weitaus stärkere Expertise hinsichtlich der Weltregionen und -kulturen brauchen würde, die es ermöglicht, jene Politik vor allem sozialwissenschaftlich zu fundieren und vorzubereiten. Die Area Studies stellen somit auch ein Phänomen politischer Professionalisierung dar, mit dem die Politik bewusst neue Formen der Wissensproduktion aus den Behörden und Verwaltungsorganisationen aus- und ins Wissenschaftssystem verlagerte. Überlegungen, welche ein Ende der isolationistischen Außenpolitik der USA kommen sahen und daher kalkulierten, dass eine interventionistische Außenpolitik wissenschaftlich basiert sein müsse, gab es in den USA bereits 1943, also schon vor Beginn des des Kalten Krieges (vgl. ebd.: 195 ff.). Ab 1945 wurde es schließlich ernst: USA und UdSSR mussten sich fortan auf eine neue, bipolare Weltordnung einstellen und international darauf hinwirken, in den in ihren Einflussbereichen liegenden Regionen politische Stabilität zu gewährleisten. Für die USA bedeutete dies, dass Umstürze, die darauf abzielten, kommunistische Regimes zu errichten, am besten schon von vornherein verhindert werden mussten. Um jedoch adäquat nachzuvollziehen, wie diese „Kommunismus-Prävention“ jeweils aussehen könnte, bedurfte es der Expertise über jene Staaten, in denen es bereits zu spät war: „The United States believed it needed to know about current dynamics in non-Western areas (…) in order better to understand the functioning of those that already had communist regimes and to help prevent other areas from ‚falling into the hands of the communists’” (ebd.: 200 f.). Hierin sollte fortan eine der wichtigsten Aufgaben der Area Studies liegen. Das Jahr 1957 markierte den zentralen historischen Einschnitt, in dessen Folge die Area Studies in erheblichem Maße ausgebaut wurden. Der Erfolg, den die Sowjets zu verbuchen hatten, als sie mit Sputnik 1 den ersten künstlichen Satelliten in die Erdumlaufbahn geschossen hatten, hatte im Westen eine tiefe Krise ausgelöst. Sputnik verkörperte nicht nur die technologische Überlegenheit der Sowjets, sondern auch die Tatsache, dass sowjetische Interkontinentalraketen künftig amerikanischen Boden erreichen konnten. Der aus dieser Erkenntnis hervorgehende Schock hatte in den USA die politische Konsequenz, dass die Eisenhower-Administration 1958 den „National Defense Education Act“ (NDEA) auf den Weg brachte (vgl. ebd.: 209). Dieses Gesetz sah eine Förderung derjenigen Bildungs- und Forschungsbemühungen vor, die für die USA als sicherheitspolitisch relevant eingestuft wurden. Das hatte auch Auswirkungen auf die Area Studies und ihren nun beschleunigten Institutionalisierungsprozess: „Aid was given to area studies centers throughout the United States for more than twenty years“ (ebd.: 209). Nichtsdestotrotz wäre es wohl verfehlt und nicht ganz fair, die Arbeit der Area Studies dieser Zeit ausschließlich unter dem Primat der „Feinderkenntnis“ zu sehen. Die Akzeptanz der Area Studies in den Wissenschaften rührte
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nicht grundsätzlich her aus politischer Opportunität, sondern kann auch als Ausdruck dafür gesehen werden, dass man sich nach einer Abkehr von wissenschaftlicher Provinzialität hin zu einer Art Horizonterweiterung sehnte, die umfassend war und durchaus nicht nur politische, sondern auch kulturelle Themen beinhaltete. Auch der Aspekt des Kennenlernens und des Respekts vor anderen Kulturen im postkolonialen Kontext spielte eine nicht unwichtige Rolle (vgl. ebd.: 197).
Eine Krise erlebten die Area Studies ab 1964 mit dem Regierungsprojekt „Operation Camelot“. „Camelot“ sah die Erforschung des Zustandekommens von sozialem - und damit auch politischem - Wandel vor, um darauf basierend Aufschluss darüber zu gewinnen, wie man ihn (insbesondere natürlich im Kontext des Kalten Krieges) bewusst steuern oder herbeiführen kann. Über den norwegischen Soziologen Johan Galtung wurde das Projekt schließlich öffentlich gemacht, was erhebliche wissenschaftsethische Debatten nach sich zog, die schließlich dazu führten, dass „Camelot“ eingestellt wurde (vgl. ebd.: 220 ff.). Für die Area Studies hatte damit jedoch eine Entwicklung begonnen, die durch die späteren Umwälzungen rund um das Jahr 1968 noch verstärkt wurde und zu einer Art Emanzipation von der Politik führte, die die Area Studies zunehmend um kritische Perspektiven erweiterte (vgl. ebd.: 225). 3. Abgrenzung
Um den wissenschaftlichen Neuheitswert vollständig nachvollziehen zu können, der die Area Studies ausgezeichnet hat, muss an dieser Stelle auch nochmal in aller angemessenen Kürze eine Abgrenzung zu anderen, älteren, aber ähnlich gearteten Disziplinen erfolgen. Schon früh grenzten sich die Area Studies von den klassischen Sozialwissenschaften (Ökonomie, Soziologie, Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft) ab, da diese, zumindest damals, nicht nur eine Art westlichen „bias“ in sich trugen, der dem Verstehen anderer Kulturen „von innen heraus“ (s. Abschnitt 1) entgegen stand, sondern sich außerdem sehr stark auf den Faktor Nation fokussierten und dadurch, absichtlich oder unabsichtlich, andere Formen von Raum ignorierten (vgl. Schäbler 2007: 24).
Als ebenso problematisch wurden jedoch auch diejenigen Wissenschaften angesehen, die sich bereits dauerhaft mit anderen Kulturen auseinandersetzten. An Disziplinen wie der Anthropologie oder der Orientalistik bemängelte man das Fehlen eines Blickes für eine ganzheitliche, auch die Zeitdimension einbeziehende Betrachtungsweise. Da für die Area Studies gerade das Nachvollziehen sozialen Wandels von Interesse ist, muss demnach ein Fokus der Forschung auch auf der Konstruktion und Institutionalisierung von Wissen, Kultur
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und Identität liegen, bei dem ein Blick für Veränderungen in der Zeitdimension allein für die Möglichkeit eines Vergleichs schon unerlässlich ist. Das Fehlen einer solchen Perspektive und die von globalen, übergeordneten Sinnzusammenhängen losgelöste Betrachtungsweise der klassischen Disziplinen stieß bei den Vertretern der Area Studies auf Skepsis. Ähnliches galt für die zu stark auf physische Gegebenheiten abstellende Disziplin der Geografie (vgl. Wallerstein 1997: 200).
All diese Abgrenzungen basieren freilich auf Diskursen, die in besonderem Maße während der Entstehungszeit und der Institutionalisierung der Area Studies geführt wurden. Es wäre falsch, noch heute eine derart strikte Trennung beispielsweise zwischen Area Studies und Orientalistik anzunehmen, da die klassischen Disziplinen mittlerweile viele der konstruktivistischen Prämissen der Area Studies akzeptiert und anerkannt haben. 4. Fazit
An dieser Stelle soll noch einmal in Kürze auf die Bedeutung der Area Studies für die Frage von Raumbegriff und Räumlichkeit eingegangen werden. Das große Verdienst der Area Studies in der Wissenschaftsgeschichte liegt vor allem darin, dass sie nicht einfach nur - wie man aufgrund ihrer Rolle im Kalten Krieg durchaus hätte annehmen können - die Perspektive einer bipolaren Weltordnung auf die Wissenschaft übertragen haben, sondern dass sie trotz (oder auch wegen?) dieser politischen Einflussnahme imstande waren, die Bedeutung von epistemologischer Räumlichkeit anzuerkennen. Die neue Perspektive der Disziplin erlaubte es fortan, Räumlichkeit fortan als Produkt sozialen Wandels und eines spezifischen Prozesses der Wissenskonstruktion zu begreifen, womit gleichzeitig die Herausbildung einer kritischen Perspektive auf die eigenen „biases“ möglich wurde. Ähnliches gilt für die Anerkennung eines globalen Kontexts dieser Konstruktionsprozesse, der die Loslösung von verengten und von anderen Sinnzusammenhängen abstrahierenden Perspektiven erlaubte. Die dadurch eingeleitete Abkehr von einem wissenschaftlichen Eurozentrismus bildete einen wichtigen Schritt hin zur Herstellung von global gleichberechtigter Wissenskommunikation und damit zur Ausdifferenzierung des Weltwissenschaftssystems. Aus soziologischer Perspektive können die Area Studies somit zudem durchaus als Schritt wie auch als Indiz für den Globalisierungsprozess verstanden werden.
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5. Literatur
Schäbler, Birgit (2007): Das Studium der Weltregionen (Area Studies) zwischen Fachdisziplinen und der Öffnung zum Globalen: Eine wissenschaftsgeschichtliche Annäherung. In: Schäbler, Birgit (Hrsg.): Area Studies und die Welt. Weltregionen und neue Globalgeschichte. Mandelbaum, Wien
Wallerstein, Immanuel (1997): The Unintended Consequences of Cold War Area Studies. In: Chomsky, Noam et al.: The Cold War & The University. Toward an Intellectual History of the Postwar Years. The New Press, New York
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Arbeit zitieren:
Florian Sander, 2011, Area Studies, München, GRIN Verlag GmbH
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