Inhaltsverzeichnis:
1. Wissenschaftliches Nichtwissen als Schattenseite reflexiv-moderner Gesellschaften. 2
2. Zur Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens. 4
2.1. Einführende Vorbemerkungen, Abgrenzungen und Differenzierungen. 4
2.2. Grundlagen und Themenfelder der Soziologie wissenschaftlichen Nichtwissens. 6
2.2.1. Die soziale Konstruktion von wissenschaftlichem Nichtwissen. 7
2.2.1.1.„Ignorance claims“ in Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit. 7
2.2.1.2.Öffentliche Unkenntnis von Wissenschaft. 8
2.2.1.3.Die politische Erzeugung von Wissenslücken. 8
2.2.2. Die kognitive Konstruktion von Nichtwissen in der Forschungspraxis 9
2.2.2.1.Die Selektivität wissenschaftlicher Theorie 9
2.2.2.2.Die Dekontexutalisierung experimentell erzeugten Wissen. 9
2.2.2.3.Die Konstruktion neuer, unbekannter Wissenshorizonte. 10
3. Fallbeispiele wissenschaftlichen Nichtwissens - Ein Vergleich. 11
3.1. Allgemeines zum Vorsorgeprinzip. 11
3.2. Vorbemerkungen zur Chemiepolitik. 12
3.3. MTBE als Bleiersatz in Ottokraftstoffen. 13
3.4. Tributylzinn- (TBT)-haltige Antifoulingfarben. 18
3.5. Resumée der beiden Fallbeispiele. 22
4. Umgang mit der Problematik und Perspektiven. 23
4.1. Technikfolgenabschätzung. 23
4.2. Paradigmenwechsel. 25
5. Schlussfolgerungen. 27
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1. Wissenschaftliches Nichtwissen als Schattenseite reflexiv-moderner Gesellschaften
Im Zuge der reflexiven Modernisierung werden klassische Institutionen und grundlegende Unterscheidungen zunehmend begründungsbedürftig und verlangen nach Neuformierungen. Die durch technische Innovationen einhergegangenen ungeahnten Risiken und möglichen Folgen lassen Fragen und Zweifel an der Exklusivität der Wissenschaft aufkommen, da diese doch eigentlich Vertrauenserwartungen der Gesellschaft reguliert hatte und nicht „(...) als Produzentin von Risiken, Ungewißheit und sogar von Nichtwissen (...)“ 1 aufgetreten war. Gerade Konflikte im Umwelt- und Gesundheitswesen haben hier ihre Wirkung entfaltet und führen die wachsende Bedeutung von Nichtwissen für die Gesellschaft vor Augen. Risiken und Unsicherheiten werden mehr und mehr zum Thema des öffentlichen Diskurses und von gesellschaftlichen Akteuren in Frage gestellt. Dies ereignet sich „(...) offenbar nicht mehr nur in ökologischer, gesundheitlicher oder wirtschaftlicher Hinsicht, sondern zunehmend auch unter ethischen und sozialen Aspekten (...)“ 2 . Der Fortschritt der Wissenschaft trägt also nicht zwingend zu einer Abnahme von Unsicherheiten bei, sondern kann Nichtwissen eher noch begünstigen. Risikobeobachtung kann allerdings nicht weiterhin allein unter Betrachtung eines explizit wissenschaftlich begründeten Ordnungssystems erfolgen, sondern bedarf ganz wesentlich auch gesellschaftlich etablierter Erwartungshorizonte, bedarf der Öffentlichkeit, Politik und Ökonomie. Wissen wird vermehrt an unterschiedlichen Orten produziert, womit auch unterschiedliche Wissensformen in die Wissenschaft selbst eingehen und sich zunehmend Abgrenzungsprobleme zwischen Wissen und Nichtwissen, Experten und Laien, Fakten und Werten auftun. Bei zahlreichen Einsätzen von neuen Techniken oder Stoffen, wie z.B. beim Einsatz von Umweltchemikalien, können Folgen nicht mehr vorhergesagt werden. Die Dichotomie von Wissen und Nichtwissen kann deshalb nicht weiterbestehen, Nichtwissen ist in sich selbst nicht einheitlich und weist weitere Dimensionen auf. Die unterschiedliche Beurteilung und Einschätzung der durch Innovationen hervorgebrachten Unsicherheiten und der Umgang mit der Problematik im Allgemeinen verdeutlichen die Vielschichtigkeit von Nichtwissen.
Vor diesem Hintergrund soll das wissenschaftliche Nichtwissen, das in Gesellschaften reflexiver Modernisierung immer bedeutsamer wird, anhand ausgewählter Fallbeispiele
1 Wehling, Peter (2006): Im Schatten des Wissens? Perspektiven der Soziologie des Nichtwissens, Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, S. 250.
2 Böschen, Stefan und Wehling, Peter (2004): Wissenschaft zwischen Folgenverantwortung und Nichtwissen. Aktuelle Perspektiven der Wissenschaftsforschung, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage GmbH, S. 9.
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exemplifiziert werden. Es gilt hierbei, die unterschiedlichen Entstehungsumstände der Fälle, das Erkennen und Reagieren auf jeweilige Unsicherheiten und die Auswirkungen der Nichtwissensbeispiele auf die Öffentlichkeit herauszuarbeiten. Um die Analyse der Fallbeispiele wissenschaftlichen Nichtwissens zu erleichtern, sollen zu Beginn der vorliegenden Arbeit zunächst jedoch einführende Vorbemerkungen zum Phänomen des Nichtwissens und Grundlagen, Abgrenzungen und zentrale Fragestellungen einer Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens vorangestellt werden. Auf die analysierten Beispielsfälle aus der Umwelt - oder Chemiepolitik folgen Gedanken über den angemessenen Umgang mit der Problematik. An dieser Stelle werden einzelne Vergleichspunkte aus den Fallbeispielen erneut aufgegriffen, wobei auch allgemeine Reflexionen zum Umgang mit der Nichtwissensproblematik angeführt werden.
In einem abschließenden Fazit wird versucht, wesentliche Auswirkungen einer Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens sowohl auf die Wissenschaft als auch auf unser gesellschaftliches Zusammenleben zu verdeutlichen.
3
2. Zur Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens
2.1. Einführende Vorbemerkungen, Abgrenzungen und Differenzierungen
Generell ist vorweg anzumerken, „(...) dass Nichtwissen ein breites Spektrum von Formen und Nuancierungen umfasst, das von punktuellen und exakt beschreibbaren ‚Wissenslücken’ bis hin zu (...) Phänomenen der Grenzen etablierter Wahrnehmungs- und Erwartungshorizonte (...) reicht.“ 3 Ganz entscheidend ist es weiter, den Begriff des Nichtwissens, nicht mit scheinbar ähnlichen Phänomenen wie Irrtum, Ungewissheit oder Risiko gleichzusetzen. Aus soziologischer Sichtweise bedeuten auch Irrtümer Wissen, da hier von einer falschen oder richtigen Annahme ausgegangen wird, wohingegen Nichtwissen auch durch das Fehlen jeglicher Wissensformen markiert sein kann. Das bedeutet, in diesem Falle liegen nicht einmal potentielle Irrtümer vor. Der Irrtum verweist also auf gewisse Berührpunkte, die dem Wahrnehmungshorizont im Fall des Nichtwissens fern sind. Das Nichtwissen darüber hinaus von Risiko und Unsicherheit abzugrenzen, ist außerdem noch bedeutend.
„Der sozialwissenschaftliche Diskurs zur Umweltproblematik war zunächst zwar stark von der Semantik des Risikos geprägt. Doch schon bald wurde der Begriff ,Risiko’, vor allem wegen der implizit unterstellten Kalkulierbarkeit und Beherrschbarkeit der Gefährdungen, von verschiedener Seite als unzureichend empfunden und vor diesem Hintergrund fand der Begriff ,Nichtwissen’ (ignorance) wachsende Aufmerksamkeit. (...) Nach dieser Unterscheidung können in Fällen von Risiko und Ungewissheit objektive bzw. subjektive Entscheidungswahrheiten für die (grundsätzlich unbekannten) Handlungs- und Entscheidungsfolgen angegeben werden, während in Situationen des Nichtwissens die Konsequenzen des Handelns nicht oder wenigstens nicht vollständig bekannt seien (...)“ 4
Weiter kann differenziert werden, dass Nichtwissen nicht nur auf vereinzelte, genau bestimmbare Wissensdefizite verweist, sondern auch eine generelle Beschränktheit unserer Wahrnehmung meint. In vielen Fällen ist hier dem Betrachter nicht einmal bewusst, in welcher Form und in welchem Ausmaß sich Konsequenzen zeigen werden oder ob sie überhaupt auftreten. Nichtwissen kann Risiken also auch völlig ausblenden. Risiko aber weist auf mögliche Folgen hin und kann Unwissenheit außerdem noch durch Panikmache steigern. Nichtwissen reflektiert vergangene Folgen von technischer Nutzung und mögliche Konsequenzen in der Zukunft, wohingegen sich Risiko überwiegend auf zukünftige Effekte konzentriert.
3 Wehling, Peter (2004): Weshalb weiß die Wissenschaft nicht, was sie nicht weiß?, in: Böschen, Stefan und Wehling, Peter (2004): Wissenschaft zwischen Folgenverantwortung und Nichtwissen. Aktuelle Perspektiven der Wissenschaftsforschung, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften/ GWV Fachverlage GmbH, S. 69 f.
4 Wehling, Peter: Die Schattenseite der Verwissenschaftlichung, in: Böschen, Stefan und Schulz-Schaeffer, Ingo (Hrsg.) (2003): Wissenschaft in der Wissensgesellschaft, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag/GWV Fachverlage GmbH, S. 122 f.
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Um die innere Differenziertheit und Vielschichtigkeit von Nichtwissen zu verdeutlichen und Abstufungen benennen zu können, schlägt Peter Wehling drei Dimensionen wissenschaftlichen Nichtwissens 5 vor: die erste Dimension, das Wissen des Nichtwissens, spielt auf die beiden Extrempole an: Auf der einen Seite stehen explizit definierte Wissenslücken, deren man sich bewusst ist, auf der anderen Seite dagegen völlig unbekanntes Nichtwissen, sprich absolute Ahnungslosigkeit über das Auftreten von Folgen. Zwischen diesen beiden Polen sind Abstufungen möglich, beispielsweise in Form von leichten Vorahnungen über Konsequenzen. Die zweite Nichtwissensdimension, die Intentionalität von Nichtwissen bezeichnet ein bewusst beabsichtigtes Wissen an einem Pol und am gegenüberliegenden Pol ein gänzlich unbewusstes, unbeabsichtigtes Nichtwissen. Damit ist gemeint, ob sich soziale Akteure über die Konsequenzen ihres Handelns bewusst waren oder völlig im Dunkeln hinsichtlich jeglicher Effekte. Auch bei dieser Dimension sind Zwischenformen möglich, sei es durch Fahrlässigkeit oder mangelndes Interesse an einer Folgenaufdeckung. Diese zweite Unterscheidungsform spielt eine wichtige Rolle bei den nachfolgenden Fallbeispielen, da sie eng an die Frage, inwiefern Negativfolgen zu vermeiden gewesen wären, geknüpft ist. Schließlich führt Wehling die zeitliche Dauerhaftigkeit von Nichtwissen als dritte Dimension an und erfasst damit einerseits das zeitliche „Noch-Nicht-Wissen“ und andererseits das prinzipiell unauflösbare „Nicht-Wissen-Können“. Hier wird also auf die potentielle Umwandlung von Nichtwissen in Wissen verwiesen, wobei sich Abstufungen je nach vermuteter Zeitspanne setzten lassen, in der Unwissen in Wissen umgewandelt werden kann.
„Auch hier kann es kaum überraschen, dass die gesellschaftlichen Bewertungen der zeitlichen Stabilität von Nichtwissen stark divergieren und dies wiederum erheblichen Einfluss auf den Umgang mit der Problematik hat: Im Falle kurzfristigen Noch-Nicht-Wissens kann man auf Wissensgewinn setzen und Entscheidungen bis dahin aufschieben; bei gänzlich irreduziblen oder nur auf lange Sicht überwindbaren Nichtwissen hingegen muss man sich auf das Wagnis des Entscheidens unter Nichtwissen einstellen.“ 6
Wissensgesellschaften neigen aufgrund ihres Glaubens in technische Innovationen dazu, Nichtwissen als temporär und reduzierbar zu interpretieren. Lediglich rückblickend lässt sich jedoch begründen, ob der eine oder andere Pol eingenommen hätte werden müssen. Für den Umgang mit der Nichtwissens-Problematik ist zeitliche Dauerhaftigkeit eine entscheidende Komponente.
5 Wehling: Die Schattenseite der Verwissenschaftlichung, S. 124 ff.
6 Ebd., S. 126.
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2.2. Grundlagen und Themenfelder der Soziologie wissenschaftlichen Nichtwissens
„Die Frage, was die Wissenschaft nicht weiß, weshalb sie dies nicht weiß und was sie überhaupt wissen (oder nicht wissen) kann, rückt somit mehr und mehr in den Vordergrund des öffentlichen Interesses (...)“ 7 So haben auch sozialwissenschaftliche Beobachtungen nicht versäumt, dem Phänomen des Nichtwissens ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Die konzeptionelle Ausrichtung einer Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens führt die Gedanken der US-amerikanischen Wissenschaftsforscherin und Medienforscherin „(...) Holly Stocking an, dass sich gegenwärtig eine «sociology of scientific ignorance« herausbilde, welche die existierende Soziologie des wissenschaftlichen Wissens ergänze und erweitere (...)“ 8 . Drei Punkte sind hierbei speziell zu berücksichtigen: Zum einen ersetzt die Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens die Wissenssoziologie nicht, sondern erweitert den Blickwinkel derselben, indem sie auf „shadow-side[s] of knowledge“ 9 hinweist. Zum zweiten fordert die sociology of scientific ignorance einen übergreifenden konzeptuellen Rahmen für bereits noch wenig miteinander verknüpfte Forschungslinien. Schließlich ist drittens hervorzuheben, dass die Soziologie wissenschaftlichen Nichtwissens zwar allein aufgrund ihrer Begriffswahl an die Soziologie geknüpft ist, neben der Berücksichtigung sozialer Phänomene gilt es aber auch, wissenschaftspolitische, -geschichtliche, und ökonomische Aspekte miteinzubinden.
7 Wehling: Weshalb weiß die Wissenschaft nicht, was sie nicht weiß?, S. 38.
8 Wehling: Im Schatten des Wissens?, S. 251.
9 Ebd., S. 252.
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2.2.1. Die soziale Konstruktion von wissenschaftlichem Nichtwissen
Weiter knüpft Wehling an Stockings Reflexionen an, nach der zu Folge überwiegend die drei folgenden Arbeiten zu einer Soziologie wissenschaftlichen Nichtwissens einen Beitrag geleistet haben, Arbeiten, die im weiten Sinne unter dem Motto „soziale Konstruktion von wissenschaftlichem Nichtwissen“ stehen.
2.2.1.1. „Ignorance claims“ in Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit
Auf diesem Gebiet stellt sich die Frage nach der Definition von Nichtwissen durch die Wissenschaft, nach seiner öffentlichen und medialen Kommunikation und Wahrnehmung durch die Gesellschaft. Dieses Forschungsfeld stützt sich auf die Annahme, dass Forscher gegenüber der Ökonomie, Politik und Gesellschaft nicht nur „(...)Wissensansprüche sondern (...) auch Nichtwissens-Ansprüche erheben.“ 10
Mittels rhetorischer Techniken zeigen die Akteure also auf, dass verfügbares Wissen nicht sicher genug ist, nicht genau bestimmbar, da es noch fern liegt, nicht gewusst werden braucht, da es (scheinbar) irrelevant ist. Von anderen Akteuren werden diese Nichtwissens-Ansprüche oder ignorance claims genutzt, um eigene Interessen durchzusetzen.
„Eine Schlüsselrolle kommt hierbei den Medien zu, die Wissens- und Nichtwissens-Behauptungen häufig erst zu Themen des öffentlichen und politischen Diskurses machen. Dabei können völlig konträre Effekte erzeugt werden, je nachdem, ob der Aspekt des Wissen oder der des Nichtwissens in den Vordergrund gerückt wird.“ 11
In der Umweltpolitik wird dies deutlich, wenn Akteure aus der Chemikalienindustrie Vorsorgemaßnahmen hinauszögern, um sich durch den Einsatz ihrer Stoffe einen finanziellen Vorteil zu schaffen. Wissen wird von Journalisten also nicht nur wiedergegeben, sondern nach eigenem Vorteil modifiziert. Durch Auslassen von wichtigen einschränkenden wissenschaftlichen Informationen machen mediale Darstellungen manche Wissens sicherer als es tatsächlich ist. Aber auch das Gegenteil kommt vor, die Überdramatisierung von Nichtwissen durch die Medien.
10 Wehling: Weshalb weiß die Wissenschaft nicht, was sie nicht weiß?, S. 47.
11 Wehling: Im Schatten des Wissens, S. 254.
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Arbeit zitieren:
Martina Tauscher, 2009, Über die Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens, München, GRIN Verlag GmbH
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