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1. Einleitung
In Kants Werken ist eine immer wiederkehrende Pluralität von Widerstreit und Einheit feststellbar. 1 Kants politische Gedanken nehmen innerhalb seiner Schriften einen verschwindend geringen Raum ein. Je nach Betrachtungsweise und Definition des Wortes „politisch“ handelt es sich hierbei, quantitativ gesehen, um einem Anteil zwischen einem Siebzigstel und einem Zwanzigstel, je nachdem ob man die geschichts- und rechtsphilosophischen Schriften dazu zählen möchte oder nicht. Kant ließ kaum politische Gedanken in die drei Kritiken eindringen, sondern machte sie in philosophischen Gelegenheitsschriften zum Thema, ohne das Politische darin besonders hervorzuheben. Zumeist handelte es sich bei diesen Schriften um Auseinandersetzungen mit Zeitgenossen oder um Auftragsarbeiten von Verlegern für Zeitschriften. Nur beim Traktat „Zum ewigen Frieden“ lässt sich mit relativer Sicherheit eine Verbindung zwischen Schrift und realpolitischem Anlass feststellen. 2 Kant bezeichnete beispielsweise die „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ als reine Erläuterung, die er, so scheint es, aus mehreren seiner Notizen zusammengefügt hat. Die Schrift „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ publizierte Kant drei Monate nachdem Mendelssohns Aufsatz „Über die Frage, was heißt Aufklärung?“ bereits in der Berliner Monatsschrift erschienen war. „Entgegen seinem ausgeprägten Willen zum System, hatte [Kant] immer gezögert, diese scheinbar so hingeworfenen Gedanken in ein System zu bringen.“ 3 Er selbst schaffte es bekanntlich nicht, ein politisches Gesamtwerk zu verfassen. 4 Es scheint, dass Kants geringe Interpretation bezüglich seines politischen Denkens damit zu tun hat, dass kein System feststellbar ist und eine Unterbringung in seinen Hauptwerken praktisch nicht stattfindet, sondern in Gelegenheitsschriften Einhalt erfährt. Dies suggeriert somit auch quantitativ gesehen deren geringere Bedeutung und führt nicht zuletzt zur späteren Niederschrift in der Zeit des späten, „senilen“ Kant. 5 Ein anderer Grund, weshalb Kant kein politisches
1 Vgl. Hans SANER, Kants Weg vom Krieg zum Frieden: Widerstreit und Einigkeit, Wege zu Kants politischem Denken, Phil. Diss. Univ. Basel 1967, S. 329.
2 Kant thematisiert hier den Baseler Frieden, der am 5. April 1795 geschlossen worden war.
3 Vgl. SANER, S. 13-14.
4 Es ist bekannt, dass 1801 der Professor Andreas Richter Kant darum bat, einen solchen Versuch unternehmen zu dürfen, der jedoch, so scheint es, ein Versuch blieb. Auch Fichte versuchte Kants Gedanken einer „Verfassung von der größten menschlichen Freiheit nach Gesetzen“ weiter zu entwickeln, vgl Kant, KrV, A 316 / B 373. Die Idee nach einer vollkommenen gerechten bürgerlichenVerfassung als höchste Aufgabe der Natur für den Menschen, lässt sich auch in der „Idee zur allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ finden, vgl. SANER, S. 9.
5 Vgl. Friedrich PAULSEN, Immanuel Kant. Sein Leben und seine Lehre, Stuttgart 1904, S. 364.
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Gesamtwerk zustande brachte, liegt sicherlich darin, dass er nie eine aktive Rolle in der Politik eingenommen hatte, wie beispielsweise Hume, Locke oder Montesquieu. 6 In Kants Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ finden sich Ansatzpunkte für eine politische Theorie Kants, die in der Hinsicht interessant sind, weil Kant noch nicht gezwungen war, seine schriftstellerische Freiheit zu beschränken, wie es nach dem Tod Friedrichs gewesen ist und den er auch als aufgeklärten Staatslenker betitelt. Im Folgenden soll zunächst untersucht werden, was „Aufklärung“ für Kant bedeutet und inwieweit Vernünftiges handeln für einen „aufgeklärten“ oder „idealen Staat“ notwendig ist.
2. Zur Begrifflichkeit von „aufklären“ und „Aufklärung“
Für Kant stellt die Aufklärung eine historistische Epoche dar, deren Aufgabe es ist, die Menschen geistig zu emanzipieren und irrationalem Denken Einhalt zu bieten. Dabei unterscheidet Kant zwischen dem „Zeitalter der Aufklärung“ und dem „aufgeklärten Zeitalter“. 7 Ersteres ist als reine historische Epoche anzusehen, in der gesellschaftliche Institutionen aufgeklärten Inhalt behandeln und nicht mit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gleichzusetzen ist, denn diese betitelt Kant nicht als aufgeklärt. Vielmehr wird in ihr der Mensch dazu befähigt, aus der „Unmündigkeit“ herauszutreten und sich seiner Vernunft zu bedienen, ohne sich anderen fügen zu müssen. 8 Dies soll in vielen verschiedenen Bereichen erfolgen, beispielsweise beim staatlichen Gesetzgebungsprozess oder bei der öffentlichen Meinungsbildung. 9 Gründe für ein Nicht-aufgeklärt-sein sind für Kant Faulheit und Feigheit, die den Menschen seiner Mündigkeit berauben. Es ist bequemer und vermeintlich sicherer, die eigenen Aufgaben anderen Menschen aufzuerlegen. Anstatt sein eigenes Handeln zu reglementieren und zu reflektieren, ist es angenehmer, Seelsorgern oder Ärzten die Verantwortung aufzubürden. Kant geht es hier nicht darum zu sagen, dass das Einholen eines medizinischen oder geistlichen Rates unrühmlich ist, das stellt er gar nicht in Frage. Es ist durchaus „aufgeklärt“, Expertenmeinungen einzuholen und sich selbst und
6 Vgl. SANER, S. 14.
7 Vgl. Immanuel KANT, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, in: Immanuel Kant, Was ist Aufklärung? Ausgewählte kleine Schriften, hrsg. v. Horst D. Brandt, Hamburg 1999, S. 26.
8 „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. [...] Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes [ohne Leitung anderer] zu bedienen,“ KANT, Was ist Aufklärung, S. 20.
9 Vgl. Karol BAL, Was heißt ‚aufklären’ und was ist ‚Aufklärung’? Mendelsohn und Kant - Ein Vergleich, in: Kant und die Berliner Aufklärung. Akten des IX. Internationalen Kant-Kongresses, Bd. V: Sektionen XV-XVIII, hrsg. v. Volker GERHARD, Rolf-Peter HORSTMANN und Ralph SCHUMACHER, Berlin/New York 2001, S. 135-136.
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letzen Endes auch die Gesellschaft durch Wissensaustausch voran zu treiben. Was Kant hier jedoch kritisiert, ist zum einen das Abwälzen der eigenen Verantwortung auf andere und somit auch das Über-Gebühr-Belasten dieser, was zur Konsequenz hat, dass diese somit weniger Raum haben, um sich selbst zu entwickeln. Hier findet also eine Art Ausnutzung der Gesellschaft statt. Zum anderen soll der Mensch weiter nach dem Fortschritt streben und die „Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit“ 10 jedes Mal aufs neue ablegen. Früher, als der Mensch naturbedingt an fremde Leitung (naturaliter maiorennes) gebunden war, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich dem Herrschenden zu unterwerfen und sein Schicksal hinzunehmen. 11 Heute steht der Mensch in der Pflicht, sich nicht durch die Meinung oder Herrschaft anderer entmündigen zu lassen. „Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen,“ 12 ist genau die falsche Vorgehensweise, die als „sehr gefährlich“ einzuschätzen ist. Kant ist sich der „Ungemütlichkeit“, seinen eigenen Geist zu bearbeiten, um der Unmündigkeit zu entfliehen, durchaus bewusst und appelliert an jeden Menschen sich in Selbstaufklärung zu betätigen. Hinsichtlich des Begriffes „Aufklärung“ versteht Kant darunter nicht die oder eine Epoche, sondern schreibt jeder Generation eine eigene Aufklärung oder besser Aufgeklärtheit zu, jeweils in ihrem eigenen Sinne. 13 Es findet in jeder Epoche Aufklärung statt, welche die nachfolgende Epoche als Ausgangspunkt für ihr weiteres Aufklären benutzt. Bei Aufklären und Aufklärung handelt es sich im kantischen Sinne um zwei in Relation zueinander stehende Begriffe, wobei nicht jede aufklärende Epoche als aufgeklärt gelten kann. Im Idealfall und als Ziel der Menschengeschichte wird Aufklärung und Aufklären zu ein und derselben Sache und kultiviert durch Vernunft die Gesellschaft. 14
Kant versteht unter dem Begriff der Aufklärung Erziehung, Bildung und sittliche Vervollkommnung des Menschen. Aufklärung bedeutet jedoch auch Freiheit im Allgemeinen. Der Mensch darf gewissentlich handeln, seine Meinung frei äußern, Überzeugungen offen kund tun, politisch handeln und gesetzgebende Organe kritisieren. Dabei steht der Mensch im
10 KANT, Was ist Aufklärung, S. 21.
11 Undeutlich ist an dieser Stelle, ob nur der „Urzustand“ des Menschen thematisiert wird, oder Kant so weit geht und Religion im Allgemeinen kritisiert und den damit verbundenen Glauben an Gott.
12 KANT, Was ist Aufklärung, S. 20.
13 Vgl. Immanuel KANT, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, in: Immanuel Kant, Was ist Aufklärung? Ausgewählte kleine Schriften, hrsg. v. Horst D. BRANDT, Hamburg 1999, S. 6-8.
14 Doch die Aufklärung muss auch kritisch aufgefasst werden und kann zum Teil negative Dinge erzeugen. Ein Beispiel hierfür ist der Kritizismus, der unreflektiert und ohne Regulation, ein Werkzeug der Destruktion friederizianischer Ordnung werden ! kann.
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Arbeit zitieren:
Martin Rybarski, 2011, Kants Forderung nach selbstständigem Denken in der Zeit der Aufklärung, München, GRIN Verlag GmbH
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