Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung. 3
II. Die Stellung der Frau in der DDR der 60er Jahre. 6
III. Zur Funktion von Frauenzeitschriften in der DDR. 10
IV. Die Sibylle 1960 - 1969. 15
IV. 1. Daten, Fakten Hintergründe. 15
IV. 2. Mode Fotografie. 17
IV. 3. Darstellungen im Feuilleton. 19
IV. 3. 1. Die Frau im Beruf. 19
IV. 3. 2. Die Frau in der Familie. 24
IV. 3. 3. Körperkult. 30
IV. 4. Sonstige Themenbereiche im Überblick. 35
V. Schlussbetrachtung. 38
Literaturverzeichnis
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I. Einleitung
Seit jeher stellt die Frauenzeitschrift das wohl einzige, sich fast ausschließlich den weiblichen Interessengebieten widmende Medium dar. Ist dies heute eine eher weniger revolutionäre Erscheinung, trug sie doch damit im Laufe ihrer Geschichte in keinem geringen Maße zur Emanzipation des weiblichen Geschlechts bei. Schon seit dem 17. Jahrhundert berichteten Journale wie die Modealmanachen und Galanten Zeitschriften den Leserinnen der höheren Stände unter anderem über das kulturelle Gesellschaftsleben sowie aktuelle Moden. Damit verbanden sie die Frauen der Welt miteinander, welche sonst eine eher passive Rolle an der Seite ihres Mannes einnahmen. Da es wenig Austausch gab, entwickelte sich die Modezeitschrift zu einem erstmaligen Sprachrohr über kulturelle, politische und regionale Grenzen hinaus. So hatten auch die im 18. Jahrhundert aufkommenden Moralischen Wochenschriften, welche einem wesentlich breiteren Publikum zugänglich waren, zum Ziel, das Volk, vor allem aber die Frauen zu einem neuen Denken nach vernünftigen, moralischen und tugendhaften Maßstäben zu erziehen.
Auch wenn dennoch selbst im 19. und 20. Jahrhundert nicht wenige Frauenzeitschriften die traditionelle Geschlechterrolle der Frau in Heim und Familie vermittelten, gaben doch auch sie, wie heute noch ihren Leserinnen in gewisser Weise das Gefühl als Frau verstanden zu werden, laden sie zum träumen ein oder zeigen Möglichkeiten auf, durch welche maßgeblich zum Wohlbefinden beigetragen werden kann. Sie wird zur Informationsquelle und Meinungsführerin zugleich. Neben Beratungen und Tipps zur Bewältigung von Problemen, sei es mit dem Mann, den Kindern, dem Gewicht oder in sonstigen Misslagen des weiblichen Lebensbereichs, stehen aber vor allem die Themen Mode, Schönheit und Gesundheit im Fokus jener Magazine, wobei stets ein Idealbild der Frau dargestellt wird. So sind dahingehend zwar gewisse inhaltliche Grundlinien bei fast jeder Frauenzeitschrift auszumachen, doch spiegeln sich in diesem Zusammenhang auch immer die verschiedenen aktuellen gesellschaftlichen Realitäten wider. Denn was in welcher Intensität thematisiert wird, hängt in hohem Maße damit zusammen, welche Bedürfnisse vorherrschen und welches Frauenbild in der jeweiligen Gesellschaft besteht. Sie stellen also im weiteren Sinne zu jeder Zeit die jeweilige Lebens- und Denkweise dar - beeinflusst durch soziale, wirtschaftliche, kulturelle, politische sowie technische Faktoren 1 und sind dadurch auch als historische Dokumente von keiner unwesentlichen Bedeutung.
1 Siehe: A. Völkel, Die Modezeitschrift. Vom „Journal des Luxus und der Moderne“ zu „Brigitte“ und „Elle“, in: Schriften zur Kulturgeschichte Bd. 1, Hamburg 2006, S. 171.
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Als Gegenstand der Forschung jener Arbeit soll nun am Beispiel der Sibylle, dem wohl bekanntesten Frauenmagazin der DDR, analysiert werden, inwiefern sich das im sozialistischen System der DDR bestandene Frauenbild in den Darstellungen jener widerspiegelten. Beschränkt werden soll sich dabei auf die 60er Jahre als einer Zeit der Festigung des Sozialismus und der vermeintlichen Gleichberechtigung von Mann und Frau, aber auch des inneren Strukturwandels der Zeitschrift selbst. 40 Hefte an der Zahl sind es, welche in diesem Zusammenhang untersucht wurden. Zwar galt die Sibylle in erster Linie als ein Modemagazin, doch soll die schon eingängig analysierte Illustration der Kleidung dabei keine vordergründige Rolle spielen, sondern in erster Linie untersucht werden, welches Frauenbild anhand der inhaltlichen Beiträge vermittelt wurde. Was wurde thematisiert, was vermeintlich nicht? Wie und in welcher Rolle werden Frauen in den Artikeln dargestellt und welche Empfehlungen werden gegeben? Lassen sich dahingehend Entwicklungen im Laufe dieser 10 Jahre feststellen? Zugleich soll dabei ein Porträt der Sibylle als Magazin für die Frau entstehen. Was bot sie ihren Leserinnen und welche möglichen Funktionen erfüllte die Zeitschrift damit? Um diese Punkte bewerten zu können, muss jedoch zunächst deren Kontext hergestellt werden und die gesellschaftliche Stellung der Frau in der DDR nähere Betrachtung finden. Was verbarg sich hinter der so umfangreich propagierten Gleichberechtigung der Geschlechter und welches war dementsprechend das Leitbild von der Frau? Inwiefern fand dieses seine Umsetzung und wie sah demnach die weibliche Lebenswelt aus? Ein weiterer Aspekt, den es hiernach zu untersuchen gilt, ist die Funktion von Frauenzeitschriften als solche, jedoch auch vor dem Hintergrund des ideologisch geprägten Systems der DDR. Was soll grundsätzlich bei den Leserinnen bewirkt werden und welche Ziele verfolgte die zentral geleitete Presse? Was war in den Darstellungen überhaupt möglich, was tabu? Erst nach Schaffung dieser Grundlage können auch die Inhalte der Sibylle in ihrem eigentlichen Zusammenhang verstanden werden. Dabei soll zunächst auf die Hintergründe der Zeitschrift selbst und die redaktionellen Intentionen in den 60er Jahren eingegangen werden, aber auch die Absichten bei der Illustration von Mode sowie die fotografische Darstellungsweise jener Zeit nähere Beleuchtung finden, um den Rahmen zu vervollständigen. Um schließlich das Bild der Frau im Einzelnen analysieren zu können, werden spezifische Berichterstattungen kategorisiert, wenngleich es schwer ist, dahingehend klare Grenzen zu ziehen. Unter den Bereichen „Die Frau im Beruf “, „Die Frau in der Familie“ und „Körperkult“ werden dann Artikel und Serien zu diesen Themen eingehend auf ihre inhaltliche Darstellung und Aussage untersucht. Beleuchtet werden soll dabei, was der Frau als Leserin dieser Zeitschrift geboten, vielleicht aber auch vorenthalten wurde und welches Leitbild man wiederum damit
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transportierte. Um den Begriff von der Sibylle als Magazin für die Frau zu vervollständigen, werden letztendlich alle übrigen, jedoch nicht in direktem Zusammenhang mit der Vermittlung eines bestimmten Frauenbildes stehenden Themenbereiche zwischen 1960 und 1969 eine überblicksartige Darlegung finden. Schließlich wird in einer resümierenden Schlussbetrachtung der Versuch unternommen, die Frage zu beantworten, inwiefern die in der Sibylle dargestellten Frauenbilder und Inhalte zum einen der Propaganda des sozialistischen Systems entsprachen und zum anderen tatsächlich mit der Realität überein gingen. Stellte die Zeitschrift vor diesem Hintergrund eine unterhaltsame und informative Freizeitlektüre dar oder versuchte auch sie ihre Leserinnen nur in die von der Partei vorgegebene Rolle zu drängen? In diesem Zusammenhang soll ebenso geklärt werden, ob es die Zeitschrift mit ihren Beiträgen vermochte, den Alltag etwas bunter zu machen oder durch die Schaffung von Idealen lediglich eine Ideologie verkaufte. Bot sie eine Möglichkeit zur gedanklichen Flucht aus der Wirklichkeit oder zeigte sie tatsächlich erstrebenswerte und erreichbare Ziele auf? Was lebte sie vor, Sein oder Schein?
Wenn auch die Gegenüberstellung zu einer vergleichbaren westdeutschen Frauenzeitschrift hierbei durchaus interessant und aufschlussreich wäre, muss dies um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, leider außen vor bleiben.
Der Stand der Forschung sämtlicher mit diesem Gegenstand im Zusammenhang stehenden Themen ist relativ umfassend, wenngleich es auch teilweise an aktuellen Untersuchungen mangelt. Zur Sibylle selbst existieren derzeit zwei von Dorothea Melis, der ehemaligen Moderedakteurin der Zeitschrift, verfasste Werke. Eines aus dem Jahr 1998 mit dem Titel „Sibylle - Modefotografie aus drei Jahrzehnten DDR“ und das Buch „Sibylle. Modefotografien 1962 - 1994“ von 2010. Beide legen in erster Linie die Hintergründe des Magazins und der Bilder, anhand von Interviews mit damaligen Fotografen dar. Anlässlich der diesjährigen Ausstellung zur Zeitschrift in Potsdam lassen sich zudem einige Internetartikel der Süddeutschen Zeitung, der Märkischen Allgemeinen und der Leipziger Internetzeitung zum Thema, aber auch Interviews mit Dorothea Melis finden. Über die Rolle der Frau in der DDR und die damit verbundene Gleichberechtigungsdebatte steht relativ viel einschlägige Literatur zur Verfügung, wobei neben jüngeren Werken auch drei sehr ideologisch geprägte aus den Jahren 1977 und 1978 herangezogen wurden. Zur Funktion von Frauenzeitschriften bieten vor allem die Bücher „Frauenzeitschriften und weiblicher Lebenszusammenhang“ von 1992 und „Die Modezeitschrift“ von 2006 einen guten Einblick. Die speziellen Ziele der ostdeutschen Frauenpresse werden in den Werken „Mitgefangen, mitverkauft“ (1995) und „Frauenzeitschriften am Ende“ (1996) sehr umfassend dargelegt.
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II. Die Stellung der Frau in der DDR der 60er Jahre
„Mann und Frau sind gleichberechtigt und haben die gleiche Rechtsstellung in allen Bereichen des gesellschaftlichen, staatlichen und persönlichen Lebens. Die Förderung der Frau, besonders in der beruflichen Qualifizierung, ist eine gesellschaftliche und staatliche Aufgabe.“ 2 Soweit Artikel 20 Abs. 2 der sozialistischen Verfassung der DDR. Doch was stand dahinter?
In erster Linie wurde die Gleichstellung der Frau in Zusammenhang mit ihrer Berufstätigkeit gebracht, wobei es hieß, dass die Frau, allein durch ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Mann, keinem Schein von Herrschaft und Ausbeutung mehr unterworfen war. Erst durch das Wissen um ihren eigenen Wert und den Umgang mit vielen Menschen sei eine allseitige Entwicklung ihres Charakters, ihrer Fähigkeiten und Talente möglich gewesen, die aus der Unmündigen eine Partnerin und sozialistische Staatsbürgerin im ernsthaften Sinne werden ließen. 3 Nur durch die Einbeziehung in die gesellschaftliche Produktion habe sie sich vollkommen entfalten und selbst verwirklichen können. Immer wieder wurde in der sozialistischen Literatur betont, dass die berufliche Beschäftigung der Frau kein Notbehelf, sondern eine Voraussetzung für die Entwicklung der Persönlichkeit und für die Durchsetzung der Gleichberechtigung sei und somit zu einem individuellen Bedürfnis geworden wäre, wenngleich sie sich damit auch zum Wohle des ganzen Volkes betätigte. 4 Ebenso die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit sei laut Verfassung erfüllt gewesen, doch war es in der Realität meist so, dass Frauen aufgrund ihrer geringen Qualifizierung trotzdem nur in schlechter bezahlten, tendenziell „typisch weiblichen“ Positionen wie im Dienstleistungs- und Verwaltungsbereich arbeiteten. Deshalb stand vor allem in den 60er Jahren die Förderung der Qualifizierung von Frauen, dass heißt die Anpassung an das männliche Ausbildungsniveau, und deren Vorbereitung für den Einsatz in Leitungsfunktionen im Mittelpunkt. Auch sonst war der Maßstab der Gleichberechtigung stets männlich orientiert, was Ausdrücke des Sprachgebrauchs wie: „unsere Muttis arbeiten wie ein Mann“ und „jede Frau steht ihren Mann“ nur unterstreichen. Um die gleichzeitige Berufstätigkeit, Haushaltsführung und Mutterschaft der Frauen erleichtern zu helfen wurden Betriebsküchen-und Kindergärten, Wäschereien, Schulspeisungen und Ähnliches eingerichtet. Auch laut
2 Zitiert nach: J. Wiedemann, Mitgefangen, mitverkauft. Zur Situation ostdeutscher Frauenzeitschriften nach der Wende, in: Internationale Hochschulschriften Bd. 181, Münster/New York 1995, S. 67.
3 Siehe: M. Allendorf, R. Blaschke (Hg.), Zum 100. Jahrestag der Herausgabe von August Bebels Buch „Die Frau und der Sozialismus“ - Die Frau in der Deutschen Demokratischen Republik, Dresden 1978, S. 100.
4 Siehe: I. Uhlmann, Kleine Enzyklopädie. Die Frau, Leipzig 1977, S. 172.
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Gesetz wurden Mutter und Kind durch die Gewährung von Schwangerschaftsurlaub, Kündigungsschutz, spezieller medizinischer Betreuung sowie materieller und finanzieller Unterstützung unter besonderen Schutz des sozialistischen Staates gestellt. Tatsächlich aber weigerte sich das Leitungspersonal in den Betrieben oft, Frauen mit Kindern in bestimmte Positionen einzustellen, weil diese „ineffektiv arbeiteten“, „ständig krank feierten“, „ihre Privilegien mißbrauchten“ und „zu keiner Versammlung kämen“ 5 . Dennoch prägte die selbstbewusste, erfolgreiche Karrierefrau mit Facharbeiter oder Fach- und Hochschulabschluss das Leitbild in diesen Jahren. Die vielfältigen Belastungen der Frauen wurden kaum dargestellt. Dazu hieß es lediglich: „Sie muß ihre Zeit richtig einteilen, ein guter Organisator sein, um im Beruf und in der Familie ihre Pflichten zu erfüllen“ 6 . Doch blieb das Thema Gleichberechtigung nicht gänzlich auf die Berufstätigkeit begrenzt. Auch in der Familie, welche als die kleinste Zelle der Gesellschaft angesehen wurde, sollte jene vorherrschen. So hieß es in § 9 und § 10 des Familiengesetzbuches der DDR: „Die Ehegatten sind gleichberechtigt (…) Alle Angelegenheiten des gemeinsamen Lebens und der Entwicklung des einzelnen werden von ihnen in beiderseitigem Einverständnis geregelt“ und weiter „Die Eltern üben das Erziehungsrecht gemeinsam aus“ sowie „Beide Ehegatten tragen ihren Anteil bei zu der Erziehung und Pflege der Kinder und der Führung des Haushalts. Die Beziehungen der Ehegatten untereinander sind so zu gestalten, daß die Frau ihre berufliche und gesellschaftliche Tätigkeit mit der Mutterschaft vereinbaren kann“ sowie „Ergreift der bisher nicht berufstätige Ehegatte einen Beruf oder entschließt sich ein Ehegatte, sich weiterzubilden oder gesellschaftliche Arbeit zu leisten, unterstützt der andere in kameradschaftlicher Rücksichtnahme und Hilfe das Vorhaben seines Ehegatten“. 7 In verständnisvollem Miteinander sollten Individualismus und Egoismus überwunden und gemeinsam für den Sozialismus eingetreten werden. Ziel war es, traditionelle Denk- und Lebensgewohnheiten in der Ehe radikal abzubauen und überkommene Arbeitsteilungen im Haushalt neu zu ordnen. Kein Ehepartner durfte sich mehr auf Kosten des anderen entwickeln. In erster Linie sollte die Familie ein harmonischer Ort voller Geborgenheit sein, aus der jeder die Kraft für die Erfüllung seiner Aufgaben schöpft. Damit der Frau dabei eben soviel Zeit für den Beruf, Weiterbildung und Freizeit blieben, sollte die Hausarbeit von Mann und Frau in gleichem Maße erledigt werden, ebenso wie die Erziehung der Kinder zu „lebensfrohen, tüchtigen, allseitig gebildeten Menschen und sozialistischen
5 B. Bütow, H. Stecker (Hg.), EigenArtige Ostfrauen, Frauenemanzipation in der DDR und den neuen Bundesländern, in: Theorie und Praxis der Frauenforschung Bd. 22, Bielefeld 1994, S. 40.
6 I. Uhlmann, Kleine Enzyklopädie, S. 175.
7 Zitiert nach: J. Wiedemann, Mitgefangen, mitverkauft, S. 68.
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Persönlichkeiten“ 8 . Nach getaner Arbeit, so die Theorie, tauschten sich die ebenbürtigen Eheleute dann in Gesprächen über Erfahrungen, Erkenntnisse und Begegnungen aus oder widmeten sich zusammen mit den Kindern der Kultur in Form von Theaterbesuchen, gesellschaftlichen Betätigungen oder Ausflügen. 9 Trotz dieses ganzen Pensums sollte die zu neuem Selbstbewusstsein erlangte, am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilnehmende Frau nicht weniger weiblich und liebevoll sein und stets peinlich auf ihr Äußeres achten. „Sie darf nicht stumpf und bequem werden, sich nicht vernachlässigen“ 10 hieß es dazu. Charakter und Attraktivität sollten eine Einheit bilden. Trotz dessen, dass ihr gesellschaftliches Ansehen vor allem auf dem Wert ihrer Persönlichkeit beruhen sollte, mussten Frauen, die öffentlich erschienen auch ihr Erscheinungsbild dementsprechend pflegen.
Dennoch ließen sich alte Rollenverhalten und unterschiedliche Arbeitsbelastungen innerhalb der Familie nie ganz abbauen. Von den circa 90 Prozent berufstätigen Frauen, waren laut einer Studie nur knapp 40 Prozent mit ihrer Freizeit zufrieden, 61 Prozent jedoch unzufrieden, zumal sie die Gestaltung ihrer freien Zeit obendrein stärker als Männer auf die Familie konzentrierten. 11 Auch Aussagen wie „Mutterschaft“ bei gleichzeitiger Berufstätigkeit anstatt „Elternschaft“ unterstreichen diesen Aspekt.
Die „Emanzipation von oben“ wurde von den Frauen oft mit dem Preis der Doppel-, Drei-oder gar Vierfachbelastung bezahlt. Sie sollte zugleich Arbeiterin, Mutter, Hausfrau sowie aktive Mitgestalterin des Sozialismus in einer Person sein. Ausgewirkt hat sich dies Mitte der 60er Jahre in einem massiven Geburtenrückgang, hohen Scheidungsraten und dem Wunsch der Frauen nach Teilzeitarbeit. Dem wiederum wurde mit Ehe- und Geburtenprämien, der Entlastung berufstätiger und studierender Mütter durch die annähernde Vollversorgung bei der außerhäuslichen Kinderpflege, dem Babyjahr, kürzeren Wochenarbeits- und längeren Jahresurlaubszeiten sowie betrieblichen Dienstleistungseinrichtungen zur Entlastung der Hausarbeit begegnet. All diese Maßnahmen entsprachen jedoch nur einem Leitbild der SED, in dem Hausfrauen, kinderlose Frauen und Rentnerinnen nicht vorkamen. Die „berufstätige Mutti“ galt als Maßstab aller Bestimmungen. Das Ideal war eine Frau mit ausgeprägtem ökonomischen Unabhängigkeitsstreben, welche sich vor allem über ihre Arbeit identifiziert und dadurch Selbstaufwertung findet und schließlich die Bereitschaft und Fähigkeit besitzt, sich auch mit schwierigen Situationen, wie der Mehrfachbelastung, abfinden zu können. Dieses Bild war schließlich derart internalisiert und nahezu selbstverständlich, dass die
8 I. Uhlmann, Kleine Enzyklopädie, S. 85.
9 Siehe: M. Allendorf, R. Blaschke (Hg.), Die Frau in der Deutschen Demokratischen Republik, S. 103.
10 I. Uhlmann, Kleine Enzyklopädie, S. 745.
11 Siehe: S. Tonscheidt, Frauenzeitschriften am Ende? Ostdeutsche Frauenpresse vor und nach der Wende 1989, in: Kommunikation: Forschung und Lehre Bd. 9, Münster 1996, S. 182.
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Frauen jede Abweichung davon oft selbst als persönliche Fehlleistung oder Schwäche interpretierten. Andererseits mussten sich ältere Frauen teilweise ungerecht behandelt fühlen, wenn sie die Arbeit der Mütter übernahmen, die wegen Krankheit des Kindes oder dem Wochenurlaub ausfielen. In der Realität waren also jegliche frauenpolitische Beschlüsse stets mit wirtschaftlichem und ideologischem Interesse verbunden und nicht als eine Politik gemeinsam mit den Frauen ihrer Bedürfnisse gemäß und für die Emanzipation ihres Geschlechts gedacht. Sogar Organisationen wie der 1947 gegründete Demokratische Frauenbund Deutschlands, welcher die Interessen der Frauen vertreten sollte, wurde schließlich so funktionalisiert, dass auch er den Frauen lediglich die Interessen der SED vermittelte.
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Claudia Zimmermann, 2010, Die Zeitschrift "Sibylle" und ihre Frauenbilder 1960 - 1969, München, GRIN Verlag GmbH
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