Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 05
0.1 Hinführung zum Thema 05
0.2 Aufbau der Arbeit 07
1. Gegenwärtige Situation 09
1.1 Geschichtliche Entwicklung 09
1.2 Die Babyklappe 11
1.2.1 Funktion der Babyklappe 14
1.2.2 Missbrauch und Probleme der Babyklappe 16
1.2.3 Heutige Situation 17
1.3 Die anonyme Geburt 19
1.3.1 Vorgehen bei anonymer Geburt 22
1.3.2 Missbrauch und Probleme der anonymen Geburt 23
1.3.3 Heutige Situation 25
1.4 Projekte bei ungewollter Schwangerschaft 26
1.4.1 Moses-Projekt des Sozialdienstes katholischer Frauen 26
1.4.2 SterniPark e.V. und das „Projekt Findelbaby“ 28
2. Rechtliche Aspekte 30
2.1 Familienrecht 31
2.2 Personenstandsrecht 31
2.3 Strafrecht 34
2.3.1 Personenstandsfälschung 34
2.3.2 Aussetzung 36
2.3.3 Unterhaltsentziehung 36
2.3.4 Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht 36
2.3.5 Entziehung Minderjähriger 37
2.3.6 Kinderhandel 37
2.3.7 Schwangerschaftskonfliktgesetz 37
2.3.8 Vormundschaftsrecht 38
2.3.9 Sozialdatenschutz 39
2.4 Adoptionsrecht 39
2.5 Internationale Rechtslage 41
2.5.1 Kinderkonvention der Vereinten Nationen 41
2
2.5.2 Haager Konvention 42
2.5.3 Europäische Menschenrechtskonvention 42 2.6 Verfassungsrecht 43
2.6.1 Pro: Grundrechte, die für eine Legalisierung der anonymen Kindesabgabe sprechen 43
2.6.2 Contra: Grundrechte, die gegen eine Legalisierung der anonymen Kindesabgabe sprechen 45
2.6.3 Kompromiss: geheime/vertrauliche Geburt 47
2.7 Politische Entwicklungen bis heute 49
2.7.1 Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Personenstandsgesetzes vom 12.10.2000 49
2.7.2 Entwurf eines Gesetzes zur Regelung anonymer Geburten vom 23.04.2002 50
2.7.3 Entwurf eines Gesetzes zur Regelung der anonymen Geburt vom 06.06.2002 52
2.7.4 Entwurf eines Gesetzes zur Regelung der anonymen Geburt vom13.09.2004 54
2.7.5 Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage von Abge-ordneten des Deutschen Bundestags und der FDP-Bundestagsfraktion vom 15.11.2007 56
2.7.6 Entwicklungen nach der Stellungnahme des Deutschen Ethikrates 57 2.8 Zusammenfassung 58
3
3. Ethik 59
3.1 Vorüberlegung zur Bewertung 59
3.2 Absicht 60
3.2.1 Leben retten 60
3.2.2 Extreme Notlage 61
3.2.3 Alternativen 62
3.2.3.1 Schwangerschaftsabbruch 63
3.2.3.2 Aussetzung 64
3.2.3.3 Tötung 65
3.3 Gegenstand 66
3.4 Umstände 68
3.4.1 Prinzip des geringeren Übels 69
3.4.2 Folgen für Betroffene 71
3.4.2.1 Folgen für das Kind 71
3.4.2.2 Folgen für die Mutter 72
3.4.2.3 Folgen für den Vater 72
3.4.2.4 Bedeutung der Familie 74
3.4.3 Mitwirkung 75
3.5 Ergebnis 77
3.6 Ausblick 77
3.6.1 Schwangerschaftsberatung 77
3.6.2 Adoption 78
3.6.3 Verbesserungsvorschläge/Forderungen 79
4. Resümee 84
5. Abkürzungsverzeichnis 87
6. Literaturverzeichnis 89
4
0. Einleitung
0.1 Hinführung zum Thema
Die Angebote von Babyklappen und die Möglichkeiten zu anonymen Geburten in Deutschland boten in den letzten zehn Jahren immer wieder Diskussionsstoff. Kernpunkt der Meinungsverschiedenheiten ist „die Frage nach dem Recht des Kindes auf Leben im Gegensatz zu der Frage nach dem Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft“ 1 . Es bleibt zu klären, ob „durch die Zusicherung von Anonymität, wie es bei Babyklappen und anonymer Geburt prinzipiell gehandhabt wird, das Leben von Neugeborenen in stärkerem Maße gerettet werden“ 2 kann und inwieweit Rechte des Kindes missachtet beziehungsweise nicht eingehalten werden. Die Auseinandersetzung mit dem Für und Wider erreichte in den letzten Jahren auch die politische Ebene. So wurde die Babyklappe im April 2010 in den Medien als „Auslaufmodell“ bezeichnet. Auslöser war eine Debatte von Politikern der Unionsfraktion sowie anderer Parteien „über Regelungen, bei denen Babyklappen und anonyme Geburten [als] bloß geduldete Ausnahmen [galten], wenn [sie] nicht gar rechtswidrig und zu beenden wären“ 3 . Heute stehen unter anderem die Rechte der Kinder zur Diskussion, die den Schutzbefohlenen durch die Geheimhaltung der Mutterschaft genommen werden 4 .
Die Diskussionen zum Wert und Sinn von Babyklappen und anonymen Geburten sind nicht selten stark polarisiert, subjektiv und emotionsgeladen. Um diesem Umstand entgegen zu wirken, soll im Folgenden das Thema der Arbeit näher erläutert werden.
Der Begriff Babyklappe wurde im Jahr 2000 auf den dritten Platz des Unwortes des Jahres gewählt 5 . Als Synonyme kommen auch die Ausdrücke „Babyfenster“, „Babykorb“ bzw. „Babykörbchen“, „Aktion Moses-Babyklappe“ bzw. „Moses-Babyfenster“, Babynest, „Babytür“, „Babyhilfe“ und „Projekt Findelbaby“ in der heutigen Praxis vor 6 . Die Begriffe beschreiben alle eine Einrichtung, bei der ein Kind anonym abgegeben und dann von dortigem Personal versorgt werden kann 7 . Bei der Babyklappe ist es der abgebenden Person möglich, sich völlig unerkannt wieder zu entfernen.
1 HAMPER, J. S. Babyklappe und anonyme Geburt, Zur ethischen und rechtlichen Problematik unter besonderer Be-
rücksichtigung der Rolle von Ärztinnen und Ärzten. Frankfurt 2010, S. 5.
2 KUHN, S. Babyklappen und anonyme Geburt, Sozialregulationen und sozialpädagogischer Handlungsbedarf.
Augsburg 2005, S. 173.
3 WELT ONLINE. Babyklappe könnte bald Auslaufmodell sein. (09.04.2010). http://www.welt.de/die-
welt/politik/article7106439/Babyklappe-koennte-bald-ein-Auslaufmodell-sein.html (03.11.2010).
4 Vgl. HAMPER, J. S., S. 16.
5 Vgl. DER TAGESSPIEGEL, „Deutsche Leitkultur“: Unwort des Jahres. (15.11.2000).
http://www.tagesspiegel.de/politik/deutsche-leitkultur-unwort-des-jahres/179180.html (03.11.2010).
6 Vgl. KUHN, S., S. 288.
7 siehe 1.2.1.
5
Während einer anonymen Geburt in einem Krankenhaus hingegen findet ein Kontakt zwischen der Gebärenden und dem Personal statt 8 . Der Unterschied zu einer gewöhnlichen Geburt liegt darin, dass die Frau ohne ihr Kind und die Nennung ihres Namens oder anderer Daten nach der Geburt die Einrichtung wieder verlassen kann.
„Anonym“ wird in dieser Arbeit mit der Bedeutung verwendet, „dass die Herkunft des Kindes und die Personalien seiner Mutter und seines Vaters, soweit er bekannt ist, im Geburtseintrag beim Standesamt und im Adoptionsverfahren nicht dokumentiert werden, so dass insbesondere dem Kind seine Herkunft und leibliche Familie unbekannt bleiben“ 9 . Die anonyme Kindesabgabe impliziert eine freiwillige oder erzwungene Weggabe. Nach dieser Handlung besteht kein Kontakt mehr zwischen dem Baby und seinen leiblichen Eltern. Das Neugeborene wird nicht gefragt, ob es lieber in seiner leiblichen Familie aufwachsen möchte oder abgegeben werden will. Es handelt sich also ausschließlich um eine Entscheidung von Seiten der Eltern oder anderer Personen, die in die Handlung der Kindesabgabe involviert sind. Das Phänomen der anonymen Kindesabgabe soll im Rahmen dieser Arbeit auf seine moralische Vertretbarkeit hin überprüft werden. Die Moral wird ethisch reflektiert und ist einerseits geprägt von der Art und Weise menschlichen Handelns, „[a]ndererseits assoziieren wir mit Moral Handlungsregeln, also bestimmte Ge- und Verbote“ 10 . Im vorliegenden Fall gilt das Augenmerk dem guten, beziehungsweise sittlichen Handeln. Es wird bewertet, ob es sich um eine moralisch tragbare Tat handelt.
Die anonyme Kindesabgabe ist kein neues Phänomen. Es ist viel mehr als erneuter Versuch im Verlauf der Geschichte zu sehen, bei dem man sich von unerwünschten Kindern befreien kann. Wie die Arbeit zeigt, sind die Gründung von „Findelhäuser[n] und Drehladen, analog zur Babyklappe, in Europa für das Mittelalter historisch belegt“ 11 12 .
Ob ein Kind in einer Babyklappe abgelegt wurde oder ob sich eine Schwangere einer anonymen Geburt unterzieht: am Ende bleibt ein Kind anonym zurück.
Diese Tatsache wirft einige Fragen auf. Es bleibt zum Beispiel zu klären, ob man mit den Angeboten von Babyklappe und anonymer Geburt die werdenden Mütter in ihrer Notlage wirklich erreicht und so eine Aussetzung oder Tötung des Neugeborenen verhindern kann. Dabei muss stets zwischen den beiden Angebotsformen unterschieden werden. Des Weiteren stellt sich die Frage, ob Babyklappen und anonyme Geburten mit dem deutschen Recht vereinbar sind oder ob
8 siehe 1.3.1.
9 DEUTSCHER ETHIKRAT (Hg.). Das Problem der anonymen Kindesabgabe. Stellungnahme. Berlin 2009, S. 8.
10 MARSCHÜTZ, G. theologisch ethisch nachdenken. Würzburg 2009, S. 10.
11 SULNER, P. Von der Findelstube zur Babyklappe, Strategien zum Umgang mit der Problematik ungewollter Kin-
der unter besonderer Berücksichtigung der historischen Konstellation in München. (29.04.2009).
http://mediatum2.ub.tum.de/doc/679263/document.pdf (03.11.2010), S. 5.
12 siehe 1.1.
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die Gesetzeslage nicht verändert werden sollte beziehungsweise müsste. Es wird versucht zu klären, inwieweit die anonyme Weggabe eines Kindes eine sittliche Handlung ist. Hierzu muss unter anderem nach der Absicht der Handelnden und den Auswirkungen auf die Betroffenen gefragt werden.
Die Arbeit versucht Antworten auf diese Fragen zu bieten, um am Ende beurteilen zu können, ob es moralisch vertretbar ist, sein Kind durch Babyklappe oder anonyme Geburt abzugeben.
0.2 Aufbau der Arbeit
Die Arbeit gliedert sich in drei große Abschnitte. Der erste besitzt einen grundlegenden Charakter und wird durch die historische Entwicklung im Umgang mit unerwünschten Kindern eingeleitet. Durch ihn wird gleichzeitig die Ausgangssituation für die heutige Praxis der anonymen Kindesabgabe dargestellt. Als erste Möglichkeit der anonymen Abgabe eines Kindes wird die Babyklappe vorgestellt. Zu Beginn steht eine Beschreibung über die Funktion und die Herangehensweise bei der Nutzung einer Babyklappe. Es folgen Ausführungen zu Missbrauchsmöglichkeiten und Problemen, die auftreten können. Abschließend wird die heutige Situation mit einzelnen Zahlen und Daten veranschaulicht.
Im Abschnitt zur anonymen Geburt wird analog zum Teil der Babyklappe vorgegangen. Im Anschluss an die Darstellung von Babyklappe und anonymer Geburt folgt die Vorstellung von zwei Projekten, die eine Möglichkeit der Vorgehensweise für Frauen bei einer ungewollten Schwangerschaft bieten. Das Moses-Projekt des Sozialdienstes katholischer Frauen und das Projekt Findelbaby von SterniPark e.V. bieten die anonyme Abgabe eines Kindes an. Die unterschiedlichen Projekte werden mit ihren Angeboten und Zielen vorgestellt. Der nächste größere Teil der Arbeit widmet sich den rechtlichen Aspekten, die eine anonyme Kindesabgabe betreffen. Zuerst werden Familien- und Personenstandsrecht dargestellt. Es folgen die rechtlichen Bestimmungen des Strafrechts. Danach wird das Adoptionsrecht sowie die internationale Rechtslage mit der Kinderkonvention der Vereinten Nationen und der Haager Konvention näher beleuchtet.
Anschließend folgt ein Abschnitt über die Regelungen des Verfassungsrechts. Zunächst werden hier die Grundrechte aufgeführt, die für eine Legalisierung der anonymen Geburt sprechen, dann jene, die gegen eine Legalisierung der anonymen Kindesabgabe sprechen. Nach dem Pro und Contra folgt die Darstellung eines Kompromissvorschlags der geheimen Geburt, der bis heute in Fachkreisen, Gesellschaft und Politik diskutiert wird.
Den Abschluss der rechtlichen Aspekte bilden die politische Entwicklung bis heute mit ihren bisherigen Gesetzesentwürfen und die Reaktionen auf die Stellungnahme des Deutschen Ethikrates Ende 2009.
7
Der dritte Teil der Arbeit beschäftigt sich mit den ethischen Gesichtspunkten. Die Handlung, ein Kind anonym abzugeben, wird auf ihre Sittlichkeit hin überprüft.
Hierzu werden zunächst Aspekte der Absicht erläutert. Zu Beginn wird die Motivation ein Leben zu retten dargestellt. Es folgt die Absicht einer Schwangeren in ihrer persönlichen Notlage zu helfen. Den Abschluss bilden die Alternativen, Schwangerschaftsabbruch, Aussetzung und die Tötung des Kindes.
Nach der Absicht wird der Gegenstand, die anonyme Kindesabgabe, ethisch beleuchtet. Es folgt die Darstellung der Umstände der Handlung. Für die sittliche Bewertung wird zunächst das Prinzip des geringeren Übels vorgestellt und auf Babyklappe und anonyme Geburt bezogen. Nachdem die Folgen für die Betroffenen, insbesondere für das Kind, die Mutter und den Vater erläutert wurden schließt sich der Aspekt der Mitwirkung an. Der dritte Teil der Arbeit endet mit dem Ergebnis der ethischen Bewertung. Darüber hinaus bietet der Ausblick Lösungshinweise durch Schwangerschaftsberatung, Adoption und Verbesserungsvorschläge an den heutigen Angeboten von Babyklappen und anonymen Geburten. Den Abschluss bildet ein kurzes Resümee der Arbeit.
8
1. Gegenwärtige Situation
Die historischen Entwicklungen bilden die Basis für die Entstehung und die Praxis der heutigen Angebote der anonymen Kindesabgabe. Zu diesen zählen anonyme Geburten und die Einrichtung von Babyklappen. Beides wird erläutert und unter besonderer Berücksichtigung der Missbrauchsmöglichkeiten und der Probleme, die durch die existierende Praxis entstehen können, dargestellt. Abschließend wird die aktuelle Situation geschildert.
Im Anschluss werden zwei Projekte vorgestellt, die in Deutschland als Angebot für eine ungewollte Schwangerschaft zur Verfügung stehen. Es handelt sich dabei um das Moses-Projekt vom Sozialdienst katholischer Frauen und das „Projekt Findelbaby“ vom Verein SterniPark.
1.1 Geschichtliche Entwicklung
Kindesmord, Abtreibung, Aussetzung und Adoption gehörten schon viele Jahre vor Christi Geburt zum Alltag vieler Völker. „Das Recht, nach dem es erlaubt war, Neugeborene auszusetzen oder zu töten, hat bis tief in das Mittelalter hinein bestanden und wurde erst durch die Bekehrung zum Christentum endgültig beseitigt“ 13 .
Der Kirchenvater Tertullian verurteilte das Verbrechen des Kindesmords im Jahre 222 n. Chr.. Seiner Meinung nach gab es kein Gesetz, „das häufiger und ungestrafter verletzt wird, als das Gesetz gegen den Kindesmord“ 14 .
Auch Konzile befassten sich schon im 4. Jahrhundert mit der Fürsorge für ausgesetzte Kinder. Abtreibung und Aussetzung von Nachkommen wurden von den Konzilen zu d`Elvire (313) und von Anzyre (314) mit Mord gleichgesetzt und mit einer Kirchenstrafe belegt 15 . Einen weiteren Schritt unternahm das Konzil zu Vaison. Auf dieser Zusammenkunft sprach man sich im Jahre 529 dafür aus, die weggelegten Babys zur Kirche zu bringen und deren Auffinden im Sonntagsgottesdienst der Gemeinde mitzuteilen. Von diesem Zeitpunkt an hatten die Eltern zehn Tage Zeit ihr Kind zurückzufordern, bevor es sonst dem Finder zugesprochen wurde 16 . Das Konzil zu Rouen im 9. Jahrhundert forderte uneheliche Mütter auf, „ihre Kinder in die Kirche zu bringen, damit sie dort von mildtätigen Gläubigen aufgenommen würden“ 17 . Hierfür waren Marmorbecken an den Kirchen angebracht. Bereits um 600 n. Chr. wurden in Trier unerwünschte Kinder in solchen Schalen ausgesetzt. Die sogenannten Ziehkinder konnten dann dem Hüter der Kirche von St. Peter abgekauft werden 18 .
13 PEIPER, A. Chronik der Kinderheilkunde. Leipzig 1958, S. 148.
14 PEIPER, A., S. 154.
15 Vgl. PEIPER, A., S. 154.
16 Vgl. PEIPER, A., S. 154.
17 PEIPER, A., S. 154.
18 Vgl. PEIPER, A., S. 148.
9
Um der vielen ausgesetzten Kinder Herr zu werden, wurden Findelhäuser gebaut. 787 wurde das erste von Erzbischof Dattheus in Mailand gegründet. Um Kindesmorde zu verhindern, wurden „uneheliche Mütter schon vor der Niederkunft in das Hospiz aufgenommen“ 19 . Papst Innozenz III. gründete das Hospital St. Spirito in Rom, um die überhand genommenen Kindsmorde einzuschränken 20 . Hier wurde 1198 erstmals die Drehlade eingeführt 21 . Das Hospital zum Heiligen Geist in Rom soll die „großartigste Anstalt des Mittelalters“ 22 gewesen sein. In mehreren katholischen Gegenden Europas gab es vom 12. bis 19. Jahrhundert an vielen Klöstern und Waisenhäusern Drehladen 23 .
Auch das Findelhaus von Florenz genoss einen guten Ruf. Es wurde 1445 von dem Architekten und Bildhauer Filippo Brunelleschi als eines der ersten italienischen Renaissancegebäude fertiggestellt. Durch eine Drehlade („torna ruota“) konnten Mütter hier ihr Kind unerkannt abgeben. Der Säugling wurde in die Mulde eines hölzernen Drehtellers gelegt, die Mutter zog an einer Glocke und daraufhin drehte eine Pflegeperson von innen den Teller, um den Findling entgegenzunehmen. Bis 1875 bestand in dieser Anstalt die Möglichkeit der anonymen Abgabe von Kindern 24 . Um die ausgesetzten Kinder später wieder zurückfordern zu können, bekamen sie häufig bestimmte Zeichen, wie Heiligenbilder oder einen handgeschriebenen Zettel des Abgebenden mit 25 .
Das Findelhauswesen konnte sich in Deutschland nicht durchsetzen, da man der Ansicht war, dass „Kinder zunächst von ihren Angehörigen und nicht von der Öffentlichkeit zu versorgen“ 26 seien. Die Eltern hatten ihren Pflichten gegenüber ihren Kindern nachzukommen. „Auch das uneheliche Kind hat[te] den Anspruch, von seinen Eltern unterhalten zu werden“ 27 . So ist es nicht erstaunlich, dass die Waisenkinder die Anzahl der ausgesetzten Kinder im Nürnberger Findel- und Waisenhaus übertraf 28 .
1709 wurde eine Drehlade an einem Hamburger Waisenhaus angebracht mit der Intention dem Kindesmord vorzubeugen. Um den Missbrauch, wie das Abgeben von älteren Kindern zu verhindern, wurde der Torno bereits nach zwei Monaten verkleinert und außen mit zwei Stangen
19 PEIPER, A., S. 154.
20 Vgl. PEIPER, A., S. 155.
21 Vgl. PEIPER, A., S. 161.
22 PEIPER, A., S. 155.
23 Vgl. DEUTSCHER ETHIKRAT. Wortprotokoll, Niederschrift über den öffentlichen Teil der Plenarsitzung des Deut-
schen Ethikrates am 26. Juni 2008 in Berlin.
http://www.ethikrat.org/publikationen/dateien/pdf/Wortprotokoll_2008-06-26_Website.pdf (11.05.2008), S. 2.
24 Vgl. SCHÄFFER, V. Die erste Babyklappe der Welt, Babyklappen gibt es seit 1445, bei uns erst seit 2000, Eine
Bilanz. (2006). http://www2.gruene-jugend.de/uploads/epaper_krass306_20_21.pdf (27.04.2010).
25 Vgl. PEIPER, A., S. 158.
26 PEIPER, A., S. 160.
27 PEIPER, A., S. 161.
28 Vgl. PEIPER, A., S. 186.
10
versehen. Dennoch „gab es [...] schon im April 1710 über 200 Torno-Kinder“ 29 . Wegen der zahlreichen Abgaben musste die Drehlade im Oktober 1714 wieder entfernt werden. „Über alle Jahrhunderte hinweg wurde [...] berichtet, dass die Zahl der Kindsabgaben in Findelhäusern immer dann drastisch zunahm, wenn es dort eine Vorrichtung für eine anonyme Abgabe gab“ 30 .
Napoléon erließ im Jahr 1811 ein Dekret, nach dem in jedem Arrondissement ein Spital mit Drehlade vorgeschrieben wurde. So erhielt das Drehladensystem eine offizielle Bestätigung 31 . Darauf hin wurden 271 solcher Einrichtungen eröffnet 32 . Auch in Mainz wurde ein Findelhaus mit Drehlade eingerichtet. In den zwölf Jahren zuvor wurden ohne eine solche Einrichtung 30 Kinder gefunden. Nach der Eröffnung des Findelhauses hingegen „kommt es in drei Jahren zu 516 Aussetzungen“ 33 . Wegen des enormen „Anstiegs der Zahl der Findelkinder stießen die Drehladen zunehmend auf Ablehnung“ 34 . Nach der Schließung im Jahr 1815 wurden in den neun darauffolgenden Jahren lediglich sieben Kinder ausgesetzt.
Die Zahlen lassen einen Missbrauch der Drehlade erahnen. Die Einrichtung eines Tornos sollte „allein der Aussetzung unehelicher Kinder diene[n]“ 35 .
1.2 Die Babyklappe
Bei der Babyklappe handelt es sich um eine Weiterentwicklung der Marmorbecken und Drehladen aus vergangener Zeit. Die erste Babyklappe Deutschlands wurde am 8.4.2000 in Hamburg eröffnet 36 . Das Ziel dieses „Angebote[s] ist die Verhinderung der Tötung und Aussetzung Neu-geborener“ 37 . Jedoch räumen einige Betreiber ein, dass durch dieses „niedrigschwellige[...] Angebot[...] nicht alle Fälle von Aussetzung oder Tötung verhindert bzw. nicht alle schwangeren Frauen erreicht werden könnten“ 38 .
Nach der ersten Eröffnungsphase der Babyklappen wurden die Zielsetzungen von den Betreibern erweitert. Hinzu kam zum Beispiel das Bestreben die hohen Abtreibungszahlen zu vermindern, um unerwünschte Neugeborene in wartende Adoptivfamilien vermitteln zu können 39 . Darüber
29 HUNECKE, V. Die Findelkinder von Mailand, Kindsaussetzung und aussetzende Eltern vom 17. bis 19. Jahrhun-
dert. Stuttgart 1987, S. 17.
30 DEUTSCHER ETHIKRAT, Wortprotokoll vom 26.06.2008, S. 2.
31 Vgl. PFALLER, C. Die anonyme Geburt in Frankreich. Marburg 2008, S. 27.
32 Vgl. PEIPER, A., S. 163.
33 PEIPER, A., S. 165.
34 DEUTSCHER ETHIKRAT, Wortprotokoll vom 26.06.2008, S. 2.
35 HUNECKE, V., S. 194.
36 Vgl. KUHN, S., S. 118.
37 DEUTSCHER ETHIKRAT, Wortprotokoll vom 26.06.2008, S. 3.
38 KUHN, S., S. 124.
39 Vgl. KUHN, S., S. 125.
11
hinaus wird die „Babyklappe[...] mittlerweile als Instrument gegen soziale Verwahrlosung“ eingestuft und „als kurzfristige Notfallhilfe verstanden“ 40 .
Die erweiterten Zielsetzungen lassen sich durch einen gestiegenen Druck auf die Betreiber erklären, welche sich im Laufe der Zeit immer wieder neu vor Kritikern rechtfertigen mussten und müssen 41 . In Kuhns Untersuchung gaben jeweils 3 % der Anbieter auch an, die Babyklappe installiert zu haben, um „die Gesellschaft für Frauen in Notsituationen [zu] sensibilisieren“ 42 oder weil sie so einer politischen Vorgabe nachkamen.
Schon zu Beginn gab es auch skeptische „Stimmen, welche [...] juristische oder sozialwissenschaftliche Bedenken gegen eine anonyme Kindesabgabe äußerten“ 43 . Hierzu gehört unter anderem der Vorwurf von terre des hommes Deutschland e. V., dass die Betroffenen nicht erreicht werden, da die Zahlen von ausgesetzten und getöteten Säuglingen weiterhin konstant bleibt 44 . In diesem Zusammenhang ist hier auch der Streit um die Dunkelziffer (tote und ausgesetzter Kinder) zwischen Befürwortern und Gegnern zu nennen 45 .
Außerdem merken Kritiker an, dass durch die anonyme Kindesabgabe zusätzlich Findelkinder geschaffen werden, da erst durch das Angebot eine Nachfrage entsteht 46 . Die Perspektive auf Lebensschutz und die überwiegend positive Einstellung von Politik, Kirche und Gesellschaft trug jedoch zur landesweiten Verbreitung von Babyklappen bei 47 . Um klarzustellen, für wen die Babyklappe gedacht ist, tritt zum Beispiel der Babyklappenbetreiber der Stadt Minden mit der Aussage an die Öffentlichkeit, dass nur Neugeborene oder Babys, die wenige Tage alt sind, abgegeben werden dürfen. Wer dort ein deutlich älteres Kind abgibt, wird strafrechtlich wegen Kindesaussetzung verfolgt 48 .
Die Zielgruppe, für welche die Babyklappe konzipiert wurde, besteht aus Frauen, „die sich in [einer] subjektiv ausweglos erscheinenden Notsituation befinden, ihre Schwangerschaft verheimlichen und / oder verdrängen, aufgrund der Überschreitung von Zeitfristen oder aus moralischen Gründen keinen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen, sich durch die mit der Schwangerschaft einhergehenden Veränderungen überfordert fühlen, etablierte Hilfsmöglichkeiten nicht abrufen, sich niemandem anvertrauen wollen oder können und letztlich über keine ausreichenden Problemlösungsstrategien verfügen“ 49 (vgl. Tab. 1).
40 KUHN, S., S. 126.
41 Vgl. KUHN, S., S. 129.
42 KUHN, S., S. 303.
43 KUHN, S., S. 120.
44 Vgl. HÖKE, S. Anonym Geboren, ein Leben lang auf der Suche, terre des hommes kritisiert Babyklappe und Ano-
nyme Geburt. (2003). http://www.tdh.de/medien/1_2003/babyklappe.htm (03.06.2010).
45 Vgl. KUHN, S., S. 222.
46 Vgl. KUHN, S., S. 221.
47 Vgl. KUHN, S., S. 120.
48 Vgl. KUHN, S., S. 204.
49 KUHN, S., S. 133.
12
Tab. 1: Zielgruppen der Babyklappen 50
Bei den Nutzerinnen des Angebotes handelt es sich häufig um unerfahrene Schwangere, die über kein soziales Netz in ihrem Umfeld verfügen 51 . Zur Zielgruppe gehören des weiteren Minderjährige, „die Angst vor ihren Eltern haben bzw. sich erst im Aufbau ihrer beruflichen Existenz befinden“ und Schwangere, die sich vor „angedrohten Sanktionen ihrer Partner fürchten, falls sie ein Kind gebären“ 52 .
Auch illegale Ausländerinnen könnten auf diesem Weg ihr Baby abgeben, sowie werdende Mütter mit „islamische[r][...] Glaubenszugehörigkeit [,] die scharfe Repressalien von Seiten ihrer Familie erwarten“ 53 . Manchmal handelt es sich auch um Frauen, die bereits Mutter sind und „sich nicht in der Lage sehen, ein weiteres Kind großzuziehen“ 54 . Sie befürchten bei einer Freigabe zur Adoption das Sorgerecht für ihre anderen Sprösslinge zu verlieren. Eine weitere Notsituation, für welche die Babyklappe hilfreich sein soll, ist das Vorkommen einer Schwangerschaft nach einer Vergewaltigung. Darüber hinaus sollen von dem Angebot auch Obdachlose bzw. Frauen mit gravierenden Wohnungsproblemen, Prostituierte, Drogenabhängige sowie anderweitig suchtabhängige Frauen profitieren 55 .
Die Hilfesuchenden stammen „überwiegend (aber keineswegs alle) aus sozial niedrigen Schichten“ 56 . Unter den Motiven der Frauen, die ihr Kind in die Babyklappe legten, befinden sich gra-
50 KUHN,S., S. 302.
51 Vgl. KUHN, S., S. 133.
52 KUHN, S., S. 134.
53 KUHN, S., S. 134.
54 KUHN, S., S. 134.
55 Vgl. KUHN, S., S. 134.
56 HAMPER, J. S., S. 34.
13
vierende Partnerschaftsprobleme, finanzielle Schwierigkeiten und familiärer Druck gegen die Schwangerschaft 57 .
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Zielgruppe von den Befürwortern der Babyklappe weit gefasst wird. Es handelt sich bei den Nutzern jedoch per Definition immer um Frauen, die herkömmliche Hilfen nicht in Anspruch nehmen wollen oder können und unter einer hochgradig psychischen Belastung stehen 58 . Ob die Babyklappen wirklich nur von den in der Zielgruppe Aufgeführten genutzt wird, kann allerdings nicht nachgeprüft werden, da durch die Anonymität eine Kontrolle ausgeschlossen ist 59 .
1.2.1 Funktion der Babyklappe
Bei der anonymen Abgabe durch die Babyklappe handelt es sich um einen technisierten Vorgang. Es muss lediglich die Klappe, die in einem Fenster oder einer Tür eingebaut ist, von außen per Hand aufgezogen werden. Daraufhin kann das Kind auf das Wärmebett dahinter gelegt werden (vgl. Abb. 1).
Abb. 1: Babyklappe im Friederikenstift in Hannover 60
Die Versorgung des Kindes sieht dann zunächst eine ärztliche Untersuchung vor. Wenn das Baby gesund ist, kann es schon am nächsten Tag in eine Pflegefamilie gegeben werden 63 . In der Befragung von Kuhn gaben 74 % von 38 Betreibern an, „dass die Bestellung eines Vormundes
57 Vgl. KUHN, S., S. 306.
58 Vgl. KUHN, S., S. 134-135.
59 Vgl. KUHN, S., S. 138.
60 HANNOVERSCHE ALLGEMEINE. Anonyme Kindesabgabe, Ethikrat will Babyklappe schließen. (26.11.2009).
http://www.haz.de/Nachrichten/Politik/Deutschland-Welt/Ethikrat-will-Babyklappe-schliessen (11.05.2010).
61 Vgl. PETERS, K. Babyklappen - Hilfe für verzweifelte Mütter und ihre Babys? (2001).
http://www.adoptierte.de/tipps/tv_babyklappen.html (11.05.2010).
62 KUHN, S., S. 117.
63 Vgl. PETERS, K. Babyklappen - Hilfe für verzweifelte Mütter und ihre Babys? (2001).
http://www.adoptierte.de/tipps/tv_babyklappen.html (11.05.2010).
14
[für den Findling] sofort nach Erhalt des Kindes in die Wege geleitet wird“ 64 . In 13 % der Fälle geschah es erst, wenn das Kind bei den Adoptivbewerbern aufgenommen wurde 65 . Nach einer bestimmten Frist wird das Kind zur Adoption frei gegeben, falls sich die Mutter oder der Vater des Babys bis zu diesem Zeitpunkt nicht gemeldet und ihr Kind zurückgefordert haben. Bei der Untersuchung von Kuhn ergab sich das Bild, dass von 39 Betreibern 64 % hierbei von einer achtwöchigen Frist ausgehen. 30 % bieten den Müttern und Vätern eine längere Zeitspanne an 66 .
Bei einer Abgabe durch die Babyklappe nahmen nur sieben der Mütter / Väter von 52 Findlingen ihren Zögling wieder zurück. Zwei Kinder wurden regulär zur Adoption freigegeben und 83 % verbleiben dauerhaft in Anonymität. Es ist festzustellen, „dass die Mehrheit der Abgebenden in der Anonymität bleibt“ 67 .
Kuhn stellte auch die Frage nach der Zusammenarbeit in punkto Adoption. Hier gaben 75 % von 40 Betreibern an, „dass sie mit der Vermittlungsstelle eines Jugendamtes kooperieren“ 68 . 15 % greifen auf die zum eigenen Träger / Kooperationspartner gehörende Vermittlungsstelle zurück. „Das Einschalten der Adoptionsvermittlungsstelle erfolgt bei 87 % [von 39] der Betreiber sofort nach dem Erhalt des Kindes“ 69 .
In den Babyklappen liegt meist mehrsprachiges Informationsmaterial für die Abgebenden bereit. Dort sind Daten, wie beispielsweise eine Telefonnummer, aufgeführt, die eine spätere Kontaktaufnahme mit der Einrichtung und das Erkundigen nach dem Kind ermöglichen sollen. Zusätzlich befinden sich häufig Identifizierungshilfen, wie „Stempelkissen für Hand- und Fußabdrücke, Puzzleteile oder Briefe mit Codenummern“ 70 auf dem Wärmebett. Vereinzelte Betreiber legen auch einen Brief an die Mutter in die Babyklappe oder Schreibsachen, damit diese von der abgebenden Person für das Verfassen einer persönlichen Nachricht an das Kind genutzt werden können. Es handelt sich in den unterschiedlichen Einrichtungen meist um eine Kombination von einigen der aufgeführten Beigaben 71 . Für den Identifizierungsnachweis der Mutter oder des Vaters im Falle einer Rückforderung des Kindes werden von manchen Betreibern auch genetische Untersuchungen durchgeführt 72 . Bei der Befragung von Kuhn bejahten dies 66 % von 35 Anbietern. Bei fünf der Babyklappenbetreiber wird ein solcher DNA-Test nicht vorgenommen 73 .
64 KUHN, S., S. 315.
65 Vgl. KUHN, S., S. 315.
66 Vgl. KUHN, S., S. 311.
67 KUHN, S., S. 310.
68 KUHN, S., S. 314.
69 KUHN, S., S. 314.
70 KUHN, S., S. 118.
71 Vgl. KUHN, S., S. 291.
72 Vgl. KUHN, S., S. 118.
73 Vgl. KUHN, S., S. 311.
15
1.2.2 Missbrauch und Probleme der Babyklappe
Wenn man die Funktion der Babyklappe und die Vorgehensweise ihrer Betreiber genauer untersucht, kommt die Befürchtung auf, dass es neben den positiven Rückmeldungen auch Probleme gibt. Die befragten Landesjugendämter in Kuhns Untersuchung nahmen an, „dass es zu einer missbräuchlichen oder zweckentfremdeten Nutzung der anonymen Sozialregulation kommen kann“ 74 .
Wenn man die Betreiber selbst die Schwachstellen der Babyklappe einschätzen lässt, kommen 86 % von 44 zu dem Ergebnis, dass sie keinen Missbrauch befürchten. Lediglich 14 % erwarten eine falsche Nutzung 75 .
Die Landesjugendämter führen in diesem Zusammenhang jedoch an, dass „die regulären Hilfen und Dienstleistungen (einschließlich des Adoptionsverfahrens)“ umgangen werden könnten, „das Personenstandsrecht [...] unterminiert [wird], und auch die Rechte der leiblichen Väter [...] verletzt“ 76 werden. Wenn das herkömmliche Adoptionsverfahren bewusst ignoriert wird, ist der Schritt zum professionellen Kinderhandel nicht mehr weit. Eine offizielle Nicht-Existenz, her-vorgerufen durch eine Namens- und Herkunftslosigkeit eines Kindes würde die kriminellen Machenschaften bedeutend erleichtern 77 . „[D]er Kauf und Verkauf von Neugeborenen [könnte] durch das Klappenpersonal“ 78 betrieben werden, sowie ein Missbrauch der Identitätszeichen, da nicht alle Betreiber einen DNA-Test zur Rückgabe des Kindes fordern. Die Betreiber bemängeln und räumen ein, dass bei der Babyklappe „die medizinische Betreuung der Mutter nicht gewährleistet“ ist und „möglicherweise nicht die anvisierte Zielgruppe erreicht“ 79 wird. Außerdem ist eine spätere Kontaktaufnahme mit der Mutter äußerst schwierig. Es kann auch zu einer totalen Zweckentfremdung der Babyklappe als Entsorgungseinrichtung „für irgendwelche Gegenstände oder Tierkadaver“ 80 kommen. Ein weiterer Missbrauch scheint insofern gegeben zu sein, als dass „nicht nur Neugeborene in die Babyklappe abgelegt werden“ 81 . Nicht nur älterer Kinder entledigt man sich auf diesem Weg, auch behinderte und tote Kinder stranden in diesen Einrichtungen 82 . Allein in Hamburg wurden bereits drei Schwerbehinderte abgegeben 83 .
74 KUHN, S., S. 366.
75 Vgl. KUHN, S., S. 323.
76 KUHN, S., S. 366-367.
77 Vgl. HAMPER, J. S., S. 48.
78 KUHN, S., S. 208-209.
79 KUHN, S., S. 322.
80 KUHN, S., S. 322.
81 DEUTSCHER ETHIKRAT, http://www.ethikrat.org/publikationen/dateien/pdf/Wortprotokoll_2008-10-
23_Website.pdf, S. 21 (15.05.10).
82 Vgl. KUHN, S., S. 322.
83 Vgl. KUHN, S., S. 201.
16
Ein großes Problem besteht darin, dass nicht kontrolliert werden kann, wer das Baby in die Klappe legt. Jedem ist es auf diese Weise möglich, ein Kind los zu werden. Damit besteht die Gefahr eines Kindesentzugs für mindestens einen Elternteil 84 . Von der Einrichtung einer anonymen Kindesabgabe profitieren können „Missbraucher Minderjähriger, Kinderhändler, Vergewaltiger und Zuhälter, deren Straffreiheit nun bereits unmittelbar mit dem Verschwinden des Babys in der Babyklappe als garantiert gelten dürfte“ 85 , da der Beweis mit der Abgabe verschwindet.
Die Landesjugendämter sehen daher in dem anonymen System den eigentlichen Missbrauch, da die Angebote gesetzeswidrig sind und Frauen „zu einer Abgabe ihres Kindes gezwungen werden“ 86 könnten.
Es besteht die Gefahr, dass durch die Babyklappe der Mangel an gesunden Säuglingen auf dem Adoptionsmarkt ausgeglichen werden soll. Die Zahlen der Bewerberpaare übersteigt die der zur Adoption freigegebenen Kinder um ein Vielfaches. So wäre denkbar, dass am Ende nicht die in Not geratenen Frauen, sondern kinderlose Paare von dem anonymen Angebot profitieren, weil sie so ein gesundes Baby erhalten könnten 87 .
Kritiker fassen unter den Schwachstellen der Babyklappe „die Förderung der Abgabementalität, das Alleinlassen der Mutter bei und nach der Geburt [...] oder die vermeintlich vorprogrammierten Langzeitfolgen für Mutter und Kind“ 88 zusammen.
1.2.3 Heutige Situation
Am 8. April 2010 wurde die Einrichtung der Babyklappe in Deutschland zehn Jahre alt. „Bis heute sind die Babyklappen vom Gesetzgeber rechtlich nicht abgesichert worden, und es gibt keine bundesweit einheitlichen Kriterien, die dezidiert festlegen, wer konkret eine Babyklappe betreiben darf, welchen Ausbildungsstandard die Mitarbeiter der jeweiligen Einrichtung vorzuweisen haben, inwieweit sich eine Kooperation mit dem zuständigen Jugendamt zu erstrecken hat etc.“ 89 .
Im Jahr 2007 ging der Deutsche Bundestag davon aus, dass es in Deutschland 76 Babyklappen gab 90 . Der deutsche Ethikrat hielt 2009 eine Zahl von ca. 80 Klappen für zutreffend 91 . SterniPark
84 Vgl. HAMPER, J. S., S. 47.
85 BABYKLAPPE - NEIN DANKE. Anonyme Geburten retten kein einziges Kind! Babyklappen verhindern keinen
einzigen Babytod! (15.07.2002) http://www.babyklappe-nein-danke.de/ (16.06.2010).
86 KUHN, S., S. 367.
87 Vgl. HAMPER, J. S., S. 48.
88 KUHN, S., S. 323.
89 KUHN, S., S. 120-121.
90 Vgl. DEUTSCHER BUNDESTAG 16. Wahlperiode, Drucksache 7220, Antwort der Bundesregierung auf die Große
Anfrage der Abgeordneten Ina Lenke, Gisela Piltz, Sibylle Laurischk, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der
FDP - Drucksache 16/5489 - Auswertungen der Erfahrungen mit anonymer Geburt und Babyklappe. 15.11.2007, S.
28.
17
sprach im April 2010 in einer Pressemitteilung von 96 Babyklappen in Deutschland 92 . Im Dezember 2009 veröffentlichte der Verein allerdings zuvor noch eine Liste mit 89 Klappen und zehn anonymen Übergabestellen 93 . Aus diesen abweichenden Zahlen lässt sich erkennen, dass es keine gesicherten Daten in Bezug auf diese Einrichtungen gibt. Auch „[g]enaue Zahlen darüber, wie viele Kinder seit Einführung von Babyklappen anonym abgegeben wurden, liegen nicht vor“ 94 . Ein entscheidender Grund dafür ist die unbefriedigende Auskunft der Anbieter über die Inanspruchnahme dieser Einrichtungen 95 . Laut Bundesregierung wurden zwischen 2001 und Juni 2007 143 Kinder in Babyklappen abgegeben. „Die Zahl berücksichtigt allerdings nicht die 34 Klappen in Nordrhein-Westfalen und Bayern“ 96 . SterniPark zählte bis Dezember 2009 mindestens 219 Kinder, die durch eine Babyklappe oder eine anonyme Übergabe abgegeben wurden 97 . In den Jahren 2002, 2004 und 2006 gab es nicht repräsentative Erhebungen. Nach diesen wurde geschätzt, „dass durch die Angebote anonymer Kindesabgabe seit deren Einführung ca. 300 bis 500 Kinder zu Findelkindern mit dauerhaft anonymer Herkunft wurden“ 98 . Heute, vier Jahre später, dürften die Zahlen bedeutend höher sein.
Das Alter der abgegebenen Babys liegt bei 85 % unter zwei Tagen. In Kuhns Untersuchung zeigte sich des Weiteren, dass „zwei Kinder ca. drei bis acht Tage alt, vier Kinder [...] zwischen drei und 14 Wochen alt, und ein Kind [...] deutlich älter“ 99 war.
„Nach Recherchen von terre des hommes [...] [ist] die Zahl getöteter Neugeborener in den letzten Jahren trotz der Existenz von Babyklappen nicht rückläufig“ 100 . Dies kann in einer Tabelle des Deutschen Ethikrates abgelesen werden (vgl. Tab. 2).
91 Vgl. DEUTSCHER ETHIKRAT, Das Problem der anonymen Kindesabgabe, S. 13.
92 Vgl. STERNIPARK Projekt Findelbaby. Zehn Jahre Babyklappe - Pressemitteilung. (08.04.10).
http://www.sternipark.de/fileadmin/content/PDF_Upload/Pressemitteilung_10_Jahre_Babyklappe_08_04_2010.pdf
(19.05.2010).
93 Vgl. STERNIPARK E.V.. Übersicht Babyklappen deutschlandweit. (2009).
http://www.sternipark.de/fileadmin/content/Babyklappen_in_Deutschland.pdf (19.05.2010).
94 STAECK, F. Ethikrat hält Babyklappen für verfehlt. (26.11.2009).
http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/medizinethik/article/578447/ethikrat-haelt-babyklappen-
verfehlt.html (15.05.2010).
95 Vgl. STAECK, F. Ethikrat hält Babyklappen für verfehlt. (26.11.2009).
http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/medizinethik/article/578447/ethikrat-haelt-babyklappen-
verfehlt.html (15.05.2010).
96 DEUTSCHER ETHIKRAT, Wortprotokoll vom 26.06.2008, S. 3.
97 Vgl. STERNIPARK E.V.. Übersicht Babyklappen deutschlandweit. (2009).
http://www.sternipark.de/fileadmin/content/Babyklappen_in_Deutschland.pdf (19.05.2010).
98 DEUTSCHER ETHIKRAT, Das Problem der anonymen Kindesabgabe, S. 25.
99 KUHN, S., S. 308.
100 TERRE DES HOMMES. Terre des hommes begrüßt Entscheidung des Ethikrates, Hilfe für Mütter in Not statt ano-
nymer Kindesabgabe. (26.11.2009).
http://www.tdh.de/content/presse/pressemeldungen/detail.htm?&view=detail&id=283&year=2009 (11.05.2010).
18
Tab. 2: Tot beziehungsweise ausgesetzt-lebend aufgefundene Neugeborene im Vergleich der Jahre 1999-2009 101
1.3 Die anonyme Geburt
Durch positive Medienberichte über Babyklappen und deren Erfolge verbreitete sich in Deutsch-land ein Klima, welches auch die Einführung der anonymen Geburt erlaubte und förderte. Durch die Auffassung, dass es sich im Vergleich zur Babyklappe bei dem Angebot um eine ganzheitliche Maßnahme handele, erntete die Umsetzung eine noch breitere Zustimmung 102 . So gab es bereits im Jahr 2002 in Thüringen und Baden-Württemberg die Bestrebung, die anonyme Geburt flächendeckend zu etablieren 103 .
Die erste anonyme Geburt wurde im Dezember 2000 mit Unterstützung von SterniPark e.V. durchgeführt 104 .
Wie bei der Babyklappe kann die Mutter auch bei diesem Angebot anonym bleiben und es wird das primäre Ziel, das Leben von Neugeborenen zu retten, verfolgt 105 . Von einigen Befürwortern wird die anonyme Geburt als „eine Alternative zu einem Schwangerschaftsabbruch gesehen“ und „als umfassenderes Lebensschutzinstrumentarium“ 106 verstanden. Diese Form der Niederkunft wurde an einigen Kliniken mit der Begründung eingeführt, dass ein Moses-Projekt oder eine soziale Einrichtung um Kooperation baten. In einigen Fällen kam die Initiative auch aus der Politik oder von privaten Personen 107 . Zu den weiteren Gründen für das Angebot der anonymen Geburt gehören die „ethische Verantwortung eines jeden Arztes [...] und humanistische bzw. christ-
101 DEUTSCHERETHIKRAT, Das Problem der anonymen Kindesabgabe S. 24.
102 Vgl. KUHN, S., S. 151.
103 Vgl. KUHN, S., S. 155.
104 Vgl. KUHN, S., S. 149. siehe 1.4.2
105 Vgl. KUHN, S., S. 147.
106 KUHN, S., S. 163.
107 Vgl. KUHN, S., S. 328-329.
19
liche Leitideen“ 108 . Die anonyme Geburt wird auch als Ergänzung oder Alternative zur Babyklappe gesehen 109 .
Einige Frauen gebären ihr Baby allein, ohne fachmännische Unterstützung. „Diese Situation ist für Mutter und Kind mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden“ 110 . Die anonyme Geburt im Krankenhaus bietet neben einer sicheren Atmosphäre „volle fachliche Unterstützung, medizinische Versorgung und menschliche Zuwendung und Wärme während der [...] [Niederkunft]“ 111 . Es muss allerdings diskutiert werden, wer die Kosten für dieses Angebot zu tragen hat 112 . Unklar ist z. B. die Finanzierung des Unterhalts eines anonym geborenen Kindes mit Behinderung, für das keine Adoptiveltern gefunden werden 113 .
Zu den flankierenden Hilfsmaßnahmen gehören die „psychosoziale Beratung / Begleitung“, „die Vermittlung zu regulären Beratungseinrichtungen“ 114 und bei Bedarf die Unterbringung der Frau in einer Wohnstätte.
Durch die zusätzlichen Maßnahmen während der Entbindung wird die anonyme Geburt von Be-fürwortern als Weiterentwicklung der Babyklappe verstanden. Es gibt zum Beispiel Initiatoren, die sich „ausschließlich auf das Angebot der anonymen Geburt konzentrieren und der Installation einer Babyklappe ablehnend gegenüberstehen“ 115 .
Tab. 3: Zielgruppen der anonymen Geburt 116
108 KUHN, S., S. 337.
109 Vgl. KUHN, S., S. 338.
110 HAMPER, J. S., S. 42.
111 HAMPER, J. S., S. 42.
112 Vgl. KUHN, S., S. 150.
113 Vgl. KUHN, S., S. 350-351.
114 KUHN, S., S. 330.
115 KUHN, S., S. 149.
116 KUHN, S., S. 336.
20
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Stefanie Benner, 2010, Babyklappe und anonyme Geburt, München, GRIN Verlag GmbH
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