Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung. 2
II. Die Problematik der Willensfreiheit. 3
III. Die Gottesvorstellung. 7
1. Das Weltbild des Boethius. 7
2. Das Vorauswissen Gottes. 8
IV. Fazit. 10
V. Literaturverzeichnis. 12
1. Quellen. 12
2. Sekundärliteratur 12
I. Einleitung
Der schriftstellerische Plan Anicius Manlius Severinus Boethius war es, die Gedanken des Altertums mit der Offenbarung zu verbinden. Die katholische Kirche sollte durch sein Tun, auf antike Weisheiten gestützt, gestärkt werden. 1 Wo genau Boethius ausgebildet worden war, ist weitestgehend nicht bekannt; ein Studium an der neuplatonischen Schule in Athen, beim Nachfolger des Proklos, erscheint jedoch als möglich. 2 Die Bedeutsamkeit der „Consolatio Philosophiae“ ist kaum zu leugnen, gilt sie doch im Mittelalter als unverzichtbares Hilfsmittel der Erziehung. Außer der Heiligen Schrift hat es kein anderes Buch gegeben, dass die Kultur dieser Epoche so stark geprägt hat, wie die Consolatio. So mag es kaum verwundern, dass sich von diesem Werk bis heute rund 400 Handschriften erhalten haben. Der Titel selbst scheint ganz bewusst traditionell antik gewählt worden zu sein, um das Band mit der antiken philosophischen Tradition zu erhalten. 3 Die Literaturgattung erinnert an die spätere Zeit der Stoa. 4 Somit ist es wenig erstaunlich, dass Boethius ein sehr dem stoischen nahes Gottesbild entwickelt. Gott handelt für Boethius nicht nur vernünftig, sondern auch in sich gut. Das Problematische an Gottes Handlungen ist die Art der Lösungsmöglichkeit. Innerhalb der Stoa und so auch bei Boethius, wählt Gott für ein Problem immer eine einzige Lösungsmöglichkeit. Gott wählt für das gleiche Problem, da er immer das Richtige tut, auch immer die gleiche Lösung, sodass sein Wirken zu einer Kette von Problemlösungen führt, die keinerlei Alternativen ermöglicht. Diese series causam wird innerhalb der Stoa als fatum, die Güte des Wirkens als providentia bezeichnet. Fatum und providentia können als identisch angesehen werden, sind jedoch verschiedene Aspekte derselben Gattung der Welt durch Gott. 5 Hier stellt sich jedoch auch die Frage nach der Vereinbarkeit von fatum und
1. vgl. Ferdinand SASSEN, Boethius - Lehrmeister des Mittelalters, in: Manfred FUHRMANN/Joachim GRUBER (Hrsg.), Boethius (Wege der Forschung, Bd. 483), Darmstadt 1984, S. 82.
2. vgl. SASSEN, S. 84.
3. Mit der Frage, in wie weit Boethius der antiken Tradition folgte, beschäftigt sich der Aufsatz von Erwin SONDEREGGER, Boethius und die Tradition, in: Zeitschrift für philosophische Forschung 46/4, 1994, S. 558-571.
4. vgl. SASSEN, S. 109.
5. vgl. Frank REGEN, Praescientia. Vorauswissen Gottes und Willensfreiheit des Menschen in der Consolatio Philosophiae des Boethius, Beiheft zum Göttinger Forum für Altertumswissenschaft, Göttingen 2001, S. 12; bzgl. der Vorsehung in der stoischen, aristotelischen und platonischen
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der Willensfreiheit des Menschen, nach der Vereinbarkeit von providentia und dem Bösen in der Welt. 6 Auf den ersten Blick erscheint die stringente Lösungskette Gottes nicht mit dem freien Willen vereinbar zu sein - genau so wenig vereinbar auch die Existenz des Bösen mit der göttlichen Fürsorge.
II. Die Problematik der Willensfreiheit
Die Ethik, Metaphysik, Psychologie und Religion des Altertums beschäftigen sich nur marginal mit dem Begriff der Willensfreiheit, was nicht an der antiken Denkweise liegt, sondern an der Problematik, dass die Willensfreiheit selbst keinen philosophischen Ge-genstand bildet, „der sich im methodischen Fortschreiten menschlichen Forschens (…) als selbstständiger Blickpunkt aufdrängt.“ 7 Die Stoa beispielweise diskutiert das Problem primär auf der Seins-, nicht auf der Erkenntnisebene. Somit gibt es bei den Stoikern der Antike auch keine Problematisierung von providentia und praescientia. 8 Bei der Willensfreiheit handelt es sich um ein Problem, das auftaucht, sobald Grenzen definiert werden. Sie ist ein nicht vorhersehbares Resultat nach dem Zusammenschluss verschiedener Bereiche erfolgt. Jedes menschliche Wesen ist in seinem Verhalten darauf aus, die in seiner Umwelt auftauchenden Gegebenheiten zu meistern. Als ein erkennendes, aufgeklärtes Wesen ist es darauf angewiesen, bestimmten Prozessen eine Gesetzmäßigkeit zuzuschreiben, um eine gewisse Transparenz oder Ordnung im scheinbar chaotisch anmutenden Kosmos aufzudecken, ohne dabei auf seine persönliche Freiheit verzichten zu müssen. Dass jedoch dieses Streben nach Ordnung und Struktur dem freien Handeln im Wege steht oder stehen kann, erkennt derjenige erst im Nachhinein, weil „seinem ebenso primären Anliegen, frei zu handeln, widerstreitet, weil auch seine Hand-
Vorhersehungvgl. Peter T. M. HUBER, Die Vereinbarkeit von göttlicher Vorhersehung und menschlicher Freiheit in der Consolatio Philosophiae des Boethius, Zürich 1976, S. 6-20.
6. Bzgl. der neuplatonischen Terminologie vgl. Volker SCHMIDT-KOHL, Die neuplatonische Seelenlehre in der Consolatio Philosophiae des Boethius (Beiträge zur Klassischen Philologie, Heft 16), Meisenheim am Glan 1965.
7. Ernst GEGENSCHATZ, Die Freiheit der Entscheidung in der ›Consolatio Philosophiae‹ des Boethius, in: Manfred FUHRMANN/Joachim GRUBER (Hrsg.), Boethius (Wege der Forschung, Bd. 483), Darmstadt 1984, S. 323.
8. vgl. REGEN, S. 12-13.
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lungen der gesuchten Ordnung verfallen müssen.“ 9 Der Konflikt wird umso größer, je höher die Bestrebungen sind, diese Kluft zu beheben.
Von diesem Punkt ausgehend erscheint es logisch, dass die antike Philosophie sich überwiegend mit der kosmischen Ordnung beschäftigt hat. Die Frage nach der Willensfreiheit erschien hier sekundär. Erst die Forschungen des Sokrates, sowie der Sophisten, legten die Grundlage zur Beschäftigung mit der Willensfreiheit, beschränkten sich jedoch, aufgrund ihres frühen Stadiums, auf den ethischen sowie psychologischen Bereich, sprich der Wahlfreiheit. Die Beschäftigung mit dieser ist auch in der „nikomachischen Ethik“ auffindbar. Ähnlich wie bei Sokrates geschieht dies jedoch nur ungenau, zumal der Blickpunkt nicht auf der metaphysischen Freiheitsfrage liegt. 10 Bei Platon gilt stets die Voraussetzung, dass eine Entscheidung frei sein muss. Betrachtet man die Politea durch das Hinzuziehen neuplatonischer Interpretationsweise, lässt sich eine "metaphysische Verankerung im Sinne eines Zusammensehens der beiden (...) bisher erfassten Räume (...) bei Platon (...) finden." 11 Unklar ist jedoch, inwieweit Platon diese Problematik bewusst gewesen ist, bzw. wie viel Aufmerksamkeit er dieser geschenkt hat. Die Frage nach der menschlichen Handlungsfreiheit und der dabei entstehenden Problematik ist eine Frage, womit sich erst die Stoa beschäftigte; nicht zuletzt durch Kontroversen mit den Anhängern von Epikur. 12 Den Stoikern nach ist die Zwangsläufigkeit des Weltgeschehens - unter der Berücksichtigung, dass es den Zufall nicht gibt - eine unumgängliche und in sich kausale Tatsache. Weiter ist jedoch jedes Wesen dazu fähig frei zu handeln, was zweifelsohne zu einem Widerspruch mit dem zwangsläufigem Geschehen führt. Der einzige Lösungsvorschlag dieses Dilemmas ist die Annahme, dass die Freiheit sich mehr als „innere Zustimmung zum äußeren Geschehen“ 13 äußert, denn als Möglichkeit der freien Entwicklung jenes einzelnen Wesens. Auch die Voraussetzung, dass ein alles ordnender, allwissender und allmächtiger Gott existiert, schließt autarke Entschlüsse aus und führt letzten Endes zur Theodizee-Problematik. 14 Dies bedeutet, dass Gott
9. GEGENSCHATZ, S. 324.
10. vgl. GEGENSCHATZ, S. 324.
11. GEGENSCHATZ, S. 324-325.
12. vgl. GEGENSCHATZ, S. 325.
13. GEGENSCHATZ, S. 325.
14. Einen umfassenden Überblick bzgl. der Theodizee-Frage liefert Carl-Friedrich GEYER, Theodizee oder
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Arbeit zitieren:
Martin Rybarski, 2010, Die Vereinbarkeit von menschlicher Willensfreiheit mit dem Vorauswissen Gottes in der "Consolatio Philosophiae" des Boethius, München, GRIN Verlag GmbH
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