Inhaltsverzeichnis
1. Einführung 3
2. Konsum als ideologisches und ökonomisches Spannungsfeld 4
3. Geschichte der DDR-Konsumpolitik 8
3.1. Entwicklungen in der Konsumpolitik von 1945 bis 1971 8
3.2. Entwicklungen in der Konsumpolitik von 1971 bis 1990 10
4. Spezielle Konsumformen im Kontext sozialer Ungleichheitsdimensionen 15
4.1. Intershop 15
4.2. Delikat 18
4.3. Genex 19
5. Die „Kaffeekrise“ 22
6. Zusammenfassung Fazit 24
7. Literatur 26
7.1. Monographien, Aufsätze und Zeitschriftenbeiträge 26
7.2. Internetquellen 28
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1. Einführung
Nicht einmal elf Monate nach der Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 war der selbst ernannte Arbeiter- und Bauernstaat Deutsche Demokratische Republik (DDR) Geschichte. Angefangen von der Massenflucht von DDR-Bürgern über Ungarn im Ergebnis der geöffneten Grenze zu Österreich über die landesweiten Demonstrationen und Proteste im Herbst 1989 bis hin zur massenhaften Übersiedlung von Ostdeutschen in die Bundesrepublik im Zuge des Falls der innerdeutschen Grenze 1 manifestierte sich der gesellschaftliche Exodus der DDR im Wesentlichen anhand einer Abstimmung mit Füßen.
Der mit atemberaubender Geschwindigkeit stattfindende Zerfall des Staatswesens der DDR war selbst für kritische westliche Beobachter in dieser Form zur damaligen Zeit überraschend. Trotz aller bekannten Defizite - insbesondere im politischen Bereich - galt die DDR als ein verhältnismäßig stabiler Staat. 2 Schon kurz nach den Ereignissen des 9. November 1989 zeigte sich allerdings, dass die Bevölkerung der DDR in der Mehrheit nicht gewillt war, den sozialistischen Weg beizubehalten, sondern stattdessen einen raschen Übergang zum marktwirtschaftlich-kapitalistischen System präferierte, was schließlich zwangsläufig zur schnellen Vereinigung der beiden deutschen Staaten am 3. Oktober 1990 führte. Die Vehemenz, mit der die Abwicklung der DDR vor allem durch die ostdeutsche Bevölkerung vorangetrieben wurde 3 , ließ auf eine tiefe Unzufriedenheit der Menschen mit den Lebensverhältnissen im real existierenden Sozialismus hindeuten. Es stellt sich daher die Frage, weshalb ein Staat, der vorgab, eine im Vergleich zum marktwirtschaft-kapitalistischen Westen gerechtere und menschlichere Gesellschaftsordnung aufzuweisen, am Ende seiner Geschichte nahezu keinen politischen und gesellschaftlichen Rückhalt in der Bevölkerung besaß.
Vor diesem Hintergrund soll sich im Rahmen dieser Arbeit mit der Konsumpolitik 4 der DDR auseinandergesetzt werden. Besonderer Fokus liegt dabei auf der Frage, inwieweit soziale
1 Ingesamt verlor die DDR im Jahr 1989 343.854 Einwohner durch Flucht oder Übersiedlung. Im Vergleich zu 1988 war dies ein Anstieg um rund 900 Prozent (39.845 Personen). Vgl. Schroeder 2000, S.274. In Relation zur Gesamtbevölkerung von etwa 17 Millionen verließen im Jahr 1989 somit etwa 2 Prozent die DDR.
2 Dies zeigte sich vor allem daran, dass das desolate Ausmaß des wirtschaftlichen Zustandes der DDR, die sich in ihrer Außendarstellung als zu den zehn größten Industrienationen zugehörig präsentierte, erst nach der Wende in vollem Umfang ersichtlich wurde.
3 Beispielhaft sei hier nur das Ergebnis der ersten freien Volkskammerwahl vom 18. März 1990 genannt, in der die Allianz für Deutschland, ein inoffizielles Bündnis von für die Vereinigung Deutschlands eintretender Parteien bestehend aus Christlich Demokratischer Union (CDU), Deutsch Sozialer Union (DSU) und dem Demokratischen Aufbruch (DA), mit 48,15% der gültigen Stimmen stärkste Kraft wurde.
4 Da der inhaltliche Zusammenhang zwischen dem vorhandenen Konsumlevel und der Zufriedenheit der Bevölkerung mit den Lebensverhältnissen in einem Staat offensichtlich ist, soll auf einen näheren theoretischen Diskurs im Rahmen dieser Arbeit verzichtet werden. Für theoretische Überlegungen hinsichtlich der Entwicklung des modernen Konsumbegriffs vgl. Merkel 1999, S.19ff.
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Ungleichheiten 5 im Konsumgefüge der DDR bestanden, wodurch diese hervorgerufen wurden und welche Konsequenzen - sowohl in sozialer, als auch in ökonomischer Hinsicht - sich daraus ergaben.
Auf Grund der planwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung stand die Ebene des Konsums - wie auch alle anderen Bereiche der DDR-Volkswirtschaft - unter unmittelbarem staatlichem Einfluss. Daher wird einführend zunächst auf ideologische Implikationen im Hinblick auf den Konsum in der DDR eingegangen. Zum adäquaten Verständnis der in der DDR betriebenen Konsumpolitik ist eine Einbettung in den historischen Kontext unter politischen und ökonomischen Gesichtspunkten vonnöten, die daran anknüpfend vorgenommen wird. Auf diesen Ausführungen aufbauend sollen im inhaltlich zweiten Bereich konkrete Dimensionen sozialer Ungleichheit in der Konsumlandschaft der DDR thematisiert werden. Hierzu bieten sich die Unternehmen Intershop, Delikat und Genex an, deren Bestehen vordergründig zwar für eine allgemeine Verbesserung des Versorgungsniveaus sorgte, allerdings neben umfangreichen gesellschaftlichen Verwerfungen auch ideologische und wirtschaftliche Probleme aufwarfen.
Im inhaltlich dritten Bereich soll dabei anhand der so genannten Kaffeekrise der Jahre 1977 gezeigt werden, wie komplex sich das Verhältnis zwischen ökonomischen Rahmenbedingungen und Erfordernissen, politischen Maßnahmen und Druck aus der Bevölkerung konkret gestaltete und dies symptomatisch für die in der DDR betriebene Konsumpolitik war.
2. Konsum als ideologisches und ökonomisches Spannungsfeld
Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde im Osten Deutschlands auf Betreiben der sowjetischen Militäradministration (SMAD) eine grundlegende Veränderung der politischen und ökonomischen Verhältnisse nach sowjetischem Muster initiiert. Konkret bedeutete dies auf politischem Gebiet die Etablierung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung auf der ideologischen Grundlage des Marxismus-Leninismus, während auf wirtschaftlicher Ebene der Aufbau einer Zentralverwaltungswirtschaft forciert wurde. 6 Mit massiver Unterstützung durch die Besatzungsmacht wurde die Umsetzung der
5 Der Begriff der sozialen Ungleichheit soll im Rahmen dieser Arbeit in wertneutraler Form verwendet werden. Für eine vertiefende Definition und Diskussion vgl. Hradil 2001, S.27ff.
6 Vgl. zu diesem Themenkomplex Schroeder 2000, S.48ff & Judt 1998, S.89ff.
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Sowjetisierung ab 1946 durch die sich in Folge zur Staatspartei entwickelnden Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) vorangetrieben. 7
Auf der ideologischen Basis des Marxismus-Leninismus, der zur Überwindung der kapitalistischen, von Klassenkämpfen geprägten gesellschaftlichen Verhältnisse die Diktatur des Proletariats vorsieht, in dessen Rahmen die noch bestehenden Unterschiede zwischen den Klassen beseitigt werden sollen, wurden durch die Verstaatlichung von Wirtschaftsbereichen 8 und deren Einbindung in eine Zentralverwaltungswirtschaft unmittelbare
Eingriffsmöglichkeiten des Staates in ökonomische Prozesse geschaffen, die sowohl politischer als auch ideologischer Natur sein konnten. 9
Der Bereich des Konsums nahm unter ideologischen Gesichtspunkten eine Schlüsselstellung ein, da im Marxismus-Leninismus das Maß des Versorgungsniveaus der Bevölkerung unmittelbar mit dem gesellschaftlichen Entwicklungsstand verknüpft und als wichtiger Gradmesser für die weitere Entwicklung zur kommunistischen Gesellschaft verstanden wird. Im Rahmen der vollendeten kommunistischen Gesellschaft sollte das Prinzip „jeder nach seinen Fähigkeiten“ gelten und jedem Bürger die Möglichkeit zur vollständigen Entfaltung seiner Persönlichkeit eingeräumt werden. Durch das permanente Vorhandensein aller benötigten Waren, an denen sich jeder in den Geschäften bedienen könne, würde Geld als Zahlungsmittel schritt weise überflüssig werden, was wiederum jeglicher Form des Verbrechens und gesellschaftlichen Unfriedens die Grundlage entzöge. 10 Zentrale Ausgangsbasis für die hierzu benötigten Produktionssteigerungen bilden in der marxistisch-leninistischen Theorie die infolge der sozialistischen Revolution geänderten Produktionsverhältnisse, in deren Rahmen die Ausbeutung der Arbeiter und die Entfremdung gegenüber den hergestellten Produkten beendet und so die Freisetzung immenser geistiger und schöpferischer Potenziale möglich wird.
Von diesem utopischen Leben im Kommunismus künden Ausführungen in dem Werk „Unsere Welt von morgen“ von Karl Böhm und Ulrich Dörge aus dem Jahr 1959, wo im Science-Fiction-Stil das Alltagsleben zur Zeit der Jahrtausendwende idealisiert beschrieben wird. Der eindeutig ideologisch intendierte Gehalt des Buches zeigt sich überdies daran, dass
7 Die Vereinigung der Sozialdemokratischen Partei Deutschenlands (SPD) und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) erfolgte auf einem am 21./22. April in Berlin stattfindenden Parteitag der beiden Organisationen. Für ergänzende Literatur hinsichtlich der historischen und politischen Hintergründe der Entstehung der SED vgl. http://www.stiftungaufarbeitung.de/downloads/pdf/biblio_zwangsver.pdf.
8 In der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) markieren die im September 1945 begonnene Enteignung von Großgrundbesitzern und die darauf folgende Bodenreform im Wesentlichen den Beginn des Aufbaus einer Staatswirtschaft. Vgl. Schroeder 2000, S.48.
9 Vgl. Wolle 1998, S.312ff.
10 Vgl. Wolle 1998, S. 41.
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es in den 1960er Jahren im Rahmen der Jugendweihe verschenkt wurde, was auf einen Versuch einer möglichst breiten Verankerung derartiger Utopievorstellung durch den Staat schließen lässt . 11
Eine Konsumgesellschaft nach westlichem Vorbild 12 , in der der Besitz bestimmter Konsumgegenstände unter anderem als Möglichkeit zur Distinktion sowie Individualisierung zu anderen Gruppen und Individuen fungiert, wurde dennoch im Hinblick auf sich daraus ergebene soziale Ungleichheiten ausdrücklich abgelehnt. Angestrebt wurde hingeben eine sozialistische Konsumkultur. 13
Die angestrebte Kultur des Konsums manifestiert sich am Konzept des „sozialistischen Verbrauchs“. Dem gemäß wurde vor allem in den 1950er und 1960er Jahren simplifiziert davon ausgegangen, dass der Bürger im Sozialismus im Wesentlichen nur das konsumiere, was er auch wirklich brauche. Die Qualität einer Ware sollte zudem ausschließlich an Kriterien wie dem Nutzwert, der Langlebigkeit etc. gemessen werden und nicht anhand modischer Aspekte. Erfüllung fänden die Menschen im Unterschied zum Leben in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht durch den Konsum und Besitz bestimmter Gegenstände, sondern durch ihre Arbeit und ihren Beitrag in der sich auf dem Weg zum Kommunismus voranschreitenden sozialistischen Gesellschaft. Daraus folgend wurde auch Überkonsumption durch die Bevölkerung im Sozialismus ausgeschlossen. 14
Diesen eindeutig normativen Vorstellungen, denen unzweifelhaft auch ein Auftrag zur Erziehung der Bevölkerung im Hinblick auf die Lenkung der Bedürfnisse zugrunde lag 15 , müssen in engem Zusammenhang mit den grundlegenden Mechanismen der in der DDR vorhandenen Zentralverwaltungswirtschaft betrachtet werden. Das Vorhandensein eines derartigen Wirtschaftssystems erfordert die Kenntnis aller volkswirtschaftlichen Kennziffern sowie deren Abstimmung für einen turnusmäßigen Zeitraum in Bezug auf die Erstellung eines Wirtschaftsplans. Dies schließt die Menge der benötigten Konsumgüter mit ein, die im Vorfeld prognostiziert werden muss. 16 Während eine Vorabplanung beispielsweise bei der benötigten Menge an Grundnahrungsmitteln unter Mitbeeinbeziehung demographischer Daten als mehr oder weniger möglich erscheint, gestaltet sich diese bei anderen Gütern schwieriger. Die Liste
11 Vgl. hierzu Kaminsky 1999, S.6.
12 Vgl. Hochstrasser 2005 für nähere definitorische und theoretische Ausführungen hinsichtlich westlicher Konsumgesellschaften.
13 Vgl. Merkel 1999, S.16.
14 Vgl. Merkel 1999, S.16ff. & S.237ff.
15 Vgl. Kaminsky 1999, S.50ff. & Merkel 1999, S.214ff. für eine Darstellung der versuchten Lenkung der Bedürfnisse im Bereich der Werbung.
16 Eine ausführliche Darstellung der Strukturen und Mechanismen der DDR-Planwirtschaft findet sich bei Schroeder 2000, S.489ff.
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denkbarer auf den Wirtschaftsplan einwirkender Störfaktoren ist lang, wie anhand eines einfachen Beispiels ersichtlich wird. Schon ein besonderes lang anhaltender Winter könnte theoretisch dazu führen, dass mehr warme Jacken benötigt werden, als dies im Wirtschaftsplan vorgesehen ist. Da der die Winterjacken herstellende Betrieb auf Materialien aus Zuliefererbetrieben angewiesen ist, kann nicht einfach nachproduziert werden, da die Mengen an Zuliefermaterial ebenfalls im Vorfeld festgeschrieben wurden und ansonsten in anderen Betrieben fehlen würden.
Dieser Kausalzusammenhang war die Ursache dafür, dass es in der Praxis regelmäßig zu Engpässen in der Versorgung kam. Auf mögliche Bedürfnisänderungen aufgrund modischer Trends und daraus resultierender Spontankäufe der Bevölkerung konnte der Plan überdies ebenfalls nicht reagieren, weshalb das in DDR bestehende Angebot an Waren im Vergleich zu westlichen Staaten - sowohl aus Sicht vieler DDR-Bürger als auch ausländischer Beobachterstets als „unmodern“ und „veraltet“ galt. 17
Die DDR-Führung befand sich wegen der skizzierten Aspekte fortwährend in einem ideologischen Dilemma. Einerseits wurde für die Legitimation der eigenen Herrschaft im Hinblick auf das selbst erklärte Ziel des Übergangs zum Kommunismus, wo alles im Überfluss vorhanden sein sollte, ein permanent verbessertes Angebot an Waren benötigt, welches im Hinblick auf den egalitären Anspruch des System einem möglichst großen Teil der Bevölkerung offen stehen sollte, anderseits musste die für das kapitalistische Wirtschaftssystem symbolisierende Konsumwelt bezogen auf die Darstellung des eigenen Systems als das überlegende stets als „dekadent“ verteufelt werden. Der besonderen politischen Lage in Deutschland geschuldet waren zudem DDR-spezifische Besonderheiten bei der Legitimation der sozialistischen Konsumvorstellungen. Ungeachtet der Tatsache, dass mit der Schließung der innerdeutschen Grenze im August 1961 der private Reiseverkehr zwischen beiden Staaten zunächst nahezu zusammenbrach, kamen die Bürger der DDR im Unterschied zu Völkern anderer sozialistischer Nationalstaaten Osteuropas mit westlichen Konsumartikeln und -gewohnheiten in einem sehr viel stärkerem Maße in Berührung. Dies war insbesondere auf Bilder und Werbung in bundesdeutschen Medieninsbesondere im Fernsehen - zurückzuführen, die in der DDR trotz Missbilligung der Führung weitgehend frei empfangbar waren, wovon seitens der Bevölkerung auch reger Gebrauch gemacht wurde. 18
17 Vgl. zu diesem Themenfeld Merkel 1999, S.88ff.
18 In einer im Jahr 1987 durch das Leipziger Zentralinstitut für Jugendforschung (ZIJ) durchgeführten Studie gaben 85 Prozent der befragten Studienteilnehmer an, sich regelmäßig aus den Westmedien zu informieren. Vor dem Hintergrund möglicher Sanktionen in Verbindung mit dieser Aussage dürfte der Anteil von DDR-Bürgern, die regelmäßig westliche Medien nutzten, noch wesentlich höher gelegen habe. Vgl. Wolle 1999, S.110f.
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Arbeit zitieren:
M.A. Dominik Heck, 2009, Konsumpolitik in der DDR, München, GRIN Verlag GmbH
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