1. Einleitung
"Our policy is directed not against any country or doctrine but against hunger, poverty, desperation, and chaos. Its purpose should be the revival of a working economy in the world so as to permit the emergence of political and social conditions in which free institutions can exist." 1
So beschreibt George Catlett Marshall am 5. Juni 1947 seine Vorstellung der Politik nach dem 2. Weltkrieg. Dieser Auszug aus seiner berühmten Rede in Harvard legt die Grundzüge und Ziele eines Wiederaufbauprogramms für Europa dar, das allgemein unter dem Namen Marshall-Plan oder offiziell als European Recovery Program in die Geschichte eingehen sollte. Auf den wirtschaftlichen Aufbau des nach dem Krieg verwüsteten Europas sollte natürlich das Hauptaugenmerk gelegt werden. Weiterhin verfolgten die USA ebenso ökonomische, politische und strategische Ziele unterschiedlicher Art. Für dieses Programm wurden insgesamt 14 Milliarden Dollar bereitgestellt, die den 16 teilnehmenden europäischen Ländern: Großbritannien, Frankreich, Italien, Westdeutschland, Niederlande, Griechenland Österreich, Belgien, Dänemark, Irland, Island, Luxemburg, Norwegen, Portugal, Schweden und der Türkei als Unterstützung dienen sollten. 2 Mit dem Marshall-Plan wurde eine bis dato noch nie vorgekommene Dimension internationaler Wirtschaftspolitik erreicht. An der Aktualität des Themas ist nicht zu rütteln, angesichts unserer heutigen Wirtschaftslage rückt der Marshall-Plan mit seinem enormen Erfolg nach und nach wieder in den Vordergrund und Hilfswerke. 3 steht mit seinem Namen sogar Pate für internationale
Ziel dieser Arbeit ist es zu untersuchen, welches Handlungsmotiv die USA zur Durchführung des Marshall-Plans bewegte. Es soll die These unterstrichen werden, dass über allen Hilfsmaßnahmen die Containment-Politik, also die Eindämmung des Sowjetkommunismus das wichtigste Handlungsmotiv der Vereinigten Staaten von Amerika darstellte.
1 Zitiert aus: Agnew, John / Entrikin, J. Nicholas: The Marshall Plan today: model and metaphor, New York, 2004. S. XV.
2 Hardach, Gerd: Der Marshall-Plan.Auslandshilfe und Wiederaufbau in Westdeutschland 1948-1952, München, 1994. S. 9.
3 Vgl. http://www.globalmarshallplan.org ,[ zuletzt eingesehen am 25.08.2009].
2
2. Forschungsansätze
John Gimbel, der sich als einer der Ersten mit Untersuchungen zum Marshall-Plan beschäftigte, befasste sich mit der Entstehungsgeschichte des Marshall-Plans. 4 Seine jedoch umstrittene Hauptthese, der Marshall-Plan diene hauptsächlich der Verzahnung des deutschen mit dem europäischen Wiederaufbau, wird heute zurückgewiesen. Jüngere Zeithistoriker sehen das ERP dagegen hauptsächlich als Defensivkonzept der Vereinigten Staaten von Amerika gegen das sowjetische Expansionsstreben. 5 Bereits 1978 interpretierte Friedrich Jerchow den Marshall-Plan als Schlüssel zur Westintegration und Instrument einer umfassenden Außenwirtschaftspolitik. 6 Anknüpfend an diese Arbeit folgte eine Reihe von Untersuchungen zur amerikanischen Deutschlandpolitik am Beispiel des Marshall-Plans als Integrationsinstrumente zur Einbeziehung Westdeutschlands. Hierbei wurden Durchführung, Ziele und Ergebnisse des ERP ausführlich erörtert. 7 Als weiterer kritischen Historiker ist hier Manfred Knapp zu erwähnen, der die Lückenhaftigkeit von Gimbels Betrachtung ausführlich dargelegt hat. So äußert er sich diesbezüglich so:
„In Gimbels Untersuchung wird nicht klar genug herausgearbeitet, daß die amerikanische Deutschlandpolitik gerade durch den Marshall-Plan zum Teilstück einer umfassenden Stabilisierungspolitik in Europa geworden war.“ 8
Zusätzlich zu den genannten Einzelmeinungen der Historiker kann die Ansicht über die Handlungsmotive der USA die zum Marshall-Plan führten, in zwei Lager aufgegliedert werden.
Zum einen die so genannte “revisionistische Geschichtsschreibung“, die als Hauptmotiv die ökonomischen Gesichtspunkte in den Vordergrund rückt, bei denen es sich um das amerikanische Interesse an einem „Durchdringen des europäischen Marktes“ dreht. Zum anderen die “traditionalistische Geschichtsschreibung“, welche die Ansicht vertritt, dass der
4 Gimbel, John: The Origins of the Marshall Plan, Stanford, 1976.
5 Schröder, Hans-Jürgen: Marshallplan. Amerikanische Deutschlandpolitik und europäische Integration 1947-1950, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 18, 1987.
6 Jerchow, Friedrich: Deutschland in der Weltwirtschaft 1944-47. Alliierte Deutschland- und Reparationspolitik und die Anfänge der westdeutschen Außenwirtschaft, Düsseldorf, 1978.
7 Vgl. Herbst, Ludolf / Bührer, Werner / Sowade, Hanno: Vom Marshallplan zur EWG. Die Eingliederung der Bundesrepublik in die westliche Welt, München, 1990.
Maier, C.S. (Hrsg.): The Marshall Plan and Germany. West German Development within the Framework of the European Recovery Program, Oxford u.a., 1991.
8 Knapp, Manfred: Das Deutschlandproblem und die Ursprünge des Europäischen Wiederaufbauprogramms. Eine Auseinandersetzung mit John Gimbels Marshall-Plan-Thesen, in: Schröder, Hans-Jürgen (Hrsg.): Marshall-Plan und westdeutscher Wiederaufstieg. Positionen - Kontroversen, Stuttgart 1990. S. 22ff.
3
Marshall-Plan hauptsächlich dazu konzipiert war, die Eindämmungspolitik Amerikas voranzutreiben. 9 Dieser Auffassung geht auch diese Arbeit nach.
3. Containment-Politik
Schon die Endphase des Zweiten Weltkriegs war gezeichnet von Spannungen zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion. 10 Die expansive Außenpolitik Stalins, sowie sein sicherheitspolitisches Bestreben, die sowjetischen Staaten mit einer Grenzlinie freundlich gesinnten Staaten zu umgeben, stand im Widerspruch zur Auffassung der Vereinigten Staaten. Die USA nämlich setzten das Selbstbestimmungsrecht der Völker in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung. So wurde die politische Übernahme Polens zum ersten anschaulichen Beispiel dafür. 11 Diesem Expansionsstreben Stalins missfiel den USA, was dazu führte, dass Harry S. Truman ein außenpolitisches Konzept auf den Weg brachte, das jedoch unter allen Umständen nicht den Eindruck vermitteln sollte, die USA hätten vor eine imperialistische Politik in Angriff zu nehmen. Zu diesem Zweck setzte Secretary of State George C. Marshall einen außenpolitischen Planungsstab unter George F. Kennan ein. In der Zeitschrift Foreign Affairs erscheint im Juli 1947 der Beitrag “The Sources of Soviet Conduct“, der Von Kennan unter dem Pseudonym “ X“ verfasst wurde. 12 In diesem Artikel stellt er die Containment-Politik vor und erläutert dabei die Schwäche des Sowjetischen Systems, dessen Expansionsdrang durch die Vereinigten Staaten von Amerika eingedämmt werden kann.
Bereits am 12. März 1947 hatte Harry S. Truman mit der nach ihm benannten Truman Doktrin die Linie der amerikanischen Außenpolitik dargelegt und darin die aktive Unterstützung anderer Staaten gegen kommunistische Bedrohungen versichert:
At the present moment in world history nearly every nation must choose between alternative ways of life. The choice is too often not a free one.
One way of life is based upon the will of the majority, and is distinguished by free institutions, representative government, free elections, guarantees of individual liberty, freedom of speech and religion, and freedom from political oppression.
9 Clemens, Gabriele / Reinfeldt, Alexander / Wille, Gerhard: Geschichte der europäischen Integration. Ein Lehrbuch, Paderborn, 2008.
10 Duignan, Peter / Gann, Lewis H.: World War Two in Europe, Stanford University, 1995. S. 48 ff.
11 Angermann, Erich: Die Vereinigten Staaten von Amerika seit 1917, München, 1983. S 272.
12 Rhode, Christoph: Hans J. Morgenthau und der weltpolitische Realismus, Wiesbaden, 2004. S. 284 ff.
4
Arbeit zitieren:
Verena König, 2009, Der Marshall-Plan und das Handlungsmotiv der USA, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg: Der Marshall-Plan und das Handlungsmotiv der USA ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg: neuer Titel erschienen: Der Marshall-Plan und das Handlungsmotiv der USA
Verena K. hat einen neuen Text hochgeladen
The Path to European Union: From the Marshall Plan to the Common Marke...
Hans A. Schmitt, Unknown
0 Kommentare