Dadurch ist der Dialog in drei Teile unterteilt. Zuerst bespricht Sokrates zusammen mit Hermogenes dessen Nomos-These und stellt anschließend in den Etymologien eine mögliche Physis-These vor, die er dann im letzten Teil des Dialogs mit Kratylos diskutiert.
Die Nomos-These und ihre Prüfung
Der Dialog beginnt direkt „in medias res“, indem Kratylos seine These aufstellt, daß jedes Ding eine von Natur aus richtige Benennung habe. Da er seine These jedoch nicht näher erläutert, bittet Hermogenes Sokrates, der seinerseits keine konkrete These vertritt („Ich weiß, daß ich nichts weiß“), mit ihm gemeinsam die Frage nach der Richtigkeit der Onomata zu klären.
Dazu stellt nun zunächst Hermogenes, ein Schüler des Sokrates, seine Nomos-These vor. Diese beinhaltet, daß es keine „andere Richtigkeit der Worte gibt, als die sich auf Vertrag und Übereinkunft gründet“ (Z. 384d). Diese auch oft als Konventionsthese bezeichnete These besagt also, daß die Benennungen lediglich auf gesellschaftlicher Konvention beruhen. Um diese Behauptung zu stützen, führt Hermogenes direkt im Anschluß das Beispiel eines Sklaven an, dem er nach seinem Belieben einen Namen geben kann, denn „kein Name irgendeines Dinges gehört ihm von Natur aus, sondern durch Anordnung und Gewohnheit derer, welche die Wörter zur Gewohnheit machen und gebrauchen“ (Z. 384d). Dadurch präzisiert er seine These und spricht das Recht zu benennen nicht dem einzelnen, sondern der ganzen Staatsgemeinschaft, im Fall des antiken Griechenland der Polis, zu.
Kernaussage dieser Nomos-These ist also, daß die Beziehung zwischen Zeichen und dem Bezeichneten willkürlich ist und nur auf gesellschaftlicher Konvention und Tradition beruht. Damit beinhaltet die Nomos-These den Satz des Protagoras, der besagt, daß der Mensch das Maß aller Dinge sei (homo mensurae). Dieser relativistische Ansatz sieht demzufolge keine Beständigkeit des Wesens vor, da allein der jeweilige Mensch entscheidet, welchen Namen er dem jeweiligen Ding zuordnet. Dabei wird lediglich auf gesellschaftliche Übereinkünfte Rücksicht genommen.
Die Prüfung der Nomos-These durch Sokrates beginnt nun mit einem Konsens, um eine Basis für die weitere Argumentation zu schaffen. Sokrates stellt nun Hermogenes drei Fragen, wobei bereits mit dem Akzeptieren der dritten Frage die Prüfung der Nomos-These entschieden ist. Zunächst bejaht Hermogenes die Frage „Nennst du etwas wahr reden und etwas falsch?“ (Z. 385b). Ausgehend von diesem gemeinsamen Ausgangspunkt stimmt Hermogenes auch der Frage nach wahrer und falscher Rede zu, die folgendermaßen beschaffen ist : „Und nicht wahr, die von den Dingen aussagt, was sie sind, ist wahr, die aber, was sie nicht sind, ist falsch?“ (Z. 385b). Bei dieser entscheidenden Frage kommt Sokrates von der Sprach- zur Sachebene und behauptet genau das Gegenteil zur These des Hermogenes, indem er sagt, es gebe eine Ordnung der Sprache, die keine Beliebigkeit und Willkür zulasse. Damit ist die Nomos-These bereits an dieser Stelle entschieden, denn Hermogenes akzeptiert die Aussage des Sokrates ohne Einwände. Und auch der Satz des Protagoras ist dann aufgrund der Ergebnisse nicht mehr haltbar. Um seine Argumentation zu stützen, führt Sokrates das Beispiel der Unterscheidung von guten und schlechten Menschen an, denn „es wäre ja in Wahrheit nicht einer vernünftiger als der andere, wenn, was jedem schiene, auch für jeden wahr wäre“ (Z. 386d).
Auch im weiteren Verlauf der Prüfung der Nomos-These macht nun Sokrates am Beispiel von Tugend und Moral deutlich, daß der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist, sondern daß „die Dinge an und für sich ihr eigenes bestehendes Wesen haben“ (Z. 386e). Er widerlegt somit den Satz des Protagoras endgültig. Aus der Existenz ethischer und moralischer Unterschiede (gut-schlecht, vernünftig-unvernünftig) leitet Sokrates die Beständigkeit der Dinge im allgemeinen ab, denn wenn es so etwas wie Moral gebe, so argumentiert Sokrates, dann gebe es auch Beständigkeit. Wenn nun aber, so folgert Sokrates weiter, alle Dinge ihr eigenes Wesen haben, so auch die Handlungen als Teil der Dinge. Da aber auch das Reden und als dessen Unterart wiederum das Benennen Handlungen sind, folgt nun, daß auch diese ihr eigenes Wesen haben müssen, die in der Natur des Benennens und Benanntwerdens liege. Folglich müsse es dann auch eine natürliche Richtigkeit der Benennungen geben, wobei die Benennungen als Handlung eine Beständigkeit aufweisen. An dieser Stelle scheint es also, als ob tatsächlich Kratylos mit seiner Physis-These recht habe. Schließlich ist an
dieser Stelle als erstes Ergebnis festzuhalten, daß es eine gewisse Beständigkeit der Dinge an sich und speziell des Benennens gibt. Im zweiten Prüfungsgang soll nun anschließend dann untersucht werden, worin diese Beständigkeit letztendlich besteht.
Um diese Frage zu klären, führt Sokrates in seiner Argumentation praktische Beispiele von Handlungen an.
Ähnlich wie die Handwerker, die mittels ihrer Werkzeuge eine Handlung ausführen, muß man, so folgert Sokrates, auch mittels etwas benennen, da ja auch das Benennen eine Handlung ist. Als Hilfsmittel dient hierbei das Wort, dessen Funktion einerseits in der gegenseitigen Belehrung, andererseits in der Unterscheidung der Dinge bestehe. Außerdem dient das Wort auch dem Benennen bzw. dem Identifizieren, denn das „Wort ist belehrendes Werkzeug und ein das Wesen unterscheidendes und sonderndes“ (Z. 388c). Am Beispiel der Werkzeuge der Handwerker macht nun Sokrates im folgenden deutlich, daß auch beim Benennen der Dinge mittels Worte das Wesen der einzelnen Dinge zu berücksichtigen ist, da das Wort ansonsten ähnlich wie schlecht gefertigte Werkzeuge für den Gebrauch unnütz ist. Somit ist also nach Sokrates nicht jeder dazu befähigt, Worte zu bilden, denn „nicht jeder sei ein Meister im Wortbilden, sondern nur der, welcher, auf die einem jeden von Natur eigene Benennung achtend, ihre Art und Eigenschaft in die Buchstaben und Silben hineinzulegen versteht.“ (Z. 390e). Diese Aufgabe des Benennens kommt dabei dem Nomotheten, einem „besonderen Wortbildner“ (Z. 389a), zu, der zudem „von allen Künstlern unter den Menschen der seltenste“ (Z. 389a) ist. Außerdem ist, erneut in Analogie zu den Handwerksberufen, eine Person nötig zur Aufsicht und Beurteilung bei der Wortverfertigung. Diese Aufgabe kommt nach Sokrates dem Dialektiker zu, da er auch diejenige Person sei, die die Worte gebrauche (Z.390c).
Sokrates faßt noch einmal die Ergebnisse zusammen, indem er sagt : „Das seiner Natur nach jedem angemessene Werkzeug muß man ausgefunden haben und dann in dem niederlegen, woraus es so gemacht werden soll, nicht wie es jedem einfällt, sondern wie es die Natur mit sich bringt.“ (Z.389c).
Zusammenfassend kann man festhalten, daß Sokrates ausgehend von dem zu Beginn vereinbarten Konsens („wahr und falsch sprechen“) durch schrittweises Vorgehen und
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Daniela Dossing, 1999, Platons Kratylos, Munich, GRIN Publishing GmbH
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