Inhalt
1. Einleitung 2
2. Die Diktatur des Proletariats nach Marx und Engels 3
3. Verwirklichung der sozialistischen Gedanken durch Stalin? 4
3.1 Der Beginn der stalinistischen Herrschaft 5
3.2 Die Sowjetunion als Vorreiter 5
3.3 Eigentum der Produktionsmittel 6
3.4 Entkulakisierung und überforderte Industrie 7
3.5 Gewaltsame Durchsetzung der stalinschen Ideen 9
3.6 Bürokratismus statt Diktatur des Proletariats 11
3.7 Die Rolle der Partei 14
3.8 Theoretiker als Rechtfertigung 16
3.9 Geschichtsverfälschung und Personenkult
als Legitimationsinstrumente 17
4. Fazit 18
5. Abkürzungsverzeichnis 21
6. Literatur 22
1
1. Einleitung
Stalin steht heute für Diktatur, Massenmorde und unglaubliche Grausamkeit. Scheinbar stützte er sich auf die Theorien von Marx, Engels und Lenin und suchte sein Verhalten und seine Maßnahmen mit angeblich sozialistischen Begründungen zu legitimieren. Doch kann man tatsächlich sagen, dass Stalin den Sozialismus in der Art und Weise versuchte umzusetzen, wie Marx, Engels und weitere es im Sinn hatten? Oder kann man vielmehr von einer „ganz speziellen“ Sichtweise Stalins ausgehen, der die sozialistische Theorie als Deckmantel für sein Agieren missbrauchte; ist sein Verständnis des Sozialismus also eher ein Missverständnis?
In der folgenden Arbeit möchte ich an einigen Merkmalen der stalinschen Herrschaft versuchen, mögliche Differenzen seiner Herrschaft zur sozialistischen Theorie aufzeigen. Aus Gründen der Stärke des Umfangs der Arbeit ist es dabei notwendig, verschiedene Aspekte, wie die Vorgeschichte, also die Herrschaft Lenins, weitestgehend auszuklammern, auch wenn natürlich das Phänomen Stalin nicht aus dem Nichts entstanden ist.
Um Differenzen seines Denkens und Handelns zu den Vorstellungen Marx und Engels und auch Lenins bezüglich dem Weg zum Sozialismus aufzuzeigen, erscheint es mir notwendig, zunächst kurz auf diese einzugehen.
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2. Die Diktatur des Proletariats nach Marx und Engels
Die klassische kommunistische Theorie Marx' und Engels sieht als wesentlich an, „dass der erste Schritt in der Arbeiterrevolution die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse die Erkämpfung der Demokratie ist. Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, d.h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren und die Masse der Produktivkräfte möglichst rasch zu vermehren. Es kann dies natürlich zunächst nur geschehen vermittels despotischer Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse, durch Maßregeln also, die ökonomisch unzureichend und unhaltbar erscheinen, die aber im Lauf der Bewegung über sich selbst hinaustreiben und als Mittel zur Umwälzung der ganzen Produktionsweise unvermeidlich sind.“ 12
An die Stelle des zerschlagenen Staates solle ein proletarischer treten, der die Errungenschaften der Revolution verteidigen und die Konterrevolution niederhalten solle. 3 Die Teilung der Staatsgewalt werde aufgehoben, die allgemeine Selbstverwaltung der Gesellschaft angestrebt: Mit dem Ergreifen der Staatsgewalt und der Verwandlung der Produktionsmittel in Staatseigentum hebe das Proletariat sich selbst und damit alle Klassenunterschiede und -gegensätze und den Staat an sich auf, der bisher zur gewaltsamen Niederhaltung der ausgebeuteten Klasse notwendig gewesen sei.
„Diktatur des Proletariats“ ist nun Marx' Definition für den Zustand, der in der Übergangsperiode zwischen dem Sturz des Kapitalismus und der Errichtung der sozialistischen Gesellschaft wirksam werde. 4 Diese Diktatur solle jedoch kein System der Zwangsanwendung sein, vielmehr werde erstmals in der Geschichte die arbeitende Klasse über die bisher ausbeutende herrschen.
Der Staat solle zur Selbsterziehung des Proletariats für seine Aufgaben beitragen und zur Entfaltung einer „proletarischen Demokratie“, die schließlich die ganze Gesellschaft umfassen solle. 5 Diese Verwandlung des Staates aus einer „besonderen Gewalt“ in die „allgemeine Gewalt“ des Volkes ermögliche freien Zugang zu den öffentlichen Ämtern, ein
1 Marx und Engels: Manifest der Kommunistischen Partei von 1848, zit. nach Hofmann, Werner: Was ist Stalinismus?, Heilbronn 1984; S. 35 2 http://www.glasnost.de/pol/gorbi.html
3 Hofmann, a.a.O.; S.37
4 http://www.glasnost.de/pol/gorbi.html
5 Hofmann, a.a.O.; S.37
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allgemeines System von Wahl und Abberufung der Funktionäre, sowie deren ständige Kontrolle durch das Volk. 6 Das Proletariat schaffe sich eigene Organe in Gestalt der Räte. 7 Indem der Staat nun „tatsächlich Repräsentant der ganzen Gesellschaft wird, macht er sich selbst überflüssig. (...) Das Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche Verhältnisse wird auf einem Gebiete nach dem anderen überflüssig und schläft dann von selbst ein. An die Stelle der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen, der Staat wird nicht „abgeschafft“, er stirbt ab“. 8
Im Kommunistischen Manifest wird davon ausgegangen, dass die wachsende Internationalisierung der industriellen Krisen in der sich verflechtenden Weltwirtschaft für einen Gleichschritt des Proletariats sorgen werde. „Vereinigte Aktion, wenigstens der zivilisierten Länder, ist eine der ersten Bedingungen seiner Befreiung.“ 9 Die Ergreifung der Staatsmacht durch Arbeitende werde zuerst und etwa zur gleichen Zeit in den wirtschaftlich entwickeltsten Ländern stattfinden, wo die Ballung des Kapitals in wenigen Händen und die Proletarisierung der übrigen Gesellschaft und Verarmung des Proletariats am weitesten fortgeschritten sei. „Die kommunistische Revolution wird daher keine bloß nationale, sie wird eine in allen zivilisierten Ländern, das heißt wenigstens in England, Amerika, Frankreich und Deutschland gleichzeitig vor sich gehende Revolution sein...“ Den „unterentwickelten“ Völkern Asiens, Afrikas, Lateinamerikas und auch Russlands trauten Marx und Engels dabei keine eigenständige Rolle zu. Sie könnten nur mit Hilfe der bereits sozialistisch gewordenen hochindustrialisierten Länder zum Sozialismus gelangen. 10
3. Verwirklichung der sozialistischen Gedanken durch Stalin?
Ließe sich die stalinsche Herrschaft nun tatsächlich in die Gedanken Marx und Engels einreihen, müssten die wesentlichen Aspekte ihrer Vorstellungen, also die Diktatur des Proletariats als ein Übergangszustand, das Absterben des Staates und eine Gleichzeitigkeit der Revolution auf internationaler Basis, als Kennzeichen seiner Herrschaft nachzuweisen sein.
6 vgl. Marx, nach Hofmann, a.a.O.; S. 38f.
7 Hofmann, a.a.O.; S. 37
8 Engels, zit. nach Hofmann; a.a.O., S. 37
9 Manifest der kommunistischen Partei, zit. nach Hofmann, a.a.O.; S.40
10 http://www.p-moeller.de/pstalin2.htm
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3.1 Der Beginn der stalinistischen Herrschaft
Im Jahr 1922 wurde Stalin auf dem XI. Parteitag zum Generalsekretär der Partei gewählt. Ursprünglich besaß dieses Amt einen eher administrativen als politischen Charakter. Mit den Aufgaben und der Rolle der Partei sowie der Erkrankung Lenins wuchs jedoch auch seine Bedeutung. Stalin war nun der einzige der Parteiführer, der zugleich im Polit-, Organisationsbüro, Parteisekretariat und als Verantwortlicher in zwei Volkskommissariaten arbeitete. Lenin erkannte, dass dies die Gefahr einer autoritären Alleinherrschaft bergen könnte: „Der Genosse Stalin hat eine unbegrenzte Macht in seinen Händen konzentriert.“ 11 Um einem Machtmissbrauch weniger Führungsmitglieder vorzubeugen und die Kollektivität von Beratung und Entscheidung zu sichern, schlug er vor, die Anzahl der Mitglieder des Zentralkomitees (ZK) bis auf 100 zu erhöhen, die vorrangig aus der Arbeiterklasse stammen sollten. Er befürchtete eine Gegnerschaft zwischen Trotzki und Stalin und eine daraus resultierende Parteispaltung. „Stalin ist zu grob, und dieser Mangel, der in unserer Mitte und unter uns Kommunisten durchaus erträglich ist, kann in der Funktion des Generalsekretärs nicht geduldet werden. Deshalb schlage ich den Genossen vor, sich zu überlegen, wie man Stalin ablösen könnte und jemand anderen an diese Stelle zu setzen, der sich (...) vom Genossen Stalin nur durch einen Vorzug unterscheidet, nämlich dadurch, dass er toleranter, loyaler, höflicher und den Genossen gegenüber aufmerksamer, weniger launenhaft ist.“ 12 Nach Lenins Tod fehlte die Autorität, die bisher die widerstreitenden Parteiflügel geeint hatte. Stalin hatte durch geschicktes Einsetzen seiner Leute in wichtige Funktionen und Ausschaltung anderer Macht gewonnen, wie Lenin befürchtet hatte. Aus allen innerparteilichen Kämpfen ging er als Sieger hervor. 13
3.2 Die Sowjetunion als Vorreiter
Nach Lenins Tod entschied sich Stalin gegen den von Lenin konzipierten Versuch durch Nachholen der kapitalistischen Phase (NÖP) die Produktivkräfte zu entwickeln und stattdessen für den direkten Weg zum Kommunismus, bzw. dem Sozialismus als dessen niedere Form. Die politische und kulturelle Zurückgebliebenheit Russlands, das in vielerlei Hinsicht noch feudalistische Strukturen aufwies, blieb dabei unberücksichtigt. 14 Mit seiner „Theorie vom Sozialismus in einem Lande“ begründete Stalin seine Pläne und versuchte diese gegen den Willen der meisten Marxisten seiner Zeit mit Gewalt umzusetzen. 15
11 Elleinstein, Jean: Geschichte des Stalinismus“; Westberlin 1977; S. 48
12 Wolkogonow, Dimitri: Stalin; Düsseldorf 1989; S. 134
13 http://www.p-moeller.de/pstalin2.htm
14 http://www.glasnost.de/autoren/gettel/strat1.html
15 Baum, Irmgard: Idealismus und Stalinismus, in: Arbeitskreis kritischer MarxistInnen, a.a.O.; S. 133
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Arbeit zitieren:
Dipl.-Pol. Stephanie Walter, 2004, Stalins Verständnis des Sozialismus - ein Missverständnis?, München, GRIN Verlag GmbH
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