Mit Blick auf Europa sieht Tocqueville eine negative Auswirkung des Gleichheitstriebes: Die in Revolutionen errungene Gleichheit verlangt nach Absicherung. Zum Schutze der Gleichheit, zugleich aber auf Kosten ihrer Freiheit tragen die Bürger zur Zentralisierung der Macht bei. Tocqueville beschreibt eine unsichtbare Regierungs- und Verwaltungsmacht, die die Angelegenheiten jedes einzelnen regelt und somit weitreichender ist als je zuvor. Zugleich wirkt sie milder als in aristokratischen Zeiten - nicht gegen, sondern durch den Willen der Bürger, die sich durch diesen Vormund der Selbstbestimmung entwöhnen lassen. 6 Eine weitere Gefahr stellt für Tocqueville der Individualismus dar, welcher mit wachsender Gleichheit ebenfalls zunehme. „In demokratischen Jahrhunderten […], wo die Pflichten des Individuums gegenüber dem Menschengeschlecht deutlicher sind, wird die Hingabe an einen einzelnen Menschen seltener. Das Band menschlicher Gefühlsverbindungen dehnt sich und wird lockerer.“ 7 Tocqueville grenzt den (für die Demokratie typischen) Individualismus durch Hervorhebung dessen isolierender Wirkung gegen den Egoismus (der an keine Staatsform gebunden ist) ab. Gleiche Bürger, die sich in Besitztum und Bildung genügen, haben von niemandem etwas zu erwarten, sind niemandem etwas schuldig und gewöhnen sich daran, so Tocqueville: „… sich immer nur in ihrer Isolierung zu betrachten, und stellen sich gern vor, dass ihr Schicksal nur von ihnen selbst abhinge.“
Gegenmittel
Ein scheinbares Gegengewicht zur wachsenden Isolation und der Selbstzentriertheit der Menschen sieht Tocqueville in der Lehre vom wohlverstandenen Interesse - ein rationales Kalkül, welches Fremdnutzen als eigennutzen definiert. Aus Erfahrung habe sich gezeigt, dass dargebotene Opfer mit dem Privatinteresse vereinbar sind. Die Tugend ist nicht mehr schön, aber nützlich. Auch wenn Tocqueville dieser Philosophie gegenüber, die im aufgeklärten Egoismus endet, eine gewisse Abneigung hegt, da sie das Nützliche als ehrenhaft versichert, anstatt die Schönheit und den Nutzen des Ehrenhaften zu beleuchten, so sieht er doch in ihr die einzige Möglichkeit unter gleichen Bürgern Zusammenhalt herzustellen. 8 Zusammenhalt, der im besten Fall zu gemeinschaftlicher Selbstverwaltung führen, die Vereinigungen und Gemeinden stärken und somit der Machtzentralisierung und Vormundschaft entgegenwirken kann. 9
Dieses Gegengewicht findet Tocqueville allerdings nur in Amerika realisiert. In Europa macht er sich für die Unabhängigkeit der Gerichte und die Pressefreiheit stark, welche zumindest jedem einzelnen Bürger ein Mittel gegen Unterdrückung an die Hand geben. Wenngleich Tocqueville der Meinung ist, dass diese Mittel, sowie alle Formen rechtlicher Absicherung ihrer Geringschätzung anheim fallen, da sie zu Verzögerungen führen. 10 Tocqueville beschreibt also einen individualisierten Bürger, der sich „rastlos um sich selbst dreht“: „was seine […] Mitbürger angeht, so ist er zwar bei ihnen, aber er sieht sie nicht; er berührt sie, aber er spürt sie nicht; er lebt nur in sich und für sich selbst …“ 11 Dem gegenüber steht nach Tocqueville ein aufgeklärter Eigennutz, der uns über Umwege letztlich doch um die Gunst unserer Mitbürger ringen lässt. 12 Hier kommt Tocqueville in die Nähe der von Rousseau proklamierten Anerkennungsdynamik.
6 ebd. S. 155f / 328 / 344 - vgl. auch Gerhard Göhler/Ansgar Klein: Alexis de Tocqueville, in: Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart; Hrsg.: H.-J. Lieber, Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung, 1993, S. 444
7 Alexis de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika, S. 240
8 ebd. S. 254ff
9 ebd. S. 243
10 ebd. S. 352f
11 ebd. S. 343 (Hervorhebung von Autor)
12 ebd.: S. 243
Jedoch sieht Rousseau nicht wachsender Gleichheit als gesellschaftliches Prinzip, er beschreibt gerade eine zunehmende Ungleichheit, als Folge eines ständigen Kampfes um Anerkennung unter den Menschen. Wenn also Tocqueville den Individualismus in Gleichheit als gesellschaftlichen Verfall darstellt, so kritisiert Rousseau entgegengesetzt die Anerkennungssucht und Ungleichheit.
Gleichheit bei Rousseau
Während Tocqueville bei seiner Diagnose der Gleichheitsentwicklung die Zeit vom 11. Jh. bis zu seiner Gegenwart (französische Revolution) betrachtet, entwickelt Rousseau eine Kontrastfolie, mit der er die ihm bekannte Gesellschaft (vor der französischen Revolution) vergleicht. Er inszeniert einen Naturzustand des Menschen. 13 Dieser von Rousseau idealisierte Mensch („der Wilde“) ist ausgestattet mit dem Trieb der Selbsterhaltung, aber auch mit Mitleidsempfinden. Er ist so, wie Gott ihn schuf und darum gleich und indifferent gegenüber seinen Artgenossen. Die Gleichheit rührt nach Rousseau also von der Natur her, nicht wie bei Tocqueville von der Gesellschaft. Der Wilde ist frei von gesellschaftlichen Bindungen, worin Rousseau seine natürliche Freiheit begründet sieht. 14 Gerade durch dieses Abziehen von allen gesellschaftlichen Einflüssen gelangt Rousseau zu diesem Bild. 15
Gefahren der Anerkennungssucht
Nach Rousseau wird dieser Naturzustand schon durch den geringsten
Vergesellschaftungsprozess verdorben. 16 Gleichheit und Freiheit schwinden sobald ein Mensch den anderen braucht und durch den Drang nach Bequemlichkeit immer neue Bedürfnisse erwachsen. Arbeitsteilung, Eigentum und dessen Manifestation im Recht sind der Antrieb einer Anerkennungsdynamik, die die Menschen dazu verleitet sich stets besser darzustellen als sie es sind. 17 Sie prahlen mit ihren Leistungen und ihrer Tugendhaftigkeit und erhoffen sich dadurch Ansehen und Achtung der anderen. Rousseau gilt als ein Vorbereiter der Debatte um die Entfremdungsproblematik 18 : „Der Wilde lebt in sich selbst; der gesellschaftliche Mensch ist immer außerhalb seiner selbst und weiß nur in der Meinung der anderen zu leben.“ 19 Vor dem Bild des Naturzustandes mit seinen freien und authentischen Menschen erscheint Rousseau der zivilisierte Mensch als falsch und oberflächlich.
Gegensätze zwischen Rousseaus und Tocquevilles Aussagen
Auffällig ist an dieser Stelle, dass was Tocqueville am individualisierten, demokratischen Bürger kritisiert - er lebe nur in sich - Rousseau bei seinem Wilden idealisiert. Rousseaus moderner Bürger lebt im Gegenteil nur außer sich. Widersprechen sich die beiden Diagnosen, oder beziehen sie sich auf unterschiedliche Gegenstände? Ich bin der Meinung, dass auch Tocquevilles Hypothese auch auf einen Anerkennungskampf ausgerichtet ist. Das Prinzip des wohlverstandenen Interesses, welches den isolierten Bürger aus seiner Selbstbezogenheit reißt, lässt sich als aufgeklärt egoistische Version der Sucht nach Anerkennung verstehen:
13 Michel Soetard: Rousseau und die Widersprüche der modernen Zivilisation, in: Jean-Jacques Rousseau und die Widersprüche der Gegenwart; Hrsg.: Winfried Boehm, Würzburg: Ergon, 1991, S. 49ff
14 Axel Honneth: Pathologien des Sozialen. Tradition und Aktualität der Sozialphilosophie, in: Pathologien des Sozialen; Hrsg.: Ders., Frankfurt/M.: Fischer, 1994, S. 12
15 ebd.: S. 14
16 Jean-Jacques Rousseau: Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen; Hrsg. u. Übers.: Rippel, Philipp. Stuttgart: Reclam, S. 80f
17 ebd.: 113
18 Axel Honneth: Pathologien des Sozialen, S. 16
19 Jean-Jacques Rousseau: Abhandlung über Ungleichheit, S. 112
Opfer für den Fremdnutzen werden erst über das Ansehen und die Achtung der Mitbürger eigennützlich. 20 Was Tocqueville als letzten Ausweg für eine integrative Funktion der demokratischen Gesellschaft sieht, ist Rousseaus schärfster Kritikpunkt an der aristokratischen Gesellschaft. Scheinbar lässt sich der Konflikt über diese zeitliche Unterscheidung auflösen. In der Aristokratie waren die Menschen ungleich, Tugend und Sitte galten als schön. Die moralische Unterhöhlung macht jedoch gerade diesen Schein für Rousseau so unerträglich. Die nicht zuletzt durch Rousseau vorangetriebene Aufklärung macht die Menschen gleicher und skeptischer. Der Schein der Tugendhaftigkeit verschwindet, und da ihr Sein schon lange nicht mehr existierte, bleibt laut Tocqueville nur die Gleichgültigkeit und der Wertverfall im Individualismus. 21 Aber nähern wir uns nun mit wachsender Gleichheit in der Demokratie doch wieder dem Naturzustand an? Fraglich ist überhaupt, ob Rousseau der Diagnose Tocquevilles zugestimmt hätte, oder ob seiner Meinung nach die Ungleichheit nicht eher wächst zu den Zeiten einer Tyrannei der Mehrheit, welche letztlich auch als Auswuchs der Selbstentfremdung gesehen werden könnte. Rousseaus Naturzustand ist kein historisch festzusetzender Punkt. 22 Der in Gesellschaft lebende Mensch wird ihn nach Rousseau niemals erreichen. Die Möglichkeit gleicher Bürger sieht Rousseau nur unter der Zuspitzung der Ungleichheit zwischen Despot und Dienerschaft. 23
Gemeinsamkeiten beider Verfallsdiagnosen
Rousseau beschreibt also ein weiteres Extrem, welches dem Naturzustand gegenüber stehtgleiche Bürger, die allerdings in Knechtschaft leben. Begründet sieht er diese Dystopie durch menschliche Leidenschaften, die die Magistratspersonen zum Missbrauch ihrer Ämter verleiten. Die Gleichheit der Unterdrückten und ein Menschenbild angepasster und willenloser Bürger, finden wir in der Dystopie Rousseaus, wie auch in der Diagnose Tocquevilles. Rousseaus Vorstellung einer unterdrückenden Macht wirkt zwar noch sehr körperlich gegenüber Tocqueville, der die Meinung der Mehrheit als Despoten zeichnet, aber sie rückt dieser doch erstaunlich nahe. Beide Autoren vergleichen die Macht, welche auf den Menschen ausgeübt wird, mit der väterlichen Autorität, die schützend und auf ihr Wohlergehen bedacht über ihnen wacht. Aber sie grenzen den Einfluss der Gesellschaft auch ab; Der bevormundete Mensch wird nicht erzogen, sondern gelenkt, sein Willen wird nicht gefördert, sondern gelähmt. Das Ziel ist nicht ein mündiger, sondern ein fleißiger Bürger. Tocqueville merkt sarkastisch an: „könnte sie [die Vormundschaftsgewalt] ihnen nicht vollends die Sorge, zu denken, abnehmen und die Mühe, zu leben?“ 24 Rousseau führt aus, „dass nach dem Gesetz der Natur der Vater nur so lange Herr über sein Kind ist, wie dieses seine Hilfe benötigt.“ Das Ziel sei die Abnabelung nicht die Unterwerfung. Das unabhängige Kind schulde später dem Vater Achtung nicht Gehorsam. 25
Versuch einer anschaulichen Gegenüberstellung und Abschluss
Um die Befürchtungen beider Autoren vergleichend gegenüberzustellen könnte man sie in das von Durkheim entwickelte Kräftefeld einordnen, welches den Menschen laut Durkheim je nach Integrativer Kraft der Gesellschaft in den altruistischen bzw. egoistischen Selbstmord
20 vgl. Gerhard Göhler/Ansgar Klein: Alexis de Tocqueville, S. 439
21 Alexis de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika, S. 342 / 348
22 Margarita Schweizer: Rousseaus zweiter Discours und die Geschichte Lateinamerikas, in: Jean-Jacques Rousseau und die Widersprüche der Gegenwart; Hrsg.: Winfried Boehm, Würzburg: Ergon, 1991, S. 89f
23 Jean-Jacques Rousseau: Abhandlung über Ungleichheit, S. 110
24 Alexis de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika, S. 343f
25 Jean-Jacques Rousseau: Abhandlung über Ungleichheit, S. 98
und je nach Grad der staatlichen Regulation in den fatalistischen bzw. den anomischen Selbstmord treibt. 26 Rousseaus Proklamierung einer Anerkennungsdynamik und Entfremdung, sowie seine Begeisterung für den wilden Einzelgänger zeigen seine Besorgnis vor einer zu hohen Integration. Auch wenn ein altruistischer Selbstmord hier eher unpassend erscheint, so lebt Rousseaus zivilisierter Bürger doch immer nur in den Augen der anderen. Tocquevilles Angst vor dem gleichgültigen Individualismus und der Isolation des Menschen lässt sich auf der gegenüberliegenden Seite im gesellschaftlichen Kräftefeld einordnen. Einen Freiheitsverlust erfahren wir laut Rousseau zum einen durch Überintegration zum anderen wie nach Tocqueville auch durch die Unterwerfung unter eine despotische Macht, also durch Überregulation. Einen fatalistischen Selbstmord würden beide jedoch ausschließen, da sie die Bürger mit gezähmten Willen als stolze und eifrige Sklaven sehen. 27 Mit Tocquevilles Ahnung, dass aus der Demokratie sowohl eine Despotie als auch Anarchie erwachsen kann, wäre auch die Seite zu geringer Regulation abgedeckt. Rousseaus Gesetz des Stärkeren, welches im Naturzustand herrscht geht ebenfalls in diese Richtung. Es fällt auf, dass Rousseau in seinem aufklärerischen Drank wesentlich radikaler als Tocqueville die seiner Verfallsdiagnose entgegengesetzten Zustände im Kräftefeld idealisiert. Als Zeichen für eine gesunde Gesellschaft ist laut Durkheim jedoch ein Gleichgewicht auf der Mitte der jeweiligen Achsen anzusehen. Es ist eine interessante Frage ob nun ein Gleichgewicht, oder ein Extrempunkt im Kräftefeld der Freiheit des Menschen am zuträglichsten ist. Die unterschiedlichen Antworten hierauf lassen sich anhand der mannigfaltigen Möglichkeiten bzw. der Unmöglichkeit einer Definition des Freiheitsbegriffes nachvollziehen.
Die gleiche Frage lässt sich auch für das Zusammenspiel zwischen Gleichheit und Freiheit stellen. Laut Tocqueville geht mit wachsender Gleichheit, die durch Machtzentralisation geschützt werden will, ein Freiheitsverlust einher. 28 Rousseau sieht solche Tendenzen vor allem in Zeiten der Ungleichheit. Beide Autoren haben einen sehr ganzheitlichen Begriff von Gleichheit bzw. Ungleichheit. Es lässt sich einwenden, dass hier mehr differenziert werden müsste. So gibt es zu Zeiten formaler Gleichheit sicherlich auch immer wieder Inseln der Ungleichheit, die in zwischenmenschlichen Interaktionen und auch auf Gesellschaftlicher Ebene von großer Bedeutung sind. Die Aristokratie der Industrie, welche Tocqueville zu Zeiten einer sonst demokratischen Gesellschaftsordnung beschreibt, gibt hierzu einen Anhaltspunkt. 29 Nach Simmel ist unsere gesamte Persönlichkeit immer ein ganz unverwechselbarer Schnittpunkt von verschiedenen Institutionen. 30 Aus dieser Sicht wiederum ist der moderne Mensch ungleicher denn je, mit allen negativen und positiven Konsequenzen. Ist für die Sicherung der menschlichen Freiheit auch ein Gleichgewicht zwischen Gleichheit und Ungleichheit von Nöten?
26 vgl.: Kenneth Thompson: Emile Durkheim, London, 1982, S. 110
27 Jean-Jacques Rousseau: Abhandlung über Ungleichheit, S. 97f / 112 bzw. Alexis de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika, S. 344
28 Alexis de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika, S. 306f
29 ebd.: 258ff
30 vgl.: Georg Simmel: Philosophie des Geldes, München und Leipzig: Duncker & Humblot, 1922 (online- version unter www.digitalis.uni-koeln.de/Simmel/simmel_index.html)
Arbeit zitieren:
Norbert Sander, 2007, Zur Diskrepanz zwischen Rousseaus und Tocquevilles Diagnosen einer Un/Gleichheitsentwicklung in der Gesellschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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