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Einleitung
Der Erfolg eines Interviews wird im Wesentlichen davon abhängen, ob es dem Interviewer gelingt, den Kommunikationsprozess derart zu fördern und zu steuern, dass der Erzählende nicht nur willens ist, seine Gedankenwelt preiszugeben, sondern auch in die Lage versetzt wird, selbst Erlebtes zu rekonstruieren. Dem Interviewer wird es darauf ankommen, dass er durch die Erzählung und die Antworten auf Fragen die gewünschten Informationen erhält. Dabei ist in den Blick zu nehmen, dass die befragte Person nicht lediglich faktische Ereignisse in jeder Hinsicht wertneutral wiedergibt, gleich einem Film, Geschehnisse abspult, oder Fragen nüchtern und unreflektiert beantwortet. Insbesondere die Erinnerungsfähigkeit und -willigkeit, die Art und das Maß der Wahrnehmung, bestimmende Gefühle bei der Rekonstruktion, die Intention des Erzählers, seine sprachliche Eigenart beziehungsweise sein (Un-)Vermögen und schließlich die Interviewsituation selbst können dazu führen, dass der Befragte - wenn auch unbewusst - nur ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Geschehnisse oder seiner Gefühlswelt wiedergibt. Eine solche Beeinflussung muss der Interviewer erkennen, bewerten und bei der inhaltlichen Gestaltung des Interviews berücksichtigen. Er wird versuchen, solche Faktoren zu unterdrücken, die sich hemmend auf den Kommunikationsprozess auswirken oder zu einer Verfälschung der Informationen führen könnten.
Kommunikation ist Interaktion zwischen der Erzählperson und dem Hörer. 1 Im sozialen Austausch werden dem Fragenden Ereignisse, die dieser nicht kennt, subjektiv gefärbt präsentiert. 2 Gerade in den Interviewsituationen, in denen der Erzählende ein geringes oder gar kein Interesse an Weitergabe von Informationen an den Interviewer hat oder aufgrund der Art der Befragung gehemmt ist, beispielsweise bei der Zeugenvernehmung, 3 muss der Interviewer neben der Bewertung der Informationen zusätzlich noch die Hemmung oder den Widerstand der befragten Person überwinden.
Dabei kommt es auch und gerade auf die Frage selbst an. Fragen sollen die zu interviewende Person zu Erzählungen beziehungsweise Äußerungen motivieren und die-
1 Lucius-Hoene,Gabriele; Deppermann, Arnulf: Rekonstruktion narrativer Identität. Ein Arbeitsbuch zur Analyse narrativer Interviews. 2. Aufl. Wiesbaden 2004, S. 33 (nachfolgend: Lucius-Hoene/Deppermann, Rekonstruktion narrativer Identität).
2 Ebd., S. 34
3 Arntzen, Friedrich: Vernehmungspsychologie. Psychologie der Zeugenvernehmung. 2. Aufl. München 1989, S. 6 (nachfolgend: Arntzen, Vernehmungspsychologie).
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nen dazu, den Verlauf der Befragung zu gestalten. 4 In der Art und Weise der Fragen und ihrer Häufigkeit spiegelt sich in gewisser Weise auch wider, welchen Raum der Interviewer bereit ist, der Erzählperson zu geben. 5 Die vorliegende Ausarbeitung soll einen Überblick über die verschiedenen Frageformen und Fragestile darstellen, sowie Möglichkeiten aufzeigen, wie das Interview durch die Frage zielführend gestaltet werden kann.
I. Allgemeines
1. Die Anbahnungsphase
Die „Kunst des Fragens“ ist Teil der Fähigkeit, den Interviewverlauf bewusst zu gestalten. 6 Die Gesprächsführung beginnt allerdings schon im Vorfeld des eigentlichen Interviews. Mit Kontaktfragen soll ermittelt werden, ob der Befragte überhaupt über die gewünschten Informationen verfügt und zugleich wird die Teilnahmebereitschaft hergestellt. 7 Darüber hinaus sind Absprachen im Hinblick auf Zeit, Ort und beiderseitige Erwartungen zu treffen. 8 Die vorkommunikative Situation geht in das Interview ein; 9 es werden wesentliche kommunikative Voraussetzungen für das Interview geschaffen. 10 Da der Interviewer einen Kooperationspartner 11 gewinnen will, kann über Fragen - siehe dazu im Einzelnen nachfolgend II. - die Bereitschaft signalisiert werden, der Interviewer lasse sich - jedenfalls innerhalb bestimmter Rahmenbedingungen - auf die Wünsche und Vorstellungen des Befragten ein.
In Gerichtsverfahren stellt sich die Frage der Bereitschaft zur Teilnahme an der Befragung in der Regel nicht. So sind Zeugen nach § 48 der Strafprozessordnung im Strafprozess verpflichtet, zu dem zu ihrer Vernehmung bestimmten Termin vor dem Richter zu erscheinen. Sie haben die Pflicht auszusagen, wenn keine im Gesetz zugelassene Ausnahme vorliegt.
4 Helfferich, Cornelia: Die Qualität qualitativer Daten. Manual für die Durchführung qualitativer Interviews. 3. Aufl. Wiesbaden 2009, S. 90 (nachfolgend: Helfferich, Die Qualität qualitativer Daten).
5 Ebd., S. 114 f.
6 Ebd., S. 102.
7 Scholl, Armin: Die Befragung. 2. Aufl. Konstanz 2009, S. 156 (nachfolgend: Scholl, Die Befragung).
8 Hermanns, Harry (2000): Interviewen als Tätigkeit. In: Flick, Uwe; von Kardorff, Ernst: Steinke, Ines (Hrsg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek (Hmb.), S. 360 bis 368, hier S. 361 (nachfolgend: Hermanns, Interviewen als Tätigkeit).
9 Lucius-Hoene/Deppermann, Rekonstruktion narrativer Identität, S. 81.
10 Ebd., S. 82.
11 Ebd.
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2. Der Einstieg
Gerade in Gerichtsverfahren wird allerdings das Problem der Gehemmtheit des Zeugen bestehen. Die unumgängliche Förmlichkeit des Verfahrens und die Tatsache, dass die Gerichtssituation als solche schon bedrückend wirkt, führt dazu, dass die Mehrzahl der Zeugen wichtige Informationen nicht gezielt zurückhält, sondern - gar unbewusst - in ihrer Aussagebereitschaft gebremst ist. 12 Zu beachten ist unter anderem der mögliche Zusammenhang zwischen der Gehemmtheit und der Sprachge-wandtheit einer befragten Person. Bei Personen, die aus schwach besiedelten ländlichen Gebieten stammen, mit in der Regel weniger allgemeinen Kommunikationsmöglichkeiten und Gesprächskontakten außerhalb des engsten Beziehungsfeldes und der darauf beruhenden geringeren Sprachgewandtheit ist die Gehemmtheit ausgeprägter als bei Großstädtern. Das legen jedenfalls Erkenntnisse nahe, die im Rahmen der Auswertung von Zeugenvernehmungen erzielt werden konnten. 13
Die Gehemmtheit ist jedoch kein Problem nur förmlicher Interviewverfahren. Der Interviewer muss stets in den Blick nehmen, dass die Befragten sich ihm, einem Fremden, gegenüber öffnen und frei ihre Gefühle und Erfahrungen preisgeben sollen. 14 Dieses Problem greifen die sogenannten „Eisbrecherfragen“ 15 auf. Sie eröffnen das Interview und dienen dazu, die Gesprächsatmosphäre aufzulockern. 16 Der Interviewpartner soll sich in einer Situation wiederfinden, die entspannt und offen ist. 17 Die Eisbrecherfragen stehen naturgemäß am Beginn des Interviews und sollen den Einstieg erleichtern (warum nicht auch für den Interviewer). Sie müssen nicht sachbezogen sein („Haben Sie gut hergefunden?“, „Waren Sie im Urlaub?“), können aber auch locker die eigentliche Befragung einleiten („Haben Sie schon mal an einer solchen Umfrage teilgenommen?“, „Sind Sie zum ersten Mal als Zeuge vor Gericht?“, „Haben Sie noch Fragen zum Ablauf?“).
12 Arntzen, Vernehmungspsychologie, S. 6 - 12).
13 Ebd., S. 6 f.
14 Hermanns, Interviewen als Tätigkeit, S. 363.
15 Vgl. Scholl, Die Befragung, S. 156.
16 Ebd.
17 Vgl. Hermanns, Interviewen als Tätigkeit, S. 363.
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II. Frageformen und Fragestile
1. Vorbemerkung
Im Allgemeinen hat der Interviewer stets dieselben Probleme zu lösen, damit der Kommunikationsprozess „Interview“ gelingt. 18 Es besteht die Schwierigkeit, den Erzählfluss bei der interviewten Person aufrecht zu erhalten, ohne in einen Dialog zu geraten oder den inhaltlichen Rahmen der Antwort zu sehr zu verengen; darüber hinaus gilt es, Pausen oder Schweigen zu umgehen, die Grenze zwischen ermunternder Neugier und abstoßender Aufdringlichkeit zu beachten und schließlich ist es nicht einfach, sich auf das Thema der Befragung und die - vorbereiteten Fragen - zu konzentrieren und zugleich das Interviewverhalten der befragten Person im Blick zu behalten. 19 Darüber hinaus signalisiert der Interviewer mit seinen Fragen aber auch, dass er das Gehörte verstanden, oder eben nicht verstanden hat. 20
2. Frageinhalte
Fragen können sich zunächst auf unterschiedliche Inhalte beziehen. Bei Faktenfragen geht es um einen Sachverhalt oder eine Person, mithin um feststehende und konstante Merkmale, z. B. auch Verhalten, wobei von dem Wissen des Befragten ausgegangen wird. 21 Bei der Wissensfrage hingegen wird das Wissen des Befragten erst noch ermittelt. 22 Bei Einschätzungsfragen geht es zwar auch um Fakten. Allerdings geht der Fragende davon aus, dass der Befragte hierzu nicht über festes Wissen verfügt. 23 Um subjektive Bereiche, wie Beurteilungen und Einschätzungen geht es bei den Interessens-, Bewertungs-, Stimmungs- und Meinungsfragen. 24
Mit den einzelnen Frageformen und ihrem Einfluss auf die Kommunikation befasst sich der nachfolgende Abschnitt.
3. Frageformen
Unabhängig vom Inhalt der Frage ist die Frageform für die Kommunikation als solche von wesentlicher Bedeutung.
18 Helfferich, Die Qualität qualitativer Daten, S. 83 f.
19 Ebd., S. 84.
20 Helfferich, Die Qualität qualitativer Daten, S. 84.
21 Scholl, Die Befragung, S. 147.
22 Ebd.
23 Ebd., S. 148 f.
24 Ebd., S. 149
Arbeit zitieren:
Jörn Fritsche, 2010, Die Kunst der Frage: Interviewformen, München, GRIN Verlag GmbH
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