Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
3
II. Manching und die keltische Oppidakultur
3
1. Die Oppidakultur
3
1.1. Definition des Begriffs oppidum 4
a) Definition von oppidum bei Julius Caesar 4
b) Heutige, archäologische Definition 4
1.2. Forschungsgeschichte 5
1.3. Chronologische und geographische Einordnung 7
1.4. Das Ende der Oppidakultur 9
2. Das Oppidum von Manching
10
2.1. Forschungsgeschichte 10
2.2. Geographische Lage und Umgebung Manchings 12
2.3. Die Gründungsphase um 300 v. Chr. 13
2.4. Der Aufstieg Manchings zur Stadt ab 200 v. Chr. 15
a) Die Bebauung 15
b) Handwerk 16
c) Münzprägung 17
d) Maße und Gewichte 18
e) Importe 18
f) Schriftlichkeit 19
g) Zusammenfassung 19
2.5. Manching wird Oppidum 20
a) Bauweise der Stadtmauer und ihrer Tore 21
b) Unruhige Zeiten: Das Ende des 2. Jahrhunderts 22
2.6. Der Niedergang und das Ende Manchings 24
a) Anzeichen für ein gewaltsames Ende 24
b) Hinweise auf einen allmählichen Niedergang 25
c) Zusammenfassung 27
III. Zusammenfassung und Ergebnis
27
Quellen - und Literaturverzeichnis
29
I. Einleitung
Der Begriff der Oppidakultur oder Oppidazivilisation ist in unserer Vorstellung untrennbar mit der Welt der spätkeltischen Latènekultur verbunden. Er beschreibt ein genuin europäisches Phänomen, das sich etwa innerhalb eines Jahrhunderts über ganz Mittel- und Westeuropa ausbreitete. Oft wird in diesem Zusammenhang von den „frühesten Städten nördlich der Alpen“ 1 gesprochen. In neuerer Zeit wird diese Bezeichnung allerdings kontrovers diskutiert. Zwar ist die Bezeichnung der Oppida als Städte inzwischen relativ unstrittig, die Frage, ob sie nun tatsächlich die frühesten sind, bleibt bisher unbeantwortet. Vor allem die Erkenntnisse aus den immer intensiver untersuchten unbefestigten Flachlandsiedlungen wie Berching-Pollanten und böhmische „Produktionszentren“, die ebenfalls stadtähnliche Strukturen aufweisen, sprechen inzwischen dafür, den Oppida diesen Titel abzuerkennen 2 .
Im Folgenden werde ich das Phänomen der Oppidazivilisation im Allgemeinen eingehender darstellen, um dann anhand von Manching ein Oppidum im Besonderen vorzustellen. Manching bietet sich einerseits für diese Aufgabe an, da es mit einer untersuchten Fläche von 20ha das besterforschte keltische Oppidum ist, andererseits ist es schwierig, Manching als Beispiel für ein typisches Oppidum heranzuziehen. Wie gezeigt werden soll, unterscheidet es sich nicht nur in seiner Lage im Gelände, sondern vor allem in seiner Besiedlungsgeschichte und der Entwicklung zur Stadt von anderen Oppida. So liefert Manching auch zu der weiter oben angesprochenen Forschungsdiskussion einen wertvollen Beitrag, der im Folgenden diskutiert werden soll.
II. Manching und die keltische Oppidakultur
1. Die Oppidakultur
Gegen Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. entwickelte sich in Europa eine urbane Zivilisation von einer solchen kulturellen Einheitlichkeit, dass in der Forschung der Begriff der Oppidakultur eingeführt wurde. Diese Bezeichnung umfasst befestigte keltische Städte von
1 Collis 1984, Maier 2003, 69.
2 Salac 2000, 151.
3
Westfrankreich über Stradonice in Böhmen bis Velem-Szent-Vid in Ungarn, deren Arealgrößen von 60ha bis 1662ha (Heidengraben) 3 variieren können. Anhand ihrer Befestigungsweisen lassen sie sich grob in eine östliche und eine westliche Gruppe unterteilen, Fundgut, Bestattungssitten usw. ordnen sie allerdings alle der keltischen Spätlatènekultur zu.
1.1 Definition des Begriffs „Oppidum“
a) Der Begriff oppidum bei Julius Caesar
Der Terminus oppidum stammt aus dem Lateinischen und bedeutet ursprünglich schlicht Stadt. Von den meisten antiken Autoren wird er synonym zu dem Begriff urbs verwendet, wobei Rom die einzige Ausnahme von dieser Regel bildet und stets als urbs bezeichnet wird. Unser heutiges Verständnis von oppidum beruht auf Caesars Bericht über den Gallischen Krieg, in dem er die befestigten Hauptorte der unterschiedlichen keltischen Städte mit diesem Begriff bezeichnet. Hier besteht auch tatsächlich eine gewisse Begriffsabgrenzung zwischen oppidum, der keltischen Stadt, und urbs, der mediterranen Stadt, die allerdings nicht immer eingehalten wird 4 . In Gallien unterscheidet Caesar zwischen oppida, den befestigten Städten, vici, unbefestigten Dörfern, und aedificii, Einzelgehöften, die er als die drei Siedlungsformen der Kelten ansieht. 5
Bibracte stellt laut Caesar den Hauptort der Haeduer dar 6 , als weitere Oppida werde unter Anderem Alesia und Gergovia genannt. Zu beachten ist allerdings bei Caesars Bericht, dass er als eine Rechtfertigung seiner Feldzüge in Gallien entstanden ist und somit möglicherweise manchmal Orte, die weder eine Befestigung noch Stadtgröße besaßen, Oppidum genannt werden, um den Ruhm des Feldherrn zu erhöhen.
b) Heutige, archäologische Definition
Unsere heutige Definition von Oppidum richtet sich in den groben Zügen immer noch nach Caesar, da die Erforschung der Oppida mit der Identifikation der von Caesar genannten Orte mit Fundstellen in Frankreich begann 7 . Nach Stephan Fichtl, dem die neueste
3 Knopf u. a. 2000, 141.
4 Vgl. etwa Caes. Gall. VII 68-70.
5 Vgl. etwa Caes. Gall. III 1.
6 Caes. Gall. I 23.
7 Collis 1984, 6.
4
zusammenfassende Publikation zur Oppidazivilisation zu verdanken ist, ist heute eine Fundstelle als Oppidum zu bezeichnen, wenn 8 :
- Sie in geschützter Geländelage erbaut wurde und
- sie einen Befestigungswall mit Zangentoren besitzt, der
- mindestens 15ha einschließt
- sie in die Spätlatènezeit datiert und
- stadtähnliche Strukturen aufweist
Wie sich etwa am Beispiel Manchings zeigen wird, treffen nicht immer alle dieser Kriterien auf eine Fundstelle zu. Auch diese Definition ist nicht unstrittig, vor allem über die Mindestgröße eines Oppidum besteht Uneinigkeit 9 .
1.2 Forschungsgeschichte
Schon in der Antike begann man, sich über die im Gelände deutlich erkennbaren Überreste der eisenzeitlichen Befestigungsanlagen Gedanken zu machen und identifizierte sie häufig mit aus der Ethnografie und Historiografie bekannten Völkerschaften und Stämmen. Auch in der Renaissance ebbte das Interesse an den Anlagen nicht ab, beschränkte sich aber weiterhin auf Spekulationen. Ausgrabungen wurden zu dieser Zeit allerdings keine durchgeführt.
Mit der Entwicklung der Archäologie zu einer akademischen Wissenschaft im späten 19. Jahrhundert begann langsam eine systematische Erforschung der vorrömischen Eisenzeit. Erste Chronologiesysteme wurden erstellt, so etwa Hildebrands Unterteilung der Eisenzeit in eine frühere Hallstatt- und eine spätere Latènekultur und deren weitere Gliederung durch Otto Tischler. Auch die Grabungsmethodik näherte sich unter Anderem durch die Übernahme der stratigraphischen Methode aus der Geologie der heutigen Vorgehensweise an. 10
Vor diesem Hintergrund führte man in Frankreich unter der Ägide Napoleons III., der großes Interesse an der Geschichte seines Landes hegte und 1866 seine Histoire de Jules César: Guerre des Gaules verfasste, erste, wenn auch noch nicht heutigen Standards entsprechende Grabungen in den Oppida Frankreichs durch. Man versuchte, die im Gelände erkennbaren
8 Fichtl 2005, 18f.
9 Vgl. etwa Collis 1984, 8.
10 Collis 1984, 31.
5
Befestigungen mit den von Caesar erwähnten Oppida der gallischen Stämme in Verbindung zu bringen, was in manchen Fällen, etwa Gergovia und Bibracte auf dem heutigen Mont Beuvray durchaus erfolgreich war, aber einen Ansatz darstellt, der insbesondere für Gegenden, für die es keine Schriftquellen gibt, nicht sinnvoll ist. Durch diese groß angelegten und großzügig von Staatsseite finanzierten Projekte wurde jedoch in ganz Mitteleuropa das Interesse an einer keltischen Vergangenheit und deren Hinterlassenschaften geweckt 11 . An böhmischen Fundplätzen zu Tage gekommene Artefakte wurden von Pic gesammelt und veröffentlicht. Joseph Déchelette, der Ausgräber des Mont Beuvray, entdeckte darin auffallende Übereinstimmungen mit seinem Fundinventar und stellte einen ersten Zusammenhang her 12 . Für die Erstellung weiterer, bis heute gültiger Chronologiesysteme wurden bereits die Funde aus Oppida wie dem Mont Beuvray und Stradonice in Böhmen oder das Inventar der Gräberfelder um das Oppidum von Manching herangezogen. In den folgenden Jahrzehnten förderten Grabungen, je nach Land mehr oder weniger wissenschaftlich, in ganz Mittel- und Westeuropa die Überreste von keltischen Oppida zu Tage. Nach einem kurzzeitigen Erliegen der Forschungsaktivitäten während und zwischen den Weltkriegen begann mit den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts eine ausgiebige Erforschung der verschiedenen Fundstellen. Vor allem in Böhmen konnten weitere bahnbrechende Entdeckungen gemacht werden. So konnten etwa ausgedehnte Bebauungspläne und Ähnliches für viele Oppida erstellt werden 13 . Dennoch bilden Fundstellen, bei denen die Innenbebauung der Oppida untersucht wurde, bis heute die Ausnahme, da sich Grabungen meist auf die deutlich sichtbaren Befestigungen beschränkten. Bis heute ist in Europa eine hohe Anzahl keltischer Oppida bekannt, die Erforschung der einzelnen beruht allerdings in einem Großteil der Fälle auf Erkenntnissen, die im Rahmen von Notgrabungen gewonnen wurden, wobei viele Fundstellen bereits Opfer von Landwirtschaft, Raubgräbern oder umfangreichen Baumaßnahmen (so etwa Manching) geworden sind.
11 Salac 2005, 281.
12 Salac 2005, 282.
13 Salac 2005, 284f.
6
1.3 Chronologische und geographische Einordnung
Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. brach mit dem Ende der Hallstattkultur auch die Besiedlung der sogenannten Fürstensitze, kleinerer, befestigter Höhensiedlungen, die sich durch ein reiches Fundinventar, vor allem durch mediterrane Importgüter, auszeichneten, ab. Umfassende Umwälzungen politischer, wirtschaftlicher und militärischer Art zeichneten sich von da an in Grab- und Siedlungsfunden ab, die Hallstattkultur wurde in ganz Europa von der Latènekultur abgelöst. Die Aufgabe der Fürstensitze wird vor allem auch mit dem Beginn der aus antiken Schriftquellen bekannten Keltenwanderungen in Verbindung gebracht, die mit dem Ende des 5. Jahrhunderts einsetzten. Im Verlauf des 4. und 3. Jahrhunderts verbreiteten sich die Kelten über ganz Europa, gelangten in Verbindung mit militärischen Diensten für fremde Herrscher sogar bis nach Kleinasien. Während dieser Epoche wurden keine befestigten Siedlungen angelegt, was sich mit der mobilen Lebensweise der derzeitigen Bevölkerung in Einklang bringen lässt. Siedlungsfunde beschränken sich auf kleine unbefestigte Dörfer und verstreute Einzelgehöfte. 14 Erst mit dem Abklingen der Bevölkerungsbewegungen etwa seit der Mitte des 2. Jahrhunderts begann man mit der Anlage weiträumiger, aufwendig befestigter Siedlungen, die in der heutigen Terminologie als Oppida bezeichnet werden. Die frühesten Siedlungen dieser Art finden sich um 150 v. Chr. in Böhmen und Mähren 15 . Diese stellten - so Caesardie Zentren der jeweiligen Stämme sowohl in wirtschaftlicher, administrativer und politischer Hinsicht dar und boten wohl auch einen Zufluchtsort in Kriegszeiten sowie einen geeigneten Sammlungspunkt für Heeresmusterungen 16 . Die Einheitlichkeit von Lage, innerer Gliederung und Fundinventaren führte, wie oben beschrieben, zur Prägung des Begriffs der Oppidakultur oder Oppidazivilisation zur Benennung dieses Phänomens, das als typisch für die späte Latènezeit (Lt D) angesehen wird und sich von der Atlantikküste Frankreichs über Südengland bis nach Böhmen und Ungarn erstreckt 17 . Mit dem Ende der Wanderungen begann man, sich in dauerhaften und somit größeren Siedlungen niederzulassen. Wahrscheinlich erforderte eine solche Konzentration größerer Bevölkerungsmassen an einzelnen Orten auch eine Umstrukturierung in der Verwaltung, die zentralisiert werden musste, so dass die Oppida, durch Größe und Befestigung deutlich als
14 Kuckenburg 2000, 144f.
15 Collis 1993, 102.
16 Caes. Gall.
17 Von Schnurbein (Hrsg.) 2009, 224.
7
solche gekennzeichnet, als Zentralorte für umliegende Dörfer und Einzelhöfe dienten. Da auch der Fernhandel, der bereits in der Hallstattzeit geblüht hatte, wieder aufgenommen wurde, benötigte man Knotenpunkte, die die Stellung der damaligen Fürstensitze für den Handel einnehmen konnten. Auch diese Funktion war sicher ein Grund für die Entstehung und vor allem den Reichtum der Oppidazivilisation. 18
Die Anlage der umfassenden Befestigungen lässt ebenfalls mehrere Erklärungsmöglichkeiten zu. Übergriffe der Römer, die ja bereits zwischen 125 und 118 v. Chr. Südfrankreich als Provinz Gallia Narbonensis in ihr Reich eingegliedert hatten, fanden bis zu Caesars Feldzügen nicht statt. Eine wahrscheinlichere Erklärung stellen die ebenfalls von antiken Schriftstellern überlieferten Raubzüge einzelner Germanenstämme, wie etwa der Kimbern und Teutonen, gegen Ende des 2. Jahrhunderts dar 19 . Wie wir aus Caesars Commentarii de bello gallico wissen, waren auch Streitereien und Kriegszüge unter keltischen Stämmen an der Tagesordnung. Alles in allem scheint es eine unruhige Zeit gewesen zu sein, was ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung wahrscheinlich macht. Aber auch der Wunsch, sich durch eine deutlich sichtbare Grenze vom Umland abzugrenzen und den Status als Zentralort kenntlich zu machen, war sicher von nicht geringer Bedeutung.
Etwa um 150 bis 100 v. Chr. kann man europaweit von einer Blütezeit der Oppida sprechen, die sich in überaus reichen Fundinventaren, die Importgüter und aufwendige Goldschmiedeerzeugnisse beinhalten, manifestiert. Mediterrane Importgüter wie Wein, bronzenes Trinkgeschirr u. a. bedeuten zwangsläufig, dass die keltischen Bewohner der Oppida einen Gegenwert zu bieten hatten, an dem im Mittelmeerraum Interesse bestand. Worin dieser bestand, ist nicht vollständig geklärt, wahrscheinlich handelt es sich um Gegenstände, die sich im archäologischen Material nicht erhalten konnten, wie etwa Felle, Leder oder Haare. Auch Sklaven könnten eine begehrte Ware gewesen sein. 20
In der Anlage der Städte ist nun deutlich eine Arbeitsteilung zu erkennen, Handwerkerviertel entstehen ebenso wie Ladenstraßen, und die Stadt ist im Hinblick auf Nahrungsmittel und landwirtschaftliche Erzeugnisse vom weiteren Umland abhängig. Verbindende Elemente der Oppidazivilisation, die nötig waren, um das Funktionieren der Wirtschaft und Verwaltung der Städte zu garantieren, sind eine einheitliche Schrift, Münzprägung und ein
18 Kuckenburg 2000, 146.
19 Kuckenburg 2000, 147.
20 Sievers 2003, 86f., 124.
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Laura Geyer, 2010, Manching und die keltische Oppidakultur, München, GRIN Verlag GmbH
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