II
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Darstellung von Frauen in deutschen Fernsehkrimis 1978 2
3. Die Realität: Polizei und Gender 8
4. Die „Tatort“-Kommissarinnen 10
4.1 Der Anfang: Marianne Buchmüller 10
4.2 Der Durchbruch: Lena Odenthal 17
4.3 Die Hochzeit: Inga Lürsen 25
4.4 Die Gegenwart: Klara Blum 29
5. Fazit 32
Literatur
Anhang
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1. Einleitung
Dem aufmerksamen Fernsehzuschauer wird aufgefallen sein, dass beim sonntäglichen Fernsehabend immer häufiger Kommissarinnen für den „Tatort“ ermitteln. Aktuell werden Folgen mit fünf verschiedenen weiblichen Ermittlern in regelmäßigen Abständen gedreht: Lena Odenthal, Inga Lürsen, Klara Blum, Charlotte Lindholm und Charlotte Sänger kämpfen gegen die Kriminalität. Doch kämpfen sie auch gegen überholte Geschlechterklischees? Entspricht ihre Darstellung dem Bild der Frau in unserer Gesellschaft? In dieser Arbeit wird die Darstellung der „Tatort“-Kommissarinnen anhand von vier ausgewählten Beispielen untersucht. An ihnen wird aufgezeigt, wie sich die Kommissarinnen entwickelt haben, und wie gut oder schlecht sie gegen überholte Geschlechterstereotype und Rollenklischees ankämpfen. Dabei ist die zentrale Fragestellung: Wie hat sich die Darstellung der „Tatort“-Kommissarinnen von 1978 bis 2003 verändert? Im ersten Teil (Punkt 2) wird die Darstellung von Frauen in deutschen Fernsehkrimis bis 1978 reflektiert. Dabei steht im Mittelpunkt der Betrachtungen die Fernsehfrau und die Merkmale ihrer Darstellung. Der nächste Teil (Punkt 3) beschäftigt sich mit der realen Polizei: Hier werden das quantitative Auftreten der Polizistinnen und ihre Rolle in der Männerdomäne Polizei beschrieben. In Punkt 4 folgt eine Darstellung ausgewählter „Tatort“-Kommissarinnen. Jede ist exemplarisch für eine bestimmte „Epoche“: In chronologischer Reihenfolge werden die Anfänge mit Marianne Buchmüller, der Durchbruch mit Lena Odenthal, die Hochzeit mit Inga Lürsen und die Gegenwart mit Klara Blum untersucht. Neben einer Charakterisierung der jeweiligen Persönlichkeiten, wird auch das Verhältnis zu den Kollegen und zum Beruf, das Privatleben, die Beziehungen zu Opfer und Täter in den Vordergrund gerückt. Das Auftauchen von Geschlechterklischees und Rollenzuweisungen ist dabei immer wieder ein zentraler Untersuchungsgegenstand. Eingegangen wird auch auf die Entwicklung der Frauen vor „Tatort“-Zeiten und die Veränderungen der Kommissarinnen untereinander. Natürlich erhebt diese Darstellung nicht den Anspruch vollständig zu sein. Die Anzahl der Kommissarinnen und die Vielzahl der Folgen haben nicht allesamt Beachtung gefunden. Dennoch kann diese Auswahl
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durchaus wichtige Veränderungen und die Entwicklung insgesamt von 1978 bis Anfang 2003 nachzeichnen. Denn von neun Kommissarinnen werden in dieser Arbeit vier untersucht, mehr als zehn Folgen werden dazu herangezogen. Am Ende der Analyse kann man feststellen, dass es keinen einheitlichen Typus einer „Tatort“-Kommissarin gibt. Grundsätzlich kann festgestellt werden, dass sich jedoch die traditionellen Rollenklischees und Geschlechterstereotype abgeschwächt haben.
2. Die Darstellung von Frauen in deutschen Fernsehkrimis bis 1978
Wenn man die Veränderungen in der Darstellung der „Tatort“-Kommissarinnen beschreiben will, kann man nicht auf die Darstellung von Frauen vor ihrem Erscheinen im „Tatort“ verzichten. Denn es ist sehr interessant zu beobachten, inwiefern und ob sich die „Tatort“-Kommissarinnen von früheren Fernsehfrauen unterscheiden. Während es vor allem in den USA viele Studien zur Weiblichkeitsdarstellung gab, sind im deutschen Sprachraum erst Ansätze zu erkennen. Dabei gibt es keine Studien, die die Darstellung von Polizistinnen oder Kommissarinnen explizit untersuchen. Obwohl das Phänomen der weiblichen Ermittler gar nicht so neu ist, denn schon 1913 gab es im deutschen Stummfilm Serien mit Privatdetektivinnen im Mittelpunkt. Auch knüpft das Fernsehen an die Literatur an, in der Frauenkrimis schon viel länger Konjunktur haben. Die Untersuchungen von Röser, Weiderer und Küchenhoff beschäftigen sich darum mit der Darstellung des Frauenbildes allgemein und verweisen nur an einigen Stellen auf Polizistinnen, Detektivinnen und Kommissarinnen. Dabei stellen sie Merkmale in der Darstellung von Frauen fest, die immer wieder auftauchen und somit für die Fernsehfrau charakteristisch sind.
Als erstes, wesentliches Merkmal kann man feststellen, dass Frauen im deutschen Fernsehen quantitativ stark unterrepräsentiert sind. Im Zeitraum „von 1953 bis 1977 waren im Durchschnitt nur drei von zehn Rollen mit einer Frau besetzt“ (Weiderer, S.34). Hinzu kommt, dass Frauen weitaus weniger handlungstragende Rollen als Männer spielen. Weiderer führt an, dass „lediglich 18% eine Hauptrolle bzw. eine wichtigere Rolle als die männlichen Darsteller“ (S.42) einnehmen. Nur in Liebes-und Familienfilmen herrscht ein quantitatives Gleichgewicht zwischen Frauen und Männern (vgl. Küchenhoff, S.241). In Nachrichtensendungen beträgt der Anteil der Moderatorinnen sogar nur 9 Prozent (Röser/Kroll, S.11). So kann man von einer starken Unterrepräsentation von Frauen sprechen. Diese stimmt mit der realen
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Gesellschaftssituation, in der ein ausgeglichenes Verhältnis von Männer und Frauen besteht, nicht überein. Nebenbei bemerkt, zeigt auch die Rollenverteilung in den Fernsehanstalten eine vehemente Benachteiligung von Frauen. So kann man auf die Frage, wo man Frauen im deutschen Fernsehen vor 1978 sehen konnte, vor allem antworten: Vor dem TV-Schirm, als Zuschauerinnen.
Wenn Frauen auftreten, sind sie für den Handlungsablauf unwichtig: Ihre Funktion ist laut der Untersuchung von Küchenhoff folgende: „Sie sind alle schön, weiblich, attraktiv, in erster Linie jedoch stumm. Da ihr realer Beitrag zum Handlungsablauf nur äußerst geringfügig ist, werden sie reduziert auf die Funktion von Glamour und Dekor“ (S.241). So dient zum Beispiel die Frau in einem frühen deutschen Fernsehkrimi, der Verfilmung von Friedrich Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“ von 1957, als Mordmotiv und damit als Ausgangspunkt der Handlung. Für den weiteren Handlungsverlauf bleibt sie relativ unwichtig. Man kann nicht feststellen, dass in dieser Verfilmung auch nur eine wirkliche Hauptrolle mit einer Frau besetzt ist. Die aktive und die planende Rolle bleibt somit meistens den Männern vorbehalten, Frauen bleiben ein passives Accessoires. So kann man auf ein in der Praxis gültiges Muster schließen: „Männer handeln - Frauen kommen vor“ (ebd., S.242).
Es gibt zwei übergeordnete Leitbilder in der Darstellung von Frauen: „Neben dem traditionellen Leitbild der Hausfrau und Mutter steht das Leitbild der jungen, schönen und unabhängigen Frau“ (ebd., S.244). Diese beiden Frauentypen tauchen bei Francis Durbridges Mehrteiler „Das Halstuch“ von 1962 auf: Die brave und schutzbedürftige Frau wird dabei von der Ehefrau des ermittelnden Kommissars charakterisiert. Während der Kommissar ermittelt, trifft er im „Halbweltmilieu“ auf eine Prostituierte. Diese stellt eine Art „femme fatale“ dar, weil sie ihren Körper und dessen Erotik zur Durchsetzung ihrer kriminellen Ziele einsetzt. Dennoch haben beide Frauen gemeinsam, dass sie beide dem Schutz des Kommissars bedürfen. Die Schutzbedürftigkeit von Frauen ist ein Muster, dass ebenfalls charakteristisch für die Fernsehfrau ist.
Interessant an beiden Leitbildern ist weiter, dass jüngere Frauen stark überrepräsentiert sind, vorwiegend kommen Frauen unter 30 Jahren vor. Während sie dem herrschendem Schönheitsideal unterliegen, sind die Männer vergleichsweise unattraktiv und älter. Angaben über den Familienstand sind bei Frauen sehr wichtig, denn sie werden durch ihn charakterisiert. Die Familie ist beim mütterlichen Typ das
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Hauptwirkungsfeld. Röser und Kroll sprechen von einer starken Fixierung auf Ehe und Familie, in der die Familie das Tätigkeitsfeld ist, in denen Frauen aktiv sind und das ihnen zugeordnet wird (vgl. S.11). Darum werden „Frauen häufiger als Männer mit den Themenbereichen „‘Ehe’ und ‘Familie’ in Verbindung gebracht“ (Weiderer, S.36). Gerne, so scheint es, nehmen sie die Rolle der Hausfrau und Mutter ein. Die junge Frau ist meistens attraktiv, berufstätig und ungebunden. Allerdings ist sie an ihrem Beruf oft nur wenig interessiert, ihre Berufstätigkeit ist „lediglich die Vorstufe zur Hausfrau“ (ebd., S.45). Denn: „Bei einer Heirat wurde der Beruf immer aufgegeben“ (ebd., S.44). So wird ein Bild gezeichnet, in dem Frauen Beruf und Partnerschaft nicht in Einklang bringen können.
Ferner gibt es eine Wertung von verheirateter und unverheirateter Frau: Der Status einer Ehefrau ist höher als der einer ledigen Frau. Dies kann man beispielsweise in der Krimiserie „Stahlnetz“, die von 1958-68 ausgestrahlt wurde, beobachten: Dort wurden in der Folge „Die blaue Mütze“ von 1961 die Aussagen einer verheirateten Frau als seriös und glaubwürdig eingeschätzt, während man die Aussagen einer unverheirateten Frau nicht ernst nahm. Wenn nun aber eine Frau gezielt auf den beruflichen Erfolg hinarbeitet, geht das damit einher, dass sie auf Partnerschaft und Kinder verzichten muss. Außerdem wird sie fast ausschließlich negativ als stark karriereorientiert bewertet. Die meisten der berufstätigen Frauen wurden als unglücklich oder als unverheiratet dargestellt. In diesem Zusammenhang kann man von einer idealisierenden Zurückdrängung in familiäre Zusammenhänge sprechen. Beide Leitbilder haben in der Darstellung einiges gemeinsam, das die typisch weibliche Fernsehfrau ausmacht: So sind Frauen meistens mit den Attributen Unsicherheit, Unselbständigkeit, Schutzbedürftigkeit, Emotionalität und Passivität belegt. Männer hingegen sind autonom und aktiv, souverän und rational. Die Eigenschaften des Mannes schließen die der Frau aus - und umgekehrt. Dadurch, dass Frauen hilflos erscheinen, eröffnet sich dem Mann ein größerer Handlungsspielraum (vgl. Röser/Kroll, S.11/ Weiderer, S.39). Ferner besitzen Frauen Verhaltensweisen, die man grob mit Unterordnung zusammenfassen könnte: Sie bedienen andere, sie gehorchen Männern und sie verbergen die eigene Kompetenz. So wird ein patriarchalisches Gesellschaftsbild gezeichnet. Dieses zeigt sich auch in der Krimiserie „Der Kommissar“ (ab 1963). Dort gibt der Kommissar den Ton an, sein Wort zählt. Die berühmte „Bildschirmkaffeetante“ Fräulein Rehbein stellt hingegen den Typ der umsorgenden
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und aufopfernden Sekretärin dar, die die Kompetenz ihres männlichen Vorgesetzten nicht in Frage stellt.
Zum Klischeebild der Fernsehfrau gehört auch, dass sie naiv ist - und wenn sie jung ist, ständig nach einem Partner sucht. Alte Frauen hingegen sind oft klatsch- und streitsüchtig, aber auch angepasst, ordentlich, pflichtbewusst und fürsorglich (vgl. Weiderer, S.45). In Partnerschaften treffen die Männer die Entscheidungen, Frauen handeln oft erst, nachdem sie ihren Mann um Rat gefragt haben. Eine gleichberechtigte Partnerschaft wird nicht verwirklicht. Ein weiteres Beispiel für das patriarchalische Rollenverhältnis im frühen, deutschen Fernsehen. Die Inszenierung von männlichen und weiblichen Körpern unterscheidet sich ebenfalls stark: Röser und Kroll sprechen von einer „sexistische[n] Inszenierung und Zur-Schau-Stellung des weiblichen Körpers“ (S.12). Durch Anspielungen und Kommentare, sogenannte „verbale Sexualisierungen 1 “ (vgl. ebd., S.13), werden Frauen immer wieder an ihren körperlichen Vorzügen gemessen. Dadurch sind sie in erster Linie sexuelle Wesen, die auf ihre Körper reduziert sind. Auch Weiderer beobachtet: „In Interaktionen mit Männern wurden Frauen als Sexobjekte behandelt, deren Aussehen einer Bewertung unterzogen wurde“ (S.38). Doch es gibt auch visuelle Sexualisierungen: Durch die Kameraführung, die den weiblichen Körper fokussiert und ihn bildlich in den Vordergrund rückt, werden Frauen zu einem Dekorationsobjekt. Eine Fokussierung von weiblichen Körpern findet meistens sogar statt, ohne dass diese für den Handlungsablauf notwendig ist (vgl. Röser/Kroll, S.13). Die Inszenierung des weiblichen Körpers erhält rein sexuelle Bedeutung. Die verbale und die visuelle Form der Sexualisierung von Frauen fehlen in fast keiner Sendung. „Von 57 gesichteten Sendungen an einem Fernsehabend kommen in 36 Sendungen Sexualisierungen außerhalb von erotischen Situationen vor“ (ebd., S.13). Vor allem in Krimiserien sind Sexualisierungen sehr häufig anzutreffen, Frauen sind dort oft leicht bekleidet oder in körperbetonter Kleidung zu sehen. Sie werden beim Ausziehen oder in Badeszenen weit häufiger nackt gezeigt als Männer. Verbale Sexualisierungen treten im Allgemeinen häufiger auf als visuelle. So kann man feststellen, dass Frauen sehr einseitig gezeigt werden. Ihr Körper wird sexistisch inszeniert, so dass ihnen immer eine sexuelle Bedeutung zur Seite steht. Weiter kann man feststellen, dass im Fernsehen vor allem Frauen aus der Mittelschicht gezeigt werden. Frauen aus den unmittelbar in der Produktion
1 Als Sexualisierung erfasste die Studie von Röser und Kroll verbale Anspielungen und Körperthematisierungen, visuelle Körperinszenierungen und die einseitige Berührung des Körpers.
Arbeit zitieren:
Sarah Freund, Julia Sürken, 2003, Die Tatort-Kommissarinnen, München, GRIN Verlag GmbH
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