den der Traumdeutung als zu witzig […]“ 2 kritisiert. Hinter dieser Aussage verbirgt sich nichts anderes als ein Generalangriff auf die eben erst auf die Couch gesunkene Methodik der Traumanalyse, denn unausgesprochen vertritt Fließ die These, lediglich der Analysand selbst sorge für die witzige Komponente der Träume. Indem dieser aus wüst-‐wirren Traumfragmenten des Patienten einen kohärenten Sinnzusammenhang stiften wolle, was ihm nur mit dem Kleister der logischen Junktoren gelingen kann, erschaffe er die Choreografie eines albernen Traumtänzers, der sich unbeholfen von einem Spotlight zum nächsten windet; und somit sei die Geschichte, in die sich ein Traum im Notizblock des Psychologen verwandelt, alleiniger Verdienst des synthetischen Bewusstseins und damit in etwa so viel wert wie ein geselliges Kombinationsspiel, bei dem man zugerufene Albernheiten möglichst spaßig zusammenfügt. Als lyrischer Ausdruck der Unauslotbarkeit der Psyche ist die zufällige Begegnung eines Regenschirmes mit einer Nähmaschine auf dem Seziertisch sicherlich attraktiv; wissenschaftlich gesehen bleibt sie obskur.
Freuds Reaktion lässt einige Zeit auf sich warten. Vielleicht überlegt er sich die Strategie zur Verteidigung seiner Ideen. Denkbar wäre immerhin auch, dass er Fließ` Einwand mit dem Hinweis auf dessen fachliche Inkompetenz vom Tapet wischt und den witzigen Eindruck auf Fließ` unseriösen Charakter zurückführt. Dafür würde auch der Abbruch der Freundschaft 1904 sprechen, als Freuds Rang den seines ehemaligen intellektuellen Entwicklungshelfers übertrifft und er -auch finanziell-‐ auf eigenen Beinen stehen kann. 3 Doch dann, 1905, als Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten erscheint, zeigt sich, wie umfassend und integrativ Freud arbeitet: er inkorporiert den Witz als basales Element in die menschliche Psyche. Enthält der Traum eines Probanden witzige Fügungen, dann liegt das schlicht an der gemeinsamen Quelle von Traum und Witz. Die selben unbewussten Mechanismen, die einen Traum kreieren, sorgen auch für
2 Tuschling, Anna: Klatsch im Chat: Freuds Theorie des Dritten im Zeitalter elektronischer Kommunikation. 1. Auflage. Bielefeld: transcript-‐ Verlag 2006 ( = Medienanalysen; Bd. 1). (S. 54)
3 Vgl. Lohmann, Hans-‐ Martin: Sigmund Freud. 5. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2004. (S. 36)
2
den darin enthaltenen Witz. Folglich herrscht nach Anna Tuschling mittlerweile Konsens darüber,„[…] dass der Witz als Verteidigungsschrift der Traumdeutung gehandelt wird […]“ 4 , wobei Freud in der Vorrede auch seine ausgeprägte komische Ader als Schaffensgrund angibt. Durch den engen Zusammenhang von Traum und Witz wird auch Freuds Arbeitsweise an dem Buch beeinflusst, denn wie noch niemand vor ihm möchte er die reinen Techniken des Witzes offenlegen, die komische Wirkung quasi als Skelett präsentieren, um ihren universellen Wirkmechanismus zu finden.
Formen des Wortwitzes
Freuds Herangehensweise an das Thema seiner Abhandlung ist dann auch-‐ freilich erst nachdem er die Leistungen seiner Vordenker ausreichend goutiert hat-‐ revolutionär. Mit seinem Urteil, landläufige Witz-‐ Bestimmungen wie etwa Kürze, evozierte Vorstellungskontraste oder ein Verblüffungsmoment seien nicht aussagekräftiger als „[…] eine Reihe von Anekdoten zur Charakteristik einer Persönlichkeit […]“ 5 ,reißt er Oberflächenbetrachtungen dieser Art aus der Vitrine der sauber analysierenden Wissenschaften. Den ersten chirurgischen Schnitt setzt Freud am Träger des Lustvollen in einem witzigen Satz an. Denn wie jede Äußerung ist auch der Witz eine Kombination von sprachlichen Ausdrücken und dadurch vermittelten Gedanken; und mit dem Hinweis auf die Binsenweisheit, dass paraphrasierte Witze häufig eben keine Witze mehr sind, die Semantik allein also oft nur zum Wegnicken reizt, macht sich Freud auf die Fährte der spezifisch witzigen Komponente in der Anordnung des sprachlichen Materials. Die von Freud favorisierte Einteilung in Wort-‐ und Gedankenwitze ist, wie Anke Blasius zusammenfasst, „[…] nicht unumstritten.“ 6 Der Einwand des Literaturwissenschaftlers Wolfgang Preisendanz etwa, ein im Gedankenwitz entfaltetes Thema sei wie auch der
4 Tuschling, Anna (S. 52)
5 Freud, Sigmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten; Der Humor. Neunte, unveränderte Auflage. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2009. (S. 30)
6 Blasius, Anke: Der politische Sprachwitz in der DDR: Eine linguistische Untersuchung. 1. Auflage. Hamburg: Verlag DR. Kovac 2003 (= Philologia; Sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse; Bd. 54). (S. 60) 3
Wortwitz konstitutiv an Sprache gebunden, wodurch jeglicher Unterschied nivelliert werden müsse, klingt plausibel, führt aber an Freuds Analyse
vorbei. Nach Textauszügen von Heinrich Heine oder Georg Christoph Lichtenberg gliedert er die Kunstfertigkeit der humoristischen Schriftsteller in Gruppen. Heines Wortwitz vom hochnäsigen Krösus, der seinen Gast Hirsch-‐ Hyacinth betont familionär behandelt, interpretiert Freud, spürbar begeistert von Heines komischer Sternstunde, als eine Verdichtung mit Ersatzbildung, in dem sich zwei Wörter umschlingen - familiär und Millionär-‐ und als Ersatzbildung das Mischwort familionär erzeugen. Eine Erklärung für den lustigen Effekt dieses Ausspruchs wird hier jedoch nur angedeutet, Freuds Augenmerk liegt vorerst auf dem Zusammentragen von Beispielen. Doch schon nach wenigen Seiten Recherche scheint ihm das Ausmaß der Möglichkeiten selbst nicht mehr geheuer zu sein; über den Techniken der mehrfachen Verwendung des gleichen Materials und des Doppelsinns kommt er ins Schwitzen, weil im Gewüst der Literatur offenbar „[…] eine zunächst noch gar nicht übersehbare Anzahl von Möglichkeiten […]“ 7 lauert. Nichtsdestotrotz hetzt der Duktus der Abhandlung nicht etwa kurzatmig von einer Variante zur nächsten, vielmehr scheint man hinter jedem einzelnen Witz noch das genüssliche Echo von Freuds Lachen hören zu können. Vermutlich hätte ihn auch folgende, modernere Ausformung
eines Doppelsinn-‐Witzes erfreut:
Ein Künstler geht im Grenzgebiet spazieren. Kommt ein Volkspolizist und fordert
ihn auf: „Weisen Sie sich aus!“ Erstaunte Frage des Künstlers: „Was denn, müssen wir das denn auch schon selber machen?“ 8
In der Terminologie von „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“
lautet die passende Technik hierzu, dass ein Wort in der Verwendung„[…] voll und leer genommen werden […]“ 9 kann; eine zumindest unglückliche Formulierung, unterstellt sie doch nicht nur eine Dualität der Seme-‐ und
7 Freud, Sigmund (S. 48)
8 Blasius, Anke (S. 302)
9 Freud, Sigmund (S. 50) 4
kommt daher bei mehreren Gesprächspartnern in Schwierigkeiten-‐ sondern scheint gleichzeitig auch eine Verwendungshierarchie zu implizieren. Allerdings lässt sich diese Witzvariante problemlos als Polysemie übersetzen; der semantische Kontrast zweier (oder mehrerer) gleichlautender Wörter führt hier zum komischen Resultat.
Formen des Gedankenwitzes
Doch nach Freuds Dafürhalten gibt es darüber hinaus eine Art von Witzen, deren Pointe sich nicht aus der virtuosen Formung der sprachlichen Zeichen, sondern aus dem vorgetragenen Gedanken selbst ergibt. Mit Sicherheit würden sich Kritiker wie etwa Prisendanz an dieser Stelle deutlich vernehmbar räuspern und wiederholen, dass alles Denken Sprache sei und alles Sprechen Gedanke, eine Trennung der Sphären daher Unsinn. Einige Beispiele aus dem Bereich der von Freud als Gedankenwitze apostrophierten Witze und seine diesbezüglichen Technik-‐ Erläuterungen sollen einen Anlass zur Erklärung bieten.
Anfrage an Radio Eriwan:
Stimmt es, dass Iwan Iwanowitsch in der Lotterie ein rotes Auto gewonnen hat? Antwort:
Im Prinzip ja. Aber es war nicht Iwan Iwanowitsch, sondern Pjotr Petrowitsch. Und es war kein Auto, sondern ein Fahrrad. Und er hat es nicht gewonnen, sondern es ist ihm gestohlen worden. Alles andere stimmt. 10
Interessant hierbei ist zum einen der erste Satz der Erwiderung, der eine gewisse Einschränkung der Gültigkeit der Frage nahelegt, sie aber grundsätzlich affirmativ beantwortet. Der Mittelteil führt dann allerdings diese Zustimmung ad absurdum, indem die Substantive „Iwan Iwanowitsch“, Lotterie“ und „rotes Auto“ nacheinander durch semantisch ferne oder sogar konträre Begriffe ersetzt werden. Das Resultat ist nicht, wie der Schlusssatz „Alles andere stimmt“ suggeriert, eine Modifikation des Ausgangsgehalts, sondern ein vollständig anderer Sachverhalt. Nach Freud liegt in diesem Typ „[…] der Schein von Logik vor, […] der den Denkfehler verdecken soll […] 11 , weshalb er ihn dann auch sophistischen
10 http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Radio_Eriwan&oldid=79819512
11 Freud, Sigmund (S. 77) 5
Denkfehler nennt. Keine der den Wortwitzen zukommende Technik scheint an diesem Witz mitzuwirken, er ist weder doppelsinnig noch verdichtend, und auch Wiederholungen des Sprachmaterials finden nicht statt. Während sich der eigentliche Träger der Komik in den vorangegangenen Beispielen präzise bestimmen ließ- die Wörter „familionär“ und „ausweisen“- ist das beim Gedankenwitz nicht möglich. Er funktioniert nur als Gesamtwerk, und die Pointe klärt sich nicht in einem unvermittelten Überraschungsmoment auf.
Zum gleichen Ergebnis gelangt Freud beim nächsten Typ des Gedankenwitzes, der Unifizierung. Hier wird zwischen mehreren Vorstellungen eine unerwartete Einheit hergestellt, die durch das „[…] Eingehen der Abwehr auf die Aggression […]“ 12 sehr schlagfertig sein kann. Freud gibt als Beispiel folgendes an:
Bäcker zum Wirt, der einen schwärenden Finger hat: „Der ist dir wohl in dein Bier hineingekommen?“ Wirt: „Das nicht, aber es ist mir eine von deinen Semmeln
unter den Nagel geraten.“ 13
Die Frage des Bäckers ist unter Berücksichtigung der Wunde eigentlich absurd, zumindest aber höchst unwahrscheinlich, da ein Körperglied kaum zu eitern beginnt, wenn es in ein Bierglas getunkt wird. Der Bäcker beleidigt den Wirt also mit seiner Scheinfrage, indem er dessen Gesöff unausgesprochen als giftig bezeichnet. Die unerwartete Einheit wird vom Wirt in dem Moment hergestellt, als er die Unterstellung der Lebensmittelvergiftung für bare Münze nimmt und sie gegen das Handwerk seines Kollegen wendet. Spitzfindig ist die Antwort nicht allein deshalb, weil sie die Semmeln des Bäckers in Verruf bringt, sondern auch, weil dem Bäcker die Möglichkeit entzogen wird, auf die Absurdität der Retourkutsche hinzuweisen; täte er das dennoch, beträfe es ebenso seine eigene Ausgangsfrage. Eine erneute Gegendarstellung müsste sich abermals auf das Bier als Eiterauslöser konzentrieren. Fraglich bleibt freilich, ob die Phrase „unter den Nagel geraten“ nicht doch dem Wortwitz zugerechnet werden kann; immerhin wird der Nagel hier als pars- pro- totum des lädierten
12 Freud, Sigmund (S. 83)
13 Ebd. (S. 83) 6
Fingers genommen, sowie als Synonym für „berühren“ oder „essen“. Aber selbst wenn es so wäre- der Witz wäre auch dann noch vorhanden, wenn der Wirt antwortete: „Nein, aber ich habe eine deiner Semmeln gegessen/berührt.“
Nachdem er bisher die immanente Technik verschiedener Witzarten thematisiert hat, leitet Freud über zum Aspekt der Leser-/ Hörerwahrnehmung und der emotionalen Verbundenheit des Rezipienten. Zuvor betont er an exponierter Stelle - auf den letzten Zeilen des Kapitels-, dass die eruierten Elemente der Witzanalyse „[…] samt und sonders in der Technik der Traumarbeit wiederkehren […]“ 14 . Darauf wird noch zurückzukommen sein.
Harmloser und Tendenziöser Witz
Im nächsten Abschnitt der Abhandlung ist Freud bemüht, eine Gelenkstelle zu schaffen zwischen der formalen Gestaltung und der Wirkung des Witzes. Typischerweise setzt sich die Situation der Witzwiedergabe aus drei Instanzen zusammen: der Erzähler, die im Witz angesprochene und belachte Instanz- meist eine Gruppe oder eine Einzelperson- und drittens der Zuhörer.
In harmlosen Witzen wird laut Freud entweder niemand attackiert oder der Angriff richtet sich undifferenziert gegen so viele Menschen, dass nicht mehr angemessen von einem Bloßstellungswunsch gesprochen werden kann. Damit ist natürlich nicht ein einzelnes Volk gemeint, etwa eine Milliarde Chinesen, da dies im Sinn der Distinktion sehr wohl ein eindeutiges Witzobjekt wäre. Als harmlos gilt Freud etwa der Wortwitz:
„Er las immer Agamemnon anstatt angenommen, so sehr hatte er den Homer
gelesen.“ 15
Obwohl das Personalpronomen in der bestimmten Form er auftaucht, wird kein Mann direkt mit der Aussage assoziiert, der Witz fällt also niemandem
14 Freud, Sigmund (S. 103)
15 Ebd. (S. 107) 7
zur Last. Wer darüber lacht, erfreut sich lediglich an der möglichen Verwechslung, nicht an der Diskreditierung eines realen Menschen. Das Witzsubjekt ist ein nicht- konkretisierter Platzhalter für -eventuell: altphilologische Borniertheit.
Ganz anders fällt Freuds Urteil aus in Bezug auf tendenziöse Witze, denen er als generelles Merkmal ein klar definiertes Angriffsziel und einen darauf gerichteten Vernichtungswillen zuordnet. Notwendig zum Gelingen des komischen Effekts ist daher das Verbundenheitsgefühl von Erzähler und Zuhörer. Auch Wolf- Dieter Stempel schreibt hierzu, amüsieren werde man sich nur dann über einen Tendenzwitz, wenn man „[…]mit der zweiten Person nicht solidarisch […] verbunden ist […]“ 16 . Ein orthodoxer Jude etwa wird mit Freuds religionskritischem Kompendium der Komik, das aus heutiger Sicht fast schon überbordend antisemitisch angeordnet ist, keine Freude haben. Dass Freud, selbst jüdischer Herkunft, gezielten Rufmord begehen möchte, ist allerdings ein unhaltbarerer Verdacht; vielmehr war es ihm nach eigener Aussage eine Lebensfreude, Schadchenwitze und Ähnliches zu sammeln- die Drastik seiner Beispiele federt das mitnichten ab:
Zwei Juden treffen in der Nähe des Badehauses zusammen. „Hast du genommen
ein Bad?“ fragt der eine. „Wieso?“ fragt der andere dagegen, „fehlt eins?“ 17
Weshalb dieser einfache Dialog tendenziös ist, scheint ohne Unschärfe und augenblicklich fest zu stehen: die Täterzuschreibung ist eindeutig, da sie lediglich jüdische Menschen umfasst, deren Artikulation zudem fehlerhaft ist, und von denen zumindest einer darüber hinaus dem Klischee des raffgierigen Juden entspricht, der weitab vom Wasch-Kontext nur eine ihm wohl nicht unbekannte Anschuldigung des Diebstahls vermutet.
Hans- Martin Lohmanns diesbezüglicher Stellungnahme, dass etwas, das „[…] in der verknappten und verdichteten Sprache des Witzes auftritt, […]
16 Stempel, Wolf-‐ Dieter: Ironie als Sprechhandlung; in: Preisendanz, Wolfgang; Warning, Rainer (Hrsg.):
Das Komische. 1. Auflage. München: Wilhelm Fink Verlag 1976 (= Poetik und Hermeneutik; Bd. 7). (S. 219)
17 Freud, Sigmund (S. 64) 8
zugleich seine sozial verletzende Schärfe [verliert] […]“ 18 , kann man auf diesem Hintergrund kaum zustimmen. Denn ein Witz taugt nun einmal nicht als Aufhänger zur Debatte, noch muss derjenige, der ihn erzählt oder hört, mit sozialen Sanktionen rechnen. Stempel trifft mit seiner Einschätzung, eine im Witz attackierte Gruppe oder deren Sympathisant könnte höchstens „[…] affektisch darauf reagieren […]“ 19 wohl eher den entscheidenden Punkt. So kontraproduktiv es ist, einen Witz zu erklären, so unnötig ist es auch, einen Witz zu verteidigen. Als Rechtfertigung des Erzählers genügt schon der gretchenhafte Satz: „Es ist doch bloß ein Witz, das muss man ja nicht ernst nehmen.“
Wer von Freud nun ein versöhnliches Fazit in der Art Lohmanns erwartet, vielleicht ein konzilianter Just-for-Fun-Gedanke zur komischen Lust, wird schwer enttäuscht. Gerade der tendenziöse, feindselige Witz ermögliche „[…] die Befriedigung eines Triebes […]“ 20 , also einer allgemeinen menschlichen Emotion, die „[…] [d]urch die Verdrängungsarbeit der Kultur […]“ 21 übereilt zugeschüttert wurde wie ein leckes Fass Giftmüll. In gesellschaftlich nicht strafbarer Form trete der Trieb Tropfen für Tropfen zu Tage. Genau an dieser Stelle, in den ersten Fäden des Geflechts vom subjektiv Unbewussten, überführt Freud seine Abhandlung von der deskriptiven Analyse hin in seine normative Theorie vom Apparat der Psyche.
Denn alle Lust will Ewigkeit- der Lustmechanismus
Aus Technik und Tendenz schöpft der Rezipient sein Wohlgefallen am Witz, konstatiert Freud zu Beginn des Synthetischen Teils, den er konsequenterweise der Frage widmet „[…] auf welche Weise sich die Lust aus diesen Quellen ergibt […]“ 22 . Allerdings basiert die verwendete Terminologie auf anderen Werken, „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ lässt sich ohne gewisse Hilfestellungen und Querverweise
18 Lohmann, Hans-‐ Martin (S. 46)
19 Stempel, Wolf-‐ Dieter (S. 218)
20 Freud, Sigmund (S. 115)
21 Ebd. (S. 115)
22 Ebd. (S. 131) 9
nur schwer lesen. Als zum Verständnis notwendiges Prolegomenon bestimmt der Psychologe Carl Pietzcker Freuds „[…] Modell der Psyche als einen Apparat, dessen Aufgabe es ist, die dort zirkulierende Energie […] auf möglichst geringem Niveau zu halten.“ 23 Außerdem sei der Herd der Energie im Unbewussten lokalisiert, was eine gezielte Steuerung unmöglich mache. Um nicht an metaphorischer Überspannung zu verenden, sollen nun die psychoaktiven Kanäle nach Freuds Geistesvorstellung und deren Zusammenhang mit der komischen Lust untersucht werden.
Subversive Zellen- Die Psychogenese des Witzes
Im Lauf des Lebens prägt sich das Individuum durch sozialen Zwang normierte Verhaltensweisen wie Gewaltverzicht und gutes Benehmen ein, bis diese internalisiert sind. Wird der so konformierte Mensch nun mit einem anstößigen, tendenziösen Witz konfrontiert (wobei der indizierte Themenbereich kulturell variiert), baut sich nach Freud eine „[…] psychische Stauung […]“ 24 auf, die vor der sich ereigneten unerhörten Begebenheit gewissermaßen verharrt wie das Wasser vor der Assuan-Staumauer. Solange Kontext und Charakter des Gesagten unklar sind, der Sprecher den Witz als solchen noch nicht kenntlich gemacht hat, kumuliert die Psyche des Zuhörers eine Schicht Hemmung auf die andere. Diese Blockade fungiert als eine Art Gefahrenfrühwarnsystem und ist laut Freud notwendig, um den sozialen Frieden zu wahren. Erst in der Sekunde, da durch die Pointe unzweifelhaft bewiesen worden ist, dass die zwei Juden in Freuds Beispiel nicht tatsächlich schmutzig und nicht tatsächlich kleptomanisch sind, verschwindet die Staumauer plötzlich, dann „[…] darf sich etwas Bahn brechen, das ansonsten sozial verpönt ist […]“ 25 . Lachen wir über einen Witz, „[…] so lachen wir nach Freud ersparten Hemmungsaufwand ab […] 26 . Hätte ein tendenziöser Inhalt dagegen nicht die Form eines Witzes, würde sich das aufgewendete
Konzentrationspotenzial über lautstarke Widerrede oder innerlich
23 Pietzcker, Carl: Sigmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. Hochschulaufsatz. Freiburg im Breisgau: Freiburger Dokumentenserver der Albert-‐ Ludwigs-‐ Universität 2008. (S. 4)
24 Freud, Sigmund (S. 132)
25 Lohmann, Hans-‐ Martin (S. 46)
26 Pietzcker, Carl (S. 4) 10
ausgefochtene Missbilligung abführen. Vielleicht ist es Freuds unausgesprochene Folgerung, dass derjenige, der eine mentale Anstrengung nicht ausspricht oder eben auslacht, eine psychische Störung entwickelt. In diesem Sinne wäre das Lachen, wie subversiv es auch sei, eine gesundheitsfördernde Emission. Doch wir werden sehen, dass diese Möglichkeit nur bedingt gültig ist.
Universalität beansprucht diese „[…] Spannungsabbautheorie […]“ 27 , wie es Susanne Schäfer tituliert, da „[…] alle Kulturen […] auf Triebverzicht aufbauende, normsetzende Instanzen […]“ 28 bauen. Auch wenn eine
Kontinente überspannende Analyse an Sprachdefiziten und Platzmangel scheitert, lässt sich dieser Befund zumindest für den deutschsprachigen Raum bestätigen. In den gängigen Kategorien tummeln sich wattwürmige Ostfriesen ebenso wie grantelnde Bayern, von Bananen träumende Ostdeutsche oder schluchtenscheißende Österreicher, wobei deren jeweiligen linguistischen Besonderheiten meist nur Mittel darstellen zum Zweck der Entblößung. In der witzig aufbereiteten Abgrenzung zu diesen Regionen liegt auch immer die Möglichkeit zum Lokalpatriotismus, und damit die Befriedigung uneingestandener oder offener Xenophobie.
Konspirative Treffen- Der soziale Aspekt des Witzes
Bisher hat Freud die Aufnahme des Witzes als solipsistischen Akt vorgeführt, den jeder Leser im spitzwegschen Kämmerlein nachvollziehen könnte. Doch der Psychoanalytiker war sich ebenso sicher wie Lohmann, dass das Lachen „[…] exklusiv der menschlichen Spezies eignet […]“ 29 , und menschliches Leben sich universal durch Sozialität auszeichnet. Eben deshalb ist er der Ansicht, „[…] der Drang zur Mitteilung des Witzes […]“ 30 sei so enorm, dass er fast immer in Gesellschaft anderer genossen werden möchte. Freuds Betonung dieses Umstands lässt kaum Zweifel an seiner
27 Schäfer, Susanne: Komik in Kultur und Kontext. 1. Auflage. München: Iudicium-‐ Verlag 1996 (= Studien Deutsch; Bd. 22). (S. 19)
28 Ebd. (S. 50)
29 Lohmann, Hans-‐ Martin (S.46)
30 Freud, Sigmund (S. 156) 11
Überzeugung, der Witzvortrag festige die zwischenmenschlichen Beziehungen. Weniger vorhersehbar aber ist seine Prognose der Meister dieses Genres; dazu schreibt er:
„die tendenziösen Witze der Aggression gelingen denen am besten, in deren Sexualität eine mächtige sadistische Komponente, im Leben mehr oder weniger
gehemmt, nachweisbar ist.“ 31
Rekapituliert man jetzt Freuds Hochschätzung der tendenziösen Witze als der lustvolleren Variante, wird die virulente Sprengkraft des Vortrags ersichtlich. Die Zuhörer lachen auf Kosten einer Person oder Gruppe, überhöhen sich also für einen Moment. Verbunden mit der strukturellen Unmöglichkeit, einen Witz rational zu widerlegen, scheint er ein geeignetes Mittel zu sein, einen Teil der Sozialität bloßzustellen. Doch zugunsten der Aufwanddifferenz gibt Freud die mögliche- nach Stempel sogar zwingende„[…] Erklärung der komischen Lust aus dem Überlegenheitsgefühl […] preis […]“ 32 . Was er theoretisch verneint, wohl auch, weil er sich vor der Ambivalenz der Lust scheut, bleibt in der Praxis jedoch eine Tatsache; über den Ausschluss anderer zelebrieren die Witzteilnehmer ihre Identität. Das Textzitat verweist aber ebenfalls noch auf ein weiteres Problem: Gemäß seiner Ausgangsthese vom gemeinsamen Ursprung der Witz- und Traumarbeit bemüht sich Freud zunehmend um eine Engführung der beiden Geistesprozesse, was ihm zum Teil nur mit Hilfe dogmatisch gesetzter Klammern gelingt. Freud gibt für die „mächtige sadistische Komponente“ keinen einzigen Beleg, sondern mischt solche empirisch allzu leicht falsifizierbaren Aussagen unter seine analytischen Ergebnisse. Aus der intertextuellen Perspektive ist seine Überdeterminierung der Libido freilich nachvollziehbar, der Sexualtrieb hat ihm den Großteil seines Ansehens und das Interesse der Öffentlichkeit eingebracht. Im Kontext der Abhandlung „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ wirkt er dagegen deplatziert. Anna Tuschlings Allsatz, „prinzipiell benötig[e] ein Witz […] drei Personen […]“ 33 , ist als knappe Zusammenfassung seiner interpersonalen Wirkung korrekt; daraus folgt aber freilich nicht, dass jeder
31 Freud, Sigmund (S. 156)
32 Stempel, Wolf-‐ Dieter (S. 103)
33 Tuschling, Anna (S.45) 12
witzige Erzähler nach Vergewaltigung wahlweise des Witzsubjekts oder der Zuhörerschaft giert. Sicherlich ist die zitierte Textstelle Freuds kein prototypischer Ausschnitt aus seinen Erläuterungen zum sozialen Vorgangdie hier behauptete Kausalkette Sexualität, Hemmung, Aggression,
Sadismus erscheint in ihrer schlichten Plakativität eher selbst schon witzig als realistisch. Doch ein Trend zeichnet sich ab, insgesamt belädt Freud seine Ausführungen zum Witz mit immer mehr Ideologieballast, bis die „[…] kleinste soziale Einheit [...]“ 34 schließlich im Kapitel „Die Beziehung des Witzes zum Traum und zum Unbewussten“ gänzlich unter monströsen psychoanalytischen Spekulationen verschüttet wird.
…und weshalb er besser früher aufgestanden wäre
Von Seiten der Rezipienten wurden die im analytischen Teil aufgezeigten Techniken sowie die Tendenzen kaum besprochen. Bei der Sortierung des bestehenden Witzematerials in Klassen wie etwa Doppeldeutigkeit oder Verdichtung ist Freud sorgfältig vorgegangen, natürlich ohne Vollständigkeit zu erreichen. Die Produktion von Witzen unterliegt sozialen und kulturellen Verschiebungen und Verwerfungen und ließe sich daher selbst bei unbegrenztem Platzangebot nur ausschnitthaft fixieren. Doch die Einbettung der Abhandlung in seine psychoanalytische Theorie wurde Freud von vielen Seiten übel genommen. So kritisieren sowohl Anna Tuschling, Susanne Schäfer wie auch Manfred Geier Freuds undifferenzierte Angleichung von Witz und Traum. Schäfer gibt zu bedenken, dass „[…] der Witz seiner Natur nach eine soziale, der Traum dagegen eine grundlegend asoziale, individuelle Leistung ist.“ 35 Während der Witz nur dann seine lustvolle Wirkung entfaltet, wenn er sich an die Bedingung der Verständlichkeit hält, funktionieren Träume -sogar nach Freuds eigener Ansicht- über eine formelhafte Symbolik. Zur Missachtung der Studie beigetragen hätten ebenfalls die rein „[…] ökonomischen
34 Lohmann, Hans-‐ Martin (S. 46)
35 Schäfer, Susanne (S. 142) 13
Überlegungen zur Aufhebung psychischer Hemmung […]“ 36 , namentlich die nicht beweisbaren Strömungen und Mauern innerhalb der unbewussten Psyche, resümiert Anna Tuschling. Vielleicht hätte Freud seine Abhandlung nicht so stark auf den Traum fokussieren sollen, eine gänzlich unabhängige Abhandlung zum Witz wäre wohl konsistenter und weniger konstruiert gewesen.
Niemand ist gezwungen, der Freudschen Psychopathologisierung des Menschen zu folgen. Deren Stern ist seit dem Aufkommen der modernen Gehirnforschung ohnehin am Entschwinden. Doch um Lichtenberg, Heine, Kraus, um all die gesammelten Höhepunkte witziger Literatur auf den ersten 150 Seiten wäre es sehr schade, sollte diese Komiktheorie in Vergessenheit geraten. Denn selbst, wenn der Name Sigmund Freud einst nur noch als kultureller Atavismus durch den Äther schwänzeln sollte, selbst dann wird der Mensch noch was zu lachen haben wollen.
36 Tuschling, Anna (S. 51) 14
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Max Rössner, 2011, Sigmund Freuds Abhandlung „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ in der praktischen Analyse in Bezug auf verschiedene Beispielwitze, München, GRIN Verlag GmbH
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