Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
Grundlegendes zur frühmittelalterlichen Theologie 3
Grundlegendes zum Verfasser des Evangelienbuches und zu seinem Umfeld 4
Motivation für das Schreiben und Zweck des Evangelienbuches 6
Die Zusammenstellung des Evangelienbuches 8
Die Vorgehensweise Otfrids bei der Exegese (am Beispiel von II,8-10) 10
Schluss 18
(Beispiel: II, 8-10) Æ Weshalb schreibt Otfrid diese Auslegungen? Eigene Interpretation oder
Abschrift von Vorgängern? Warum verändert er biblische Aussagen und fügt eigene Ergän-
zungen hinzu?
2
Einleitung
Das „Evangelienbuch“ Otfrids von Weißenburg ist neben der altsächsischen „Heliand“-Dichtung, die ebenfalls im 9. Jahrhundert entstanden ist, die bedeutendste Bibeldichtung des Frühmittelalters. Jedenfalls sind uns aus dieser Zeit keine vergleichbaren Werke überliefert, sodass jeder der beiden vorgenannten Texte eine gewisse Einzigartigkeit mit sich bringt. In dieser Arbeit soll es um die Entstehung und Konzeption der althochdeutschen Bibeldichtung des „Evangelienbuches“ gehen; dabei soll besonders das Umfeld des Dichters und die theologisch-exegetische Tradition, in der er stand, beleuchtet werden. Dazu ist es notwendig, die - zwar nur behelfsmäßig rekonstruierbaren - Lebensumstände Otfrids genauer zu betrachten, um so der Motivation und dem Zweck der Abfassung des „Evangelienbuches“ auf die Spur zu kommen. Wenn die Frage nach dem „Wozu?“ beantwortet werden konnte, ergibt sich daraus ein „Warum?“, das nach den Gründen für die konkrete Ausgestaltung fragt. Dementsprechend soll im zweiten Teil der Arbeit Otfrids exegetisches Vorgehen anhand eines ausgewählten Abschnitts (II,8-10) aus dem „Evangelienbuch“ beschrieben und erklärt werden. Als ein allgemeines Ziel dieser Arbeit ließe sich also ein tieferes Verständnis des Otfrid’schen Schaffens nennen, das sich in seinem „Evangelienbuch“ widerspiegelt. Konkret soll die Frage nach exegetischen Mustern, die für diesen Weißenburger Mönch kennzeichnend sind, zumindest in Ansätzen beantwortet werden.
Grundlegendes zur frühmittelalterlichen Theologie
Da Otfrids „Evangelienbuch“ wie jedes andere Werk, das sich unmittelbar auf die Bibel bezieht, nur unter der Berücksichtigung seiner Vorläufer in biblischer Exegese richtig verstanden werden kann, soll auch dieser Arbeit ein Abriss über die frühmittelalterliche Theologie bis zum 9. Jahrhundert vorangestellt werden. Otfrid selbst gibt uns den Hinweis auf manche frühchristliche Schreiber, deren Werke er somit auf jeden Fall gekannt haben muss. 1 In den Skriptorien der Klöster des fränkischen Reiches wurden im ausgehenden 8. und im 9. Jahrhundert eine große Anzahl von spätantiken Texten abgeschrieben und vervielfältigt. Dies hängt eng mit der Regierungszeit Karls des Großen und seinen Bemühungen um eine geistigkulturelle Belebung zusammen: Mit Alcuin war einer der berühmtesten Gelehrten der karolingischen Zeit Leiter der kaiserlichen Hofschule, die nicht nur durch die Anwesenheit dieses
1 Vgl. Ad Liutb. Z.17/18.
Alle weiteren Angaben aus Otfrids „Evangelienbuch“ werden nach der Einteilung im Werk und nach folgender
Ausgabe zitiert: Erdmann, Oskar (Hrsg.): Otfrids Evangelienbuch. 4. Aufl. besorgt von Ludwig Wolff. Tübingen
1962.
3
Lehrers zu einem Zentrum geistig-geistlichen Schaffens wurde. Die Wirkungskraft der karolingischen Renaissance erstreckte sich auch auf die gesamte klösterliche Landschaft des späteren ostfränkischen Reiches; besonders beeinflusst und stimuliert wurden die Klöster zwischen Oberrhein und Mosel, die zu dem sich „ausbildenden Hofskriptorium“ 2 Karls des Großen gehörten. Auch in Weißenburg entstand ein Skriptorium, das zu Otfrids Lebzeiten schon über ein halbes Jahrhundert lang bestand. In dieser Zeit wurden im Wesentlichen die Abschriften biblisch-exegetischer Werke der Kirchenväter vorangetrieben, sodass in der Mitte des 9. Jahr-hunderts vermutlich zu allen Büchern des Neuen Testamentes ein Kommentar in der Weißenburger Bibliothek vorlag. 3 Dass man sich in Weißenburg vornehmlich auf die Produktion und den Zukauf exegetischer Texte der Kirchenväter beschränkte, um einen elementaren Grundstock für die klösterliche Bibliothek zu legen, zeigt auf, welche Priorität die theologische Ausbildung und die Bewahrung des dafür benötigten Wissens im Frühmittelalter hatte. Neben den „großen“ Namen eines Augustinus, eines Origines, eines Hieronymus oder eines Gregors sind offensichtlich auch die Namen zeitgenössischer bzw. zu damaliger Zeit erst kürzlich ver-storbener Autoren wie Beda und Alcuin als sehr einflussreich und bedeutend zu nennen. Sie alle haben mehr oder weniger umfangreiche Kommentare und Homiliare zu den Büchern der Bibel verfasst, die für die Mönche des 9. Jahrhunderts in der einen oder anderen Weise verfügbar waren bzw. sein sollten. Es hing natürlich viel davon ab, ob ein Mönch die Gelegenheit bekam, andere Klöster (und damit auch deren Bibliotheken) zu Studienzwecken zu besuchen. Wenn dies - wie bei Otfrid - der Fall war, gehörte er zu den am besten ausgebildeten Theologen seiner Zeit und war dann auch selbstständig in der Lage Predigten und Kommentare zu verfassen, die sich auf seine Kenntnis der patristischen Texte stützten. Geradezu mustergültige Beispiele für diese frühmittelalterliche theologische Ausbildungspraxis finden sich sowohl in Otfrids „Evangelienbuch“ als auch im „Heliand“. Beide Verfasser dieser Bibeldichtungen greifen auf (teilweise voneinander abweichendes) exegetisches Wissen zurück, das sie sich bei Studienaufenthalten in verschiedenen bzw. einzelnen, sehr bedeutenden Klöstern (wie es Fulda unter Hrabanus Maurus war) angeeignet hatten. Es wird die Aufgabe eines späteren Kapitels sein, an ausgewählten Abschnitten aus dem „Evangelienbuch“ zu zeigen, wie Otfrids Kenntnis der Kirchenväter und Theologen des Frühmittelalters den Inhalt seiner Dichtung beeinflusste. Hier genügt zunächst die Feststellung, dass Otfrid zu denjenigen gehörte, die im Kontext einer intensiven Produktion theologischer Texte wirkten und deren eigenes Denken und Schreiben logischerweise maßgeblich davon geprägt war.
2 Kleiber, Wolfgang: Otfrid von Weißenburg. Untersuchungen zur handschriftlichen Überlieferung und Studien
zum Aufbau des Evangelienbuches. München 1971. S.126.
3 Vgl. ebd. S.127-130.
4
Grundlegendes zum Verfasser des Evangelienbuches und zu seinem Umfeld
So wenig uns von den meisten Akteuren und Persönlichkeiten des Frühmittelalters überliefert ist, so sehr überrascht eine doch recht ansehnliche Quellenlage zur Person unseres Dichters Otfrid. Dabei liegt der Ausgangspunkt für die Nachforschungen zu einem Mönch immer in dem Kloster, dem er angehörte. 4 Die „kulturelle Atmosphäre“ in der „soziale[n] Gruppierung“ 5 , zu der ein bestimmter Mönch gehörte, prägten seine Persönlichkeit und die Aufzeichnungen aus seinem Heimatkloster geben im Wesentlichen Aufschluss über die Eckpunkte seines Lebens. In der Folge der Auswertung von Weißenburger Mönchslisten, die in so genannten „Verbrüderungsbüchern“ verzeichnet sind, lässt sich die Geburt Otfrids mit recht hoher Wahrscheinlichkeit auf die Zeit um die Jahrhundertwende datieren. 6 Wie schon im vorigen Kapitel erwähnt gab es im Kloster zu Weißenburg zwar ausreichend Literatur für eine theologische Grundausbildung - für umfassendere Studien jedoch war der Umfang der eigenen Bibliothek nicht ausgelegt. Infolgedessen wurde der inzwischen wohl zum Priester geweihte Mönch 7 (gewöhnlich geschah das im Alter von ca. 30 Jahren) in den dreißiger Jahren des 9. Jahrhunderts zu einem längeren Studienaufenthalt in das berühmte Kloster zu Fulda geschickt. Dort erlernte er unter Hrabanus Maurus (822-847 Abt in Fulda) 8 all jene grammatischen, rhetorischen und artistischen Fähigkeiten, die ihn später zur Erschaffung des „Evangelienbuches“ befähigen sollten. 9
Ebenfalls in Fulda begegnete er wohl denjenigen Personen, an die er dann auch zwei seiner Begleitschreiben zum „Evangelienbuch“ adressieren sollte: dem späteren Bischof von Konstanz Salomo und den beiden späteren St. Galler Mönchen Hartmuat und Werinbert. Nachdem Otfrid in der ersten Hälfte der vierziger Jahre nach Weißenburg zurückgekehrt war, begann ab 847 unter dem erneut als Abt des Klosters eingesetzten Grimald eine Blütezeit des Weißenburger Skriptoriums, die maßgeblich von Otfrids Schaffen geprägt wurde. Er ist als wohl wichtigster und gelehrtester Mönch des Klosters verantwortlich für die „Reorganisation […] und Vermehrung der Bestände der Weißenburger Bibliothek“ 10 . Kleiber hat herausgestellt, dass es Otfrids Ziel war, in Weißenburg einen „umfassende[n und] planvoll angelegte[n] Bibelkommentar“ 11 zur gesamten Bibel zu erstellen. Durch diese Aufgabe angespornt, gab es im Weißenburger Kloster eine unübertroffene Intensität in der Produktion von Hand-
4 Vgl.Haubrichs, Wolfgang: Eine prosopographische Skizze zu Otfrid von Weißenburg. In: Kleiber, Wolfgang
(Hrsg.): Otfrid von Weißenburg. Darmstadt 1978. S.398.
5 Ebd.
6 Vgl. ebd. S.400.
7 Vgl. Ad Liutb. Salutatio (Z.3).
8 Vgl. Ad Liutb. Z.135-138.
9 Vgl. Haubrichs, W.: Eine prosopographische Skizze. S.404-408.
10 Ebd. S.407/408.
11 Kleiber, W.: Untersuchungen zur handschriftlichen Überlieferung. S.135.
5
schriften; so wurde - wie Kleiber ebenfalls zeigt - noch zu Otfrids Lebzeiten die Ausstattung der Bibliothek mit einer nahezu vollständigen Kommentierung der biblischen Bücher abgeschlossen. 12 Die Arbeit an der Kommentierung der Bibel gibt außerdem Aufschluss über Otfrids Stellung als ‚magister scholae’, die er in Weißenburg innehatte. Zusätzlich zu seiner ausgezeichneten theologischen Ausbildung zeigen Otfrids Glossenkommentare und besonders auch die Konzeption und inhaltliche Schwerpunktsetzung seines „Evangelienbuches“ seine didaktische Versiertheit. 13
Im Zusammenhang mit Otfrids herausragender Arbeit im Weißenburger Skriptorium und der Entstehung einer Vielzahl von fortlaufend geschriebenen Kommentaren bzw. Marginalkommentaren stellt sich aber auch die Frage nach seinem Umgang mit dem Material, bei dessen Abschrift er oft sogar höchstpersönlich mitwirkte. Jedoch scheint klar zu sein, dass Otfrid keine seiner Autographe selbst erdachte, sondern alle Kommentare aus den Quellen, die ihm vorlagen, kompilierte. 14 Dabei fällt allerdings auf, dass es unter Otfrids Leitung eine klare Bevorzugung bestimmter Ausleger der biblischen Texte gab: es sind Otfrids Lehrer Hrabanus Maurus und der bedeutendste unter den Kirchenvätern, Augustinus. Letzterer stand in der frühmittelalterlichen Theologie (und auch noch darüber hinaus) „im Mittelpunkt des theologischen Interesses“ 15 ; daher verwundert es nicht, dass auch Otfrid bemüht war, die Schriften des Augustinus in reichem Umfang in die Weißenburger Bibliothek aufzunehmen. Dass gerade auch die Kommentare des Hrabanus Maurus so vielfältigen Einzug in das Weißenburger Kloster hielten, verwundert ebenfalls nicht besonders, war Otfrid doch von diesem Theologen während seiner Studienzeit in Fulda maßgeblich geprägt worden; so werden die „Früchte der exegetischen Schule Hrabans“ 16 zunächst in der Produktion von Glossen- und anderen Kommentaren und später dann in Otfrids eigener Bibeldichtung sichtbar. Diese Dichtung, das „Evangelienbuch“, entstand in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts, wobei man nicht sagen kann, wann der viel beschäftigte Mönch mit „dieser im engeren Sinne literarischen Tätigkeit“ 17 begonnen hat. Die Widmungsschreiben geben lediglich einen ungefähren Rahmen, innerhalb dessen die Fertigstellung des „Evangelienbuches“ anzusiedeln ist. Dabei ist der Amtsantritt Liutberts als Erzbischof in Mainz im Jahr 863 der ‚terminus post quem’ und der Tod Salomos, dem Bischof von Konstanz, im Jahr 871 der ‚terminus ante quem’.
12 Vgl. ebd. S.140.
13 Vgl. ebd. S.147.
14 Vgl. ebd. S.141.
15 Ebd. S.145.
16 Ebd. S.141.
17 Vollmann-Profe, Gisela (Hrsg.): Otfrid von Weißenburg: Evangelienbuch (Auswahl). Stuttgart 2001. S.251.
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Fokko Peters, 2008, Eine Untersuchung zur Entstehung des „Evangelienbuchs“ von Otfrid von Weißenburg unter besonderer Berücksichtigung seiner Vorgehensweise in der Exegese, München, GRIN Verlag GmbH
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