Warum brauchen selbst symbolische Sinnwelten Stützen?
Und welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Therapie und »Nihilierung«? *
E
rwachsene haben häufig Probleme Kindern die Welt zu erklären, besonders, wenn es um Sitten, Regeln und „vernünftige“ oder „anständige“ Verhaltensweisen geht. Vor allem, wenn sich die Kleinen nicht mehr mit den einfachsten Legitimationen zufrieden geben: Berger/Luckmann nennen hier zum Beispiel „So ist es eben“ und „Das macht man so“ 1 . Abels nennt in seinem Werk „Wirklichkeit“ das Beispiel der Regel des „Nicht-‐in-‐die-‐ Schüssel-‐fassen-‐Dürfens“ 2 , das Eltern ihren Zöglingen erklären müssen. Wenn kein Lob für „richtiges“ Betragen und keine Drohung mit dem Zeigefinger mehr helfen, dann kann der Erwachsene sich noch auf die höchste Legitimationsebene, die der symbolischen Sinnwelten, zurückziehen. Die genannte Aussage „Das macht man so“ könnte dann durch die Formulierung „Weil wir in einer zivilisierten, westlichen Kultur leben“ ergänzt werden. Ganz schwierig wird es, wenn auch dieses Argument auf Widerrede stößt und die sichere symbolische Sinnwelt so angekratzt wird. Denn warum sollen Kinder zu Hause nicht in die Schüssel fassen, wohingegen sie im Lieblings-‐Fast-‐Food-‐Restaurant durchaus mit den Fingern essen und im Kino in den gemeinsamen Popcorn-‐Eimer greifen dürfen? Für solche Fälle, in denen „eine symbolische Sinnwelt zum Problem wird“ 3 , gibt es so genannte Stützkonzeptionen, die helfen, damit die „schützenden Dächer über der institutionalen Ordnung und über dem Einzelleben“ 4 nicht in sich zusammenfallen.
Eine symbolische Sinnwelt ist „theoretischer Natur“ 5 , das heißt, sie ist ein von Menschen gemachtes Konstrukt, das die Alltagswirklichkeit einhüllt und sozusagen alle Legitimations-‐ ebenen unter einen Hut bringt. Es gibt verschiedene Umstände, die dazu führen können, dass eine oder mehrere Stützen für eine symbolische Sinnwelt nötig werden. Den Fall der Weitergabe an eine nachfolgende Generation habe ich bereits erwähnt. Hier ergibt sich ein weiteres Problem, wenn sich etwa die ganze Familie und dann noch weitere Familien dazu entscheiden, sich der „Fingerfood-‐Philosophie“ der Kinder anzuschließen, würden sie sich dadurch doch von der „normalen“ Alltagswirklichkeit der „zivilisierten, westlichen Kultur“ zumindest zum Teil abwenden. Wo der Zweifel erst einmal geboren ist, können noch weitere entstehen, so dass sich eine Gruppe von Abweichlern bildet, die ihre eigene Wirklichkeit herstellt. Um deren Ausweitung zu vermeiden und die symbolische Sinnwelt zu schützen,
1 Berger/Luckmann, 2007, S. 101.
2 Abels, 2009, S. 103.
3 Berger/Luckmann, 2007, S. 113.
4 ebd., S. 109.
5 ebd., S. 112.
Katharine Pusch - Matr.-‐Nr. 3007178 - katharinepusch@web.de 1
Warum brauchen selbst symbolische Sinnwelten Stützen?
Und welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Therapie und »Nihilierung«? *
können verschiedene Maßnahmen gebraucht werden, unter anderem auch Therapie und Nihilierung - doch dazu später. Einige Typen von Stützkonzeptionen nennen Berger/Luckmann explizit: „Mythologie, Theologie, Philosophie und Wissenschaft“ 6 . Bezogen auf das Nicht-‐in-‐die-‐Schüssel-‐fassen-‐Dürfen liefern sie verschiedene Möglichkeiten der Argumentation für die geplagten Eltern. Ein mythologischer Ansatz könnte einen direkten Bezug zur Götterwelt herstellen: „Den Göttern ist Geduld eine Tugend und deshalb soll sie auch uns eine Tugend sein.“ Bei Kindern in der heutigen Zeit funktioniert das vielleicht nicht mehr, aber dafür eine eher wissenschaftlich basierte Begründung zum Thema Hygiene. Ein weiterer Umstand, und ein besonders wichtiger, der zu Stützkonzeptionen führen kann, „ergibt sich, wenn eine Gesellschaft auf eine andere stößt, die eine ganz andere Geschichte hat“. Solch ein Zusammenstoß von sehr unterschiedlichen Gesellschaften wird in dem Film „Avatar“ 7 von James Cameron gezeigt. Hier treffen Menschen von der Erde, die sich auf der Suche nach Ressourcen befinden, auf die Na’vi, humanoide Bewohner des fiktiven Planeten Pandora. Dieses sehr naturverbundene Volk wehrt sich gegen die Zerstörung seiner Welt durch die Minen der Aliens, der Menschen, die immer mehr Raum vereinnahmen und dabei auch vor Kampfhandlungen nicht zurück schrecken. Denn diese Menschen haben kein
Verständnis für die Nähe zur Natur der „primitiven“ Na’vi, für sie ist die Natur Material, Hindernis oder Bedrohung. Was auch dadurch deutlich wird, dass sie ihren eigenen Planeten, die Erde, so weit herunter gewirtschaftet und zerstört haben, dass sie sich auf weite Expeditionen in den Weltraum begeben müssen, um ihr Überleben zu sichern. In der
Szene, in der Protagonist Jake Sully das erste Mal einer Na’vi begegnet, rettet sie ihn vor einem Rudel wolfsartiger Geschöpfe. Als er sich dafür bei ihr bedankt, sagt sie: „Don’t thank! You don’t thank for this! This is sad. Very sad, only”. Und später: “All this is your fault! They did not need to die“ 8 . Sie trauert um die Wesen, die von ihrer Hand getötet wurden, während er sich im Recht fühlt, weil er von ihnen angegriffen wurde. Im Verlauf des Films lernt er die Kultur bzw. die symbolische Sinnwelt der Na’vi kennen und wird zum Aussteiger
aus der eigenen. Er stellt sich sogar gegen sie, mobilisiert Krieger der Na’vi und kämpft in der letzten Schlacht auf ihrer Seite. Wie Berger/Luckmann es beschreiben, wird „der Konflikt auf
6 Berger/Luckmann, 2007, S. 118.
7 Cameron, 2007, Drehbuch.
8 ebd., S. 41.
Katharine Pusch - Matr.-‐Nr. 3007178 - katharinepusch@web.de 2
Arbeit zitieren:
Bachelor of Arts Katharine Pusch, 2010, Warum brauchen selbst symbolische Sinnwelten Stützen? Und welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Therapie und »Nihilierung«?, München, GRIN Verlag GmbH
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