Der Musikschriftsteller Otto Daube war anlässlich des Erscheinens von Zdenko von Krafts Biographie „Der Sohn - Siegfried Wagner. Leben und Umwelt“ im Jahre 1969 entsetzt darüber, dass Kraft so Mediokres, wie die Briefe der Wahnfried-Haushälterin Lieselotte Schmidt, als ernstzunehmende historische Quelle verwendet hatte. Diese Briefe werden auch in Hamanns Buch emsig zitiert, wobei sich die Autorin auf Winifred selbst berufen kann, die diese Briefe auch David Irving als „reichhaltige Quelle“ zur Einsicht für seine Hitler-Biographie überlassen hatte. In den letzten Lebensjahren verfasste der 1900 geborene Daube als Zeitzeuge eine eigene Biographie („Bayreuth - Begegnungen - Bekenntnisse“), die jedoch ungedruckt blieb. Hamann zitiert aus dieser Biographie, die sie bei Rüdiger Pohl eingesehen hat; den sie in diesem Fall jedoch nicht als Quelle angibt, sondern nivellierend die „Deutsche Richard Wagner Gesellschaft Bayreuth“ nennt. Und weder der Titel „Begegnungen eines Neunzigjährigen“, noch die zitierten Seitenangaben stimmen mit dem Typoskript im Besitz der Nachkommen Daubes überein, laut derer es aber auch nicht mehrere Versionen der Erinnerungen Daubes gibt. IRRTÜMER
Die Unkenntnis der Werke Richard Wagners und der Bayreuther Festspielgeschichte schlägt sich in einer Reihe vor Irrtümern nieder.
So verwechselt die Autorin, darin Winifred folgend, die Esche, in deren Stamm das Schwert Nothung steckt, mit einer Eiche (91). Ein andermal liest und zitiert sie „Nothung, (...) zum Leben weckt ich dich wieder“ falsch als „zum Leben weiht ich dich wieder“ (124). Den Regieassistenten Wolfram Humperdinck macht sie zum Bühnenbildner (137) und die Bayreuth-Sängerin Luise Reuss-Belce zur „Künstler-Agentin“ (143). In ihrem Bemühen, „die erstarrte und unfruchtbar gewordene Tradition Bayreuths“ aufzuzeigen, versteigt sich die Autorin zu der Behauptung, Toscanini habe bei den „Tannhäuser“-Proben 1930 „schwere Fehler des Orchesters, die sich seit langem eingeschlichen hatten“, korrigiert. Dabei übersieht sie, dass „Tannhäuser“ zuvor zuletzt im Jahre 1904 in Bayreuth auf dem Programm stand. Um ihre These, „Bayreuth kam durch Tietjen und Preetorius aus der provinziellen Enge der Völkischen heraus und erhielt weltstädtisches Niveau“ (226) zu untermauern, liefert Hamann diverse, schwer haltbare Beispiele. Möglicherweise verwechselt sie den Dirigenten Erst Praetorius mit Emil Preetorius, wenn sie über die „Banadietrich“-Aufführung 1929 in Weimar schreibt: „Der Bühnenbildner war diesmal kein Völkischer, sondern ein ‚Judenfreund’ und Neuerer, der seine großen Erfolge in Zusammenarbeit mit Bruno Walter in Berlin gefeiert hatte: Emil Preetorius.“ (173)
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Tatsächlich stammten die Bühnenbilder der Inszenierung von Alexander Spring aber nicht von Preetorius, sondern von Alf Björn, und musikalischer Leiter war Ernst Praetorius. Hamanns Behauptung, Tietjen habe die Sänger Maria Müller, Frida Leider und Herbert Janssen als „erstklassige Künstler“ aus der Berliner Staatsoper nach Bayreuth mitgebracht (225), ist unzutreffend, denn alle sangen bereits zu Siegfried Wagners Lebzeiten bei den Festspielen.
Absicht oder Schlamperei? Ein Blick in die Festspielchronik hätte Hamann auch belehren können, dass Richard Strauss 1894 in Bayreuth den „Tannhäuser“, nicht wie sie schreibt, den „Parsifal“ dirigiert hat. Anja Silja debütierte in Bayreuth im „Fliegenden Holländer“, nicht in „Lohengrin“, wie Hamann fälschlich behauptet (595).
Hamann erwähnt ein Verbot einer 1934 in Königsberg geplanten Inszenierung der Oper „Der Schmied von Marienburg“, aber die zugehörige Fußnote 179 sucht der Leser im Anhang vergeblich. Die Aufführung dieses Werkes an der Berliner Staatsoper wertet Hamann als „die glanzvollste, die ein Siegfried-Werk je erreichte“ (316), während Augenzeugen, wie Daube und Söhnlein, diese Aufführung als besonders lieblos und missglückt bezeichnet haben; schließlich handelte es sich dabei um einen durch Umwertung der Handlungsträger, Striche und Ergänzungen unternommenen Versuch, die Oper der nationalsozialistischen Weltanschauung zu adaptieren. Auch führte nicht Tietjen selbst Regie, wie Hamann behauptet, sondern Edgar Klitsch.
Obgleich Friedelind Wagner wiederholt betont hat, dass Page Cooper der Herausgeber, nicht der Koautor ihres Buches „Nacht über Bayreuth“ war, dient Hamann Cooper zur Exkulpierung einiger ihr missliebiger Aussagen dieses Buches. Günther Schulz dagegen, laut Friedelind Wagner „Hitlers letzter Staatsanwalt“, wird bei Hamann zu einem „befreundeten Hamburger Richter“ (546), der Winifred Ratschläge für ihre Verteidigung vor der Spruchkammer erteilt.
Schließlich wird Hamanns Angabe, Siegfried Wagners Korrespondenz mit Engelbert Humperdinck befände sich in Winifreds Nachlass, den ihre Enkelin Amélie Hohmann hütet (630), angesichts der Autographen in der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt, sowie der in den Vorjahren erfolgten Veröffentlichung im Görres-Verlag Koblenz unglaubhaft.
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KLATSCH UND TRATSCH
Das Buch bietet allerlei Klatsch und Tratsch. So erfährt der Leser, dass Verena mit einem „vierteljüdischen“ Freund, Philipp Hausser, Friedelind in ihrem Exil in Luzern besuchte und Hausser anschließend in einer Novelle Verena mit der Schilderung einer „freizügigen Bettszene“ outete, was die Androhung eines Artikels über die „Rassenschande im Hause Wagner“ im Stürmer zur Folge hatte, was Winifred über ihren direkten Draht zu Hitler jedoch verhindert hat (406 f.). Ein Brief Furtwänglers, der auf ein kurzes Verhältnis mit Friedelind schließen lässt, bleibt ohne Nachweis. Ihr Verlobter Gottfried von Einem hingegen taucht bei Hamann nur als Friedelinds „Freund“ auf; Einems aufschlussreiche Memoiren hat Hamann offenbar für ihr Buch nicht mit herangezogen.
Hamann gesteht Winifred zu, dass sie sich „in den letzten 30 Jahren eine eigene Version ihrer Vergangenheit zurechtgezimmert“ und auch an diese geglaubt habe, wobei sie „gegen ihre Interessen darauf Wert legte, viel länger und intensiver mit Hitler befreundet gewesen zu sein“. (618). So deutet die Autorin die Widersprüche, zu welchem Zeitpunkt Winifred Hitler das letzte Mal gesehen habe. Hamann geht davon aus, dass dies bereits 1940 war, danach empfing Hitler nur noch ihre Kinder gern und häufig; Hitler habe Winifred ihre wiederholten Interventionen zur Rettung von Juden schließlich doch übelgenommen. „In ihren letzten Lebensjahren“, so Brigitte Hamann, habe Winifred sich provokativ besonders positiv über Hitler ausgesprochen und „sichtbar für jeden Besucher“ ein Bild Hitlers mit Widmung neben das Siegfrieds auf ihren Schreibtisch gestellt (633). Doch auch hierin irrt die Verfasserin, denn Winifreds Schreibtisch mit dem Widmungsfoto von Hitler ist bereits im 1969 erschienenen Kraft-Buch, als Abbildung aus dem Jahre 1931, zu sehen. Episodenhaft, aufgrund mehr zufälliger Brieffunde, zeichnet die Verfasserin Winifred Wagner als Gegnerin der Partei-Organisation der HJ und als Retterin zahlreicher Verfolgter, Juden, Homosexueller und Demokraten. So rettete sie den 72jährigen Paul Ottenheimer, laut Hamann ein „ehemaliger Darmstädter Kapellmeister“ (452), und - was Hamann nicht erwähnt - Ottenheimer war der Uraufführungsdirigent der „Sonnenflammen“. Hingegen subsummiert Hamann fälschlich einige von Winifred, dank ihrer direkten Kontakte zu Hitler, gerettete Homosexuelle kurzum als Freunde Siegfried Wagners, so den in Ansichten und Ästhetik Siegfried Wagner geradezu diametralen Hans Severus Ziegler. Rettungsversuche startete Winifred auch für die ungarische Pianistin, Liszt-Schülerin und Siegfried-Freundin Alice Ripper, sowie für Nachkommen Franz Liszts, wie den französischen Geiger Rolland Trolley de Prévaux (475) oder Elsa Bernstein-Porges. Trotz Berufung auf die
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Arbeit zitieren:
Prof. Dr. Peter P. Pachl, 2011, "Winihilf des 3. Reiches" oder "Die nationalsozialistische Mutter Gottes" - Kritische Auseinandersetzung mit Brigitte Hamanns fragwürdiger Hagiographie von Winifred Wagner , München, GRIN Verlag GmbH
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