Vorwort
Vorwort
Die vorliegende Diplomarbeit entstand zum Ende meines fast fünfeinhalb jährigen berufsintegrierten Studiums an der Fachhochschule Ludwigshafen.
Die Motivation dafür, sich dem Thema der Dritter-Sektor-Forschung in dieser Arbeit zuzuwenden, ist durch meinen persönlichen Lebenslauf entstanden. Von Geburt an Mitglied im CVJM Neustadt, wurde ich dort als junger Mensch vom christlichen Glauben geprägt, fand gute Freunde und erkannte das Besondere, das man in der Gemeinschaft erlebt. Heute als Erwachsener engagiere ich mich seit nunmehr zehn Jahren im Vorstand des CVJM, damit unsere Jugend ebenso ihre Wünsche, Träume, Kreativität und ihren Ideenreichtum ausleben kann. Bei dieser Aufgabe stößt der CVJM in den vergangenen Jahren immer stärker an seine Grenzen der finanziellen Umsetzbarkeit von Jugendprojekten.
Mit dieser wissenschaftlichen Arbeit mache ich meinen ersten Schritt, mir meinen Wunsch zu erfüllen, in Zukunft nicht nur freiwillig engagiert, sondern auch beruflich auf die wichtige Rolle der Organisationen des Dritten Sektors in unserer Zivilgesellschaft aufmerksam zu machen.
In den Jahren meines Studiums und vor allem in den letzten sechs Monaten wurde mir immer deutlicher bewusst, dass ich Vieles ohne die unermüdliche Unterstützung vieler Menschen nicht so geschafft hätte.
Meiner Familie und insbesondere meinen Eltern möchte ich für die jahrelange Kraft danken, die sie mir gegeben haben; auch in gesundheitlich schwierigen Zeiten haben sie mich immer darin bestärkt, weiterzumachen. Meine Freundin, Anne, lernte mich in der intensivsten und anstrengendsten Studienphase kennen und hielt dennoch zu mir, was nicht selbstverständlich war. Ich danke dir, und ich liebe dich. Ich darf mich sehr glücklich schätzen, solche Freunde zu haben, wie sie mir in meinem Leben beschert wurden. Alice, ich danke dir für deine grenzenlose Unterstützung und deine Geduld. Ein besonderer Dank geht auch an Christoph F. für seine anregenden Gedanken, an Alex für das Lösen von technischen Problemen, an Jörg H. für dessen Einführung in die SPSS-Welt - ich weiß, ich war kein leichter Kandidat -, an Peter für das gesprochene
II
Vorwort
Wort und natürlich an Heidi und Daniel, deren Freundschaft ich in dieser Zeit noch mehr schätzen gelernt habe.
Außerdem möchte ich allen Untersuchungsteilnehmern danken, ohne die die Arbeit nie entstanden wäre, und dem CVJM Neustadt, ohne den ich nicht auf die Idee zu dieser Arbeit gekommen wäre.
Mit meinen Kommilitonen Erik, Jens, Nadja und Giovanna hatte ich nicht nur eine schöne gemeinsame Vorlesungszeit, sondern danke ihnen auch für die gegenseitige Unterstützung, die wir uns geben konnten.
Abschließend möchte ich mich ganz besonders bei Dr. Achim Boden bedanken, der mich zu dieser Arbeit ermutigte und durch dessen Betreuung ich wagte, auch andere Perspektiven einzunehmen.
Neustadt, 25.03.2010 Thomas Deutsch
III
Verzeichnisse
Inhaltsverzeichnis
VORWORT II
INHALTSVERZEICHNIS IV
ABBILDUNGSVERZEICHNIS VI
TABELLENVERZEICHNIS VII
1 EINLEITUNG. 1
2 EINFÜHRUNG IN DIE THEORETISCHEN GRUNDLAGEN 3
2.1 Der Dritte Sektor in Deutschland 3
2.1.1 Überblick 3
2.1.2 Strukturen. 9
2.1.3 Finanzielle Situation des Dritten Sektor. 13
2.2 Stiftungen - die heimlichen Gestalter des Dritten Sektors. 19
2.2.1 Das Stiftungswesen in Deutschland - Entstehung Entwicklung. 19
2.2.2 Stiftungstypologien und ihre Merkmale 21
2.2.3 Bedeutung von Stiftungen innerhalb des Dritten Sektors 25
2.3 Kommunikation im Dritten Sektor 29
2.3.1 Notwendigkeit einer guten Kommunikation zwischen Stiftungen
und anderen Nonprofit-Organisationen 29
2.3.2 Kommunikation aus Sicht der Antragssteller. 30
2.3.3 Kommunikation aus Sicht der Stiftungen. 36
2.4 Vorüberlegungen, Vorannahmen und Fragestellungen 40
2.4.1 Problemstellung. 40
2.4.2 Abgrenzungen 43
2.4.3 Fragestellung der Untersuchung und Forschungsansatz 45
3 EMPIRISCHE UNTERSUCHUNG. 48
3.1 Untersuchungsmethoden und Stichprobe. 48
3.1.1 Erhebungsmethoden 48
3.1.2 Interview-Studien. 51
3.1.2.1 Vorgehensweise bei der Erhebung der Daten 51
3.1.2.2 Teilnehmer der Interview-Studie 52
3.1.2.3 Interview 53
3.1.2.4 Auswertung der Interviews 55
3.1.3 Fragebogen-Studie mit Nonprofit-Organisationen 56
3.1.3.1 Methodische Vorgehensweise 56
3.1.3.2 Stichprobe 56
3.1.3.3 Fragebogen 58
3.1.3.4 Untersuchungsablauf. 60
IV
Verzeichnisse
3.1.4 Fragebogen-Studie mit Förderstiftungen. 60
3.1.4.1 Methodische Vorgehensweise 60
3.1.4.2 Stichprobe 61
3.1.4.3 Fragebogen 62
3.1.4.4 Untersuchungsablauf. 63
3.1.5 Auswertungsstrategien. 64
3.2 Ergebnisse der Fragebogen-Studien 65
3.2.1 Anmerkung zur Ergebnisdarstellung 65
3.2.2 Finanzstrukturen und Erwartungen bei Nonprofit-Organisationen. 65
3.2.3 Die Suche nach der passenden Stiftung 68
3.2.4 Einen Antrag stellen 72
4 SCHLUSSBETRACHTUNG. 80
4.1 Zentrale Ergebnisse. 80
4.2 Diskussion und Einordnung 81
4.3 Kritische Aspekte der Fragebogen-Studie 84
4.4 Praktische Ansatzpunkte zur Verbesserung der Kommunikation 85
4.5 Ansatz der vergleichenden Analyse. 88
4.6 Ausblick und Fazit. 92
LITERATURVERZEICHNIS 93
ANHANGSVERZEICHNIS. 100
V
Verzeichnisse
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Übersicht typischer Akteure des Dritten Sektors
Abbildung 2: Konsequenzen gesellschaftsbegründeter Kontexte für die
Organisationen des Dritten Sektors
Abbildung 3: Die vier Leistungssysteme der Gesellschaft
Abbildung 4: Freiwilliges Engagement in 14 Bereichen 2004
Abbildung 5: Organisationsformen der freiwilligen Tätigkeiten 2004.
Abbildung 6: Vergleich Einnahmequellen: Deutscher Dritter Sektor und 34-
L änder-Durchschnitt.
Abbildung 7: Beispiele der Finanzierungsstrukturen im Dritten Sektor
Abbildung 8: Stiftungserrichtungen 1960-2009 in Deutschland.
Abbildung 9: Stiftungserrichtungen 2000-2009 in Deutschland.
Abbildung 10: Stiftungstypologien in Deutschland
Abbildung 11: Verteilung Stiftungszwecke
Abbildung 12: Gliederung einer Anfrage
Abbildung 13: Verwendung einer Stiftungsdatenbank
Abbildung 14: Häufigkeitsverteilung, ob Antrag schon einmal gestellt wurde
Abbildung 15: Auf einen Antrag erhaltene Fördermittel
VI
Verzeichnisse
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Verständnis der freiwilligen Tätigkeiten 2004 .............................. 10 Tabelle 2: Ausschnitt einzelner Ausgabepositionen des Bundeshaushalts
2009 ............................................................................................ 26 Tabelle 3: Wichtige Einnahmequellen zur Deckung der laufenden
Vereinsausgaben ........................................................................ 66 Tabelle 4: Entwicklung der Einnahmequellen in den letzten 5 Jahren ......... 67 Tabelle 5: Erwartungen der Einnahmeentwicklungen in den kommenden 5
Jahren ......................................................................................... 68 Tabelle 6: Beurteilung von stiftungsunerfahrenen NPOs über die angemessene Dauer für eine Stiftungssuche.............................. 70 Tabelle 7: Einschätzung der Förderstiftungen zur Dauer einer
Stiftungssuche............................................................................. 70 Tabelle 8: Aufgetretene Schwierigkeiten bei der Stiftungssuche ................. 71 Tabelle 9: Beurteilung über die Leichtigkeit einer Stiftungssuche ................ 72 Tabelle 10: Gründe dafür, keinen Antrag zu stellen ....................................... 73 Tabelle 11: Antrags- und Projektqualität ........................................................ 74 Tabelle 12: Erwartungshaltung der Antragsteller aus Sicht der Stiftungen .... 74 Tabelle 13: Merkmale der Antragssteller und ihrer Förderanträge aus Sicht der Förderstiftungen .................................................................... 75 Tabelle 14: Beurteilung über die Leichtigkeit einer Antragstellung ................ 76 Tabelle 15: Geschätzte Anzahl der notwendigen Anträge bis zum Erhalt einer Förderzusage aus Sicht der Förderstiftungen .................... 76 Tabelle 16: Gründe für eine Antragsablehnung ............................................. 77 Tabelle 17: Durchschnittlich ausgezahlte Fördermittel pro Förderprojekt ...... 78 Tabelle 18: Anzahl der eingereichten Förderanträge pro Förderjahr ............. 79
VII
1 Einleitung
1 Einleitung
Gleich ob der Sohn im Fußballverein, die Tochter im Tanzclub oder die Eltern im Förderverein sind, das Leben der meisten Bürger und Bürgerinnen sähe anders aus, gäbe es nicht die gemeinnützigen Organisationen, Initiativen und Zusammenschlüsse, die das Bild unserer modernen Zivilgesellschaft prägen. Die Existenz dieser Einrichtungen wird im Alltag oft als selbstverständlich hingenommen, doch sollte sich die Gesellschaft darin nicht täuschen. Dieser sog. Dritte Sektor ist zu einer enormen Größe herangewachsen, dessen Finanzierung sich die öffentliche Hand nicht mehr leisten kann. War es früher üblich, sich langfristig in einer bestimmten Organisation freiwillig zu engagieren, besteht heute der Trend zum projektbezogenen Engagement. Im Informationszeitalter fällt es leichter, sich über Angebote zu informieren und sich nach wechselnden Vorlieben zu engagieren. Diese Entwicklung beinhaltet Gefahren für die agierenden Nonprofit-Organisationen des Sektors, vor allem auf lokaler Ebene, wo Ehrenamt und freiwillige Helfer nach wie vor das Fortbestehen eines Vereins bestimmen. Der Rückgang öffentlicher Zuschüsse, die Gefahr sinkender Mitgliedszahlen und der immer härtere Kampf um Spenden machen die Suche nach neuen Einnahmequellen dringend erforderlich. Eine solche Chance bietet die Alternative der Stiftungsförderung. Stiftungen gewannen in den vergangenen Jahren als Finanzier des Dritten Sektors immer mehr an Bedeutung. Ihre Fördersummen helfen Jahr für Jahr einer steigenden Anzahl von gemeinnützigen Organisationen, ihre Projekte zu realisieren und unsere Zivilgesellschaft zu gestalten.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Kommunikationsverhalten zwischen Nonprofit-Organisationen und den Stiftungen, mit denen sie, mit dem Wunsch auf Förderung ihrer Projekte, Kontakt aufnehmen.
In Kapitel 2 werden zunächst die Grundlagen zum deutschen Dritten Sektor und der Stiftungslandschaft in Deutschland vermittelt. Dabei werden u. a. verschiedene Ergebnisse des Johns Hopkins Comparative Nonprofit Sector Project vorgestellt, das die Dritte-Sektor-Forschung in Deutschland salonfähig machte und die Bedeutung des Sektors in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Des Weiteren wird das deutsche Stiftungswesen anhand von Daten und Fakten
1
1 Einleitung
detailliert beschrieben und dessen wichtige Rolle in den Kontext unserer Zivilgesellschaft eingeordnet. Abschließend behandelt Kapitel 2 kommunikative Verhaltensweisen von Nonprofit-Organisationen und Förderstiftungen, wie sie in der einschlägigen Literatur empfohlen werden. Außerdem werden vorbereitend für Kapitel 3 die Vorüberlegungen, Abgrenzungen und Fragestellungen für die vorgenommene Studie erläutert.
In Kapitel 3 werden die Untersuchungsmethoden für die Interview- und Fragebogenstudie beschrieben und die Vorgehensweise sowie die Auswahl der Stichprobe erläutert. Schließlich werden die Ergebnisse präsentiert. So konnte festgestellt werden, dass fast 60 % der Nonprofit-Organisationen davon ausgehen, dass in den kommenden Jahren die öffentlichen Zuschüsse weiter zurückgehen, nachdem bereits in den letzten Jahren ein Rückgang von nahezu 40 % zu verzeichnen war. Trotz dieses Warnsignals wählten ca. 60 % der Befragten noch nie die Finanzierungsalternative der Stiftungsförderung. Die weiteren Ergebnisse ließen zu diesem beschriebenen Untersuchungsausschnitt interessante Rückschlüsse zu.
Im abschließenden Kapitel 4 der Arbeit werden die einzelnen Ergebnisse kausal miteinander verknüpft und im Licht der Forschungsergebnisse diskutiert. Außerdem werden Maßnahmen zur Verbesserung der Kommunikation vorgeschlagen. Einen besonderen Ansatz der vergleichenden Analyse bietet das abschließende Interview mit Vertretern aus dem Marktsektor.
2
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
2.1 Der Dritte Sektor in Deutschland
2.1.1 Überblick
Neben dem nichtöffentlichen Sektor der privaten Haushalte und den beiden öffentlichen Sektoren Staat und Markt existiert noch ein dritter öffentlicher gesellschaftlicher Bereich. Dieser trägt viele Namen, so wird er als Nonprofit Sector, Independent Sector, Nongovernmental Sector, Private Voluntary Sector oder auch “Dritter Sektor” bezeichnet. 1
Der erste Sektor Staat erhebt z. B. Steuern zur Schaffung, Verbesserung und Aufrechterhaltung der Infrastruktur; dank des zweiten Sektors Markt können wir Nahrung, Kleidung und andere hergestellte Güter gegen Geld erwerben. Mit beiden sind wir täglich in Kontakt. Doch was verbirgt sich hinter dem sog. „Dritten Sektor"?
In Deutschland gewann dieser Bereich im Rahmen der sog. “Dritter-Sektor-Forschung“ erst in den vergangenen 25 Jahren immer mehr an Bedeutung, wohingegen das Funktionieren von Staat und Markt schon sehr lange wissenschaftliche Beachtung genießt. Dabei sind 36 % der Bundesbürger, 2 also rund 25,5 Millionen, 3 regelmäßig im Dritten Sektor freiwillig tätig, z. B. durch freiwilliges Engagement in ihrem Sportverein oder beim Ausführen der Hunde des Tierheims. Jede freiwillig ausgeführte Tätigkeit, die zum Wohl der Gemeinschaft geschieht, stellt einen Beitrag für den Dritten Sektor dar. Aber nicht nur freiwilliges, gemeinwohlorientiertes Engagement zählt dazu, auch der Krankenpfleger im Krankenhaus oder die Beraterin bei der Verbraucherschutzzentrale sind Beispiele von hauptamtlichen Tätigkeiten im Dritten Sektor.
Zimmer und Hallmann beschreiben treffend die Reichweite des Dritten Sektors wie folgt:
„In modernen Gesellschaften deckt der Sektor ein weites Spektrum von gemeinnützigen oder Nonprofit-Organisationen ab, das von Verbänden und Ge-
1 Vgl. van Bentem, 2006, S. 94.
2 Vgl. Gensicke et al., 2006, S. 13.
3 Berechnet nach den Angaben zur „Bevölkerung nach Altersgruppen 2005 - Altersgruppe 15-65“ des
Statistischen Bundesamts (www.destatis.de) [05.02.2010]
3
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
werkschaften über das lokale Vereinswesen, bis hin zu Initiativen und Selbsthilfegruppen sowie Nachbarschaftsvereinigungen führt.“ 4
Der Dritte Sektor kann in zwei große Gruppen unterteilt werden: auf der einen Seite „die großen bundesweit tätigen Nonprofit-Organisationen, die vorrangig im Bereich der sozialen Dienstleistungen tätig sind“ 5 - zu ihnen zählen vor allem die sechs Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege (Arbeiterwohlfahrt, Deutscher Caritasverband, Diakonisches Werk, Deutscher Paritätischer Wohl-fahrtsverband, DRK und die Zentrale Wohlfahrtsstelle der Juden) - und auf der anderen Seite „die Vereine von kleiner und mittlerer Größe mit lokalem Einzugsbereich und einer großen Breite an Zielsetzungen“. 6
Eine Übersicht der typischen Akteure des Dritten Sektors gibt die Abbildung 1. 7
Abbildung 1: Übersicht typischer Akteure des Dritten Sektors
Quelle: Eigene Darstellung
Die meisten dieser genannten Einrichtungen spielen im Alltag vieler Menschen eine wichtige Rolle und begegnen bestimmt jedem mindestens einmal in seinem Leben auf die eine oder andere Weise. Im Gegensatz zum Hauptziel von Profit-Organisationen in der freien Marktwirtschaft, nämlich den Gewinn möglichst zu maximieren, ist den Institutionen des Dritten Sektors ihre Gemeinwohl-
4 Vgl. Zimmer/Hallmann, 2005, S. 105 f.
5 Vgl. van Bentem, 2006, S. 121.
6 Ebd., S. 121.
7 Vgl. Anheier et al., 1997, S. 15f.
4
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
orientierung gemeinsam. Dennoch stellen sie inzwischen auch einen für die Volkswirtschaft wichtigen Sektor dar. So ist es dem „Johns Hopkins Comparative Nonprofit Sector Project“ (JHP) zu verdanken, dass 1995 erstmals eine Dritte-Sektor-Studie des wiedervereinigten Deutschland auf Bundesebene erfolgte und damit die hohe volkswirtschaftliche Relevanz nachgewiesen werden konnte. 8 Das JHP fand dabei heraus, dass rund 1,44 Millionen, also 4,9 % der Gesamtbeschäftigung (ohne Landwirtschaft), in Nonprofit-Organisationen beschäftigt sind. 9
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit (IAB) gab für 2000 an, dass rund 1,9 Millionen Erwerbstätige, also 5,7 % aller Beschäftigten in Deutschland, im Dritten Sektor tätig waren. Damit verzeichnete dieser einen Zuwachs von rund 4 % gegenüber durchschnittlich 1 % in anderen Branchen. 10 Dies ist umso beachtlicher, wenn man bedenkt, dass geringfügig Beschäftigte, Praktikanten und Niedriglohnempfänger bei den Ergebnissen kaum berücksichtigt werden. So schätzt das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, dass 2008 ca. 2,5 Millionen Menschen bei Nonprofit-Organisationen beschäftigt waren. 11
Der Dritte Sektor ist nicht nur in volkswirtschaftlicher Hinsicht von großer Relevanz, eine wichtige Bedeutung besitzt er besonders in seiner Sozialisationsfunktion. Seine gemeinwohlorientierte Ausrichtung und das damit verbundene Erlernen und Umgehen mit Normen, Werten, Eigeninitiative und Solidarität sind die Basis für die Gestaltung und Modernisierung einer Gesellschaft. 12 Dieser
8 Die Studie des JHP untersucht in mehreren Dimensionen die Relevanz des Dritten Sektors, u. a. den
Beitrag zum Sozialprodukt und zum Wirtschaftswachstum. Aus Gründen der Veranschaulichung wer-
den ausschließlich die Ergebnisse der Beschäftigungswirkung erläutert. Die gesamten Ergebnisse und
http://www.ccss.jhu.edu/index.php?section=content&view=9&sub=3 auch aktuellsten Zahlen sind unter
[14.03.2010] dargestellt
9 Vgl. Priller et al., 1999, S 100f. oder vgl.
http://www.ccss.jhu.edu/pdfs/CNP/CNP_GCS1_Germany.PDF. [19.02.2010]. Zu berücksichtigen ist
eine besondere Erhebungsproblematik, da die in der Studie verwendete Kategorie „Organizations
without profit motive“ bei den deutschen amtlichen Statistiken meist zusammengefasst unter dem öf-fentlichen Sektor oder den privaten Haushalten zu finden ist. Die Studie griff daher auf Angaben von
Einzelorganisationen und Primärerhebungen zurück.
10 Vgl. Bellmann et al., 2002. Die Studie betrachtete den Zeitraum Juni 1999 bis Juni 2000. Die Stichpro-
be umfasste 809 identifizierte Betriebe des Dritten Sektors, welche auf 76.000 Betriebe hochgerechnet
wurden. Dabei kamen nur Betriebe in die Betrachtung, die mindestens einen sozialversicherungs-pflichtigen Beschäftigen hatten. Es ist davon auszugehen, dass dadurch besonders kleinere NPOs un-berücksichtigt bleiben.
11 Vgl. http://bibliothek.wzb.eu/wzbrief-arbeit/WZbriefArbeit032009_dathe_hohendanner_priller.pdf
[31.01.2010]
12 Vgl. Pagels, 2005, S. 8.
5
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
gesellschaftlich bedeutsame Bereich zeichnet sich vor allem durch seinen Gemeinwohlbezug und partizipativen Charakter aus. 13
Gemeinnützig orientierte Organisationen sind wahrscheinlich der wichtigste Bestandteil einer Zivilgesellschaft und geben ihr ein individuelles Gesicht. „Dieser Unterbau ist das Schmiermittel, ohne das das Räderwerk der Zivilgesellschaft nicht ineinander greifen und laufen kann.“ 14
Der Dritte Sektor ist damit nicht nur ein relevanter Wirtschafts- und Arbeitsbereich, sondern verfolgt vor allem gemeinnützige Ziele und stellt notwendige soziale und kulturelle Angebote bereit, wodurch eine Gesellschaft erst funktioniert. 15 Weitere Zusammenhänge zwischen gesellschaftsbegründeten Kontexten und dem Dritten Sektor sind in Abbildung 2 dargestellt.
Abbildung 2: Konsequenzen gesellschaftsbegründeter Kontexte für die Organisationen
des Dritten Sektors
Quelle: Eigene, erweiterte Darstellung in Anlehnung an Zimmer/Priller, 2007, S. 23.
13 Vgl. Enquete-Kommission, 2002, S. 232.
14 Vgl. Strasser/Stricker, 2005, S. 129.
15 Vgl. Pagels, 2005, S. 6.
6
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
Die Organisationen des Dritten Sektors übernehmen, ergänzen und erweitern demnach Aufgaben betreffend der Fürsorge für das Gemeinwohl, die in Deutschland traditionell zu den staatlichen Aufgaben zählen. 16
Die bedeutende Rolle der Nonprofit-Organisationen zeigt, dass privates Engagement unerlässlich ist, um die weitere gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland zu gewährleisten, da der Staat nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen kann. 17 Aufgrund der hohen finanziellen Belastung der Haushalte ist staatliches Handeln nur noch begrenzt möglich. Seitens des Marktes ist ebenfalls nicht mit einer Übernahme der sozialen Dienstleistungen im Sinne einer Daseinsversorgung zu rechnen, da die Wirtschaftsunternehmen gezwungen sind, ihre Investitionen dort zu tätigen, wo Gewinne zu erwarten sind. 18
Einen Erklärungsansatz, warum ein Dritter Sektor mit dieser Vielzahl an Organisationen und der Vielfalt an Aufgaben heute besteht, geben die Existenztheorien von Toepler und Anheier. Eine dieser Theorien ist die Theorie des Markt-und Staatsversagens, die im Folgenden kurz erläutert wird.
„Die Funktion von Nonprofit-Organisationen liegt also darin, die unbefriedigte Nachfrage nach kollektiven Gütern zu decken, bei deren Bereitstellung sowohl der Markt als auch der Staat ‚versagen.“ 19 Dritte-Sektor-Organisationen sind demzufolge Nischenfüller aufgrund des Scheiterns der anderen beiden Sektoren Markt und Staat 20 in gesellschaftsrelevanten Bereichen.
Der Dritte Sektor wird wohl mit der Zeit eine immer größer werdende Angebotslücke schließen müssen, da mit steigendem Grad der Heterogenisierung der Sozialstruktur und der Vielfältigkeit von Lebensstilen die Bedarfe nach unterschiedlichen Leistungen ansteigen und damit auch die quantitative und qualita- 21 tive Bedeutung des Dritten Sektors größer wird.
Eine weitere Existenztheorie ist die der Informationsasymmetrie und Konsumentenkontrolle. Diese unterstellt den Nonprofit-Organisationen, dass sie, im Gegensatz zu kommerziellen Produzenten, aufgrund ihres Gewinnausschüttungsverbots an die Eigentümer keinerlei Interesse daran haben, die Leistungs- 16 Vgl.Pues, 2007, S. 20.
17 Ebd., S. 10.
18 Vgl. Pues, 2007, S. 13.
19 Vgl. Toepler/Anheier, 2005, S. 49.
20 Vgl. van Bentem, 2006, S. 96.
21 Ebd., S. 98.
7
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
qualität zugunsten einer Gewinnmaximierung zu senken. Dieser Nonprofit-Status signalisiert an potenzielle Nachfrager Vertrauenswürdigkeit. 22
Dies führt verständlicherweise zu konkurrenzbedingten Absatzproblemen von gewissen Gütern bei den Marktorganisationen, sodass die Versorgung der Bevölkerung von vornherein den Dritte-Sektor-Organisationen überlassen wird. 23
Es zeigt sich also zusammenfassend, dass der sozial- und somit auch systemrelevante Dritte Sektor hinsichtlich der Lösung gesellschaftlicher Probleme als Entlastung des Staates betrachtet wird. 24 Aufgrund geringer Gewinnerwartungen und möglichem Verbrauchermisstrauen ist auch vonseiten des Marktes ein eher geringer Beitrag zu erwarten. Die Nonprofit-Organisationen können jedoch ihrer verantwortungsvollen Aufgabe ohne bürgerschaftliches Engagement, sei es ehrenamtlich oder hauptamtlich, nicht ausreichend gerecht werden. Diese Bindekräfte unserer Gesellschaft erhalten und mehren, was wir heute „soziales Kapital“ nennen. 25
Abbildung 3: Die vier Leistungssysteme der Gesellschaft
Quelle: In Anlehnung an Strob, 1999, S. 172.
22 Vgl. Toepler/Anheier, 2005, S. 49. Eine Kurzübersicht über vorherrschende Dritter-Sektor-Theorien
findet sich im gleichen Werk auf den Seiten 62-63.
23 Vgl. van Bentem, 2006, S. 100.
24 Ebd., S. 101.
25 Vgl. Enquete-Kommission, 2002, S. 2.
8
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
Die Abbildung 3 verdeutlicht, dass der Dritte Sektor inzwischen ein wichtiges Bindeglied zwischen den Leistungssystemen Staat, Markt und privaten Haushalten geworden ist.
2.1.2 Strukturen
Vergleicht man die Zahl der im Dritten Sektor beruflich beschäftigen Bundesbürger (2,5 Millionen) mit der der eher unentgeltlich Tätigen (25,5 Millionen), so wird auf einen Blick deutlich, von wem das Bestehen des Sektors abhängt.
Aus diesem Grund scheint es lohnenswert, die Gruppe der Freiwilligen einmal genauer zu betrachten. 26 Einen besonderen Beitrag hierzu leistet der zweite Freiwilligensurvey 2004 27 im Auftrag der Bundesregierung, der aktuell eine der umfassendsten und detailliertesten quantitativen Untersuchung zum bürgerschaftlichen Engagement in Deutschland bietet.
Oft wird der Begriff Ehrenamt oder ehrenamtliche Arbeit synonym verwendet für viele unterschiedliche freiwillige Tätigkeiten, die mit einem unbesoldeten, meist nur gegen Aufwandsentschädigung ausgeübten öffentlichen Amt nichts ge- 28 Dabeigibt es weitergehende Differenzierungen. Freiwilligenmeinsam haben.
arbeit beschreibt die Tätigkeit freiwilliger Helfer, die sich unentgeltlich und ohne Entscheidungs- und Führungskompetenzen in einer Nonprofit-Organisation einbringen. 29 Diese Freiwilligen ohne formelle Ämter leisten Hilfstätigkeiten, die für das Bestehen der Organisation unverzichtbar sind. 30 Manchmal wird dies auch als Tätigkeit neben dem Beruf angesehen, obwohl es sich nicht um einen bezahlten Nebenberuf handelt. 31
Die Untersuchung des Freiwilligensurveys 2004 (Tab. 1) zeigt, dass die Freiwilligen ihr Engagement meist in der Freiwilligenarbeit oder im Ehrenamt ansiedeln. Da es noch keine allgemeingültige Bezeichnung gibt, die alle freiwilligen
26 Die Gruppe der Angestellten im Dritten Sektor ist nicht weniger bedeutsam. Auf sie wird im Kapitel 1.3
„Finanzielle Situation des Dritten Sektors“ detaillierter eingegangen. Jedoch spiegeln die freiwillig En-
gagierten die Struktur des Dritten Sektors am deutlichsten wieder.
27 Der Freiwilligensurvey wurde erstmals 1999 im Auftrag der Bundesregierung durchgeführt. Die damali-
gen Ergebnisse gaben den Anstoß, dass im Rahmen des 2002 veröffentlichten Berichts „Zukunft des
Bürgerschaftlichen Engagements“ der Enquete-Kommission erste entsprechende Gesetzesänderun-gen entstanden. Die Ergebnisse des dritten Freiwilligensurveys werden Ende 2010 erwartet. Der aus-
führliche Bericht wird auf der Website des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Ju-
gend www.bmfsfj.de veröffentlicht.
28 Vgl. Alisch, et al., 2004, Band Bf-E, S. 789.
29 Vgl. http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/7045/freiwillige-v6.html [07.02.2010].
30 Vgl. Gensicke et al., 2006, S. 41.
31 Ebd., S. 338.
9
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
Tätigkeiten umfasst, entschied man sich für den Oberbegriff „freiwilliges Engagement“, der auch in den folgenden Ausführungen weiter verwendet wird.
Tabelle 1: Verständnis der freiwilligen Tätigkeiten 2004
Angaben in Prozent, gerundet
Quelle: In Anlehnung an Gensicke et al., 2006, S. 79.
Wo freiwilliges Engagement am häufigsten vorzufinden ist, zeigt die folgende Abbildung 4.
Abbildung 4: Freiwilliges Engagement in 14 Bereichen 2004
Quelle: In Anlehnung an Gensicke et al., 2006, S. 50.
10
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
Gerade in den Bereichen, wo sich vermehrt ein Anteil an Freiwilligen findet, hängen die Existenz und das Angebot der Organisationen stark vom Fortbestehen des freiwilligen Engagements ab.
Ein weiterer Blick ist auf die Organisationsformen in Abbildung 5 zu richten, in denen die freiwilligen Tätigkeiten stattfinden.
Abbildung 5: Organisationsformen der freiwilligen Tätigkeiten 2004
Quelle: In Anlehnung an Gensicke et al., 2006, S. 27.
Beachtlich ist, dass immerhin 43 % aller freiwillig Tätigen sich in der Organisati-onsform des Vereins organisieren. Und tatsächlich ist mit 80 % die überwiegende Mehrheit der Dritte-Sektor-Organisationen in Deutschland in der Rechtsform des Vereins organisiert. 32 Damit ist der Verein die zentrale, dominierende Or-ganisationsform der Selbstorganisation des bürgerschaftlichen Engagements, 33 und von allen die bekannteste. Zwar gibt es keine allgemein anerkannte Definition des Vereins, 34 doch treffen alle klassischen Merkmale, die eine Organisation des Dritten Sektors hat, auf ihn zu. Daher können für Nonprofit-Organisation folgende Kriterien gelten: 35
32 Vgl. Zimmer/Priller, 2007, S. 47.
33 Vgl. Enquete-Kommission, 2002, S. 111.
34 Ebd., S. 111.
35 Ebd., S. 232 und Zimmer/Priller, 2007. S. 32.
11
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
formell strukturiert organisatorisch unabhängig vom Staat nicht gewinnorientiert eigenständig verwaltet keine Zwangsverbände
Die Enquete-Kommission gibt in ihrem Bericht von 2002 eine detailliertere Beschreibung ab: Demnach ist ein Verein eine „auf Dauer angelegte zweckorientierte Organisation, in denen sich auf freiwilliger Basis Personen vornehmlich zur Ausübung gemeinsamer Interessen vereinigen.“ 36 Diese Beschreibung
passt weitestgehend zum sog. Idealverein und wird dem Bedeutungsspektrum, das der Begriff Verein inzwischen mit sich bringt, heute bei Weitem nicht mehr gerecht. 37 und es ist davon 2008 gab es in Deutschland 554.401 eingetragene Vereine auszugehen, dass es nochmals rund 500.000 nicht eingetragene Vereine gibt. Damit ist die Organisationsform des Vereins in fast allen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens aktiv 38 und die Vereine sind sowohl Ausdruck als auch Ergebnis gesellschaftlicher Differenzierung. 39 Unbeachtet bleiben bisher die rund 3.000 bis 11.000 Verbände, die 40.000 bis 70.000 Selbsthilfegruppen und die unzähligen Bürgerinitiativen, die aufgrund theoretisch nicht fundierter Kriterien von der Gruppe der Vereine abgegrenzt werden. 40
Der Verein ist also eine der charakteristischsten Organisationsformen des Dritten Sektors. Er spiegelt aufgrund seiner großen Verbreitung und mannigfaltigen Erscheinungsformen am deutlichsten die sozialen Interessen unserer modernen Gesellschaft. Darüber hinaus ist er ein Beispiel dafür, dass freiwillige bürger- 36 Vgl.Enquete-Kommission, 2002, S. 111.
37 Vgl, V&M Service GmbH, 2008, S. 2. Das Ergebnis berücksichtigt die Daten örtlicher Vereinsregister,
bei denen es sich um sog. reaktive Register handelt, dies führt zu einer Dunkelziffer der nicht mehr
existenten Vereinen. Vereinsauflösungen müssen bei den Amtsgerichten nicht gemeldet werden. Im
Rahmen der Neuordnung von Registerbezirken wurde die Anzahl von 600 (2001) auf 398 Amtsgerichte
(2008) reduziert, die Register auf EDV umgestellt und die Karteileichen aus den Vereinsregistern ent-
fernt. Die V&M Service GmbH erhebt zurzeit als Einzige Daten über die Vereine in Deutschland. Ihre
Ergebnisse können auf www.npo-info.de [28.10.2009] abgerufen werden.
38 Vgl. van Bentem, 2006, S. 7.
39 Vgl. Zimmer/Priller, 2007, S. 46. Es entsteht der Eindruck, als müssten alle Vereine eine Rechtsform
haben und den Gemeinnützigkeitsstatus besitzen. Da jedoch die eine Million eingetragenen und nicht
eingetragenen Vereine die gesellschaftlichen Interessen widerspiegeln, wäre dies eine eingeschränkte
Sicht der Dinge. Aufgrund seiner Größe bleibt das Vereinswesen ein weißer Fleck auf der Landkarte
moderner Gesellschaften und eine bekannte unerforschte Größe in der Organisationslandschaft.
40 Vgl. van Bentem, 2006, S. 8.
12
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
schaftliche Zusammenschlüsse wesentliche, gemeinhin positive Auswirkungen auf das Zusammenleben haben. 41
2.1.3 Finanzielle Situation des Dritten Sektor
Betrachtet man die Finanzierungsstruktur des Dritten Sektors auf der Einnahmeseite, so kann man zu dem Schluss kommen, dass dieser sehr staatszentriert ist und offensichtlich ohne staatliche Zuschüsse, zumindest in gewissen Bereichen, nicht überlebensfähig wäre. 42
Diese Vermutung unterstützt auch die deutsche Teilstudie des Johns Hopkins Comparative Nonprofit Sector Projects, die einen eindeutigen Finanzierungsmix, wie in Abbildung 6 dargestellt, ergab.
Abbildung 6: Vergleich Einnahmequellen: Deutscher Dritter Sektor und 34-Länder-
43
Durchschnitt
Quelle: In Anlehnung an The Johns Hopkins Comparative Nonprofit Sector Project,
Reference years: 1995-2000.
Vergleicht man die prozentualen Anteile des deutschen Dritten Sektors mit dem 34-Länder-Durchschnitt, so ist eine fast doppelt so hohe Staatsabhängigkeit der Nonprofit-Organisationen zu erkennen. Im Gegensatz dazu weisen die internationalen Durchschnittswerte eine deutlich stärkere Ausprägung in der Finanzierung durch selbsterwirtschaftete Mittel und Spenden auf. Der deutsche Dritte
41 Vgl. Zimmer/Hallmann, 2005, S. 103.
42 Vgl. van Bentem, 2006, S. 120.
43 URL: http://www.ccss.jhu.edu/pdfs/CNP/CNP_table401.pdf [11.02.2010]
13
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
Sektor verlässt sich demnach deutlich auf die öffentlichen Geldgeber. Seine starke Staatsorientierung führte dazu, dass er lange nicht als eigenständige gesellschaftliche Kraft wahrgenommen wurde. 44
Eine mögliche Begründung für die überwiegend staatliche Finanzierung des Dritten Sektors in Deutschland ergibt sich, wenn man dessen Entwicklung historisch betrachtet und seine heutigen Gegebenheiten beschreibt. Dazu ist ein Blick auf die Gruppe der berufstätig Beschäftigten des Sektors sinnvoll. Die 2,5 Millionen Angestellten des Dritten Sektors sind überwiegend in den rund 94.000 Einrichtungen 45 der sechs Spitzenverbände der freien Wohlfahrt beschäftigt. Sie sind es hauptsächlich auch, die dem deutschen Dritten Sektor seinen Finanzierungsmixcharakter geben.
Die Abgabe des Staates von öffentlichen Aufgaben an den Dritten Sektor und die Bereitschaft der Wohlfahrtsbereiche zur Übernahme der sozialen Dienstleistungserstellung führte historisch zu der heute privilegierten Stellung der großen Spitzenverbände der freien Wohlfahrt in Deutschland. Der Staat ist seither zur angemessenen Unterstützung bei der Leistungserbringung der freien Träger verpflichtet, was einer Finanzierung durch die öffentliche Hand gleichkommt. Durch diese Förderverpflichtung entwickelte sich in Deutschland ein Nonprofit- 46 fürden die Dominanz der großen etablierten Sektor von beachtlicher Größe, Wohlfahrtsverbände charakteristisch ist. 47
Damit lässt sich der große Anteil der öffentlichen Zuschüsse bei der Finanzierungsstruktur des Dritten Sektors erklären. Doch dies heißt auch, dass die übrigen Nonprofit-Organisationen nicht in den Genuss staatlicher Privilegierung kommen, da hier für den Staat keine Verpflichtung, sondern lediglich die Option zur Förderung besteht. Durch eine fehlende staatliche Unterstützung hat sich der Sektor in diesen Bereichen nicht entsprechend ausweiten und professionalisieren können. Besonders kleinere Dritte-Sektor-Organisationen sind dadurch viel mehr auf Eigenmittel und die Ausrichtung auf den Markt angewiesen. 48 Da
sie jedoch in der Regel nicht von den Einnahmen für ihre Leistungen leben
44 Vgl. Haibach, 2006, S. 31.
45 Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2006.
46 Vgl. van Bentem, 2006, S. 111, 113 u. 116.
47 Vgl. Haibach, 2006, S. 29f.
48 Vgl. van Bentem, 2006, S. 116.
14
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
können, müssen Finanzmittel aus externen Quellen, wie öffentliche Förderung, Spenden, Bußgelder, Stiftungen und Sponsoring, beschafft werden. 49
Dieses System führte zu einer Zweiteilung des deutschen Dritten Sektors: auf der einen Seite ein hoch professionalisierter, mit öffentlichen Mitteln geförderter staatsnaher Sektor und auf der anderen Seite ein Sektor mit großer territorialer Reichweite und diversifizierten Tätigkeitsbereichen, aber einem sehr geringen Professionalisierungsgrad. 50 Zwar stellte die Enquete-Kommission in ihrem Bericht 2002 fest, dass bei Vereinen ein Trend zur Professionalisierung zu erkennen ist, d. h., dass lokale Vereine verstärkt auch hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigen, aber die bürgerschaftlich Engagierten nach wie vor den Löwenanteil der Vereinsarbeit übernehmen. 51
Die Zweiteilung des Dritten Sektors führt dazu, dass besonders diejenigen Dritte-Sektor-,Organisationen, die keine staatsnahe privilegierte Stellung besitzen, aber dafür in allen Bereichen der Zivilgesellschaft mit freiwillig Engagierten vertreten sind, weitaus heterogenere Finanzierungsstrukturen aufweisen und dazu gezwungen sind, sich intensiver um die Mittelbeschaffung zu bemühen. Dies macht sie für die weitere Betrachtung der finanziellen Situation des Dritten Sektors interessant.
Solche Nonprofit-Organisationen sind vor allem auf der lokalen Ebene zu finden, meist in Form eines Vereins, aber auch Bürgerinitiativen oder Selbsthilfegruppen, wie die Nachbarschaftshilfe, zählen dazu.
2000 erwirtschaftete der lokale Dritte Sektor Gesamteinnahmen von rund 2,9 Millionen €. Den größten Anteil am Gesamtumsatz hatte dabei das Tätigkeitsfeld soziale Dienste mit ca. 1,6 Millionen €. 52
In der folgenden Abbildung 7 ist beispielhaft die Finanzierungsstruktur zweier Tätigkeitsfelder gezeigt.
49 Vgl. Haibach, 2006, S. 31.
50 Vgl. van Bentem, 2006, S. 116.
51 Vgl. Enquete-Kommission, 2002, S. 113.
52 Vgl. van Bentem, 2006, S. 259f. Der Erhebungszeitraum war 1999-2000, seither gab es keinerlei
vergleichbare Studien. Auf den Seiten 152-154 sind Tätigkeitsfelder des lokalen Dritten Sektors abge-
bildet, sowie deren Vereinstypen. Weitere Daten und Anmerkungen zur Finanzierungsstruktur im Drit-
ten Sektor finden sich bei Strachwitz (1998), Dritter Sektor - Dritte Kraft. Versuch einer Standortbe-
stimmung, Stuttgart, S. 475-492, sowie Zimmer/Priller (2007), Gemeinnützige Organisationen im ge-
sellschaftlichen Wandel. Ergebnisse der Dritte-Sektor-Forschung. Wiesbaden, 60ff.
15
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
53 Abbildung 7: Beispiele der Finanzierungsstrukturen im Dritten Sektor
Quelle: Eigene Darstellung
Es ist deutlich zu erkennen, dass es große Unterschiede im Finanzierungsmix der beiden gezeigten Tätigkeitsfelder gibt. Das Tätigkeitsfeld „soziale Dienste“ finanziert sich zu 37,6 % mit Hilfe von öffentlichen Zuschüssen, wohingegen das Tätigkeitsfeld „Religion“ aus dieser Quelle nur 5 % von seinen Gesamteinnahmen bezieht. Nicht nur in der Gewichtung der Einnahmequellen gibt es große Abweichungen zwischen den unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern des lokalen Dritten Sektors, sondern auch zwischen den verschiedenen Organisationen eines Tätigkeitsfeldes kann es zu deutlichen Unterschieden kommen. Dies hängt vor allem mit den Prioritäten zusammen, die die Verantwortlichen bei der Mittelbeschaffung setzen. Oft spielen hier vor allem Fähigkeiten, Wissen und verfügbare Zeit eine Rolle dabei, welche Finanzierungsmöglichkeiten gewählt werden.
Den Einnahmen standen 1999/2000 rund 2,7 Millionen € Ausgaben gegenüber. 54 Dabei entsteht der Eindruck, als würden sich Einnahmen und Ausgaben nicht nur decken, sondern als entstünde vor allem ein deutlicher Überschuss.
Beim Freiwilligensurvey 1999-2004 gaben jedoch 63 % der befragten freiwillig Engagierten an, dass sie sich von ihren Organisationen mehr Finanzmittel für bestimmte Projekte wünschen und benannten damit die finanzielle Knappheit
53 Vgl. van Bentem, 2006, S. 261-266
54 Ebd. , S. 269.
16
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
als das Hauptproblem in den Einrichtungen. 55 Zu erklären ist diese Situation u.a. dadurch, dass die Organisationen im Schnitt gerade einmal 54 % ihrer Ausgaben durch Mitgliedsbeiträge decken. Es zeigt sich somit, dass die Nonprofit-Organisationen auf externe finanzielle Ressourcen dringend angewiesen sind. 56 Dass wiederum die Ausgaben des gesamten lokalen Dritten Sektors anscheinend mit den Einnahmen gedeckt werden, ist mit Sicherheit dadurch zu erklären, dass ausschließlich solche Ausgaben getätigt werden, die auch durch weitere externe Mittel gedeckt werden können. Der Wunsch nach mehr finanziellem Spielraum zeigt jedoch, dass ein weitaus größerer Bedarf an Investitionen besteht, als derzeit durch die bisherigen Einnahmen sichergestellt werden kann. Dies bestätigt auch die Angabe von knapp einem Drittel der befragten Organisationen bei der 1998 durchgeführten Studie der WWU Münster, dass sie sich in finanziellen Schwierigkeiten befänden. Die Gründe dafür lagen überwiegend im Abbau der kommunalen Förderung und dem Rückgang der Eigenmittel, aber z. B. auch dem Wettbewerb unter den gemeinnützigen Organisationen um Unterstützer. 57 Tatsächlich wird bei den privaten Spenden inzwischen von einem Spendenmarkt gesprochen, auf dem die Dritte-Sektor-Organisationen um Spenden konkurrieren. 58 Im Medienzeitalter fällt es auch
kleineren Nonprofit-Organisationen leichter, sich in der Spenderansprache zu professionalisieren und auf sich aufmerksam zu machen, um vom Spendenkuchen ein Stück abzubekommen. Dies führt zu einem erhöhten Wettbewerb und damit zu einer Aufteilung des Gesamtspendenvolumens in Deutschland auf immer mehr Organisationen, um nur eine Auswirkung des Wettbewerbs unter gemeinnützigen Organisationen zu nennen.
Bürgerschaftliches Engagement bietet heutzutage einen bunten Markt der Möglichkeiten. Während sich die Menschen vor noch 10 Jahren typischerweise langfristig einer bestimmten Organisation verpflichteten und sich ein Leben lang verbunden fühlten, engagieren sich heute immer mehr Menschen eher spontan und projektbezogen. Bürgerschaftliches Engagement muss zur jeweiligen Le- 59 benssituation passen. Dies führt unweigerlich zu einem Rückgang der Ei- 55 Vgl.Gensicke et al., 2006, S. 30f.
56 Vgl. van Bentem, 2006, S. 272.
57 Vgl. Zimmer/Priller, 2007, S. 84.
58 Vgl. Schnurbein, 2008, S. 120.
59 Vgl. Enquete-Kommission, 2002, S. 2.
17
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
genmittel, da keine langfristige Mitgliedschaft bei ein und derselben Organisation mehr eingegangen wird, sondern je nach eigenem Interesse das freiwillige Engagement für bestimmte Projekte auch in ganz unterschiedlichen Organisationen eingebracht wird.
Zudem gingen über 53 % der Organisationen 1998 von weiteren Rückgängen bei den öffentlichen Zuschüssen aus. 60 Betrachtet man sich die Entwicklung des öffentlichen Haushalts in den vergangenen 12 Jahren, so war die damalige Befürchtung nicht unbegründet. Denn in Zeiten knapper Kassen gibt es eine Tendenz, die Leistungen der nicht privilegierten Nonprofit-Organisationen zu kürzen. Auf diese Weise kann der Staat zwar nur kleine Summen einsparen, dennoch hinterlassen diese Einsparungen große Lücken bei den Projektträgern. Dieses Verhalten gefährdet nicht nur die Existenz der Organisationen, sondern auch die gesamte soziale und kulturelle Infrastruktur. 61
Priller stellt in seinem Aufsatz „Nonprofit-Organisationen als Partner und ‚verlängerter Arm des Staates?“ fest, dass die Nonprofit-Organisationen ein unverzichtbarer Bestandteil der modernen Gesellschaft sind und mit ihnen der Staat Politik sowohl legitimieren als auch umsetzen kann. Dieser Bereich benötigt entsprechende Handlungsspielräume, zu deren Schaffung es der Unterstützung des Staates bedarf; welcher jedoch die Organisationen des Dritten Sektors aktuell eher als Faktor der Kostenminimierung und als Einsparpotenzial ansieht. Zwar möchte er auch weiterhin mithilfe des Dritten Sektors die Lücken der wohlfahrtsstaatlichen Leistungserbringung schließen, sieht jedoch unter dem zunehmenden Spardruck die vielversprechenden Möglichkeiten, finanzielle Unterstützungs- und Zuwendungsleistungen beträchtlich zu kürzen. Daher müssen sich die Nonprofit-Organisationen fragen, was sie von einem Kooperationspartner haben, der zunehmend unzuverlässiger wird, 62 denn das Verhalten des Staates lässt die möglichen Kosten für die Vernachlässigung sozialer Arbeit außer Acht. „ […] social policies are to be seen as a productive factor and not as a hindrance to economic activity.” 63
60 Vgl. Zimmer/Priller, 2007, S. 83.
61 Vgl. Pagels, 2005, S. 9.
62 Vgl. Priller, 2005, S. 325-328.
63 Vgl. Fouarge, 2003, S. 3.
18
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
Aufgrund der Abhängigkeit von der öffentlichen Hand haben die Sparzwänge oft negative Auswirkungen, bedeuten jedoch auch eine große Chance für die Drit-te-Sektor-Organisationen. 64
2.2 Stiftungen - die heimlichen Gestalter des Dritten Sektors
2.2.1 Das Stiftungswesen in Deutschland - Entstehung & Entwicklung Stiftungen sind eine der möglichen Nonprofit-Organisationsformen im Dritten Sektor, dabei existieren sie schon deutlich länger, als es den Begriff Dritter Sektor überhaupt gibt. Die Wurzeln des deutschen Stiftungswesens reichen bis ins Mittelalter zurück. Besonders Kirchen gründeten Stiftungen für soziale bzw. mildtätige und kirchliche Zwecke. 65 Eine Vorbildfunktion hat noch bis heute zwar nicht die älteste, aber bestimmt eine der bekanntesten noch bestehenden Sozialstiftungen, die 1521 gegründete „Fuggerei“, benannt nach ihrem Namensgeber Jacob Fugger. 66 Nach ihrem Vorbild verfolgen auch heute noch 95 % aller Stiftungen in Deutschland einen gemeinnützigen Zweck. 67
Für den Begriff „Stiftung“ gibt es keine gesetzliche Definition, er ist vielmehr eine Bezeichnung für eine Mehrzahl von Rechtsformen, auf die später in Kapitel 2.2.2 noch näher eingegangen wird. Vorher lässt sich der Begriff dahingehend eingrenzen, dass es sich bei einer Stiftung um eine auf Dauer angelegte Orga-nisationsform handelt, die ein bestimmtes, ebenso auf Dauer angelegtes Vermögen zur Verwirklichung von definierten, meist gemeinnützigen Zielen bereitstellt. 68 Diese Ziele werden auf den Stiftungszweck ausgerichtet, der sich nach dem Willen des Stifters richtet. 69 Das dazu benötigte Vermögen muss in seiner Substanz erhalten bleiben. 70
Schätzungen nehmen an, dass in Deutschland rund 65.000 Stiftungen existieren. 71 Ein genauer Überblick über den Gesamtbestand ist auch heute im Zeitalter der Medien und Informationen nicht zu leisten. Aufgrund der vielfältigen Rechts- und Erscheinungsformen und in Ermangelung einer übergreifenden amtlichen Stiftungsstatistik, anderer flächendeckenden Register und vor allem
64 Vgl. Haibach, 2006, S. 32.
65 Vgl. Bundesverband Deutscher Stiftungen, 2008, S. 13.
66 Vgl. Pues, 2007, S. 19.
67 Ebd., S. 9.
68 Vgl. Bundesverband Deutscher Stiftungen, 2008, S. 10 u. 14.
69 Vgl. Pues, 2007, S. 106.
70 Vgl. Wigand, 2009, S. 32.
71 Vgl. Giersberg, 2008, o. S.
19
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
aufgrund der Freiwilligkeit der Veröffentlichung ist eine verlässliche statistische Aussage nur sehr begrenzt möglich. 72 Lediglich für das heutige Leitbild der
Stiftungen, die rechtsfähige Stiftung des bürgerlichen Rechts, sind zuverlässige Aussagen möglich.
In der aktuellsten Erhebung (2007) des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen 73 wurde ein Erfassungsgrad von 88 % aller existierenden Stiftungen bürgerlichen Rechts in Deutschland erreicht. Damit war eine weitere Pionierleistung in der Datenerhebung und dem Versuch der transparenteren Gestaltung des deutschen Stiftungswesens geschafft. Besonders in den 1980er Jahren erlebte der Stiftungsgedanke in der Bundesrepublik seine Renaissance und weist seither einen kontinuierlichen Anstieg der Neugründungen von Stiftungen bürgerlichen Rechts auf (vgl. Abb. 8). 74 Abbildung 8: Stiftungserrichtungen 1960-2009 in Deutschland
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Bundesverband Deutscher Stiftungen, 2010,
S. 5.
Somit gab es zum Jahresende 2009 insgesamt 17.372 rechtsfähige Stiftungen des bürgerlichen Rechts in Deutschland. Zu dieser Zahl trug vor allem das anhaltend hohe Niveau der Neugründungen in den vergangen neun Jahren bei,
72 Vgl. Bundesverband Deutscher Stiftungen, 2008, S. 10.
73 Ebd., S. 11.
74 URL: http://www.stiftungen.org/files/original/galerie_vom_10.10.2005_12.40.23/Jahresstatistik.pdf
[05.03.2010]
20
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
das zum Teil auch durch die Reformen im Stiftungssteuerrecht 2000, 2002 und 2007 begründet ist. 75 Abbildung 9: Stiftungserrichtungen 2000-2009 in Deutschland
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
besitzen ca. 95 % der deutschen Stiftungen und sind damit steuerbefreit und berechtigt, Spenden entgegenzunehmen.
Gemeinnützige Zwecke liegen vor, wenn die Stiftung die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos fördert. 77 Beispiele hierfür sind die Förderung von Wissenschaft und Forschung, Bildung und Erziehung oder Kunst und Kultur.
Mildtätige Zwecke sind solche, die darauf gerichtet sind, Personen selbstlos zu unterstützen, die infolge ihres körperlichen, geistigen oder seelischen Zustandes auf die Hilfe anderer angewiesen sind bzw. sich wirtschaftlich nicht selbst 78 unterhalten können.
Kirchliche Zwecke verfolgen Stiftungen, wenn ihre Tätigkeit darauf ausgerichtet ist, eine Religionsgemeinschaft, die Körperschaft des öffentlichen Rechts ist, selbstlos zu fördern. 79
Eine der wichtigsten Fragen, die sich bei Stiftungen stellt, ist die Unterscheidung zwischen einer operativen oder fördernden Tätigkeit. Eine operative Stiftung plant, organisiert und setzt eigene Projekte um, um den Stiftungszweck zu verwirklichen. Eine Förderstiftung fördert auf Antrag andere gemeinwohlorientierte Körperschaften. Sie verfolgen ihren, aus der Satzung vorgegeben, Zweck also nicht selbst, sondern unterstützen mit ihren Erträgen andere Personen oder Organisationen. Diese durch die Stiftung Begünstigten nennt man auch Destinatäre.
Einige Förderstiftungen existieren auch als Mischform, indem sie auf ein Antragsverfahren verzichten und immer die gleichen Destinatäre fördern oder auch das ein oder andere Projekt selbstständig umsetzen.
In Deutschland sind 21 % der Stiftungen operativ tätig, 17 % stellen Mischformen dar und 62 % sind Förderstiftungen. Von den Förderstiftungen fördern 72 % nur regional begrenzt, 12 % bundesweit, 9 % bundesweit und international und 7 % ausschließlich im Ausland. 80
77 Vgl. Pues, 2007, S. 85.
78 Ebd., S. 86.
79 Ebd., S. 87.
80 Vgl. Damm, 2008, S. 133.
22
Quelle: Eigene Darstellung
Zu den öffentlich-rechtlichen Stiftungen gehören z. B. die kommunalen und staatlichen Stiftungen. Sie werden von staatlicher Seite durch Gesetz oder Verwaltungsakt nach eigenen Rechtsvorschriften errichtet und setzen hoheitli-
23
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
ches Handeln voraus. 81 Der Stiftungszweck ist in aller Regel von einem besonderen öffentlichen Interesse. 82
Einen öffentlich-rechtlichen Stiftungscharakter hat auch eine kirchliche Stiftung, auch sie wird von der Kirche nach eigenen Rechtsvorschriften errichtet. 83 Der
Stiftungszweck verfolgt überwiegend kirchliche Aufgaben.
Anstaltsträgerstiftungen verwirklichen ihren Zweck durch von ihnen betriebene Einrichtungen des öffentlichen Lebens (Krankenhäuser, Museen etc.). Sie finanzieren sich aus den Erträgen des Anlagevermögens und öffentlichen Zu- 84 wendungen.
Die Gruppe der privatrechtlichen Stiftungen bildet den eigentlichen Kern des Stiftungswesens und beinhaltet viele weitere Unterarten, die sowohl gemeinnützige als auch eigennützige Stiftungen hervorbringt, die durch eine Willenserklärung von einzelnen Bürgern oder Institutionen errichtet werden. Die Aktivitäten befinden sich im charakteristischen Zwischenbereich von Staat und Privatwirtschaft. 85
Öffentlich-rechtliche und privatrechtliche Stiftungen sind beide selbstständige Stiftungsformen mit einer eigenen Rechtspersönlichkeit. Sie haben keine Eigentümer oder Mitglieder und gehören sich quasi selbst und sind somit „Sklaven ihres Zwecks“ 86 .
Privates Stiftungsrecht orientiert sich im Wesentlichen an der rechtsfähigen Stiftung bürgerlichen Rechts, die auch 'selbstständige Stiftung' genannt wird. Sie ist als juristische Person eigenständiger Träger von Rechten und Pflichten und unterliegt der permanenten Aufsicht durch die Stiftungsbehörde des jewei- 87 Dient die Stiftung dem Gemeinwohl, so wird sie manchligen Bundeslandes.
mal auch öffentliche Stiftung bürgerlichen Rechts genannt.
Eine weitere privatrechtliche Form ist die Treuhandstiftung, die auch als unselbstständige, nichtrechtsfähige oder fiduziarische Stiftung bezeichnet wird. Sie hat keine eigene Rechtspersönlichkeit und ist somit auch keine juristische
81 Vgl. Pues, 2007, S. 24.
82 Vgl. Bundesverband Deutscher Stiftungen, 2008, S. 143.
83 Vgl. Wigand, 2009, S. 33.
84 Vgl. Bundesverband Deutscher Stiftungen, 2008, S. 143.
85 Vgl. Pues, 2007, S. 24.
86 Vgl. Wigand, 2009, S. 33.
87 Vgl. Pues, 2007, S. 25.
24
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
Person. Damit kommt sie, im Gegensatz zur rechtsfähigen Stiftung, ohne eine eigene Organisation aus, denn sie entsteht durch einen Vertrag zwischen Stifter und Treuhänder. Der Stifter überträgt das Stiftungsvermögen an den Treuhänder, dieser verwaltet es treuhänderisch gemäß den Satzungsbestimmungen getrennt von seinem eigenen Vermögen. Weder staatliche Kontrolle noch die Einflussnahme durch eine Stiftungsbehörde spielen dabei eine Rolle.
In den vergangenen Jahren haben die Bürgerstiftungen an Bedeutung gewonnen und gehören zu der am schnellsten wachsenden Stiftungsform. Sie sind gemeinnützige Stiftungen „von Bürgern für Bürger“. Ihr Ziel ist der Ausbau und die Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements. Bürger, Institutionen und Unternehmen werden an den lokalen Problemlösungs- und Entscheidungsprozessen beteiligt, sofern sie sich auch finanziell engagieren. 88
All diese Stiftungsformen eint, dass der Wille des Stifters im Rahmen eines Stiftungsgeschäfts erklärt wird, und dass eine bestimmte Vermögensmasse auf Dauer zur langfristigen Umsetzung des Stiftungszwecks existiert und sie mit einer entsprechenden Organisation und Verwaltung ausgestattet ist. 89
2.2.3 Bedeutung von Stiftungen innerhalb des Dritten Sektors
Insgesamt stellen deutsche Stiftungen rund 80.000 Voll- und Teilzeitarbeitsplätze zur Verfügung, wobei diese auf gerade einmal ca. 15 % der Stiftungen verteilt sind. 90
Die Aufgaben der Stiftungen liegen beispielsweise in gemeinnützigen Zielen wie die Förderung wohltätiger Zwecke oder in nicht gemeinnützigen Zielen wie die Versorgung einer Familie oder der Führung eines Unternehmens.
Das Gesamtvermögen der Stiftungen wurde für 2008 auf 100 Milliarden € geschätzt. 91 Der Betrag, der jährlich für gemeinnützige Zwecke ausgegeben wird, beziffert sich auf rund 18 Milliarden €. 92
Die folgende Abbildung 11 zeigt die Verteilung der Stiftungszwecke, die gefördert werden.
88 Vgl. Pues, 2007, S. 31.
89 Ebd., 2007, S. 22.
90 Vgl. Enquete-Kommission, 2002, S. 117.
91 Vgl. ami, 2008. Dabei wurde überwiegend das Vermögen der Stiftungen mit der Rechtsform „Stiftun-
gen des bürgerlichen Rechts“ berücksichtigt.
92 Vgl. Damm, 2008, S. 134.
25
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
Abbildung 11: Verteilung Stiftungszwecke
Vergleicht man diese Ausgaben ansatzweise mit einzelnen Positionen im Bundeshaushalt 2009, die ebenso im Bereich „Soziales“ ausgegeben wurden, so kommt man auf folgendes Ergebnis in Tabelle 2:
Tabelle 2: Ausschnitt einzelner Ausgabepositionen des Bundeshaushalts 2009
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Bundesministerium für Finanzen, 2009,
Übersichten - Teil II: Funktionenübersicht, Positionen 235, 236, 261, 271 u. 290.
93 Die hier gezeigten Daten berufen sich auf die Stiftungsdatenbank des MAECENATA Instituts, die 2006
in Summe 10.917 Stiftungen beinhaltete. Diese wurde als repräsentativ erachtet, da sich auch die En-
quete-Kommission in ihrem Bericht von 2002 auf S. 117 der Daten des Instituts bedient. Da jede Stif-
tung mehrere unterschiedliche Zwecke verfolgen kann, waren Mehrfachnennungen möglich. Eine al-ternative Datenerhebung stellt auch der Bundesverband Deutscher Stiftungen bereit. Hier werden je-
doch nicht alle möglichen Zwecke einer Stiftung berücksichtigt, sondern nur der aktuelle Förder-schwerpunkt, sodass sich bei der Stiftungszweckhauptgruppe „Soziales“ ein Prozentsatz von 32,0 %
ergibt.
26
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
Es lässt sich leicht erkennen, dass die Investitionen der Stiftungen in den Dritten Sektor einen großen Beitrag für die Gestaltung der modernen Zivilgesellschaft leisten.
Stiftungen haben in den vergangenen Jahren einen Imagewandel durchlebt: Einst die Spielwiese der Reichen, die Stiftungen als Steuersparmodelle verwendeten, sind sie heute Ausdruck des bürgerschaftlichen Engagements und wichtige Akteure der zivilen Gesellschaft. 94
So helfen sie z. B., politische Konflikte zu lösen, indem sie etwa im kommunalen Bereich der Privatisierung oder Ausgliederung von öffentlichen Aufgaben dienen und insbesondere soziale, karitative, aber auch wirtschaftliche Aufgaben übernehmen. Infolgedessen müssen bestimmte politische Auseinandersetzungen nicht mehr geführt werden. 95
Aufgrund der hohen Belastung der öffentlichen Hand haben Stiftungen stark an Bedeutung gewonnen. 96 So rücken sie als wichtige Elemente der Bürgergesellschaft immer stärker in den Blickpunkt und stellen für viele Nonprofit-Organisationen eine alternative Finanzierungsquelle zu den immer knapper werdenden oder auch ganz ausbleibenden öffentlichen Mitteln dar 97 und werden angesichts dessen immer wichtiger bei der Finanzierung gemeinnütziger Aufgaben und Aktivitäten. 98
Gerade für die Bewältigung der aktuellen und künftigen Herausforderungen unseres Gemeinwesens ist die Zivilgesellschaft, nicht erst seit den immer stärker wachsenden Finanznöten vom Bund, Ländern und Kommunen, unverzichtbar geworden. So können es sich bereits heute viele Kommunen kaum noch finanziell leisten, die immerhin das Gemeindebild prägenden Nonprofit-Organisationen zu unterstützen. So werden Stiftungen zunehmend zu Impulsgebern, finanziellen Säulen, Projektträgern und Innovationsschmieden. 99
94 Vgl. Haibach, 2006, S. 178.
95 Vgl. Netzwerk-Selbsthilfe e. V., 2009, S. 9.
96 Vgl. Göring, 2008, o. S.
97 URL: http://www.buergergesellschaft.de/praxishilfen/stiftungen/stiftungswesen-in-deutschland/104228/
[20.02.2010]
98 Vgl. Pagels, 2005, S. 31.
99 Vgl. URL: http://www.stiftungen.org/index.php?strg=82_89_230&baseID=615 [20.02.2010].
27
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
Allem Anschein nach ist es zweifellos die Aufgabe moderner Stiftungen, Kapitalgeber des Dritten Sektors zu sein. 100 Obwohl Sie selbst ein Teil des Dritten Sektors sind, können Förderstiftungen mit Venture-Capital-Unternehmen des Marktsektors verglichen werden und sollten daher ihren Partnern längerfristig und umfassend Hilfestellung geben, die weit über eine rein finanzielle Unterstützung hinausgeht. 101
Tatsächlich sind Stiftungen wichtige Geldgeber für viele gemeinnützige Initiativen und Projekte, sollten jedoch nicht auf die Funktion bloßer Geldgeber reduziert werden, die nur einspringen, wenn staatliche Mittel ausfallen. Diese Haltung würde ihrer eigentlichen Idee, ihrer Zielsetzung und tatsächlicher Leistungsfähigkeit nicht gerecht werden. 102
Es ist zu erwarten, dass in Deutschland die volkswirtschaftliche Bedeutung von Stiftungen in den kommenden Jahren stark zunehmen wird. 103 Besonders im Hinblick darauf, dass innerhalb der nächsten Jahre in Deutschland ca. 2,5 Billionen € an Vermögenswerten an die nachfolgenden Generationen übertragen wird, was Stiftungen sowohl für die erbende als auch für die vererbende Seite interessanter macht. 104
Da die Stiftung als Vermögensmasse gekennzeichnet ist, die einem bestimmten Zweck auf Dauer gewidmet ist, wobei das Grundkapital erhalten bleiben muss, ist von deren Seite ein dauerhafter Beitrag zum Erhalt der sozialen Infrastruktur zu erwarten.
Marc-Christian Ollrog fasst die gesellschaftliche Bedeutung folgendermaßen zusammen.
„Wo die Politik durch Wahlrhythmen und Lobbydenken versagt oder nicht handeln kann, springen Stiftungen in die Bresche und federn Versäumtes ab.“ 105
Stiftungen wird innerhalb des Dritten Sektors eine besondere Rolle zuteil. Zum einen sind sie zwar selbst nur eine Nonprofit-Organisationsform unter vielen,
100 Vgl. Enquete-Kommission, 2002, S. 116.
101 Ebd., 2002, S. 118f.
102 Vgl. URL: http://www.buergergesellschaft.de/praxishilfen/stiftungen/stiftungswesen-in-
deutschland/104228/ [20.02.2010].
103 Vgl. Pues, 2007, S. 21.
104 Vgl. Haase-Theobald, 2009, S. 27.
105 Vgl. Ollrog, 2008, o. S.
28
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
zum anderen helfen sie jedoch mit ihrem Vermögen und Know-how, freiwilliges Engagement am Leben zu halten und so dem Dritten Sektor immer wieder Leben einzuhauchen. Diese Situation werden die gemeinnützigen Stiftungen in der Zukunft immer besser meistern müssen, da sich eine Entspannung der öffentlichen Haushalte nicht abzeichnet, die Spenden für Projekte und Organisationen rückläufig sind und immer härter umkämpft werden und der Trend weg von langfristigen Mitgliedschaften hin zu spontanem und projektbezogenem Engagement geht.
2.3 Kommunikation im Dritten Sektor
2.3.1 Notwendigkeit einer guten Kommunikation zwischen Stiftungen
und anderen Nonprofit-Organisationen
Der Wettbewerb „um die Herzen der Menschen“ im Non-Profit-Bereich hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen und ist inzwischen größer und stärker als in vielen Bereichen der Wirtschaft. Etwa 600.000 Vereine sowie etwa 30.000 Stiftungen werben für ihre Ziele um finanzielle Unterstützung. 106 In Zeiten leerer Geldbeutel bekommen diesen Wettbewerb vor allem kleinere, weniger professionell tätige Organisationen negativ zu spüren. Gerade ihr Stück des Spendenkuchens wird angesichts der professioneller werdenden Spendenakquisition der großen Dritte-Sektor-Organisationen immer kleiner. Für viele Nonprofit-Organisationen ist das weitere Bestehen schon heute ein täglicher Überlebenskampf. Würde der Geldhahn vonseiten der öffentlichen Hand weiter zugedreht, bliebe vielen nur noch, ihre Türen abzuschließen.
Daher ist es besonders für kleine Vereine und andere Initiativen interessant, sich mit der Alternative der Projektfinanzierung durch Stiftungsförderung ausei-nanderzusetzen und sich von zukünftigen negativen Entwicklungen in den traditionellen Einnahmequellen unabhängig zu machen.
Für solche Nonprofit-Organisationen, die eigene Projekte mithilfe von Stiftungsgeldern finanzieren möchten, kommen nur Förderstiftungen infrage, bei denen auch eine Antragsstellung möglich ist. Allein das Merkmal „fördernd“ bei der Stiftung heißt zunächst nur, dass der Stiftungszweck mithilfe anderer gemeinnütziger Organisationen umgesetzt wird, die aber auch von den Stiftungsver-
106 Vgl.Daubenthaler et al., 2008, S. 11f.
29
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
antwortlichen selbst ausgewählt werden können. Der Zusatz „fördernd und antragsfähig“ gibt jedoch den Hinweis, dass zum Stiftungszweck passende Projekte auch auf Antrag eine Chance auf Förderung haben.
So entwickeln sich Partnerschaften zwischen Stiftungen und Antragssteller, eine Antragskultur, die den gemeinsamen Aufgaben und den Bedürfnissen beider Seiten gerecht werden muss. Um diese Partnerschaft mit Leben zu füllen, ihr eine Chance zur gemeinsamen Lösung gesellschaftlicher Probleme zu geben, bedarf es der beiderseitigen detaillierten Kenntnis der jeweiligen Arbeitsinhalte, Absichten und Möglichkeiten. Daher muss die Kommunikation von Transparenz und Offenheit geprägt sein. 107
2.3.2 Kommunikation aus Sicht der Antragssteller
Damit die Möglichkeit einer Stiftungsfinanzierung für eine Nonprofit-Organisation infrage kommt, ist die Existenz eines konkreten Projekts Voraussetzung, denn Stiftungen fördern fast nie Organisationen im Allgemeinen, sondern einzelne Projekte für eine begrenzte Zeit. 108
Bevor sich jedoch die antragsstellende Organisation über eine Förderung freuen kann, ist ein systematisches Vorgehen in drei Schritten unerlässlich:
Konzept Suche nach Stiftungspartnern Förderantrag 109
Die Projektkonzeption umfasst die IST-Analyse, also eine Bestandsaufnahme der eigenen Organisation und eine Bewertung des vorgenommenen Projekts.
Nach einer erfolgreichen Konzeption sollten die zentralen Fragen „Was hat mein Projekt zu bieten?“ und „Wie kann es umgesetzt werden?“ deutlich beant-wortet werden können.
Auf dem Weg zu den Antworten auf diese Fragen stehen viele kleinere im Raum, die sich die Projektverantwortlichen selbst stellen und beantworten sollten. 110
107 Vgl. URL: http://www.buergergesellschaft.de/praxishilfen/stiftungen/eine-stiftung-nutzen/entwicklung-
einer-antragskultur/entwicklung-einer-antragskultur/105952/ [20.02.2010].
108 Vgl. Bundesverband Deutscher Stiftungen, 2008, S. 134.
109 Vgl. URL: http://www.buergergesellschaft.de/praxishilfen/stiftungen/eine-stiftung-nutzen/entwicklung-
einer-antragskultur/entwicklung-einer-antragskultur/105953/ [24.02.2010].
30
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
Wer sind wir und was hat unsere Organisation im Allgemeinen zu bieten?
o
o o
Welches Ziel soll unser Projekt erreichen?
o
o o o o o o o
on?
Warum ist das Projekt wichtig und in welcher Hinsicht ist es wirksam?
o
o o
Was genau soll im Projekt passieren?
o
o o o
Gab es bereits ähnliche Projekte und wie wurden diese finanziert?
o
o o o
Was unterscheidet das Projekt von anderen Projekten?
o
o 110
Hilfestellungen für den Weg zur richtigen Konzeption und der Auseinandersetzung mit dem geplanten Projekt geben: Stalfort, 2008, S. 147f.; URL: http://www.socialnet.de/materialien/37.php
[25.02.2010]; Netzwerk Selbsthilfe e. V., 2009, S. 10; Bundesverband Deutscher Stiftungen, 2008, S. 135.
31
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
o
Warum erfüllt dieses Projekt das Ziel besser als andere?
Von wem wird das Projekt unterstützt?
o
o
Wie wird der Erfolg des Projektes definiert und lässt sich dieser nach außen darstellen?
o
An welchen Merkmalen wird eine erfolgreiche Umsetzung festgemacht?
o
Wie erkennen Dritte, dass das Projekt erfolgreich ist?
Wie sieht die Finanzplanung für das Projekt aus?
o
o
Nachdem diese Fragen beantwortet sind, lässt sich eine passende Projektkonzeption erstellen, welche einem interessierten Dritten das Vorhaben detailliert vermittelt.
Ein weiterer Vorteil dieser Vorüberlegungen ist die kritische Auseinandersetzung mit dem geplanten Projekt. Vor allem mögliche Schwachpunkte sollten eine besondere Aufmerksamkeit bekommen und in der Runde genau besprochen werden, denn diese könnten auch nachher für die Förderstiftung eine entscheidende Rolle spielen.
Steht das Konzept, beginnt die Suche nach passenden Förderstiftungen. Hier lautet die zentrale Frage, „Für welche Stiftung ist das Projekt attraktiv?“ Zu Beginn der Suche muss zuerst geklärt werden wie und vor allem wo sie begonnen werden soll. In den meisten Fällen wird bestimmt zuerst mit der Online-Suche begonnen, jedoch reicht eine reine Internetrecherche bei Weitem nicht aus. Für die intensive Recherche nach einer geeigneten Stiftung muss genü-
32
2 Einführung in die theoretischen Grundlagen
gend Zeit eingeplant werden, denn die Erschließung weiterer Quellen ist ratsam. 111
Bevor es eine Stiftung als Problemlösungspartner für die eigenen gemeinnützigen Ziele zu gewinnen gilt, steht man zunächst einer verwirrenden Vielfalt von Organisationen mit ganz unterschiedlicher Zielsetzung, Logik, Reichweite, Rechtsform und Förderbedingungen gegenüber. 112 Um der Lage Herr zu werden, helfen die folgenden Schritte dabei, die Förderstiftungen zu finden, deren Stiftungszweck zum Inhalt des Projekts passen.
Erst persönliche Kontakte aufspüren
o Persönliche Kontakte im privaten Umfeld, die Ansprechpartner bei
o
Persönliche Kontakte, die selbst für eine Förderstiftung tätig sind
113
Datenbanken erschließen
114
o
o o o o o
Regionale Suche forcieren, da fast ¾ der Stiftungen regional begrenzt fördern
o
Kommune und Landeskirche nach Stiftungsförderung in der Region fragen
o
Regionale Tagespresse nach Berichten von Stiftungsaktivitäten durchleuchten
o
o
111 Vgl. Haibach, 2006, S. 373.
112 Vgl. Damm, 2008, S. 132.
113 Vgl. Stalfort, 2008, S. 149.
114 Vgl. Damm, 2008, S. 139.
115 Eine Auswahl von Stiftungsverzeichnissen findet sich im Anhang B1, Fragebogen Nonprofit-
Organisationen unter der Frage 15.
33
Arbeit zitieren:
Thomas Deutsch, 2010, Ansätze zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Nonprofit-Organisationen und Förderstiftungen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Medien / Kommunikation - Public Relations, Werbung, Marketing: Ansätze zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Nonprofit-Organisationen und Förderstiftungen ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Medien / Kommunikation - Public Relations, Werbung, Marketing: neuer Titel erschienen: Ansätze zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Nonprofit-Organisationen und Förderstiftungen
Thomas Deutsch hat einen neuen Text hochgeladen
Fundraising im Non-Profit-Sektor
Marktbearbeitung von Ansprache...
Monika Bär, Jan Borcherding, Bernhard Keller
Balanced Scorecard in Verwaltung und Non-Profit-Organisationen
Andreas Georg Scherer, Jens Alt
Zielkampagnen für NGO: Strategische Kommunikation und Kampagnenmanagem...
Michael Buchner, Fabian Friedrich, Dino Kunkel
Marketingentwicklung lokaler Non-Profit-Organisationen in Zeiten des W...
Möglichkeiten, Strategien und ...
Bartholomäus Rymek
Berufspädagogische Aktivitäten in Non-Profit-Organisationen
Konzepte - Designs - Instrumen...
Gerhard Niedermair
Reorganisation im Non-Profit-Sektor
Modernisierungsstrategien am ...
Manfred Moldaschl, Andreas Hinz, Thomas Wex
Die Balanced Scorecard zur Steuerung von For- und Non-Profit Organisat...
Unterschiede und Gemeinsamkeit...
Wolfgang Hufnagl
Die Entwicklung einer Balanced Scorecard für eine Non-Profit-Organisat...
Am Beispiel des Deutschen Tenn...
Vinck Christian, Littkemann Jörn
0 Kommentare