Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Der Anfang: Arnold van Genneps „Les rites de passage“ 2
3. Die Weiterentwicklung: Victor Turners Thesen
von Liminalität und Communitas 4
4. Abiturrituale 7
5. Fazit 9
6. Bibliographisches Verzeichnis 12
1. Einleitung
Rituale gibt es unter anderem in der Politik, im Sport, in den Medien und in der Kunst; kurz gesagt in fast allen Bereichen des kulturellen Lebens einer Gesellschaft. Doch was genau ist ein Ritual? Um einen ersten Eindruck zu geben, ziehe ich zunächst eine Kurzdefinition aus dem Wörterbuch der Ethnologie heran: „Als rituell wird […] körperliches und sprachliches Handeln dann bezeichnet, wenn es keinem rational-technologischem Zweck dient, sich aber an der Beachtung bestimmter Regeln orientiert“ (W.d.E. 1992: 210/211). Allerdings hat der Begriff Ritual eine enorme Weite. Um dieser zumindest ansatzweise gerecht zu werden, folgt ein Zitat von Ronald Grimes, das sowohl die begriffliche Schwierigkeit als auch den Versuch einer Beschreibung umfasst: „Ritual is not a ‚what‘, not a ‚thing‘. It is a ‚how‘, a quality, and there are degrees of it. Any action can be ritualized, though not every action is a rite.” (Grimes 1990: 13). Die Begriffe Ritual und Ritus werden indes im Folgenden unterschiedslos verwendet. Damit halte ich mich zum einen das Wörterbuch der Völkerkunde (W.d.K. 2005: 316) und entspreche zum anderen der teilweise nicht erfolgten Abgrenzung in der Literatur. Im Zuge der Etablierung der „ritual studies“ im 20. Jahrhundert hat sich auch die Erforschung von Übergangsritualen intensiviert. Der Begriff Übergangsritus wurde 1909 von Arnold van Gennep geprägt, zunächst von der Forschung zurückgewiesen und dann unter anderem von Victor Turner weiterentwickelt. Als Übergangsriten werden Riten bezeichnet, die Veränderungen von Status, Alter, Beschäftigung und Aufenthalts- oder Wohnort begleiten. „Sie prägen die hauptsächlichen Übergangsphasen des Lebenslaufs beim Menschen […]. In ganz besonderen Maße gilt dies für die kritischen Momente im Leben von Mann und Frau: Geburt, Pubertät, Hochzeit und Tod“ (Centlivres 1992: 223). In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit diesen Übergangsritualen. Zunächst werde ich dazu Arnold van Genneps Ritualtheorien erläutern, um danach auf Victor Turners Thesen zur Schwellenphase einzugehen, die sich thematisch an van Genneps Ausführungen anschließen. Ich habe mich dazu entschieden, beiden wegen ihrer Bedeutung ein ganzes Kapitel zu widmen. Die Arbeit folgt meiner eigenen Annäherung an das Thema. Vom „Schöpfer“ der Übergangsrituale über die für die weitere Forschung einflussreichen Abhandlungen bis hin zu meiner eigenen Erfahrung mit einer Gruppe von Übergangsritualen, den Abiturritualen, die ich zum Abschluss meiner Arbeit beispielhaft skizziere. Hierbei ist interessant zu klären, inwieweit Abiturrituale überhaupt als Übergangsrituale bezeichnet werden können. In einem kurzen Fazit werde ich meine Ergebnisse zusammenfassen und versuchen, diese Frage auch an Hand meiner eigenen Erfahrungen zu beantworten.
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2. Der Anfang: Arnold van Genneps „Les rites de passage“
Arnold van Gennep, französischer Volks- und Völkerkundler, wurde am 23. April 1873 in Ludwigsburg geboren. Sein Gesamtwerk umfasst nach einer aus dem Jahr 1964 stammenden Bibliographie seiner Tochter Ketty 437 Titel (Schomburg-Scherff 2004: 222). Berühmtheit erlangte er jedoch durch sein Hauptwerk „Les rites de passage“, das 1909 in Frankreich erschien. Van Gennep hatte zuvor in den meisten Arbeiten zur Ritualforschung Ähnlichkeiten entdeckt, die ihn dazu brachten, ein Strukturschema der Übergangsriten zu entwerfen. Seine Grundthese war, dass die Wechsel, die Individuen zwangsläufig zwischen Alters- und Tätigkeitsgruppen vornehmen, zu institutionalisierten symbolischen Übergangshandlungen führen, die das soziale Leben ordnen und kontrollieren: „…so that a man’s life comes to be made up of a succession of stages with similar ends and beginnings“ (van Gennep 1972: 3). „Les rites de passage“ wurde allerdings zunächst wissenschaftlich abgelehnt. Van Gennep wurde vorgeworfen, dass die Methode, seine Theorie an Beispielen aus verschiedenen Epochen und Kulturen zu belegen, lediglich ein „zusammenhangloses Kaleidoskop verschiedener Übergangsriten“ (Herlyn 2002: 23) hervorgebracht habe. Zudem wird er dafür kritisiert, dass er Sachverhalte, die er intuitiv erkannte, nicht genügend theoretisch untermauern konnte (Schomburg-Scherff 2004: 231). Zeit seines Lebens, in dem er sich vorrangig mit der französischen Ethnographie auseinandersetzte, blieb er so akademischer Außenseiter. Arnold van Gennep starb 1957 in Bourg-la-Reine bei Paris, ohne den Erfolg seiner Arbeit noch mitzuerleben. 1960 wurde „Les rites de passage“ in Englische übersetzt und nun international und interdisziplinär rezipiert. Zunächst klassifiziert van Gennep in seinem Werk Rituale im Allgemeinen (van Gennep 1972: 1-10), worauf jedoch im Hinblick auf den Umfang dieser Arbeit leider nicht eingegangen werden kann. Der Fokus soll auf den Übergangsriten liegen, die van Gennep wegen der Signifikanz der Übergänge, die sie begleiten und kontrollieren, als besonders wichtig erachtete. Als Übergangsriten bezeichnet er die Riten, die signifikante räumliche, soziale oder zeitliche Übergänge begleiten und kontrollieren. Sie dienen also dem Individuum zur Neuorientierung und Ordnung in einer Phase, in der Altes aufgegeben und Neues kollektiv herausgefunden werden muss (Griese 2000: 251). Für van Gennep kennzeichnen Übergangsriten also „den Übergang von einem Zustand zu einem anderen, sei dieser nun gesellschaftlicher, biologischer oder kosmischer Art“ (Centlivres 1992: 223). Van Gennep selbst erwähnt Geburt, soziale Pubertät, Hochzeit, Vaterschaft, Übergang in einen höheren sozialen Status, berufliche Spezialisierung und den Tod. Dadurch, dass die Zeremonien, die
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den Übergang von einer Phase in die nächste gewährleisten sollen, allesamt die erfolgreiche Überführung zum Ziel haben, ähneln sich auch ihre Mittel dazu (van Gennep 1972: 3). Hier setzt die Gliederung der Form der Übergangsriten in drei Phasen an. Die erste dieser Phasen wird als Trennungsriten (rites of separation) bezeichnet und bezieht sich auf die Loslösung des Individuums von seinem altern Zustand. Die zweite Phase, Umwandlungsriten (transition rites) genannt, wird als Übergangsphase gesehen, in der das Individuum gewissermaßen zwischen den Zuständen schwebt. Die dritte Phase bezeichnet van Gennep als Angliederungsriten (rites of incorporation), die den Anschluss an den neuen Zustand herstellt (van Gennep 1972: 11). Nicht in allen Kulturen und Zeremonien treten die drei Phasen gleich stark auf. Zudem sind sie bei verschiedenen Ritualen unterschiedlich wichtig. Beispielhaft für die Loslösungsphase sind Bestattungsriten, in denen der Abschied vom Verstorbenen im Vordergrund steht. Initiationsriten gelten als Beispiele für die Schwellenphase und bei Hochzeitsriten wird die Angliederungsphase besonders deutlich. Zusätzlich kann das Dreiphasenschema noch weiter aufgespalten werden, wenn die Übergangsphase so vervollkommnet ist, dass sie eine unabhängige, eigene Phase bildet. Als Beispiel nennt van Gennep die Zeit der Verlobung (van Gennep 1972: 11). Dabei führt er aus, dass die Verlobung als solche eine Übergangsphase zwischen Jugend und Heirat darstellt, dass aber gleichzeitig sowohl der Übergang von der Jugend zur Verlobung als auch derjenige von der Verlobung zur Heirat von vielen verschiedenen Trennungs-, Umwandlungs- und Angliederungsriten begleitet werden. Im Gegensatz zu späterer, auf seinen Thesen aufbauender Forschung stellt van Gennep in seinem Werk kaum vollständige Übergangsrituale vor. Er beschränkt sich vielmehr darauf, bei Hochzeitsriten, um nur ein Beispiel zu nennen, verschiedene Aspekte der Loslösungsphase (Brautraub) und der Angliederungsphase exemplarisch zu erläutern (Herlyn 2002: 21). Zum Abschluss dieser gewissermaßen einleitenden Klassifizierung betont van Gennep, dass nicht alle Geburts-, Initiations- und Hochzeitsriten (und dergleichen) ausschließlich Übergangsriten sind. Alle Riten haben, laut van Gennep, neben ihr generellen Funktion - den Übergang von einem Zustand in einen anderen oder von einer magischreligiösen oder säkulären Gruppe in eine andere zu gewährleisten - auch eine ganz eigene, spezifische Funktion. So beinhalten Hochzeitsrituale oft Fruchtbarkeitsrituale oder Geburtszeremonien Schutz- und Weissagungsriten. All diese Rituale, die ein spezielles Ziel haben, treten nebeneinander auf, oft in Verbindung mit Übergangsriten und sind manchmal so
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Arbeit zitieren:
Marlen Keß, 2010, Übergangsrituale - van Gennep, Turner und das Abitur, München, GRIN Verlag GmbH
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