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Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung 3
2. Das Russische Zarenreich als Vorreiter 4
3. Napoleon als „Antichrist“ 6
4. Christliche Symbolik in der Propaganda 8
5. „Mit Gott für König und Vaterland“ 9
6. Die Rolle der Geistlichkeit 12
7. Die Predigt 14
8. Fazit 16
9. Literaturverzeichnis 19
2
1. Einleitung
Seit dem Jahre 1807 befand sich Preußen als Staat und Nation in einer politischen und moralischen Krise. Die Fortdauer als politisches Gebilde war ungewiss. Es war ein an Bevölkerung und Ausdehnung um etwa die Hälfte verkleinertes Land mit einer Kriegskontribution von 140 Millionen Francs. Zusätzlich lähmte die Kontinentalsperre Handel und Gewerbe.
Reformen und Reorganisationen des Staates stagnierten. Die öffentliche Meinung war uneinig. 1
Umso mehr verlangte es nach neuen Möglichkeiten und Wegen, die Masse des Volkes für die bevorstehende kriegerische Mobilmachung zu motivieren. Doch was konnte die ohnehin schon geschwächte und desorientierte Bevölkerung dazu bringen, ihre letzten Kraftreserven für einen bevorstehenden neuen Krieg zu opfern? War es angesichts der bisher großen Verluste nicht ohnehin gleichgültig, was mit ihrem Land geschah? Welche Rolle spielte für sie noch die Monarchie, wenn ein Bürgerlicher wie Napoleon eine Schneise durch ihr Land zog, um gegen den übermächtigen Nachbarn Russland zu kämpfen? Oder galt es gerade jetzt, gemeinsam und geschlossen gegen das „Böse“ zu kämpfen, um deutsche Heimat und Kultur zu retten?
In einem Staat wie Preußen, in dem seit der Französischen Revolution nichts mehr so zu sein schien wie zuvor, in dem es nun eine Vielzahl von politischen und gesellschaftlichen Unruhen gab, fehlte es an Einigkeit und Patriotismus. Und genau diesen scheinbar unüberwindlichen Riss galt es nun zu überbrücken. Friedrich Wilhelm III nahm sich Zar Alexander zum Vorbild, welcher am Ende des Jahres 1812 stolz resümierte:
„ Ich habe gesehen einen Gottlosen, der war trotzig und breitete sich aus und grünte wie ein Lorbeerbaum, da man vorüberging, da war er dahin; ich fragte nach ihm, da war er nirgend
gefunden“. 2
Das althergebrachte Gesetz Gottes hatte der Gefahr aus Frankreich getrotzt und die Bedeutung „von Gottes Gnaden“ erfuhr eine neue Aufwertung. Also ging es nun darum, die Rolle Friedrich Wilhelms III zu stärken, seine „absolutistische“ Autorität zu untermauern. Und genau diese Einbeziehung Gottes, des christlichen Selbstverständnisses, sich an dem Krieg „mit Gott für König und Vaterland“ zu beteiligen, war das neue Credo Preußens und seines „neuen religiösen Patriotismus“.
1 Gerhard Graf: Eine Studie zur Frömmigkeit in Preußen während der Befreiungskriege 1813-1815 (=Forschungen zur Kirchen -und Dogmengeschichte, Band 52). Göttingen 1993, S. 12-14.
2 Ebd.: S. 22. (Z. 8-10).
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Im Folgenden soll untersucht werden, inwieweit die christliche Religion für die Zwecke des Krieges instrumentalisiert wurde, wie Einfluss auf die Aufgaben der Geistlichkeit und die Rolle der Prediger seitens der Monarchie genommen wurde. Welches waren die bedeutendsten Eckpfeiler ihres Konzepts, wer setzte sie um und wie fand diese Politisierung des Glaubens Eingang in Schrift und Wort jener Zeit? Diese Arbeit stützt sich hauptsächlich auf die Untersuchungen Gerhard Grafs und soll versuchen, seine Thesen anhand von Predigtquellen aus dem Hannoverschen Raum und den Flugschriften Ernst Moritz Arndts zu untersuchen.
2. Das russische Zarenreich als Vorreiter
Kein Land hatte auf die Pro-Kriegs-Propaganda so großen Einfluss wie das russische Zarenreich unter Alexander. Die Herrscherhäuser unterhielten weiterhin gute persönliche Kontakte, und auch deutsche Patrioten wie Freiherr vom Stein und Ernst Moritz Arndt fanden Zuflucht bei dem „großen Bruder“. So kamen die Informationen über den kläglichen Rückzug Napoleons in seine Heimat nur gelegen, um die eigenen Kräfte im deutschen Lande gegen den scheinbar unterlegenen Gegner anzustacheln. Und der Druck von Russland trug maßgeblich dazu bei, eine deutsche Erhebung durch eine gezielte Publizistik voranzutreiben. Doch erst durch die Streifkorps gelangten Flugblätter, Broschüren, Zeitungen, sowie Bilder und kleine Karikaturen über die Grenzen ins Land. Gerhard Graf teilt in seiner Untersuchung das Medium der Flugschriften wie folgt ein:
1. die Summe von Armeebefehlen an die eigenen Truppen bzw. die Aufrufe an Deutschlands Bevölkerung;
2. die allgemeine private oder öffentliche Vermittlung der aktuellen Informationen; 3. Ansätze einer Bildberichterstattung, oftmals vermischt mit Karikaturen und 4. eine Vielzahl von Kleinstschrifttum, wie zum Beispiel die politische Posse, Lieder und Gedichte, Gebete, Travestie u.v.m. 3
Abgesehen von den genannten Quellen ist insbesondere auf die Rolle von Ernst Moritz Arndt hinzuweisen, welcher sich ab Januar 1813 der publizistischen Mobilisierung der Bevölkerung widmete. Schriften wie „Die Glocke“ und der „Katechismus“ wurden weiter verbreitet, der Aufruf „An die Preußen“ und „Was bedeutet Landsturm und Landwehr“ machten Arndt zum
3 Gerhard Graf, S. 16-18.
4
erfolgreichsten Publizisten des Befreiungsjahres. So nennt auch er das russische Volk als Vorbild:
„Der französische Tyrann drang mit zahllosen Heeren in Russland ein und meinte das Land zu plündern und zu unterjochen; aber es gerieth ihm anders. Das ganze Volk ergrimmte, rüstete und bewaffnete sich; sie beteten zu Gott, knieeten an den Altären, zeichneten sich in den Kirchen mit dem heiligen Kreuze für den heiligen Krieg, ließen sich und ihre Fahnen
durch priesterliche Gebete und Segen weihen, und so zogen sie gegen den Feind [...]“. 4 Es ist deutlich erkennbar, wie sehr Arndt in seiner Schrift die Macht des Volkes betont, was hinsichtlich der Erhebung eine bedeutende Rolle spielte. Aber nicht nur die Russen bezieht er mit ein, sondern auch die Spanier, „denn die spanischen Bauern und Bürger wurden von den Franzosen bald mehr gefürchtet, als die ordentlichen Soldaten“. Und weiter heißt es:
„Zugleich als dieser Krieg in Spanien brannte, rüstete sich auch das Reich Oestreich, die verlorne Ehre und Herrschaft wieder zu gewinnen und das unterdrückte Teutschland zu
befreien“. 5
Und auch Kotzebue, erfolgreicher Autor von Lustspielen, war an der Abfassung von Aufrufen beteiligt und wurde im März 1812 Herausgeber des „Russisch-Deutschen Volks-Blatts“. 6 Neben Arndt waren Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Ludwig Jahn, auch bekannt als „Turnvater Jahn“, die wohl erfolgreichsten Publizisten im Land. Sowohl Arndt als auch Fichte gingen von der besonderen Rolle der Deutschen in der Geschichte aus, von einem von Gott „auserwählten“ Volk, deren Aufgabe es nun war, ihrer Bestimmung folgend für die Freiheit und gegen die Franzosen zu kämpfen. 7
Es ist jedoch deutlich die Tendenz zu einem Nationalgefühl erkennbar, welches sich für einen Zusammenhalt der einzelnen deutschen Staaten zugunsten eines „Großdeutschland“ ausspricht:
„Du sollst das Einzelne ganz vergessen und nicht daran denken, ob du ein Sachse, Baier, Oestreicher, Preuße, Pommer, Hesse, Hannoveraner heissest, sondern allein gedenken, dass du ein Teutscher heissest und bist und in teutscher Sprache redest. Deswegen soll dir nächst Gott Teutschland der heiligste Name seyn, bei welchem du betest und schwörest und jeder Mensch, der teutsch geboren ist, soll dir liebe und werth seyn, als wär er dein Bruder; denn
4 Ernst Moritz Arndt: Was bedeutet Landsturm und Landwehr? In: ders.: Drei Flugschriften. Berlin (Ost) 1988, S. 5 (Z.8-18).
5 Ebd.: S. 4 (Z. 7-14).
6 Gerhard Graf, S. 20/21.
7 Ebd.: S. 75/76.
5
er ist mit dir aus einem Lande.“ 8 Dieser Leitgedanke beschränkt sich nicht nur auf die „typisch deutschen Tugenden“, denn „Wollen teutsche Männer künftig in Ehren leben, so
müssen die uralten teutschen Gränzen, so weit Gott in teutscher Zunge angebetet wird,
wiedererobert werden [...]“. 9
Spricht Jahn von einem „Deutschen Volkstum“, so gehen seine und die Schriften Arndts in dieselbe Richtung. Diese Tendenzen lassen sich auch bei Theodor Körner und Max von Schenkendorf feststellen: In deren Liedern finden sich Parallelen, welche die besondere Rolle des Deutschen Volkes in diesem „heiligen Krieg“ hervorheben: „Du wirst den Wüthrich doch erschlagen, Und wirst Dein deutsches Land befrei`n“. 10 Und bei Schenkendorf heißt es weiter:
„[…] Das ist ein Volk der Treue, Der Demut und der Kraft. Das ist die Gottesweihe,
Die Deutschlands Würde schafft“. 11
3. Napoleon als „Antichrist“
Das deutsche Volk spielte also eine übergeordnete, von Gott erteilte Rolle in diesem Krieg. Um seine Position als Retter der Christenheit zu untermauern, bedurfte es eines Feindbildes, das in das religiös-patriotische Bild der Propaganda passte: Napoleon und sein politisches System. Gerhard Graf erkennt in der allgemeinen Verteufelung des politischen Gegners das Aufbegehren gegen die Aufklärung, den Wunsch nach Werten, das Gefühl einer Aufwertung und Bevorzugung der deutschen Kultur gegenüber der französischen. Dieser Streit zwischen dem „Reich Gottes“ und dem „Reich der Finsternis“ war somit nicht nur rein religiöser Natur, sondern darüber hinaus auch die Rechtfertigung für die politische Vormachtstellung des restlichen Europa vor Frankreich, bzw. Napoleon. Da seine Taten auf das übrige Europa gottlos wirkten, musste er selbst widergöttlich sein. Es war also nicht nur der Angriff eines einzelnen Mannes gegen Europa, sondern eine Bedrohung der Christenheit. 12
8 Ernst Moritz Arndt: Kurzer Katechismus für teutsche Soldaten, nebst einem Anhang von Liedern. In: ders.: Drei Flugschriften, S. 15 (Z. 3-14).
9 Ernst Moritz Arndt: Was bedeutet Landwehr und Landsturm? S. 9 (Z. 6-10).
10 Theodor Körner: „Unsere Zuversicht“. In: Gerhard Graf, S. 77( Z. 19-20).
11 Max von Schenkendorf: Antwort auf den Vorwurf der Schwärmerei. In: Gerhard Graf, S. 78 (Z. 2-5)
12 Gerhard Graf: S. 81-82.
Arbeit zitieren:
M. A. Bettina Henningsen, 2004, Die religiöse Propaganda während der Befreiungskriege, München, GRIN Verlag GmbH
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