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Vorbemerkung
Im Friedensvertrag von Versailles diktierten die Siegermächte der Friedensdelegation des unterlegenen Deutschen Reichs Gebietsabtretungen, weitgehende Entwaffnung und Reparationsleistungen auf. Die Siegermächte leiteten diese Berechtigung insbesondere aus der vermeintlichen, aus ihrer Sicht allerdings unzweifelhaften Alleinschuld Deutschlands am Ausbruch des Krieges ab und nehmen gar den sogenannten Kriegsschuldartikel (Art. 231) in den Versailler Vertrag auf. Hingegen ist im kaiserlichen Reich - und noch lange Zeit danach - die Rede von einem „aufgezwungenen“ Krieg 1 . Die auf nationalem Wahn fußende Begeisterung, mit der die Deutschen zu den Waffen eilten, passt zwar in gewisser Weise in dieses Bild von der deutschen Kriegsschuld, kann jedoch naturgemäß allenfalls ein schwaches Indiz dafür sein, dass dem kaiserlichen Deutschen Reich der Erste Weltkrieg zumindest nicht ungelegen kam, um seine Expansionspläne umzusetzen.
Hat Deutschland 1914 bewusst einen Expansionskrieg entfesselt, um erst die Vorherrschaft in Europa und darauf aufbauend die Weltmachtstellung zu erlangen? In der deutschen Geschichtsforschung steht die Kriegsschuldfrage in einem engen Zusammenhang mit der so genannten „Kriegszielpolitik“ 2 . Entscheidend soll es auf die Beantwortung der Frage ankommen, ob die 1914 - 1918 formulierten Kriegsziele situationsbedingt und als Produkt des Krieges zu verstehen sind oder ob bereits in der vorausgehenden Verfolgung dieser Ziele die maßgebliche Ursache für den Krieg zu sehen ist 3 . Die vorliegende Ausarbeitung stellt der Auffassung Fischers, zwischen den Kriegszielen Deutschlands, sowie der deutschen (Groß- und Weltmacht-) Politik im ausgehenden 19. Jahrhundert sei eine Kontinuität erkennbar und die deutsche Politik im Juli 1914 habe einen größeren Anteil am Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als gemeinhin angenommen 4 , die Meinung Zechlins gegenüber, dass sich Deutsch-land in einer erheblichen Bedrohungslage gesehen habe und seiner Politik - auch
1 Vgl. die Darstellung der zeitlichen Abläufe bei Heinrich Jaenecke, Das Attentat, in: Geo Epoche Nr. 14 (o.J.), Der Erste Weltkrieg, Gruner&Jahr AG&Co.KG, Hamburg, S. 24 - 39, hier S. 34 ff.
2 K.D. Erdmann, Der Stand der Forschung, in: Krieg und Kriegsrisiko. Zur deutschen Politik im Ersten Weltkrieg, hrsg. v. Egmont Zechlin, Düsseldorf, 1979, S. 51 f.
3 So die Kontroverse zwischen Egmont Zechlin (Krieg und Kriegsrisiko. Zur deutschen Politik im Ersten Weltkrieg, Düsseldorf, 1979) und Fritz Fischer (Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18, Nachdruck der Sonderausgabe v. 1967, 2. Aufl., Königsstein/Ts., 1979).
4 Fischer, ebenda, S. 7.
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nach Kriegsausbruch - vornehmlich von sicherheitspolitischen Erwägungen und dem Versuch der Selbstbehauptung getragen gewesen sei 5 .
I. Zusammenfassung der zentralen Thesen
1. Mitteleuropaidee und Septemberdenkschrift
Fischer sieht in der 1912 von Rathenau aufgebrachten und der auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaft dankbar aufgegriffenen so genannten „Mitteleuropaidee“ einen zentralen Beleg für den hegemonialen Anspruch Deutschlands 6 . Nur durch die Vorherrschaft in Mitteleuropa sei Deutschland gegenüber den Weltmächten USA, Großbritannien und Russland ebenbürtig und könne sich behaupten. Dieses Ziel habe man notfalls mit Gewalt erreichen wollen 7 ; Deutschland sei also kriegswillig gewesen 8 .
Hingegen meint Zechlin 9 , dass die so genannte „Mitteleuropaidee“ von Reichskanzler Bethmann Hollweg nicht als Kriegsziel übernommen worden, sondern lediglich immer wieder in Diskussionen über einen europäischen Wirtschaftsraum im Rahmen der Handelspolitik aufgeworfen worden sei 10 . Keinesfalls sei in der Septemberdenkschrift die Mitteleuropaidee als ein, wenn nicht das wesentliche Kriegsziel umgesetzt worden und könne daher nicht als Beleg für die von Deutschland angestrebte Weltmachtstellung und die dafür notwendige Hegemonie in Europa angesehen werden. Es habe sich nämlich in den ersten Kriegsmonaten gezeigt, dass England sich auf einen längeren Konflikt einstellt, uneingeschränkt zur Entente steht und jeglichen Separatfrieden ausschließt, sowie auf die Kolonien Deutschlands zugreifen wolle. Damit sei die Vorstellung von einem zeitlich und örtlich begrenzten Konflikt hinfällig geworden. Bethmann Hollweg habe nun innenpolitisch die Bereitstellung von Kampfmitteln für den ausgeweiteten Konflikt gegen England sicherstellen müssen 11 und
5 Zechlin, Krieg und Kriegsrisiko, S. 8 f.
6 Fischer, Griff nach der Weltmacht, S. 90 f., 94, 208 ff.
7 Fischer, ebenda.
8 Fischer, ebenda, S. 106 f.
9 Zechlin, Krieg und Kriegsrisiko, S. 41 ff.
10 Zechlin, ebenda, S. 43 f.
11 Zechlin, ebenda, S. 41 f.
3
habe zugleich versucht, mittels der Septemberdenkschrift England selbst die Sinnlosigkeit einer längeren Blockade vor Augen zu führen 12 .
2. Deutscher Anteil am Ausbruch des Krieges
In der Julikrise 1914 und insbesondere in der so genannten „Blankovollmacht“, mit der Kaiser Wilhelm II. dem Bundesgenossen Rückendeckung für ein Eingreifen in Serbien gab, habe sich das langjährige Ziel Deutschlands offenbart, zunächst den Gegner und Konkurrenten um Wirtschaftsinteressen außerhalb Europas, Frankreich, und anschließend Russland anzugreifen und so die Vorherrschaft auf dem Kontinent zu erlangen 13 .
Nach Ansicht Zechlins 14 sei das Verhalten Deutschlands in der Julikrise hingegen nicht als Beleg für die Kriegswilligkeit und als rein technischer Ablauf zur Einleitung eines Kontinentalkriegs zu sehen. Man habe vielmehr die Situation in Erwartung eines nur lokalen Krieges ausnutzen wollen, wobei (überhaupt) ein Konflikt als unvermeidlich angesehen wurde. Ferner habe man sich mit der „Blankovollmacht“ des Bundesgenossen Österreich zur Vermeidung einer vollständigen Isolation des Deutschen Reichs versichern wollen und schließlich auf eine Erschütterung der Entente durch die europäische Krise und den territorial begrenzten Konflikt gehofft.
3. Kriegszielpolitik während des Krieges
Die in der Septemberschrift und im Verlauf des Krieges von der deutschen Wirtschaft und von der Reichsleitung formulierten „Kriegsziele“ 15 seien nach Ansicht Fischers mit gewissen Schwankungen immer die gleichen und von Beginn an auf wirtschaftliche, politische und militärischen Eroberungen ausgerichtet gewesen 16 .
Zechlin kommt hingegen zu dem Ergebnis, dass die sogenannten Kriegsziele Produkt des Krieges und nicht seine Ursache seien. Es sei um Selbstbehauptung und darum gegangen, die Voraussetzungen für einen angemessenen Frieden zu
12 Zechlin, ebenda, S. 43.
13 Fischer, Griff nach der Weltmacht, S. 46 ff., 82.
14 Fischer, ebenda, S. 32 ff.
15 Fischer, ebenda, S. 92 ff.
16 Fischer, ebenda, S. 208 ff.
Arbeit zitieren:
Jörn Fritsche, 2009, Wollte Deutschland den Ersten Weltkrieg?, München, GRIN Verlag GmbH
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