Inhaltsverzeichnis
Abbildungs - und Tabellenverzeichnis 3
1. Einleitung 4
2. Grundlagen der Sozialisation Jugendlicher 6
3. Die Struktur der Jugendgewalt 14
4. Sozialisationstheoretische Ansätze zur Erklärung von Jugendgewalt 26
5. Schlußbetrachtung 58
6. Literaturverzeichnis 60
2
Abbildungs - und Tabellenverzeichnis
Abb. 1: Komponenten und Ebenen eines Strukturmodells der Sozialisationsbedingungen 8
Abb.2 : Lebensphasen während der Lebensspannen im historischen Vergleich 12
Abb. 3: Wegen Verbrechen und Vergehen Verurteilte nach Altersgruppen 17
Tab. 1: Polizeilich registrierte Opfer ausgewählter Delikte nach Altersstufen 1999 19
Abb. 4: Tatverdächtige und Verurteilte pro 100.000 Jugendliche, Heranwachsende und 22
Erwachsene (ohne Straßenverkehrsdelikte), alte Länder, 1984-1998
Abb. 5: Strukturmodell familialer Sozialisationsbedingungen 40
3
1. Einleitung
Das Phänomen jugendlicher Gewalt ist historisch betrachtet nicht neu und wurde stets mit hoher öffentlicher Aufmerksamkeit beobachtet. So beschäftigt sich der Pastor Clemens Schulz schon 1912 mit dem „Halbstarken“, dem „verkommenen männlichen
Großstadtjugendlichen“ 1 , welchen er wie folgt charakterisiert: „Er ist der klar bewußte Feind der Ordnung, d. h. der Gesellschaft der Konventionen, des sozialen Lebens, des Gesetzes; seine Arbeitsscheu ist zum Hass gegen die Arbeit geworden, er ist völlig unfähig geworden, irgendwelche regelmäßige Arbeit zu tun, er ist beseelt vom bösen Willen. ... Diese Halbstarken, die aus allen Kreisen der menschlichen Gesellschaft kommen, bilden den Mob, sind eine furchtbare, grauenerregende Macht. ... Dieser Mob ist viel schlimmer und verderblicher als einzelne sog. schwere Verbrecher.“ 2
Eine Beschäftigung mit der Jugendgewalt ist über die unterschiedlichsten Herangehensweisen möglich. Ich werde mich in meiner Arbeit mit den sozialisationstheoretischen Ansätzen befassen. Dies beinhaltet vor allem die Suche nach einer soziologisch orientierten Sicht auf das Thema Jugendgewalt. Meine Betrachtung umfasst eine Auswahl der wichtigste Sozialisationsebenen und -instanzen.
Meine Arbeit wird sich in fünf Teile gliedern. Die Einleitung im ersten Kapitel soll auf die Problematik Jugendgewalt einstimmen. Im anschließenden zweiten Kapitel sollen die für die weiterführende Betrachtung wichtigen theoretischen Grundlagen der Sozialisation dargestellt werden. Dies umfasst vor allem eine soziologisch orientierte Analyse der Struktur der Persönlichkeitsbildung. Erst anhand dieser Basis ist eine nähere Beschäftigung mit der Jugendgewalt möglich. Im dritten Kapitel werde ich auf Statistiken zur Struktur jugendlicher Devianz in der Bundesrepublik eingehen. Hier soll an erster Stelle eine Betrachtung des Gewaltbegriffes erfolgen, welche einen differenzierten Einstieg in die Systematik erleichtert. Im Folgenden werde ich einen Überblick über die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik und somit über die Kernbereiche der Gewaltkriminalität Jugendlicher darstellen. Die Betrachtung dieser Grundlagen ermöglicht die Suche nach den Wirkungszusammenhängen, die zur Entstehung
1 Hafeneger, 1994, S.43
2 Ebenda, S.44f
4
der Jugendgewalt beitragen. So werde ich im vierten Kapitel ausgewählte Institutionen und Ebenen der Persönlichkeitsbildung diesbezüglich untersuchen. Mit der Darstellung der moralischen Sozialisation ist ein Eingehen auf die Thematik des Wertewandels verbunden. Der nächste Punkt meiner Betrachtung umfasst die Wirkung von Gewaltdarstellungen in den Medien auf die Persönlichkeitsbildung Jugendlicher. Hier werde ich die wichtigsten Medien-Wirkungstheorien und deren Erklärungsgehalt vorstellen. Im folgenden Abschnitt befasse ich mich mit der wichtigsten Instanz der Persönlichkeitsbildung, der Familie. Nach der Darstellung der Struktur der familiären Sozialisation werde ich die Einflüsse der Umwelt und der innerfamiliären Kommunikation untersuchen. Im letzten Abschnitt der sozialisationstheoretischen Ansätze zur Erklärung jugendlicher Gewalt soll eine, die gesamte Gesellschaft, umfassende Theorie darstellen. Dies schließt sie Suche nach dem Einfluss der Individualisierung auf die Instanzen der Persönlichkeitsbildung ein. Im fünften und letzten Kapitel geht es dann darum, die gefundenen Wirkungszusammenhänge in einem abschließenden Fazit zusammenzufassen.
Mit meiner Arbeit möchte ich einen Einblick in das komplexe Gebiet der Sozialisationsforschung in Bezug auf die Entstehung von Jugendgewalt vermitteln. Da diese Thematik sehr umfangreich ist, wird es nicht möglich sein, sämtliche Facetten darzustellen. Das Ziel meiner Arbeit besteht in der Betrachtung ausgewählter sozialisatorischer Wirkungszusammenhänge auf die Entstehung von Jugendgewalt.
5
2. Grundlagen der Sozialisation Jugendlicher
Die Untersuchung der Sozialisation Jugendlicher ist ein Schwerpunkt der Sozialisationsforschung, in welchem die Persönlichkeitsentwicklung während eines bestimmten Abschnittes des Lebens betrachtet wird. Ich setze mich in diesem Teil meiner Arbeit mit den theoretischen Grundlagen des Sozialisationsprozesses auseinander. Dadurch soll die Basis für eine weiterführende und vertiefende Betrachtung dieses Themengebietes geschaffen werden. Die Sozialisations- und die Jugendforschung sind von Theorien aus der Psychologie, der Soziologie und der Pädagogik beeinflusst. Auch wenn die unterschiedlichsten Ansätze in vielen Bereichen nicht voneinander zu trennen sind, werde ich den Fokus auf eine soziologische Betrachtung legen.
Hurrelmann beschreibt Sozialisation als „kategorialen Oberbegriff“ eines bestimmten Bereiches der sozialen Realität, es wird hiermit aber „keine Theorie im Sinne eines strukturierten Gefüges von Annahmen und Aussagen über diesen Gegenstandsbereich“ 3 dargestellt. Aus diesem Grund sind abgrenzende Formulierungen und Präzisierungen nötig.
„Sozialisation bezeichnet den Prozess der Entstehung und Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und dinglichen Umwelt.“ 4 Damit wird der Gegenstandsbereich klar formuliert. Es geht um die Betrachtung der Umweltbedingungen, die auf die Sozialisation Einfluss haben. Dazu zählen alle Einzelfaktoren, die auf die Persönlichkeitsentwicklung einwirken. Diese werde ich später anhand des Strukturmodells der Sozialisationsbedingungen näher erläutern. Hurrelmann trifft eine wichtige Einschränkung, indem er von einem „bestimmten Zeitpunkt der historischen Entwicklung einer Gesellschaft“ 5 ausgeht, an dem diese Lebensbedingungen existieren. Ich schließe mich dieser Betrachtungsweise an, da hier die Veränderungen von Sozialisationsbedingungen vorstellbar werden.
Das Ziel des Sozialisationsprozesses ist die Bildung einer gesellschaftlich handlungsfähigen Persönlichkeit, in einer lebenslangen Auseinandersetzung mit den Umweltbedingungen 6 .
3 Hurrelmann, 2001, S.14f
4 Ebenda, S.51
5 Ebenda, S.14
6
Vgl. Hurrelmann, 2001, S.14f
6
Dieser Prozess erfolgt im Rahmen einer aktiven Aneignung von Umweltbedingungen, auf die das Individuum einen gestaltenden Einfluss nimmt. So steht die Entwicklung und Veränderung der menschlichen Persönlichkeit, die sich als spezifisches Gefüge von Merkmalen, Eigenschaften, Einstellungen und Handlungskompetenzen darstellt, im Zentrum der Sozialisationsforschung 7 . Die soziologische Betrachtung umfasst vor allem den Einfluss der Umweltbedingungen auf den Prozess der Persönlichkeitsbildung.
Die sich auf diese Basis stützenden Theorien sind sehr unterschiedlich und stehen vielfach in Konkurrenz zueinander. Es werden aber „elementare Grundannahmen“ zum Sozialisationsprozess akzeptiert, „...ohne die eine Verwendung des Begriffes überflüssig oder unsinnig wären“ 8 . Eine Gemeinsamkeit aller Theorien ist eine Ablehnung der Vorstellung, dass die Persönlichkeitsentwicklung einen linearen Verlauf aufweist und durch nur einen Faktor bestimmt ist. Dies bedeutet auch, dass man nicht mehr von einer passiv-hinnehmenden Prägung des Individuums entweder durch gesellschaftliche oder körperlich-geistige Faktoren sprechen kann. 9 Der Mensch kann nicht nur das Produkt der Gesellschaft oder nur seiner Gene sein. Aus diesem Grund werde ich die biologischen und die sozial deterministischen Ansätze aus meiner Betrachtung ausschließen, welche Sozialisation als eine einseitige Prägung verstehen.
Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Ansicht, dass der Prozess der Sozialisation eine Auseinandersetzung mit der inneren und der äußeren Realität darstellt. Die zuerst genannte Realität entspricht den organismusinternen psychischen und physischen Prozessstrukturen und den körperlichen Grundmerkmalen. Die zweite Realität umfasst die dem Organismus externen Gegebenheiten der materiellen und sozialen Umgebung. Jedes Individuum besitzt Fähigkeiten der Realitätsaneignung, -verarbeitung, -bewältigung und -veränderung, setzt diese ein und entwickelt sie weiter. 10
Es wird davon ausgegangen, dass eine Beziehung zwischen Gesellschaftsentwicklung und Persönlichkeitsentwicklung existiert, da die menschliche Persönlichkeit sich in keiner ihrer Dimensionen gesellschaftsfrei herausbildet. Die Auseinandersetzung des Menschen mit der Umwelt findet über gesellschaftliche Vermittlung statt, wobei auch hier von einer gegenseitigen Einflussnahme ausgegangen wird. 11 Diese Voraussetzung betont einen
7 Vgl. Tillmann, 2000, S.12
8 Hurrelmann, 2001, S.15
9 Vgl. Tillmann, 2000, S.12
10
Vgl. Hurrelmann, 2001, S.63f
11
Vgl. Hurrelmann, 2001, S.15f
7
historischen Wandel der Gesamtgesellschaft und damit auch eine stetige Veränderung der Sozialisationsbedingungen.
2.1 Sozialisationsbedingungen
Bisher wurde nur die Persönlichkeitsentwicklung in einer generalisierten Gesellschaft betrachtet. Da sich aber ein Individuum immer in konkreten sozialen Umwelten bewegt, die wiederum in größere Zusammenhänge eingebunden sind, kann von einer Struktur des Sozialisationsprozesses ausgegangen werden. In diesem Modell werden die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Faktoren und ihrer direkten, wie auch indirekten Wirkung auf die Sozialisation dargestellt. Wie Tillmann betont, soll es als Orientierung gesehen werden, in dem keine Präferenz für einen bestimmten theoretischen Ansatz ausgesprochen wird. 12
13 Abb. 1: Komponenten und Ebenen eines Strukturmodells der Sozialisationsbedingungen
Die erste Ebene umfasst das Individuum, seine in der Grundstruktur verankerten Erfahrungsmuster, Einstellungen, das Wissen und die emotionale Struktur. In dieser Ebene spielen Veranlagungen und kognitive Fähigkeiten eine entscheidende Rolle. Hier wird die Basis für die weitere Persönlichkeitsentwicklungen dargestellt, denn die Handlungsfähigkeit
12 Vgl. Tillmann, 2000 S.18
13 Hurrelmann, 2001, S.105
8
des Individuums wird über die Grundstruktur seiner Fähigkeiten beeinflußt. Ein weiterer Ausbau der Persönlichkeit findet über die Interaktion mit anderen Individuen und dem Austausch mit der Umwelt statt.
In der Interaktionsebene sind die näheren sozialen Umwelten dargestellt, die in den meisten Fällen einen erfahrbaren Einfluss auf die Sozialisation besitzen. Da ich mich in meiner Arbeit mit der Persönlichkeitsbildung Jugendlicher beschäftige, möchte ich auf einige der wichtigsten Sozialisationsinstanzen in diesem Lebensabschnitt eingehen. In der unmittelbaren sozialen Umgebung ist das gesamte familiäre und bekanntschaftliche Netzwerk verortet. Bei Jugendlichen spielen hier beispielsweise die Interaktion mit der Gleichaltrigengruppe und dem Freundeskreis eine große Rolle. Wichtig ist die Einbindung des Individuums in seine unmittelbare räumliche Umgebung. Dazu zählt unter anderem auch das Wohnumfeld. Tillmann beschreibt die gesamte Ebene mit den Begriffen „Interaktionen und Tätigkeiten“ 14 . Einen wichtigen Einfluss besitzen vor allem Schulen und Hochschulen, die mit ihrem Bildungsauftrag ausschließlich zum Zweck der Persönlichkeitsentwicklung Jugendlicher eingerichtet worden sind. Diese organisierten Sozialisationsinstanzen interagieren mit den sozialen Netzwerken, der unmittelbaren Umgebung und sind in die nächsthöhere Organisations- und Institutionsebene integriert. Die sich in der nächsten, höheren Ebene befindenden sozialen Organisationen besitzen andere Aufgaben als die der Sozialisation. Betriebe, Massenmedien und öffentlichen Einrichtungen konzentrieren sich auf wirtschaftliche und verwaltungstechnische Ziele, eine Persönlichkeitsentwicklung findet eher „nebenbei“ 15 statt.
Alle Ebenen sind wiederum Teil eines gesamtgesellschaftlichen Systems. In dieser Gesellschaftsebene möchte ich das Modell von Hurrelmann um einen wichtigen Punkt ergänzen. Ich gehe davon aus, dass es zwischen der Gesellschaftsebene und der Organisations- und Institutionsebene keinen einseitigen Wirkungszusammenhang gibt. Aus diesem Grund muss das ursprüngliche Modell insofern ergänzt werden, daß eine gegenseitige Beeinflussung der Ebenen, zum Beispiel über Doppelpfeile, sichtbar wird. Dies möchte ich anhand eines einfachen Beispiels erläutern:
Das Wählerverhalten hat eine beträchtliche Wirkung auf die politische Struktur der Gesamtgesellschaft. Die in zeitlichen Abständen gewählten politischen Organisationen
14 Tillmann, 2000, S.18
15 Ebenda
9
nehmen zum Beispiel durch den Prozess der Gesetzgebung wieder Einfluss auf alle anderen Ebenen. Dies betrifft unter anderem die wirtschaftlichen, wie auch die sozialen Regulierungen. So hat die steuerliche Gesetzgebung wieder eine Wirkung auf die Wählerzufriedenheit und damit das Wahlverhalten, aber auch auf die gesamtgesellschaftliche Wirtschaftslage.
Dieses Beispiel ist nur eines von vielen, die die Konstituierung des gesellschaftlichen Systems aufzeigen, welches nur mittels Kommunikation und Interaktion mit den darunterliegenden Ebenen existieren kann.
Eine Anmerkung zu diesem Thema trifft Tillmann 16 , der dieses Modell in einen weiteren, höheren Zusammenhang einbindet. Denn diese Gesamtgesellschaft, der Autor nennt sie in seinem Beispiel Bundesrepublik Deutschland, ist wiederum in komplexe internationale politische und ökonomische Prozesse, und somit in die Ebene der „Weltgesellschaft“ 17 eingebunden. Tillmann belegt dies am Beispiel der internationalen Migrationsbewegung, hinzufügen kann man noch die Einbindung jeder Gesamtgesellschaft in bestimmte international agierende politische, wirtschaftliche oder militärische Organisationen. So ist die Bundesrepublik Deutschland im globalen Rahmen in die UNO, die Welthandelsorganisation und im übernationalen Kontext in die EU integriert. Diese übergeordneten Strukturen besitzen einen Einfluss auf die jeweiligen Gesellschaften, zum Beispiel über die Gesetzgebung oder den kulturellen Austausch zwischen Nationen.
Somit ist sichtbar, dass alle Ebenen miteinander direkt und indirekt verknüpft sind und in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen. Die jeweils höher verorteten setzen Rahmenbedingungen für die darunter liegenden. Die doppelten Pfeile deuten auf dieses Wirkungsverhältnis innerhalb des gesamten Modells hin. Dies ist insofern wichtig, da der einzelne Mensch sich zu einem bestimmten Zeitpunkt immer nur in bestimmten sozialen Räumen, beziehungsweise in einer Ebene, und niemals in der gesamten gesellschaftlichen Struktur bewegt. Die Aufgabe der Sozialisationsforschung besteht darin, die Verknüpfungen zwischen den Ebenen und ihre Wirkung auf die Persönlichkeitsbildung in „gesellschaftlich umfassender Weise“ 18 zu untersuchen. Vom soziologischen Standpunkt aus sollen die Zusammenhänge zwischen Umweltbedingungen und den umfassenden
gesamtgesellschaftlichen Strukturen erklärt werden. Im Gegensatz dazu befassen sich
16 Vgl. Tillmann, 2000, S.17
17 Tillmann, 2000, S.288
18 Tillmann, 2000, S.17
10
psychologische Theorien mit biologischen und organismischen Faktoren. Eine Trennung zwischen den einzelnen Sichtweisen ist in vielen Fällen nicht möglich, da viele Ansätze interdisziplinär aufgebaut sind.
Wie ich schon erwähnte, präferiert das Modell der Sozialisationsbedingungen keine bestimmte Theorie, sondern ist eine Basis, die theoretischer Erklärung bedarf. 19
2.2 Lebensphasen
Die Strukturierung von Sozialisationsbedingungen erfolgt nicht nur in Ebenen sondern auch in lebenszeitlichen Phasen. Nach Tillmann 20 wird von der Vorstellung der Ontogenese ausgegangen, also der Entwicklung des Einzelnen im Zuge des Alterns. Dies umfaßt die Vorstellung, dass die Erfahrungen aus den vergangenen Lebensphasen den Rahmen für das Erlangen neuer Erfahrungen bilden. Auch in diesem Modell wird die Feststellung getroffen, dass die Struktur der Lebensphasen immer nur zu einem bestimmten Zeitpunkt in der historischen Entwicklung einer Gesellschaft in einer abgrenzbaren Form existiert. Durch sozialen Wandel verändern sich die Strukturen der Gesamtgesellschaft stetig, dies hat auch einen Einfluss auf die Altersstruktur. So verlängert sich das Lebensalter zum Beispiel durch den medizinischen Fortschritt und durch eine veränderte Bildungs- und Lebensstruktur, wird der Eintritt in das Berufsleben, damit auch der Übergang in das Erwachsenenalter, auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Wie bei dem Strukturmodell der Sozialisationsebenen Muss auch hier auf wechselseitige Beeinflussungen und Abhängigkeiten der Lebensphasen verwiesen werden.
Dies veranschaulicht die folgende Abbildung, die auf einem historischen Vergleich der Lebensphasen basiert.
19 Vgl. Tillmann, 2000, S.18
20 Vgl. Tillmann, 2000, S.18f
11
Abb.2: Lebensphasen während der Lebensspannen im historischen Vergleich 21
Eine grobe Unterteilung der Sozialisation in primäre, frühe Persönlichkeitsentwicklung in der Familie, und sekundäre, der ihr nachfolgenden Sozialisation in Schule, Familie und Altersgruppe, kann hier erfolgen. In einigen Fällen wird auch der Begriff tertiäre Sozialisation angeführt, der sich auf Entwicklungen im Erwachsenenalter bezieht. 22 Da eine stetige Ausdifferenzierung der Lebensphasen stattfindet, ist diese Unterteilung nicht mehr ausreichend. Ich möchte an dieser Stelle nur das für mich relevante Jugendalter in der heutigen Entwicklung betrachten. Dieser Lebensabschnitt ist durch schnelle und stetige Veränderungen der physischen und psychischen Grundstruktur der Heranwachsenden gekennzeichnet, die in einer bestimmten Zeitspanne bewältigt werden müssen. Es ist klar ersichtlich, dass die einzelnen Lebensphasen nicht eindeutig einem Alter zuzuordnen sind. Aus diesem Grund kann man den Beginn der Jugendphase nur ungenau in einem Alter zwischen 12 und 14 Jahren angeben. Abgrenzen lassen sich die einzelnen Abschnitte der Persönlichkeitsentwicklung nur durch jeweils spezifische
Entwicklungsaufgaben. Im Jugendalter ist vorrangig der Auf- und Ausbau der intellektuellen und sozialen Kompetenz, vor allem durch schulische und später auch berufliche Qualifikation, von Bedeutung. Hier liegt das vorrangige Ziel im Aufbau einer eigenen Existenz im Erwachsenenalter. In diesen Bereich der Kompetenzentwicklung fällt vor allem der individuelle Aufbau eines Normen- und Wertesystems. Eine weitere Entwicklungsaufgabe liegt im Ausbau der Geschlechtsrolle und des sozialen Bindungsverhaltens, das sich vorrangig
21 Hurrelmann, 1999, S.23
22 Vgl. Tillmann, 2000, S.19
12
auf Gleichaltrige bezieht. So erfolgt die schrittweise Loslösung von der Herkunftsfamilie und den Eltern. Spezifisch an dieser Phase sind die schrittweise Erweiterung der Handlungsspielräume, die Erweiterung der Rollenvielfalt und damit auch das Anwachsen der gestellten Anforderungen. 23 Am Ende der Jugendphase sollte die wirtschaftliche, politische und soziale Handlungsfähigkeit entstanden sein. Der Übergang in das Erwachsenenalter vollzieht sich durch die Annahme von Teilrollen. Damit ist sowohl die partnerschaftliche Rolle durch die Gründung einer eigenen Familie, wie auch die berufliche, die kulturelle und die Rolle als politisch partizipierender Bürger gemeint. 24 Durch den späteren Eintritt in die Berufstätigkeit, durch die Verlängerung des Ausbildungsweges an Schulen und Hochschulen und das steigende Heiratsalters in der heutigen Gesellschaft, ist eine altersmäßige Zuordnung noch weniger möglich als beim Übergang von der Kindheit in die Jugend. Man kann davon ausgehen, daß mit einem Alter von 30 Jahren dieser Wechsel vollzogen ist.
2.3 Fazit
Die Darstellungen der Lebensphasen und der Struktur der Sozialisationsebenen bildeten die Basis für die theoretische Betrachtung der Persönlichkeitsentwicklung. Erst anhand dieser Grundlagen ist es möglich, die auftretenden Wirkungszusammenhänge zu erklären. Aus dem Strukturmodell der Sozialisationsbedingungen ist die hierarchische Einflussnahme der Ebenen der Persönlichkeitsbildung abzulesen. Eine Orientierung an diesem Modell und den spezifischen Anforderungen an die Lebensphase Jugend ist für die Betrachtung derjenigen Faktoren wichtig, die für die Entstehung von Jugendgewalt den größten Erklärungsgehalt liefern. Dies umfasst für mich eine soziologische Betrachtung und damit die Darstellung der Umwelteinflüsse auf die Persönlichkeitsentwicklung.
23
Vgl. Hurrelmann, 1999, S.31f
24
Vgl. Hurrelmann, 1999, S.42f
13
Arbeit zitieren:
Jörn Moch, 2002, Jugend und Gewalt - Sozialisationstheoretische Ansätze, München, GRIN Verlag GmbH
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