Gliederung
1. Einleitung 2
2. Kritische Theorie Adornos 2
2.1 Historischer Hintergrund 3
2.2 Domestizierung als Pathologie und das Bewegungsgesetz der
instrumentellen Rationalisierung 3
2.3 Kulturindustrie als Verblendung 5
2.4 Zusammenfassung 8
3. Das Internet als plurale Kommunikation? 9
3.1 Die kapitalistische Einbindung der Nischenkultur 11
3.2 Kommunikatives und strategisches Handeln im Internet 13
4. Schlussfolgerung 16
5. Literaturverzeichnis 17
6. Anhang 18
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1. Einleitung
Beim Lesen Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ und insbesondere des Kapitels über die Kritik der Kulturindustrie, knüpfen sich wie von allein Assoziationen zu den heutigen Verhältnissen. Die massenhafte Produktion kultureller Güter scheint, besonders unter den Tendenzen globaler Ausbreitung von riesigen Medienunternehmen, noch lange nicht an ihre Grenzen gestoßen zu sein. In den Fernsehsessel gepresste Zuschauer die sich von einem Programm nach dem anderen berieseln lassen und die Zeit vergessen, die sie sich dem passiven Amüsement hingeben; In Zielgruppen aufgeteilte Konsumentenmassen mit verkümmerten Sozialbeziehungen, die sich in der Gemeinschaft ihrer Fernsehhelden am ehesten wohl fühlen; Die unterschwellige Wirkung der Werbeeinblendungen - Solche Worte klingen natürlich in unseren Ohren.
Allerdings ist auch die Frage berechtigt, ob sich nicht seit der Mitte des letzten Jahrhunderts einiges geändert hat? Es ist das Internet, welches in zunehmendem Maße die Kultur nicht nur der westlichen Welt bestimmt. Doch die neuen Plattformen lassen die Kulturproduktion in einem ganz anderen Licht erstrahlen. Plötzlich sind es die Konsumenten selbst, die gestallten. Video- Musik- und Fotoportale, Chats, Blogs, und Diskussionsforen sprießen aus den Datenleitungen. Schnell ist man dabei die Unabhängigkeit von den kommerziellen Zentren zu feiern und Potentiale politischer Partizipation und Emanzipation auszurechnen. Doch werden hier nicht zu leichtfertig die Nachteile und Gefahren der allgemeinen Vernetzung unter den Tisch gekehrt?
In dieser Arbeit möchte ich der Frage nachgehen, inwieweit sich das Internet als eine Ausbreitung politischer und wirtschaftlicher Imperative und als Zuspitzung des Rationalisierungs-Projekts der Moderne bei gleichzeitiger Verblendung der
Widersprüchlichkeit zur menschlichen Natur auffassen lässt. Hierzu sollen Modelle hauptsächlich der Kritischen Theorie vorgestellt und in Bezug auf das Internet reflektiert werden.
2. Kritische Theorie Adornos
Zunächst möchte ich die Gedankengänge eines Klassikers der Kulturkritik darstellen und klären, welche Ereignisse die Kritische Theorie Adornos geprägt haben, wie sein Modell der
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Kulturindustrie aussieht und wie wir dieses für die Deutung aktueller Entwicklungen fruchtbar machen können.
2.1. Historischer Hintergrund
Die Kritische Theorie sucht nach einer Antwort auf die Frage, warum die Revolution, die Erhebung der Arbeiterschaft und die daraus resultierende Umwerfung der Produktionsverhältnisse ausbleiben. Entgegen der Prophezeiung Marx’ bleibt der Kapitalismus in der entwickelten Moderne stabil, die Strukturen festigen sich und Horkheimer und Adorno sehen sich vor einem unentrinnbaren System riesiger Unternehmen und darin funktionierender Menschen, vor dem Hintergrund eines totalitären Staates. 1 Die Idee der Gesellschaft als geschlossenes System geht auf die totale Kontrolle des Hitlerfaschismus zurück. Die Verdinglichung der menschlichen Natur erreicht nach Adorno in dieser Epoche vorerst ihren Höhepunkt. So dass Auschwitz letztlich als Konsequenz der Rationalisierung in der entwickelten Moderne zu verstehen ist. Aber auch in der bürokratisch kontrollierten Nachkriegsgesellschaft sieht Adorno den jede Spontaneität unterdrückenden Verwertungszusammenhang des Kapitalismus nicht abreißen. Auch wenn ein Teil der Überlegungen der Kritischen Theorie sicherlich den Auseinandersetzungen mit der Propaganda und der Gewaltherrschaft des dritten Reiches entspringt, so ist es doch ungenügend, die Kritik der Kulturindustrie auf eine Kritik des Faschismus zu reduzieren. 2 Adorno und Horkheimer abstrahieren also von den gegebenen Umständen und beschreiben die Bewegungsgesetze 3 der modernen Gesellschaft zwischen dem heraufziehenden Imperium gigantischer Kulturproduzenten und der totalen Integration des Menschen als Konsumenten.
2.2 Domestizierung als Pathologie und das Bewegungsgesetz der instrumentellen Rationalisierung
Die Kritische Theorie lehnt an die marx’sche Theorie der verkehrten Produktionsverhältnisse an, begreift aber Domestizierung an sich als pathologisch. Wie Marx so fassen auch Adorno
1 Rosa, Hartmut/ Strecker, David/ Kottmann, Andrea: Soziologische Theorien. UTB, Konstanz 2007, 111.
2 Schuster, Thomas: Staat und Medien. Über die elektronische Konditionierung der Wirklichkeit. 2., erweiterte
Auflage VS Verlag für Sozialwissenschaften. 2004, 139f. / Rosa (2007), 121.
3 In den „objektiven Bewegungsgesetzen“ meint Adorno, ließe sich das Wesen der Gesellschaft erkennen. Nur
das Zusammenspiels der gesellschaftlichen Phänomene, die niemals losgelöst voneinander betrachtet werden
sollten, kann als Erkenntnisgrundlage der Soziologie dienen.
Adorno, Theodor W.: Einleitung in die Soziologie (Vorlesung 1968), hg. Von Christoph Gödde, Franfurt/M,
Surkamp 1993: [1968], 41f.
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und Horkheimer die Modernisierung als einen Prozess der steigenden Beherrschung der Natur durch den Menschen, also als Domestizierung, auf. Im daraus resultierenden instrumentellen Nauturverhältnis des Menschen sehen sie jedoch das pathologische Moment der Gesellschaft insbesondere des modernen Kapitalismus.
Als Grundeinheit des gesellschaftlichen Zusammenlebens betrachten Adorno und Horkheimer die Tauschverhältnisse. Um eine Ware gegen eine Andere zu tauschen, muss von der Natur der Gegenstände abstrahiert und eine Äquivalenz beider Waren hergestellt werden. Dieses so genannte Identitätsprinzip verleitet letztlich dazu, nicht nur die äußere, sondern auch die innere Natur des Menschen zu verdinglichen. 4 Gefühle und Denken der Menschen werden in ihren kausalen Zusammenhängen expliziert, vorausberechnet und schließlich in der Form psychologisch strukturierter Produkte der Kulturindustrie als Ware verkauft. 5 Adorno versucht einen wechselseitigen Einfluss zwischen der Kultur einer Gesellschaft und den allgemeinen Tauschverhältnissen, die geprägt sind von dem instrumentellen, distanzierten Verhältnis zur Natur, aufzuzeigen. 6 Dieser Wechselbeziehung, die sich spiralförmig zu verstärken scheint, unterlegt Adorno das treibende Prinzip der instrumentellen Rationalität, die sich im Kapitalismus exponentiell zu entfaltet:
Instrumentelle Rationalität hat ihren Ursprung in der Domestizierung, die wiederum mit dem Beginn der Menschheit einsetzt. Aufklärung bedeutet für Adorno abgesehen von der geschichtlichen Epoche den Versuch den Menschen die Angst vor der Natur zu nehmen und ihn als Herrscher über sie zu stellen. 7 Dies kann jedoch nur durch eine Versachlichung, eine Entfremdung von der Natur bewerkstelligt werden, welche Natur als Gegenstand erscheinen lässt, der nur noch den Wert eines Mittels hat. Instrumentelle Rationalität bedeutet neben der möglichst effizienten Nutzung dieser Mittel, dass der Zweck der Naturbeherrschung, bzw. der Anwendung dieser Mittel immer oberflächlicher hinterfragt wird. Eine vernünftige Zielsetzung tritt hinter den effizienten Mitteleinsatz zurück. Effizienz wird zum Selbstzweck. Im Kapitalismus stehen Steigerung der Macht auf politischer- und Profitmaximierung auf wirtschaftlicher Ebene nicht mehr als zu verhandelnde Ziele, sondern als treibende Gesetze der Rationalisierung dem Subjekt gegenüber. 8
4 Adorno, Theodor W./ Horkheimer, Max: Die Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Adornos
Gesammelte Schriften in 20 Bdn., Bd.3. Suhrkamp, Frankfurt/M 2003: [1944]
5 Adorno, Theodor W.: „Fernsehen als Ideologie.“ In: Eingriffe. Neun kritische Modelle 13. [Aufl.] Suhrkamp,
Frankfurt/M 1991: 81-98 [1953a], 81f.
6 Rosa (2007), 116.
7 Adorno [1944], 25.
8 vgl. Adorno, Theodor W.: „Prolog zum Fernsehen.“ In: Eingriffe. Neun kritische Modelle 13. [Aufl.]
Suhrkamp, Frankfurt/M 1991: 69-80 [1953], 79.
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Die instrumentelle Rationalität breitet sich im Kapitalismus nun auch auf die Kultur aus. Diese wird in den Funktionszusammenhang von Herrschaftssicherung und Profitmaximierung einbezogen und dient letztlich über ihre sozialisierende Wirkung als „sozialer Kitt“ 9 der Stabilisierung und Reproduktion „falscher“ Verhältnisse.
2.3 Kulturindustrie als Verblendung
In der total integrierten Gesellschaft, so Adorno, verdanken alle produzierten Kulturgüter wie auch alle anderen sozialen Phänomene ihre Existenz der Rolle, die sie für die Funktion des auf Profitmaximierung und Herrschaftssicherung ausgerichteten Gesellschaftssystems darstellt. 10 Anders ausgedrückt kann sich kein kulturelles Produkt mehr abseits dieser Primate etablieren, da es weder in Konkurrenz zu den massenhaft produzierten Gütern der Kulturindustrie treten, noch ideellen Anklang unter der ebenfalls integrierten Konsumentenschaft finden kann. 11
Die Durchschlagskraft der industriellen Produktion kultureller Güter liegt zum einen begründet in der Rationalität ökonomischer Kalküle: Die Produktion wird routinisiert, indem immer wieder auf die gleichen Schablonen zurückgegriffen wird. So können Talk- und Quiz-Shows, Serien, Filme, Musik und Zeitschriften massenhaft und billig hergestellt werden. Die Fortschritte in der technischen Reproduktion machen es möglich, dass auf alle Kopien verteilt die Produktionskosten des Originals gegen null laufen. Auf der Suche nach einer möglichst großen Rezipientenzahl, dringen die Medien in sämtliche Lebensbereiche ein. Oberflächliche Diversität, die die Massen in Zielgruppen gliedert, sorgt dafür, dass jeder seine Schublade findet und verdeckt zugleich die strukturelle Homogenität, die alle Kulturprodukte vereint. 12 Ob Wahlkampfrede oder Fernsehkrimi alles was von „Oben“ an den Konsumenten heran getragen wird, ist in seinem Gerüst gleichsam auf die Einbindung des Rezipienten abgestimmt. Die „Vorherrschaft des Effekts“, die die ständige Aufmerksamkeit des Rezipienten fordert, sorgt für Distanzlosigkeit, die durch die gelenkte und fortwährende Konzentration aufs Detail dem Subjekt den Blick aufs Ganze verstellt. 13
9 Der Begriff „sozialer Kitt“ stammt von Erich Fromm, welcher damit 1932 in einem Aufsatz den vor allem
durch libidinöse Energien erklärbaren Zusammenhalt der Gesellschaft beschreibt. Vgl. Keupp, Heiner: Soziale
Integration und gesellschaftlicher Umbruch. Auf den Internet-Seiten des Apfe-Instituts (Arbeitsstelle
Praxisberatung, Forschung und Entwicklung) der Ehs Dresden., 2005
10 Methodisch steht Adorno dem Strukturfunktionalismus nahe. Das Denken des Ganzen, oder in Konstellationen
bringt Erklärungsmodelle diesen Typs hervor, die auch von Parsons und Luhmann aufgegriffen werden. Rosa
(2007), 124.
11 Adorno [1944], 156f.
12 Ebd., 144f.
13 Ebd., 146.
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Nicht zuletzt sorgt die leichte Bekömmlichkeit dieser Waren dafür, dass sich der Anspruch an den Kulturkonsum ändert. Der eingesessene Kinobesucher, der es gewohnt ist von der ersten bis zur letzten Minute des Films an die Hand genommen zu werden, würde desillusioniert, sobald Handlungssprünge oder offene Fragen Freiraum für die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Gesehenen bieten. Wenn kritische Themen eine Distanz zum Informationsmedium aufkommen lassen und eigenständiges Denken erfordern, wird es dem Kulturtouristen zu bunt. Unter der Verschmelzung von Arbeit und Freizeit werden besonders in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft das Suchtpotential und die Regressivität, die Flucht vor dem Druck der Realität in ihre harmlose Verdoppelung noch eher plausibel. 14 Der gezähmte Anspruch der Konsumenten dient wiederum den Produzenten als Legitimation, Kulturgüter weiterhin aus seichten Gewässern zu schöpfen. So verkommt die Kultur zur reinen Unterhaltungsmaschinerie. 15 Aber „das Vergnügen erstarrt zur Langeweile“, bietet nicht nur einen Ausgleich zur Arbeit, sondern stellt deren Verlängerung dar, die keine Atempause von routinisierten Verrichtungen bzw. Gedankengängen mehr gewähren lässt und somit perfekt in den Funktionszusammenhang von Kapitalistischer Wirtschaft und machtsüchtiger Politik passt. 16
Gleichzeitig ist die Kulturindustrie also auch die Triebfeder, die den Erhalt und die Verfestigung des übrigen Gesellschaftlichen Überbaus besorgt. Nicht nur kulturelle, sondern auch politische und wirtschaftliche Muster werden in den sich verstärkenden Wechselwirkungen durch das Subjekt hindurch reproduziert. Schlager, Seifenopern und Modemagazine enthalten Rollenmuster, Schemata und Cliches, die unterschwellig zur Verinnerlichung genau dieser stereotypen Muster verleiten: Adorno beschreibt ausführlich, wie bspw. die fadenscheinige Moral der Fernsehfilme scheinbar Liebe, Intelligenz und alles Gute im Menschen predigt, der sich doch, um dieses Ziel zu errechen und um wieder zu funktionieren, nur selbst aufgeben muss und auf den weisen Rat einer übergeordneten „verkrüppelt“ dargestellten Wissenschaftlichen Erkenntnis zu hören braucht. 17 Die tragische Rolle im Film fällt immer dem zu, der schon in der ersten Szene die Norm verletzt. Die schemenhafte Unterteilung in Gut und böse in den Hollywood-Filmen und die unbeugsamen Vorschriften, anhand derer sich die Fernseh-Helden entlang
14 vgl. Adorno [1953], 75f.
15 Ders. [1944], 158.
16 Ebd., 159.
17 Adorno [1953a], 90ff.
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tasten müssen, führen uns eine Welt vor Augen, die nun mal ist wie sie ist. 18 Die scheinbar unpolitischen Inhalte sind also das politischste was die Kulturindustrie zu bieten hat. 19 Parlamentsentscheidungen werden vorlieblich in deren detaillierten Abläufen beschrieben, anstatt Hintergründe aufzuarbeiten und politische Partizipation zu fördern. Die Gesellschaftliche Ohnmacht gegenüber Jugendkriminalität, Bildungsmangel, Klimawandel, oder Armut in Entwicklungsländern und die Reihen der dazugehörigen scheinbaren Patentlösungen werden uns in den Nachrichten so kühl präsentiert, damit wir frei von Verantwortung uns dem Genuss hingeben können.
Denn auf den Genuss kommt es an. Die wirtschaftliche Kraft der Nation zu erhalten erfordert die ständige Konstruktion von Konsum-Bedürfnissen, welche sich letztlich nähren aus der Angst nicht mithalten zu können, aus der statusaufwertenden Komponente von bloßem Besitz, oder aus den beschränkten, von bunten Reklamebildchen übernommenen Phantasien, die uns den Sinn des Lebens darin suchen lassen, wie mit diesen und jenen Gerätschaften diese und jene Nichtigkeiten besonders gut zu Stande gebracht werden können. Ob sich der Konsument nun für das umworbene, oder ein Konkurrenzprodukt entscheidet, sei dahingestellt. „Ohne manipulative Bedarfsgewinnung zur artifiziellen Anhebung der Nachfrage wäre der Kapitalismus in seiner derzeitigen Erscheinungsform überhaupt nicht denkbar.“ 20 Produktkommunikation wird letztlich nicht nur durch explizite Werbung getätigt, sondern vermischt sich ähnlich wie die Herrschaftsmuster unausweichlich mit den banalen Medieninhalten der Kulturindustrie.
Das Bestreben der Filmemachern und Journalisten nach maximalen Realismus, das die Verkürztheit der Darstellung verschleiert, befördern noch die unkritische Haltung der Konsumenten, lässt uns die Realität nur als Verlängerung der kommunizierten Schemata begreifen und tut ihr Übriges uns unsere Umwelt anhand der in den Medien vorgelebten Mustern nachzubauen. 21 Aber auch das Kennzeichnen der Gemachtheit eines Films tut dessen Wirkung keinen Abbruch, die unbewusst in die Zuschauer einsickert, so schützt sich die Kulturindustrie vielmehr vor tieferer Kritik, indem sich ihre Produkte als Unterhaltungsware outen und „… dem unnaiveren Betrachter zublinzeln […] ihn gewissermaßen ins Vertrauen ziehen, indem sie seiner intellektuellen Eitelkeit schmeicheln.“ 22 Die beiläufige Indoktrinierung der medialen Welten als gegebene Tatsachen führt zu bedingungslosen Konformismus mit den dahinterliegenden Werten und dazu, dass die
18 Ders.: [1953], 70f.
19 Schuster (2004), 137f.
20 Ebd., 147.
21 Adorno [1944], 166f.
22 Ders. [1953a], 95.
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Menschen gar keine Ansprüche entwickeln, die sich erst durch eine Umgestaltung gesellschaftlicher Strukturen erfüllen ließen. An dieser Stelle kann man nicht mehr mit Marx vom „falschen Bewusstsein“ ausgehen, welches noch das eigene Elend als Produkt prozessualer gesellschaftlicher Missstände begreift, sondern müsste vom „restringierten Bewusstsein“ total integrierter Subjekte sprechen, welche sich auf Grund des Verblendungszusammenhangs als passiver Spielball systemischen Mächte unterwerfen. 23 Die Abbildung aus dem Anhang stellt die Funktion der Kulturindustrie, sowie ihre Einbettung in den gesellschaftlichen Überbau und ihr Produkt (den bewusstseins-beschränkten Menschen) noch einmal übersichtlich dar.
2.4 Zusammenfassung
Das Falsche der kapitalistischen Tauschverhältnisse, die in ihrer letzten Konsequenz Arbeit, Kultur und Mensch als Ware begreifen lassen und Gleichheit und Freiheit vorspiegeln, während Überproduktion und Kapital auf der einen Seite, der Armut der Arbeiter auf der Anderen Seite gegenüberstehen, wird immer unsichtbarer. 24 Adorno und Horkheimer fragen nach der psychischen Entwicklung der Individuen und stellen fest, das die Menschen ihr Leid hinnehmen, da sie nicht nur materiell, sondern durch die Kulturindustrie mit ihrem ganzen Bewusstsein in die Gesellschaft eingebunden sind. Alles scheint ihnen so zu sein, wie es eben sein muss. Sie reproduzieren also die soziale Ordnung unhinterfragt. 25 Sozialer Wandel findet demnach in der Theorie Adornos keinen Platz. Was wir als Wandel verstehen, ließe sich auf den technischen Fortschritt und das Vorantreiben der instrumentellen Rationalität und des Primat der Effizienz zurückführen, also als Produkt der immer gleichen Gesetzmäßigkeiten begreifen. So erscheint uns die Jazz-Musik oder der Film aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts, oder selbst die Musikvideos aus den 80ern, die damals den Adrenalinpegel der Rezipienten in die Höhe trieben, heute als gutes Mittel einen sanften Schlaf auszulösen. Die Gewöhnung an die Geschwindigkeit ist laut Adorno jedoch nur Ausdruck der Wechselwirkungen zwischen den Naturverhältnissen und der Kulturproduktion. 26 Unsere Voreinstellungen mit denen wir an die Medien herantreten,
23 Rosa (2007), 124.
24 „Anstatt dem Unbewussten die Ehre anzutun, es zum Bewusstsein zu erheben und damit zugleich seinen
Drang zu erfüllen und seine zerstörende Kraft zu befrieden reduziert die Kulturindustrie, an der Spitze das
Fernsehen, die Menschen mehr noch auf unbewusste Verhaltensweisen […]“ Adorno [1953], 78f.
25 Rosa (2007), 112.
26 Adorno [1944], 160.
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werden letztlich durch deren Darstellungsweisen selbst beeinflusst, unsere Wahrnehmung durch den Medienkonsum konditioniert.
Trotz der von Grund auf pessimistischen Kulturtheorie Adornos sind (wenn auch selten und sehr allgemein gehalten) Hoffnungsschimmer in seinem Werk zu finden. Einen Ausweg aus der Misere sieht Adorno nur in der Besinnung auf mimethisches (nachahmendes) Verhalten, dass über eine nicht instrumentelle Vernunft das Wesen der Natur erkennt und sich diesem anschmiegt. Die ästhetische Erfahrung in der Kunst kann eine solche Vernunft begünstigen und somit ein Gespür für den Widerspruch instrumenteller Rationalität zur menschlichen Natur ermöglichen. 27
3. Das Internet als plurale Kommunikation?
Ob das Internet uns zu mimethischem Verhalten verhelfen kann, bleibt abzuwarten. Augenscheinlich werden hier ganz andere Dinge als die Natur nachgeahmt. Dennoch zeigt sich am Beispiel des Internet zunächst ein ganz anderes Bild medialer Kommunikation. Angesichts optimistischerer Theorien über die zukünftigen Aufgaben der Medien fallen Unterschiede zu den starr wirkenden Kulturprodukten, die Adorno vor einem halben Jahrhundert beschreibt, auf:
Die Entwicklung, die sich hinter dem nicht ganz eindeutigen Begriff Web 2.0 abzeichnet, wird im Kern dadurch getragen, dass die Nutzer den Inhalt des Internets selbst erzeugen und bestimmen. So werden bspw. auf der Seite www.Youtube.com von einer ganzen Heerschar von Nutzern selbstproduzierte Videos ins Internet gestellt. Auf www.Myspace.com, www.flikr.com oder www.Studivz.com passiert das gleiche mit selbstgemachter Musik, Fotos und allerhand persönlicher Informationen die man mit Anderen teilen will. Unter dem Stichwort „Open source“ wird die dazugehörige Software gleich mit entwickelt und steht, produziert von Tausenden von Computerfreaks, für Jedermann kostenlos zur Verfügung. 28 So entsteht eine nicht enden wollende Auswahl an Computerspielen, Schreib- Bild- und Videobearbeitungsprogrammen, die den Nutzer unabhängig vom Microsoft-Monopol machen soll.
Kann sich also trotz der durchaus teilweise kommerziellen Interessen der Plattformbetreiber die Vernunft der Nutzer durchsetzen und kann sich das Denken aus den eingefahrenen
27 Rosa (2007), 126.
28 Heller, Christian: Emanzipation und Ausbeutung kooperativer Massenkraft, von Marx bis zum Web 2.0.
Hausarbeit zu Proseminar „Das Kapital lesen“ bei Frieder Otto Wolf, SoSe 2006, FU-Berlin 2006, 7f.
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Mustern, die die Kulturindustrie ihm aufbürdete befreien. Entgleist das restringierte Bewusstsein und ist es fähig auch ohne die Schienen des Kapitalismus zu steuern? Der Informatiker Erik Möller schreibt in seinem (im Internet frei einsehbaren) Buch über die heimliche Medienrevolution, die er mit der Demokratisierung des Internet in Verwirklichung begriffen sieht. 29 Nicht nur Software, sondern vor allem auch gemeinschaftlich produzierte Inhalte dienen so Möller der Emanzipation vom Meinungsmonopol der großen Verlage. Wikipedia, die freie Enzyklopädie, an der jeder mitwirken kann und einige Webblogs mit journalistischen Ansprüchen, die z.B. Kritiken zu Zeitungsartikeln liefern, dienen Möller als eindrucksvolles Beispiel. 30 Die heraufziehende Informations- und Meinungsvielfalt sieht Möller nur noch durch die Konvergenzbestrebungen großer Konzerne behindert, die letztlich dazu führen, dass der Internet-Nutzer ohnehin nur die Seiten der Produzenten aufruft, die er auch aus der traditionalen Medienwelt kennt. Die Glaubwürdigkeit der meisten Websites läge noch unterhalb derer, welche selbst kleinsten Lokalzeitungen zugeschrieben wird. 31 Das soll sich ändern. Die heimliche Revolution bedeutet für Möller, die friedliche Entmachtung der Informationsriesen, welche getragen wird von denen, die am heimischen PC selbst Inhalte produzieren und sich und andere somit befreien. 32
All diese Errungenschaften der technischen Entwicklung haben, so wird es oft beschrieben, zur Folge, dass die Menschen ihr kommunikatives Potential stärker nutzen und somit fördern. Adorno sah die Einführung des Rundfunks, die die Menschen immer passiver werden ließ und aus dem immer einseitigeren Kommunikationsgeschehen verdrängte. Während durch die Verbreitung der Telefone an sich noch die Menschen selbst den Inhalt ihrer Gespräche bestimmten, löste also bald das Fernsehen die kritische Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt ab. Heute hingegen hören wir immer mehr von der Substitution des Fernsehens durch das Internet, welches jedem Partizipation und Mitgestaltung verspricht.
Aber auch Gegenstimmen werden laut: „Die zunehmende Technologisierung unserer Gesellschaft wird einen Keil zwischen uns treiben und zu mehr und mehr Vereinsamung führen.“ Bedenken wie diese stellen für Möller nur die Konsequenzen einer einseitigen Entwicklung der digitalen Möglichkeiten dar. Die Neigung zur Realitätsflucht durch Rollenspiele wie The Sims 2 oder Second Life sieht Möller als einziges und überwindbares
29 Möller, Erik: Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern.
Heise, Hannover 2005 - Im Internet: http://medienrevolution.dpunkt.de/files/Medienrevolution-1.pdf , 209f.
30 Ebd., 46.
31 Ebd., VI f.
32 Ebd., 214ff.
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Übel. 33 Die Gefahren des Datenmissbrauchs jedoch lässt er links liegen, wenn es bspw. darum geht Soziale Kontakte durch Computergestützte „Friendfinder“ in der Realität zu knüpfen. Neben der wachsenden Möglichkeiten der Kontrolle und Einflussnahme Dritter, welche eine solche viel diskutierte Offenlegung privater Bereiche bietet, sind auch die Tendenzen zur Selbstvermarktung im Internet zu erwähnen:
3.1 Die kapitalistische Einbindung der Nischenkultur
Wie letztendlich also auch dezentrale Inhaltsproduktion der kapitalistischen Verwertung zugeführt wird, beschreibt Chris Anderson: In „The Long Tail“ setzt sich der Redakteur der Zeitschriften „Wired“ und „The Economist“ mit der sich zusehends verstärkenden Vernischung kultureller Inhalte im Internet auseinander. Ausgehend von der Musikindustrie schildert er, wie den Hits im kapitalistischen Verwertungssystem eine immer geringer werdende Bedeutung zukommt. Anderson blickt optimistisch auf diese Diversifikation und betet eine Emanzipation vom Mainstream der Kulturindustrie im herkömmlichen Sinne. Gleichzeitig sieht er kein Problem darin, dass die Plattformbetreiber sich diesen langen Schwanz der Nischenprodukte durch Anpassung ihrer Vermarktungsstrategien kommerziell zu Nutze machen. Geistiges Eigentum wird jetzt weicher gehandhabt: Einerseits geht man nicht so restriktiv wie bei den streng die Wertschöpfungskette durchlaufenden Kassenschlagern vor, andererseits behält man sich doch vor die Produkte für kommerzielle Zwecke zu gebrauchen. Anderson gibt Tipps, wie Unternehmen wirkungsvoll Arbeit an ihre Kunden delegieren können. Die schier kostenlose Verbreitung der Inhalte und der unendliche Regalplatz des digitalen Raums führen dazu, dass Absatzprobleme keine Rolle mehr spielen, dan nun einfach alles zu minimalen Preisen angeboten werden kann. Diese leicht fadenscheinige Entfesselung immatrieller Güter und die Überwindung der kapitalismustypischen künstlichen Verknappung, wenn auch unter Erhalt des Wirtschaftssystems an sich, inspiriert Anderson mit Blick auf die Technologie der 3D-Drucker, von einer Aufhebung auch der Knappheit materieller Güter zu träumen. Über das Internet sei (zwar nicht im Marx’schen Sinne gerichteten, sondern eher anarchisch, unplanmäßig) die Wertschöpfungsfähigkeit der Individuen perfekt kombinierbar. 34 Der postmaterialistische Individualismus, den Anderson predigt, kann jedoch zu einem Rückzug
33 Möller (2005), 211f.
34 Anderson, Chris: The Long Tail - der lange Schwanz. Nischenprodukte statt Massenmarkt - Das Geschäft der
Zukunft. Hanser Wirtschaft, München 2007, 264ff / Vgl. auch Heller (2006), 11 ff.
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auf egoistische konsumorientierte Erwartungen bei gleichzeitiger Vernachlässigung gesellschaftlicher Realisierungsmöglichkeiten und zur Scheu vor jeglicher politischer Auseinandersetzung führen. 35 Aber nicht nur das: Die Auslagerung der Produktion in die Reihen der Kunden, welche fleißig Bewertungen schreiben (Film- oder Buchkritiken) und bereitwillig private Angaben in eigens dafür vorgesehene stereotyp-betitelte Kästchen pressen, führt letztlich zur Ausweitung des Marktes in das Bewusstsein des Individuums. Ist das Netzwerk erst einmal groß genug, ist es ein leichtes für den Plattformbetreiber, alle Dienste als Kostenlos anzupreisen und trotzdem über Werbeeinblendungen, die immer zielgenauer wird, das große Geld zu machen, oder einen immer größer werdenden Bruchteil der Kunden zu einem kostenpflichtigen Premium-Abo zu überreden. Selbstvermarktung heißt dann, dass die Kunden ihre Freizeit gerne dafür opfern, sich orientiert an den Vorgaben der Internetunternehmen zur Produktion verwertbaren Inhalts hinzugeben, während sie gleichzeitig ihre Freiheit feiern.
Wo wir mit Marx in der Open-Source- und Open-Content-Bewegung vielleicht noch die „gesellschaftliche“ Verbindung der Produktivkräfte unter Abstreifung der Vorherrschaft der Kapitalisten hätten erahnen können, holt uns jedoch die Realität ein und zeigt, dass sich nichts der Verwertungslogik des Kapitalismus entziehen kann. Auch die Kulturindustrie der Massen mit ihren scheinbar ungerichteten, evolutiven Schöpfertum kann sich dem Funktionszusammenhang des Kapitalismus nicht entziehen. Das Gefühl der Selbstbestimmtheit, welches aus dem Verblendungszusammenhang erwächst, der sich anhand der kommunikativen Potentiale der „freien“ Vernetzung konstruieren lässt, erscheint bald nur wie die aufgebauschten Versprechungen zur Einführung des Privatfernsehens als Publicity-Gag. 36
Die kulturelle Produktivität und hoch gelobte Kreativität entpuppt sich in den meisten Fällen jedoch als bloße Aneignung des ohnehin Bekannten. Da wird geremixt, parodiert, uminterpretiert, zitiert und somit die Struktur populärer Kulturprodukte bestärkt. Durch diesen Überstrom des Immergleichen wird letztlich die Selbstbestimmte ästhetische Erfahrung, durch die Neues entstehen kann, verhindert. Dass die Menschen Heute in den Pausen der Arbeit nicht die Revolution planen, liegt daran, dass es keine Pausen mehr gibt und dass die Werte,
35 Späth, Holger: Meinung und Partizipation. Über Entmündigung und Meinungsmanipulation in
kulturindustriellen Kommunikationsstrukturen. Kritik und Handlungsperspektiven. Ibidem-Verlag, Stuttgart
2000, 37.
36 Vgl. Späth (2000), 104f.
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die wir von den Medienmonopolen indoktriniert bekommen, auch das Handeln und die Kommunikation in der Freizeit bestimmen.
Schon im Klappentext der deutschen Auflage des durch aus lesenswerten Manifests des Long-Tail-Kapitalismus wird angekündigt, wie Nischenprodukte und „Vermeintliche Flops [die auf eine Vielzahl der Produzenten zurückgehen] auf einmal zum höchst profitablen Geschäft werden.“ Abgesehen davon, dass der online-Inhalt aufgrund der durchaus engagierten, aber dennoch zumeist auf bloßes Herausstechen unter den Massen fixierten Produzenten, zusehends verflacht und wie Adorno sagen würde der Vorherrschaft des Effekts und der Bestätigung des Stils zuträgt - abgesehen davon, entgeht dem Werk Andersons auch die gesellschaftliche Relevanz des instrumentellen Naturverhältnisses strategischen Handelns, das sich (durch den Einzug ökonomischer und Verwaltungstechnischer Imperative in die miteinander verschmelzenden privaten und öffentliche Bereiche des Internet) unter den exhibitionistischen Selbstdarstellern des Web 2.0 ausbreitet.
3.2 Kommunikatives und strategisches Handeln im Internet
An dieser Stelle möchte ich in Auszügen das Konzept der kommunikativen Vernunft von Jürgen Habermas vorstellen, der in der Tradition der Kritischen Theorie an einer sich ausbreitenden Rationalisierung in der Moderne festhält, diese aber in zwei Bahnen unterteilt: Zum einen in die instrumentelle Rationalität, zum anderen aber in die kommunikative Rationalität, die der symbolischen Reproduktion der Gesellschaft (also der Erhaltung von Wissen, Moral und Ästhetik) dienlich ist. Indem Habermas den Ausgangspunkt und Kern seiner Kritischen Theorie von den Produktions- bzw. Tauschverhältnissen auf die Kommunikationsverhältnisse legt, ermöglicht er eine Kritik des Internets, die trotz der angeblichen Umverteilung der Produktionsmittel, oder gerade wegen dieser Umverteilung greift:
Das letztlich sinnstiftende Element der Lebenswelt bzw. der Gesellschaft ist in der traditionalen Gesellschaft der Mythos, der als Weltanschauung das Handeln der Menschen festlegt. In der Moderne differenziert sich diese Weltanschauung durch die „Versprachlichung des Sakralen“ 37 aus - Sinnstiftend sind jetzt internalisierte Werte aus der (objektiven) Welt der Kultur, der sozialen Welt und der Welt der Persönlichkeit. Diese Werte oder Ziele müssen jedoch ständig durch kommunikatives Handeln, bzw. Verständigung ausgehandelt werden. In
37 Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns. Bd. II. Kritik der funktionalistischen Vernunft.
Suhrkamp, Frankfurt/M 1988: [1981], 119f.
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jedem Sprechakt werden Geltungsansprüche gestellt, die legitim sein müssen, damit das gesagte dem Diskurs über die Werte bestehen kann. Diese Geltungsansprüche lassen sich den einzelnen Komponenten der Lebenswelt zuordnen: So kann nur eine Aussage, die für wahr gehalten wird die kulturellen Werte und eine Aussage, die für normativ richtig gehalten wird die sozialen Werte beeinflussen. Eine wahrhaftige (ehrlich gemeinte) Aussage führt wiederum zur Ausdifferenzierung der Welt der Persönlichkeit. Kommunikatives handeln kann jedoch nur geschehen, wenn die Aussage verständlich ist und alle drei Geltungsansprüche als gerechtfertigt wahrgenommen werden. Dieses Drei-Welten-Modell lässt sich sowohl auf individueller als auch auf Gesellschaftlicher Ebene anwenden.
Laut Habermas hat sich der Bedarf an Verständigung über die drei Geltungsansprüche durch die Absage an mystische Dogmen in der Aufklärung und den Autonomiegewinn in der immer komplexer werdenden modernen Gesellschaft immens vergrößert. Um Sozialintegration zu gewährleisten muss ein Teil dieser „Geltungsansprüche“ von der ständigen Aushandlung von Einverständnissen entlastet werden. Das Ergebnis ist „strategisches Handeln“, welches von der Legitimierung seines Anspruchs auf Wahrheit und Richtigkeit befreit ist. 38
Die Gefahr solcher Regulierung, die Habermas beschreibt und welche den Ausführungen Adornos über die total integrierte Gesellschaft stark ähnelt, besteht darin, dass sich „strategisches Handeln“ verselbstständigt und die Artikulation von Geltungsansprüchen in immer mehr Bereichen unterdrückt. Genau dieses strategische Handeln sichert zunächst die materielle Reproduktion der Gesellschaft, indem es (manifestiert und im Wertezusammenhang der Lebenswelt verankert durch das Recht) Konflikte in den Systemen Staat und Wirtschaft regelt. Die Amtsinhaber müssen ihrem Vorgesetzten gehorchen, der Angestellte muss für seinen Lohn arbeiten. Verständigungsprozesse ziehen sich zum Zwecke der Effizienz aus diesen Bereichen zurück. Wenn diesem Prozess nicht eine kommunikative Rationalisierung der gesamten Lebenswelt (also nicht nur von objektivierendem Wissen, sondern auch von Moral und Ästhetik) entgegensteht, endet jedoch die Frage nach dem Sinn in der Antwort Effizienz und da Verständigung über die lebensweltlichen Ziele dieser Effizienz hinderlich erscheint, bildet sich auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene ein fragmentiertes Alltagsbewusstsein aus, welches dem der kolonisierten Stammesgesellschaften ähnelt, deren zerstreute Perspektiven nicht soweit koordiniert werden können, „das Spiel der Metropolen und des Weltmarktes“ zu durchschauen. 39
38 Rosa (2007), 141.
39 Ebd., 146.
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Dieses Szenario welches Habermas als mögliche Fehlentwicklung des Projekts der Moderne beschreibt, ähnelt dem Verblendungszusammenhang, der die an den Fernsehsessel gefesselten Zuschauer sich im Detail der Medieninhalte verlieren lässt. Diese Verwischung des Blickes fürs Ganze konstatiert Adorno als unausweichlich. Das fragmentierte gegenüber dem restringierten Bewusstsein beruht aber weniger auf Indoktrinierung, sondern vielmehr auf der Verselbstständigung systemischer Zwänge, die es zu verhindern gilt.
Mit Habermas können wir nun fragen: Dient das Internet der symbolischen Reproduktion von Wissen, sozialer Ordnung und Persönlichkeit? Und beruht diese Reproduktion auf Verständigung, oder wirkt die instrumentelle Rationalität, der (über die entsprachlichten Kommunikationsmedien Macht und Geld stabilisierten) Systeme Staat und Wirtschaft, die sich einst wegen des übersteigerten Verständigungsbedarfs und zur Sicherung der materiellen Reproduktion der Gesellschaft aus der Lebenswelt ausdifferenziert haben - wirkt diese instrumentelle bzw. funktionalistische Vernunft nun auf die Überzeugungen und Weltanschauungen der Lebenswelt zurück und ordnet diese den Zwängen der materiellen Reproduktion unter? Wird dieser Prozess, den Habermas als „Kolonialisierung der Lebenswelt“ 40 versteht, durch das Internet verstärkt oder nicht? Unter Berücksichtigung seiner Verstricktheit mit den Institutionen der materiellen Reproduktion (wie in 2.1 erläutert) präsentiert sich das Internet unter einem ganz anderen Vorzeichen. Die Millionen Singles die auf Partnersuche durch das Netz surfen, stellen sich auf den Plattformen anhand von vorgegebenen Kategorien dar. Nicht zuletzt die Empfehlungen der Plattformbetreiber lassen sie negative Eigenschaften unterdrücken und zwingen sie dazu sich den antizipierten Rollenmustern anzupassen. Zur Entfremdung von der eigenen Natur kommt die strategische Kommunikation mit dem Ziel der Maximierung des Ansehens, was sich auch anhand der verbalen Faustschläge in einigen Online-Foren nachvollziehen lässt. Aber auch wenn das gemeinsame Arbeiten an freien Produkten harmonischer funktioniert, bleiben systemischen Imperative nicht aus, die Effizienz in den Vordergrund stellen und die Kommunikation über den Sinn der Produktion unterdrücken und die oftmals dahinter steckende Ausbeutung vertuschen.
40 Habermas [1981], 449ff.
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4. Schlussfolgerung
Ob die kommunikative Vernunft die Habermas beschreibt, den Menschen zu mimetischen Verhalten führen kann, welches Adornos letzte Hoffnung war, ist letztlich genauso fraglich, wie die Chance der Verwirklichung dieser „richtigen“ Prinzipien durch das Internet. Wichtig bleibt jedoch zu betonen, dass die neu erwachsenen gestalterischen Möglichkeiten nicht den Blick versperren auf das kapitalistische Ganze und dessen Tendenz zu vielschichtigen Ungleichgewichten.
Die Theorien Adornos und Habermas’ helfen dabei die Entwicklungen des Internet und der Produktion von Öffentlichkeit und kulturellen Gütern allgemein aus einer gewissen Distanz zu betrachten. Was Adorno mit dem Blick fürs Ganze meinte und Habermas mit der Verständigung über Handlungsziele, ist keinesfalls von vorneherein durch die bloße Ausweitung der Vernetzung gegeben, sondern muss erst erarbeitet werden. Sowohl Adorno der durch die Verfolgung der Juden im Dritten Reich verstoßen wurde, als auch Habermas, der wegen seiner Hasenscharte und seines Sprachfehlers von der Verhandlung über Geltungsansprüche in seiner Kindheit oft ausgeschlossen war, erlebten ein unausweichlich distanziertes Verhältnis zur eigenen Gesellschaft, welches wiederum erst ihre tiefgreifendste Kritik ermöglichte.
Adorno und Habermas machen darauf aufmerksam, dass der Programmierer der die neueste Software zur Ausbeutung seiner eigenen Arbeitskraft entwickelt, sich zu sehr im Detail verliert um zu erkennen, dass er sein eigenes Grab schaufelt. Auch die enorme Anzahl der MySpace- oder StudiVZ-Freundschaften wirkt weniger bedeutsam, wenn man bedenkt, dass bei all dem streben für jedes Problemchen einen Ansprechpartner zu finden, die Qualität und die Fähigkeit zu tiefen und dauerhaften Beziehungen schnell abhanden geht. Ein kritischer Blick auf das Internet wird also auch in Zukunft von Nöten sein, soll nicht ein Meer aus unnötigen Notwendigkeiten uns den Blick auf die Gefahren der Abhängigkeit und der Manipulation durch den Technischen Fortschritt verstellen.
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5. Literaturverzeichnis
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Norbert Sander, 2008, Kulturindustrie der Massen – Ein Blick der Kritischen Theorie auf das Internet, München, GRIN Verlag GmbH
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