Globalisierung versus Nationalstaat Universitätslehrgang Politische Bildung (MSC)
Vorwort
Die Themenstellung der Arbeit ist sehr umfassend und daher kann nur ein kleiner, manchmal auch nur exemplarischer Teil der komplexen Problematik abgehandelt werden, alles andere würde den Rahmen einer Seminararbeit sprengen. Ich habe versucht, einen kleinen Einblick in verschiedene Bereiche des Themas zu geben und mich dabei in der Darstellung des Globalen eher allgemein gehalten und auf die Darstellung der Situation der Industrieländer bzw. nur auf Europa beschränkt, wenngleich eine solche Begrenzung bezogen auf Globalisierung auch ein wenig paradox ist. Es ist mir bewusst, dass jeder einzelne angesprochene Aspekt eine Reihe von Problemen, Folgen und Lösungsansätzen in sich birgt. Es war sehr interessant, die Vielfalt an Literatur zum Thema zu sehen, die von ganz allgemeinen Beschreibungen bis zu speziellen Detaildarstellungen ging. Auch wurde deutlich, dass der Themenkomplex Lebensmittel und Globalisierung in Arbeiten (Diplomarbeiten etc.) vor allem der seit den frühen 90er Jahren des 20. Jahrhunderts behandelt wird.
Bei der Betrachtung des regionalen Aspektes des Themas habe ich mich auf Österreich, speziell die Steiermark beschränkt, weil ich glaube, dass diese Regionen prototypisch für andere regionale Entwicklungen - auch hier zumindest in Europa - stehen können. Auffallend bei der Literatursuche war, dass es eine Fülle von qualitativ hochwertigen Abhandlungen, Broschüren und Internetseiten zu Regionalisierung, aber wenig akademische Fachliteratur dazu gibt. Das Konzept meiner Arbeit geht von einer allgemeinen Begriffserklärung über einen kurzen historischen Abriss zur Darstellung von globalen Nahrungs- bzw. regionalen Lebensmitteln im Kreislauf von Produktion - Verarbeitung -Distribution - Handel - Entsorgung unter globalen und regionalen Aspekten. Der Bereich Konsum ist mit Ernährung, Ernährungsstil etc. gesamt gekoppelt ein zu weites Feld und findet deshalb in dieser Arbeit nur peripher Platz. Am Ende meiner Arbeit finden sich einige, und sie sind wirklich nur als exemplarisch zu verstehen, Überlegungen zum Thema, die sich aus der Beschäftigung mit Lebensmitteln zwischen Globalisierung und Regionalisierung ergeben.
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort. 1
Inhaltsverzeichnis 2
1 Einleitung 3
1.1 Globalisierung - Regionalisierung 4
1.2 Historische Überlegungen zu früher Überregionalität. 5
1.3 Der Begriff „Globalisierung“ 7
1.4 Der Begriff „Regionalisierung“ 7
2 Vom Selbstversorger zum globalen Geschmack. 9
2.1 Autarke Lebensmittelversorgung 9
2.2 Aufhebung regionaler Grenzen durch Technik 9
2.3 Nahrungsmittelindustrie 11
2.3.1 Frühe Markenprodukte für Notversorgung 11
2.3.2 Funktionalität und Verpackung. 13
2.3.3 Von Food Design bis Fake Food Co 13
3 Nahrungsmittel - Lebensmittel. 15
3.1 Produktion und Verarbeitung 17
3.1.1 Produktion und Verarbeitung global 18
3.1.2 Produktion und Verarbeitung regional 20
3.2 Distribution. 23
3.2.1 Distribution global 24
3.2.2 Distribution regional 26
3.3 Handel. 27
3.3.1 Handel global 27
3.3.2 Handel regional 29
3.4 Entsorgung. 31
3.4.1 Entsorgung global 31
3.4.2 Entsorgung regional 32
4 Schlussüberlegungen. 34
Literaturverzeichnis 37
Quellenverzeichnis 39
Abbildungsverzeichnis 41
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1 Einleitung
Frau und Herr G. sind berufstätig, wenn sie nach Hause kommen, dann ist großer Aufwand zur Essenszubereitung nicht angesagt, die Zeit ist knapp und lässt sich für Besseres verwenden, ein Theaterbesuch, die nächste Reise zu planen, joggen oder im Netz zu surfen. So kommt ein Fast-Food-Produkt, also wenn möglich höchster Verarbeitungsgrad, verpackt und schnell zuzubereiten, auf den Tischbeispielsweise griechischer Xifias, Tomantensalat mit Jungzwiebeln und spanische Weintrauben, wenn es ganz schnell gehen soll, dann japanisches Sushi oder ostindisches Dahi Maach, gleich fertig geliefert, zu bestellen per Mobiltelefon oder Mausklick, dazu mexikanisches Corona oder Kärnter Hirter, Pago, stilles Mineralwasser oder Cola, südsteirischen Sämling 88 oder australischen Shiraz, je nach Geschmack. Familie G. liebt es kosmopolitisch und will dem globalen Flair auch bei ihren Mahlzeiten nachspüren. Alles muss jederzeit verfügbar sein, Vorratshaltung an Fertiggerichten erspart Einkaufswege, mit Obst und Gemüse aus aller Welt lebt Familie G. durchaus auch gesundheitsbewusst.
Herr und Frau R. sind berufstätig, sie planen bereits am Samstag, was in der folgenden Woche an Speisen genossen werden soll. Ihnen ist es wichtig, Produkte mit gutem Gewissen gegenüber Umwelt und Region zu verwerten. Daher kaufen sie, wenn irgendwie möglich, am Bauernmarkt oder beim Direktvermarkter oder ernten die Waren selbst. Die Produkte weisen einen möglichst geringen Verarbeitungsgrad auf, werden zuhause in Ruhe zubereitet, Slow-Food also, nur manchmal, wenn die Zeit wirklich knapp ist, wird vorgekocht. So gibt es Breinwurst und Milch vom Direktvermarkter in der Weststeiermark, steirische Paradeiser vom Gemüsemarkt, frischen Karpfen vom Bauernmarkt, Beeren und Birnen von Naschfeld und Obstgarten, selbst gepflückt in der Oststeiermark, Steirischen Junker von der Weinstraße und Bier von der Privatbrauerei der Mönche in der Obersteiermark. Diese frischen Lebensmittel zu besorgen, benötigt natürlich Zeit, aber es ergeben sich dadurch auch Möglichkeiten der Freizeitgestaltung: eine Radtour in die Südsteiermark, ein Ausflug in die Oststeiermark und ein Einkaufsbummel auf den Bauernmärkten.
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Zwei Ernährungskonzepte, zwei Philosophien: global oder regional. Aber müssen diese beiden Konzepte unbedingt widersprüchlich sein, einander ausschließen? Gibt es im Alltag wirklich die Möglichkeit, sich ausschließlich nach einem Konzept zu ernähren? Könnte nicht der Focus weg vom diametralen Standpunktentweder global oder regional - hin zu einer verantwortlichen, nachhaltigen, vielfältigen und dabei auch an Genuss, Gesundheit, Umwelt und Menschenrechten orientierten Lebensmittelauswahl gelegt werden, denn Nahrungsmittel sind - im Gegensatz zu vielen anderen Produkten - unverzichtbar.
Abbildung 1: Cross over von global und regional (Werbeeinschaltung In: tele 2007)
1.1 Globalisierung - Regionalisierung
„Die Grazer lieben Multikulti auf dem Teller.“ 1 titelt eine steirische Gratiszeitung. Der Genuss von nicht rein heimischen Lebensmitteln (was wären denn historisch betrachtet tatsächlich zB autochthon steirische
Lebensmittel/Ernährungsstile?) hat schon eine lange historische Tradition.
1 Sie mag Pasta, er mag Schnitzerl. In: Der neue Grazer und der neue Steirer vom 12.7.2007, S.
28f.
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So waren und sind Nahrungsmittel aus anderen Teilen der Welt attraktiv und interessant. Das ist kein Phänomen des 20. und 21. Jahrhunderts, kein Phänomen von Globalisierung. Schon sehr früh hat es in der Geschichte nachweislich Interesse an den Produkten anderer gegeben, die auch in den regionalen Speiseplan integriert wurden und somit zu einer Erweiterung der regionalen Besonderheiten geführt haben. Es lassen sich durch die Geschichte immer wieder regionale Produkte und Ernährungsstile erweiternde Tendenzen und ein Austausch feststellen und zumeist stehen Lebensmittelproduktion und -handel als Wirtschaftsfaktoren in sehr engem Zusammenhang mit politischer Macht und Ohnmacht unterschiedlicher Interessensgruppen. Heute lässt sich aber global eine
„Distanzzunahme zwischen Produktion und Konsumption [feststellen] im Sinne von
Verlagerung wirtschaftlicher Entscheidungskompetenzen auf immer weniger und
mächtigere Unternehmensgruppen. Indirekt ist damit auch eine kulturelle Globalisierung
verbunden, nämlich die weltweite Vereinheitlichung von Konsumgütern und
Konsummustern.“ (Ermann, U. 2001, S. 65)
1.2 Historische Überlegungen zu früher Überregionalität
Vor der neolithischen Revolution eignete sich der Mensch seine Lebensmittel dort an, wo er sich gerade befand, er sammelte Beeren und Früchte, zog den Herden nach, jagte und verzehrte. Mit der Sesshaftwerdung wurde der Mensch zum Produzenten, als Ackerbauer und Viehzüchter züchtete er aus Wildpflanzen Getreidesorten und domestizierte Tiere.
Mit den Hochkulturen begann eine erste Überschusswirtschaft, Städte entstanden, Vorratshaltung sowie Verwaltung der Güter und damit auch Schrift und Spezialistentum. Mit den ersten Reichsbildungen fand ein über die regionale Produktion hinausgehender Handel mit Waren statt, für die damalige Welt eine frühe Form von Überregionalität.
Sowohl für die griechische als auch für die römische Wirtschaft gilt, dass nach der Phase der Kolonisation (bei den Griechen von 750 - 550 v. Chr.) oder Expansion (das Römische Reich ab den Punischen Kriegen), es zu Billigimporten, vor allem an Getreide, kam, und von den heimischen Bauern nur wenige die Umstellung auf alternative Produkte schafften.
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Die Folgen waren:
Verarmung der Bauern Soziale Unruhen und Bürgerkriege
Bildung von Großgrundbesitz, Untergang der kleinen Betriebe Ausbildung einer auch politisch mächtigen Oligarchie Transfer und Verschmelzung von regionalen Besonderheiten
Abbildung 2: Obelix isst selbst im belgischen Restaurant „Mannekenpix“ am liebsten nur
heimisches Wildschwein (Les Douze Travaux d'Astérix,1975)
Betrachtet man nur diesen weit zurückliegenden historischen Abschnitt, findet man Strukturen, die auch heute noch in der Globalisierungsdiskussion eine Rolle spielen, der Untergang der heimischen Landwirtschaft, Billigkonkurrenz, Nischenprodukte, Verlust von Regionalität, Überregionalität im Konsum, vor allem im Konsum von Luxusprodukten, Austausch und einen gewissen Grad an Homogenisierung.
Dennoch gibt es einen großen Unterschied: Bei allen „globalen“ 2 Strukturen gab es innerhalb des jeweiligen Reiches zwar viele verschiedene Kulturen, Produkte und Beziehungen dieser untereinander, aber es gab auch eine in diesem Rahmen „globale“ Herrschafts- bzw. Regierungsstruktur, also Globalität und Vielfalt der Regionen unter einer Herrschaft 3 , also für den damaligen Kosmos eine Art „global government“.
Im Unterschied dazu ist Globalisierung heute gekennzeichnet davon, dass es zwar wirtschaftliche und kulturelle Grenzenlosigkeit gibt, jedoch nur Ansätze von „global governance“ im politischen Bereich.
2 Global zumindest im Begriff von „Welt“ für die damalige Welt, d.h. das Weltreich Thutmosis III.
oder der Kosmos der Griechen, Hellenistisches Weltreich Alexanders, Imperium Romanum.
3 Wenngleich zB Rom schon als „Goliath“ und die Provinzen als „David“ gesehen werden
könnten.
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1.3 Der Begriff „Globalisierung“
Den Begriff „Globalisierung“ gibt es erst kurze Zeit, sein Ursprung ist umstritten 4 , und er wird in der Folge sehr unterschiedlich gebraucht und definiert. Für manche beschreibt er ein neues Phänomen einer rasanten Entwicklung der globalen Welt, für andere wiederum verbalisiert er ein Phänomen, das es schon seit langer Zeit gibt, das sich nur zur Zeit schneller als sonst in der Geschichte entwickelt.
Ein anderer Aspekt ist die Divergenz zwischen globalen und nationalen Interessen und Handlungsmustern, die je nach Perspektive als einander ausschließend, einander ergänzend oder als System und Subsystem im System gesehen werden. In der Wissenschaft wird der Begriff ab den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts verwendet (vgl. Schneider, A. 2003, S. 11). 5
1.4 Der Begriff „Regionalisierung“
Der Begriff „Regionalisierung“ wird nicht eindeutig gebraucht, man findet ihn weder im Duden noch im Österreichischen Wörterbuch. Region ist ein komplexer Begriff, der sowohl von lat. „regere“ regieren als auch von lat. „regio“ Gebiet etymologisch herzuleiten ist. Regionen und in der Folge (un-)beabsichtigte Regionalisierung können auf unterschiedliche Weise entstehen. Es werden räumliche Einheiten mit gleichen oder ähnlichen Merkmalen gebildet, wodurch die Gesellschaft strukturiert wird, zB produkt-konsumtiv, normativ-politisch oder informativ-signifikant (vgl. Werlen, B. 2000, S. 14). Regionalisierung hat auch eine räumliche (Mikro- oder Makro-Regionalisierung) und eine zeitliche (vorübergehend/zufällig, periodisch oder andauernd) Dimension, die ihre Reichweite bestimmt, wie die folgende Abbildung zeigt:
4 Er tritt als „globaliszation […] erstmals 1962 in Websters Lexikon auf“ (Fuchs, J. 2001, S. 35),
„McLuhan spricht im Jahr 1964 von der Welt als ,global village’“ (Schneider, A. 2003, S. 11), die
„erstmalige Verwendung des Begriffs der Globalisierung datiert die Gruppe von Lissabon auf
1972, als George Modelski den Begriff […] explizit für die von Europäern angeführte Expansion,
die die Unterwerfung anderer Gemeinschaften in der Welt und deren Integration in ein globales
Handelsnetz zum Ziel hatte, verwendet habe.“ (Schneider, A. 2003, S. 7)
5 Z.B. Theodore Levitt: The globalization of markets. In: Harvard Business Review, Band 612, Mai/ Juni
1983, S. 92-102.
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Abbildung 3: Region Bordeaux 6 als periodische (jeden Herbst - Weinlese) am Merkmal Genuss
orientierte (produkt-konsumtive) Region (Mikro-Regionalisierung)
Kennzeichen von Regionalisierung sind Symbole, Grenzen, Zonen, Segmente etc. Aber es gibt auch einen anderen Ansatz der Betrachtung von Regionalisierung, vor allem angesichts von Globalisierung:
„Begreifen wir Regionalisierungen als Weltbindungen - als besondere Praktiken der
Verknüpfung von Bedeutung und Materie - dann sollten wir diese auf die spät-modernen
Bedingungen neu abstimmen. Die entsprechenden Weltbindungen sind dann auch primär
als subjekt- und vor allem handlungsspezifische Praktiken zu begreifen. Diese können
zwar in bestimmter Hinsicht noch territorial gebunden sein. Das ist aber nicht die
entscheidende Charakteristik. Diese liegt vielmehr darin, wie die Subjekte im Rahmen
verschiedener Typen des Handelns die Welt auf sich beziehen, wie sie sich die Welt
regionalisierend aneignen.“ (Werlen, B. 2000, S. 14).
6 Fibich, R. 2007, S. 54.
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Arbeit zitieren:
Gertraud Wagenhofer, 2007, Globalisierung versus Regionalisierung, München, GRIN Verlag GmbH
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