber noch resozialisierbar und wurden in Fürsorgeanstalten untergebracht. (vgl. Geib 1994, 279) Durch die Initiative der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) entstand eine Erziehungsberatung, die stark von nationalsozialistischen Grundsätzen geprägt war. Deren Aufgabe bestand in der Selektion und Sicherstellung der „Früherfassung aller der Erziehungsberatung bedürftigen Fälle“ (Hundsalz 1995, 25). Um 1936/37 gab es
Arbeit zitieren:
Carolin Markert, 2008, Überlegungen zu einer pädagogischen Theorie der Erziehungsberatung , München, GRIN Verlag GmbH
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