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Der vorliegende Textausschnitt stammt aus dem Roman „Irrungen, Wirrungen“, des Schriftstellers Theodor Fontane. Er gilt als Meisterwerk des poetischen Realismus und wurde von Fontane im Jahr 1888 veröffentlicht. In seinem Buch beschreibt Fontane die Liebesbeziehung von Botho und Lene, zweier Menschen, die unterschiedlichen Ständen der damaligen Zeit angehören. Zum Handlungszeitpunkt des Textausschnittes leben Botho und Lene bereits getrennt voneinander, nachdem sie die Beziehung aufgrund der Standesunterschiede und den aus ihren Ständen resultierenden Pflichten beenden mussten. Der Ausschnitt beginnt an einer Stelle die dem Leser zeigt, dass Botho gerade von seinem Besuch am Grab der alten Frau Nimptsch zurück gekehrt ist. Er ist froh, allein zu sein, und denkt zunächst an seine Frau Käthe und ihr stets heiteres, teils übertriebenes Wesen. Dann jedoch „holt ihn seine Vergangenheit ein“ und er muss an seine Zeit mit Lene zurück denken. Er entschließt sich die Briefe und Blumen, die er als Andenken an Lene aufbewahrt hat, zu verbrennen, um so seiner Seele endgültig Ruhe vor der Vergangenheit zu verschaffen. Fontane nutzt seine realistische Erzählweise in vielen Bereichen, um auf die sich verändernde Stimmung Bothos im vorliegenden Ausschnitt hinzuweisen. Er beginnt damit, dass er die Wohnung Bothos als einen stillen, verlassenen Ort beschreibt: „in seiner Wohnung war alles still, selbst die Dienstboten fort“. Fontane nutzt diesen ersten „Raum“ um eine klare Trennung zum ersten Teil des Kapitels herzustellen. Dort ist Botho auf dem Friedhof eher in einer aufgewühlten Stimmung und nun ist ihm die Stille und Einsamkeit zunächst „lieb“ (Seite 129, Zeile 31)
Fontane nutzt diesen plötzlichen Wechsel, um Botho zunächst in eine ausgeglichene Gemütslage zurück zu bringen.
Botho bleibt nicht lange in der Wohnung sondern begibt sich auf den Balkon, wo er nach dem Heraufziehen der Marquise die frische Luft genießen möchte. Auf dem Balkon stehend, blickt er in die Ferne und denkt an die dort verlau- fende Bahnstrecke, auf der er seine Frau Käthe vermutet.
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Der Ortswechsel vom Wohnungsinneren hinaus auf den offenen Balkon bietet Fontane die Möglichkeit in Botho eine Entspannung „auszulösen“. Botho tut die frische Luft gut und er vergisst seine Stimmung vom Besuch auf dem Friedhof und kann seine Gedanken „schweifen“ lassen. Zunächst kann Fontane also auf diese Weise dem Leser den Eindruck vermitteln, dass es Botho schon viel besser zumute sein muss.
Diesen Eindruck wandelt Fontane jedoch im weiteren Verlauf des Geschehens. Bothos Gedanken schweifen wieder ab zu vergangenen Erlebnissen mit Lene. (Seite 130, Mitte)
Nachdem Botho zunächst an Käthe gedacht hat, entsinnt er sich seiner gemeinsamen Erlebnisse und seiner Andenken an Lene und wechselt wieder seinen Aufenthalt. Er geht in sein Arbeitszimmer, welches eine genau gegenteilige Lage zum Balkon aufweist.
Das Arbeitszimmer liegt zum Innenhof hin. (S.130, Zeile 34) Es ist somit keine freie Sicht mehr durch ein Fenster in die Ferne möglich. Auch ein erfrischender Luftzug kann durch den Innenhof schwerlich im gleichen Maße aufkommen wie auf dem freiliegenden Balkon und auch die Helligkeit des Raumes wird im Arbeitszimmer gegenüber dem Balkon geringer.
Fontane möchte durch diese „Innenkehrung“ der Örtlichkeiten die plötzlich auftretende „Innenkehrung“ von Bothos Gemütszustand wiederspiegeln. Botho begibt sich, wenn er in sein Arbeitszimmer geht, wieder zurück in die „Welt des Versteckten und Geheimen“ welche er, aufgrund der ihm aufgelasteten Standesschranken, auch früher stets mit Lene aufsuchen musste, um mit ihr abseits des öffentlichen Lebens glückliche, gemeinsame Stunden verbringen zu können.
Ein weiteres Mittel, welches Fontane in seiner Erzählweise nutzt, ist die Gestaltung der zeitlichen Abläufe.
Im vorliegenden Abschnitt behandelt er zum Einen einen kurzen Zeitzwischenraum, gleichzeitig jedoch auch einen sehr langen Zwischenraum der die Monate der Liebesbeziehung zu Lene wieder in Erscheinung treten lässt. Fontane weist die Leser darauf hin, dass Botho in der Nachmittagssonne auf dem Balkon seine Gedanken schweifen lässt. (S. 130, Zeile 2) Diese „Nachmittagssonne ist für Bo-
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tho jedoch nur in Verbindung mit seinem Aufenthalt auf dem frei liegenden Balkon fühlbar. Da jedoch Fontane Botho ins „dunkle Arbeitszimmer“ wechseln lässt, welches selbst am Nachmittag „in tiefem Schatten liegt“, (Seite 130 unten) lässt er auch auf den Leser einen zumindest optisch spürbaren Zeitwechsel einwirken, da für den Leser der Eindruck entsteht, als ob Botho vom helllichten Tag in finstere Nacht wechseln würde, was auch letztlich wieder Bothos Gemütswechsel in der Situation veranschaulicht.
Die zweite Form, wie Fontane die Zeit in seine Erzählweise einbindet, wird dadurch veranschaulicht, dass Botho auf ein längst vergangenes Ereignis zurück blickt und es im Geiste noch einmal durchlebt, als sei es gerade erst vorbei. (S. 130, Zeile 20)
Fontane „überbrückt“ diese sehr lange Zeitspanne, um den Leser direkt wieder Bothos „letzte glückliche Stunde“ vor Augen zu führen. Auch kann Fontane hierdurch die Grundvoraussetzung schaffen, dass Botho seinen Entschluss fassen kann, die Briefe und Blumen zu verbrennen.
Darüber hinaus nutzt Fontane verschiedene Motive um die aktuellen „Launen“ seiner Charaktere stärker zum Vorschein zu bringen. Im Textauszug verwendet er z.B. die herabgelassene Marquise (S. 129 unten) um dem Leser eine gewisse „Eingeengtheit“ Bothos vor Augen zu führen. Auch lässt er wieder eine „Schlosskuppel“ vor Bothos Augen auftauchen. Diesmal jedoch nicht das „glanzlose“ Türmchen von Dörrs Schuppen sondern die „schimmernde“ Schlosskuppel des Charlottenburger Schlosses. In diesem Moment kann das Schloss als Symbol für Bothos tatsächlichen gesellschaftlichen Stand gelten, da Botho im gleichen Gedankengang an seine adelige Frau Käthe und nicht an die kleinbürgerliche Lene denkt. Danach verwendet Fontane jedoch wieder Motive, die auf das vergangene Leben mit Lene hinweisen. So bewahrt Botho beispielsweise seine Andenken an Lene in seinem Geheimfach auf. (Seite 131 oben) Hier setzt sich Bothos seelischer Konflikt fort, welchen er schon in der Zeit mit sich trug, als er noch mit Le- ne zusammen war.
Arbeit zitieren:
Christian Johannes von Rüden, 2008, Vergleichende Analyse eines Auszugs aus "Irrungen, Wirrungen" von Theodor Fontane mit einem Textauszug aus dem Sachtext "Irrungen, Wirrungen. Sprachbewusstsein und Menschlichkeit" von Walter Hettche, München, GRIN Verlag GmbH
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