-2-das offene Fenster den Einsteig für diese bildet.
Doch das Fenster, das zum Bühnenbild gehört und dessen Benutzung in Dramen durch Regieanweisungen angegeben wird, kann auch den Eindruck der Unzufriedenheit, der Unentschlossenheit aber auch der Besorgnis machen. Das kann sich dann z.B. dadurch äußern, dass die Charaktere sich Gedanken über den weiteren Verlauf ihres Lebens machen, deren Entscheidung dann starken Einfluss auf den Verlauf des Buches nehmen. Dies kann auch durch Regieanweisungen verdeutlicht werden. „(Schlägt das Fenster
Das Zuschlagen des Fensters resultiert aus der Beleidigung Maries als „Jungfer“ durch Margreth, woraufhin Woyzecks Geliebte sich Gedanken darüber macht. Diese ist unentschlossen, ob sie zu Woyzeck - und somit zu dem Vater des Kindes, der unter psychischen Störungen leider, halten soll, oder zu dem prestigeträchtigen Tambourmajor, der über viel Ansehen verfügt und attraktiv zu sein scheint. Dies ist ein wichtiger Gedankenzwiespalt, da die schwere Entscheidung, die Fräulein Zickwolf zu treffen hat, große Auswirkungen auf den Verlauf des Dramas hat. Doch auch Kommunikationsschwierigkeiten können durch Regieanweisungen und die Veränderung von Objekten auf der Bühne deutlich gemacht werden - und die können einen großen Einfluss auf den Verlauf eines Dramas haben. Denn so kann ein Gegenstand zwischen zwei Darstellern stehen, der die Kommunikationsaufnahme sehr schwierig macht oder sie vielleicht zur Gänze verhindert. „(Es [Woyzeck] klopft am Fenster.)“ (S. 11 Z. 7)
Anders als der Tambourmajor, der es bedingt durch das offene Fenster leicht hatte, Kontakt mit Marie aufzunehmen, muss Woyzeck an das Fenster klopfen, wie die Regieanweisung zeigt. Diese Situation ist eine Symbolik dafür, dass etwas zwischen Marie und Woyzeck steht, das vielleicht auch ihre Beziehung belastet. Während die Regieanweisung eben Marie noch als zweifelnde Frau darstellte, gibt sie nun Auskunft darüber, dass Marie sich wahrscheinlich für den Tambourmajor entscheiden wird, was schließlich auch passiert.
Doch nicht nur die Anordnung von Objekten kann durch Regieanweisungen angegeben werden, sondern auch das Verhalten von Darstellern und Charakteren. So gibt es in der Szene durch Regieanweisungen Auskünfte über die Beziehung von Marie zu ihrem Sohn Christian, welche sie durch ihr Verhalten andeutet. „MARIE (das Kind wippend auf dem Arm)“ (S. 10 Z. 4).
Diese Angabe der Regie zeigt, dass Marie ihr Kind liebt, da sie es sonst nicht wippend auf dem Arm hielte, sondern ein anderes Verhalten an den Tag legte. Außerdem zeigt es die Schwere der Entscheidung, die Marie noch vor sich hat, denn bevor sie sich endgültig entschließt, sich auf eine
-3-Beziehung mit dem Major einzulassen, unternimmt sie erst nochmal etwas mit Woyzeck, als sie mit ihm auf den Rummelplatz geht.
Als nächstes belege ich meine Interpretationshypothese mit der Kommunikationsstruktur und den Redebeiträgen innerhalb dieser Szene. Die Struktur der Kommunikation in einem Drama kann zum Beispiel durch die Redereihenfolge, den Abläufen der Konversation und durch einige andere Aspekte Rückschlüsse darauf führen lassen, wie es mit dem Buch weitergehen könnte. Doch auch die Redebeiträge können nicht irrelevant sein, denn zum Teil lassen unter anderem neidische Bemerkungen oder zynische Kommentare erahnen, wie sich die Beziehung zwischen zwei Personen verbessert oder verschlechtern kann. Dies ist innerhalb dieser Szene öfter der Fall. „MARIE. Er steht auf seinen Füßen wie ein Löw“ (S. 10 Z. 8).
Die Redensart „Er steht auf seinen Füßen wie ein Löw“ war in der früheren Zeit ein Ausdruck der Anerkennung und der Bewunderung. Dieser Redebeitrag zeigt, dass Marie den Major sehr bewundert und scheinbar Gefühle für ihn entwickelt. Woyzecks Geliebte deutet somit etwas an, das auf den Verlauf des Buchs zutrifft, denn wie man im Verlauf des Dramenfragments erfährt, geht Marie wirklich eine Beziehung mit dem Tambourmajor ein.
Wie oben in der Einführung dieses Abschnitts beschrieben, kann auch die Reihenfolge, in der in einem Drama geredet wird, von großer Relevanz sein. Diese Form der Kommunikationsstruktur haben wir auch in dieser Szene vorliegen, da zuerst der vermeintliche neue Geliebte von Marie Kontakt mit ihr aufnimmt und erst zum Schluss Woyzeck kommt.
„(Tambourmajor grüßt.) […] (Es [Woyzeck] klopft am Fenster.)“ (S. 10 Z. 9 - S. 10. Z. 7). Woyzeck, der zu diesem Augenblick noch offiziell der Geliebte von Marie und der Vater ihres gemeinsamen Kindes ist, erscheint erst am Schluss der Szene und scheint ein wenig in die Enge gedrückt, da er nur sehr kurz vorkommt. Auch bei der Kommunikationsstruktur ist das Fenster, wie schon in der Analyse der Regieanweisungen erwähnt, von großer Relevanz, denn dieses „teilt“ die beiden Geliebten von Marie. Die Redereihenfolge ist praktisch so eingefädelt, dass der Tambourmajor nichts von Woyzeck - und Woyzeck nichts vom Tambourmajor weiß. Das ist ein weiterer Indiz dafür, dass diese Szene schon den Verlauf des Buches wiederspiegelt, denn nur wenn man eine Affäre mit einem anderen Mann hat, versucht man, dass der momentan Geliebte hiervon nichts erfährt.
Auch die Redebeiträge und die Menge dieser kann den weiteren Verlauf eines Dramas andeuten. Dies kann z.B. dadurch geschehen, dass jemand mit einer anderen Person in Hektik spricht, während eine andere Person zwar auch nur kurz, aber ruhig und bestimmt mit dieser spricht - und somit einen anderen Eindruck vermittelt. Auch dieser Fall tritt in dieser Szene ein.
-4-„MARIE. Wer da? Bist du's Franz? Komm herein! WOYZECK. Kann nit. Muss zum Verles“ (S. 11 Z. 8f.).
Woyzeck findet noch nicht einmal die Zeit, in Ruhe mit Marie zu reden und kann dies nur sehr kurz tun. Zwar ist die nonverbale Kommunikation zwischen dem Tambourmajor kürzer und findet ohne Worte statt. Dafür ist diese aber um einiges entspannter als die mit Woyzeck und für Marie wahrscheinlich auch ein wenig romantischer. Dies ist ein weiterer Aspekt, der die „Spannung“ zwischen Marie und Woyzeck zeigt.
Als letzten Punkt bringe ich bei der Kommunikationsstruktur und den Redebeiträgen die Qualität dieser, gemessen am Beziehungsstatus der an der Konversation beteiligten Personen, ein. So kann es bei Redebeiträgen zu Streit oder zu einer Verärgerung kommen, die sich negativ auf die Beziehung der Redeteilnehmer auswirkt. Auch ein qualitativer Beitrag kann theoretisch, wenn er jemanden verärgert, ein nicht qualitativer Redebeitrag sein. „WOYZECK. Er ist hinter mir gegangen bis vor die Stadt. Was soll das werden? MARIE. Franz!“ (S. 11 Z. 15 ff.).
Bei diesem Zitat handelt es sich um einen nicht qualitativen Redebeitrag, der unter Umständen die Beziehung zwischen Woyzeck und Marie weiter verschlechtert hat. Der niederrangige Soldat, der von den Meisten verpönt wird, leidet unter psychischen Problemen und geht Marie damit wieder einmal auf die Nerven, die hierdurch ziemlich verärgert - und vielleicht auch verzweifelt scheint, sodass diese Konversation womöglich den Ausschlag dafür gibt, dass sie Woyzeck verlässt und mit dem Tambourmajor eine Beziehung eingeht. Somit ist diese Textpassage wichtig für den weiteren Verlauf des Dramas.
„MARIE. Der Mann! So vergeistert. Er hat sein Kind nicht angesehen“ (S. 11 Z. 19f.). Diese Bemerkung ist die Folge der nicht qualitativen Redebeitrags, der dafür sorgt, dass Marie verzweifelt. Durch die Regieanweisung konnte man sehen, dass Marie ihren Sohn sehr liebt und deswegen im Mittelteil der Szene unentschlossen ist, für welchen Mann sie sich entscheiden soll. Da kann die Tatsache, dass Woyzeck sein eigenes Kind nicht angeschaut hat, entscheidend dafür sein, dass Marie ihn verlässt, was im Verlauf des Buchs passiert und somit die Interpretationshypothese stützt.
Zu guter Letzt befasst sich meine Analyse mit der Sprache innerhalb dieser Szene und dem Kinderlied, dass Marie ihrem Kind vorsingt.
Dies scheint zuerst nicht relevant, jedoch kann man durch die Sprache und die Ausdrücke bestimmte Personen Rückschlüsse darauf führen, aus welchem Stand diese kommen und das kann wiederum Einfluss auf den Verlauf des Dramas haben.
Arbeit zitieren:
Simon Winzer, 2011, Die Bedeutung der zweiten Szene des Dramas "Woyzeck" für das gesamte Buch, München, GRIN Verlag GmbH
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