Gliederung
1. Einleitung 3
2. Ideologiekritik und Pragmatismus in der Französischen Soziologie
2.1 Das Kritikverständnis Bourdieus Kritischer Soziologie 3
2.2 Soziologie der Kritik als Hinwendung zu den Akteursdeutungen 5
2.3 Boltanskis Projekt der Zusammenführung beider Theorietraditionen -
Eine Ideologie-Metakritik 7
2.4 Einwände gegen eine pragmatische Soziologie der Kritik 9
3. Die Hermeneutik als Verhandlungsort praktischer Kritik
3.1 Weltverhältnisse als Grundlage soziologischer Kritik 11
3.2 Kritische Theorie und die Spuren der Ideologiekritik 13
4. Schluss 15
5. Literaturverzeichnis 17
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1. Einleitung
Wenn man das Programm der Soziologie der Kritik nach Luc Boltanski und Eve Chiapello mit der Kritischen Soziologie, also der Schule Pierre Bourdieus vergleicht, könnte man meinen, das jeweils proklamierte Verständnis von „Kritik“ könnte unterschiedlicher kaum sein. Auf der einen Seite der kühle Blick Boltanskis Metakritik, der nach pragmatischen Gesichtspunkten die Kritik, ihre Wirkung und ihre Geschichte in der kapitalistischen Gesellschaft untersucht und auf der anderen Seite ein volksnaher Bourdieu, der uns in aufklärerischer Manier zeigen will, warum wir nicht aus unserer Haut können und dass diese Haut (unser „Habitus“) der Inbegriff gesellschaftlicher Ordnung ist. Ein erstaunlicher Perspektivenunterschied, wenn man bedenkt, dass Boltanski Schüler und Assistent Bourdieus war.
Mit diesem Beitrag möchte ich versuchen Unterschiede der Kritischen Soziologie und der Soziologie der Kritik herauszustellen sowie im Vergleich zu anknüpfbaren theoretischen Positionen aus dem Bereich der kritischen Theorie auf grundlegende Konfliktlinien im Verständnis der gesellschaftskritischen Aufgabe der Soziologie hinzuarbeiten, entlang deren sich auch andere Formen soziologischer Kritik positionieren müssen. Hierbei wird die Verbzw. Bearbeitung der Erfahrungen der Akteure und alltagspraktischer Kritik im Mittelpunkt stehen.
2. Ideologiekritik und Pragmatismus in der Französischen Soziologie
2.1 Das Kritikverständnis Bourdieus Kritischer Soziologie
Beim Studium der Soziologie kommt man auch an deutschen Universitäten nicht um Pierre Bourdieu herum. Besonders jedoch in Frankreich konnte er sein Konzept der „Kritischen Soziologie“ sehr öffentlichkeitswirksam näher bringen. Der Habitus als strukturierte und strukturierende Struktur sozialer Praxis steht im Mittelpunkt dieser Strömung. Doxa und Hexis, die Manifestation gedanklicher und körperlicher Einverleibung von Erfahrungen bilden den Keim eines klassenspezifischen Habitus, der sich wiederum in der Praxis auf die Angehörigen derselben Schicht „überträgt“. Die Praxis erscheint dann als „[…] Ort der Dialektik von opus operandum und modus operandi, von objektivierten und einverleibten
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Ergebnissen der historischen Praxis, von Strukturen und Habitusformen […]“. 1 Ökonomisches, kulturelles, und soziales Kapital bilden die Schlüsselkategorien, den Sozialen Raum zu beschreiben und individuelle als auch kollektive Akteure und ihre Beziehungen zu verorten und vor dem Hintergrund des unüberwindbaren Habitus vor allem die stetige Reproduktion gesellschaftlicher Ordnung zu erklären. 2 Das Habitus-Konzept stellt die Grundlage für Bourdieus Weltbild und seiner Auffassung des Weges, den Soziologische Kritik beschreiten kann.
Ein wichtiger Punkt hierbei ist, dass sich der Habitus dem Bewusstsein der Akteure weitgehend entzieht, und nur für den Beobachter in reflexiver Hinwendung zum Fall und mit dem „soziologischen Auge“ erschließbar ist. 3 Indem Bourdieu die kritische Aufgabe der Soziologie in ihrer verstörenden Aufdeckung verborgener Verhältnisse konstatiert, zielt er nicht nur gegen die Herrschenden, sondern gegen das Selbstverständnis aller Akteure, über deren beschränkten Willen sich die Soziologie hinwegsetzen muss. 4 Ein Hauptanliegen Bourdieus besteht also darin, in marxistisch, aufklärerischer Manier zum Aufstand gegen die Obrigkeit zu ermutigen und so gegen soziale Ungleichheiten vorzugehen. 5 Das Verhältnis des kritischen Soziologen zum Alltagsmenschen bleibt dabei immer zwiespältig. So geht es Bourdieu zum einen um die Artikulation des Leides: Er möchte Partei für die Unterdrückten ergreifen und eine Anklage formulieren, gegen diejenigen, die (vor allem substanziellen, bzw. essenziell gefassten 6 ) Reichtum besitzen und vorenthalten, gegen diejenigen, die an der Spitze der Gesellschaft stehen und Mauern aufbauen, um nicht teilen zu müssen. Wie Bourdieu in „die feinen Unterschiede“ zeigt, funktioniert diese Destinktion jedoch nicht nur Top down, sondern auch Bottom up; Aufstrebende Bevölkerungsgruppen, die hart für ihren Erfolg kämpfen werden nie einfach nur zu genießen wissen, wie es der Herrschenden Klasse vorbehalten ist; Die unteren Schichten machen aus ihrer Not eine
1 Bourdieu, Pierre: Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1987 [franz. Orig. 1980], S. 98 /109.
2 Bourdieu, Pierre: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz: UVK 1997 [franz. Orig. 1993], S. 163.
3 Ebd., S. 780.
4 Bourdieu, Pierre: Soziologische Fragen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993 [franz. Orig. 1980], S. 20f /32.
5 Ebd., S. 22f.
6 Auch wenn sich ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital nur durch Reinvestition in der Praxis reproduzieren können, so liegt der Beurteilung der Größe dieses Kapitals doch bestimmte Wertvorstellungen zu Grunde, die Bourdieu vorwegnimmt. Dass bspw. der Existenz einer Beziehung zu einer finanzschwachen Person mit niedrigem Bildungsabschluss und wenigen Freunden einen sehr hohen Wert haben kann, bleibt unvorstellbar. 4
Tugend, die aber nicht zur Erfüllung führen kann, da sie einem falschen Bewusstsein entspringt und lediglich die Herrschaftsmechanismen reproduziert. Deshalb braucht es zum anderen die Einmischung eines aufgeklärten Soziologen, der von den (hinter dem Rücken der verblendeten Akteure sich tradierenden) Leid und Ungleichheit erzeugenden Strukturen weis. Das Elend wird also als Mittel zur Generierung von Empörung und als Waffe gegen die herrschenden Strukturen verwendet. Es kann aber durch die Unterdrückten selbst nicht wahrgenommen und artikuliert werden, sondern muss diagnostiziert aus der Einsicht in die Makrostrukturen ihnen an die Hand gegeben werden.
Wie vielleicht schon deutlich geworden ist, setzt diese Art der Aufklärung bzw. Aufklärung an sich immer eine gewisse Ignoranz oder Gleichgültigkeit gegenüber den Werten und Weltdeutungen der Akteure voraus. So wird Bourdieu nicht müde zu betonen, dass der Beobachter ständig auf der Hut sein muss, sein Wissen gegen die Alltagsdeutungen der Akteure durch zu setzen:
„Man sollte nicht dem Glauben erliegen, allein durch die Tugend der Reflexivität könne der Soziologe die stets höchst komplexen und vielfältigen Effekte der Interviewbeziehung jemals vollständig kontrollieren. Dies ist umso weniger der Fall, als die Befragten selbst, bewusst oder unbewusst, in das Spiel eingreifen und versuchen können, ihre Definition der Situation durchzusetzen und in diesem Austausch, bei dem das Bild, das sie von sich haben und vermitteln wollen, auf dem Spiel steht, den Spieß zu ihrem Gunsten umzudrehen.“ 7
An dieser Bevormundung der Akteure nehmen Boltanski bspw. aber auch Bruno Latour Anstoß. Bei der Erarbeitung von Gesellschaftskritik gelte es sich auf die Akteure zu stürzen und ihnen bis an den Rand ihrer Erklärungskraft zu folgen. In den 80er Jahren war also ein zentrales Anliegen Boltanskis zunächst dem dogmatischen Charakter einer der Makroperspektive verbundenen „sociologie critique“ zu entkommen.
2.2 Soziologie der Kritik als Hinwendung zu den Akteursdeutungen
Wenn ich heute von Fremden, Bekannten, Verwandten gefragt werde: „Was ist das eigentlich ‚Soziologie‘ - was du da studierst? Was kann man damit machen?“, komme ich jedes Mal ins stocken und meine Antwort fällt immer anders aus. Sicherlich nicht unabhängig von meinem jeweiligen Gegenüber und der Gesprächssituation. Auch aber spielen die Theorien und Theoretiker, mit denen man sich gerade beschäftigt, eine starke Rolle, wenn es darum geht,
7 Bourdieu, Pierre (1997), S. 788. 5
eigene Gedanken zu entwickeln und sich die Soziologie anzueignen. Und so stellt sich für jede Studentin und jeden Studenten die Frage, ob es das Beste ist, sich an einer Theorie(strömung) zu orientieren und vielleicht Gefahr zu laufen, so tief in sie einzutauchen, dass Falsifikationsmöglichkeiten und alternative Deutungen außer Acht geraten, oder ob man versuchen sollte, so viele Theorien wie möglich auf dem Schirm zu behalten und so vielleicht Zielgenauigkeit und Leidenschaft aufs Spiel setzen muss. Bourdieus Theorie jedenfalls bleibt für Boltanski (wie sicherlich für viele Soziologen) in Abgrenzung wie in Hinwendung immer ein dominanter Bezugspunkt auch in der Erarbeitung eigener Ideen.
Mit der Arbeit an einer Soziologie der Kritik sagt sich Boltanski von einem Widerspruch los, den er in Bourdieus Denken diagnostiziert. Auch wenn sich Bourdieu in Bezug auf die Erklärung gesellschaftlicher Ordnung gegen die naturalisierende Idee einer „mechanischen Reproduktion ursprünglicher Konditionierung“ sperrt, so bleibe seine Vorstellung von Autonomie doch immer die, einer den Grenzen des Habitus verhafteten, einer „kontrollierten Freiheit“ 8 , die dem Streben nach Emanzipation und Bourdieus aufklärerischem Impetus diametral gegenüberstehe:
„Wenn alle Beziehungen letztlich auf Interessenkonflikte oder Machtkämpfe reduziert werden können und wenn es sich hierbei um ein immanentes ‚Gesetz’ des ‚Sozialen’ handelt, warum sollte man sich dann die Mühe machen, sie mit einem Unterton empörter Kritik anzuprangernanstatt sie einfach mit der Distanz eines Entomologen, der eine Ameisenkolonie untersucht, zu beobachten?“ 9
Gegenüber den Bourdieuschen Theorien verschiebt sich das Hauptaugenmerk der Untersuchung „Über die Rechtfertigung“ auf die Ebene des intentionalen Handelns der Akteure und genauer auf die Alltagspraktiken der Rechtfertigung und ihre normativen Implikationen. Die 1991 erschienene Studie nimmt die moralische Praxis der Akteure ernst, sie werden als ebenbürtige Gesellschaftskritiker angesehen und es gilt die Grundlagen ihrer Werte nachzuvollziehen und diese nicht unter dem Vorwand der Verblendung zurückgewiesen. 10 Erst aus der Expertise dieser alltagspraktischen Werturteile, die die
8 Bourdieu, Pierre (1987), S. 103.
9 Boltanski, Luc und Ève Chiapello: „Die Rolle der Kritik für die Dynamik des Kapitalismus: Sozialkritik versus Künstlerkritik“. In: Max Miller (Hg.), Welten des Kapitalismus. Institutionelle Alternativen in der globalisierten Ökonomie (S.285-321). Frankfurt: Campus 2005, S. 286. Chiapello und Boltanski wenden sich explizit gegen den Fatalismus, den Bourdieus Habitus-Konzept mit sich bringen mag und suchen einen Weg konstruktiver Kritik Platz zu verschaffen. Boltanski, Luc und Ève Chiapello (2003), S. 574f.
10 Boltanski, Luc und Laurent Thévenot: Über die Rechtfertigung. Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft. Hamburg: Hamburger Editionen 2007 [franz. Orig. 1991], S. 16. 6
Autoren zu in sich kohärenten Rechtfertigungsordnungen verdichten, ergibt sich der Blick in Richtung Makroebene. Das Konzept der Rechtfertigungsordnung beschreibt eine Fülle von aufeinander abgestimmten moralischen Annahmen und Argumenten, auf die sich bezogen wird, um Motivation zu gewinnen und Entscheidungen und Handeln als legitim auszuweisen. 11 Bei der Herstellung von Größe, wie es heißt, ermöglicht es die komplexitätsreduzierende Wirkung der Rechtfertigungsordnungen Wertmaßstäbe zu stabilisieren und jeweils andere Argumentationssysteme als unrelevante Besonderheiten auszuweisen. 12
Nach dieser kurzen Zusammenschau mag es vielleicht so scheinen, als wäre die Soziologie der Kritik viel näher an den Auffassungen der Akteure und dementsprechend fähiger bezüglich der Artikulation von Unrecht als die Kritische Soziologie - Ganz im Gegensatz zu der in der Einleitung beschriebenen Sichtweise. Aber das Steckenpferd der kritischen Sozialwissenschaften, die Aufdeckung verborgener Herrschaftsstrukturen, bleibt Ausgangspunkt für Einwände gegen ein Konzept, das die Pluralität der Kritik und die allgegenwärtige Konsensfindung (in Rechtfertigungsordnungen) betont, von der Analyse von Mikro-Situationen ausgeht und somit den Einfluss der gesellschaftlicher Strukturen vernachlässigt.
Die Soziologie der Kritik soll jedoch kein Abgeschlossenes Theoriegebäude sein, wie es im Fall des Habitus und seiner Reproduktion den Anschein haben mag. Die neueren Entwürfe dieser soziologischen Strömung lassen sich als Versuch interpretieren, den kritischen Einwänden gerecht zu werden. Boltanski beschreibt sein Werk in einer Phase der „Selbstsubversion“ befindlich und spielt dabei auf das schwierige Vorhaben der Vereinigung der Kritischen Theorie und der pragmatischen Soziologie der Kritik an: 13
2.3 Boltanskis Projekt der Zusammenführung beider Theorietraditionen - Eine Ideologie-Metakritik
In den 90er Jahren nimmt Boltanski wieder Kurs auf die Kritische Soziologie, die für ihn mehr zu sein scheint als das starre Konzept des Klassen-Habitus, an dem es sich lang zu
11 Boltanski, Luc und Laurent Thévenot (2007), S. 30f.
12 Ebd., S. 179.
13 Celikates, Robin: „Soziologie der Kritik oder Kritische Theorie? Ein Gespräch mit Luc Boltanski und Axel Honneth“. In: Rahel Jaeggi und Tilo Wesche (Hg.): Was ist Kritik?. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2009b, S. 82. 7
hangeln gelte. 14 In „Der neue Geist des Kapitalismus“ versuchen Boltanski und Chiapello einige Aspekte der Kritischen Soziologie wieder aufzugreifen und für die Soziologie der Kritik nutzbar zu machen. So wurde der pragmatischen Soziologie der Kritik ein kollektiver sowie historischer Rahmen verpasst, der es gestattet den Begriff des Kapitalismus zu benutzen und die Rolle der Kritik für die Dynamik des Kapitalismus und des Normwandels zu skizzieren. 15
Die Untersuchung knüpft natürlich zu allererst an die Erkenntnisse aus der pragmatischen Soziologie der Kritik Boltanskis an. So wird der Kapitalismus zunächst als „amoralisches Prinzip der Kapitalakkumulation“ betrachtet, das im Anschluss an Weber einer moralischen, ideologischen Verquickung bedarf, um die Handlungen der Akteurinnen zu beeinflussen. Die Motivation sich einer bestimmten Produktionsweise zu unterwerfen, wird in der Berufung auf eine Rechtfertigungsordnung generiert, die die jeweilige Form des Kapitalismus mit moralischen Aspekten der Sicherheit, Gerechtigkeit und persönlicher Anreize verbindet. So schafft es der Kapitalismus die Menschen nicht trotz, sondern aufgrund ihrer reflexiven Fähigkeiten für sich zu gewinnen. 16
Die „Bewährungsprobe“ stellt ein Konzept dar, das (sowohl auf Mikro- als auch auf Makro-Ebene anwendbar) die Bedeutung der jeweils zur Anwendung kommenden und von allen Beteiligten als legitim empfundenen Rechtfertigungsordnung bei der Herstellung von Wertigkeiten von Personen verdeutlicht (z.B.: in der Personalrekrutierung, Lohnvergabe…). Diese rosige Beschreibung stellt natürlich nur einen Idealfall dar, während reale Situationen immer auf einem Kontinuum zwischen der legitimen Bewährungsprobe und ihrer Gegenseite, der Kraftprobe, die allein durch das Gesetz des Stärkeren bestimmt ist, angesiedelt sind. 17 Durch das Konzept der Bewährungsprobe lässt sich der Widerstreit zwischen verschiedenen Rechtfertigungsordnungen sowie die Präsenz von Machtverhältnissen bei jeder Art „bewusster“ Entscheidungen fassen, da es hierbei immer um das Abwegen von Handlungsmöglichkeiten geht, das durch eine Rangfolge von Personen, Dingen oder Argumenten zum Ausdruck kommt. Kritik setzt nach Boltanski und Chiapello an diesen Bewährungsproben an und kann entweder (reformistisch) eine stärkere Anbindung der Praktiken an die Rechtfertigungsordnung fordern und somit den Machtspielraum
14 Boltanski, Luc und Ève Chiapello (2005), S. 287.
15 Ebd., S. 288.
16 Boltanski, Luc und Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK 2003 [franz. Orig. 1997], S. 42f.
17 Ebd., S. 72ff. 8
einschränken, oder sie kann (revolutionistisch) die Legitimität der Bewährungsprobe und damit die dahinter stehende Rechtfertigungsordnung an sich in Frage stellen. Im großen Rahmen der Entwicklung des Kapitalismus im 20. Jh. In Frankreich ergibt sich ein Bild der Dynamik nicht nur der Produktionsweisen, sondern vor allem des Geistes des Kapitalismus, der sich von einer bürgerlichen über eine industrielle Rechtfertigungsordnung zu einer „cité par projets“ zum Geist des Projekts oder Netzwerks entwickelt hat. Die tragende Rolle in diesem Spiel halten für Boltanski und Chiapello die unterschiedlichen kritischen Strömungen inne und die Weisen mit denen sie ignoriert, umgangen, assimiliert, gegeneinander ausgespielt oder umgesetzt werden.
Dem Emanzipationsstreben der Kritischen Soziologie kann nun ein Äquivalent geboten werden, indem die Funktion einer Soziologie der Kritik in der Beratung der Kritik verortet wird. Es gilt dieser zu helfen die Manöver des kapitalistischen Geistes aufzudecken und die Kritik auf die Stellen aufmerksam zu machen, an denen sich der Kapitalismus neue Machtspielräume erschließt. Die Rhetorik des Netzopportunismus bspw. stellt einen Versuch dar, die Gestalt der Ausbeutungsstrukturen in der konnexionistischen Welt zu beleuchten und so eine Reformulierung der Sozialkritik voranzutreiben. 18
Der Schritt, den Boltanski in der Studie über den Geist des Kapitalismus wieder auf die Kritische Soziologie zu geht, lässt sich also in einer stärkeren Gewichtung Makrotheoretischer Ausführungen zusammenfassen, wenngleich soziale Bewegungen und andere Phänomene der kapitalistischen Gesellschaft immer an die konkreten Entscheidungen der Subjekte rückgebunden werden. Aus der Einsicht in die Wandelbarkeit des kapitalistischen Geistes folgt der Schluss, dass soziologische Kritik der Form einer Metakritik bedarf, die sich nicht konkreten moralischen Werten verpflichtet, sondern sich immer an den Gerechtigkeitsvorstellungen der Akteure orientiert. Boltanski strebt also eine Art Ideologie-Metakritik an.
2.4 Einwände gegen eine pragmatische Soziologie der Kritik
Natürlich gibt es auch Einwände gegen das Programm der Soziologie der Kritik, die an dieser Stelle nicht unangesprochen bleiben sollen. So wird am Konzept des Netzopportunismus kritisiert, dass hierbei die Wurzel allen Übels auf das egoistische Verhalten einzelner Akteure reduziert wird. Die Schuld lastet dann auf den Subjekten, die gewinnbringende Kontakte nicht
18 Boltanski, Luc und Ève Chiapello (2003), S. 398ff / 418f. 9
mit anderen teilten, sondern einen Flaschenhals an ihrer Position im Netzwerk konstruierten, von dem sie auf Kosten der Mobilität ihrer Partner profitierten. Wie es zu solchem Verhalten kommt und welche Gesetzlichkeiten, die dahinter vermutet werden, dieses Spiel am laufen halten, bleibe jedoch unklar. 19
Warum werden aus den einstigen Rebellen die Führungskräfte von Morgen, die ihre eigenen Wurzeln verraten und nur noch ein Abbild der früheren Ideale beten, das mit der kapitalistischen Produktionsweise konform geht? Ein häufiger Vorwurf, den sich die Soziologie der Kritik ausgesetzt sieht, ist der ihrer Blindheit für verborgene Kräfte. Eine Betrachtung des kapitalistischen Geistes als legitimierende und zugleich beschränkende Ideologie hinter der Kapitalakkumulation, die zudem von ihrer Kritik lebt, verschiebe die Zwangseffekte, die sich im Geflecht aus politischem Apparat und den kapitalismusinhärenten Prinzipien der Konkurrenz, des technischen Fortschritts und der Globalisierung ergeben, ins Dunkel. 20
Eine mögliche Antwort Boltanskis lässt sich aus der Annahme der zwangsläufigen Unvollständigkeit von Kritik und wissenschaftlicher Theorie herleiten. Demnach ist die Untersuchung des Kapitalismus durch die historische, geografische Bindung als auch durch den Fokus auf die Rechtfertigungspraxen von vorneherein begrenzt, zugleich aber auch offen für die Anknüpfung weiterer Theorieelemente. 21 Was für die praktische Kritik gilt, die sich immer neue Angriffspunkte suchen muss, den Spielraum kapitalistischer Ausbeutung zu beschränken, gilt auch für die Wissenschaft, die mit abgeschlossenen Theoriegebäuden einer lebendigen Gesellschaft bestenfalls hinterherhinken kann. 22 Ein Kontra gegen die Einwände mag auch die bisherige Unterrepräsentation kultureller, handlungstheoretischer Erklärungsversuche der Entwicklung des Kapitalismus gegenüber denen, die sich in Termini von Kräften und Gesetzen jenseits des menschlichen Einflussbereiches ausdrücken. Hier möchten Boltanski und Chiapello mit ihrer Studie ein kulturtheoretisches Gegengewicht stellen. 23 Wo die Beschreibung ökonomischer oder bei Bourdieu sozialer Gesetzmäßigkeiten eine unhintergehbare, naturalisierte Form des Kapitalismus impliziert, zeigt die Studie Boltanskis und Chiapellos auf, wie unsere alltäglich bewusst getroffenen Entscheidungen und Handlungen den kapitalistischen Geist erst hervorbringen.
19 Peter, Lothar: "Der neue Geist des Kapitalismus". Stärken und Schwächen eines Erklärungsversuchs. In: Z. Ztsch. Marxistische Erneuerung, S. 16.
20 Ebd., S. 9.
21 Boltanski, Luc und Ève Chiapello (2003), S. 84f
22 Celikates, Robin (2009b), S. 82.
23 Boltanski, Luc und Ève Chiapello (2005), S. 320. 10
Um die Unterschiede der beiden theoretischen Strömungen zu verdeutlichen, möchte ich zwei weitere Ansätze präsentieren, die sich als Versuch der Integration der ideologiekritischen Theorien Bourdieus in eine von einer pragmatischen Moralphilosophie angehauchten Soziologie interpretieren lassen.
3. Die Hermeneutik als Verhandlungsort praktischer Kritik
Es soll im dritten Teil dieser Ausarbeitung weiter um die Bedeutung der alltagspraktischen Kritik der Subjekte für die Erarbeitung soziologischer Theorien gehen, bzw. darum, wie das Verhältnis der Alltagspraktischen zur wissenschaftlichen Kritik zu bestimmen ist. Während Bourdieu eine eher paternalistische Umgangsweise mit den Deutungen der Akteure vorgeworfen wird, weisen Boltanski und Chiapello laut ihrer Kritiker zu wenig Skepsis im Umgang mit dem Gesagten auf, wenn sie bspw. der Managementliteratur vertrauen schenken.
3.1 Weltverhältnisse als Grundlage soziologischer Kritik
Nach einem kritischen Blick auf Bourdieus Werk gilt es auch hier den Gehalt seiner Theorien zu reflektieren und ihn nutzbar zu machen. Der Versuch zwischen Alltagserfahrungen und wissenschaftlicher Theorie eine produktive Auseinandersetzung zu gestallten findet sich in den Arbeiten Hartmut Rosas. Herauskommen soll dabei eine Kritik, die die Begehren der Akteure Zusammenfasst und gesellschaftliche Institutionen nach der Fähigkeit auf diese Begehren zu antworten beurteilt.
In einem aktuellen Lehrforschungsprogramm der FSU Jena das sich mit der Rekonstruktion „moralischer Landkarten“ und „Selbst- und Weltverhältnissen“ anhand biografischer Interviews beschäftigt, wird die Relevanz eines Habitus für die individuelle Lebensführung diskutiert. Bei einem Interview, bzw. der nachfolgenden Auswertung soll es dabei jedoch nicht darum gehen, Belege für eine schon vorhandene Gesellschaftstheorie zu finden und den vermeintlichen Einfluss von Milieu- oder Klassenzugehörigkeiten aufzustöbern. Die Idee ist viel mehr, zu rekonstruieren, was es für die Akteure selbst heißt, „nicht aus ihrer Haut“ zu können, welche grundlegenden Werte und Eigenheiten sind (ob explizit oder implizit) unwiderrufbar handlungsleitend. Bourdieus Theorie findet hier Anwendung insofern von Unabänderbarkeiten im Denken und von Verhaltensdispositionen ausgegangen wird, über die die Akteure aber sehr wohl auch selbst berichten können bzw., die sich erst aus der
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Rekonstruktion der konkreten Fallstruktur ergeben.
Hierbei kommen Objektive Hermeneutik und Dokumentarische Methode zum Einsatz, die von einer Schichtung der Sinnspuren im Text ausgehen. Der objektive, bzw. immanente Sinn, der sich auf das „Was“, auf den grammatikalischen Gehalt des Gesagten erstreckt, wird unterschieden vom latenten, bzw. dokumenten Sinn, der sich erst in der Reflexion über das „Wie“ ergeben kann, was ein Nachvollziehen der Sozialisationsgeschichte, bzw. des Erfahrungsraumes des jeweiligen Gegenüber sowie einen Vergleichshorizont zur Voraussetzung hat. 24 Die Frage wie es um die wissenschaftliche Expertise desjenigen, der zur Reflexion kommen will, bestellt sein muss, scheidet nun die Geister. Während Bourdieu in Anschluss an Panofsky die verdeckten Gesetzlichkeiten des Habituellen hinter den Bekundungen offenbaren will, geht die wissenssoziologische Perspektive hingegen mit einer „Suspendierung der mit dem immanenten Sinngehalt verbundenen Geltungsansprüche“ der Wahrheit, bzw. der normativen Richtigkeit einher und begründet „[…] eine Methode, die auf den Prozess der (erlebnismäßigen) Herstellung von Wirklichkeit, also auf die Frage nach dem Wie [etwas gesagt wird], zielt und nicht darauf, Was diese Wirklichkeit jenseits des milieuspezifischen Er-Lebens ist.“ Eine kausalgenetische Analyse, die mittels Kapitalkonfigurationen sinnfremde kausale Vorbedingungen der Genesis stilistischer Praxisformen einführt, steht der sinnhaften soziogenetischen Interpretation der Erlebnisschichtung, die zudem auf habituelle Gemeinsamkeiten und nicht auf Distinktion zielt, gegenüber. 25
Zwar lässt sich aus der wissenssoziologischen Perspektive also ebenfalls eine gewisse Vorsicht im Umgang mit dem Gesagten begründen, Theorieelemente, die eine Deutung tieferer Ebenen des Gespräches erlauben, müssen sich demnach allerdings immer auf die Erfahrungen der Subjekte beziehen (bzw. Vergleiche zu anderen Interviews aufziehen) und können nicht von außen herangetragen werden.
24 Bohnsack, Ralf: Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden. 5. Aufl., Opladen 2003, S. 64f.
25 Bohnsack in Anschluss an Mannheim in Bohnsack, Ralf (2003), S. 68. Eine dritte Schichtung des Sinngehalts, die sowohl bewusst kommunikativ, als auch stilistisch gestalterisch und über die grammatischen Grenzen der Sprache hinaus präsent ist - der intendierte Ausdruckssinn, zeigt zudem, dass in der Wissenssoziologie von einer bewussten Reflexion der Akteure ausgegangen wird. Diese treten in Distanz zu der ihnen unterstellten sozialen Identität und setzen bestimmte Stilmittel ein um bestimmte Reaktionen hervorzurufen. Auch methodisch unterscheidet sich die Wissenssoziologie Mannheims, bei der die offene Narration des Interviewten im Vordergrund steht, von der Herangehensweise Bourdieus, der sich mit der Anwendung von Fragebögen in „Die feinen Unterschiede“ eine Reduzierung der Ausdrucksmöglichkeiten vorwerfen lassen muss. 12
Die Kombination dieser Erkenntnisse mit dem taylorschen Konzept der „moralischen Landkarten“, auf denen sich Berge und Täler im moralische Bewusstsein der Akteure abbilden sollen, ermöglicht dann die Begründung einer Kritik, die die artikulierten moralischen Werte der Gesellschaft als ihre Grundlage versteht 26 und zugleich eine Verständigung über diese impliziten Werthaltungen (bzw. Rechtfertigungsordnungen) verstärken will. Mit Rosa aber auch mit Boltanski lässt sich soziologische Kritik vor allem aus einer „Wenn-Dann-Formulierung“ heraus bestreiten. Es gilt zunächst, je nach Methode Rechtfertigungsordnungen, bzw. Vorstellungen eines gelingenden Lebens aus fachlichen, alltäglichen oder biografischen Konversationen herauszupräparieren, um dann sagen zu können, Wenn wir das und das wollen, dann müssen wir das und das tun, bzw. dann läuft das und das schief.
3.2 Kritische Theorie und die Spuren der Ideologiekritik
Auch die neuere Kritische Theorie setzt sich in jeder Hinsicht mit ihren Grundlagen Auseinander und dabei lässt sich östlich des Rheins ein ähnliches Bild der Auseinandersetzung mit sozialwissenschaftlichen Dogmen, wie in der französischen Soziologie, nachzeichnen. So ist eine Öffnung gegenüber poststrukturalistischen oder nichtmaterialistischen Welthaltungen festzustellen. Im Gegensatz zur Soziologie der Kritik aber spielt die Vorstellung eines verblendeten Bewusstseins bzw. die eines zur Erkenntnis zu verhelfenden Akteurs nach wie vor eine starke Rolle bei der Produktion von soziologischer Kritik.
Während die Frankfurter Schule unter Adorno die Verblendung der Subjekte auf Grund makroökonomischer Zusammenhänge und politischer Indoktrinierung betonte, so wird der Fokus zum einen durch Habermas’ Theorie kommunikativen Handelns und durch Honneths Theorie der Anerkennung auf Kommunikationsprozesse gerichtet. 27 Die vom Pragmatismus inspirierte Wende der Kritischen Theorie, die Honneth beschreibt, ermöglichte es, die Konflikthaftigkeit der Verständigungsprozesse in Sicht zu bekommen und so die Möglichkeiten der Kritik neu zu fassen. 28 Honneth geht von der strukturierenden Wirkung
26 Rosa, Hartmut: „Kritik der Zeitverhältnisse. Beschleunigung und Entfremdung als Schlüsselbegriffe der Sozialkritik“. In: Rahel Jaeggi / Tilo Wesche (Hg.): Was ist Kritik?. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2009, S. 29.
27 Celikates, Robin (2009b), S. 87.
28 Die Abgrenzung Honneths zu Habermas ist unter anderem anhand eines unterschiedlichen Verständnisses von immanenter Kritik nachzuvollziehen. Kritik als immanente kann sich demnach einerseits auf institutionelle Prinzipien, wie bei Habermas die der gewaltfreien Verständigung oder auch das der 13
von Kämpfen um Anerkennung aus, die im Gegensatz zu Bourdieus Konflikten um symbolische Ordnung aber tief mit den Erfahrungen der Akteure verschränkt und nicht ökonomistisch zu deuten sind. 29
Tatsächlich gibt es auch eine Debatte zwischen den Teams die sich um Boltanski und Honneth versammeln; Robin Celikates bspw. versucht in seinem Buch „Kritik als soziale Praxis“ aus einer Synthese der Perspektiven der Kritischen Soziologie und der Soziologie der Kritik Implikationen für die Belebung der Kritischen Theorie zu formulieren. 30 Wo sowohl bei Bourdieu als auch bei Boltanski das Spannungsverhältnis zwischen Wissenschaft und Common Sense zugunsten einer der beiden Seiten aufgelöst werde, steht für Celikates die Kontinuität der Erkenntnismöglichkeiten zwischen wissenschaftlichem Beobachter, kritischem und unkritischem Akteur im Vordergrund. Wenn also nach Bourdieu die Wissenschaftlerin das Gesagte fast schon ignorieren muss, um nicht die Spur des Habitus zu verlieren und Boltanski und Chiapello sich gänzlich auf den Diskurs der Teilnehmer verlassen und Machtstrukturen, die die Kritik verhindern, ausblenden, bzw. nur negativ definieren, unterstellt Celikates Boltanski, den Widerspruch zwischen Wissenschaftlichkeit und kritischem Emanzipationsstreben, der Bourdieu vorgeworfen wird, durch den Rückzug auf eine Metakritik einfach vorschnell ausräumen zu wollen. Somit werden jedoch die Bedingungen reflexiven Vermögens der Akteure vernachlässigt und das kritische Potential der Soziologie nicht ausgeschöpft. 31
Auch wenn Boltanski in der pragmatischen Herangehensweise die Widersprüchlichkeit einer Kritik aus Sicht eines deterministischen Weltbildes umgeht, so bleibe die Beziehung zwischen Metakritik und Praxis doch unklar. 32 Der „kritischen und normativen Haltung“ des Akteurs werde eine dezidiert „unkritische und deskriptive Haltung“ des Wissenschaftlers gegenübergestellt. 33 Celikates proklamiert eine Beseitigung der „Blockaden der
Autonomie beziehen. Andererseits stehen Erfahrungen und Weltverhältnisse der Akteure im Mittelpunkt wie bei Honneth und Rosa.
29 Celikates, Robin (2009b), S. 90. Auch die Neufassung des Begriffs der Entfremdung, als „Beziehung der Beziehungslosigkeit“ durch Rahel Jaeggi lässt sich als Abkehr von einer allzu ökonomistischen Deutung der Gesellschaft interpretieren. Jaeggi, Rahel: „Entfremdung. Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems“ Frankfurt a. M. [u.a.]: Campus 2005.
30 Celikates, Robin: Kritik als soziale Praxis. Gesellschaftliche Selbstverständigung und kritische Theorie, mit einem Vorwort von Axel Honneth. Frankfurt a. M.: Campus 2009a.
31 Ebd., S. 36 oder Celikates, Robin (2009b), S. 94.
32 Celikates, Robin: „Von der kritischen Soziologie zur Soziologie der Kritik?“. In: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 4 (2008), 2, S. 130.
33 Ebd., S. 122. 14
Selbstverständigungspraktiken“ als primäres Anliegen einer (die eigenen Schwächen erkennenden) Kritischen Theorie, die sich nicht nur als (PR-) Berater einer schon vorhandenen und fertigen Kritik der Akteure versteht, sondern versucht unter Einbezug des wissenschaftlichen Erkenntnishorizontes kritisches Denken zu stimulieren und im Dialog beide Seiten neu zu konstruieren. 34 Eine solche Vorgehensweise ließe sich auch als fortwährende Kritik der Kritik Bezeichnen.
Celikates’ Beschreibungen Boltanskis Soziologie der Kritik mögen recht überspitzt erscheinen, in anbetracht der Tatsache, dass auch in „Der neue Geist des Kapitalismus“ durchaus davon ausgegangen wird, dass es dem Kapitalismus gelingt, die Kritik zu täuschen, sie unter falschem Vorzeichen zu Assimilieren oder sie der moralischen Grundlage zu berauben. Mit seinem Versuch der teilweisen Rehabilitierung der Ideologiekritik wendet Celikates sich jedoch in anderer Weise der Kritischen Soziologie, bzw. der Frankfurter Schule zu als Boltanski, der sich gegen eine normative Grundlage der Soziologie sperrt und damit zumindest teilweise die Möglichkeit verspiele, selbst kritisch zu sein. 35 Celikates macht klar, dass er mit der Radikalität mit der Boltanski und Chiapello den Akteuren folgen („suivre les acteurs“) und deren Deutungen zur Erklärung sozialer Ordnung heranziehen, nicht mitgehen, sondern sich auf die Umstände der unterschiedlichen reflexiven Ressourcen der Akteure konzentrieren will. 36
4. Schluss
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass beim Gegeneinanderhalten der Kritischen Soziologie und der Soziologie der Kritik vor allem die zugeschriebene Relevanz der Weltdeutungen der Akteure sowie der Umgang mit ihnen deutlich divergieren. Und auch in anderen soziologischen Strömungen stellt sich zum einen die Frage, inwieweit die alltagspraktische Kritik in wissenschaftliche Theorien Einzug hält, ob als deren Grundlage, als formbares Rohmaterial oder nur als Beispiel für ein durch Herrschaftsstrukturen verblendetes
34 Celikates, Robin (2008), S. 129 /Celikates, Robin (2009a), S. 25.
35 Hierzu: Celikates, Robin (2009b), S. 110ff. / Boltanski zufolge ist ein wichtiges Element der Soziologie die Konstruktion einer „komplexen Exteriorität“, die es erst erlaubt Beschreibungen sozialer Phänomene und Kritik zu verbinden und eine normative Position einzunehmen: „Die Grundlage muss also präzise genug sein, um Kritik zu ermöglichen, und zugleich allgemein genug, um nicht einer bestimmten Moral zugeschlagen zu werden.“ siehe ebd., S. 95.
36 Celikates, Robin (2008), S. 122. 15
Bewusstsein. Neben dem Wert der den Akteursdeutungen bei der Formulierung von Gesellschaftskritik beigemessen wird spielt zum anderen auch die Tiefe der Hermeneutik in das Kritikverständnis mit ein. Während die pragmatische Soziologie der Kritik sich am Gesagten orientiert und so widerstreitende Gerechtigkeitsvorstellungen zu Tage fördert (deren kohärente Durchsetzung schon Anreize zur Reform bieten kann), erfordert die Artikulation von Leid oder Vorstellungen gelingenden Lebens eine Größere Distanz zum Text und die Bezugnahme auf verborgene Strukturen, bzw. implizite Gehalte von Erzählungen. Die hier skizzierte Debatte zwischen Kritischer Soziologie, Soziologie der Kritik und Kritischer Theorie gilt es dabei ständig weiter zu führen. Eine Debatte zwischen Ideologiekritik, Pragmatismus und Hermeneutik, zwischen dem Misstrauen gegenüber politischer Doktrin, bzw. der gesellschaftlichen Irrationalität des Rationalen und dem Vertrauen in den Verstand und die Vernunft der Akteurinnen. Hier wo über Grundlagen und Ziele der Gesellschaftskritik und letztlich auch über Menschenbilder diskutiert wird, ist es wichtig neue Ideen offen aufzunehmen, ohne die alten gänzlich zu vergessen. Zum Schluss dieser Ausarbeitung möchte ich unbedingt weitere Forschungsmöglichkeiten festhalten. So schein mir im Kontext dieser Ausarbeitung die Frage nach dem Kritikverständnis eines Bruno Latour (des wohl schärfsten Kritikers der Bourdieuschen Theorien) sehr interessant 37 . Dieses in Abgrenzung zu dem Boltanskis oder der Kritischen Theorie zu rekonstruieren würde sicherlich weitere Konturen für die Aufgabe der Kritik in der Soziologie zu Tage fördern. Eine neuere Wendung der Soziologie der Kritik möchte sich in ähnlicher Weise wie Latours neue Soziologie von einer allzu positivistischen Vorgehensweise abgrenzen: Der zu eng gesteckte Rahmen aus „Über die Rechtfertigung“, so Boltanski, hatte zur Folge, dass für die konstruierte Realität nur Beschreibungen in den Blick kamen, die sich in der Logik der festgelegten Rechtfertigungsordnungen ausdrückten, ein immenser Teil der „Welt“ also unbeachtet blieb. 38 Das „Entbergen“ der Welt in die von zu starren Institutionen bestimmte Realität ist ein Motiv, das dem Nachzeichnen der Assoziationen, wie es Bruno Latour proklamiert sehr nahe zu kommen scheint. Auch den zukünftigen Arbeiten zur kritischen Aufgabe der Soziologie darf man also gespannt aufwarten.
37 Latour, Bruno: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2007.
38 Celikates, Robin (2009b), S. 107f. 16
5. Literaturverzeichnis
Bohnsack, Ralf: Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden. 5. Aufl., Opladen 2003.
Boltanski, Luc und Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK 2003 [franz. Orig. 1997].
Boltanski, Luc und Ève Chiapello: „Die Rolle der Kritik für die Dynamik des Kapitalismus: Sozialkritik versus Künstlerkritik“. In: Max Miller (Hg.), Welten des Kapitalismus. Institutionelle Alternativen in der globalisierten Ökonomie (S.285-321). Frankfurt: Campus 2005.
Boltanski, Luc und Laurent Thévenot: Über die Rechtfertigung. Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft. Hamburg: Hamburger Editionen 2007 [franz. Orig. 1991].
Bourdieu, Pierre: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz: UVK 1997 [franz. Orig. 1993].
Bourdieu, Pierre: Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1987 [franz. Orig. 1980].
Bourdieu, Pierre: Soziologische Fragen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993 [franz. Orig. 1980].
Celikates, Robin: Kritik als soziale Praxis. Gesellschaftliche Selbstverständigung und kritische Theorie, mit einem Vorwort von Axel Honneth. Frankfurt a. M.: Campus 2009.
Celikates, Robin: „Soziologie der Kritik oder Kritische Theorie? Ein Gespräch mit Luc Boltanski und Axel Honneth“. In: Rahel Jaeggi und Tilo Wesche (Hg.): Was ist Kritik?. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2009, S. 81-114.
Celikates, Robin: „Von der kritischen Soziologie zur Soziologie der Kritik?“. In: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 4 (2008), 2.
Jaeggi, Rahel: „Entfremdung. Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems“ Frankfurt a. M. [u.a.]: Campus 2005.
Latour, Bruno: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2007.
17
Peter, Lothar: "Der neue Geist des Kapitalismus". Stärken und Schwächen eines Erklärungsversuchs. In: Z. Ztsch. Marxistische Erneuerung, 16. Jg. Nr. 62/2005, S. 7-24.
Rosa, Hartmut: „Kritik der Zeitverhältnisse. Beschleunigung und Entfremdung als Schlüsselbegriffe der Sozialkritik“. In: Rahel Jaeggi und Tilo Wesche (Hg.): Was ist Kritik? Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2009, S. 23-54.
18
Arbeit zitieren:
Norbert Sander, 2010, Deutungen alltagspraktischer Kritik in der Kritischen Soziologie, Soziologie der Kritik und Kritischen Theorie, München, GRIN Verlag GmbH
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