Diese Gründungs- und Befreiungsgeschichte wurde zur Quelle des nationalen Selbstverständnisses der Schweiz, auf die man sich im Verlauf der Geschichte immer wieder legitimierend beziehen konnte.
Trotz der zur Nationsbildung „ungünstigen“ strukturellen Bedingungen im Reich haben viele neuere Studien die These vertreten, dass ein deutsches Nationalbewusstsein nicht erst 1789 oder 1806 einsetzte, sondern dass mit dem Begriff Protonationalismus erfassbare Frühformen von Nationalismus bereits an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert existierten. 3 Die Mehrzahl dieser Forschungsergebnisse beruht implizit oder explizit auf den Annahmen der konstruktivistischen Nationalismusforschung. Diese begreift die „Nation“ primär als „gedachte Ordnung“ (Mario R. Lepsius) oder „imaginierte Gemeinschaft“ (Benedict Anderson), die von Einzelpersonen oder gesellschaftlichen Gruppen durch Sprache und Symbole aktiv konstruiert wird. 4 Die Nation ist demnach keine anthropologische Konstante im Bewusstsein der Menschen, vielmehr wird ihr artifizieller Charakter, ihr Beruhen auf „erfundenen Traditionen“ (Eric Hobsbawm) betont. Bezieht man die Herrschaftsstrukturen mit ein, in denen die „Konstruktionsleistungen“ erfolgen, lässt sich Nation als durch Herrschaft und die Aneignung gemeinsamer Mythen und Geschichte entstandene Traditions-, Erinnerungs- und Erfahrungsgemeinschaft definieren. 5
Eine solche Definition bietet für die Erforschung des Protonationalismus zwei Vorteile: 1. Die Bindung von Nationalismus an Modernisierungsprozesse des späten 18. und 19. Jahrhunderts, wie Industrialisierung (Ernest Gellner) oder „Kommunikationsrevolution“ (Karl Deutsch) wird gelockert, was eine zeitliche Erweiterung des Untersuchungsrahmens ermöglicht. 2. Werte, Mythen, Traditionen, auf die sich Nationalbewusstsein in der Frühen Neuzeit stützen konnte und die (eventuell) auch im modernen Nationalismus fortwirken konnten, werden in zunehmendem Maße zu Untersuchungsgegenständen der Nationalismusforschung. 6 Auf dieser Grundlage beschäftigt sich auch diese Arbeit mit dem deutschen Protonationalismus, indem sie nach seinen Trägern und den mit deutschem Nationalbewusstsein in Verbindung gebrachten Mythen und Wertvorstellungen fragt. Diese sollen vergleichbaren Elementen des Schweizer Protonationalismus kontrastierend gegenübergestellt werden.
3 So vor allem: Wolfgang Hardtwig, Vom Elitebewusstsein zur Massenbewegung. Frühformen des Nationalismus in Deutschland 1500- 1840, in: Ders., Nationalismus und Bürgerkultur in Deutschland 1500-1914. Ausgewählte Aufsätze, Göttingen 1994, S. 34- 54; Georg Schmidt, Geschichte des Alten Reiches. Staat und Nation in der Frühen Neuzeit 1495- 1806, München 1999.
4 Vgl. Mario R. Lepsius, Nation und Nationalismus in Deutschland, in: Ders., Interessen, Ideen und Institutionen, Opladen 1990, S. 232- 246; Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt a.M./ New York 1996.
5 Vgl. Schmidt, Altes Reich, S. 30.
6 Vgl. Stauber, Nationalismus, S. 158.
2
I.
Um 1500 lässt sich ein gesteigertes Nationsbewusstsein der Humanisten im Reich beobachten, das sich vor allem in dem Bemühen um die Etablierung eines Ursprungsmythos der Deutschen äußerte. Neben der Behauptung eines biblischen Ursprungs der Deutschen 7 , entwickelte sich auf der Basis der Wiederentdeckung von Tacitus’ „Germania“ (1473 erstmals in Deutschland gedruckt) eine „Germanen- Ideologie“. Humanistische Autoren um 1500 wie Jakob Wimpfeling und Ulrich von Hutten stellten die Deutschen in die Tradition der Germanen und beschworen deren Taten und Tugenden, häufig symbolisiert in der Heldenfigur des Arminius. Germanische Freiheitsliebe, Ursprünglichkeit, Treue, Kampfesmut und Verwurzelung auf Grund und Boden konnten als spezifisch deutsche Tugenden der behaupteten kulturellen Rückständigkeit gegenüber den romanischen Völkern entgegengehalten werden. Der Verweis auf die glorifizierte Geschichte der Germanen, sowie der Deutschen und ihres Reiches (Der Begriff „deutsche Nation“ wurde im 16. Jahrhundert fester Bestandteil des Reichstitels) konnte auch über das 16. Jahrhundert hinaus zur Mobilisierung gegen Bedrohungen von Außen eingesetzt werden. 8 Es seien hier nur drei von vielen Konflikten beispielhaft genannt, in denen die „Germanen- Ideologie“ zur Freund- Feind Abgrenzung genutzt wurde:
• Mobilisierungen zur Türkenabwehr
• Kritik an politischer Macht und finanzieller „Ausbeutung“ durch die römische Kurie v.a. in Verbindung mit Gravaminabewegung und Reformation
• Abwehr französischer Expansionsbestrebungen auf Kosten des Reiches im Dreißigjährigen Krieg und im Rahmen der Reunionspolitik in der 2.Hälfte des 17. Jahrhunderts.
Die „Germanen- Ideologie“ richtete sich auch im modernen deutschen Nationalismus vor allem gegen äußere Feinde und ihre Verbündeten im Inneren. 9 Die zum Schweizer Ursprungsmythos gewordene Tell- Sage war mit wesentlich weiterreichenden Freiheitsvorstellungen verknüpfbar. Ihre antihabsburgische Ausrichtung im Rahmen der Gründungs- und Befreiungsgeschichte (so erstmals 1470 in der „Chronik des Weißen Buches“) war umdeutbar. Die Figur des „Widerstandskämpfers“ und Tyrannenmörders Wilhelm Tell konnte gegen jede Form von zur Tyrannis entarteter Herrschaft, auch im Inneren, gewendet werden. So
7 Noahs Sohn Tuisco als etymologischer Ursprung von „teutsch“.
8 Vgl. Arthur G. Dickens, The German Nation and Martin Luther, London 1974, S. 21- 48; Münkler, Nation, S. 71- 77; Hardtwig, Elitebewusstsein, S. 39.
9 Zur Kontinuität der „Germanen- Ideologie“ im modernen Nationalismus: Vgl. Rainer Kippler, Der Germanenmythos im Deutschen Kaiserreich. Formen und Funktionen historischer Selbstthematisierung (Formen der Erinnerung Bd.11), Göttingen 2002.
3
beispielsweise im Bauernkrieg 1653, in dem sich die Aufständischen in die Tradition Wilhelm Tells und der Befreiungsgeschichte stellten. 10
Ein National- Mythos mit ähnlich obrigkeitskritischem Potential existierte im deutschen Protonationalismus nicht. Zumindest bis in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts liberale Nationalisten, inspiriert durch Friedrich Schillers Drama (1804), die Tell- Sage als Ausdruck ihrer Forderungen nach politischen und sozialen Veränderungen „importierten“. II.
Weitergetragen und weiterentwickelt wurde das deutsche Nationalbewusstsein im 17. und 18. Jahrhundert vor allem durch Sozietäten adliger und bürgerlicher Bildungseliten in Residenz-und Universitätsstädten. Sprachgesellschaften und „Deutsche Gesellschaften“ begriffen die deutsche Nation in erster Linie als kulturelle Einheit, die durch die Normierung der deutschen Sprache („Lutherdeutsch“) und die Förderung der deutschsprachigen Literatur zu stärken sei. Integraler Bestandteil dieses Programms war die Agitation gegen fremde kulturelle Einflüsse, insbesondere die Verbreitung französischer Sprache und Kultur an den Höfen (Alamodekritik). Der „welschen“ Kultur wurde aus dem Umkreis der Sprachgesellschaften und „Deutschen Gesellschaften“ die Leistungsfähigkeit und Tugendhaftigkeit deutscher und dezidiert bürgerlicher Kultur entgegengehalten. 11 Unmittelbare Forderungen nach politischer Partizipation waren eher selten mit Alamodekritik und Adelskritik verbunden, wohl aber ein zunehmendes bildungsbürgerliches Selbstbewusstsein. Dies äußerte sich u.a. in einem gesteigerten Interesse an politischen Gegenwarts- und Zukunftsfragen, das im 18. Jahrhundert zunehmend mit patriotischer Gesinnung, d.h. der Bereitschaft zum selbstlosen Einsatz für ein Gemeinwesen, legitimiert wurde. 12 Worin der Einsatz bestehen und auf welches Gemeinwesen er sich beziehen sollte (Reich oder Territorialstaat) konnte, v.a. angesichts des preußisch- österreichischen Dualismus, sehr unterschiedlich beurteilt werden: Während beispielsweise der Schriftsteller Thomas Abbt vor dem Hintergrund des Siebenjährigen Krieges (1756- 1763) die Bereitschaft forderte, für das Vaterland (d.h. für Preußen, nicht für das Reich) zu sterben, entwickelte der in habsburgischen Diensten stehende Staatsrechtler Friedrich Carl von Moser Pläne für eine Reichsreform und für die Stärkung
10 Vgl. Andreas Suter, Protonationalismus - Konstrukt und gesellschaftlich- politische Wirklichkeit, in: Marco Bellabarba/ Reinhard Stauber (Hg.), Territoriale Identität und politische Kultur in der Frühen Neuzeit (Jahrbuch des Italienisch- deutschen historischen Instituts in Trient Bd.9), Bologna/ Berlin 1997, S. 301- 322.
11 Vgl. Rudolf Vierhaus (Hg.), Deutsche, patriotische und gemeinnützige Gesellschaften (Wolfenbütteler Forschungen Bd.8), München 1980; Wolfgang Hardtwig, Genossenschaft, Sekte, Verein in Deutschland, Bd.1: Vom Spätmittelalter bis zur Französischen Revolution, München 1997, S. 197- 238; Wilhelm Kühlmann, Sprachgesellschaften und nationale Utopien, in: Langewiesche/ Schmidt (Hg.), Föderative Nation, S. 245- 264.
12 Vgl. Rudolf Vierhaus, „Patriotismus“ - Begriff und Realität einer moralisch- politischen Haltung, in: Ders., Deutschland im 18. Jahrhundert. Politische Verfassung, soziales Gefüge, geistige Bewegungen, Göttingen 1987, S. 96- 109.
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Arbeit zitieren:
Thomas Gräfe, 2003, Protonationalismus: Deutschland und die Schweiz im Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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