Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Struktur und Ideologie
2.1. Der Staat „Oceania“ 4
2.2. Die Diktaturen Hitlers und Stalins als Vorbilder 5
3. Der unterdrückte Mensch
3.1. Unterdrückung in „Oceania“ 7
3.2. Die Diktaturen Hitlers und Stalins als Vorbilder 8
4. Die Propaganda
4.1. Die Einspeisung der “Ingsoc -Ideologie 9
4.2. Die Diktaturen Hitlers und Stalins als Vorbilder 10
5. Die Angst-Politik 12
6. Resümee 14
2
1. Einleitung
„Wer immer den Wert der Literatur spürt, wer immer die zentrale Rolle sieht, die sie in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte spielt, muß auch erkennen, daß es eine Frage von Leben und Tod ist, sich dem Totalitarismus zu widersetzen (...).“ 1 George Orwell
In einer Radioansprache der BBC im Jahre 1941 spricht George Orwell diese eindringliche Warnung vor der totalitären Regierungsform aus. Zu einer Zeit, in der sowohl in der UdSSR als auch Deutschland totalitäre Diktaturen herrschen, um sich greifen und damit über ihre Grenzen hinaus Schrecken verbreiten. Als Zeitzeuge im nahegelegenen, vom Totalitarismus bedrohten Britannien erlebt der sich politisch zum demokratischen Sozialismus bekennende 2 Orwell mit, wie die Völker unter Stalin und Hitler nach und nach Rechte und Freiheiten verlieren, belogen, entmündigt, unterdrückt, gefoltert und sogar getötet werden. Auch, wenn er sich in seiner Radiorede auf die drohende Frage des Überlebens oder Sterbens der Literatur bezieht, so klingt trotzdem die Sorge aus diesen Worten, dass der Fall der freien Literatur nur ein Anfang sein kann.
Ein Anfang, der ohne Widerstand einen vernichtenden Verlauf nehmen und in einem menschenverachtenden, totalitären Staatssystem gipfeln kann, wie es Orwell in seiner Dystopie 1984 entworfen hat. Er vollendet den Roman 1948 und lässt darin seinen Hauptprotagonisten Winston Smith 36 Jahre später, 1984, in einer unheilvollen Zukunft das perfektionierte, pervertierte totalitäre Regime des Big Brother hinterfragen. Dass als real-historische Vorbilder dieses Staates „Oceania“ unter anderem die Diktaturen Stalins bzw. Hitlers dienten, ist naheliegend und wird auch von der Forschung klar dargelegt. So schreibt zum Beispiel John Atkins in seiner literarischen Studie „George Owell“: „The rulers of 1984 are the direct heirs of Hitler and Stalin (...).“ 3 In dieser Arbeit soll ansatzweise herausgearbeitet werden, inwiefern Orwells 1984 auf den Beobachtungen und Erfahrungen mit den totalitären Systemen seiner Zeit fußt und inwiefern man Hinweise auf z.B. realgeschichtliche
1 Rundfunkansprache im BBC Overseas Service, 1941, in: Lewy, Gunther, Neumann, H. /Scheer, H. (Hrsg.): Plus Minus 1984, Freiburg 1983, S. 72
2 Neumann, H. /Scheer, H. (Hrsg.): Plus Minus 1984, Freiburg 1983, S. 13
3 Atkins, John: George Orwell - A Literary Study, Sussex 1954, S. 249
3
Begebenheiten im Roman wiederfinden kann. Das hauptsächliche Augenmerk soll hier auf die vergleichbaren Merkmale der Systeme gelegt werden.
2. Struktur und Ideologie
“Therefore, from the point of view of the new groups who were on the point of seizing power, human equality was no longer an ideal to be striven after, but a danger to be averted.” 4
2.1 Der Staat „Oceania“
In seinem Staat „Oceania“ entwirft Orwell das Bild eines totalitären Systems, dessen Regierung die einzig existente Partei „Ingsoc“ und deren Haupt „Big Brother“ ist. Die Gesellschaft von „Oceania“ ist nach einem streng hierarchischem Kastensystem aufgebaut, dass aus der „Inner Party“ (etwa 2% der Bevölkerung), der „Outer Party“ (etwa 13% der Bevölkerung) und den „Proles“ (etwa 85% der Bevölkerung) besteht; wobei die „Inner Party“ die Oberschicht und Staatslenkung, die „Outer Party“ das ausführende Organ und die „Proles“ das arbeitende Volk repräsentiert (Vgl. 1984, 208). Es existiert keine Gewaltenteilung und kein geltendes Gesetz („ (...) nothing was illegal, since there were no longer any laws“ (1984, 6), sogar Vergangenheit und die damit verbundene Geschichtsschreibung unterliegt der Kontrolle des Systems; alle innen- sowie außenpolitische Belange des Staates und seiner Bevölkerung liegen in der Hand von Ingsoc (1984, 211). Das außenpolitische Ziel Ingsocs besteht in der praktisch allerdings nicht möglichen Auslöschung der beiden anderen Welt-Supermächte „Eurasia“ und “Eastasia“; wobei „Oceania“ immer mit einer der beiden Mächte im dauernden Kriegzustand lebt und mit der jeweils anderen verbündet ist (Vgl. 1984, 185). Innenpolitisch zeichnet sich „Oceania“ als Terrorstaat aus, der die Mitglieder der beiden „Parties“ quasi lückenlos durch die „Telescreens“ überwacht und die unterste Bevölkerungsschicht am Existenzminimum überleben lässt. Jede Bevölkerungsschicht ist primär mit der kriegsbedingten wirtschaftlichen Not und den damit einhergehenden erschwerten Lebensbedingungen ausgelastet,
4 Orwell, George: 1984, Orlando: Signet Classics 1977, S.74
wobei den „Parties“ - besonders der „Inner Party“ - verschieden Privilegien wie z.B. Luxusgüter zuteil werden. Abgesehen von der Organisation des so erschwerten Überlebens, werden die ungebildeten „Proles“ durch verschiedene innenpolitisch gesteuerte Maßnahmen, wie Film oder auch Glücksspiel in Schach gehalten. Die Mitglieder der „Parties“ hingegen müssen sich in verschiedenen parteieigenen - meist propagandaverbundenen - Gruppierungen organisieren, wie z.B. der „Junior Anti Sex League“ (Vgl. 1984, 10) und an täglichen „Two Minutes Hate“-Vesammlungen teilnehmen (Vgl. 1984, 9). Neben der totalen Überwachung wird die Staatstreue der Bevölkerung durch die „Thought Police“ (Vgl. 1984, 3) überwacht und gegebenenfalls reglementiert, wobei letzteres kaum öffentlich geschieht, sondern vielmehr Menschen einfach verschwinden und zum Teil nie wieder auftauchen. Hier werden verschiedene z.T. nur gerüchteweise bekannte Bestrafungsmaßnahmen veranlasst, die von der Verbringung in „joycamps“ (1984, 306), also Zwangsarbeitslagern über Folter bis hin zur „vaporization“ (Vgl. 1984, 19), also der Liquidierung reichen.
2.2 Die totalitären Staaten Hitlers und Stalins als Vorbilder
Insbesondere die menschenverachtenden Strafen sind es, die den Leser dazu veranlassen an die Zwangsarbeits- bzw. Konzentrationslager und Gulags 5 oder auch Umerziehungslager unter den Diktaturen Hitlers und Stalin zu denken. In dieser real-politischen Zeit der deutschen und russischen Geschichte verschwanden ebenfalls viele parteifeindlich Gesinnte und wurden in erwähnte „Einrichtungen“ verbracht, um die häufig ein beängstigender Mythos entstanden war - immerhin kehrte kaum jemand wieder zurück. Orwell hingegen dürften viele Details der Menschenverfolgung der Nationalsozialisten bekannt gewesen sein, da 1984 ja bereits nach dem Fall des Dritten Reiches entstand. Die eindringliche und erschütternde Weise in der Orwell die Folterung und Umerziehung des Winston Smith schildert lässt darauf schließen, dass ihm die Praxen dieser Terrorherrschaften nicht unbekannt waren. Doch das sind nicht die einzigen Parallelen zwischen der Wirklichkeit und Orwells Fiktion.
5 Lowenthal, Richard: Beyond Totalitarism, in: Howe, Irwing (Hrsg.): 1984 - Revisted, New York 1983, S.236
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Arbeit zitieren:
Laura Helm, 2008, Historische Vorbilder des Totalitarismus in George Orwell`s '1984', München, GRIN Verlag GmbH
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