Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
Inhalt
Inhalt S.2
Einleitung S.3
1. Voraussetzungen S.4
1.1 Zum Wirklichkeitsbegriff S.4
1.2 Konsens über die Wirklichkeitsauffassung als notwendige Bedingung für
wissenschaftlichen Diskurs S.7
1.3 Über die unterschiedlichen Voraussetzungen bei Naturwissenschaften und
Geisteswissenschaften S.9
2. Wirklichkeitstypen S.11
3. Wirklichkeitsauffassungen im Vergleich S.17
3.1 Relativismus S.17
3.2 Idealismus S.18
3.3 Materialismus S.20
3.4 Gesellschaftsrelativismus S.22
4. Wirklichkeitsauffassungen in der Geschichtswissenschaft S.24
4.1 Teleologische Geschichte - Geschichtsidealismus S.25
4.2 Historismus - gesellschaftsrelativistische Geschichtsauffassung S.26
4.3 Geschichte als Narration - relativistische Geschichtsauffassung S.27
5. zielgerichtet-dynamischer Gesellschaftsrelativistismus S.29
Zusammenfassung S.35
Bibliographie S.37
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
Einleitung
Es existieren viele verschiedene Wirklichkeitsauffassungen, von denen viele plausibel klingen. Bei einem Vergleich der gängigsten Wirklichkeitsauffassungen stellt sich heraus, dass sie sich in grundlegenden Stellen widersprechen, obwohl für jede Position plausible Argumente existieren. Rührt dieser Umstand daher, dass die meisten Argumente nicht hinreichend analysiert wurden, oder existieren unterschiedliche Wirklichkeitsbegriffe, die allesamt ihre Berechtigung haben können? Um diesen Sachverhalt zu klären, ist es erforderlich eine Analyse der verschiedenen Wirklichkeitsauffassungen zu vollziehen. Es wird sich in der Analyse zeigen, dass in der Wissenschaft bestimmte Auffassungen bestimmte Konsequenzen für das Selbstverständnis einer Wissenschaft haben. Einige Auffassungen können bestimmte Wissenschaften legitimieren oder in den Bereich der Dichtung verlagern.
Die Geschichtswissenschaft ist einer der Wissenschaften, die oft in die Kritik geraten, da die Geschichte sich mit der Konstruktion von Aussagen beschäftigt, die zwar einfach falsifiziert, aber nur schwer verifiziert werden können. Die Aussage „Die Machtergreifung Hitlers war durch Hitlers Erfindung der Atombombe bedingt.“ kann leicht falsifiziert werden, wohingegen die Aussage „Die Machtergreifung Hitlers war eine Folge wirtschaftlicher Strukturen der Weimarer Republik.“ schwer eindeutig verifiziert werden kann. 1 Somit ist diese Wissenschaft oft der Gefahr ausgesetzt zu einer Spekulation zu verkommen, obwohl sie sich mit etwas unbestreitbar realem beschäftigt, denn kaum jemand wird bestreiten, dass Hitler an die Macht gelangt ist.
Geschichte ist auch deswegen ein geeignetes Objekt, um diese Theorien zu prüfen, da Geschichtswissenschaft ihre Ergebnisse primär in der Form von sprachlichen Aussagen präsentiert, statt - wie häufig in der Naturwissenschaft üblich - die Form von mathematischen Formeln zu wählen 2 . Somit gerät die Geschichtswissenschaft häufig in den Verdacht eine Narration zu sein, aber gleichzeitig ist sie unserer im Alltag verwendeten Sprache näher.
Um die gesuchten Ergebnisse zu erzielen, erscheint es sinnvoll zuerst einen
Wir können zwar gewisse historische Daten verifizieren, aber einen
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Kausalzusammenhang können wir nur durch Interpretation konstruieren - also nur hinreichend belegen, jedoch nicht eindeutig beweisen. Natürlich sind mathematische Formeln auch Aussagen und Aussagen können 2
formalisiert werden, jedoch sind uns sprachliche Aussagen näher als mathematische, da wir im Alltag mit Sprache Kommunizieren.
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Ansatz über die Sprache zu wählen. Die drei Begriffe „Wahrheit“, „Wirklichkeit“ und „Aussage“ sind zentral in der vorliegenden Arbeit, wie sich im ersten Abschnitt zeigen wird. In jenem Abschnitt wird untersucht, was der Begriff „Wirklichkeit“ in dieser Arbeit umfasst und es wird darauf folgend spezifiziert, worin sich die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften hinsichtlich ihrer Wirklichkeitsauffassungen unterscheiden. Sobald diese grundlegenden Mechanismen erörtert wurden, wird im Anschluss eine Liste von Argumenten erarbeitet, die uns bei dem Vergleich der
Wirklichkeitsauffassungen in Kapitel drei dienen. Um den praktischen Aspekt nicht aus den Augen zu verlieren, werden Wirklichkeitsauffassungen in der Geschichtswissenschaft ebenfalls berücksichtigt. Nachdem diese Positionen erörtert wurden, wird eine Wirklichkeitsauffassung konstruiert, die im Hinblick auf die Geschichtswissenschaft, aber auch auf anderen Wissenschaften, einen besseren Ansatz bietet, als die in Kapitel drei und vier behandelten. Den Abschluss der Arbeit wird eine zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse und ihre Folgen für die Wissenschaft bilden.
1. Voraussetzungen
1.1 Zum Wirklichkeitsbegriff
Vor der eigentlichen Abhandlung über Wirklichkeit, ist es notwendig, dass einleitend festgehalten wird, in welcher Form dieser Begriff verwendet wird. Die Begriffe Wirklichkeit und Realität liegen nah beieinander. Es gibt unterschiedliche Verwendungen jener Begriffe. In der Naturwissenschaft wird der Begriff Realität öfter gewählt, um eine physikalische Ordnung zu beschreiben, während in den Geisteswissenschaften beide Begriffe verschieden verwendet werden und die Bedeutung von Begriffen umfassen können. In dieser Arbeit soll zwischen verschiedenen Wirklichkeitstypen unterschieden werden, unter der wir sowohl die Beschaffenheit der physischen Welt, als auch sozial bedingte Konstrukte oder die individuell angenommene Beschaffenheit der Welt verstehen können. Die Realität ist folglich ein bestimmter Typus der Wirklichkeit.
Eine Wirklichkeit bzw. ein Wirklichkeitstyp ist eine Ordnung von mentalen und/oder physischen Entitäten, die sich in einer bestimmten Art und Weise
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
zueinander verhalten. An einem Wirklichkeitstyp können Aussagen, die sich auf jene Ordnung beziehen verifiziert werden.
Wirklichkeitsdefinitionen werden in Form von Theorien wiedergegeben. Theorien oder Darstellungen von der Wirklichkeit werden durch ein System von Aussagen gebildet. Aussagen sind jedoch selektiv in ihrer Beschreibung eines Sachverhaltes. Selbst ein System von Aussagen kann nie den zu beschreibenden Sachverhalt in einen Komplex zusammenfassen, der vollkommen vollständig ist, sondern nur eine perspektivenabhängige Selektion bieten. Bevor eine Analyse von Wirklichkeitsdefinitionen erfolgen kann, muss eine Analyse der Wirklichkeitsauffassungen erfolgen 3 . Diese These, dass Aussagen selektiv sind, lässt sich am Beispiel des Satzes „Hitler beging Selbstmord.“ beweisen, da der dem Satz zugrunde liegende Sachverhalt, sich ebenfalls durch die folgenden Aussagen beschreiben lässt:
„Hitler erlag einer Schusswunde.“
„Hitler schoss sich mit einer Pistole in den Kopf.“
„Ein Deutscher Politiker beging Selbstmord.“
„1945 beendete der Führer des Deutschen Reiches sein Leben.“
„1945 Schlug ein Eisenkolben auf eine Pistolenkugel, woraufhin sich das Schwarzpulver in der Kugel entzündete. Durch die dadurch verursachte Impulskraft wurde diese Kugel durch die Luft und einen Widerstand aus biologischer Masse geschleudert.“
Diese Sätze zeigen, dass bei Aussagen, die den gleichen Sachverhalt beschreiben, einerseits unterschiedliche Intentionen, und andererseits auch unterschiedliche Aspekte selektiert werden. Der gleiche Sachverhalt lässt sich auch mit Aussagen über die Bewegung der Subatomaren Teilchen, den Gefühlen der Anwesenden, der sinnlichen Wahrnehmungen der Anwesenden, der Bewegung von Hitlers Blutkörperchen und anderen Beschreibungen ergänzen. Die Möglichkeit der unterschiedlichen Schilderungen zeigt, dass die Sprecher der Sätze einerseits den Sachverhalt mit einer sprachlich ausgedrückten
Eine Wirklichkeitsdefinition/Theorie der Wirklichkeit/Wirklichkeitsbeschreibung ist
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eine detaillierte Beschreibung der Wirklichkeit mit konkreten Definitionen der Mechanismen in der Wirklichkeit (z.B. Relativitätstheorie und Newtonsche Mechanik). Eine Wirklichkeitsauffassung ist eine allgemeine Auffassung darüber wie die Wirklichkeit beschaffen ist bzw. wie sie erfahrbar ist. Beispiele für Wirklichkeitsauffassungen sind Idealismus, Materialismus und Relativismus.
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Intention schildern, und andererseits die Aspekte des Sachverhalts nur teilweise wiedergeben wird. Eine einzelne Aussage ist sowohl selektiv in der Intention, als auch in der Auswahl der geschilderten Prozesse. Da gewisse Intentionen sich ausschließen 4 und ein einzelner Sachverhalt aus unendlich vielen physikalischen Prozessen besteht 5 , ist jedes System von Aussagen bzw. jede Theorie eine Selektion von Intention und Umfang. 6 Ein möglicher Einwand gegen die These ist, dass uns nicht die Teilchenbewegung im Zusammenhang mit dem Selbstmord Hitlers interessiert, doch mit diesem Gegenargument liefert man tatsächlich nur ein Beleg dafür, dass eine Selektion stattfindet und die Teilchenbewegung durch die Selektion für unwichtig befunden wird.
Aus diesem Grunde erscheint es unsinnig, von vornherein eine Wirklichkeitsdefinition (bzw. ein bestimmtes System von Aussagen) einer anderen Wirklichkeitsdefinition (bzw. einem anderen System) vorzuziehen. Vor der Analyse von Kausalzusammenhängen (wie z.B. der Untergang des Dritten Reiches), ist es notwendig, dass geprüft wird, in welcher Weise die Kausalzusammenhänge betrachtet werden. Ein Vergleich von Theorien setzt eine Bestimmung der Wirklichkeitsauffassung voraus. In dieser Arbeit wird deswegen der Vergleich von Wirklichkeitsauffassungen - statt der von Wirklichkeitsdefinitionen - vollzogen. Diese Vorgehensweise ist notwendig, um eine gemeinsame Diskussionsbasis zu schaffen, die für jegliche Argumentation für oder gegen eine bestimmte Definition oder wissenschaftliche Theorie grundlegend ist.
Frege weist die Intentionalität von Begriffen mit seinem Beispiel „Morgenstern“ und
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„Abendstern“, die beide die Venus beschreiben, nach. Die Begriffe referieren beide auf den gleichen Gegenstand, jedoch drücken beide Begriffe eine unterschiedliche Art des Gegeben-seins des Gegenstandes aus bzw. haben sie einen unterschiedlichen Sinn. Das was Frege als den Sinn des Satzes beschreibt, wird im vorliegenden Text als Intention bezeichnet. Es lässt sich mit der Aussage „Der Morgenstern ist der Abendstern.“ durchaus eine Erkenntnis gewinnen. Folglich ist dieser Satz, obwohl beide Begriffe den gleichen Gegenstand beschreiben, nicht ein Trivialer Satz der Form „a=a“.
Vgl.: Frege, G.: Funktion, Begriff, Bedeutung.
Es ist denkbar, dass sich die Beschreibung mindestens durch Beschreibungen der 5
Bewegungen sämtlicher subatomaren Teilchen im Universum ergänzen ließe. Einen ähnlichen Gedanken - wenn auch nicht so scharf formuliert wie im 6
vorliegenden Text - äußert Pape, wenn er schreibt, dass zwar einzelne Aussagen empirisch überprüfbar seien, jedoch „die Darstellung als Ganzes, das heißt die Interpretation der Fakten von einem bestimmten Standpunkt aus, […] relativ in Bezug auf Interessen, Wissen und den zeitlichen Horizont des jeweiligen Historikers und seines gesellschaftlichen Hintergrunds“ sei. Vgl.: Pape, J.: der Spiegel der Vergangenheit, S.69.
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1.2 Konsens über die Wirklichkeitsauffassung als notwendige Bedingung für wissenschaftlichen Diskurs
Die Wissenschaft lebt von Aussagen. Seien es mathematische Definitionen, naturwissenschaftliche Formeln oder Thesen der Geisteswissenschaftenwissenschaftliche Erkenntnisse sind ohne Aussagen undenkbar. Die Erkenntnisse, die uns die Wissenschaften vermitteln, sind Erkenntnisse über eine Wirklichkeit. 7 Wie an dieser Ausführung deutlich wird, hängen Wirklichkeit und wissenschaftliche Aussagen 8 miteinander zusammen. Auf welche Art und Weise der Zusammenhang besteht soll im Folgenden dargestellt werden.
Die formale Logik lehrt, dass Aussagen Träger von Wahrheitswerten sind. Aussagen können wahr oder falsch sein. 9 Doch worin besteht diese Wahrheit oder Falschheit eines Satzes? Die Wahrheit eines Satzes kann verifiziert werden. Das heißt, dass die Wahrheit eines Satzes mit Hilfe der Wirklichkeit überprüft werden kann. 10 Durch diese elementaren Kenntnisse der Sprachphilosophie wird impliziert, dass eine Abhandlung über die Wirklichkeit nicht ohne eine Darstellung von Aussagen und deren Wahrheitswerten
Die Formulierung „eine Wirklichkeit“ ist an dieser Stelle bewusst gewählt worden,
7
da wir bisher noch keine Auffassung der Wirklichkeit näher bestimmt haben. In diesem Text wird der Begriff „Aussage“ auf wissenschaftliche Aussagen 8
beschränkt. Aussagen über fiktive Sachverhalte oder leere Beschreibungen fallen somit nicht in den Betrachtungsraum. Selbst Aussagen über Fiktives sind jedoch auf Etwas, was die Funktion einer Wirklichkeit wahrnimmt, angewiesen. Nur dadurch können sie verifiziert werden.
Die Aussage „Robin Hood war ein exzellenter Bogenschütze“ kann durch die Legende von Robin Hood, die in dieser Situation die Funktion einer Wirklichkeit einnimmt, auf ihren Wahrheitswert hin überprüft werden. Leere Beschreibungen, wie Russels Beispiel „der König von Frankreich ist kahlköpfig“ erhalten ihren Charakter als leere Beschreibung durch die Tatsache, dass in der Wirklichkeit keine Entitäten existieren, die in dieser Beschreibung enthalten sind.
Vgl.: Russel, B.: Einführung in die mathematische Philosophie, S.194. Somit ist auch zwischen leeren Beschreibungen oder Aussagen über Fiktives und einer Form der Wirklichkeit ein Zusammenhang vorhanden. Es gibt versuche mehr Wahrheitswerte einzuführen um beispielsweise Aussagen über 9
die Zukunft verifizieren zu können. Lukasiewicz konstruiert anhand des Seeschlachtbeispiels von Aristoteles einen dritten Wahrheitswert namens „Kontingent“ für Zukunftsaussagen, da sie einen Wahrheitswert besitzen, der unbestimmt ist.
Vgl.: Gottwald, S.: mehrwertige Logik, Eine Einführung in Theorie und Anwendung. Der Ausdruck „mit Hilfe der Wirklichkeit“ impliziert keine reine Referenz der 10
Wirklichkeit, sondern einen Bezug. Es gibt verschiedene Theorien, die versuchen diesen Bezug zu klären. Ältere Theorien gehen von einer reinen Referenz aus, während modernere Theorien andere Ansätze, wie z.B. die Theorie der Protokoll-und Elementarsätze, die unter anderem von Carnap vertreten wurde, den Bezug anders ausdrücken. Für die vorliegende Argumentation reicht bereits aus, dass ein wie auch immer beschaffener Bezug besteht, der nicht bestritten werden kann. Vgl.: Schleichert, H.: logischer Empirismus, S.149fff.
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auskommen kann. Erkenntnis über die Wirklichkeit kann ohne Aussagen geschehen, jedoch werden jene Erkenntnisse mit Aussagen ausgedrückt. Wissenschaftlicher Diskurs ist ein Austausch solcher Aussagen. Unterschiedliche Auffassungen von Wirklichkeit haben folglich die Konsequenz, dass Aussagen unterschiedlich verifiziert werden und somit ist die Erkenntnis, die hinter jenen Aussagen gekleidet ist, nicht vermittelbar. Ein Naturwissenschaftler, der mit der Theorie von Newton arbeitet, und einer, der mit der Relativitätstheorie arbeitet, werden zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, wenn sie die Geschwindigkeit von Planeten bestimmen, ebenso wie ein Kulturrelativist und ein Kantianer zu anderen Ergebnissen kommen werden, wenn sie ethisch die Praktiken bestimmter Naturvölker bewerten. Während der Kantianer den kategorischen Imperativ als Basis der Bewertung - und als kulturunabhängige Wirklichkeit - heranzieht, wird der Kulturrelativist die jeweilige Kultur als Wirklichkeit des Naturvolkes zur Bewertung konsultieren. Wissenschaftlicher Diskurs ist folglich angewiesen auf eine allgemein akzeptierte Auffassung der Wirklichkeit. Ohne einen solchen Konsens besteht der Diskurs aus einzelnen Monologen, statt einem Dialog. Wir beschreiben den Begriff Wirklichkeit wie folgt:
Eine Wirklichkeit ist eine Entität, mit dessen Hilfe bestimmte Aussagen, die sich auf jene Entität beziehen, verifiziert werden.
An dieser Stelle sehen wir wo sich die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften scheiden. Naturwissenschaften unterliegen einem Paradigma 11 , das als allgemein gültig eingestuft wird. Ein neues Paradigma, das der Vorhergegangenen überlegen ist, ersetzt das ältere Paradigma. Das Paradigma der newtonschen Mechanik beschreibt die Zeit als eine vom Raum unabhängige Konstante. Es herrscht eine klare Auffassung der Wirklichkeit mit festen Definitionen von Raum, Zeit, und Masse. Die Relativitätstheorie nach Einstein widerspricht grundlegenden Aussagen der Mechanik von Newton, indem die Zeit in Abhängigkeit zur Geschwindigkeit eines bewegten Gegenstandes
Thomas Kuhn hat den Begriff des Paradigmenwechsels geprägt. Im Laufe seiner
11
Karriere wurde der einst klar definierte Begriff des Paradigmas erweitert, wodurch der Begriff unklarer wurde. In dieser Arbeit soll als Paradigma ein vorherrschendes Denkmuster in einer eingegrenzten Zeit innerhalb einer Wissenschaft verstanden werden. Beispiele nach dieser Auffassung von Paradigmen wären die newtonsche Mechanik und die Relativitätstheorie von Einstein.
Vgl.: Rose, U.: Thomas S. Kuhn - Verständnis und Missverständnis, zur Geschichte seiner Rezeption, S. 25-33.
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gesetzt wird. Nach der Etablierung der Relativitätstheorie wird heutzutage kaum ein Wissenschaftler der Relativitätstheorie widersprechen und weiterhin an der newtonschen Mechanik festhalten. Auch wenn sich die Definition der Wirklichkeit mit der Zeit innerhalb der Naturwissenschaften ändert, so bleibt doch festzustellen, dass ein klar definierter Konsens über eine von uns unabhängige Wirklichkeit vorherrscht. 12
Die Geisteswissenschaften können keinen klaren Konsens vorweisen. Es herrscht weder ein klar erkennbares Paradigma, noch ein Konsens über die Auffassung der Wirklichkeit. Es gibt Theorien, die eine von uns unabhängige, von der Gesellschaft abhängige oder vom Individuum abhängige Wirklichkeit bevorzugen. Auch wenn sich einige Theorien über die Auffassung der Wirklichkeit in den grundlegenden Stellen einig sind, so kann die explizite Definition abweichen. Naturwissenschaften können folglich Aussagen anhand ihres vorherrschenden Paradigmas leicht verifizieren, während die Geisteswissenschaftler vorher die Wirklichkeit durch die die Aussagen verifiziert werden sollen bestimmen müssen. Die Auffassung der Wirklichkeit und das aus ihr folgende Paradigma sind die grundlegenden Unterschiede zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften.
1.3 Über die unterschiedlichen Voraussetzungen bei Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften
Wir haben gesehen, dass die Naturwissenschaft Paradigmenwechsel unterliegt. Die Wirklichkeitsauffassung bleibt jedoch die konstant. Die Wirklichkeit wird innerhalb der Naturwissenschaft als eine von uns unabhängige Entität verstanden. Die Naturwissenschaft basiert auf Beobachtungen und Folgerungen über die Natur des Beobachteten. Diese Methodik der Wissenschaftlichkeit setzt bereits eine Auffassung der Wirklichkeit als eine von uns unabhängige Entität mit von uns unabhängig geltenden Gesetzmäßigkeiten voraus. Die Aussage „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ 13 steht in der Naturwissenschaft
Natürlich muss man berücksichtigen, dass der Konsens über die Beschaffenheit der
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unabhängigen Wirklichkeit in der Praxis nicht immer eindeutig ist. Es gibt in der Relativitätstheorie einige Punkte, die der Quantenmechanik widersprechen und umgekehrt. Jedoch herrscht ein Konsens darüber, dass eine von uns unabhängige Wirklichkeit existiert, auch wenn man die Wirklichkeit noch nicht exakt beschreiben kann.
Diese Aussage ist eine verkürzte Form des Homo-Mensura-Satzes, der Protagoras 13
zugeschrieben wird und als erste Form des Relativismus begriffen werden kann.
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gar nicht erst zur Debatte. Die Methode der Naturwissenschaften hat zur Folge, dass ein Paradigmenwechsel eintritt, sobald ein neues Paradigma seine Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt hat - mit anderen Worten: sobald ein Paradigma mit der Methode des Beobachtens und Auswertens seine Überlegenheit demonstriert hat. Die Methodik der Naturwissenschaftler kreiert die Wirklichkeit der Naturwissenschaftler.
Die Geisteswissenschaften hingegen setzen bereits mit der Debatte über die Wirklichkeitsauffassungen ein, ohne von vornherein eine zu akzeptieren. Die Philosophie und Wissenschaftstheorie setzt direkt bei der Frage nach der Wirklichkeit an, aber auch andere Geisteswissenschaften, wie z.B. die Geschichte, setzen sich mit diesem Thema indirekt auseinander bei der Beantwortung der Frage, ob Geschichte objektiv sein kann. Da noch kein Konsens über die Wirklichkeitsauffassung besteht, führt dies zu vielen sich widerstreitenden Theorien. 14
Nachdem wir im vorangegangenen Kapitel die Paradigmenbildung auf die Wirklichkeitsauffassung zurückgeführt haben, und in diesem Kapitel den Zusammenhang zwischen der Wirklichkeitsauffassung und der Methode der Naturwissenschaften erörtert haben, können wir feststellen, dass die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften sich in ihren Voraussetzungen in der Art und Weise unterscheiden, dass die Geisteswissenschaft keine Wirklichkeitsauffassung von vornherein voraussetzt. Um Aussagen über historische Ereignisse zu verifizieren müssen wir einen Konsens über die Wirklichkeit haben. Ein Konsens über eine fest definierte Wirklichkeit setzt einen Konsens der Wirklichkeitsauffassung voraus. Es erscheint aus diesem Grunde sinnvoll die gängigen Kandidaten für einen solchen Konsens näher zu betrachten.
Vgl.: Eisler, R.: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 1, S.439. In den Naturwissenschaften haben wir nach Kuhns Theorie kurze Phasen
14
wissenschaftlicher Revolutionen, die durch lange Phasen der Normalwissenschaften abgelöst werden. In der Geschichtswissenschaft sei dies nach Pape nicht der Fall. Stattdessen herrschten „erbitterte Kontroversen um historische Interpretationen“. Teilweise sind einige Theorien völlig inkompatibel; Teilweise sind sie kompatibel. Die Kontroversen, die Pape in seinem Werk beschreibt, sind Konsequenzen daraus, dass keine dominierende Wirklichkeitsauffassung sich als Konsens in den Geisteswissenschaften durchgesetzt hat. Leider beachtet Pape diese grundlegende Kontroverse in seinem Werk nicht im Bezug auf den Zusammenhang zur Wirklichkeitsauffassung, sondern stattdessen im Bezug auf die gegenseitige Kompatibilität.
Vgl.: Pape, J.: der Spiegel der Vergangenheit, S.177fff. Vgl.: Rose, U.: S. 158Fff.
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2. Wirklichkeitstypen
Vor der Betrachtung von Wirklichkeitsauffassungen müssen Wirklichkeitstypen erarbeitet werden um einen Vergleich zu ermöglichen. Wie Bereits in Kapitel 1 erörtert wurden hängen die Begriffe „Aussage“, „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ eng miteinander zusammen. Aus diesem Grunde ist es notwendig, um eine unvollständige Betrachtung bei der Herleitung jener Wirklichkeitstypen zu vermeiden, die Sprache hinzuzuziehen. Die Wirklichkeit wird durch Aussagen in der Kommunikation ausgedrückt. Sprache als wichtigstes Medium der Kommunikation ist deswegen bei der Erarbeitung jener Formen von Wirklichkeit unerlässlich.
Sprache ist eine tradierte Kommunikationsform, die sowohl bei primitivsten Völkern 15 , als auch bei Kindern ohne jegliche Bildung beobachtet werden kann. Die Wirklichkeit, die wir mit Hilfe der Sprache ausdrücken, muss zum Teil bereits intuitiv plausibel sein, da eine Sprache eine Methode der Verifikation notwendigerweise voraussetzt. Da Wissensvermittlung primär durch Sprache geschieht, und die Verifikation des Wissens ebenfalls möglich ist, liegt der Schluss nahe, dass zumindest ein Teil der Wirklichkeit intuitiv zugänglich ist, ohne eine intensive Bildung in der Philosophie genossen zu haben. Natürlich sind ein Großteil der Erkenntnisse der Wissenschaft nicht notwendigerweise intuitiv zugänglich, sondern nur durch intensive Bildung, jedoch ist auch jene Bildung angewiesen auf eine intuitiv zugängliche Basis, denn ohne jene Basis können wir keine Aussagen verifizieren, und somit kein Wissen vermitteln.
Als Beispiel sei hier die Mathematik genannt. Das Wissen um die Zahl Pi oder den Satz des Pythagoras sind nicht jedem Menschen ohne Mathematische Bildung zugänglich. Nicht einmal das Konzept einer Zahl ist eine Selbstverständlichkeit. Das Konzept des Mengenunterschiedes ist jedoch ein intuitiv zugänglicher Teil der Wirklichkeit. Kinder in der Schule lernen die Zahlen, indem sie Zählen. Die einfachsten Rechenregeln werden vermittelt, indem eine Anzahl von Objekten mit einer anderen Anzahl von Objekten in Relation gesetzt wird. Beispielsweise wird bei der Einführung der Division den Kindern das Konzept verdeutlicht, indem man Aufgaben der Form „Peter und
Mit dem Ausdruck „primitivsten Völkern“ sind jene Völker gemeint, die weder über
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eine Schrift verfügen, noch über eine wissenschaftliche Methodik verfügen. Es ist in dieser Verwendung kein Ausdruck, der eine biologische Primitivität oder Wertigkeit impliziert.
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Klaus haben 4 Bonbons bekommen. Wie viele Bonbons bekommt jeder, wenn Beide gleich viele Bonbons bekommen?“ gestellt werden. An diesem Beispiel wird deutlich, dass Wissensvermittlung durch Erkenntnisgewinn geschieht. Erkenntnisgewinn geschieht, indem neue Konzepte durch bekannte Konzepte abgeleitet werden. Ein Teil der Konzepte muss folglich intuitiv erschlossen werden. Ein Teil der Wirklichkeit muss intuitiv zugänglich sein - andernfalls wäre Wissensvermittlung nicht möglich. Man kann dem entgegenhalten, dass ein neues Paradigma dem vorangegangenen Paradigma und ihren Konzepten widersprechen kann, wie z.B. die Relativitätstheorie Grundannahmen der Theorie von Newton widerspricht, jedoch bedarf auch die Relativitätstheorie einer Basis von bekannten Konzepten, wie z.B. mathematischen Kenntnissen. Insofern erfordert auch ein Erkenntnisgewinn, der durch die Konstruktion eines Neuen Paradigmas erfolgt, Kenntnisse bestimmter Konzepte.
Eine intuitive Erschließung der Wirklichkeit führt zu vielen Fehldeutungen, jedoch besteht ein qualitativer Unterschied innerhalb der Sammlung des intuitiv angesammelten Wissens. Wir können unterscheiden zwischen primären und sekundären Erkenntnissen über die Wirklichkeit. Primäre Erkenntnisse sind solche, die
1. notwendig sind für das erschließen sekundärer Erkenntnisse,
2. eine nicht durch Erfahrung widerlegbaren Erkenntnisgewinn bringen und
3. perspektivenunabhängig sind. 16
Beispiele für solche primäre Erkenntnisse sind die Konzepte des Mengenunterschieds, des Ursache-Wirkungsprinzips und des Bewusstseins 17 .
Ob primäre Erkenntnisse empirisch oder a priori erschlossen werden ist an dieser
16
Stelle nicht von Bedeutung.
Man kann einwenden, dass das Bewusstsein perspektivenabhängig ist, jedoch ist dies 17
nur auf dem ersten Blick so. Die nähere Bestimmung des Begriffes „Bewusstsein“ ergibt, dass jener Begriff einen mentalen Zustand beschreibt. Mentale Zustände sind immer nur in der eigenen Person zu finden und können folglich auch nur durch die eigene Person vollständig betrachtet werden. Psychologen sind auf Aussagen der Patienten - also eines selbst erstellten Bildes der mentalen Zustände der Patientenangewiesen und bieten lediglich Hilfestellung in der Selbstanalyse der Patienten. Wir können uns dies an folgendem Beispiel klarmachen: Einem Roboter, der äußerlich menschlich wirkt, aber nur Tonaufnahmen für die Antworten auf die Fragen, die der Psychologe stellt, vorprogrammiert hat würden wir nicht ein Bewusstsein unterstellen, obwohl wir durch psychologische Analyse dem nicht widersprechen könnten, wenn wir nicht wüssten, dass jenes Objekt nur eine Maschine ist.
Das Bewusstsein ist also perspektivenunabhängig in dem Sinne, dass es nur eine Perspektive gibt, sondern in dem Sinne, dass die Existenz oder Nicht-Existenz nur
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Sekundäre Erkenntnisse bedienen sich der Primären und können einer Fehldeutung unterliegen. Das Konzept des Ursache-Wirkungsprinzips, das Beobachten des Regens und das Beobachten einer nassen Straße nur im Zusammenhang mit Regen kann zu der fehl gedeuteten sekundären Erkenntnis „Immer wenn die Straße nass ist, hat es vorher geregnet.“ führen. Ein anderes Beispiel einer Fehldeutung ist, dass ein Mensch, der nur nicht-magnetische Metallgegenstände kennt, aus seinen Beobachtungen den Schluss zieht, dass Metallgegenstände nicht ohne äußere Wirkung eine Kraft auf andere Gegenstände ausüben können.
Wie bereits vorher erwähnt dient Sprache der Kommunikation. Insofern wird Sprache intersubjektiv gebraucht. Ein intersubjektiver Gebrauch bedarf einer gemeinsamen Basis von Kenntnissen der Wirklichkeit. Andernfalls wäre ein solcher Gebrauch sinnlos. Die Philosophen streiten sich bereits seit Protagoras darüber ob eine solche Basis existiert ohne zu einem allgemein akzeptierten Ergebnis gekommen zu sein. Die Tatsache, dass die Philosophen sich darüber streiten - mit anderen Worten: die Tatsache, dass eine Kommunikation existiert - spricht dafür, dass von jenen, die Kommunizieren ein Anspruch besteht, dass sie etwas mitteilen. Folglich besteht auch ein Anspruch einer gemeinsamen Basis der Wirklichkeit. 18 Andernfalls sind die Aussagen jener Relativisten sinnlos, wie uns bereits Platon durch die Stimme seines Lehrers Sokrates mitteilt. 19
Viele Philosophen des 20. Jahrhunderts haben die These aufgestellt, dass ein Teil der Wirklichkeit von der Gesellschaft abhängig ist. Gewisse Begriffe erhalten ihre Bedeutung durch soziale Konventionen. Als Beispiel betrachten wir uns die Aussagen „Der Kaiser von Japan ist ein Gott.“ und „Der Mikado von
von einer Perspektive verifiziert wird.
Man kann dem entgegnen, dass lediglich ein Anspruch besteht von verschiedenen 18
Wirklichkeiten zu argumentieren, die unterschiedlich komplementär sind, jedoch ist dieser Einwand nicht zu halten, da man bei einer solchen Annahme, ohne eine Möglichkeit die Übereinstimmungen der Wirklichkeiten festzustellen, keine verbindlichen Aussagen treffen kann, und somit auch keine Kommunikation vollziehen kann. Wenn man den Anspruch hat etwas mitzuteilen, so muss man wenigstens einen Teil der Wirklichkeit als allgemein oder sozial gültig annehmen. Platon lässt Sokrates die Aussage von Theätet, dass Wissen Wahrnehmung sei, mit 19
dem Homo-Mensura-Satz des Protagoras in Verbindung bringen um ihn anschließend zu widerlegen. Ob Sokrates dies gelungen ist kann bestritten werden, da die Widerlegung des Homo-Mensura-Satzes nicht notwendigerweise die Widerlegung der Behauptung des Theätet impliziert, jedoch ist Platons/Sokrates Argument gegen einen starken Relativismus überzeugend. Vgl.: Platon: Theaitetos.
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
Japan ist ein Kami.“ 20 . Der zweite Satz beinhaltet lediglich zwei Begriffe aus der japanischen Sprache, die in jedem Wörterbuch mit den Begriffen des ersten Satzes übersetzt werden. Insofern scheinen die Sätze den gleichen Sachverhalt auszudrücken. Bei näherer Betrachtung stellt man jedoch fest, dass die zwei Aussagen eine völlig unterschiedliche Bedeutung implizieren. Der Mikado ist ein Herrscher mit weltlicher und geistlicher Funktion. Kami sind spirituelle Wesenheiten, die zwar eine spirituelle Macht besitzen, jedoch auch fehlbar oder auch materiell sterblich sein können. Ein Kaiser ist ein Herrscher mit primär weltlicher Funktion und Gott ist eine unfehlbare, unsterbliche und allmächtige Kreatur. Der erste Satz würde nach dieser kurzen Analyse der Begriffe ausdrücken, dass ein weltlicher Herrscher ein unfehlbares, unsterbliches und allmächtiges Wesen sei, während der zweite Satz die Bedeutung impliziert, dass ein Herrscher mit weltlichen und geistlichen Funktionen ein spirituelles und ein möglicherweise sterbliches und fehlbares Wesen sei. Wie man sieht können Zusammenhänge der Wirklichkeit sozialen Konventionen unterliegen.
Um den Verdacht zu entgehen, dass mit sinnlosen Aussagen argumentiert wurde 21 oder lediglich unzureichende Übersetzungen benutzt worden wären, wollen wir uns einem anderen Beispiel zuwenden, welches den Zusammenhang zwischen sozialen Konventionen und der Wirklichkeit darstellt. Der Begriff eines Tisches ist eine solche Konvention. Tische können einbeinig oder mehrbeinig, hoch oder niedrig, mit oder ohne Schubladen sein oder auch aus Holz oder Metall bestehen. Objektiv betrachtet können Tische zueinander keinen Bezug haben, außer der sozialen Konvention, die jene Objekte unter dem Begriff „Tisch“ zusammenfasst. Auch aus diesem Beispiel folgt, dass Elemente der Wirklichkeit durch soziale Konventionen auf eine bestimmte Art miteinander verknüpft werden. 22
Der Begriff „Mikado“ ist ein geläufiger Titel des japanischen Herrschers, welcher
20
gemeinhin als „Kaiser“ übersetzt wird; der Begriff „Kami“ bezeichnet die spirituellen Wesenheiten des Shintoismus, aber auch den christlichen Gott und wird mit „Gott/Götter“ übersetzt. Der zweite Satz wurde bis auf diese beiden Begriffe in Deutsch gehalten, anstatt der rein japanischen Form „ 日本の御門わ神です (in der “
lateinischen Umschrift: „nihon no mikado wa kami desu“), um den Verdacht zu umgehen, dass lediglich eine wörtliche Übersetzung und eine Floskel gegenübergestellt werden.
Carnap stellt in seiner Metaphysik-Kritik dar, dass Begriffe wie Gott nicht sinnvoll in 21
Sätzen verwendet werden können.
Vgl.: Carnap, R.: Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache, in: Schleichert, H.: logischer Empirismus, S.149fff.
Dieser Gedanke wurde bereits in der Begriffstheorie von Putnam ausgedrückt, indem 22
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Eine weitere Eigenschaft der Wirklichkeit folgt aus Descartes berühmten Satz „cogito ergo sum“. 23 Dieser Satz bietet gewisse Punkte, an denen die Folgerung aus dem denkenden Ich zum existierenden Ich nicht eine notwendige ist, wie uns bereits Carnap gezeigt hat. 24 Formuliert man jedoch den Satz dahingehend um, dass er lautet „Ich bin nicht existent“, so ist dies zweifellos eine Aussage, die unter jeden Bedingungen falsch ist. Dies wird deutlich, wenn wir den Satz in Teilaussagen zerlegen.
1. Teilaussage: Es existiert eine Entität x, der die Eigenschaft „ich“ 25
Da nun Teilaussage 1 und 2 sich widersprechen gibt es keine Entität, von der gleichzeitig die Aussagen 1 und 2 behauptet werden kann. Sofern eine Entität mit der Eigenschaft der Aussage 1 vorhanden ist, muss davon ausgegangen werden, dass jene Entität existiert. 26 Da nun Menschen ein Bewusstsein besitzen bzw. zumindest annehmen, dass sie ein Bewusstsein besitzen, und folglich die Eigenschaft haben sich selbst als ein „Ich“ wahrzunehmen, können jene Menschen nicht ihre Nicht-Existenz annehmen ohne ihr Bewusstsein anzuzweifeln. Eine Entität auf die die Teilaussage 2 zutrifft kann aufgrund ihrer Nicht-Existenz nicht die vollständige Aussage behaupten, denn Aussagen bedürfen eines Sprechers. Folglich gibt es für alle Menschen einen von ihrem Bewusstsein, Vorstellungen und sozialen Konventionen unabhängigen Teil der Wirklichkeit - nämlich dass die Aussage, dass sie nicht existieren, falsch ist 27 . Dieser Teil ist weder beeinflussbar durch Willkür, noch perspektivenabhängig.
die These aufgestellt wurde, dass Bedeutungen von Begriffen sozialen Konventionen unterliegen und jene Konventionen nicht willkürlich sind, sondern durch äußere Einflüsse bestimmt werden. Vgl.: Putnam, H.: brains in a vat. Vgl.: Putnam, H.: mind, language and reality. Vgl.: Putnam, H.: Vernunft, Wahrheit und Geschichte. Vgl.: Descartes, R.: Die Prinzipien der Philosophie.
23
Vgl.: Joosten, H.: Selbst, Substanz und Subjekt.
Vgl.: Carnap, R.: Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache. 24
Aussagen bedürfen immer eines Sprechers, der die Aussage trifft. „Ich“ wird hier als 25
ein Indikator für den Sprecher verstanden.
Eine andere, ähnliche Möglichkeit den Satz „Ich existiere nicht.“ zu widerlegen 26
besteht darin, dass die Formulierung eines Satzes als Handlung begriffen wird. In diesem Falle wäre der Satz falsch, da die Handlung der Aussage widerspricht. Vgl.: Joosten, H.: Selbst, Substanz und Subjekt, S.34f.
Es folgt aus dieser Argumentation keineswegs, dass „Cogito ergo sum“ korrekt ist, 27
oder dass wir existieren. Es wird lediglich festgestellt, dass es mindestens eine Aussage gibt, die in jeder Wirklichkeit falsch ist.
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
Wie das vorangegangene Beispiel verdeutlicht gibt es eine vom Vorstellungsvermögen und sozialen Konventionen unabhängigen Teil der Wirklichkeit. Die vorangegangenen Abschnitte haben gezeigt, dass zum einen ein Teil der Wirklichkeit subjektiv erschlossen wird, wovon ein Teil allgemein zugänglich ist, und zum anderen, dass Teile der Wirklichkeit durch soziale Konventionen in einer bestimmten Art und Weise verknüpft sind. Diese drei Teile der Wirklichkeit oder Wirklichkeitstypen der subjektiven, sozialen und unabhängigen Wirklichkeit 28 scheinen sich zu widersprechen, jedoch wird der scheinbare Widerspruch in der weiteren Analyse aufgehoben. Des Weiteren bieten diese drei Formen der Wirklichkeit unterschiedliche Grenzen im Bezug auf die Erkenntnisse, die aus ihnen gewonnen werden können. Wir nehmen eine von unserer Einflussnahme unabhängige Wirklichkeit mit ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten an. Wir haben als Individuum ein individuelles Bild von der Wirklichkeit. Als Gesellschaft haben wir einen Konsens über die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit liegt in drei unterschiedlichen Formen vor, die nicht verwechselt werden dürfen, da ansonsten Aussagen nicht eindeutig verifiziert werden können, denn der Wahrheitswert einer Aussage wird durch eine einzige Wirklichkeit bestimmt. Die drei herausgearbeiteten Wirklichkeitstypen sollen dazu dienen, um im Folgenden gängige Auffassungen zu vergleichen und zu analysieren.
Die Formulierung „mindestens“ soll verdeutlichen, dass nicht ausgeschlossen werden
28
soll, dass es weitere Teile der Wirklichkeit gibt, die in dieser Darstellung nicht beachtet werden.
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
3. Wirklichkeitsauffassungen im Vergleich
In diesem Abschnitt werden gängige Wirklichkeitsauffassungen miteinander verglichen. Die Wirklichkeitsauffassungen, die hier diskutiert werden sind ausgewählte Positionen innerhalb jener Wirklichkeitsauffassungen. Dieses Vorgehen bietet sich an um die Analyse überschaubar zu halten. Des Weiteren kommt die Wirklichkeitsauffassung in diesen Positionen am stärksten zu Ausdruck, wodurch die Analyse transparenter wird.
3.1 Relativismus
„Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden, dass sie sind, der nicht Seienden dass sie nicht sind.“ Dieser Satz, den man Protagoras von Abdera zuschreibt, kann unterschiedlich gedeutet werden. Eine geläufige Deutung besteht darin, dass der Satz so interpretiert wird, dass er ausgesagt, dass die subjektive Wirklichkeit des Individuums die einzige Wirklichkeit sei. Diese Variante ist folglich ein subjektiver Relativismus. 29
An dieser Stelle wird dieser Form des Relativismus behandelt. In der subjektiven Wirklichkeitsauffassung bzw. dem subjektiven Relativismus wird von dem den möglichen Wirklichkeitstypen lediglich der subjektiv erfahrbare Teil zugelassen. Dieser Relativismus ist kaum angreifbar, da wie in Kapitel 1 gezeigt wurde die Begriffe Wahrheit und Wirklichkeit einen Bezug zueinander haben und somit eine subjektive Wirklichkeit einen subjektiven Wahrheitswert impliziert. Folglich kann unter einem solchen Gesichtspunkt die Aussage von Protagoras in seiner Wirklichkeit wahr sein und gleichzeitig in der Wirklichkeit eines anderen Menschen nicht wahr sein. 30
Im Hinblick auf die Wissenschaft führt diese Wirklichkeitsauffassung zu Schwierigkeiten, da die Grenze zwischen Wissenschaft und Dichtung verschwimmt. In der Geschichtswissenschaft führt diese Position zu einer
Vgl.: Eisler, R.: Band 2, S.254.
29
Diese Deutung des Homo-Mensura-Satzes führt zu dem Problem, dass der Homo- 30
Mensura-Satz selbst nicht allgemein gültig sein kann, was allerdings für den Relativisten nicht von Bedeutung ist, da wie in den vorangegangenen Kapiteln gezeigt wurde die Wahrheit eines Satzes an einer Wirklichkeit verifiziert wird und der Relativist nur subjektive Wirklichkeiten als existent betrachtet. Somit kann nach relativistischer Position Allgemeingültigkeit - ebenso wie alle anderen Mechanismen der Wirklichkeit - nur innerhalb einer bestimmter Wirklichkeit Gültigkeit haben. Dass der Relativismus gilt und nicht gilt ist folglich nicht widersprüchlich, da die Wirklichkeiten an denen die Aussagen verifiziert werden unterschiedliche sind.
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
„Beliebigkeit des Umgangs mit Geschichte“ 31 , wodurch selbst Propaganda und den Holocaust verleugnende Theorien ihre Berechtigung erhalten, jedoch hat schon Platon einen Grund angegeben, warum diese Position nicht fruchtbar sei 32 . Der Relativist kann nicht überzeugen, da er sowohl seiner Position, als auch der Gegenposition prinzipiell zustimmen muss und somit Diskussionen irrelevant macht. Argumente werden überflüssig und stattdessen ist Rhetorik in einem Dialog entscheidend.
Der starke Relativismus kann nicht überzeugen, da er trotz seiner Gültigkeit in einer subjektiven Wirklichkeit, keine Aussagen über eine andere subjektive Wirklichkeit treffen kann bzw. gerade weil der Relativismus nur in einer subjektiven Wirklichkeit gilt, kann er keine Aussagen über eine andere subjektive Wirklichkeit treffen. Ein weiterer Grund um den subjektiven Relativismus abzulehnen besteht darin, dass es mindestens einen vom Subjekt unabhängigen Teil der Wirklichkeit gibt, in dem der Satz „Ich bin nicht existent.“ immer falsch ist. 33 Da der Wahrheitswert dieses Satzes offensichtlich nicht von der subjektiven Wahrheit abhängt, sondern eine Allgemeingültigkeit besitzt, gibt es Elemente der Wirklichkeit, die unabhängig vom Individuum gleich sind. Folglich kann eine reine subjektive Wirklichkeit nicht ausreichend sein, um die Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit zu erfassen. Man mag einwenden, dass diese Argumentation nur mit den Gesetzen der Logik spielt, und die Berechtigung der Logik selbst überprüft werden muss, bevor man die Argumentation unterstützen kann, jedoch bedarf eine solche Kritik auch den Mechanismen der Logik. Da die Logik folglich nicht widerlegt werden kann, müssen wir der Argumentation eine hinreichende Plausibilität zuschreiben.
3.2 Idealismus
Nachdem wir uns im Hinblick auf den Homo-Mensura-Satz auf die Seite Platons gestellt haben, soll an dieser Stelle der idealistische Ansatz Platons analysiert werden. Die Ideenlehre versteht die Ideen als einzig wahrhaft seiende
Vgl.: Pape, J.: der Spiegel der Vergangenheit, S.20.
31
Vgl.: Platon: Theaitetos.
32
Man mag an dieser Stelle einwenden, dass dieser Satz tatsächlich von den Subjekten 33
abhängt und nur zufällig in allen subjektiven Wirklichkeiten den gleichen Wahrheitswert besitzt, jedoch ist eine Aussage, die in allen Wirklichkeiten gültig ist, eine allgemeingültige. Das Prinzip der Allgemeingültigkeit ist wiederum das Kriterium für die unabhängige Wirklichkeit.
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Entitäten. Sie können nur durch die Vernunft wahrgenommen werden. Sinnlich wahrnehmbare Entitäten seien lediglich Abbilder der Ideen, und können uns somit nicht zu einer Erkenntnis führen. 34 Eine solche Wirklichkeitsauffassung wäre für Teile der Wissenschaft durchaus praktikabel, wenn dadurch die Wirklichkeit eindeutig zu erschließen wäre. Historische Vorgänge könnten unproblematisch moralisch bewertet werden und Fragen der Ethik wären zugänglicher, jedoch müsste man die Methodik der Naturwissenschaft in Frage stellen, da jene versucht mit der Wahrnehmung zu Erkenntnissen zu gelangen. Eine rein idealistische Position ist im Hinblick auf den praktischen Nutzen fraglich.
In Kapitel 1 wurde die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Erkenntnissen getroffen. Selbst unter der Annahme, dass primäre Erkenntnisse a priori gegeben seien 35 , können wir nicht alle Ideen ohne Erfahrung erkennen, denn einige der Ideen sind von ihrer Qualität im Bereich der sekundären Erkenntnissen einzuordnen. Somit sind jene scheinbare Ideen keine Ideen im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr Begriffe. Die „Idee“ des Menschen beispielsweise ist eine sekundäre Erkenntnis. Jemand, der nur Afrikaner gesehen hat, und jemand, der nur Mongolen gesehen hat, werden unterschiedliche physische Kriterien für die Beschaffenheit eines Menschen nennen; jemand, der nur geistig gesunde Menschen kennt, und jemand, der nur psychisch kranke Menschen kennt, werden unterschiedliche psychische Kriterien nennen; jemand, der nur strenge Christen kennt, und jemand, der nur strenge Buddhisten kennt, werden unterschiedliche moralische Kriterien für die Beschaffenheit eines Menschen nennen. Folglich ist die Idee des Menschen eine von der Wahrnehmung abhängige 36 und ein empirisch erschlossener Teil der
Vgl.: Eisler, R.: Band 2, S.874.
34
Da primäre Erkenntnisse uns in frühestem Alter zugänglich sind, bleibt die Frage 35
offen, ob diese Erkenntnisse lediglich so trivial sind, dass man sie durch wenige Beobachtungen der Welt erlangen kann, oder ob zumindest ein Teil jener Erkenntnisse von Geburt an vorhanden sind. Ein Versuch dies empirisch zu prüfen ist unmöglich, da jeder Mensch spätestens seit seiner Geburt (streng genommen schon vorher) durch Erfahrungen geprägt wird, und sowohl ein geprüfter Mensch, als auch ein prüfender Mensch bereits durch Interaktion mit der Welt in seinem Denkmuster geprägt wurde. Da diese primären Erkenntnisse unsere grundlegenden Denkmuster prägen können wir von ihnen auch keine Aussagen a priori machen, denn um eine solche Aussage zu konstruieren müssen wir uns bereits der primären Erkenntnisse bedienen, über die wir eine Aussage treffen wollen. Da die ausführliche Diskussion dieser Frage den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde müssen wir uns an dieser Stelle damit begnügen, dass sie offen bleibt.
Schon Kant schreibt in seiner Darstellung der ästhetischen Urteilskraft, dass die 36
Normalidee eines Menschen beim Individuum durch die Erfahrung konstruiert wird.
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
Wirklichkeit ist notwendig. Die Wirklichkeitsauffassung des Idealismus nach Platon versucht aus der unabhängigen Wirklichkeit heraus die subjektive und soziale Wirklichkeit zu begründen. Aus einer unabhängigen Wirklichkeit wird eine soziale Wirklichkeit abgeleitet. Vor allem im Bereich der Ethik wird es deutlich. Sei es Platons Ideenlehre, Kants kategorischer Imperativ 37 oder die Monadenlehre von Leibniz, alle jene Ansätze sind solche, die in dem unabhängigen Teil der Wirklichkeit einsetzen und den sozialen Teil der Wirklichkeit mit dem unabhängigen begründen. Von Erkenntnissen a priori werden Erklärungen empirischer Vorgänge begründet. Da Elemente der sozialen und subjektiven Wirklichkeit nur empirisch erfahrbar sind kann ein reiner Idealismus zwar diesen Schritt nicht vollziehen, aber er kann eine Allgemeingültigkeit liefern, den ein Materialismus nicht bieten kann.
3.3 Materialismus
Der Materialismus steht im Gegensatz zum Idealismus. Während der Idealismus die Wirklichkeit im Bereich der Ideen einordnet, geht der Materialismus von der Grundannahme aus, dass nur Materie existiere. Ideen und andere geistige Produkte werden somit zu Erscheinungsformen der Materie. Gedankenprozesse sind in dieser Wirklichkeitsauffassung Bewegungen von Teilchen, die bestimmten physikalischen und chemischen Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Der geläufige Einwand gegen den Materialismus ist, dass diese Gedankenprozesse nicht allein durch Materie beobachtbar sind. Das Beobachten der chemischen Prozesse im Gehirn erfordert bereits geistige Tätigkeit des Beobachters. 38 Der Materialismus kann seine Gültigkeit nicht aus sich selbst begründen. Wir sehen, dass der Materialismus trotz seiner empirischen Plausibilität es nicht vermag, sich selbst zu beweisen.
In Bezug auf die Wissenschaft können wir mit dem Materialismus jene Bereiche
Vgl.: Kant, I.: Kritik der Urteilskraft, S. 113-120.
In seiner „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“ leitet Kant den kategorischen 37
Imperativ aus dem Autonomiebegriff ab und die Autonomie wird durch den guten Willen begründet - den guten Willen allerdings setzt Kant voraus. Folglich kann man Kant durchaus den Idealisten zurechnen, denn seine Theorie argumentiert zwar nur mit Vernunft, jedoch bildet die Basis die Idee des guten Willens. Vgl.: Kant, I.: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten.
Schon im 19. Jahrhundert wurde von diversen Philosophen kritisiert, dass Geist und 38
Materie etwas Unvergleichbares sei bzw. Geist nicht durch Materie erklärt werden könne.
Vgl.: Bayertz, K., Gerhard, M., Jaeschke, W.: der Materialismusstreit.
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erschließen, die dem Idealismus verschlossen blieben, jedoch bleiben jene Bereiche außer acht, für die eine idealistische Wirklichkeitsauffassung - wie oben gezeigt - geeignet war. Während der Idealismus uns im Bereich der Ethik mit klaren Antworten begegnen kann, jedoch im Bereich empirischer Wissenschaften ungeeignet war, ist der Materialismus geeignet, empirische Untersuchungen zu erklären, jedoch bleibt im Bereich der Ethik eine zufrieden stellende Antwort aus.
Die Wirklichkeitsauffassung des Materialismus ist eine, die versucht, mit Hilfe von subjektiv und sozial zugänglichen Teilen der Wirklichkeit Aussagen über eine unabhängige Wirklichkeit abzuleiten. Durch das Sammeln von Beobachtungen und Auswertungen der Daten könne man die (unabhängige) Wirklichkeit beschreiben. Insofern bildet der Materialismus in der vorher beschriebenen Dreiteilung der Wirklichkeit einen Gegensatz zum Idealismus, der an der anderen Seite ansetzt. Aus empirischem Wissen versucht der Materialismus eine vollständige Wirklichkeitsbeschreibung zu vollziehen, was ihm nur schwer gelingen kann, da empirische Erkenntnisse im Gegensatz zu Erkenntnissen a priori perspektivenabhängig sein können. Auch wenn der Materialismus auf Grund seiner starken Bindung an die Naturwissenschaft eine aus der Erfahrung hergeleitete Plausibilität besitzt, kann er ebenso wie die Naturwissenschaft falschen Annahmen, wie z.B. der Annahme, dass der Raum eine Konstante sei, unterliegen. Der Materialismus bietet eine empirische Plausibilität, also eine auf der Lebenspraxis beruhende Überzeugungskraft, während der Idealismus Allgemeingültigkeit bieten kann. Der Materialismus kann im Gegensatz zu den anderen Positionen durch seine Dynamik überzeugen, da neue empirische Daten, die älteren Theorien widersprechen, zur Folge haben, dass jene Theorien angepasst werden.
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3.4 Gesellschaftsrelativismus 39
Während der subjektive Relativismus nicht überzeugen kann und der Idealismus uns Allgemeingültigkeit bietet, welche aber im Konflikt mit der empirischen Plausibilität des Materialismus steht, versuchen gesellschaftsrelativistische Ansätze diesen Konflikt zu beheben, indem sie in der Mitte einsetzten. Sie beginnen bei der sozialen Wirklichkeit und versuchen aus ihr Aussagen über die unabhängige und subjektive Wirklichkeit zu konstruieren. Die konstruierte subjektive oder unabhängige Wirklichkeit bleibt bei einem solchen Ansatz von der Gruppe abhängig, zu der die soziale Wirklichkeit relativ ist. Ein sprachrelativistischer Ansatz, der in diesem Schema verbleibt hätte demnach den Anspruch, dass über Gegenstände der subjektiven oder unabhängigen Wirklichkeit wahre Aussagen getroffen werden können, mit der Einschränkung, dass die Wahrheit jener Aussagen von der Sprache abhängig sei. Insofern wird bei diesem Ansatz die soziale Wirklichkeit ausgeweitet und verbleibt bei den Wirklichkeitstheorien der Gesellschaftsrelativisten als einzig existente Wirklichkeitsform. Ein solcher Ansatz ist ebenso wie der subjektive Relativismus schwer angreifbar, da er in der sozialen Wirklichkeit verbleibt. Der Punkt an dem diese Position angreifbar wird ist, wenn man - wie im vorangegangenem Kapitel 40 - aufweist, dass es Aussagen gibt, die unabhängig von sozialen Strukturen ihren Wahrheitswert besitzen, jedoch könnte eine schwächere gesellschaftsrelativistische Position sich von Aussagen, die unabhängig von der Gesellschaft ihre Wahrheit haben, enthalten. In einem solchen Falle bietet sie zwar eine Plausibilität und eine zumindest gesellschaftsabhängige
Unter dem Begriff des Gesellschaftsrelativismus wird in diesem Text eine Theorie
39
verstanden, die Wirklichkeit als eine Entität versteht, die im Kontext einer bestimmten Gruppe von Menschen ihre Existenz hat. Somit fallen sowohl konstruktivistische und kulturrelativistische, als auch sprachrelativistische Ansätze in den Bereich dieses Begriffes.
Putnams Theorie ist eine Besonderheit, die wir an späterer Stelle betrachten wollen. Die Begriffstheorie von Putnam lässt sich mit folgendem Zitat verdeutlichen: „Every linguistic community exemplifies the sort of division of linguistic labor just described: that is, possesses at least some terms whose associated „criteria“ are known only to a subset of the speakers who acquire the terms, and whose use by the other speakers depends upon a structured cooperation between them and the speakers in the relevant subsets.“ Die Kriterien von denen Putnam schreibt Eigenschaften des Begriffs, welche durch die Wissenschaft belegt werden. Somit hat Putnam zwar einen konstruktivistischen Ansatz, jedoch gibt es die Besonderheit, dass der Konstruktivismus Putnams auf äußere Faktoren Rücksicht nehmen muss und somit eine weitergehende Form bildet. Vgl.: Putnam, H.: mind, language and reality, S.228. Vergleiche dazu die Analyse des Satzes „Ich bin nicht existent.“. 40
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
Allgemeingültigkeit, jedoch bietet sie keinerlei objektiven Gründe eine bestimmte gesellschaftsrelativistische Position einer anderen vorzuziehen. Somit können beispielsweise ethische Aussagen nur im Umfeld einer Gesellschaft ihre Gültigkeit besitzen und kein Wissenschaftliches Paradigma wäre einem anderen vorzuziehen.
Es gibt auch die Möglichkeit eines naiven Gesellschaftsrelativismus, jedoch besitzt der keinerlei Plausibilität. Ein Beispiel für einen Schluss eines naiven Gesellschaftsrelativisten wäre Folgender: „Wir leben in einer Gesellschaft, die an das Göttliche glaubt bzw. für die das Göttliche real ist. Folglich gibt es das Göttliche.“ Der naive Gesellschaftsrelativismus unterscheidet sich von anderen Formen des Gesellschaftsrelativismus darin, dass angenommen wird, dass es möglich sei, durch die soziale Praxis wahre Aussagen über Gegenstände der subjektiven und unabhängigen Wirklichkeit gesellschaftsunabhängig abzuleiten. Ein naiver Gesellschaftsrelativist ist ein solcher, der durch Annahmen, die in seiner Gesellschaft Geltung haben Schlüsse zieht, die den Anspruch haben, unabhängig von der Gesellschaft gültig zu sein. Der naive
Gesellschaftsrelativismus ist deswegen unplausibel, da die Annahmen, von denen ausgegangen wurde, in anderen sozialen Systemen einen anderen Wahrheitswert besitzen können, und somit widersprüchliche Aussagen mit gleicher Allgemeingültigkeit zugelassen werden müssen.
Der Unterschied zwischen Idealismus, Gesellschaftsrelativismus und Materialismus folgt aus einer unterschiedlichen Gewichtung der Fragen „Was lehrt uns die Wissenschaft?“, „Was sagt uns der Untersuchungsgegenstand über die Gesellschaft in der sie vorkommt aus?“ und „Wie hängen Sachverhalte zusammen?“. Die Lehrende Funktion, die Beschaffenheit der Kultur und die Kausalität werden unterschiedlich gewichtet und in Folge dessen konstruiert der Wissenschaftler die Wirklichkeitsauffassung mit der er seinen Untersuchungsgegenstand interpretiert. Es ist also nicht verwunderlich, dass in der Naturwissenschaft der Materialismus, in der Ethik der Idealismus und in der Soziologie der Gesellschaftsrelativismus stark vertreten wird.
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
4. Wirklichkeitsauffassungen in der Geschichtswissenschaft
Die verschiedenen Auffassungen der Wirklichkeit, die in vorangegangenen Abschnitt dargestellt wurden, lassen sich auch in der Geschichtsauffassung bzw. der Wirklichkeitsauffassung in der Geschichtswissenschaft 41 erkennen. Die Probleme, die durch die Frage nach der Wirklichkeit entstehen, sind in der Geschichte ebenso real wie in der Philosophie. In der Tat sind die Schwierigkeiten in der Geschichte gravierender als in der Philosophie, wie das Ameisen-Beispiel Putnams verdeutlicht. 42 Putnam stellt sich die Frage, ob eine Ameise, die durch Sand läuft und zufällig ein Muster, das Winston Churchill ähnelt, in den Sand hinterlässt, ein Bild von Churchill gezeichnet habe. Putnam stellt fest, dass die meisten Menschen der Ameise ohne Intention nicht unterstellen würden, dass sie Churchill gezeichnet habe. Die Referenz zwischen einem physischen Gegenstand bzw. Abbild oder einem Namen und der Sache auf die sie referiert könne folglich keine reine Referenz physischer Natur sein 43 . Die Geschichtswissenschaft, die im besten Falle nur vermag die Vergangenheit zu konstruieren bzw. abzubilden, ist oftmals mit dem Problem konfrontiert, dass das Original von dem es ein Abbild erzeugen will, nicht vollständig vorliegt - mit anderen Worten: ein Bild von Winston Churchill zu malen ist denkbar einfach im Vergleich zu der Darstellung der Essgewohnheiten der Babylonischen Hochkultur, da die Informationen über die physischen Charakteristika Churchills bedeutend vollständiger überliefert sind, als die Essgewohnheiten Babylons. Es herrscht also eine mehr oder weniger unvollständige Informationsdatenbank, auf die wir zurückgreifen können bei der Konstruktion von Vergangenem. Des Weiteren können wir uns bei der Geschichte nicht mit bloßer Intention zufrieden geben, da ein Holocaustleugner ebenso wie der seriöse Historiker die Intention der Darstellung des Dritten Reichs verfolgen können. In der Geschichtswissenschaft erzeugen wir Abbilder eines Originals, dessen Existenz
Der Begriff „Geschichtsauffassung“ wird im Folgenden als eine
41
Wirklichkeitsauffassung in einer Geschichtsdarstellung bzw. geschichtswissenschaftlichen Theorie verstanden. Vgl.: Putnam, H.: brains in a vat. 42
An dieser Stelle seines Essays legt Putnam sich noch nicht darauf fest, ob eine 43
physische oder psychische Referenz vorliegt, sondern bemerkt lediglich, dass einige Philosophen aus Gründen, die sich z.B. in dem Ameisen-Beispiel ergeben, angenehmen, dass eine geistige Referenz vorhanden sein muss. Im späteren Verlauf des Textes versucht Putnam zu zeigen, dass die geistige Referenz ebenfalls nicht die Beziehung zwischen Wort und Gegenstand verdeutlichen kann, was allerdings in diesem Teil unserer Argumentation noch vernachlässigt werden kann. Vgl.: Putnam, H.: brains in a vat.
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
uns nur in Fragmenten überliefert ist.
Nachdem die grundsätzliche Problematik verdeutlicht wurde, wenden wir uns den konkreten Lösungsansätzen zu. Die Geschichtsauffassungen, die an dieser Stelle diskutiert werden, sind solche, die nach der Aufklärung entstanden sind. Dies geschieht aus dem Grunde, da vorher kaum von einer methodischen Geschichtsschreibung gesprochen werden kann, sondern vielmehr
zweckgerichtete Überlieferungen wie z.B. Urkunden, Mythen und Ahnentafeln die Geschichte vermitteln.
4.1 Teleologische Geschichte - Geschichtsidealismus
Die erste moderne Geschichtsauffassung ist eine, die durch den Einfluss der Aufklärung entstanden ist. Diese Theorien zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine rationale Erklärung bieten wollen, und deswegen versuchen ein rational erkennbares Ziel der Geschichte zu konstruieren, woraufhin Ereignisse der Geschichte im Hinblick auf das Ziel analysiert und bewertet werden können. 44 Dieser historische Idealismus zeichnet sich - ebenso wie der philosophische Idealismus - dadurch aus, dass die Theorien, die diese Annahme vertreten, aus der Rationalität ein Ideal, das Bewertungsgrundlage für Fragen ihrer Wissenschaft bildet, konstruieren. Es wird also eine unabhängige Wirklichkeit konstruiert, mit deren Hilfe wir soziale Wirklichkeit bewerten können.
Die bedeutendsten Vertreter dieser Geschichtsauffassung sind Hegel und Marx. Beide schreiben der Geschichte eine Zielstrebigkeit zu und interpretieren historische Vorgänge im Hinblick auf das Ziel. Vor allem bei Marx wird dies deutlich. Das Ziel der Geschichte sei die Klassenlose Gesellschaft. Geschichte zeichne sich durch aufeinander folgende Klassenkämpfe aus, die dafür sorgen, dass die Klasse der Herrschenden gegenüber der Klasse der Beherrschten zunimmt und am Ende der Geschichte die Klasse der Herrschenden alle Menschen umfasst. Bei dieser Theorie sehen wir deutlich die Schwächen eines idealistischen Ansatzes der Geschichte. Historische Vorgänge werden betrachtet, um aus der Erfahrung jener Prozesse ein idealistisches Ziel zu konstruieren, mit dem die Vorgänge wiederum beurteilt werden können. Aus Aussagen, die der sozialen oder subjektiven Wirklichkeit entspringen, wird eine Aussage über die unabhängige Wirklichkeit gefolgert, die helfen soll die soziale
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
Wirklichkeit zu erklären. Es ist also ein zirkuläres Begründungsschema und aus diesem Grunde kaum zu halten.
4.2 Historismus - gesellschaftsrelativistische Geschichtsauffassung
Der Historismus nach Ranke ist eine relativistische Auffassung von Geschichte, bei der Werte und Moral relativ zu der Gesellschaft sind, in der sie gelten. Diese These drückt Ranke in seiner oft zitierten Aussage, dass „jede Epoche […] unmittelbar zu Gott“ ist, aus. 45 Diese Auffassung der Geschichte resultiert aus der Intention Rankes sich mit Geschichte zu befassen. Geschichte diene der Identitätsbildung einer Nation 46 , und müsse deswegen auch ohne eine Theorie voran zustellen beobachtet werden, um zur Erkenntnis zu gelangen. Dieses Vorgehen steht im Kontrast zu idealistischen Theorien wie die von Marx oder Hegel, und versucht die Geschichtswissenschaft stattdessen an
naturwissenschaftliches Vorgehen wie in Bacons Theorie beschrieben anzulehnen. Der Historiker soll sich die Quellen der Vergangenheit betrachten und versuchen sich in die damalige Gesellschaft einzufühlen, statt sie mit der heutigen Moral zu bewerten. 47 Das Volk ist in der Geschichte die agierende Entität und die Geschichtswissenschaft rekonstruiert das Gedächtnis dieser Entität.
Die Kritiken an diesem Konzept sind leicht gefunden. Einerseits ist es unwahrscheinlich, dass ein Historiker sich jemals auch nur annähernd in die Situation der alten Ägypter, der Inka oder Babylonier einfühlen kann, und andererseits wurde schon von vielen Historikern festgestellt, dass es Historie jenseits von Staatsgeschichte gibt. Dies wird auch an der heutzutage gängigen Einteilung der Geschichtswissenschaft in unserer Gesellschaft deutlich. 48 Des Weiteren kann eine solche Form der Geschichtsschreibung - ebenso wie alle gesellschaftsrelativistischen Theorien - keine gesellschaftsunabhängige Allgemeingültigkeit schaffen. Somit wäre es nach einer solchen Geschichtsauffassung falsch die Verbrechen des dritten Reiches oder Japans während des zweiten Weltkrieges zu verurteilen, was berechtigterweise nicht
Vgl.: Pape, J.: S.35.
45
Vgl.: Pape, J.: S.32f.
46
Vgl.: Pape, J.: S.36-42.
47
Wir erforschen heutzutage mit wichtigen Ergebnissen Bereiche der Wissenschaft, die 48
Ranke für unwichtig hielt. Beispiele dafür sind die Frauengeschichte und die Geschichte des „einfachen Mannes“.
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
akzeptabel ist. Eine theoriefreie Geschichtsschreibung ist weder in unserem Interesse, noch in unserer Möglichkeit. 49
4.3 Geschichte als Narration - relativistische Geschichtsauffassung
Geschichte sei nach der Auffassung mancher Historiker, wie beispielsweise Hayden White, allein durch die Art und Weise, wie sie wiedergegeben wird, eine Narration. Geschichtsdarstellungen daran zu messen, wie
übereinstimmend sie mit den historischen Ereignissen sind, sei ein falscher Ansatz, da bereits die Verwendung von Sprache als Mittel der Darstellung eine objektive Konstruktion verhindere. 50 In dieser Interpretation der Geschichtswissenschaft wird nicht notwendigerweise die Existenz von Fakten bestritten, aber die Einordnung der Fakten geschieht in erzählerischer Form. Wenn man die Frage was uns Geschichte nützt bzw. welchen Bezug wir zu ihr haben beantworten will, so sind die Antworten notwendigerweise narrativ. White unterscheidet 4 Typen von Narrationen - Satire, Komödie, Tragödie und Romanze - , mit denen Historiker arbeiten. 51 Nach dieser Theorie bedienten sich die Historiker, je nachdem welche Aussage erzielt werden soll, einer Erzählform, die die Intention am besten ausdrückt. Wenn der Historiker beispielsweise einen Kampf zwischen Gut und Böse mit dem Triumph des Guten wiedergeben will, so sei die Romanze die geeignete Form. 52 In diesem Sinne kann man auch eine kommunistisch geprägte historische Darstellung als Romanze verstehen - der Kampf zwischen Gut und Böse ist da unter dem Namen des Klassenkampfes vorzufinden.
Wie uns bei der Theorie von White veranschaulicht wurde ist - nach dieser Auffassung der Geschichtsschreibung - Geschichte eine „von einem Historiker vorgeschlagene Interpretation eines geschichtlichen Zusammenhangs“ 53 . Es wird
Diese Kritik wurde bereits von Beard und Becker unterschiedlich scharf formuliert.
49
Pierre Duham hat gezeigt, dass selbst in der Physik keine Versuche durchgeführt oder Beobachtungen gedeutet werden können ohne eine Theorie. Vgl.: Pape, J.: S.44-48. Vgl.: Pape, J.: S.71. 50
White macht noch mehrere Untergliederungen, die detaillierter die narrativen 51
Methoden der Historiker darstellen. An dieser Stelle reicht uns jedoch diese Kurzdarstellung um die Idee Whites zu verstehen. Vgl.: White, H.: metahistory.
Vgl.: Adam, C.: das Problem narrativer Strukturen in den modernen Geschichtswissenschaften. Vgl.: Adam, C.: S.29f. 52 Vgl.: Pape, J.: S.70. 53
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
bei einer solchen Auffassung nicht verleugnet, dass es eine von uns unabhängige Wirklichkeit bzw. Vergangenheit gibt, jedoch wird die Möglichkeit einer objektiv-historischen Rekonstruktion in Frage gestellt. Rekonstruktion sei immer eine Interpretation. 54 Insofern ist eine Arbeit der Geschichtswissenschaft durch die Ansichten des Verfassers geprägt. Ein kommunistisch geprägter Autor, beispielsweise, wird die Bauernaufstände in England 1381 als ein Klassenkampf zwischen der verarmten Bauernschicht und der Obrigkeit darstellen wollen. Die Fakten würden folglich in eine Interpretation mit Hilfe der narrativen Methoden eingebettet, so dass der Klassenkampf in diesem historischen Kontext ersichtlich wird. Pape fasst die Argumentation der Narrativisten in folgender Darstellung treffend zusammen:
„Die Narrativisten argumentieren in folgender Weise: Sie behaupten erstens, dass Historiker sich narrativer Verfahren und Strukturen bedienen, um ihre Gegenstände zu beschreiben und zu erklären. Zweitens sagen sie, dass die Historiker diese narrativen Strukturen nirgends in der Wirklichkeit vorfinden, es handle sich vielmehr um Konstrukte. Nun wird drittens vorausgesetzt, dass die Objektivität und Wahrheit einer historischen Darstellung in der Übereinstimmung ihrer narrativen Struktur mit der Realität besteht. Daraus wird dann viertens geschlossen, dass historische Darstellungen als Ganzes betrachtet keinen Anspruch auf Objektivität und Wahrheit erheben können.“ 55
Aus dieser Argumentation folgt ein radikaler Relativismus der Geschichte, indem Geschichte zum Instrument der Darstellung einer Intention wird. 56 Narrativisten setzen eine von uns unabhängige, historische Wirklichkeit voraus, jedoch bestreiten sie die die Möglichkeit jene Wirklichkeit darstellen zu können. Vielmehr sei eine historische Darstellung eine subjektive Wirklichkeit, in der bekannte Teile der unabhängigen Wirklichkeit in eine dem Historiker angemessene Form verbunden werden. Historische Daten werden also in eine vom Historiker konstruierte Interpretation in einem Kausalzusammenhang gebracht. In einer solchen Auffassung von Geschichte kann eine Theorie, wenn sie historische Daten verfälscht wiedergibt, zwar leicht falsifiziert werden 57 , aber wenn die Daten korrekt wiedergegeben werden, so kann die Interpretation
Vgl.: Pape, J.: S.70.
54
Vgl.: Pape, J.: S.72.
55
Vgl.: Pape, J.: S.72.
56
Beispielsweise wenn eine Geschichtsdarstellung den zweiten Weltkrieg zwischen den 57
Jahren 1814 und 1828 einordnen würde.
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
des Kausalzusammenhangs der Daten weder bestätigt noch widerlegt werden. Geschichtsdarstellungen sind in diesem Ansatz zwar eine Konstruktion, jedoch kann zwischen möglichen und unmöglichen Interpretationen der Geschichte unterschieden werden, indem geprüft wird, ob die Daten in die Darstellung korrekt eingebettet sind. 58 Die Kritik der Narrativisten, das Geschichte eine Narration, also eine Kunstform sei, ist nicht haltbar, da durchaus zwischen falschen und möglicherweise zutreffenden Interpretation unterschieden werden kann. Nicht anders als in den Naturwissenschaften gibt es in der Geschichtswissenschaft einen Datensatz, den die Wissenschaftler durch eine Theorie bzw. Narration interpretieren. Nur weil einige Theorien sich widersprechen besteht weder in der Naturwissenschaft, noch in den Geisteswissenschaften ein Grund die Möglichkeit einer angemessenen Theoriealso eine mit der wissenschaftlich gearbeitet werden kann - in Frage zu stellen.
5. zielgerichtet-dynamischer Gesellschaftsrelativistismus 59
In den vorherigen Abschnitten wurde der Wirklichkeitsbegriff in subjektive, soziale und unabhängige Wirklichkeit gegliedert, und daraufhin analysiert wie sich gängige Wirklichkeitsauffassungen innerhalb dieser Gliederung verhalten. Das Problem jener Auffassungen ist, dass jene von einem Teil der Wirklichkeit ausgehend es nicht vermögen eine sowohl dynamische, als auch plausible und allgemeingültige Erklärung der Wirklichkeit bieten. Allgemeingültigkeit ist notwendig, um ein Paradigma zu konstruieren, Plausibilität ist notwendig, um das Paradigma akzeptabel zu gestalten und Dynamik ist notwendig, um den Paradigmenwechsel zu ermöglichen. Wissenschaftliches Arbeiten ist auf diese Eigenschaften einer Wirklichkeitsauffassung angewiesen, um sich von bloßer Spekulation zu unterscheiden.
Um den Konflikt in Bezug auf die Wirklichkeitsauffassung zu entschärfen, muss als erstes die Existenz aller drei Wirklichkeitstypen akzeptiert werden. Des Weiteren ist es notwendig festzustellen, dass Schlüsse sich immer nur in einem der Wirklichkeitstypen bewegen. Eine Prämisse, die durch subjektive
Der Historismus ist zwar auch ein Gesellschaftsrelativismus, jedoch ist in jenem 59
Relativismus die Wahrheit der Aussage relativ zur Gesellschaft bzw. Epoche, die der Historiker untersucht. In dem zielgerichtet-dynamischen Gesellschaftsrelativismus ist die Wahrheit der Aussage relativ zur Gesellschaft der Wissenschaftler.
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
Wirklichkeit verifiziert wird, kann auf keine Conclusio schließen lassen, die einen Anspruch hat etwas über Sachverhalte eines anderen Wirklichkeitstyps auszusagen. Ein farbenblinder Mensch, für den Grün und Rot nicht unterscheidbar sind, kann die Aussage „Grün und Rot sind die gleichen Farben.“ nur durch seine subjektive Wirklichkeit als wahr verifizieren. In der sozialen Wirklichkeit hätte dieser Satz einen anderen Wahrheitswert. Wenn wir diesen Satz logisch formalisieren, müssen wir folglich wie in der Mathematik angeben aus welcher Menge bzw. von welchem Wirklichkeitstyp die verwendeten Elemente sind. Wir können keinen Korrekten Schluss ziehen, bei dem die Teilaussagen durch verschiedene Wirklichkeitstypen verifiziert werden bzw. dessen Teilaussagen Elemente unterschiedlicher Mengen verwenden.
Unser Begriff der Wirklichkeit ist ein synthetischer bzw. zusammengesetzter Begriff, der aus unterschiedlichen Wirklichkeitstypen besteht. Inwiefern hilft diese Erkenntnis, uns eine Wirklichkeitsauffassung zu konstruieren, die eine Basis schafft, auf der wir Diskussionen aufbauen können, die aber nicht willkürlich wirkt? Es wurde festgestellt, dass Wirklichkeitsauffassungen, die auf subjektive Wirklichkeit beschränkt bleiben, keine Diskussionsgrundlage bieten können; es wurde festgestellt, dass solche Auffassungen, die auf unabhängiger Wirklichkeit basieren, keine verbindliche Allgemeingültigkeit bieten können; es wurde ebenfalls festgestellt, dass Wirklichkeitsauffassungen, die auf sozialer Wirklichkeit basieren, nicht geeignet sind, da bei einer solchen Auffassung keine Gründe genannt werden können, eine Theorie einer anderen vorzuziehen. Einen Lösungsansatz aus diesem Dilemma bietet ein zielgerichtet-dynamischer Gesellschaftsrelativismus wie die Theorie von Putnam. 60
In Putnams Sprachtheorie gibt es eine Arbeitsteilung in der Gesellschaft. Sprachliche Ausdrücke werden zwar von der gesamten Gesellschaft benutzt, jedoch werden die Kriterien bzw. Definitionen jener Ausdrücke von einem Teil der Gesellschaft, also Wissenschaftlern, festgelegt. 61 Diese Definitionen sind nicht willkürlich gewählt, sondern das Produkt empirischer Analyse. Das was Putnam in seinem Aufsatz „the meaning of meaning“ in Bezug auf die Sprache beschreibt, kann man auf historische Sachverhalte übertragen.
Als Beispiel dient hier der Begriff bzw. historische Sachverhalt „Mittelalter“. In
Vgl.: Putnam, H.: mind, language and reality.
60
Vgl.: Putnam, H.: Vernunft, Wahrheit und Geschichte. Vgl.: Putnam, H.: mind, language and reality, S.228. 61
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der frühen Neuzeit entwickelten viele Wissenschaftler ein Interesse an Literatur und Wissenschaft der Antike. Seitdem wurde das Mittelalter als eine Zwischenphase des Stillstandes, welches zwischen den fortschrittlichen Kulturen der Antike und der Neuzeit angesiedelt ist, betrachtet. Der Begriff „Mittelalter“ zeugt von diesem Gedanken. Nachdem - vor allem durch die Forschung des zwanzigsten Jahrhunderts - gezeigt wurde, dass auch das Mittelalter von Fortschritt und Vielfalt geprägt war, kam die Teilgruppe der Gesellschaft, die die Kriterien des Begriffes festlegen, zu neuen Kriterien. Justice zeigt uns beispielsweise, dass selbst im Mittelalter zumindest ein Teil der Bauern lesen und schreiben konnten, und widerlegt damit das Vorurteil, dass die Bauern Analphabeten waren. 62 Ebenso gibt es eine Vielzahl von historischen Werken, die Entwicklungen im Bereich des Handelsnetzes, der religiösen Praktiken, der Technologien und in vielen anderen Bereichen nachweisen. Der Begriff des Mittelalters wird weiterhin zur Beschreibung der Epoche angewandt, obwohl zumindest in wissenschaftlichen Kreisen die Kriterien des Begriffes sich geändert haben. Die Bedeutung des Begriffes „Mittelalter“ hat sich geändert, ohne die Extension zu verändern. Ebenso wie bei Begriffen wie Tiger, Gold oder Wasser 63 , besteht auch bei historischen Sachverhalten eine sprachliche Arbeitsteilung. Während innerhalb der Gesellschaft allgemein eine römische Legionärskleidung erkannt werden kann, kennt nur ein Teil der Gesellschaft die genaue Webtechnik der Tunika, die Schmiedetechnik der Rüstung und Waffen und andere Kriterien, dennoch kann die breite Bevölkerung sinnvolle und korrekte Aussagen über die römische Legionärsbekleidung treffen. Natürlich gibt es - ebenso wie in Putnams Beispiel des Goldes - bei solchen Sachverhalten wie der römischen Legionärskleidung die Möglichkeit sich zu irren und eine Fälschung vor sich zu haben, jedoch gibt es dann die Möglichkeit einen Experten zu konsultieren. Putnams Gedanke, dass Begriffe innerhalb einer Gesellschaft von ihrer Extension bestimmt werden können 64 , ist der geeignete Ansatz, um historische Sachverhalte zu begreifen.
Vgl.: Justice, S.: writing and rebellion.
62
Dies sind die Beispiele von Putnam. 63
Vgl.: Putnam, H.: mind, language and reality, S.215-270. Anhand der Hypothese einer fiktiven Zwillingserde, in der etwas als Wasser 64
bezeichnet wird, was die sichtbaren Eigenschaften des Wassers in unserer Welt hat, aber aus XYZ statt H O besteht, leitet Putnam für den Begriff des Wassers folgendes ₂
ab: „Water at another time or in another place or even in another possible world has to bear the relation sameL to our 'water' in order to be water. Thus the theory that (1) words have 'intensions', which are something like concepts associated with the words by speakers; and that (2) intension determines extension - cannot be true
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
Der Historiker hat einen Satz von Daten über den zu untersuchenden Sachverhalt und konstruiert aus diesem Datensatz eine Theorie des Sachverhaltes - mit anderen Worten: die Extension des Sachverhaltes ist festgelegt und die Bedeutung wird durch Analyse der Gegenstände der Extension bestimmt. Wenn man die mittelalterliche Gesellschaft als patriarchische Gesellschaft definieren, und dann feststellt, dass Frauen in Nonnenklöstern Macht erlangen konnten, so würde man nicht zu dem Schluss gelangen, dass jene Frauenklöster nicht Teil der mittelalterlichen Gesellschaft waren. Ebenso verhält es sich in dem Fall, wenn die Architektur der Kultur X in der Literatur als einstöckig charakterisiert wird, und im Laufe der Zeit bei Ausgrabungen einige Bauten, die zwar mehrstöckig sind, jedoch sämtliche anderen Eigenschaften der Architektur der Kultur X besitzen, entdeckt werden würde. Auch in diesem Fall würde man die Bedeutung des Begriffes „Architektur der Kultur X“ so umwandeln, dass das Kriterium „ein- oder mehrstöckig“ hinzugefügt wird.
Wir müssen zwischen Verifikation von Aussagen innerhalb einer Wirklichkeitstheorie und der Legitimation jener Theorie unterscheiden. Ein zielgerichtet-dynamischer, gesellschaftsrelativistischer Ansatz kann uns Plausibilität und eine innerhalb einer bestimmten Gesellschaft 65 geltende Allgemeingültigkeit bieten, da in einer solchen Wirklichkeitsauffassung die Wahrheit der Aussagen auf die Begrifflichkeit der Wissenschaftler bezogen ist. Die zielgerichtete Dynamik erhält sie durch ihre Legitimation. Die Legitimation einer solchen Theorie muss in dem Anspruch der Wissenschaften begründet sein, eine allgemeingültige Erklärung der Wirklichkeit zu konstruieren, die nicht von einer willkürlichen Interpretation der Gesellschaft der Wissenschaftler abhängig ist, auch wenn sie nicht die Möglichkeit von Interpretationen abstreitet. Durch diesen Anspruch und der Einsicht, dass wir
of natural-kind words like 'water' for the same reason the theory cannot be true of obviously indexical words like 'I'.
Auch am Beispiel von Jade kann Putnam überzeugen, dass die sichtbaren Eigenschaften bzw. die Extension des Begriffes die Verwendung des Wortes bestimmen. Was die Chinesen als Jade bezeichnen ist eigentlich ein Sammelbegriff für zwei unterschiedliche Arten von Elementenverbindungen, die die gleichen äußerlichen Charakteristika aufweisen. Durch die Entdeckung jener Charakteristika ändert sich nicht die Extension des Begriffes, sondern man wird höchstens sagen, dass jener Gegenstand aus der einen oder anderen Art von Jade besteht. Vgl.: Putnam, H.: mind, language and reality, S.234,241.
Im Falle der Wissenschaft ist die Gesellschaft, auf die sich die Theorie bezieht, die 65
Gesellschaft der Wissenschaftler.
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
eine plausible und allgemeingültige Aussage nur innerhalb eines gesellschaftlichen Rahmens treffen können, entspringt die Pflicht die Wirklichkeitsbeschreibung bzw. eine wissenschaftliche Theorie zu verbessern, wenn sie sich mit empirischen Erkenntnissen widerspricht. Der Fortschritt von einer Theorie zu einer anderen Theorie wird notwendig, wenn durch Untersuchungen festgestellt wird, dass die alte Theorie es nicht vermag alle empirischen Daten zu integrieren.
Eine soziale Wirklichkeit sollte die Basis der Wissenschaft sein, jedoch muss diese soziale Wirklichkeit einen Anspruch haben, sich der unabhängigen Wirklichkeit oder Realität zu nähern. Durch diesen Anspruch ist die soziale Wirklichkeit keine bloße zufällige Interpretation, sondern eine zielgerichtete dynamische Interpretation, die genötigt ist sich an neuen empirisch erhobenen Daten anzupassen. Wenn beispielsweise die These aufgestellt wird, dass Raum und Zeit konstant verlaufen und mit dieser Theorie bislang gute Ergebnisse erzielt wurden, jedoch irgendwann festgestellt wird, dass durch diesen Ansatz Widersprüche zu neuen empirischen Untersuchungen zustande kommen, so entsteht eine Pflicht der Wissenschaft, eine Theorie zu konstruieren, die jene Probleme nicht bietet. Wenn die These aufgestellt wird, dass militärische Konflikte - innerhalb der Gesellschaft des Aggressors - immer einer Legitimation bedürfen, jedoch an einigen bestimmten historischen Auseinandersetzungen keine solche Legitimation festgestellt werden kann, so muss entweder untersucht werden, ob eine Legitimation gegeben war, die übersehen wurde, oder die These muss entsprechend der neuen Quellenlage angepasst werden. Die soziale Wirklichkeit ist das Bindeglied zwischen Subjektivität und Objektivität. Wissen ist primär nur subjektiv zugänglich. Dadurch, dass eine von uns unabhängige Wirklichkeit vorausgesetzt wird, die mithilfe der Wissenschaft - d.h. Kommunikation mit anderen Wissenschaftlern - erforscht werden soll, wird die subjektive Wirklichkeit der Einzelnen Personen zu einer sozialen Wirklichkeit, die die Pflicht hat sich der vorausgesetzten unabhängigen Wirklichkeit zu nähern, verbunden. Daraus folgt, dass historische Theorien und Interpretationen nicht empirischen Daten widersprechen dürfen, sondern sich neuen Theorien unterordnen müssen, wenn jene die empirischen Untersuchungen besser erklären können. Die Wirklichkeit, die die Wissenschaft konstruiert, ist eine vorläufig allgemeingültige mit einer zielgerichteten Dynamik, die aus der Verpflichtung entsteht empirische Daten zu erklären.
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
Weder Naturwissenschaften, noch Geisteswissenschaften (wie z.B. die Geschichtswissenschaft) können ein genaues Abbild der Realität wiedergeben, jedoch sind sie keine willkürliche Spekulation, sondern eine zielgerichtete Interpretation. Auch wenn das Ziel - eine von uns unabhängige Wirklichkeit wiederzugeben - nicht erreicht werden kann, können nützliche Erkenntnisse gewonnen werden, die in der Hinsicht objektiv sind, dass sie sich den Daten unterordnen.
In den Naturwissenschaften können Widersprüche zu der aktuellen Theorie leicht erkannt werden, während bei einigen Geisteswissenschaften, vor allem in der Geschichtswissenschaft, solche Widersprüche möglicherweise keine Widersprüche sind, sondern nur Lücken in dem bislang zugänglichen Wissen sein können. Naturwissenschaft kann sich neue Beobachtungen generieren, um scheinbare Widersprüche von tatsächlichen zu unterscheiden.
Geisteswissenschaft ist oft auf eine beschränkte Anzahl an Beobachtungen, die mehr oder weniger vollständig sind, angewiesen. Der Naturwissenschaftler kann jederzeit die Wirklichkeit, die er erschließen will, empirisch untersuchen und erfahren. Selbst Kinder können beispielsweise im Physikunterricht das Verhalten von Elektronen im Magnetfeld untersuchen und sich somit eigene Daten generieren.
In den Naturwissenschaften wird oft direkt auf das Objekt der Untersuchung oder zumindest auf Hinweisen auf jenes Objekt 66 geschaut, während in der Geschichte nur Hinweise auf den Untersuchungsgegenstand vorhanden sind. Der Geisteswissenschaftler ist darüber hinaus oft auf einen vorhandenen Datensatz, der lückenhaft ist, beschränkt, und muss somit eine zusätzliche Interpretationsleitung vollziehen. Er muss einen größeren Teil des Wissens mit seinem Geiste erschließen als der Naturwissenschaftler. Die Möglichkeit sich dabei zu irren kann entsprechend auch größer sein; nichts desto trotz erschließt auch die Wissenschaft des Geistes mit Hilfe von Theorien eine Wirklichkeit, die ebenso real ist, wie die der Naturwissenschaftler.
Eine Form des Erkenntnisgewinnes blieb bisher unberücksichtigt. Die Gedankenexperimente, z.B. Putnams „Gehirne im Tank“, können zu Erkenntnissen führen, obwohl sie scheinbar nicht auf empirischen Daten zurückgreifen müssen. Man muss jedoch berücksichtigen, dass sie ihre
Einige Bereiche der Naturwissenschaften sind auch nur durch Hinweisen auf ihre
66
Wirkung ersichtlich, wie z.B. Magnetfelder oder Elektronen.
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
Argumentationen aus Erkenntnissen über Mechanismen, wie z.B. den Denkmustern oder Verhaltensweisen der Menschen, schöpfen, und folglich auch auf einen Datenbestand zurückgreifen müssen, der sich aus der Wirklichkeitsauffassung des Autors ergibt. Somit haben auch jene Gedankenexperimente ihre Basis in der Wirklichkeit, obwohl diese Basis in fiktiven Sachverhalten eingeordnet wird. Ihre Überzeugungskraft liegt darin begründet, dass Parallelen und/oder Überschneidungen jener Experimente zur Wirklichkeit vorhanden sind.
Zusammenfassung
Es wurde erörtert, dass unterschiedliche Wirklichkeitsauffassungen unterschiedliche Interpretationen - und somit auch unterschiedliche Ergebnisse in der Wissenschaft - ermöglichen. Ein großer Teil der Wissenschaftler arbeiten im Hinblick auf ein Ziel. 67 Dieses Ziel ist in den Naturwissenschaften weitestgehend einheitlich, wodurch auch eine weitestgehend einheitliche Wirklichkeitsauffassung, die im Hinblick auf den Forschungszielen geeignet ist (Materialismus), verwendet wird. In den Geisteswissenschaften herrscht keine Homogenität im Bezug auf den Forschungszielen und der
Wirklichkeitsauffassung, wodurch unterschiedliche, sich widersprechende Ergebnisse erzielt werden. Da - gerade im Hinblick auf die Geschichtswissenschaft - willkürliche Interpretationen oder Spekulationen nicht angemessen sind, wurde der Versuch unternommen, einen Argumentationskatalog zu erstellen, mit dessen Hilfe die
Wirklichkeitsauffassungen bewerten wurden. Darüber hinaus wurde gezeigt, dass verschiedene Wirklichkeiten existieren und Aussagen immer bezogen werden auf eine bestimmte Wirklichkeit.
Die Bewertung der Wirklichkeitsauffassungen hat gezeigt, dass philosophische Wirklichkeitsauffassungen in geänderter Form in der Geschichtswissenschaft anzutreffen sind. Die gängigen Wirklichkeitsauffassungen beider Wissenschaften konnten nicht überzeugen, da sie jeweils unterschiedliche Aspekte der Wirklichkeit nicht berücksichtigen. Positive Aspekte konnten jedoch bei allen Theorien erkannt werden. Der Idealismus konnte durch seine
Allgemeingültigkeit überzeugen, während der Materialismus durch seine
Vergleiche dazu die Ausführungen am Ende des dritten Kapitels.
67
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
Dynamik und empirischen Plausibilität und der Gesellschaftsrelativismus durch seine gesellschaftsbezogene Allgemeingültigkeit überzeugen konnte. Diese Positionen sind jedoch nicht akzeptabel im Hinblick auf wissenschaftlichen Umgang mit der Geschichte. Wissenschaft bedarf einer Wirklichkeitsauffassung, die Plausibilität, Allgemeingültigkeit und Dynamik ermöglicht. Einen Ausweg bot uns Putnams Ansatz. Seine Begriffstheorie wurde auf die Geschichtswissenschaft übertragen, um anhand eines praktischen Beispiels die Möglichkeiten von Putnams Theorie zu prüfen. Ein zielgerichtet-dynamischer Gesellschaftsrelativismus kann in der Geschichtswissenschaft Verifikation historischer Darstellungen und Entwicklung durch neue Erkenntnisse ermöglichen. Wir haben subjektive Wirklichkeiten, allerdings wissen wir, dass eine unabhängige Wirklichkeit existiert bzw. wir wissen, dass einige Aussagen ihren Wahrheitswert unabhängig von der subjektiven Wirklichkeit erhalten. Da ein Bedarf besteht die unabhängige Wirklichkeit zu erforschen, bedient man sich der Wissenschaft und schafft eine soziale Wirklichkeit, die den Anspruch hat sich der unabhängigen Wirklichkeit zu nähern. Eine solche Wirklichkeitsauffassung bietet dem Historiker die Möglichkeit seine Interpretationen von Spekulationen zu unterscheiden und somit als Wissenschaft zu legitimieren.
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Wirklichkeitsauffassungen - unterschiedliche Ansätze und ihre Folgen für die Wissenschaften
Bibliographie
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Gottwald, S.: mehrwertige Logik, eine Einführung in Theorie und Anwendung, Berlin 1995. Joosten, H.: Selbst, Substanz und Subjekt, die ethische und politische Relevanz der personalen
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