INHALTSVERZEICHNIS Seite
1 Einleitung. 3
2 Die Arbeit der Kriegsgefangenen und Internierten als Faktor der
Reparationsleistungen 6
2.1. Die Kriegsgefangenen als Planungsgröße in der sowjetischen
Volkswirtschaft. 8
2.2 Probleme des Arbeitseinsatzes der Kriegsgefangenen 9
2.3 Die Internierten als Planungsgröße in der sowjetischen Volkswirtschaft11
2.4 Probleme des Arbeitseinsatzes der Internierten. 13
2.5 Die Leistungen der Kriegsgefangenen und Internierten 14
3 Die Demontagen in der SBZ. 18
3.1 Die „Trophäen“, die erste und zweite Demontagewelle. 18
3.2 Das Beispiel der Deutschen Reichsbahn 21
3.3 Die dritte Demontagewelle 23
3.4 Das Beispiel der Carl Zeiss Werke 24
4 Schlusswort 27
5 Bibliographie. 30
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1 Einleitung
Die Sowjetunion war das Land, das im Zweiten Weltkrieg mit Abstand die größten Kriegsschäden zu tragen hatte. Ein Großteil der Kriegshandlungen hatte auf sowjetischem Territorium stattgefunden.
Der Krieg im Osten forderte Millionen von Opfern. Dazu kamen noch die Schäden, die der sowjetischen Nationalökonomie durch Besatzung und Zerstörung zugefügt wurden. Die Taktik der Verbrannten Erde beim Rückzug der Wehrmacht und ihrer Verbündeten bedeutete für das Land eine zusätzliche Welle der Vernichtung.
Diese Verwüstungen machten die Sowjetunion bei Kriegsende zu einem Land, dessen einst mit am stärksten industrialisierte Regionen, der europäische Teil unter Einschluss der Ukraine und Weißrusslands, völlig zerstört waren oder zumindest einen beträchtlichen Teil ihrer Kapazitäten eingebüßt hatten. Zahlreiche Industriekomplexe im westlichen Teil der Sowjetunion waren entweder in den ersten Monaten des Krieges evakuiert oder im Zuge der Eroberung durch die Wehrmacht und ihre Verbündeten beziehungsweise während ihres Rückzugs zerstört worden. Einige der Betriebe, die anfangs gezwungenermaßen verlagert worden waren, wurden an den neuen Standorten belassen. Die Belegschaften waren gleich mit umgesiedelt worden; die Evakuierungen hatten für die sowjetische Staatsführung den Vorteil, bislang strukturell schwache Landesteile industrialisieren zu können und den notwendigen Bevölkerungstransfer in bis dahin dünn besiedelte Gebiete im Ural und jenseits desselben nicht als reine Zwangsmaßnahme durchführen zu müssen, da eine Legitimation von außen gegeben war. Diese strukturelle Aufwertung entlegener Gebiete wie des Urals und Sibiriens durch das dort erhaltene Wirtschaftspotential sollte in einigen Fällen nicht wieder in den Westen zurückverlegt wurde. 1 Bereits während des Krieges als der alliierte Sieg noch nicht greifbar war, begann man auf sowjetischer Seite Überlegungen anzustellen, welche Möglichkeiten es zur Befriedigung der eigenen Reparationsansprüche gebe. Es ergaben sich demnach folgende mögliche Quellen, aus denen die Reparationsansprüche zu befriedigen wären: Reparationen durch Demontagen, durch Entnahmen aus der laufenden Produktion sowie durch den Einsatz fremder Arbeit - und das meinte den Einsatz primär deutscher Arbeitskraft. Dabei kristallisierte sich die Dreiteilung in den sowjetischen Konzepten schon früh heraus. Spätestens ab Januar 1944 (mit dem Bericht Majskijs
1 Die Gründe für den hohen Bedarf an Demontagegütern aus der Industrie der SBZ waren daher nicht nur die Verheerungen, die die deutsche Besatzung über das Land gebracht hatte, sondern bestimmt auch die Überlegung, dass die forcierte Industrialisierung der entlegenen Regionen, die mittels der Evakuierungen vollzogen worden war, voll und ganz sowjetischen Planungen entsprach (nämlich der langfristig angestrebten Industrialisierung des ganzen Landes). Der Chef des Staatlichen Planungskomitees (GosPlan) Voznesenskij äußerte sich in seinem Bericht Die Kriegswirtschaft bezüglich der Zielvorgabe des Fünfjahresplans: „Der Fünfjahresplan zur Wiederherstellung und Entwicklung der Volkswirtschaft[...]beinhaltet den völligen Wiederaufbau der Wirtschaft in den ehemals besetzten Gebieten[...]. Für die gesamte Volkswirtschaft beabsichtigt der Nachkriegs-Fünfjahresplan auf der Grundlage des Wiederaufbaues[sic]der Produktion in den befreiten Gebieten und einer fortschreitenden Entwicklung aller Gebiete der Sowjetunion[...]den Stand der Vorkriegsentwicklung erheblich zu überschreiten[meine Hervorhebung].“ (Zitiert nach Andreas Hilger: Deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion 1941-1956: Kriegsgefangenenpolitik, Lageralltag und Erinnerung. Essen 2000, S.174.) Funktionierende Betriebe im Ural oder anderen entlegeneren Regionen stellten eine Errungenschaft dar. Es war deshalb unwesentlich, woher und auf welchem Wege sie ursprünglich gekommen waren. Es bot sich an, den Westen des Landes möglichst mit industriellen Anlagen aus Deutschland zu versorgen, da das Wirtschafts- und vor allem das Rüstungspotential dort sowieso drastisch verringert werden sollte, um sowjetischen Sicherheitsinteressen Rechnung zu tragen.
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an Molotov) kann von diesen Elementen in den Reparationsplänen ausgegangen werden, denn Majskij hob die Rolle von Reparationsleistungen durch Arbeit hervor. 2 Der letzte Punkt lässt sich in drei unterschiedliche Stränge gliedern, die gleichzeitig die verschiedenen Kontingente der zur Arbeit Herangezogenen darstellen: die Kriegsgefangenen, die (Zivil-) Internierten (sowohl Reichs- als auch Volksdeutsche) und die sogenannten Spezialisten. Der jeweilige Beitrag jeder der beiden ersten Gruppen soll in dieser Arbeit mit berücksichtig werden, so weit er im Hinblick auf die Quellenlage genauer bestimmt werden kann. Es sollen Rückschlüsse auf die Effizienz der reparationspolitischen Maßnahmen gezogen werden (zum Beispiel aus dem Lagerregime, den Arbeitsbedingungen, Erkrankungen der Zwangsarbeiter etc. auf deren Leistung). Hierfür lagen entsprechende Quellen in Form von Befehlen, Direktiven und Korrespondenzen zwischen verschiedenen administrativen Organen des sowjetischen Staats- und Verwaltungsapparats vor, die ein Licht auf die seinerzeit bestehende Probleme werfen und so eine Vorstellung von den Verhältnissen ermöglichen, unter denen inhaftierte Deutsche in der UdSSR lebten und arbeiteten. Daraus sind die Wahrscheinlichkeit der resultierenden Leistungen und eine mögliche Befriedigung der sowjetischen Ansprüche abzuleiten. Der Chronologie der Ereignisse entsprechend, werden zuerst die Kriegsgefangenen als Arbeitskraft- und Reparationsfaktor untersucht. Die Berücksichtigung dieser Gruppe endet mit dem Jahr 1949/50, da zu diesem Zeitpunkt die letzten großen Repatriierungen abgeschlossen wurden und das Kriegsgefangenenkontingent somit zu einem vernachlässigbaren Faktor in der sowjetischen Wirtschaft wurde. 3
In diesem Zusammenhang werden auch die Zivilinternierten in Betracht gezogen. Zu großen Teilen ebenfalls vor Kriegsende mobilisiert und zum Arbeitseinsatz in die UdSSR deportiert, waren sie der gleichen Hauptverwaltung (GUPVI) wie die Kriegsgefangenen unterstellt. Ihr Lageralltag, ihre Arbeitsbedingungen und Einsatzbereiche unterschieden sich kaum von denen der inhaftierten Wehrmachtsangehörigen. Ihre Leistungen sind daher gleichartig einzuschätzen wie die der ersten Gruppe. Als Quelle dienten Korrespondenzen, die sich mit der Planung des Einsatzes, der Erfassung und Verteilung befassten. Sie verdeutlichen die sowjetischen Erwartungen und veranschaulichen auch hier Probleme des Zwangsarbeitssystems. Ein besonderes Kontingent bilden die sogenannten Spezialisten. Sie sollen in dieser Arbeit nicht untersucht werden. Die Behandlung der in diese Gruppe eingestuften Personen differierte in der Regel stark von der, die den Kriegsgefangenen und Internierten zuteil wurde. Auch ihre Leistungen für die sowjetische Volkswirtschaft sind auf Grund ihres hohen Ausbildungsstandards und ihrer Professionalität auf dem jeweiligen Gebiet anders zu bewerten als die der ersten beiden Gruppen. Eine gesonderte Betrachtung der Spezialisten und ihres Aufbaubeitrags wäre nötig und
2 Entnahmen aus der industriellen Produktion sowie aus dem Volkseigentum (das heißt Demontagen) stellten keine neue Reparationspraxis dar und bedurften daher kaum einer besonderen Erörterung. Deshalb kann man davon ausgehen, dass diese beiden Arten der Reparationen als selbstverständlich vorausgesetzt wurden - im Gegensatz zu einem erzwungenen Arbeitseinsatz, der schon zu diesem Zeitpunkt als in der Sowjetunion abzuleistender einkalkuliert wurde. Die überhasteten Demontagen noch vor Kriegsende im Jahr 1944 suggerieren auf sowjetischer Seite die Sicht, die Befriedigung der Ansprüche aus dem deutschen Volkseigentum für selbstverständlich und völlig gerechtfertigt zu halten.
3 Vgl. Hilger 2000, Tabelle IV, S. 196. 1949 (1. Februar) waren noch 400.952 Kriegsgefangene aus westlichen Ländern in der Sowjetunion beschäftigt. Für das Jahr 1950 gibt Hilger keine Zahl an, aber noch im Mai 1947 waren 1.044.568 Gefangene in Arbeit. Es kann bei den Repatriierungsraten, die sich aus der Tabelle ergeben, davon ausgegangen werden, dass
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entspräche auch der Andersartigkeit der sowjetischen Erwartungen an sie. Obwohl ihre Leistungen zur Nutzung fremder Arbeitskraft gerechnet werden müssen, bleiben sie hier im Hinblick auf Art und Umfang der Arbeit unberücksichtigt.
Für die Bewertung der Kriegsgefangenen- und Interniertenarbeit wurden die Arbeiten Andreas Hilgers, Stefan Karners, Pavel Poljans sowie einiger russischer Historikerinnen 4 verwendet. Sie erhellen die Planung, Umsetzung und den Umfang der Kontingente und geben Aufschluss über Probleme des Gefangenenwesens. Auf dieser Grundlage erfolgten eine Einschätzung der sowjetischen Planungen und der Effizienz des Arbeits- und Haftregimes. Das zweite Kapitel befasst sich mit den Demontageaktionen. Hierbei lassen sich unterschiedliche Demontagewellen feststellen, die sowohl im Umfang als auch in ihrer Effizienz stark voneinander differierten. Es sollen weniger Art und Ausmaß der abtransportierten Güter in den Blick genommen werden als vielmehr ganz allgemein das Vorgehen in den verschiedenen Phasen, um abschließend auf den Nutzen respektive die Ineffizienz der Aktionen einzugehen. Für die erste Welle der Demontagen werden die Plünderungen und der Abtransport von Sachwerten, die nicht aus Maschinen und Anlagen bestanden, nicht behandelt, da der Werterhalt solcher Güter (Möbel, Kunstgegenstände, Edelmetalle, Schmuck etc.) durch den Transfer in die UdSSR nicht in Frage steht und die Frage nach der Zweckmäßigkeit dieser Aktionen sich von selbst beantwortet. Ebenso verhält es sich mit den Entnahmen aus der laufenden Produktion. Bis zur Einstellung der Reparationsleistungen und dem Erlass der Restschuld zum 1. Januar 1954 5 bildeten sie die Hauptquelle für Reparationen aus der SBZ. Da die Zulieferung von Halbfabrikaten und fertigen Erzeugnissen schon in geordneteren Bahnen verlief und Probleme von vornherein entfielen, die bei anderen Formen der Reparationsleistungen eine Rolle spielten, erschien es nicht als notwendig, die Effizienz der sowjetischen Politik diesbezüglich zu untersuchen. Verwertbarkeit und Nutzen von Halbfabrikaten und fertigen Produkten sowie Rohstoffen für die sowjetische Seite werden vorausgesetzt. Daraus ergibt sich, dass die Fragestellung für diese reparationspolitischen Maßnahmen keine aufschlussreichen Ergebnisse hervorbringt.
Die Demontagen werden anhand des Beispiels der Deutschen Reichsbahn sowie für die spätere Phase anhand der Carl Zeiss Werke untersucht. Der Nutzen für die Sowjetunion soll gemessen an der Wiederverwendung der entnommenen Anlagen eingeschätzt werden. Konsequenzen für die SBZ sollen aufgezeigt werden, insofern sich daraus direkte Konsequenzen auch für die mögliche Erfüllung der Erwartungen der UdSSR in reparationspolitischer Hinsicht ergeben. Die allgemeine Beschreibung stützt sich primär auf Rainer Karlschs Arbeit zu den Reparationsleistungen der SBZ. Die Publikationen Werner Matschkes und Jörg Fischs wurden berücksichtigt, insofern sie für diese Arbeit relevant waren. Für die Fallbeispiele fanden die
das Kontingent spätestens ab Anfang 1950 so klein war, dass ihm kein besonderes Gewicht mehr innerhalb der sowjetischen Wirtschaft(-splanungen) zukam.
4 Angeführt an entsprechender Stelle in der Arbeit sowie in der Bibliographie.
5 Vgl. o. Verf. (Hgg. v. Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen): Die Reparationen der sowjetischen Besatzungszone in den Jahren 1945 bis Ende 1953. Eine Fortführung der Untersuchungen von Dr. Franz Rupp über die Reparationsleistungen der sowjetischen Besatzungszone (=Bonner Berichte aus Mittel- und Ostdeutschland 25). Bonn 1953, S. 26 f (Anlage 4). Diese Entscheidung fällte die Sowjetregierung nicht nur für sich, sondern auch für die Volksrepublik Polen. Das geht aus dem entsprechenden Vertrag hervor, der in Moskau am 22. August 1953 nur von einem deutschen und einem russischen Vertreter des Staates (Otto Grotewohl und Vjaceslav Molotov) unterzeichnet wurde. Die zwei ausgefertigten Exemplare
5
Arbeiten Rüdiger Kührs zur Deutschen Reichsbahn und Matthias Uhls zur Demontage der Carl Zeiss Werke Verwendung, deren Ergebnisse teilweise miteingearbeitet wurden. 6
2 Die Arbeit der Kriegsgefangenen und Internierten al s Fakto r der Reparationsleis tungen
Ab Herbst 1943 befanden sich erstmals größere Kontingente an Kriegsgefangenen in sowjetischer Hand. 7 Damit begannen sich auch die Möglichkeiten eines Arbeitseinsatzes in der sowjetischen Wirtschaft konkreter abzuzeichnen. Die Kontingente wurden ab Winter 1944/45 durch Volksdeutsche aus den von der Roten Armee eroberten Ländern (Süd-)Osteuropas aufgestockt. Später folgten deportierte Reichsdeutsche aus den deutschen Ostgebieten sowie der SBZ. Die Überlegungen, deutsche Arbeitskräfte in die Planungen für den Wiederaufbau zu integrieren, lassen sich bis ins Jahr 1943 zurückverfolgen. Dabei wurden nicht nur Kriegsgefangene einkalkuliert, sondern auch deutsche Zivilisten. 8 Die Integration deutscher Arbeitskraft in die Planungen des Wiederaufbaus schlossen die noch in der UdSSR befindlichen gefangenen Soldaten 9 selbstverständlich mit ein, wenn sogar Zivilisten miteinbezogen wurden. Laut Pavel Poljan scheinen die Vorstellungen, die sich M. M. Litvinov von Zwangsarbeit machte, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seines Memorandums „Der Umgang mit Deutschland und anderen feindlichen Ländern in Europa“ (9. Oktober 1943) jedoch „noch nicht ausschließlich die Entsendung deutscher Arbeiter und Kriegsgefangener in die Industrien der Siegermächte“ 10 zum Inhalt gehabt zu haben. Litvinov erwog auch Restitutionen 11 . Er schrieb in seinem Memorandum an Molotov, dass „die Nutzung deutscher Arbeitskraft hauptsächlich[meine Hervorhebung] die Entsendung deutscher Arbeiter oder Kriegsgefangener in Länder, denen Deutschland zu Reparationszahlungen verpflichtet“ sei, „im Blick“ habe. Weiter, heißt es da, sei „auch[meine Hervorhebung]die Verarbeitung von[...]Halbfabrikaten[aus den reparationsberechtigten
lagen auch jeweils nur in deutscher und russischer Sprache vor, nicht aber in polnischer, so dass ein polnisches Mitspracherecht als sehr unwahrscheinlich angesehen werden kann.
6 Angeführt an entsprechender Stelle in der Arbeit sowie in der Bibliographie.
7 Vgl. Stefan Karner: Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sowjetunion 1941-1956. Wien/München 1995, S. 136 f.
8 Vgl. Pavel M. Poljan: Westarbeiter: Reparationen durch Arbeitskraft. Deutsche Häftlinge in der UdSSR. In: Dittmar Dahlmann/Gerhard Hirschfeld (Hrsg.): Lager, Zwangsarbeit, Vertreibung und Deportationen: Dimensionen der Massenverbrechen in der Sowjetunion und in Deutschland 1933 bis 1945. Essen 1999, S. 339. Polen forderte als erster der 16 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen „qualifizierte deutsche Arbeitskräfte zur Wiederherstellung seiner Nationalwirtschaft“ (ebd.).
9 Zum 1. September 1943 waren in der UdSSR nur 25.346 Kriegsgefangene aus westlichen Ländern im Arbeitseinsatz (s. Hilger 2000, Tabelle IV, S. 196). Es war klar, dass sich ihre Zahl bis Kriegsende vervielfachen würde, und davon gingen die verantwortlichen Planer auch aus.
10 Poljan, S. 339 f.
11 Vgl. ebd. Unter Restitutionen verstand man die Rückgabe der vom Feind geraubten oder zerstörten Sachwerte zuzüglich einer entsprechenden Entschädigung. Das impliziert nicht die Deportation von Zwangsarbeitern in die zu entschädigenden Länder oder die Verpflichtung noch vor Ort befindlicher Kriegsgefangener zum Arbeitseinsatz. Es lässt vielmehr die Auslegung zu, dass gefangene Militärangehörige repatriiert werden und nach ihrer Rückkehr ins zivile Leben in ihrem Heimatland gegebenenfalls zwangsweise Seite an Seite mit denen, die nicht aktiv am Krieg teilgenommen haben, für die Siegermächte produzieren. Dieses Modell entspricht den später durchgeführten Entnahmen aus der laufenden Produktion der SBZ. Die UdSSR hätte dadurch den Aufwand umgehen können, für die Ernährung und Gesundheit der Häftlinge auf sowjetischem Territorium aufkommen zu müssen. Das Problem wäre in die SBZ verlagert worden, und wäre dort vermutlich nicht in dem Ausmaß eskaliert, wie es in der Sowjetunion zeitweise der Fall war. Es gab aber genügend Gründe, solchen Erwägungen keinen Raum zu lassen (mögliche Abwanderung in die Westzonen, Erhalt von Reparationsleistungen, die gegenüber den westlichen Bündnispartnern in Verhandlungen nicht als solche ausgewiesen werden mussten etc.).
6
Ländern]in deutschen Unternehmen und die kostenlose Rücklieferung fertiger Produkte vorgesehen“ 12 .
Fragen der Repatriierung von Kriegsgefangenen und ihres Einsatzes in der deutschen Wirtschaft wurden zu diesem Zeitpunkt nicht behandelt.
Anfang 1943 wurde Ivan M. Majskij, Botschafter der Sowjetunion in Großbritannien, mit der Bildung einer Kommission beauftragt, deren hauptsächliche Aufgabe in der Ausarbeitung eines Aktionsplans bezüglich der Reparationsfrage bestand. In seinem Bericht an Molotov vom 11. Januar 1944 schlug er unter anderem vor „Reparationsleistungen durch Arbeit seitens Deutschlands für einen langen Zeitraum (mindestens 10 Jahre)“ 13 . Zu diesem Zeitpunkt ging die Majskij-Kommission von Reparationszahlungen im Wert von 70-75 Milliarden US-Dollar 14 aus und veranschlagte, dass bei einem jährlich zur Verfügung stehenden Kontingent von fünf Millionen ZwangsarbeiterInnen in zehn Jahren der Sowjetunion Leistungen im Umfang von 35-40 Milliarden erbracht werden würden. 15
Reparationszahlungen in Form des Einsatzes deutscher Arbeitskraft werden für möglich gehalten, obwohl diese Frage in den USA und in England selbst viel Polemik hervorgerufen hat. Es wird aber übereinstimmend angenommen, daß diese Form von Reparationsleistungen nur für die UdSSR denkbar ist und nicht für die kapitalistischen Länder. 16
Diese Äußerung vom 9. Oktober 1944 suggeriert, dass zu diesem Zeitpunkt zumindest innerhalb der Kommission schon nicht mehr nur über die Entnahme aus der laufenden Produktion, das heißt die Zwangsverpflichtung von Deutschen zur Reparationsarbeit innerhalb Deutschlands die Rede war, sondern schon von der Einplanung großer Kontingente in der sowjetischen Wirtschaft selbst. Diesen Gedanken äußert aber schon das Memorandum Litvinovs, das genau ein Jahr zuvor entstanden war. 17 Die Ausfuhr deutscher Güter als Reparationsleistungen und selbst die Zwangsverpflichtung von Deutschen, in der eigenen Nachkriegswirtschaft an der Produktion dieser Güter mitzuwirken, hätte wohl kaum „viel Polemik hervorgerufen“. Poljan führt außerdem einen Bericht Majskijs an, den dieser für Molotov im Vorfeld zur Konferenz von Jalta verfasst haben soll, in dem „in ganz allgemeiner Form“ die Rede war von der „’Nutzung deutscher Arbeitskraft in den Ländern, die unter der deutschen Aggression gelitten
12 G. P. Kynin/J. Laufer (Hrsg.): SSSR i germanskij vopros. 1941-1949: Dokumenty iz Archiva vnesnej politiki Rossijskoj Federacii. Tom 1: 22 ijunja 1941 - 8 maja 1945. Moskau/Potsdam 1996, Dok. 86, S. 291 (meine Übersetzung). In diesem Band findet sich das gesamte Memorandum im russischen Original (Dok. 86). Poljan hat recht mit der Feststellung, dass man laut Litvinov „noch nicht ausschließlich“ die Massendeportation deutscher Zivilisten und Kriegsgefangener zur Zwangsarbeit ins Ausland (respektive die Aufrechterhaltung ihrer dortigen Internierung) unter der Nutzung deutscher Arbeitskraft verstand; es ergibt sich aus Litvinovs Worten, dass schon im Oktober 1943 nicht nur „nicht ausschließlich“ die Entsendung deutscher Arbeitskräfte das Konzept der Reparationen durch Arbeit bestimmte, sondern der Akzent sogar ausdrücklich auf der Verbringung lag. Die Entnahmen aus der laufenden Produktion sollten trotzdem eine große Rolle spielen, auch wenn sie in Litvinovs Memorandum eher als Ergänzung gedacht zu sein scheinen. Man kann annehmen, dass sie gerade auf dem Hintergrund der Unrentabilität der Zwangsarbeit und der Misserfolge der Demontageaktionen eine Aufwertung erfuhren.
13 Zitiert nach Poljan, S. 340.
14 Im Gegensatz zur später vorgebrachten sowjetischen Forderung in Höhe von 10 Milliarden Dollar.
15 Vgl. Poljan, S. 341.
16 Zitiert nach Poljan, S. 341.
17 In einem „Entwurf zur Vorlage für die Moskauer Konferenz der Außenminister der UdSSR, der USA und Großbritanniens“ vom Oktober 1943, der den gleichen Titel trägt wie Litvinovs Memorandum, heißt es in aller Deutlichkeit: „Bezüglich der Frage der Reparationen und Restitutionen stimmt die Sowjetregierung zu, dass es unumgänglich ist, von Deutschland[...]Reparationen und Restitutionen zu verlangen[...], teils in Form der Ausfuhr von Fabrikationsanlagen[...], aber auch der Überlassung deutscher Arbeitskraft für den Aufbau der zerstörten Dörfer und Städte[meine Hervorhebung]“, Kynin/Laufer 1996, Dok. 71, S.322 (meine Übersetzung).
7
haben’“ 18 . Dieser Bericht fällt in die Zeit Ende Januar 1945. Wie gezeigt wurde, waren solche Überlegungen auch schon explizit früher als Poljan sie ansiedelt in den Entwürfen Litvinovs enthalten und wurden Molotov auch mit dem genannten Memorandum zur Kenntnis gebracht. Die diesbezüglichen Vorschläge der Majskij-Kommission überraschen somit nicht sonderlich. Die Verpflichtungen Deutschlands sollten neben der Bereitstellung „hochqualifizierten technischen Personals“ auch „die zu garantierende Überstellung von durchschnittlich mindestens ‚fünf Millionen deutschen Arbeitern verschiedener Qualifikation[...]im Verlauf von zehn Jahren nach Kriegsende’ pro Jahr“ 19 umfassen.
Auf der Konferenz von Jalta übergab Außenminister Molotov ein Protokoll bezüglich der Reparationsfrage an seine Amtskollegen Eden und Stettinius, das die sowjetischen Vorstellungen nun auch gegenüber den westlichen Verbündeten unmissverständlich zum Ausdruck brachte. Es nannte drei Hauptquellen der zukünftigen Reparationen: a) Entnahmen aus dem Nationalbesitz Deutschlands (mit anderen Worten Demontagegüter), b) Lieferungen aus der laufenden Produktion und c) den Einsatz deutscher Arbeitskräfte. 20
Auf der Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 bildete die Nutzung deutscher Arbeitskraft schon keinen Tagesordnungspunkt mehr.
2.1. Die Kriegsgefangenen als Planungsgröße in der sowjetischen Volkswirtschaft
Eine Bescheinigung des Chefs der Gefängnisabteilung des Innenministeriums der UdSSR (MVD) Oberst Bulanov vom 28. April 1956 beziffert die Gesamtzahl der registrierten deutschen Kriegsgefangenen mit 2.388.443.21 Dies Zahl sollte als Richtwert gelten, da es auch andere Dokumente ebenfalls sowjetischer Herkunft gibt, die davon abweichende Angaben machen. Die ersten deutschen Soldaten gerieten bereits im Winter 1941/1942 in Kriegsgefangenschaft, doch blieb ihre Zahl noch bis Anfang 1943 so gering, dass sie für die sowjetische Wirtschaft keine besondere Rolle spielten.
Im Zusammenhang mit der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft ist zu erwähnen, dass die Verordnung über den Status der Kriegsgefangenen in sowjetischem Gewahrsam vom 19. März 1931 in einem wesentlichen Punkt von der vom 01. Juli 1941 abweicht: Besagte erstere noch, dass Kriegsgefangene ungeachtet ihres militärischen Ranges nur freiwillig zu Arbeiten herangezogen
18 Poljan, S. 341.
19 Ebd., S 341 f.
20 Ebd., S. 342. Poljan weist darauf hin, dass mit dem letzten Punkt nur die Deportation eines Teils der deutschen Zivilbevölkerung gemeint gewesen sein kann. „Wenn etwas anderes gemeint gewesen wäre, etwa Arbeitsleistungen dieser Deutschen in Deutschland und die spätere Beschlagnahmung eines Teils dieser Produktion oder ihres Gegenwertes durch die Siegermacht - worin hätte sich dann Punkt ‚b’ von Punkt ‚c’ unterschieden?“ (S. 343) Man muss nicht einmal mit der sprachlichen Logik dieses Protokolls argumentieren, da Litvinov, wie gesagt, mit der Forderung, Arbeitskräfte zur Wiederherstellung zerstörter Dörfer und Städte heranzuziehen, schon deutlich geäußert hatte, dass der Einsatz in der Sowjetunion geplant war. Es war wohl kaum die Herstellung von Baumaterialien in Deutschland gemeint gewesen, denn ein solcher Anspruch war auch bei ihm mit der separaten Forderung nach Restitutionen abgedeckt. 21 Karner, S.79 Tab.2. Wie Karner sagt, können Bulanovs Angaben nur als Richtwerte angesehen werden, wobei sie den Ergebnissen der Maschke-Kommission nicht widersprechen. Von der genannten Zahl sollen 2.031.743 repatriiert worden sein. 356.687 werden als verstorben angegeben, was einer Todesrate unter den Deutschen von 14,9 Prozent entspräche.
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Arbeit zitieren:
Riad Othman, 2003, Aspekte der sowjetischen Reparationspolitik und die Effizienz ihrer Maßnahmen, München, GRIN Verlag GmbH
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