Inhaltsangabe
1. Einleitung 2-3
2. Hausbesetzungen in Deutschland
2.1 Ursachen für Hausbesetzungen 3
2.2 Geschichtliche Entwicklung 4-5
3. Die Besetzung der Mainzer Straße in Berlin 5-6
4. Die Zukunft von Hausbesetzungen 6-7
Literaturverzeichnis
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1. Einleitung
30 Künstler bangen um ihre Existenz. Seitdem feststeht, dass das Kunsthaus Tacheles in der Oranienburger Straße in Berlin geräumt werden soll, ist erneut ein Kampf um das ehemalige Passagenkaufhaus entstanden.
Am 13. Februar 1990 besetzte die Künstlerinitiative Tacheles die leerstehende Ruine. Bereits Anfang der achtziger Jahre hatte die Regierung des Landes Berlin damit begonnen, Teile des baufälligen Gebäudes zu sprengen. Mit der Besetzung des bis dahin noch erhalten gebliebenen Teils der Ruine forderte die Initiative den Stopp des Abrisses. Die Künstler ließen neue Gutachten zur Bausubstanz und Statik der Ruine erstellen. Aufgrund der positiven Auswertung der neuen Befunde konnte der erhalten gebliebene Teil des ehemaligen Kaufhauses 1992 unter Denkmalschutz gestellt werden. Die Besetzer konnten mit dem damaligen Eigentümer einen 10 Jahre laufenden Mietvertrag aushandeln, der eine symbolische Mietzahlung von einer Deutschen Mark, später 50 Cent, beinhaltete.
Das Kunsthaus Tacheles ist mittlerweile zu einem Symbol der Subkultur über Berlin hinaus geworden. Mit seinen zahlreichen Ateliers und dem bekannten Cafe Zapata versprüht das Haus einen besonderen Charme in der ansonsten „sauber geleckten Stadtmitte.“ 1
Seitdem der Mietvertrag aber Anfang 2009 auslief, wurden aus den Künstlern wieder Besetzer. Das Gelände soll geräumt werden, um einem Neubau Platz zu machen. Noch harrt eine kleine Künstlergruppe im Tacheles aus und hofft, auch in Zukunft weiter in ihrer Ruine leben und arbeiten zu können.
Den Hausbesetzern in der Oranienburger Straße geht es vor allem darum, ein alternatives Kunstzentrum im Herzen der Stadt Berlin zu erhalten. Doch worum ging es den Hausbesetzern in den achtziger und neunziger Jahren, als diese Szene ihre Hochphase erlebte? Anhand eines kurzen geschichtlichen Abrisses der Hausbesetzerbewegung in Deutschland ab 1970 soll die unterschiedliche Entwicklung der Protestform in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik aufgezeigt werden. Die Hausbesetzungen der Mainzer Straße im November 1990 stellten einen besonders verzweifelten Versuch der Besetzer dar, ihr besetztes Terrain zu verteidigen. Vor allem durch den plötzlichen Ausbruch der Gewalt sowohl
1 http://www.taz.de/1/leben/kuenste/artikel/1/kampfbereite-kuenstler/
2
auf Seiten der Polizei als auch auf Seiten der Aktivisten hinterlässt diese Besetzung auch noch 10 Jahre nach ihrer Eskalation einen bitteren Beigeschmack bei vielen ehemals direkt und indirekt Beteiligten. Die „Mainzer Straße“ wurde zu einem Politikum, an welchem die damals in Berlin regierende rot-grüne Koalition zerbrach. Am Ende der Arbeit wird die Frage aufgegriffen, ob Hausbesetzungen auch heute noch möglich sind bzw. ob sie überhaupt noch eine geeignete Protestform darstellen.
2. Hausbesetzungen in Deutschland
2.1 Ursachen für Hausbesetzungen
Unter Hausbesetzung versteht man die Inbesitznahme eines Hauses oder Wohnung meist gegen den Willen des Eigentümers. Hausbesetzungen werden aus sehr unterschiedlichen Gründen durchgeführt. Als ein Hauptmotiv, Häuser zu besetzten, kann akuter Wohnungsmangel genannt werden. Zudem dienen Hausbesetzungen als eine Protestform gegen die Umstrukturierung ganzer Straßenzüge und zum Erhalt bzw. zur Verwirklichung von Autonomievorstellungen. Dabei geht es den Besetzern vor allem darum, individuelle Lebensräume zu schaffen und „der Gesellschaft Raum für eigene Alternativen abzutrotzen, um sich mit Gleichgesinnten zu treffen und um mit diesen zusammenzuleben.“ 2
Hausbesetzungen riefen vor allem in den achtziger und neunziger Jahren ein breites Medienecho hervor. Die Diskussionen um den knappen Wohnraum wurden so weiter angeheizt. Die massiven Aneignungen leerstehender Häuser bewirkten etwa, dass Hausbesetzungen geduldet und vielfach sogar durch Mietverträge legalisiert wurden. Die Besetzerszene selbst begann sich 1980 durch einen „Besetzerrat“ zu formieren und erzielten schließlich sogar das Absetzen von Politikern, die in Skandale rund um die Wohnungspolitik verwickelt waren.
Gegenwärtig werden Hausbesetzungen kaum noch Beachtung geschenkt. Vielen Besetzern geht es heute vor allem darum, zusätzliche autonome Kulturzentren zu bilden und nicht wie vor 20 Jahren gegen die akute Wohnungsnot zu protestieren.
2 Arndt et al. 1992, 256
3
2.2 Geschichtliche Entwicklung
„Wir haben dieses Haus besetzt, weil die Wohnungen seit langem leerstehen und systematisch zerstört wurden. Für den Eigentümer ist das Haus ein Spekulationsobjekt, für uns ist es dringend benötigter Wohnraum“, steht auf einem Spruchband in der Eppsteiner Straße. 3 Vermutlich ist die Besetzung des Hauses in der Eppsteinstraße 47 in Frankfurt im Herbst 1970 die erste Hausbesetzung im Nachkriegsdeutschland. Die Wohnungsmarktsituation im Jahr 1970 kann in der gesamten Bundesrepublik Deutschland als katastrophal bezeichnet werden. Im ganzen Land kam es zu Massenprotesten gegen die Mieterhöhungen und die zunehmende Wohnungsnot. 4 In den meisten Städten war die Nachfrage nach Wohnungen größer als das Angebot. Die Wohnungsknappheit brachte die ersten Mieterinitiativen und Hausbesetzungen in Westdeutschland hervor. Vor allem Ende der siebziger und in den achtziger Jahren wurden in Westdeutschland Häuser besetzt.
Von großer Bedeutung waren die Besetzungen in Berlin zwischen 1980 und 1982. Bis zu 160 Häuser hielten die Berliner im Jahr 1981 besetzt. Diese Aktionen hatten eine große Ausstrahlungskraft auf andere Besetzer im gesamten Bundesgebiet. „Allerdings ist diese Hochphase der Bewegung bereits 1982/83 wieder vorbei.“ 5 Ab diesem Zeitpunkt stagnierte die Hausbesetzerbewegung in Westdeutschland, während sich in Ostdeutschland eine ganz andere Situation aufzeigte. Aufgrund der Umbruchsituation zwischen 1989 und 1990 wurden in ostdeutschen Städten wie Ostberlin, Leipzig oder Dresden zahlreiche Häuser besetzt. In Ostberlin kommt es im Sommer 1989 zu den ersten Hausbesetzungen, welche aber erst im „Oktober 1989, in der Umbruchphase der DDR, öffentlich gemacht werden.“ 6 Die Reaktionen in der Öffentlichkeit auf die Hausbesetzungen sind durchweg positiv. In den Medien wird ausführlich über die Besetzer und deren Ziele berichtet. Aufgrund des großen Zuspruchs seitens der Öffentlichkeit werden bis zum Frühjahr 1990 circa 120 Häuser in Ostberlin instandbesetzt. In dieser Zeit werden nur vereinzelt Räumungen auf dem Gebiet der Deutsch Demokratischen Republik durchgeführt. Erst mit der Wiedervereinigung am
3 http://www.wdr.de/themen/kultur/stichtag/2005/09/19.jhtml
4 http://www.medienflut.de/texte/wohnungsnot/Dipl_Int-1_3-2.html#Heading75
5 http://www.medienflut.de/texte/wohnungsnot/Dipl_Int-1_4-2.html
6 http://www.medienflut.de/texte/wohnungsnot/Dipl_Int-1_4-3.html#Heading240
4
03. Oktober 1990 geht die Regierung, wie das nachfolgende Beispiel der Mainzer Straße in Berlin zeigt, härter gegen die Besetzer vor.
3. Die Besetzung der Mainzer Straße in Berlin
Im Zuge der Stadtsanierung in den achtziger Jahren war die Mainzer Straße in Berlin in seiner Substanz stark beeinträchtigt worden. In dieser Zeit wurden ganze Straßenzügeso auch die Mainzer Straße - entmietet und teilweise nach einigen Jahren gesprengt. Mit der Besetzung der Mainzer Straße sollte versucht werden, eigene alternative Lebensräume aufzubauen und dem drohenden Zerfall eines Altbaugebietes entgegenzuwirken. Im April 1990 waren in der Mainzer Straße 12 Häuser besetzt. Die überwiegend aus Westberlin stammenden Aktivisten führten noch zu Beginn der Besetzungen zahlreiche Verhandlungen mit der Bezirksverwaltung, welche aber im Oktober ohne Ergebnisse abgebrochen wurden.
Polizeipräsident Schertz bezeichnete „die Häuser in der Mainzer Straße als Zentrum der Gewalt“ 7 , wobei es zum gleichen Zeitpunkt noch weitere besetzte Häuser in Prenzlauer Berg und Lichtenberg gab.
Am 12. November 1990 wurden die Häuser in Lichtenberg polizeilich geräumt. Nur einige Stunden später dringt die Berliner Polizei mit einer Kolonne aus Mannschaftswagen, Räumpanzern und Wasserwerfern in die Mainzer Straße ein und versucht, auch diese zu räumen. Die Besetzer errichten daraufhin „Barrikaden aus Baumaterial, Stahlträgern und Gehwegplatten.“ 8 Die knapp 1.500 Beamten wiederum setzen verstärkt Tränengas, Blendschockgranaten und Wasserwerfer ein. Von Seiten der circa 600 Besetzer wehrt man sich gegen die Übermacht der Polizei mit Steinen und Molotowcocktails. In der fast 15 stündigen Straßenschlacht, die erst um drei Uhr am nächsten Tag endet, gelingt es den Aktivisten, die Polizei aus dem Kiez zu treiben. Noch in derselben Nacht zieht die Berliner Polizei um die 4.000 Polizisten zusammen, um am Morgen des 13. November 1990 mit einem Sturmangriff auf die Mainzer Straße die Hausbesetzungen zu beenden. Bei diesem Angriff ging die Polizei mit äußerster Brutalität gegen die Aktivisten vor. Am Ende werden 300 bis 400 Besetzer
7 http://www.berlinstreet.de/1184
8 http://www.medienflut.de/texte/wohnungsnot/Dipl_Int-1_4-3.html#Heading241
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festgenommen. Der ehemalige regierende Bürgermeister Berlins, Walter Momper, erklärt noch am Nachmittag „das Verhalten ´der militanten Hausbesetzer´ in der Mainzer Straße sei ´eine der schwersten Herausforderungen für die Landesregierung und die Berliner Polizei´ gewesen.“ 9 Die Räumung der Mainzer Straße führte bei einigen Aktivisten zu einer Radikalisierung ihrer Ansichten. Andere wiederum waren zu verängstigt und traumatisiert und zogen sich aus der Szene zurück. Die Besetzung der Mainzer Straße hat den Bezirk Friedrichshain über Deutschland hinaus bekannt gemacht. Immer mehr Alternative und Punks kamen in den Bezirk und verdrängten die sogenannten „Stinos“, die Stinknormalen.
Noch heute leben in den ehemals besetzen Häusern viele Aktivisten. Zudem sind auch einige Kneipen oder Kleinbetriebe aus der Zeit der Besetzungen erhalten geblieben.
4. Die Zukunft von Hausbesetzungen
Die meisten der in den siebziger bis neunziger Jahren besetzten Häuser sind nach und nach geräumt worden. Anfang der achtziger Jahre, als die Hausbesetzungen eine eigene Dynamik zu entwickeln schienen, glaubte man, „in Besetzungen einen gesellschaftsverändernden, revolutionären Ansatzpunkt gefunden zu haben.“ 10 Dass das nicht der Fall war lag mitunter daran, dass sich nach den Räumungen die Hausbesetzerbewegungen auflösten und mit ihnen ihre Forderungen. Hausbesetzungen wird es auch weiterhin geben. Dennoch ist zu beachten, dass diese nicht zum Ausgangspunkt für revolutionäre gesellschaftliche Veränderungen gemacht werden dürfen. Immer wieder kommt es auch heute noch bundesweit zu Hausbesetzungen, allerdings rufen diese kaum so ein großes Medienecho hervor wie ihre Vorgänger in den achtziger oder neunziger Jahren. Ob diese „neuen“ Besetzungen so eine Sprengkraft entwickeln können, hängt im Wesentlichen von den gesellschaftlichen Bedingungen ab. Die politischen Motive der Hausbesetzerszene sind bis heute aktuell geblieben: Kampf für eine gerechte Kommunalplanung, Recht auf Wohnung sowie mehr Raum für soziale und kulturelle Einrichtungen und Veranstaltungen.
9 http://www.medienflut.de/texte/wohnungsnot/Dipl_Int-1_4-3.html#Heading241
10 http://www.medienflut.de/texte/wohnungsnot/Dipl_Int--30.html
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Nicht zu unterschätzen ist die Ausstrahlungskraft, welche die Aktionsform Hausbesetzung auf Jugendliche, Schüler und Studenten ausübt. Sie begreifen Wohnungskampf als eine Möglichkeit, gegen die gesamtgesellschaftliche Situation anzukämpfen.
Hausbesetzungen sind meist, wie die Geschichte zeigt, mit Gewalt verbunden. Und bei politischen Auseinandersetzungen kann Gewalt nie das richtige Mittel sein. Gewalt erzeugt nur Gegengewalt und Verhärtung der Fronten. Verständigung untereinander bleibt dabei aber aus. Doch ohne Verständigung und das Zugehen aufeinander kann es keine Lösung für Probleme geben.
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Literaturverzeichnis
Monographien
Arndt, Susan; Bialas, Stephan; Friedrich, Grit; Friemel, Berthold; Gruner, Catrin; Kowalczuk, Ilko-Sasha; Miller, Leif; Rieger, Frank; Thiele, Michael; Ziesche, Micheal (1992): Berlin Mainzer Straße. „Wohnen ist wichtiger als das Gesetz“. Berlin: BasisDruck
Aust, Stefan; Rosenbladt, Sabine(Hrsg.) (1981): Hausbesetzer. Wofür sie kämpfen, wie sie leben, wie sie leben wollen. Hamburg: Hoffmann und Campe
Johler, Jens; Sichtermann, Kai; Stahl, Christian (2000): Keine Macht für Niemand. Die Geschichte der Ton Steine Scherben. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag
Schöneberger, Klaus; Ove Sutter (Hrsg.) (2009): Kommt herunter, reiht euch ein…Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen. Berlin: Assoziation A
Internetadressen
AG Grauwacke (Hrsg.) (2005): Vor 15 Jahren. Räumung der Mainzer Straße in Berlin. Verfügbar unter: http://www.umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/141190mainzer_strasse.html [aufgerufen am 14.08.2010]
Apin, Nina (2010): Berliner Tacheles vor Räumung. Kampfbereite Künstler. Verfügbar unter: http://www.taz.de/1/leben/kuenste/artikel/1/kampfbereite-kuenstler/ [aufgerufen am 23.08.2009]
Becker, Klaus Martin; Rekittke, Volker: Politische Aktionen gegen Wohnungsnot und Umstrukturierung und die HausbesetzerInnenbewegung in Düsseldorf von 1972 bis heute. Verfügbar unter: http://www.medienflut.de/texte/wohnungsnot/Index.html [aufgerufen am 15.08.2010]
Kuhrt, Aro (2008): Die Schlacht um die Mainzer Straße. Verfügbar unter: http://www.berlinstreet.de/1184 [aufgerufen am 14.08.2010]
Arbeit zitieren:
Nadine Möller, 2010, Hausbesetzungen in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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