Einleitung
Die vorliegende Ausarbeitung wurde im Rahmen der Veranstaltung „Wenn der Mensch zur Bestie wird... Theoanthropologische Deutung zwischenmenschlichen Gewaltverhaltens“ verfasst. Diese Veranstaltung hat sich zum Ziel gesetzt, die gewalttätige Facette des Menschen (welche im Laufe der Jahrhundert immer wieder zum Vorschein kam) deutlich aufzuzeigen. Ausgewählte Gewaltaten wie z. B. die Folter, das Massaker und die Gewalt an Kindern wurden explizite thematisiert und verschiedene Facetten der Gewalttaten durchleuchtet. Diese Ausarbeitung beschäftigt sich mit der „Gewalt gegenüber Tieren“.
Seit der Mensch die Erde bewohnt, lebt er in der Gemeinschaft mit dem Tier. Die Tiere haben dem Menschen in vielerlei Hinsicht geholfen und unterstützt (z. B. als Nahrungsquelle, als Arbeits- und Haustier). Im Laufe der Jahrtausende kam es immer wieder zu Wandlungen in dieser Beziehung. So sahen bspw. manche Naturvölker die Tiere als Gottheiten an, Gladiatoren - und Stierkämpfe belustigten die Menschen. In den heutigen Zeiten dienen die Tiere hauptsächlich als Nutz- und Haustiere.
Der Mensch-Tier-Beziehung kam immer ein hoher Stellenwert zugute, es wurde folglich zu jeder Zeit über diese Beziehung nachgedacht. So sagt Romain Rollan bspw: 1 „Die Grausamkeit gegen die Tiere und auch schon die Teilnahmslosigkeit gegenüber ihren Leiden ist meiner Ansicht nach eine der schwersten Sünden des Menschengeschlechts. Sie ist die Grundlage der menschlichen Verderbtheit.“ Inwieweit diese „menschlichen Verderbtheit“ zutrifft, wird in dieser Ausarbeitung herausgearbeitet.
Das erste Kapitel beschäftigt sich mit verschiedenen Facetten des Thema „Tierexperimente“. Es werden neben rechtlichen Aspekten drei ausgewählte Beispiele aufgeführt, bevor mögliche und notwendige Alternativen beschrieben werden. Das zweite Kapitel handelt von den so genannten „Nutztieren“. Angefangen bei der Massentierhaltung, die exemplarisch an der Schweinehaltung dargestellt wird, werden anschließend die Tier-transporte thematisiert. Im Anschluss werden Nutztiere beschrieben, die die Menschen in Zirkussen unterhalten sollen. Das Kapitel „das Leiden der Zirkustiere“ wird beschreiben, dass das „Leben“ im Zirkus für die Tiere eine Qual ist. Im nachfolgenden dritten Kapitel wird am Beispiel der Tierart Wal herausgearbeitet, inwieweit der Mensch fähig ist, ganze Tierarten am Rande des Aussterbens zu bringen. Die Meeressäuger stehen dabei exemplarisch für (wildlebende) Tiere, die als gefährdet eingestuft werden. Im Fokus dieses Kapitel steht dabei der (kommerzielle) Walfang und dessen Folgen für die Tiere. Im darauffolgendem Fazit werden die Hauptaspekte dieser Arbeit resümiert und ergänzend dazu über die Thematik diskutiert.
1 Franz. Dichter, Nobelpreis 1915
1
1 Tierexperimente
In diesem Kapitel wird das Thema Tierexperimente näher betrachtet. Nach den einführenden Informationen werden kurz die rechtlichen Grundlagen angesprochen, bevor an drei Beispielen die Sinnlosigkeit von Tierexperimenten aufgezeigt werden soll. Anschließend werden mögliche Alternativen diskutiert.
1.1 Allgemeines
Der Kernpunkt aller Argumentation ist die ethische Frage: Ist es gerechtfertigt, andere Lebewesen als Versuchsobjekte zum Wohle der Menschheit zu benutzen? Es scheint so, als ob die Gesellschaft diese Frage mit „ ja“ beantwortet. Die Wissenschaft und die Firmen argumentieren mit dem Nützlichkeitsprinzip. Auch heute noch werden diverse Versuche an Tieren durchgeführt. Diese Versuche finden in verschiedensten Disziplinen statt, z. B. in der Medizin, der Psychologie (Verhaltensforschung), der Pathologie, der Sozialmedizin, in der Gentechnik, der Biologie, in der Chemie, in der Waffentechnik bis hin zur Raumfahrttechnik 2 .
Insgesamt wurden im Jahr 2008 2.692.890 Tiere in Tierversuchen „verbraucht“ 3 und getötet. Dies ist ein Einstieg 3,2 % (83.407 Tiere) zum Vorjahr. Abb. 1 verdeutlicht die Tierversuchszahlen der letzten Jahre grafisch 4 , es ist ein nahezu kontinuierlicher Anstieg zu erkennen 5 .
1.2 Rechtliche Grundlagen
Laut Paragraph 1 des Tierschutzgesetzes sind Tiere „Mitgeschöpfe“. Es ist verboten, ihnen ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen. Jetzt drängt sich die Frage auf, was als „vernünftiger Grund“ anzusehen ist? Als „vernünftiger Grund“ gilt nämlich alles das, was dem Menschen irgendeinen Nutzen verspricht. Nach Paragraph 7 dürfen Tiere „Schmerzen, Leiden und Schäden zum Vorbeugen, Erkennen oder Behandeln von Krankheiten, zum Erkennen von Umweltgefährdungen, zur Prüfung von Stoffen oder Produkten auf ihre Unbedenklichkeit und im Rahmen der Grund-lagenforschung zugefügt werden“. Als besonders sinnlos werden die Versuche in der Grundlagenforschung angesehen, da die Grundlagen keinen praktischen Nutzen für die Menschen zu Folge haben. Tierschützer haben dafür gekämpft, dass der Tierschutz
2 vgl. Walden & Bulla, 1992, S. 148
3 Wenn Tiere in Tierversuchen eingesetzt werden, sprechen Insider von „verbraucht.“
4 Im Jahr 2000 wurde das Verfahren zur Erhebung der Tierversuchszahlen verändert. Daher sind die Daten von vor 2000 nur begrenzt mit denen seit 2000 vergleichbar.
5 vgl. www.albert-schweitzer-stiftung.de
2
Abbildung 1: Tierversuche in Deutschland. Quelle: www.albert-schweitzer-stiftung.de
im Grundgesetz verankert werden sollte. Dies geschah im Sommer 2002, allerdings zeigen die Tierversuchzahlen (Abb. 1), dass diese rechtliche Neuerung einen sehr kurzen Rücklauf der Tierversuchszahlen zur Folge hatte 6 .
Seit 1998 sind Tierexperimente für Kosmetika verboten. Die Firmen reagierten mit Abwanderungen in Drittländer auf dieses Gesetz. Eine neue EU-Kosmetika Richtlinie, die ab 2013 zur Anwendung kommt, sieht vor, dass keine in Tierversuchen getesteten (Kosmetika-) Produkte in die EU eingeführt werden dürfen 7 . Das auch hier immer wieder Schlüpflöcher gefunden werden und Tiere trotzdem leiden müssen, zeigt das nachfolgende Beispiel.
1.3 Beispiele
Aufgrund der Vielfalt von diesem Themenspektrum können nicht alle Aspekte angesprochen werden. Es muss eine Auswahl getroffen werden. Nachfolgend werden drei Beispiele vorgestellt, die deutlich machen sollen, dass
• Gesetze umgangen werden können
• Tierversuche völlig sinnlos sind und
• welche Qualen die Tiere ausgesetzt sind.
6 www.tierrechte.de
7 ebd.
3
1.3.1 Sterben für Botox
Das erste Beispiel ist der Kosmetikbranche zuzuschreiben. Es geht hierbei um „Botox“. Dieses Nervengift (Botulinumtoxin) wird für die Glättung von Falten eingesetzt. In Deutschland werden jährlich 1 Million Menschen mit Botox behandelt (wobei es hierbei nur im sog. „Schönheitsideale“ geht). Was allerdings die Wenigsten wissen ist, dass sich hinter der „Behandlung“ ein immenses Tierleiden versteckt. Es sterben nämlich bis zu 300.000 Mäuse einen qualvollen Erstickungstod für so eine Behandlung. 8
Es geht dabei um den so genannten LD50-Test, bei dem ein Stoff auf seine Giftigkeit geprüft wird. Dieser Test wird durchgeführt um festzustellen, welche Menge eines Stoffes für die Hälfte der Tiere tödlich ist, wenn sie auf einmal zugenommen wird. Die Tiere erleiden (je nach Tierart und Stoffeigenschaft) einen qualvollen Tod. Walden und Bulla beschreiben das Leiden wie folgt: „Unübliche Lautäußerungen - gemeint sind Stöhnen, Heulen, Schreien-, Zuckungen, Zittern, Lähmungen, Krämpfe, Muskelsteifheit [...] 9 “
Dieser LD50-Test ist in den meisten Fällen gesetzlich vorgegeben, in diesem Fall ist der Versuch wegen der Gefährlichkeit von Botox für die Hersteller verbindlich durchzuführen. Auch wenn seit 1998 Tierexperimente verboten sind (vgl. Kapitel 1.2) müssen Tiere immer noch für Botox leiden, da es als Medikament angesehen wird. So wird auf diese Weise das in der EU und Deutschland bestehende Verbot von Tierversuchen für Kosmetika umgangen 10 . Mögliche Alternativen werden an spätere Stelle diskutiert (vgl. Kapitel 1.4).
1.3.2 Ist Rauchen gefährlich ...?
Das folgende Beispiel wurde ausgewählt, da es die Ungeheuerlichkeit der Tierversuche deutlich macht. Es zeigt zum einen, wie menschliche Laster (hier: Rauchen) an unschuldigen Tieren ausprobiert und getestet werden, zum anderen die Schwierigkeit der Übertragbarkeit von den Ergebnissen.
In den 1970er Jahren zwangen zwei Doktoren 86 Beaglehunde in einem Zeitraum von ca. 1,5 Jahren 415 000 Zigaretten zu rauchen (schließt man die Sonn- und Feiertage mit ein, dann sind es rund 455 pro Tag). Das Ergebnis ist wenig überraschend: 12 Hunde bekamen Lungenkrebs. Die zentrale Frage ist nun, warum dieses Experiment durchgeführt wurde oder anders: Welchen nutzen hat dieses Ergebnis für den Menschen? Sollen die Ergebnisse zeigen, dass einige Beaglehunde bei erhöhten Zigarettenkonsum Lungenkrebs bekommen, andere nicht? Oder das ein bestimmter Prozenzteil von Be-
8 www.peta.de a
9 Walden & Bulla, 1992, S. 162
10 vgl. www.peta.de a
4
aglehunden hierbei keinen Lungenkrebs bekommt? Die Ergebnisse sagen nichts über menschliche Raucher aus. 11
Walden und Bulla ziehen dieses Beispiel ebenfalls heran und stellen folgendes fest: „Trotzdem werden solche Versuche an Hunden, Affen, Kaninchen und anderen Tieren weiter betrieben. So kommen denn auch die merkwürdigsten Forschungsergebnisse zustande, die sich obendrein dauernd widersprechen [...].“ 12
1.3.3 Vom BMBF mitfinanziert...
Auch wenn seither Fortschritt beim Tierschutz diesbezüglich gemacht worden sind, zeigt folgendes Beispiel, dass immer noch Experimente durchgeführt werden, bei denen Tiere qualvolle Leiden über sich ergehen lassen müssen. In der Abteilung der Neuro-Biologie des „Weizmann Insitute of Science“ wurden in den vergangenen 30 Jahren Experimente an Affen und Katzen durchgeführt. Ziel der Versuche ist die fotografische Darlegung elektrischer Aktivitäten von Hirnzellen zu untersuchen. Die Experimente werden vom BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) unterstützt und sind als Grundlagenforschung zu verstehen (d. h. sie haben keinen direkten Nutzen für die Menschen). Die erschreckenden Bilder, Videos und Informationen wurden in einer „Undercover-Aktion“ aufgedeckt. 13
Ohne auf die Einzelheiten der Experimente einzugehen, kann Folgendes festgestellt werden: Bevor die konkreten Untersuchungen beginnen, werden den Affen in den ersten beiden Trainingsjahren einer sog. „Durstkur“ ausgesetzt. Sie werden an einen Stuhl gefesselt und müssen auf einen kleinen Punkt auf einem Bildschirm starren. Für eine korrekte Reaktion erhalten die Affen einen Tropfen Wasser (es handelt sich hierbei weniger als einen Milliliter). Anschließend beginnen die konkreten Untersuchungen: Es werden den Affen (und Katzen) Löcher in die Schädel gebohrt, um die Hirnrinde freizulegen. Anschließend wird ein spezielles Färbemittel auf das Gehirn aufgetragen, um so die elektrische Aktivität von Gruppen von Nervenzellen zu beobachten und zu fotografieren. 14 Neben den qualvollen Schmerzen, die die Tiere direkt bei den Untersuchungen erleiden müssen (die meisten Versuche werden ohne Schmerz- und Betäubungsmittel durchgeführt), gibt es weitere Aspekte, die die Tierschützer anprangern. So werden die Tiere einzeln in Käfigen gehalten ohne jegliche Beschäftigungsmöglichkeiten, sie werden ferner völlig unartgerecht gehalten. Das Futter entspricht ebenfalls nicht den nötigen Standards. Darüber hinaus wurde eine fehlende tierärztliche Aufsicht festgestellt.
11 vgl. Walden & Bulla, 1992, S. 147f
12 ebd.„ S. 147
13 vgl. www.peta.de c
14 vgl. ebd.
5
Arbeit zitieren:
Holger Müller, 2010, Wenn der Mensch zur Bestie wird... - Gewalt gegenüber Tieren, München, GRIN Verlag GmbH
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