I. Inhaltsverzeichnis
II. Inhaltsverzeichnis
I. INHALTSVERZEICHNIS I
II. ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS III
III. TABELLENVERZEICHNIS VIII
1. EINLEITUNG 1
1.1. PROBLEMSTELLUNG UND AKTUELLER BEZUG DER ARBEIT 1
1.2. ZIELSETZUNG DER ARBEIT 1
1.3. METHODIK UND AUFBAU DER ARBEIT 2
2. FORSCHUNGSGEGENSTAND UND BEGRIFFLICHE ABGRENZUNG 3
2.1. VERGLEICH ZWISCHEN DEUTSCHEM UND FRANZÖSISCHEM PARTEIENSYSTEM 3
2.2. DEFINITION VON LINKSEXTREMISMUS 7
2.3. DEFINITION VON PARTEIEN 13
2.4. ABGRENZUNG LINKSEXTREMER PARTEIEN VON ANDEREN PARTEIEN 14
3. GESCHICHTE LINKSEXTREMER PARTEIEN IN DEUTSCHLAND UND
FRANKREICH SEIT 1945 17
3.1. DEUTSCHLAND 17
3.1.1. Kommunistische Partei Deutschlands und Deutsche Kommunistische Partei 17
3.1.2. Trotzkistische Parteien 20
3.1.3. Sozialistische Einheitspartei Deutschlands 22
3.1.4. Maoistische Parteien der Neuen Linken’ 24
3.1.5. Die Linke und ihre Vorgängerorganisationen PDS und WASG 26
3.2. FRANKREICH 31
3.2.1. Parti Communiste Français 31
3.2.2. Trotzkistische Parteien 37
3.2.2.1. Lutte Ouvrière 39
3.2.2.2. Ligue Communiste Révolutionnaire und Nouveau Parti Anticapitaliste. 40
3.2.3. Maoistische Parteien 42
3.2.4. Parti Socialiste Unifié 43
3.2.5. Parti de Gauche 44
4. GRUNDSATZPROGRAMME AKTUELLER LINKSEXTREMER PARTEIEN 44
4.1. DEUTSCHLAND 46
4.1.1. Die Linke und ihre Vorgängerorganisationen PDS und WASG 46
4.1.2. Deutsche Kommunistische Partei 54
4.1.3. Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands 56
4.2. FRANKREICH 59
4.2.1. Parti Communiste Français 59
I
I. Inhaltsverzeichnis
4.2.2. Trotzkistische Parteien 63
4.2.2.1. Lutte Ouvrière 63
4.2.2.2. Nouveau Parti Anticapitaliste und Ligue Communiste Révolutionnaire 64
4.2.3. Parti de Gauche 67
4.3. VERGLEICH DER PARTEIPROGRAMME LINKSEXTREMER PARTEIEN IN
DEUTSCHLAND UND FRANKREICH 70
5. MITGLIEDERSTRUKTUREN UND WÄHLERPOTENTIALE AKTUELLER
LINKSEXTREMER PARTEIEN 76
5.1. DEUTSCHLAND 77
5.1.1. Die Linke und ihre Vorgängerorganisationen PDS und WASG 77
5.1.1.1. Die Mitglieder der Linken 78
5.1.1.2. Die Wähler der Linken 80
5.1.2. Sonstige Parteien 85
5.2. FRANKREICH 88
5.2.1. Parti Communiste Français 89
5.2.1.1. Die Mitglieder der Parti Communiste Français 90
5.2.1.2. Die Wähler der Parti Communiste Français 92
5.2.2. Trotzkistische Parteien 97
5.2.2.1. Lutte Ouvrière 99
5.2.2.2. Ligue Communiste Révolutionnaire und Nouveau Parti Anticapitaliste 101
5.2.3. Parti de Gauche 102
5.3. VERGLEICH DER MITGLIEDERSTRUKTUREN UND WÄHLERPOTENTIALE LINKSEXTREMER
PARTEIEN IN DEUTSCHLAND UND FRANKREICH 103
6. SOZIOPOLITISCHER KONTEXT LINKSEXTREMER PARTEIEN 107
6.1. NEUE SOZIALE BEWEGUNGEN (ANTIATOMKRAFTBEWEGUNG) 109
6.2. ANTIGLOBALISIERUNGSPROTESTE 112
6.3. PROTESTE GEGEN SOZIALABBAU 114
6.4. VERGLEICH DES SOZIOPOLITISCHEN KONTEXTES LINKSEXTREMER PARTEIEN IN
DEUTSCHLAND UND FRANKREICH 117
7. FAZIT 119
7.1. ZUSAMMENFASSENDER VERGLEICH ZWISCHEN DEUTSCHEN UND FRANZÖSISCHEN
LINKSEXTREMEN PARTEIEN 119
7.2. AUSBLICK 120
IV. BIBLIOGRAPHIE VIII
IV.1. SEKUNDÄRLITERATUR VIII
IV.2. PRIMÄRQUELLEN XXI
II
III. Abkürzungsverzeichnis
AMR Alliance Marxiste Révolutionnaire
APEIS Association Pour l’Emploi, l’Information et la Solidarité des chômeurs et travailleurs précaires
ARV Alternative rouge et verte
ASG Initiative Arbeit und soziale Gerechtigkeit
ATTAC Association pour une taxation des transactions financières pour l'aide aux citoyens
BRD Bundesrepublik Deutschland
bspw. beispielsweise
BWK Bund Westdeutscher Kommunisten
bzw. beziehungsweise
CDU Christlich Demokratische Union Deutschlands
CGT Confédération Générale du Travail
CSU Christlich Soziale Union in Bayern
DDR Deutsche Demokratische Republik
d.h. das heißt
DKP Deutsche Kommunistische Partei
III
EDF Electricité de France
EU Europäische Union
FCR Front Communiste Révolutionnaire
FDP Freie Demokratische Partei
FGDS Fédération de la gauche démocrate et socialiste
FN Front National
GDF Gaz de France
GIM Gruppe Internationale Marxisten
JCR Jeunes Communistes Révolutionnaires
KBW Kommunistischer Bund Westdeutschlands
KPD Kommunistische Partei Deutschlands
KPD-ML Kommunistische Partei Deutschlands - Marxisten-Leninisten
KPdSU Kommunistische Partei der Sowjetunion
KSB Kommunistischer Studentenbund
LCI Ligue Communiste Internationale
LCR Ligue Communiste Révolutionnaire
LO Lutte Ouvrière
IV
MDC Mouvement des citoyens
MLPD Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands
MRG Mouvement des radicaux de gauche
MSB-Spartakus Marxistischer Studentenbund Spartakus
NATO North Atlantic Treaty Organization
Neue KPD Neue Kommunistische Partei
NPA Nouveau Parti Anticapitaliste
NPD Nationaldemokratische Partei Deutschlands
OCI Organisation Communiste Internationale
PCF Parti Communiste Français
PCI Partito Comunista Italiano
PCR Parti Communiste Révolutionnaire
PCMLF Parti Communiste marxiste-léniniste de France
PDS Partei des demokratischen Sozialismus
PG Parti de gauche
POI Parti Ouvrier Indépendant
PRG Parti Radical de gauche
V
PS Parti Socialiste
PSA Parti Socialiste Autonome
PSU Parti Socialiste Unifié
PT Parti des Travailleurs
RAF Rote Armee Fraktion
RPR Rassemblement pour la République
SAG/Linksruck Sozialistische Arbeitergruppe/Linksruck
SAV Sozialistische Alternative
SBZ Sowjetische Besatzungszone
SDS Sozialistischer Deutscher Studentenbund
SED Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
SED/PDS Sozialistische Einheitspartei Deutschlands/Partei des demokratischen Sozialismus
SFIC Section Française de l’Internationale Communiste
SFIO Section Française de l’Internationale Ouvrière
SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands
SRP Sozialistische Reichspartei
u. a. unter anderem
VI
UCI Union Communiste Internationaliste
UDF Union pour la Démocratie Française
UdSSR Union der sozialistischen Sowjetrepubliken
UGS Union de la Gauche Socialiste
UJCML Union des Jeunesses Communistes marxistes-léninistes
UNO United Nations Organization
u.U. unter Umständen
WASG Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit
WTO World Trade Organization
z.B. zum Beispiel
VII
IV. Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Aufbau und Sprache von Programmen linksextremer Parteien, Staats-
und Selbstverständnis der Parteien ..................................................................... 70 Tabelle 2: Inhaltliche Themen linksextremer Parteien ........................................................ 74 Tabelle 3: Wahlergebnisse linksextremer Parteien bei Bundestagswahlen
(in % sowie Anzahl der Zweitstimmen) ............................................................. 87 Tabelle 4: Wahlergebnisse der PCF bei Präsidentschaftswahlen in der V. Republik ......... 96 Tabelle 5: Wahlergebnisse der PCF bei Parlamentswahlen seit 1945................................. 97 Tabelle 6: Wahlergebnisse trotzkistischer Kandidaten bei den Präsidentschaftswahlen
seit 1969 .............................................................................................................. 99 Tabelle 7: Mitglieder aktueller linksextremer Parteien in Deutschland und Frankreich ... 103 Tabelle 8: Wähler aktueller linksextremer Parteien in Deutschland und Frankreich ........ 105
VIII
1.1.
Linksextremismus ist ein keineswegs neues Phänomen. Spätestens seit dem Entstehen von Konfliktlinien zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern durch die fortschreitende Industrialisierung spielt der Linksextremismus in vielen Ländern eine wichtige Rolle, und es existieren zahlreiche Parteien, die sich dem linksextremen Spektrum zuordnen lassen. Dennoch ist Linksextremismus ein wenig beachtetes Themenfeld.
Extremismustheoretische Untersuchungen erwähnen zumeist lediglich den als größere Bedrohung empfundenen Rechtsextremismus. Linksextremismus wird dagegen deutlich seltener als politische Erscheinungsform wahrgenommen. 1 Somit ist ein Blick auf den linken Rand des Parteienspektrums lohnenswert. Dabei lassen sich durch den Vergleich zwischen deutschem und französischem Parteiensystem zugleich Rückschlüsse auf nationale Ausprägungen des Phänomens Linksextremismus ziehen.
Aktuell sind sowohl in Frankreich als auch in Deutschland interessante Entwicklungen im Bereich des parteipolitischen Linksextremismus zu beobachten. In Deutschland konnte sich in den letzten Jahren mit der Partei Die Linke erstmals eine linksextreme Partei längerfristig im Bundestag etablieren. Dagegen verliert die französische Parti Communiste Français (PCF) zunehmend an politischem Einfluss, während sich u.a. die neu gegründeten Parteien Nouveau Parti Anticapitaliste (NPA) und Parti de Gauche (PG) zumindest kurzfristig als ernstzunehmende Konkurrenz positionieren. Diese Entwicklungen entsprechen einem Novum in der Geschichte beider Länder, wie der historische Abriss in Kapitel 3 dieser Arbeit verdeutlicht. Die Veränderungen in der politischen Landschaft Deutschlands und Frankreichs werden somit zum Anlass für die vorliegende Untersuchung genommen.
1.2. Zielsetzung der Arbeit
Ziel der Arbeit ist es, anhand des Vergleichs zwischen deutschen und französischen linksextremen Parteien herauszufinden, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es zwischen linksextremen Parteien in beiden Ländern gibt und welche Erfolgsfaktoren für linksextreme Parteien existieren. Dabei spielen die Untersuchung der Programmdokumente sowie der Mitglieder- und Wählerpotentiale eine entscheidende Rolle. Erstere dienen der ideologischen und inhaltlichen Verortung der Parteien innerhalb der extremen Linken, während letztere über die Attraktivität der Parteien bei Wählern und Mitgliedern Auf-
1 Vgl.Jesse, Eckhard: „Die unterschiedliche Wahrnehmung von Rechts- und Linksextremismus“. In: Hanns-
Seidel-Stiftung (Hrsg.): Politische Studien. Zweimonatsschrift für Politik und Zeitgeschehen. Themenheft
1/2007; S.8-17.
1
schluss geben. Darüber hinaus zeigt die Untersuchung des soziopolitischen Kontexts und somit der Beteiligung von linksextremen Parteien an außerparlamentarischen Protesten auf, in welchen Zusammenhängen linksextreme Parteien agieren. Dagegen kann das Ziel der vorliegenden Arbeit nicht sein, eine extremismustheoretische Einordnung der untersuchten Parteien vorzunehmen. Der extremismustheoretische Rahmen dient lediglich zur Abgrenzung der untersuchten Parteien von anderen, nicht jedoch einer Zuordnung der Parteien zum linksextremen Spektrum, wie sie etwa der Verfassungsschutz vornimmt. Dies würde den Rahmen der Arbeit sprengen, da eine Zuordnung ohne fundierte verfassungsrechtliche Begründung hinfällig wäre.
1.3. Methodik und Aufbau der Arbeit
Zur Erreichung der Ziele der Arbeit ist es notwendig, zunächst die Spezifika beider politischer Systeme sowie den Umgang mit extremistischen Tendenzen in beiden untersuchten Ländern zu beschreiben. Zudem sind nur Parteien Untersuchungsgegenstand der Arbeit, da die Literaturlage eine Untersuchung anderer, weniger gut organisierter Formen des Linksextremismus nicht zuließe. Die Festlegung des Untersuchungsrahmens erfolgt in Kapitel 2, um die Analyse der Parteien in den folgenden Kapiteln vorzubereiten. Danach werden im geschichtlichen Teil (Kapitel 3) für jede untersuchte Partei die wichtigsten historischen Ereignisse dargestellt, um die Parteien und ihre heutige Existenz in ihren geschichtlichen Kontext einzuordnen. Darüber hinaus finden auch historisch relevante, heute nicht mehr existente Parteien Erwähnung, um den geschichtlichen Rahmen linksextremer Parteien möglichst vollständig darzustellen.
Im folgenden, für die Arbeit zentralen analytischen Teil werden die linksextremen Parteien zunächst nach Ländern sowie Parteien getrennt untersucht. Die Wahl der Grundsatzprogramme als Untersuchungsgegenstand erfolgt aus dem Grund, dass Programme für Parteien einen internen Referenzrahmen bilden und gleichzeitig der Außendarstellung und Positionierung einer Partei in der politischen Landschaft dienen. Sie können somit als zentral für das Selbstverständnis einer Partei angesehen werden und sind ebenfalls ein Faktor für den Erfolg oder Misserfolg von Parteien bei Wählern und Mitgliedern. Die programmatische Analyse erfolgt dabei in Kapitel 4 auf zwei Ebenen: Zunächst werden sowohl Selbstverständnis als auch Staatsverständnis einer Partei dargestellt, um ihre ideologischen Grundlinien zu analysieren. Danach erfolgt die Darstellung wichtiger inhaltlicher Themen.
2
Wähler- und Mitgliederpotentiale werden in Kapitel 5 zur Untersuchung herangezogen, um den tatsächlichen Erfolg der linksextremen Parteien hinsichtlich Wählerstimmen und Mitgliederzahlen darstellen zu können. Dabei liegt das Hauptaugenmerk darauf, die aktuelle Situation bezüglich Wählerstimmen und Mitgliedern zu beschreiben. Historische Entwicklungen werden mit einbezogen, um mögliche Konjunkturen von linksextremen Parteien feststellen zu können.
In Kapitel 6 bildet zudem der soziopolitische Kontext als letztes Untersuchungskriterium einen Indikator dafür, inwieweit linksextreme Parteien Bündnisse außerhalb der Parlamente eingehen und inwieweit sie in der Lage sind, diese zu beeinflussen. Dieses Kriterium ist aufgrund der geringen Größe der linksextremen Parteien von Interesse, da es Aufschluss darüber gibt, wie groß der Einfluss linksextremer Parteien auf gesellschaftliche Konflikte unabhängig von ihrer Größe ist. Der Vergleich des soziopolitischen Kontexts erfolgt dabei nach der Art der Bewegung, da dies den direkten Vergleich der Parteien un-tereinander ermöglicht.
Zur detaillierten Darstellung der Untersuchungsergebnisse wird jedes Analysekapitel durch einen länderübergreifenden Vergleich der vorangegangenen Untersuchung abgeschlossen. Dies soll vor allem der Verdeutlichung der Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den untersuchten linksextremen Parteien dienen.
Im abschließenden Fazit werden die in den Kapiteln 4 bis 6 erarbeiteten Ergebnisse nochmals zusammenfassend dargestellt. Darüber hinaus erfolgt ein Ausblick auf potentielle zukünftige Entwicklungen im linksextremen Parteienspektrum.
2. Forschungsgegenstand und begriffliche Abgrenzung 2.1. Vergleich zwischen deutschem und französischem Parteiensystem
Französisches und deutsches Parteiensystem scheinen auf den ersten Blick ähnlich aufgebaut. In beiden Ländern wirken die Parteien im Rahmen eines demokratischen Verfassungsstaats, auch viele der Parteienfamilien (z.B. die Sozialdemokratie und die Grünen) sind in beiden Ländern gleichermaßen vertreten. Dennoch weisen beide Parteiensysteme aufgrund ihrer Geschichte und Rechtsnormen deutliche Unterschiede auf. Um einen Vergleich von Parteien beider Länder durchzuführen, ist es daher notwendig, die Bedingungen ihrer Existenz im jeweiligen System zu betrachten.
Französische und deutsche Parteien entstanden zu unterschiedlichen Zeiten. Während in Deutschland die ersten Parteien in den 1860er Jahren entstanden (die Deutsche Fortschrittspartei 1861, der Allgemeine Deutsche Arbeiterverband 1863), wurden die französi-
3
schen Parteien erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründet (die Parti radical 1901, die Section Française de l’Internationale Ouvrière 1905). Hüser erklärt das zeitlich versetzte Auftreten der Parteien mit den jeweiligen politischen und historischen Besonderheiten:
- Bereits die Französische Revolution und die ihr folgenden wechselnden Regime hemmten die Parteienbildung, da sich ein Wechsel der Regierung zwischen 1789 und 1870 nicht innerhalb eines Regimes, sondern durch den Sturz des herrschenden Systems vollzog. Für die Entfaltung einer Opposition bot dieses System keinen Raum. 2
- Durch die stärkere Stellung des Parlaments in der III. Republik nahmen die Parla-mentsabgeordneten in Frankreich einen wichtigeren Platz ein als in Deutschland, wo die Bildung von scharf voneinander abgegrenzten Milieuparteien durch die Schwäche des Parlaments in der konstitutionellen Monarchie gefördert wurde.
- Während in Deutschland der Gegensatz zwischen rechten und linken Parteien durch die Dominanz sozio-ökonomischer Themen und die Organisierung der Arbeiterschaft in Gewerkschaften und Parteien dominierte, wurde das frühe französische Parteiensystem eher von den Gegensätzen zwischen Anhängern der Monarchie bzw. der Republik, des Klerikalismus bzw. des Laizismus geprägt. Arbeiterparteien ent-standen daher in Frankreich verspätet.
- In Frankreich war der Nation-Building-Prozess verfassungsrechtlich bereits 1870 abgeschlossen. Wirtschaftlich allerdings war das Land nach wie vor lokal organisiert. Neben der staatlichen Ebene spielte sich auch die Politik lokal ab. Dies führte dazu, dass regionale Instanzen in den Parteien kaum ausgebildet waren. Dagegen war in Deutschland durch die Zersplitterung in viele Einzelstaaten eine Vertretung der Parteien auf regionalem Niveau äußerst wichtig und die regionale Ebene der Parteien daher gestärkt.
- Auch das in Frankreich geltende Mehrheitswahlrecht wirkte der Parteienbildung entgegen, da es den direkten Kontakt des Mandatsträgers mit der lokalen Wählerschaft begünstigte und somit Parteien als Mittler weitgehend ausschaltete. 3 In Frankreich entwickelte sich das Parteiensystem seit Beginn der V. Republik von einem Vielparteiensystem mit starken Gaullisten und Kommunisten über ein System mit vier
2 Vgl. Hüser, Dietmar: „Französische Parteien zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert. Aufbruch der Traditi-
on und Grenzen des Wandels“. In: Ruß, Sabine/Schild, Joachim/Schmidt, Jochen/Stephan, Ina (Hrsg.): Par-
teien in Frankreich. Kontinuität und Wandel in der V. Republik. Opladen, Leske + Budrich, 2000; S.15-33,
hier: S.17.
3 Vgl. Hüser, Dietmar: „Französische Parteien in bundesdeutscher Perspektive - zur politischen Kultur der V.
Republik“. In: Lüsebrink, Hans-Jürgen (Hrsg.): Die französische Kultur - interdisziplinäre Annäherungen.
Annales Universitatis Saraviensis Band 12. St. Ingbert, Röhrig, 1999; S.213-246, hier: S.219f.
4
etwa gleich starken Parteien (Parti Socialiste (PS) und Parti Communiste Français) auf der einen, Union pour la Démocratie Française (UDF) und Rassemblement pour la République (RPR) auf der anderen Seite) in den 70er Jahren zu einem dreigeteilten System seit Mitte der 80er Jahre, bestehend aus extremer Linken, Mitte und extremer Rechten. Mittlerweile wird diese Teilung nach dem konventionellen Links-Rechts-Schema laut Grosse von einer Zweiteilung der Parteienlandschaft durch das Europathema überlagert. Dieses trennt etwa die pro-europäischen Sozialisten von den europakritischen Trotzkisten und der PCF. In Deutschland erfolgte nach dem Zweiten Weltkrieg und der Neugründung der Parteien ebenfalls eine Konzentrierung der Kräfte im Parlament: Während im ersten Bundestag noch zehn Parteien vertreten waren, erstarkten in der Folge CDU, SPD und FDP, sodass bis Anfang der 80er Jahre von einem Dreiparteiensystem die Rede sein konnte. Seit 1983 entstand durch den Einzug der Grünen in den Bundestag ein Vierparteiensystem. 1990 zog schließlich mit der PDS eine weitere Partei in den Bundestag ein und machte die BRD somit zu einem Fünfparteiensystem mit wesentlich stärkerer Zersplitterung der Stimmenanteile als noch in den 70er und 80er Jahren. 4
Die Entwicklung der großen Parteien zu Volksparteien erfolgte in Deutschland früher als in Frankreich, jedoch ist in den letzten Jahrzehnten laut von Beyme ein erneuter Wandel von den Volksparteien zu den „professionalisierten Wählerparteien“ 5 festzustellen. Bei diesem Wandel handele es sich um eine Professionalisierung und Mediatisierung der Parteien, bei einem gleichzeitigen Rückgang der Mitgliedszahlen und der Wählerbindung. 6 Neben der Entstehungsgeschichte der Parteien ist auch ihre rechtliche Verankerung in Deutschland und Frankreich verschieden. Das deutsche Grundgesetz stärkt die Parteien, indem es ihnen die Mitwirkung „bei der politischen Willensbildung des Volkes“ 7 zur Aufgabe macht. Im Parteiengesetz werden die Funktionen der Parteien noch weiter präzisiert. In Frankreich dagegen wurden die Parteien erstmals in der Verfassung von 1958 erwähnt, die ihnen als Aufgabe lediglich die Mitwirkung an Wahlen zuschreibt. Auch die Parteienfinanzierung ist in beiden Ländern unterschiedlich reguliert. Während in Deutschland das Parteiengesetz bereits seit 1967 die Finanzierung der Parteien detailliert regelt, gibt es in Frankreich erst seit 1988 ein Gesetz, das die Finanzierung der Parteien konkretisiert und ihnen Rechtspersönlichkeit zugesteht. Die schwache Stellung der Parteien in der französi- 4 Vgl.Alemann, Ulrich von: Das Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland. Opladen, Leske +
Budrich, 2003; S.41ff.
5 Beyme, Klaus von: Parteien im Wandel. Von den Volksparteien zu den professionalisierten Wählerparteien.
Wiesbaden, Westdeutscher Verlag, 2000; S.13.
6 Vgl. ebd., S.13.
7 Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland vom 23.05.1949, Art.21, Abs.1.
5
schen Verfassung lässt auf einen ausgeprägten Antiparteienaffekt schließen, der seine Wurzeln bereits im 19. Jahrhundert hat. Die Tatsache, dass französische Parteien es möglichst vermeiden, den Begriff ‚Partei’ im Namen zu tragen, bestätigt den schlechten Ruf von Parteien in Frankreich. 8
In der Struktur der Parteien lassen sich ebenfalls deutliche Unterschiede erkennen. Während deutsche Parteien trotz der aktuellen Mitgliederverluste weiterhin mitgliederstarke, durchstrukturierte Organisationen sind, blieben französische Parteien personell schwach. Nur etwa ein Prozent der erwachsenen Bevölkerung ist in Frankreich in einer politischen Partei organisiert. 9 Entsprechend liegen die Mitgliederzahlen der größten französischen Parteien (einschließlich der Kommunisten) zwischen jeweils 80.000 und 200.000 Mitgliedern, während für die beiden großen deutschen Parteien 750.000 (CDU/CSU) bzw. 600.000 Mitglieder (SPD) zu Buche stehen. 10 Organisation und Parteiführung französischer Parteien werden häufig als instabil und schwach angesehen. 11 Des Weiteren verstanden sich die französischen Parteien lange Zeit als Weltanschauungsparteien, die nicht aufgrund ihres Parteinamens, sondern aufgrund ihrer Persönlichkeiten und Inhalte gewählt wurden. Sie stellten, mit Ausnahme der PCF, keine Massenparteien dar. 12 Das Wahlrecht spielt ebenfalls eine Rolle für das Wesen der Parteien, da es den juristischen Rahmen für die Rolle der Parteien bei Wahlen bildet. So werden Parteien in Frankreich durch das Mehrheitswahlrecht zu einer größeren Personalisierung gezwungen, während die Parteien in Deutschland durch das Verhältniswahlrecht gegenüber Personen in den Vordergrund rücken. Allerdings spielen die Parteien in Frankreich gerade durch das Mehrheitswahlrecht eine entscheidende Rolle bei der Bildung von Allianzen für Stichwahlen sowie bei der Aufstellung der Kandidaten für die Präsidentenwahl. 13 Es lässt sich daraus folgern, dass deutsche Parteien zwar eine größere Sichtbarkeit gegenüber dem Wähler erzielen, französische Parteien aber auf taktischer Ebene für eine Wahl ebenso entscheidend sein können wie deutsche.
8 Vgl. Hüser: „Französische Parteien in bundesdeutscher Perspektive“; S.19ff.
9 Vgl. Bréchon, Pierre: „Les partis dans le système politique“. In : Bréchon, Pierre (Hrsg.): Les partis
politiques français. Paris, Documentation Française, 2001; S.9-14, hier: S.10.
10 Vgl. Grosse, Ernst Ulrich: „Zwischen Blockbildung und Divergenz: Die Parteien“. In: Grosse, Ernst Ul-
rich/Lüger, Heinz-Helmut (Hrsg.): Frankreich verstehen. Eine Einführung mit Vergleichen zu Deutschland.
Darmstadt, WBG, 2008; S.49-100, hier: S.55.
11 Vgl. Pütz, Christine: Parteienwandel in Frankreich. Präsidentschaftswahlen und Parteien zwischen Tradi-
tion und Anpassung. Wiesbaden, VS Verlag, 2004; S.44.
12 Vgl. Hüser: „Französische Parteien in bundesdeutscher Perspektive“; S.21.
13 Vgl. ebd., S.24f.
6
2.2. Definition von Linksextremismus
Um eine Definition des Begriffes Linksextremismus vorzunehmen, ist es zunächst notwendig, die Herkunft der beiden Teile des Begriffes nachzuvollziehen. Anschließend wird auf den unterschiedlichen Gebrauch des Terminus in Deutschland und Frankreich verwiesen sowie eine Definition vorgestellt, die zur Klassifizierung von Parteien unter den Begriff ‚linksextrem’ dienen soll.
Die Begriffe ‚Rechts’ und ‚Links’ zur Beschreibung von politischen Ideologien sind sowohl in Deutschland als auch in Frankreich fest in der politischen Kultur verwurzelt. Das Begriffspaar entstand durch die Sitzordnung der französischen Nationalversammlung im Jahr 1789. Dort platzierten sich die Verfechter einer starken Monarchie rechts vom Präsidenten der Versammlung, während sich die Befürworter eines starken Parlaments links von ihm befanden. Diese durch die Sitzverteilung ausgedrückte Divergenz der Interessen beider Gruppen wurde im Frankreich des 19. Jahrhunderts in dreierlei Hinsicht bestätigt: Die Dualismen „Wahrung oder Änderung der Einkommens- und Besitzverhältnisse; […] Wahrung oder Umwandlung der entsprechenden Staatsform (Monarchie vs. Republik); […] Einstellung zur Macht der Kirche“ 14 markierten die Trennlinie zwischen beiden Lagern. 15 Auch Winock sieht in der Französischen Revolution den Ursprung einer bis heute fortwährenden Zweiteilung Frankreichs, die es in dieser Stärke in keinem anderen Land gebe. 16 Der politische Gegensatz zwischen Links und Rechts spielt auch in der Parteienforschung eine wichtige Rolle. So erklären viele Politikwissenschaftler die Entstehung und die Ausprägungen von Parteiensystemen mit einem dichotomen Schema. 17 Eine der bekanntesten Theorien, die eine Zweiteilung des Parteiensystems vornimmt, ist die ‚cleavage-Theorie’ von Lipset und Rokkan. Sie analysiert die Entstehung von Parteien anhand von gesellschaftlichen Konfliktthemen, die zu einer Zweiteilung der Gesellschaft entlang bestimmter Achsen führen. Die aus dem Prozess des ‚Nation-Building’ sowie der industriellen Revolution hervorgegangenen Hauptkonflikte waren vereinfacht ausgedrückt die zwischen Kirche und Staat, städtischen und ländlichen Gebieten, dem Zentrum und der Peripherie sowie zwischen Eigentümern und Arbeiterschaft. Aus der letzten dieser gesellschaftlichen Trennlinien ging die sozialistische Arbeiterbewegung hervor. Nachdem sozialistische und gewerkschaftliche Bewegungen zunächst großem Widerstand gegenüberstanden, erreichten sie durch die Russische Revolution 1917 zunehmend eine gewisse Legiti-
14 Grosse:„Zwischen Blockbildung und Divergenz“; S.62.
15 Vgl. ebd., S.61f.
16 Vgl. Winock, Michel: La France politique. XIXe-XXe siècle. Paris, Editions du Seuil, 1999; S.39f.
17 Vgl. Beyme: Parteien im Wandel; S.64. Als Vertreter des dichotomen Ansatzes nennt von Beyme vor
allem Duverger und Stahl.
7
mation und Stärkung. Seit dem Zweiten Weltkrieg schwächten sich die ideologischen Gegensätze jedoch ab. Hierzu trugen vor allem die Steigerung des Lebensstandards, die wachsende Mittelschicht und die Beteiligung kommunistischer Parteien an Regierungen bei. 18
Die strenge theoretische Zweiteilung eines Parteiensystems in ein linkes und ein rechtes Lager ist heute für die westeuropäischen Staaten weitgehend veraltet. Grosse konstatiert etwa, dass anstelle des Links-Rechts-Gegensatzes heute in den meisten europäischen Ländern eine europapolitische Spaltung des Parteiensystems vorherrscht. 19 Doch auch Versuche, die Parteien in ein anders ausgeformtes Schema einzuordnen, wie es von Beyme vorschlägt, scheinen wenig geeignet, eine länderübergreifende Erklärung für die Entstehung und Existenz von Parteienfamilien zu liefern. 20 Darüber hinaus ist die Einteilung von Parteien in ‚Kapitalinteressen vertretend’ und ‚Arbeiterinteressen verfolgend’ für linksextreme Parteien nach wie vor aktuell, da sich der überwiegende Teil dieser Parteien auf die Vertretung der Arbeiter und Arbeitnehmer konzentriert und sie zu ihrem Hauptziel macht. 21 Für die Entstehung und Existenz linksextremer Parteien und ihre Verortung in Parteiensystemen liefert der Ansatz von Lipset und Rokkan folglich eine schlüssige Begründung. Der Begriff ‚Extremismus’ wird im Gegensatz zum Begriff der politischen Linken in Deutschland und Frankreich unterschiedlich gebraucht. Es finden sich in beiden Ländern zahlreiche Alternativbegriffe sowie eine Fülle von Definitionen. Diese bleiben jedoch häufig ungenau und eignen sich nur selten für eine genaue Abgrenzung extremer Parteien von solchen, die es nicht sind. Erschwerend kommt hinzu, dass Parteien sich selten selbst als extrem bezeichnen, da der Begriff eine gewisse Stigmatisierung als ‚außerhalb des Systems befindlich’ mit sich bringt. Die Bezeichnung einer Partei als extrem erfolgt daher meist von außen. 22
Der Begriff ‚extrem’ wird allgemein auf die lateinischen Begriffe ‚extremus’ bzw. ‚extremitas’ zurückgeführt, die soviel bedeuten wie ‚äußerst’, ‚am weitesten von der Mitte entfernt’. Bereits im griechischen Altertum war das Konzept des Extremen als Gegensatz
18 Vgl. Lipset, Seymour M./Rokkan, Stein: „Cleavage structures, party systems, and voter alignments: an
introduction“. In: Lipset, Seymour M./ Rokkan, Stein (Hrsg.): Party Systems and Voter Alignments: Cross-
National Perspectives. New York, The Free Press, 1967; S.1-64, hier: S.14ff.
19 Vgl. Grosse: „Zwischen Blockbildung und Divergenz“; S.58.
20 Von Beyme ordnet die Parteien zehn politischen Familien zu, wobei er zwar die Konflikte, aus denen diese
Parteifamilien entstehen, als universell beschreibt, allerdings nicht schlüssig zu begründen vermag, warum
nicht in allen Ländern alle Parteifamilien vertreten sind. Vgl. Beyme: Parteien im Wandel; S.70ff.
21 Vgl. hierzu auch Kap. 4, S.44ff.
22 Vgl. Backes, Uwe/Jesse, Eckhard: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Bonn,
Bundeszentrale für politische Bildung, 1996; S.19.
8
zur Mitte ein zentrales Konzept. 23 Das Auftreten des Begriffs in Deutschland und Frankreich ist nicht abschließend geklärt. Die erstmalige Verwendung des Begriffes ‚extrémiste’ datiert Backes auf die Erwähnung im Trésor de la Langue Française im Jahr 1915, wobei er die eigentliche Entstehung des Begriffes schon in der Zweiteilung des politischen Systems nach der Französischen Revolution sieht. Für Deutschland wird angenommen, dass der Begriff seit den 1850er Jahren verwendet wurde. 24
Alternativ zum Begriff ‚Extremismus’ bzw. ‚extrem’ wurde lange Zeit auch der Begriff ‚Radikalismus’ verwendet. Er verlor jedoch in romanischen und anglophonen Ländern bald seine Bedeutung als Ausdruck einer verfassungsfeindlichen Einstellung und wird bis heute z.B. in Frankreich von liberalen, republikanischen Parteien im Namen geführt. In Deutschland wurde er bis in die 70er Jahre häufig verwendet, um eine Abstufung als ‚zwar extrem, aber sich noch innerhalb des Verfassungsrahmens befindend’ vorzunehmen. 25 Der Begriff eignet sich daher für den Zweck dieser Arbeit nicht zum Vergleich. Auch das Wort ‚Fanatismus’ wurde bereits seit dem 18. Jahrhundert in ähnlicher Bedeutung wie der Begriff Extremismus verwendet. Allerdings bezog sich Fanatismus in der Folge auch im politischen Bereich hauptsächlich auf religiöse Bewegungen, sodass auch dieser Begriff für eine Definition linksextremer Parteien wenig geeignet scheint. 26 Abzugrenzen ist der Begriff Extremismus von dem mit ihm verwandten Begriff Totalitarismus. Totalitarismus gilt allgemein als politisches System, das mit Gewalt herrscht und oppositionelle Kräfte unterdrückt. Demnach entspricht der Totalitarismus am ehesten einer extremistischen Tendenz, die an die Macht gelangt ist. 27 Die Verwendung dieses Begriffes würde folglich Extremismen in demokratischen Verfassungsstaaten ausschließen. Daher wird im Folgenden der Begriff Extremismus bzw. extrem verwendet. Der Terminus soll sich dabei nur auf den politischen Extremismus beziehen, andere etwaige Bedeutungen werden daher außer Acht gelassen.
Bis heute fehlt für den Begriff des politischen Extremismus eine Definition, die allgemein anerkannt wäre. Ein Kritikpunkt an aktuell existierenden Definitionen ist, dass besonders die deutsche Extremismusforschung in ihren Definitionen Links- und Rechtsextremismus gleichsetzt. Dies werde im Besonderen durch die deutsche Geschichte zu einem problematischen Vergleich, da die Schrecken des Nazi-Regimes zu einer besonders ableh- 23 Vgl.Backes, Uwe: Politische Extreme. Eine Wort- und Begriffsgeschichte von der Antike bis zur Gegen-
wart. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2006; S.27.
24 Vgl. ebd., S.15f.
25 Vgl. Jaschke, Hans-Gerd: Politischer Extremismus. Wiesbaden, VS Verlag, 2006; S.17.
26 Vgl. ebd., S.16ff.
27 Vgl. Jaschke: Politischer Extremismus; S.35.
9
nenden Haltung gegenüber politisch äußerst rechten Einstellungen geführt haben, während dem Linksextremismus nach wie vor mehr Sympathien zuteil werden. Des Weiteren ist zunehmend unklar, inwieweit sich politische Systeme noch in ‚Rechts’ und ‚Links’ einteilen lassen, sodass eine schlüssige Positionierung der Extreme innerhalb dieser Systeme erschwert wird. 28 In Frankreich ist der Begriff ‚extrémisme’ weitgehend ungebräuchlich, hier wird zumeist unterschieden in ‚extrême gauche’ und ‚extrême droite’. 29 Da sich die vorliegende Arbeit nur mit dem politischen Linksextremismus befasst, ist diese begriffliche Divergenz allerdings nicht weiter problematisch.
Eine Schwierigkeit besteht zudem darin, dass es sich bei dem Begriff Extremismus um einen „Abgrenzungsbegriff“ 30 handelt, der somit nur in Abhängigkeit von anderen Variablen definiert werden kann. Dies führt dazu, dass in den meisten Fällen die Definition des Extremismus über die Negation von bestimmten Kriterien erfolgt. Die bekannteste Negativdefinition von Backes etwa besteht darin, dass als politischer Extremist angesehen werden kann, wer die Grundwerte einer demokratischen Verfassung ablehnt. Als Grundwerte der Demokratie und somit als Handlungsgrundlagen nennt Backes die Gleichheit der Menschen sowie den während der Französischen Revolution entstandenen Dreiklang aus Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Weiterhin sieht er Toleranz und Offenheit als wichtige Werte. Die Konzepte der Gewaltenteilung und Repräsentation stellen für ihn die zentralen Institutionen zur Umsetzung dieser Werte dar. Allerdings betont Backes, dass Werte nicht als etwas absolut Gültiges angesehen werden können, sondern der Interpretation und Ausgestaltung unterliegen und somit die Definition des Extremismus von nationalen Unterschieden abhängig ist. 31 Ergänzend dazu führt Jesse an, dass die Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates sowohl in der Ablehnung seiner demokratischen Komponente, also der Anerkennung der Repräsentation und der Gleichheit aller Menschen, als auch in der Ablehnung der konstitutionellen Komponente (des Prinzips des Rechtsstaats) begründet liegen kann. 32
28 Vgl. ebd., S.47.
29 Vgl. Canu, Isabelle: Der Schutz der Demokratie in Deutschland und Frankreich. Ein Vergleich des Um-
gangs mit politischem Extremismus vor dem Hintergrund der europäischen Integration. Opladen, Leske +
Budrich, 1997. Zugl. Dissertation an der MLU München, 1996; S.30.
30 Pfahl-Traughber, Armin: „Politischer Extremismus - was ist das überhaupt?“ In: Bundesamt für Verfas-
sungsschutz (Hrsg.): 50 Jahre im Dienst der inneren Sicherheit. Köln u.a., Carl Heymanns, 2000; S.185-211,
hier: S.186.
31 Vgl. Backes, Uwe: Politischer Extremismus in demokratischen Verfassungsstaaten. Elemente einer norma-
tiven Rahmentheorie. Opladen, Westdeutscher Verlag, 1989; S.94ff.
32 Vgl. Jesse, Eckhard: „Formen des politischen Extremismus.“ In: Bundesministerium des Innern (Hrsg.):
Extremismus in Deutschland. Erscheinungsformen und aktuelle Bestandsaufnahme. Berlin, 2004; S.7-24,
hier: S.9.
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Die Definition des Extremismus als Antithese zur Demokratie scheint zunächst schlüssig, wirft jedoch das Problem auf, dass demokratische Werte immer auch einen Interpretationsspielraum aufweisen und eine klare Abgrenzung, was (noch) als demokratische Praxis gelten kann, oft schwerfällt. Backes selbst führt dazu an: „Die ‚definitio ex negativo’ erweckt den Eindruck, als sei der politische Extremismus etwas Sekundäres, dessen Existenz vom Primärphänomen des demokratischen Verfassungsstaates abhänge.“ 33 Aufgrund der problematischen Handhabung der Negativdefinition erweitert Backes seine Extremismusdefinition um Kriterien, die extremistische Bewegungen gemeinsam haben und gelangt so zu einer Positivdefinition. Die Definition gründet auf der Untersuchung der politischen Doktrinen von Organisationen bzw. Personen, die laut Backes das politische Handeln der Akteure prägen. Die gemeinsamen Merkmale extremistischer Doktrinen sind seiner Ansicht nach offensive bzw. defensive Absolutheitsansprüche, Dogmatismus, Utopismus bzw. seine Ablehnung, Freund-Feind-Stereotype, Verschwörungstheorien, Fanatismus und Aktivismus. 34 Diese Definition scheint jedoch wenig geeignet, extreme Parteien von anderen abzugrenzen. Unklar bleibt, inwiefern Abstufungen der oben genannten ideologischen Gemeinsamkeiten ein Herausfallen aus der Definition bedeuten würden und wie sich diese Eigenschaften überhaupt bemerkbar machen bzw. wie ihre Ausprägung zu messen ist. Die lange Liste an Eigenschaften legt den Schluss nahe, dass es sich hierbei nur um eine Kriteriensammlung handelt, die je nach Auslegung entweder zu einer zu großen Menge an extremistischen Parteien (alle Parteien weisen einen Teil der genannten Merkmale auf) oder zu gar keinen extremistischen Parteien (keine Partei weist alle Merkmale auf) führen würde.
Die Positivdefinition von Backes erscheint für eine theoretische Untersuchung von politischen Strömungen geeignet, allerdings liefert sie aufgrund ihrer Komplexität und Ambivalenz keine Grundlage für die praktische Einordnung von Parteien in das extremistische Spektrum. Daher wird im Rahmen dieser Arbeit die Negativdefinition von Backes zur Ka-tegorisierung verwendet. Zwar weist auch diese Definition durch ihre Kopplung an den Begriff ‚Demokratie’ Schwächen auf. Dennoch ist sie zur praktischen Bestimmung von linksextremen Parteien in Deutschland und Frankreich geeignet, da beide Länder demokratische Verfassungsstaaten sind und somit ein nötiges Mindestmaß an Übereinstimmung hinsichtlich des Demokratiebegriffs vorhanden ist.
Für den Umgang mit extremistischen Tendenzen lässt sich ein zentraler Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich feststellen. Canu beschreibt diesen wie folgt: „So
33 Ebd., S.103.
34 Vgl. Backes: Politischer Extremismus in demokratischen Verfassungsstaaten; S.298ff.
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wird in Deutschland nach dem Konzept der streitbaren Demokratie ein dezidierter und offensiver Demokratieschutz gelobt, während Frankreich, stolz auf seine freiheitlich-liberale Tradition, sich als liberal gegenüber allen politischen Ideologien gibt.“ 35 Diese unterschiedliche Einstellung zu extremen Parteien findet sich auch in den jeweiligen Verfassungstexten wieder. So erwähnt die französische Verfassung in Artikel 4 die Rolle und Grenzen der Parteien: „Les partis et groupements politiques concourent à l’expression du suffrage. Ils se forment et exercent leurs activités librement. Ils doivent respecter la souveraineté nationale et démocratique.” 36 Neben der Abwehr separatistischer Bewegungen kann der letzte Satz auch als Schutz gegen links- und rechtsextreme Parteien gesehen werden. Allerdings wurde er bislang selten zum Verbot einer Partei genutzt. Lediglich bei unmittelbarer Terrorgefahr wurden bisher Verbote erlassen. 37 Dahingegen erscheint die deutsche Verfassung hinsichtlich der Parteienverbote deutlich expliziter:
Parteien, die nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten ihrer Anhänger darauf aus-
gehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu be-
seitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gefährden, sind verfas-
sungswidrig. Über die Frage der Verfassungswidrigkeit entscheidet das Bundesverfas-
sungsgericht. 38
Die freiheitliche demokratische Grundordnung wurde vom Bundesverfassungsgericht beim Verbot der Sozialistischen Reichspartei (SRP) 1952 näher definiert und fand auch beim Verbot der KPD Anwendung. 39 Die konkreten Ausführungen des Gerichts machen deutlich, dass der Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung in der Bundesrepublik einen besonderen Stellenwert besaß und besitzt. Parteienverbote wurden in Deutschland im Gegensatz zu Frankreich in der Vergangenheit keineswegs nur bei akuter Bedrohung, sondern bereits aufgrund der Absicht, den Staat zu gefährden, ausgesprochen, wie etwa das Verbot der KPD 1956 zeigt. 40
35 Canu: Der Schutz der Demokratie in Deutschland und Frankreich; S.14.
36 Constitution de la République française vom 4.10.1958, Art.4.
37 Vgl. Grosse: „Zwischen Blockbildung und Divergenz“; S.49.
38 Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland vom 23.5.1949, Art.21, Abs.2.
39 Vgl. Wilke, Manfred/Müller, Hans-Peter/Brabant, Marion: Die Deutsche Kommunistische Partei (DKP).
Geschichte, Organisation. Politik. Köln, Nottbeck, 1990; S.69. Das Bundesverfassungsgericht interpretierte
Artikel 21 des Parteiengesetzes wie folgt: „Die Werte, auf die sie [die Grundordnung, d.Verf.] sich gründet,
sind Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde. Zu den grundlegenden Prinzipien dieser Ordnung sind min-
destens zu rechnen: Die Achtung vor den im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechten, vor allem vor
dem Recht der Persönlichkeit auf Leben und Entfaltung, die Volkssouveränität, die Gesetzmäßigkeit der
Verwaltung, die Unabhängigkeit der Gerichte, die Gewaltenteilung, die Verantwortlichkeit der Regierung,
das Mehrparteien-Prinzip und die Chancengleichheit für alle politischen Parteien mit dem Recht auf verfas-
sungsmäßige Bildung und Ausübung einer Opposition.“
40 Vgl. Grosser: „Zwischen Blockbildung und Divergenz“; S.49.
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2.3. Definition von Parteien
Um zu klären, welche linksextremen Parteien Gegenstand der Betrachtung sein sollen, muss zunächst festgelegt werden, was unter einer Partei zu verstehen ist. Das Wort Partei entstand aus dem lateinischen pars, partis: der Teil. Parteien sind heute ein entscheidendes Merkmal der politischen Landschaft, denn, wie Seiler feststellt, kommt keine der heutzutage existierenden repräsentativen Demokratien ohne Parteien aus. 41 In der Politikwissenschaft gibt es eine Fülle von Definitionen für Parteien. Einige sollen hier vorgestellt und ihre Eignung als Grundlage für die Analyse geprüft werden. Lapalombara und Weiner nennen in ihrer weithin anerkannten Definition vier Bedingungen, die vorhanden sein müssen, um von einer Partei sprechen zu können: Kontinuität in der Organisation, eine sichtbare und permanente lokale Organisation, die mit der nationalen Ebene der Organisation in Verbindung steht, die Entschlossenheit der Parteiführung, die Entscheidungsmacht zu erlangen und auszuüben und nicht nur die Machtausübung zu beeinflussen und schließlich das Bestreben der Organisation, Anhänger und Wähler zu gewinnen. 42 Hervorzuheben ist bei dieser Definition, dass der Wille zur Übernahme der Macht im Rahmen einer demokratischen Ordnung nicht bei allen linksextremen Parteien als gegeben gesehen werden kann. So nehmen etwa die trotzkistischen Parteien in Frankreich regelmäßig an Wahlen teil, allerdings sehen sie diese nicht in erster Linie als Möglichkeit zur Erlangung von politischer Macht. 43 Auch andere politische Parteien des extremen linken Spektrums verfolgen konsequent eine Oppositionsstrategie und sind nicht bereit, sich an einer Regierung zu beteiligen. Somit wären sie, nähme man die Definition von Lapalombara und Weiner wörtlich, keine Parteien im engeren Sinne. Auch Seiler sieht in dem Willen zur politischen Machtausübung ein Hauptmerkmal der Parteien:
On définira donc les partis comme étant des organisations visant à mobiliser des indi-
vidus dans une action collective menée contre d’autres, pareillement mobilisés, afin
d’accéder, seuls ou en coalition, à l’exercice des fonctions de gouvernement. Cette ac-tion collective et cette prétention à conduire la marche des affaires publiques sont jus-tifiées par une conception particulière de l’intérêt général. 44
Diese Definition ergänzt die obige insofern, dass sie als Bedingung für die Existenz von Parteien ein pluralistisches System mit mindestens zwei Parteien voraussetzt. 45 Dies verlangt ein Mindestmaß an demokratischer Verständigung, ohne das politische Parteien nicht
41 Vgl. Seiler, Daniel-Louis: Les partis politiques. Paris, Armand Colin, 1993; S.27.
42 Vgl. ebd., S.10f.
43 Vgl. hierzu auch Kap. 5.2.2, S.97ff.
44 Seiler: Les partis politiques; S.22. Hervorhebung im Original.
45 Vgl. ebd., S.21.
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existieren können. Gleichzeitig bestätigt die Definition von Seiler, dass Parteien bei ihrer Machtausübung das Gemeinwohl beachten müssen.
Schließlich soll als Drittes die Definition von Alemanns vorgestellt werden. Er beschreibt Parteien wie folgt:
Parteien sind auf Dauer angelegte, freiwillige Organisationen, die politische Partizipa-
tion für Wähler und Mitglieder anbieten, diese in politischen Einfluss transformieren,
indem sie politisches Personal selektieren, was wiederum zur politischen Integration
und zur Sozialisation beiträgt und zur Selbstregulation führen kann, um damit die ge-
samte Legitimation des politischen Systems zu fördern. 46
Auch diese Definition beschreibt die Parteien als dauerhafte Organisationen, die Mitglieder und Wähler rekrutieren, um politischen Einfluss zu erlangen. Gegenüber den anderen beiden Definitionen sieht sie jedoch nicht die Ausübung politischer Macht als oberstes Ziel. Darüber hinaus beschreibt sie, dass Parteien in ein politisches System eingebunden sind und daraus Wechselwirkungen entstehen. Diese Charakteristika treffen auch auf linksextreme Parteien zu. Damit ist die Definition von von Alemann für die Beschreibung linksextremer Parteien geeignet und wird als Grundlage für die weitere Analyse übernommen.
2.4. Abgrenzung linksextremer Parteien von anderen Parteien
Untersuchungsgegenstand der folgenden Analyse sind lediglich Parteien des linksextremen Spektrums, da über andere Organisationsformen nur wenige konkrete Daten existieren. Darüber hinaus haben Parteien durch ihre relativ starke Organisation sowie ihre recht festgelegten Aufgaben und Funktionen eine größere Sichtbarkeit und Kontinuität als andere Organisationstypen.
Da eine Partei zumindest eine gewisse Größe erreicht haben muss, um wahrgenommen zu werden, wird bei der Analyse von Programmen, Mitgliederstrukturen und Wählerpotentialen sowie dem soziopolitischen Kontext nur auf solche Parteien zurückgegriffen, deren Größe ihnen die Teilnahme an Wahlen ermöglicht. Eine quantitative Größe im Sinne von bestimmten Prozentzahlen, die eine Partei erreichen muss, um als relevant zu gelten, wird dagegen nicht bestimmt. Dies geschieht vor allem im Hinblick auf die zahlenmäßig geringe Bedeutung von linksextremen Parteien. Möchte man dieses Phänomen umfassend betrachten, muss man auch verhältnismäßig kleine Organisationen zur Analyse heranziehen. In den drei Analysekapiteln werden nur diejenigen linksextremen Parteien untersucht, die aktuell noch existieren. Im geschichtlichen Teil werden darüber hinaus auch solche Parteien erwähnt, die nicht mehr existieren bzw. deren Existenz sehr marginal ist, die aber histo- 46 Vgl.Alemann: Das Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland; S.11.
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risch gesehen von Relevanz waren. Dies geschieht, um die heutige Existenz linksextremer Parteien in einen möglichst genauen historischen Kontext einordnen zu können. Wie lässt sich nun erklären, welche Partei linksextrem ist und welche nicht? Den Rahmen für die Einordnung bildet die Extremismusdefinition von Backes. Demnach sind alle Parteien, die den demokratischen Verfassungsstaat ablehnen, extremistisch. Linksextrem ist allerdings nur der Teil der extremen Parteien, die sich auf einem bipolaren Parteienschema mit der traditionellen Teilung in Links und Rechts auf der äußersten Linken verorten lassen. Der deutsche Verfassungsschutz beschreibt Linksextremismus wie folgt: Linksextremisten wollen je nach ideologischer Ausrichtung an Stelle der bestehenden
Staats- und Gesellschaftsordnung eine sozialistische bzw. kommunistische Gesell-
schaft oder eine ‚herrschaftsfreie’, anarchistische Gesellschaft etablieren und orientie-
ren ihr politisches Handeln an revolutionär-marxistischen oder anarchistischen Ideo-
logien. Engagement und Widerstand der Linksextremisten zielen letztendlich in Rich-
tung einer Systemüberwindung. 47
Die anarchistische Strömung des Linksextremismus wählt selten die Partei als Organisati-onsform, was auch in ihrer Ablehnung von Herrschaftsstrukturen begründet liegt. Zudem sind diese Gruppierungen zumeist sehr klein, nehmen nicht an Wahlen teil und sind somit für die Untersuchung nicht von Bedeutung. Der größte Teil der untersuchten linksextremen Parteien will folglich eine sozialistische oder kommunistische Gesellschaftsordnung herstellen. Dabei ist es für die Definition nicht relevant, ob eine Partei ihre Ziele konkret umsetzen kann, da eine Partei bereits aufgrund der Absicht, eine nicht demokratische Gesell-schaftsordnung herzustellen, als extrem gelten kann.
Am schwierigsten gestaltet sich die Abgrenzung linksextremer Parteien von anderen Parteien des linken Spektrums, wie etwa der Sozialdemokratie und den Grünen. Die sozialdemokratischen Parteien haben sich im Zeitverlauf von der Revolution als Mittel zur Erreichung ihrer Ziele abgewandt und verfolgen nunmehr eine Reformstrategie, die zur Lösung der gesellschaftlichen Probleme innerhalb der von der Verfassung vorgegebenen Grenzen führen soll. Eine Systemüberwindung planen die sozialdemokratischen Parteien nicht. Der Wandel zur Reformpartei vollzog sich bei der bundesdeutschen SPD bereits 1959 mit dem Godesberger Programm. Durch die Abkehr vom Konzept der „vorwiegend marxistisch geprägten Klassenpartei“ 48 öffnete sich die Partei für neue Wählerschichten und einen gemäßigt linken Kurs. 49 Bei der französischen PS geschah eine ähnliche Umorientierung 1991. In ihrem Programm Horizon 2000 löste sich die Partei von einer alleinigen
47 Vgl. Bundesministerium des Innern Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2008. Berlin, 2008; S.128.
48 Schwan, Alexander/Schwan, Gesine: Sozialdemokratie und Marxismus. Zum Spannungsverhältnis von
Godesberger Programm und marxistischer Theorie. Hamburg, Hoffmann und Campe, 1974; S.9.
49 Vgl. ebd., S.9.
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Bindung an den Marxismus und wandte sich der sozialen Marktwirtschaft zu. 50 Die Grünen werden heute weder in Frankreich noch in Deutschland als linksextrem bezeichnet. Das Hauptmerkmal dieser Parteien ist ihre Entstehung aus der Ökologiebewegung und ihre darauf gründende Ansprache vorwiegend ökologischer Themen; die Verortung der Parteien im Rechts-Links-Schema findet sowohl in Frankreich als auch in Deutschland eher auf der linken Seite statt, ist für die Parteien selbst aber eher nebensächlich. Auch die Grünen zielen mit ihrer Politik nicht auf eine Systemüberwindung. 51 Somit sind all diejenigen Parteien Gegenstand der Untersuchung, die sich am linken Rand des Parteiensystems verorten lassen und in ihrer Politik deutliche kommunistische bzw. sozialistische Elemente erkennen lassen. Daher wird auch die französische PCF in die Untersuchung mit einbezogen, obwohl sie in Frankreich gängigerweise nicht als extremistisch beschrieben wird (dies geschieht hauptsächlich aufgrund ihrer Rolle in der französischen Geschichte sowie ihrer Präsenz in Regierungen). 52 Bei der Betrachtung ihrer Programme wird allerdings deutlich, dass die PCF in ihrer Ideologie anderen kommunistischen Parteien ähnlich ist. Trotz einer Annäherung an die PS im Laufe der letzten Jahrzehnte und einer deutlich reformistischen Ausrichtung in den letzten Jahren können die Ziele der PCF nach wie vor nicht als demokratisch bezeichnet werden. Sie hat sich weder zur Demokratie bekannt noch sich vom Marxismus-Leninismus abgewandt. 53 Um den Vergleich zwischen deutschen und französischen Parteien herstellen zu können, muss die PCF konsequenterweise Gegenstand der Untersuchung sein.
Auch die Einordnung der Partei Die Linke als linksextrem ist umstritten. So sehen Neugebauer und Stöss in der Partei eine regionale Milieupartei, die die Interessen der ostdeutschen Wähler vertritt, aber keinesfalls extreme Positionen einnimmt und die sich bereits seit Anfang der 90er Jahre im demokratischen System etabliert hat. 54 Moreau und Lang gehen dagegen davon aus, dass die Partei gerade aufgrund ihrer Vergangenheit, von der sie sich nicht endgültig distanziert hat, weiterhin als linksextrem gelten kann. Auch ihre Ziele
50 Vgl. Grosse: „Zwischen Blockbildung und Divergenz“; S.80.
51 Vgl. Heinrich, Gudrun: „Bündnis 90/Die Grünen“. In: Politische Bildung 33/2000: Parteien und Parteien-
system in Deutschland. Hrsg. von Wichard Woyke. Schwalbach, Wochenschau Verlag, 2000; S.18-30, und
Hangen, Claudia: „Les Verts“. In: Ruß, Sabine/Schild, Joachim/Schmidt, Jochen/Stephan, Ina (Hrsg.): Par-teien in Frankreich. Kontinuität und Wandel in der V. Republik. Opladen, Leske + Budrich, 2000; S.243-266.
52 Vgl. Canu: Der Schutz der Demokratie; S.31.
53 Vgl. Courtois, Stéphane: „Kommunismus im Zeitalter des Totalitarismus - eine Jahrhundertbilanz“. In:
Backes, Uwe/Courtois, Stéphane: ‚Ein Gespenst geht um in Europa’. Das Erbe kommunistischer Ideologien.
Köln u.a., Böhlau, 2002; S.17-58, hier: S.44.
54 Vgl. Neugebauer, Gero/Stöss, Richard: Die PDS. Geschichte. Organisation. Wähler. Konkurrenten. Opla-
den, Leske + Budrich, 1996; S.299ff.
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seien zum großen Teil wenig demokratisch. 55 Unbestritten ist ein Teil der Partei sozialdemokratisch ausgerichtet und will keineswegs einen revolutionären Umsturz, sondern lediglich umfassende Reformen durchführen. Dies trifft insbesondere auf die ehemalige WASG zu, die als eigenständige Partei nie unter Extremismusverdacht stand. Dennoch bietet Die Linke einer Reihe von Gruppierungen wie etwa der Kommunistischen Plattform und dem Marxistischen Forum eine politische Heimat, die eindeutig linksextrem sind und einen klar kommunistischen Kurs gegen die Sozialdemokratisierung der Partei vertreten. 56 Auch die Beobachtung der Linken durch den Verfassungsschutz bestätigt, dass in der Partei linksextreme Strömungen vorhanden sind und die Einordnung der Linken als linksextrem berechtigt ist.
Analog zur Linken in Deutschland ist auch die französische Parti de Gauche (PG) als linksextrem anzusehen, da sie sich explizit auf Die Linke als programmatisches Vorbild bezieht und sich in ihrem Programm deutliche Aussagen gegen das französische Regierungssystem finden. 57
Unstrittig ist die Einordnung von Deutscher Kommunistischer Partei (DKP), Marxistisch-Leninistischer Partei Deutschlands (MLPD) sowie der trotzkistischen Parteien Frankreichs in das linksextreme Parteienspektrum. Sie werden vom Verfassungsschutz als extrem bezeichnet, daneben sprechen ihre Programme für eine klare Positionierung als kommunistische und damit linksextreme Parteien.
3. Geschichte linksextremer Parteien in Deutschland und Frankreich seit 1945
3.1. Deutschland 3.1.1. Kommunistische Partei Deutschlands und Deutsche Kommunistische Partei
Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) wurde 1918 gegründet. Sie ging aus dem Spartakusbund und den Internationalen Kommunisten Deutschlands hervor. Die Partei profilierte sich zunächst als Sprachrohr des Unmuts der von den Reformen enttäuschten Bevölkerung und im Kampf gegen die politische Rechte. Dabei wurde die KPD durch wiederkehrende Verbote (1919/20 sowie von November 1923 bis März 1924) geschwächt. Die KPD war Mitglied der kommunistischen III. Internationalen und in ihrer Ideologie auf die
55 Vgl Moreau, Patrick/Lang, Jürgen P.: Linksextremismus. Eine unterschätzte Gefahr. Bonn, Bouvier, 1996;
S.15ff.
56 Vgl. Wilke, Manfred/Baron, Udo: „,Die Linke’. Entstehung - Entwicklung - Geschichte“. In: Konrad-
Adenauer-Stiftung (Hrsg.): Zukunftsforum Politik 94/2008. Sankt Augustin, Berlin, 2008; S.26.
57 Vgl. hierzu auch Kap. 4.2.3, S.67ff.
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UdSSR ausgerichtet. Seit ihrer Gründung war der demokratische Zentralismus 58 Organisationsprinzip der KPD. Vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten erreichten die Kommunisten im Jahr 1932 ihr bestes Wahlergebnis (16,8 %). Zur gleichen Zeit hatte die Partei 360.000 Mitglieder. Sie war somit fest im Parteiensystem der Weimarer Republik integriert. 59
Im Mai 1933 wurde die KPD durch das Hitler-Regime verboten. Für den Widerstand gegen Hitler spielte die KPD während des Krieges eine entscheidende Rolle, sie galt als bestorganisierte Untergrundorganisation. 60 Dennoch gelangen auch ihr nur Einzelaktionen in räumlich begrenztem Umfang gegen das Hitlerregime. 61 Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die KPD in allen Besatzungszonen erneut gegründet. Anfang 1946 existierte die KPD wieder in allen Teilen Deutschlands. Wie bereits vor dem Krieg bemühte sich die Partei um eine verstärkte Zusammenarbeit mit der SPD, in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) endeten diese Bemühungen am 22. April 1946 in der Fusion von SPD und KPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). In den westlichen Besatzungszonen scheiterten die Versuche einer Fusion dagegen am Wider-stand der SPD sowie der Besatzungsmächte, die die Eigenständigkeit der Parteien bewahren wollten. Inhaltlich sah sich die KPD als „regionale Gliederung“ 62 der ostdeutschen SED, ihre Beschlüsse wurden verbindlich ausgeführt. 63 Erst 1949 erfuhr die KPD eine or-ganisatorische Lösung von der SED. Dennoch beeinflusste die SED die westdeutsche KPD nach wie vor maßgeblich. 64
Die KPD gewann nach 1945 zunächst an Macht. Innenpolitisch vertrat sie einen strikten Friedenskurs sowie vor 1949 die Ablehnung der Teilung Deutschlands. Die Mitgliederzahlen der KPD stiegen von 40.000 unmittelbar nach dem Krieg auf 324.000 im August 1947. Das Erstarken der KPD wurde von den westlichen Besatzungsmächten kritisch gesehen. 1948 wurde die Partei aus den Landesregierungen, in denen sie vertreten war, ausgeschlos-
58 Duvergerbeschreibt den demokratischen Zentralismus als System, bei dem Entscheidungen zentral von der
Parteispitze getroffen werden und dann von der Basis umgesetzt werden. Der demokratische Zentralismus
kann viele Ausprägungen einnehmen, für die PCF beschreibt Duverger den Entscheidungsprozess als von der
Basis ausgehend. Nach Diskussionen der Basis setzt die Parteispitze die Entscheidungen um. Danach ist
keine Diskussion an der Basis über die beschlossenen Punkte mehr möglich. Vertreter der Parteispitze über-wachen die Umsetzung der Entscheidungen an der Basis. Vgl. Duverger, Maurice: Les partis politiques.
Paris, Armand Colin, 1976; S.110ff.
59 Vgl. Klocksin, Jens Ulrich: Kommunisten im Parlament. Die KPD in Regierungen und Parlamenten der
westdeutschen Besatzungszonen und der Bundesrepublik Deutschland (1945-1956). Bonn, Verlag im Hof,
1993; S.13ff.
60 Vgl. ebd., S.23ff.
61 Vgl. Kluth, Hans: Die KPD in der Bundesrepublik. Ihre politische Tätigkeit und Organisation 1945-1956.
Köln, Opladen, Westdeutscher Verlag, 1959; S.14.
62 Klocksin: Kommunisten im Parlament; S.36.
63 Vgl. ebd., S.36.
64 Vgl. Kluth: Die KPD in der Bundesrepublik; S.25f.
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sen. Bei den Bundestagswahlen 1949 erhielt die Partei dennoch 5,7 % der Stimmen und 15 Mandate. Durch die Ablehnung eines Bündnisses vonseiten der SPD geriet die KPD allerdings weiter in die politische Isolation. Der Antrag auf Verfassungswidrigkeit durch die Bundesregierung von 1951 markierte die zunehmende Isolierung deutlich. 1953 erhielt die Partei nur noch 2,2 % der Stimmen bei der Bundestagswahl, bis 1956 verließ ein Großteil der Mitglieder die Partei (1956 waren es noch 78.000). Das endgültige Verbot der Partei erfolgte am 17. August 1956. Damit war ein legales Existieren der KPD nicht mehr möglich. Die Angaben zur Mitgliedschaft der illegalen KPD weichen stark voneinander ab, zwischen 700 und 7.000 Mitglieder führten ihre Arbeit in der Illegalität fort. 65 Das Verbot der KPD war zwar juristisch korrekt, wurde aber politisch kontrovers diskutiert. Die Kritik bezog sich vor allem auf die Angst vor der Rückkehr autoritärer Tendenzen sowie die Einschränkung der Meinungsfreiheit. 66
Gegen Ende der 60er Jahre änderte sich die abweisende Haltung der Politik gegenüber der Neugründung einer orthodoxen kommunistischen Partei in Deutschland. Die Änderung der Ostpolitik sowie die langsame Anerkennung der DDR als eigenständiger Staat ließ die generelle Unzulässigkeit kommunistischer Aktivitäten in Westdeutschland nichtig erscheinen. Die Innenministerkonferenz erklärte 1967, dass eine kommunistische Parteineugründung zulässig, die von den Kommunisten geforderte Aufhebung des KPD-Verbots allerdings nicht möglich sei. Eine Nachfolgepartei der KPD stand folglich vor der Aufgabe, inhaltlich an die KPD anzuknüpfen, ohne die demokratischen Parameter des Parteiengesetzes zu missachten.
Im Herbst 1968 wurde die DKP offiziell gegründet, sie stand ideologisch sowie personell in der Kontinuität der KPD. Noch vor der Verabschiedung der Statuten waren die Parteistrukturen wiederhergestellt. Auch dies zeugt vom großen Einfluss des früheren KPD-Personals auf die Gründung der neuen Partei. 67 An den Universitäten etablierte sich die DKP 1971 durch den Marxistischen Studentenbund Spartakus (MSB-Spartakus), der strikt auf die DKP ausgerichtet war. Auch die orthodoxeren Teile des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) traten in den MSB-Spartakus ein. Der MSB-Spartakus erzielte zum Teil beachtliche Erfolge bei Studentenparlamentswahlen. 68
65 Vgl. Klocksin: Kommunisten im Parlament; S.36ff; Bilstein, Helmut/Binder, Sepp/Elsner, Manfred/Klose,
Hans-Ulrich: Organisierter Kommunismus in der Bundesrepublik Deutschland. DKP - SDAJ - MSB Sparta-
kus - KPD/KPD (ML)/KBW. Opladen, Leske, 1974; S.12.
66 Vgl. Wilke, Manfred/Müller, Hans-Peter/Brabant, Marion: Die Deutsche Kommunistische Partei (DKP).
Geschichte, Organisation. Politik. Köln, Nottbeck, 1990; S.70f.
67 Vgl. ebd., S.71f.
68 Vgl. Bilstein u.a.: Organisierter Kommunismus in der Bundesrepublik Deutschland; S.46ff.
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Bei Bundestagswahlen konnte die DKP weder zusammen mit der Aktion Demokratischer Fortschritt (1969, 0,3 %) noch alleine (1972 und 1976 0,3 %, 1980 und 1983 0,2 %) und schließlich auch nicht im Rahmen der Friedensliste (1987, nur Wahlkreiskandidaten) überzeugen. 69 Nach dem Auftreten der PDS versuchte die DKP ab 1994 auch mit dieser Wahlbündnisse zu schließen bzw. auf offenen Listen der PDS anzutreten, allerdings war auch diese Strategie auf Bundesebene nicht von Erfolg gekrönt. 70 Auf ideologischer Ebene orientierte sich die DKP strikt an den Vorgaben der UdSSR und der DDR. Ihre Haltung gegenüber den größeren Bruderparteien war „unkritisch, beinahe devot“ 71 . Somit ist es kaum verwunderlich, dass die beginnenden Reformen Gorbatschows die Partei in eine erste Krise stürzten. 72 Der Zusammenbruch des sowjetischen Systems sorgte schließlich für eine existenzielle ideologische wie auch finanzielle Krise, von der sich die DKP bis heute nicht erholte. Auch die Mitgliederzahlen sanken stark und betrugen 1996 nur noch 6.000. 73
Aktuell gibt der Verfassungsschutz für die DKP eine Mitgliedschaft von 4.200 Personen an. Die Partei hält offiziell nach wie vor am orthodoxen Kurs des Marxismus-Leninismus fest, auch wenn die Traditionalisten innerhalb der Partei Konkurrenz von einer reformistischen Strömung bekommen. Die Partei verharrt nach wie vor in der Marginalität; darüber kann auch das erstmalige Erringen eines Landtagsmandates in Niedersachsen über eine offene Liste der Partei Die Linke im Jahr 2008 nicht hinwegtäuschen. 74
3.1.2. Trotzkistische Parteien
Der Trotzkismus ist eine relativ alte Strömung des Kommunismus und trotz seiner zahlreichen Spaltungen nach wie vor aktiv. Bereits 1903 stellte sich Leo Trotzki offen gegen Lenin und kritisierte vor allem sein Konzept des demokratischen Zentralismus. 75 Die endgültige Abspaltung des Trotzkismus vom klassischen Kommunismus Moskauer Prägung geht auf die erzwungene Auswanderung Leo Trotzkis aus der UdSSR 1929 sowie die von ihm veranlasste Gründung einer IV. Internationalen 1938 zurück. 76
69 Vgl. Jesse, Eckhard: „Parteipolitischer Linksextremismus in der Bundesrepublik Deutschland - Von 1949
bis zur Gegenwart.“ In: Bundesamt für Verfassungsschutz (Hrsg.): Bundesamt für Verfassungsschutz. 50
Jahre im Dienst der inneren Sicherheit. Köln u.a., Heymanns, 2000; S.263-280, hier: S.268.
70 Vgl. Moreau/Lang: Linksextremismus; S.261ff.
71 Bilstein u.a.: Organisierter Kommunismus; S.29.
72 Vgl. Jesse: „Parteipolitischer Linksextremismus“; S.269.
73 Vgl. Moreau/Lang: Linksextremismus; S.249.
74 Vgl. Bundesministerium des Innern: Verfassungsschutzbericht 2008, Berlin, 2008; S.153ff.
75 Vgl. Bourseiller, Christophe: „Doktrinärer Rigorismus und strategischer Pragmatismus - Trotzki und der
Trotzkismus“. In: Backes, Uwe/Courtois, Stéphane (Hrsg.): ‚Ein Gespenst geht um in Europa’. Das Erbe
kommunistischer Ideologien. Köln u.a., Böhlau, 2002; S.213-228, hier: S.213.
76 Vgl. Ysmal, Colette: Les partis politiques sous la Ve République. Paris, Montchrestien, 1989; S.65.
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Die trotzkistischen Parteien berufen sich in der Folge in Abgrenzung zum Sowjetkommunismus auf drei Prinzipien: Erstens stellte die UdSSR für die meisten trotzkistischen Organisationen weiterhin einen Arbeiterstaat dar, in dem die Produktionsmittel kollektiviert sind. Allerdings wurden die Sowjetstaaten von den Trotzkisten als degeneriert bezeichnet, da die stalinistische Diktatur und Bürokratie die Macht an sich genommen hatten. Zweitens sind die trotzkistischen Parteien strikt leninistisch orientiert und ebenso vom demokratischen Zentralismus geprägt wie die meisten anderen kommunistischen Parteien. Dennoch werden in trotzkistischen Parteien häufig abweichende Tendenzen erlaubt. Dies geht aus der Ablehnung des Stalinismus hervor. Drittens sieht sich der Trotzkismus als eine internationale Bewegung. Trotzkisten lehnen daher den vorrangigen Aufbau des Sozialismus in einem Land ab und wollen eine weltweite Revolution begründen. Dieses Bestreben macht die Wichtigkeit der IV. Internationalen als länderübergreifende Institution für den Trotzkismus deutlich. 77
Die Geschichte des Trotzkismus ist vor allem die seiner Spaltungen. Aufgrund des Zulassens von Tendenzen innerhalb der Parteien kommt es häufiger zu Meinungsverschiedenheiten als bei anderen kommunistischen Parteien. Die meisten Abspaltungen scheinen aber nicht auf sachliche Unterschiede, sondern vielmehr auf persönliche Differenzen zurückzugehen. 78
Trotzkistische Gruppen entstanden in Deutschland bereits vor dem Zweiten Weltkrieg, blieben jedoch zahlenmäßig schwach. Nach dem Krieg versuchten die Trotzkisten durch Entrismus (d.h. heimliche bzw. offene Mitarbeit in einer fremden Partei mit dem Ziel der Unterwanderung der Organisation), innerhalb von anderen Parteien ein revolutionäres Potential aufzubauen. Ende der 60er Jahre stellten die Studentenbewegung und die neuen sozialen Bewegungen die Trotzkisten vor neue gesellschaftliche Phänomene, die sich mit einem trotzkistischen Referenzsystem nur schwerlich erklären ließen. Trotz des Ausbleibens von Erfolgen existieren viele zum Teil sehr kleine trotzkistische Parteien bis heute. Am erfolgreichsten waren historisch gesehen die Gruppierungen, die innerhalb der Sozialdemokratie und neuerdings der Linken agierten, wie etwa die SAG/Linksruck (Sozialistische Arbeitergruppe/Linksruck), die seit 2007 als marx21 innerhalb der Linken organisiert ist 79 , und die SAV (Sozialistische Alternative). Dagegen sind Parteien, die eine unabhängige revolutionäre Strategie verfolgen, wie etwa die GIM (Gruppe Internationale Marxisten),
77 Vgl. Bourseiller, Christophe: Les ennemis du système. Enquête sur les mouvements extrémistes en France.
Paris, Robert Laffont, 1989; S.30.
78 Vgl. Ysmal: Les partis politiques; S.67.
79 Vgl. Bundesministerium des Innern: Verfassungsschutzbericht 2008, Berlin, 2008; S.161.
21
Arbeit zitieren:
Lena Koch, 2010, Linksextremismus im deutsch-französischen Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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