Inhalt
EINLEITUNG. 1
I.
ZAUBERER UND ZAUBEREI. 2
II.
1. Magie im Mittelalter. 2
2. Merlin. 4
3. Langer Bart, spitzer Hut - Gandalf. 9
4. Zauberer unter Zauberern - Dumbledore. 13
III. VERFÜHRER, FÜHRER, VATER 15
1. Des Zauberers Aufgabe und seine Funktion. 15
a) Von Allwissenheit zu Weisheit. 15
b) Vom Allvater zum Vater. 17
2. Glaube, Liebe, Hoffnung. 19
a) Heiden, Christen und die Sache mit der Theologie. 19
b) Gott und Teufel, Weiß und Schwarz. 22
IV. MENSCH ODER ÜBERMENSCH. 25
1. Narren, die lieben 25
2. Irrtum und Allmacht. 28
V. SCHLUSS. 29
VI. BIBLIOGRAPHIE. 30
33
I. EINLEITUNG
Merlin - das ist ein Name, der nahezu niemandem mehr unbekannt ist, und eine Figur, die im literarischen Bewusstsein schon vor dem Mittelalter und bis in die heutige Zeit präsent ist.
Literarische (und alsbald auch filmische) Repräsentation sind - auch in Deutschland, trotz der im Mittelalter noch recht flauen Rezeption - heute zunehmend häufiger und vielfältiger. Viele Filme und Romane tragen den Titel ‚Merlin’ oder führen zumindest einen Charakter mit diesem Namen auf. Merlin und der stets damit verstrickte Artus-Stoff hat seinen Weg in Comic-Serien wie Prinz Eisenherz und Zeichentrickfilme wie Disneys Die Hexe und der Zauberer gefunden, aber auch die Theaterbühne erobert wie beispielsweise schon mit John Drydens King Arthur und in Deutschland nicht zuletzt mit Tankred Dorsts Merlin oder Das wüste Land. Dabei hat die Figur die verschiedensten Ausprägungen und Wandlungen erfahren.
Doch auch in Kontexten, die zunächst unabhängig von jeglicher Artus-Legende zu sein scheinen, begegnen uns Figuren, die entweder durch bestimmte äußerliche Merkmale oder bekannte Funktionsmuster unweigerlich eine Merlin-Assoziation hervorrufen. Zwei relativ bekannte Beispiele für eine solche Figur, mit denen ich mich hier näher beschäftigen werde, sind der Zauberer Gandalf in J.R.R. Tolkiens Der kleine Hobbit und Der Herr der Ringe sowie der Zaubermeister Dumbledore in Joanne K. Rowlings Harry Potter-Serie.
Tolkien, der selbst Spezialist für angelsächsische und mittelalterliche Literatur war 1 und doch gerade eine so markante Figur wie Gandalf in seinen Werken etablierte, hat mit ihnen sozusagen die „structural restrictions“ 2 des Fantasy-Genres festgelegt. Zum einen sind das nach Hall die bekannten Eckpunkte eines auftretenden Problems oder Fehlers in der fiktionalen Welt, die Erkenntnis und in den meisten Fällen Personifizierung desselben („condensed into one force“ 3 ) und schließlich Unternehmungen zur Beseitigung des Problems 4 . Nun ist die Wiederherstellung der Weltordnung seit Aristoteles schon keine große Neuheit mehr und nicht nur Fantasy-Romane folgen diesem Muster, aber Tolkien legt zum
1 Vgl. Armitt, Lucie: Fantasy Fiction: An Introduction. New York, London: 2005, S. 68.
2 Hall, Martin: The Fantasy of Realism, or Mythology as Methodology. Hg. von
Nexon, Daniel H. und Neumann, Iver B. In: Harry Potter and International Relations. Lanham: 2006, S. 185.
3 Hall, Martin: The Fantasy of Realism, or Mythology as Methodology. Hg. von
Nexon, Daniel H. und Neumann, Iver B. In: Harry Potter and International Relations. Lanham: 2006, S. 185.
4 Vgl. Hall, Martin: The Fantasy of Realism, or Mythology as Methodology. Hg. von Nexon, Daniel H. und Neumann, Iver B. In: Harry Potter and International Relations. Lanham: 2006, S. 185.
1
anderen auch den mythologischen Hintergrund für eine Fantasy-Geschichte für lange Zeit fest. Phantastische Literatur schöpft „ausgiebig aus dem Fundus der Mythen, Sagen, Legenden und Märchen […] und überträgt deren Bauelemente in den eigenen Kontext“ 5 , und nicht nur in Bezug auf die Merlin-Figur ist das sowohl bei Tolkien als auch im Harry Potter der Fall; Rowling greift bei der Gestaltung ihrer fiktionalen Welt auf viele von Tolkien etablierte phantastische Selbstverständlichkeiten zurück. Von Zauberern, Hexen, Trollen und Kobolden bis zu allerlei symbolträchtigen Gegenständen wie Ringe, Schwerter, ein Kelch oder gar der Stein der Weisen, sie alle „stammen aus verschiedenen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Traditionslinien. Zum Teil sind sie wohl keltischer Herkunft, sind jedenfalls Bestandteile der matière de Bretagne“ 6 . Das gesamte Fantasy-Genre ist nach Hall nichts anderes als die vielfältige literarische Repräsentation eines Mythos, der in einem bestimmten Kulturkreis eine essenzielle Rolle spielt 7 . Es hat sich also die moderne Bezeichnung ‚Fantasy’ für ein Genre etabliert, das eigentlich schon im Mittelalter ‚Fantasy’ war.
II. ZAUBERER UND ZAUBEREI
1. Magie im Mittelalter
Die Definition für Zauberer oder Hexen war im Mittelalter nicht immer so klar umrissen, wie sie es heute ist. Allerdings existierte damals noch eine strengere Unterscheidung zwischen Hexen oder Hexern „denen ihre Fähigkeiten angeboren sind“ und Zauberern oder Zauberinnen, „die sie durch oft blutige oder schamanistische Initiationen erwerben müssen“ 8 . Es spielt also durchaus eine Rolle, ob man eventuelle besondere Fähigkeiten von vornherein besitzt, sie also in sich trägt, oder sich diese erst später und sozusagen von außen aneignet. Attribute eines Zauberers oder auch Magiers müssen jedoch nicht zwingend übernatürlicher Art sein. Magos bezeichnet in der Antike „Angehörige einer Sippe des medischen Volkes mit priesterlichen Funktionen und großem politischen Einfluss. Zu ihren Praktiken zählten
5 Mattenklott, Gundel: Text aus Texten. Phantastische Traditionen bei Harry Potter. In: Harry Potter oder Warum wir Zauberer brauchen. Hg. von Olaf Kutzmutz. Wolfenbüttel: 2001, S. 33.
6 Mattenklott, Gundel: Text aus Texten. Phantastische Traditionen bei Harry Potter. In: Harry Potter oder Warum wir Zauberer brauchen. Hg. von Olaf Kutzmutz. Wolfenbüttel: 2001, S. 35.
7 Vgl. Hall, Martin: The Fantasy of Realism, or Mythology as Methodology. Hg. von Nexon, Daniel H. und Neumann, Iver B. In: Harry Potter and International Relations. Lanham: 2006, S. 179.
8 Schneidewind, Friedhelm: Mythologie und phantastische Literatur. Essen: 2008, S. 119.
2
Astrologie, Dämonologie und Magie, sie galten als Stern- und Traumdeuter sowie Wahrsager“ 9 . Obwohl magos sich seit dem fünften vorchristlichen Jahrhundert nicht mehr zwingend auf diese persische Priesterkaste bezieht, bleiben gewisse negative Konnotationen, die ursprünglich mit denen der Fremdheit einhergingen, erhalten 10 .
Hexen, die entweder aus eigener Kraft oder mithilfe von Tieren, Besen (erstmals belegt 1451 11 ) oder ähnlichem durch die Luft fliegen oder sich gar selbst in Tiere verwandeln 12 , tauchen allerdings erst in den Vorstellungen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit auf 13 , wobei eine Verbindung zum Teufel als unbestritten galt 14 , was zur Folge hatte, dass die Hexerei allmählich eine ernstzunehmende religiöse Bedrohung für den christlichen Glauben wurde 15 . Für die Kirche war also die Magie, auch unterstützt von diversen Erwähnungen in der Bibel 16 , ein rotes Tuch. Die Ironie dabei bleibt, „daß Magie und Zauber in der gelehrten und in der volkstümlichen Kultur des Mittelalters ohne den christlichen Glauben an die übernatürlich fundierte Macht von Wundertätern und Heiligen nicht zu denken ist“ 17 , und oft verschwimmen die Grenzen zwischen christlicher Heiligenverehrung und übernatürlich orientiertem Aberglauben selbst in der Literatur bis zur Unkenntlichkeit: „Das Interesse an Zauberei und an magischen Requisiten war einerseits sehr lebhaft, andererseits stießen bestimmte Formen des volkstümlichen Aberglaubens auf Mißbilligung der gelehrten volkssprachlichen Autoren“ 18 . Doch gerade weil im Mittelalter das Verhältnis zwischen literarischer Repräsentation und Realität von dem starken Glauben an das Übernatürliche geprägt war 19 , fanden immer wieder ‚zauberhafte’ Stoffe ihren Weg in die Literatur.
9 Schneidewind, Friedhelm: Mythologie und phantastische Literatur. Essen: 2008, S. 120.
10 Vgl. Maksymiuk, Stephan: The Court Magician in Medieval German Romance. Frankfurt a.M.: 1996, S. 8.
11 Vgl. Schneidewind, Friedhelm: Mythologie und phantastische Literatur. Essen: 2008, S. 119.
12 Vgl. Gemmill, Maia A. und Nexon, Daniel H.: Children's Crusade: The Religious Politics of Harry Potter. Hg. von Nexon, Daniel H. und Neumann, Iver B. In: Harry Potter and International Relations. Lanham: 2006, S. 88.
13 Vgl. Schneidewind, Friedhelm: Mythologie und phantastische Literatur. Essen: 2008, S. 119.
14 Vgl. Gemmill, Maia A. und Nexon, Daniel H.: Children's Crusade: The Religious Politics of Harry Potter. Hg. von Nexon, Daniel H. und Neumann, Iver B. In: Harry Potter and International Relations. Lanham: 2006, S. 88.
15 Vgl. Gemmill, Maia A. und Nexon, Daniel H.: Children's Crusade: The Religious Politics of Harry Potter. Hg. von Nexon, Daniel H. und Neumann, Iver B. In: Harry Potter and International Relations. Lanham: 2006, S. 86.
16 Vgl. Maksymiuk, Stephan: The Court Magician in Medieval German Romance. Frankfurt a.M.: 1996, S. 41.
17 Brall, Helmut: Die Macht der Magie: Zauberer in der hochmittelalterlichen Epik. In: Artes im Mittelalter. Hg. von Ursula Schaefer. Berlin: 1999, S. 215.
18 Brall, Helmut: Die Macht der Magie: Zauberer in der hochmittelalterlichen Epik. In: Artes im Mittelalter. Hg. von Ursula Schaefer. Berlin: 1999, S. 216.
19 Vgl. Armitt, Lucie: Fantasy Fiction: An Introduction. New York, London: 2005, S. 19.
3
2. Merlin
Wie also passt eine Gestalt wie Merlin in dieses mittelalterliche Bild von Magie und ihrer Richtigkeit? Obwohl nur sehr wenig und am allerwenigsten definitiv über die Wurzeln dieser Figur gesagt werden kann, bleibt ihr keltischer Ursprung ein nicht mehr wegzudenkendes Attribut. „Die keltisch-walisische Dichtung kennt den Barden Myrddin und schreibt ihm mehrere prophetische Gedichte zu“ 20 , doch als eigentlicher Schöpfer der Merlin-Gestalt, wie wir sie heute kennen, gilt gemeinhin Geoffrey of Monmouth und seine Historia Regum Britanniae (HRB):
Geoffrey vereinigt in der Gestalt Merlins verschiedene Traditionen. Seine Darstellung der Figur ist geprägt von dem Bemühen, den zwielichtigen Charakter teils durch wissenschaftliche Erklärung, teils durch Verknüpfung mit christlichen Elementen unbedenklich erscheinen zu lassen, um so seine - vermutlich traditionellen - politischen Prophezeiungen als christliche
Wahrheiten präsentieren zu können. 21
In der Vita Merlini Geoffreys allerdings zeichnet sich gleichzeitig ein Merlin-Bild ab, das mit dem der HRB nur wenig gemein zu haben scheint. Als wahnsinniger, im Wald lebender Prophet hat er wiederum mehr mit den in englischen, irischen oder walisischen Quellen vorkommenden Lailokon, Suibhne oder Myrddin 22 gemein. „Wir erleben den weisen Seher in einer Lebenskrise. Seine labile Position als Außenseiter hat eine extreme Ausprägung gefunden“ 23 , er wendet sich von der Gesellschaft und den Menschen ab und wendet sich stattdessen den im Wald lebenden Tieren zu, indem er „versucht, von ihnen zu lernen“ 24 . Ein weiteres Novum, das auch die künftige Merlin-Rezeption in zwei Lager spalten wird, ist die Tatsache, dass Merlin hier eine annähernd intakte Familie hat. Zwei Frauen spielen eine wichtige Rolle für diesen Merlin: seine Schwester, die später seine Schülerin wird, und seine Frau, die er zwar im Wahnsinn verlässt, deren zweiten Ehemann er jedoch im genesenen Zustand ermordet 25 .
20 Brugger-Hackett, Silvia: Merlin in der europäischen Literatur des Mittelalters. Stuttgart: 1991, S. 3.
21 Brugger-Hackett, Silvia: Merlin in der europäischen Literatur des Mittelalters. Stuttgart: 1991, S. 81.
22
Vgl. Riga, Frank P.: „Gandalf and Merlin: J.R.R. Tolkien's Adoption and Transformation of a Literary Tradition“. Mythlore. FindArticles.com. 27 Feb, 2010.
23 Lundt, Bea: Melusine und Merlin im Mittelalter. Entwürfe und Modelle weiblicher Existenz im Beziehungs-Diskurs der Geschlechter. Ein Beitrag zur historischen Erzählforschung. München: 1991, S. 222.
24 Lundt, Bea: Melusine und Merlin im Mittelalter. Entwürfe und Modelle weiblicher Existenz im Beziehungs-Diskurs der Geschlechter. Ein Beitrag zur historischen Erzählforschung. München: 1991, S. 223.
25
Vgl. Riga, Frank P.: „Gandalf and Merlin: J.R.R. Tolkien's Adoption and Transformation of a Literary Tradition“. Mythlore. FindArticles.com. 27 Feb, 2010.
4
Diese Unterscheidung zwischen dem ehrwürdigen, politisch aktiven Propheten mit Vorbildfunktion und einem an der Welt verzweifelnden, fühlenden und liebenden Waldmenschen zieht sich durch alle nachfolgenden literarischen Darstellungen Merlins.
So hat beispielsweise auch das Merlin-Bild der französischen Literatur des Mittelalters zweierlei Ausprägungen, zum einen „die heilsgeschichtlich orientierte Merlindarstellung Roberts de Boron“ 26 , die Merlin als eine zölibatäre Heldenfigur darstellt, und zum anderen diverse Fortsetzungen wie den Vulgate Zyklus, die eine Geliebte Merlins einführen und damit einen durch sie verursachten Verlust seiner Kraft und Macht 27 - teilweise sogar resultierend in seinem Tod. Und während Merlin in der HRB oder bei Robert als „diplomat, strategist, and general“ 28 erheblichen Anteil am politischen und kriegerischen Geschehen des Landes hat, tendiert er später zeitweise sehr stark zu der „Ablehnung des kriegerischen Elements“ 29 , die in der Vita vorherrscht. Generell ist die Figur des Merlin allerdings eher pazifistisch konzipiert: „Gemessen an diesem Typ der ritterlichen jungen Helden ist Merlin eine unmännliche Figur. Oft als alt und schwach dargestellt, ist er prädestiniert, ein Antityp zum Krieger zu werden“ 30 .
Trotz der beiden sehr verschiedenen Merlinbilder, die als Ausgangsbasis für einen Vergleich dienen müssen, gibt es auch einige Facetten Merlins, die sich relativ konsequent durch alle Rezeptionen ziehen: so zum Beispiel seine Beziehung zum Königshof - er ist entweder selbst Mitglied der königlichen Familie wie in der Vita oder als Mentor und Berater tätig. Oder aber er hat wie als keltischer Prophet Myrddin zumindest Anteil am und Einfluss auf das politische Geschehen des Landes. Merlin ist stets eine handlungsrelevante Person, die eine autoritäre Stellung innehat, und das, obwohl er teilweise abseits der Gesellschaft agiert, als Außenseiter, als wilder Waldmensch, dem Wahnsinn verfallen. In jedem Fall hebt er sich durch Andersartigkeit ab, ob nun im negativen Sinne - durch Wahnsinn - oder seine doch eher positiv konnotierten Wunderkräfte. Seit Robert de Boron kristallisiert sich auch die Art und Weise heraus, durch die Merlin Einfluss nimmt, nämlich nicht mehr nur als königlicher Ratgeber, sondern durch seine spezielle Beziehung zu Artus, „denn Merlin erscheint nun in
26 Brugger-Hackett, Silvia: Merlin in der europäischen Literatur des Mittelalters. Stuttgart: 1991, S. 163.
27
Vgl. Riga, Frank P.: „Gandalf and Merlin: J.R.R. Tolkien's Adoption and Transformation of a Literary Tradition“. Mythlore. FindArticles.com. 27 Feb, 2010.
28
Riga, Frank P.: „Gandalf and Merlin: J.R.R. Tolkien's Adoption and Transformation of a Literary Tradition“. Mythlore. FindArticles.com. 27 Feb, 2010.
29 Lundt, Bea: Melusine und Merlin im Mittelalter. Entwürfe und Modelle weiblicher Existenz im Beziehungs-Diskurs der Geschlechter. Ein Beitrag zur historischen Erzählforschung. München: 1991, S. 223.
30 Lundt, Bea: Melusine und Merlin im Mittelalter. Entwürfe und Modelle weiblicher Existenz im Beziehungs-Diskurs der Geschlechter. Ein Beitrag zur historischen Erzählforschung. München: 1991, S. 192.
5
der Rolle des Königsmachers. Der Merlin der HRB verschwand nach Artus’ Zeugung aus der Geschichte, bei Robert dagegen […] begleitet er die Hauptfiguren der Handlung bis ganz zum Schluss“ 31 . Aufgrund gerade dieser extrem einflussreichen Position treten jedoch auch Facetten zutage, die ihn als Drahtzieher und Manipulator zeigen, der seine besonderen Kräfte gezielt einsetzt, um die von ihm favorisierten Ziele zu erreichen 32 . Auf die Frage, inwieweit er die Fäden tatsächlich in der Hand hält, werde ich im Folgenden noch zu sprechen kommen.
Eine weitere Eigenschaft, die so gut wie alle Merlin-Figuren in der Literatur gemeinsam haben, ist seine Rolle als Prophet 33 . „Merlin war zunächst ein politischer Prophet“ 34 , der als Barde Myrddin in einer Zeit des Umbruchs und der Bedrohung von außen für die keltische Sache eintrat. Diese Funktion des Hoffnungsbringers trägt er auch mit in neue ‚britischere’ Kontexte, allerdings stößt die Figur dabei zunehmend auf Hindernisse der Glaubwürdigkeit. Er steht im Zwiespalt zwischen Wissen und Handeln; aus der Frage, ob und inwieweit das vorhergesehene Schicksal beeinflusst werden kann, ergibt sich die Frage nach Merlins (All)macht und der Möglichkeit, diese zu missbrauchen. Wenn Merlin eine Zukunft vorhersieht, die vorgefertigt und unabänderlich ist, dann nützt das Wissen darum weder ihm noch seinen Herren oder Schützlingen. Sollte das Schicksal aber beeinflussbar sein, dann steht es in Merlins Macht, den Lauf der Geschichte durch gezieltes Eingreifen nach seinen Wünschen zu drehen und zu wenden: „Er ist der aktiv Gestaltende, der Zauberer, der über Vergangenheit und Zukunft verfügt durch seine Seherkraft“ 35 . Er ist dabei aber auch derjenige, der dadurch große Macht über den Willen und das Schicksal anderer Menschen ausübt 36 .
Diese Vorstellung einer allwissenden Leitperson funktioniert allerdings nur - und auch nur teilweise -, solange Merlins ultimatives Ziel die Krönung Artus’ ist und seine Rolle wie in der HRB damit beendet ist; trotzdem hätte der sehende Merlin wissen müssen, dass dieser
31 Brugger-Hackett, Silvia: Merlin in der europäischen Literatur des Mittelalters. Stuttgart: 1991, 167.
32
Vgl. Riga, Frank P.: „Gandalf and Merlin: J.R.R. Tolkien's Adoption and Transformation of a Literary Tradition“. Mythlore. FindArticles.com. 27 Feb, 2010.
33
Vgl. Riga, Frank P.: „Gandalf and Merlin: J.R.R. Tolkien's Adoption and Transformation of a Literary Tradition“. Mythlore. FindArticles.com. 27 Feb, 2010.
34 Brugger-Hackett, Silvia: Merlin in der europäischen Literatur des Mittelalters. Stuttgart: 1991, S. 322.
35 Lundt, Bea: Melusine und Merlin im Mittelalter. Entwürfe und Modelle weiblicher Existenz im Beziehungs-Diskurs der Geschlechter. Ein Beitrag zur historischen Erzählforschung. München: 1991, S. 189-190.
36
Vgl. Riga, Frank P.: „Gandalf and Merlin: J.R.R. Tolkien's Adoption and Transformation of a Literary Tradition“. Mythlore. FindArticles.com. 27 Feb, 2010.
6
Umstand noch kein endgültiges Happy End garantiert. Seine Rolle wird jedoch seit Robert oft völlig ad absurdum geführt, indem er bis zum Ende aktiv versucht, alles zu einem für seine Begriffe guten Ende zu bringen, und scheitert. Wissen ist eben doch nicht immer Macht.
Dennoch bleibt Merlin trotz dieses logischen Widerspruchs ein zentrales Element des Artus-Mythos, wobei seine Funktion im narrativen Gefüge oft schon von größerer Wichtigkeit ist als die Person an sich. Merlin ist als einziger in der Lage, annähernd die Rolle eines (sogar auktorialen) Erzählers einzunehmen: er hat den Überblick, er ist präsent, aber niemals die Hauptperson, er ist zum einen mal mehr und mal weniger der Regisseur, zum anderen aber bildet er einen Rahmen, ein Gerüst, in das sich die Geschichten um den Protagonisten Artus einfügen. Bereits in der französischen mittelalterlichen Rezeption „ist Merlins Rolle […] so weit reduziert, daß er […] fast nur noch erzähltechnische Funktionen erfüllt“ 37 , aber auch schon in den volkssprachlichen Übersetzungen der HRB, den Bruts, verkörpert Merlin inzwischen eine Autorität und Glaubwürdigkeit vermittelnde Instanz. „Prophezeiungen brauchen nur einen bedeutenden Namen, um ihre Glaubwürdigkeit zu unterstreichen. […] Sein Name dient schließlich nur noch als propagandistisches Etikett“ 38 , was auch gleichzeitig eine hinreichende Begründung ist für eine weitere und konsequent eingehaltene Gemeinsamkeit aller Merlin-Figuren: der Name ‚Merlin’. Er stellt somit auch eine moralische Autorität dar, insbesondere dadurch, dass eine eigene Persönlichkeit der Figur so weit zurückgenommen wird, sodass sie je nach Kontext „als Ausdrucksmedium der Ansichten des Verfassers“ 39 dienen kann. Überdies lässt der Name, der hin und wieder als Latinisierung des walisischen Myrddin gehandelt wird 40 , so immer noch subtil seinen keltischen Ursprung durchklingen.
In den Bruts verschiebt sich schließlich auch das Merlin-Bild langsam aber sicher „vom Propheten hin zur übernatürlichen Gestalt mit magischen Fähigkeiten und lediglich anerkannter prophetischer Gabe“ 41 . Merlin ist jetzt ein Zauberer, obwohl nicht immer klar ist, inwieweit seine Fähigkeiten tatsächlich magischer oder übernatürlicher Art sind. Nach Knutsen gibt es für Magie keine einheitlich akzeptable Definition, jedoch handelt es sich
37 Brugger-Hackett, Silvia: Merlin in der europäischen Literatur des Mittelalters. Stuttgart: 1991, S. 163.
38 Brugger-Hackett, Silvia: Merlin in der europäischen Literatur des Mittelalters. Stuttgart: 1991, S. 82.
39 Brugger-Hackett, Silvia: Merlin in der europäischen Literatur des Mittelalters. Stuttgart: 1991, S. 67.
40
Vgl. Riga, Frank P.: „Gandalf and Merlin: J.R.R. Tolkien's Adoption and Transformation of a Literary Tradition“. Mythlore. FindArticles.com. 27 Feb, 2010.
41 Brugger-Hackett, Silvia: Merlin in der europäischen Literatur des Mittelalters. Stuttgart: 1991, S. 82.
7
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