Gliederung
1. Einleitung 2
2. Kritik als wechselseitige Rekonstruktion
2.1 Kritische Soziologie und Soziologie der Kritik 3
2.2 Das Biografische Interview als Ort der rekonstruktiven Kritik 5
3. Entfremdung als Indiz für kritische Blockaden 10
4. Zwei Typen kritischer Praxis
4.1 Frühkindliche Entfremdungserfahrungen Werners 13
4.2 Werners kritische Praxis 15
4.3 Frühkindliche Entfremdungserfahrungen Steffens 20
4.4 Steffens kritische Praxis 21
4.5 Gegenüberstellung: Zynismus vs. wechselseitige Interpretation 25
5. Schlussfolgerung 27
Literaturverzeichnis 31
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1. Einleitung
Mit der Erarbeitung von Maßstäben für eine Gesellschaftskritik aus biografischen Interviews ist der Soziologie keine leichte Aufgabe gestellt. Wenn es erst gelungen ist verschiedene Typen von Selbst- und Weltverhältnissen aus einer Fülle von Fällen herauszukristallisieren, stellt sich die Frage, wo die Kritik ansetzen kann. Welche Haltung der Welt und dem eigenen Selbst gegenüber stellt sich für das Individuum als defizitär heraus und welche institutionellen Beschaffenheiten (auf die eine kritische Soziologie letztlich zielen muss) sind damit verknüpft?
Ich möchte mich dieser Frage nähern, indem ich die Verbindung der kritischen Praxis der Akteure und ihren Weltverhältnissen untersuche. Um zu zeigen, dass eine Soziologie nur sinnvoll erscheinen kann, wenn sie den Akteuren erlaubt ihre eigene Kritik zu hinterfragen und ihre Kritikfähigkeit zu erweitern, soll im ersten Abschnitt auf das Verhältnis von soziologischer Theorie und Alltagskritik eingegangen werden. Im zweiten Abschnitt soll dann durch Einführung des Begriffes der Entfremdung die Methode zur Diagnostizierung defizitärer kritischer Praktiken näher bestimmt werden. Welche verschiedenen Formen kritischer Praxis im Zusammenhang mit konträren Welthaltungen auftreten können, soll in Abschnitt drei aus zwei biografischen Interviews herausgelesen werden. Zum Schluss möchte ich festhalten, dass auf der Suche nach Maßstäben der Gesellschaftskritik die Kritik der Akteure nur angemessen zur Geltung kommen kann, wenn sie in der Auseinandersetzung mit den Akteuren hinterfragt wird.
Da ich schon während der Klärung des theoretischen Rahmens Bezug zu den Aussagen eines Interviewten nehmen möchte, soll dieser Fall hier kurz vorgestellt werden. Es handelt sich dabei um Werner F., der 1978 als Sohn eines NVA-Offiziers und einer Lehrerin geboren wurde. Das Verhältnis zu seinen Eltern beschreibt er als innig. Er genoss große Freiheiten in seiner Jugend und Beistand nach Rückschlägen. 1 Er bewohnt seit jeher die Plattenbauten der Randgebiete Jenas und hat nach dem Realschulabschluss eine Ausbildung als Stahlbetonbauer angefangen, die er aber nach einem gewalttätigen Angriff auf seinen Vorarbeiter abbrechen
1 WF: Werner bekommt eines Tages die gesammelten Ausgaben seiner Eltern für ihn, die hauptsächlich aus Bußgeldern bestehen vorgelegt: „Da wusst 'sch dann erst ma was 'sch eigentlich meinen Eltern zu verdanken hab, so. Wenn die mich da nich, wenn die mir da nich geholfen(..)da hätt'sch(..)pf(..)würd'sch wahrscheinlich jetz immer noch im Knast sitzen“.
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musste. Der Startpunkt einer „Karriere in Anführungsstrichen“ 2 wie der Interviewte seinen Werdegang betitelt: Streckenweise suchte er als Mitglied einer rechtsradikalen Band seinen Lebensmittelpunkt in gewalttätigen Auseinandersetzungen mit rivalisierenden Gangs oder der Staatsgewalt. Berufstätig war er während dieser Zeit in verschiedenen Gerüstbau-Firmen, in der letzten auch als Vorarbeiter. Durch den „bewusstseinserweiternden“ Kontakt zu Drogen 3 und zumindest einen teilweisen Wechsel des Freundeskreises gewinnt er Abstand von Gewalttätigkeit und Vorurteilen gegenüber Ausländern. Nach erneuter Arbeitslosigkeit begann er Drogen zu verkaufen, was er jedoch wieder aufgab. Es folgte ein Wechselspiel aus Arbeitslosigkeit und amtlich beschaffter Arbeit (vornehmlich Hilfstätigkeiten in Jugendzentren). Heute möbliert er Veranstaltungsräume und betreut einen Proberaum für Jugendbands in einem Kulturzentrum. In nächster Zeit läuft jedoch auch diese Maßnahme aus und Werner überlegt, ob er einen Teil der freien Zeit in Arbeitslosigkeit, die er schon früher mit Online-Rollenspielen, Fernsehen, Alkohol und Treffen mit Freunden immer zu genießen schien, gegen eine unwesentlich über dem Hartz IV-Satz vergütete Honorartätigkeit an seiner jetzigen Arbeitsstelle eintauschen soll.
2. Kritik als wechselseitige Rekonstruktion
2.1 Kritische Soziologie und Soziologie der Kritik
Da ich in besagtem Kulturzentrum zu Gange bin und auch weiterhin Kontakt zu Werner F. pflege, stehe ich jetzt vor der Aufgabe ihm bei seiner Entscheidung, wie sie auch ausfallen
2 WF: „So naja un dann ging das halt so 'n bisschen los mit der(.) mit der Karriere in Anführungsstrichen. Also ich hab dann ehm(.) ich glaub erstma 'n Jahr oder so war ich erstma arbeitslos. So, 'ne neue Lehre wollt ich erstma überhaupt nich anfangen“.
3 WF: „[…] ich hab's dann auch regelmäßich geraucht un dann irgendwann täglich - dass du(.) bist du 'n komplett anderer Mensch geworden so. […] un dann haste irgendwelche Filme geguckt, so ganz andere als früher - früher haste Kriegsfilme geguckt un Aktionfilme un rumgeballer - un dann […] was komplet anderes halt so, was friedliches, was ruhiges so. […] Irgendwie is is auch ehm 'n Schwarzer is auf eenmal keen blöder Nigger mehr oder sowas, wisste. 'S halt dann(.) es hat komplet den Horizont irgendwie bei mir um 300% erweitert. […] Jo un seit ich dann mit kiffen angefangen hab, […] seit dem hab ich mich ein einzches mal wieder geprügelt und da hab ich, selbst da war es Notwehr“.
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wird, bei zu stehen. Aber kann ich ihn in seinem Entschluss nur bekräftigen oder gibt es noch eine bessere Möglichkeit ihm zu helfen?
Vielleicht sollte ich alles darauf setzen, ihn von meiner Sicht der Dinge zu überzeugen und ihn darauf hinweisen, dass seine Gedanken, wie er sie gewohnt ist zu denken, nur Ausdruck gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse und Unterdrückung sind, dass seine Sympathie für die Wohn-Atmosphäre in Plattenbauten 4 , (oder für die Einfachheit seines Lebens) nur zur Tugend gemachte Not ist. Tugenden, die einen Unterschichten-Habitus formen, der Werner anhaftet und der die gesellschaftliche Ungleichheit nur reproduzieren kann. 5 Mitleid und Empörung würde in mein Gesicht geschrieben stehen, aber würde es Werner wirklich bei seiner Entscheidung helfen, sich als Opfer übermenschlicher Strukturen zu begreifen? Folgt man der kritischen Soziologie Pierre Bourdieus, wäre eine solche Vorgehensweise denkbar. Dass der aufklärerische Impetus einer solchen Theorie jedoch im krassen Widerspruch zu der Machtlosigkeit steht, in der sie die Individuen zurücklässt -außerstande ein freies Leben zu führen, haben Bourdieus Nachfolger gezeigt. Mit der pragmatischen Soziologie der Kritik weht ein frischer Wind. Sie stürzt sich auf die Deutungen der Akteure, zeigt auf welche unterschiedlichen Spielarten der alltäglichen Kritik es gibt, wie die Grundlagen ihrer Rechtfertigungen aussehen, welche Wirkungen sie im spannungsgeladenen Verhältnis mit dem kapitalistischen Akkumulationsprinzip haben und wie sich daraus ein kapitalistischer Geist entwickelt, den es wiederum gegen die Machtspielräume des Kapitalismus auszulegen gilt. 6 Jedoch sehe ich Werners genügsame Zurückgezogenheit kaum in Bezug auf die Rechtfertigungsordnung eines projektbasierten, flexiblen Kapitalismus durchsetzbar. Und wenn ich Werners Beurteilung der Situation folge, ist es für ihn das Beste, abzuwarten und auf das nächste Angebot der Agentur zu hoffen, zumal der geringere Verdienst und Status der Honoraranstellung seinen Stolz verletzen würden. 7 Ich glaube, dass Werner sich nicht seines Anwesens im Plattenbau schämen muss,
4 WF: „Jedenfalls fühl ich mich hier total wohl. Weil's halt och alles so relativ unkompliziert is, ne. Was jetz(.) du hast gleich Verkehrsanbindung, du hast halbwegs vernünftche Leute. […] So also ich wiss nich, da wo ich irgendwie grade bin, da fühl ich mich och wohl. Wenn's halt nich so is, dann zieh ich woanders hin. Aber 's hatt ich ja noch nie. (I: mhm)“.
5 Bourdieu, Pierre: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz: UVK 1997 [franz. Orig. 1993], S. 163.
6 Boltanski, Luc und Chiapello, Ève: Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK 2003 [franz. Orig. 1997].
7 Da ich nach dem Interview noch einige Eindrücke von Werner sammeln konnte, möchte ich diese hier auch zur Stützung meiner Interpretation anbringen und wie folgt kennzeichnen. Memo: Die Tatsache, dass Werner nur ein viertel seines eigentlichen Honorars über den HartzIV-Satz hinaus verdient, wurmt ihn und er klagt darüber, als er mir das erste mal von dem neuen Arbeitsangebot berichtet. Ich denke es ist auch die
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aber soll ich ihn wirklich, ohne mit der Wimper zu zucken, zurück in seine vier Wände zu Bier und Fernseher schicken?
Mit dem hier skizzierten Fall möchte ich zwei Fragen aufwerfen, die für den Umgang und für die Erarbeitung einer Typologie von alltagspraktischen Kritikverständnissen von Bedeutung sind: Zum einen steht das richtige Maß an Demut gegenüber den Ansichten der Akteure (speziell bei der Interpretation Biografischer Interviews) zur Debatte, zum anderen die Suche nach Maßstäben einer Soziologie, die sich auch als Kritik der Formen kritischer Alltagspraxis verstehen will.
2.2 Das Biografische Interview als Ort der rekonstruktiven Kritik
Auf der Suche nach handlungsleitenden Werten
Bei dem Versuch, die Form der Sorgfalt bei der Deutung von Interviews zu erörtern und somit das Verhältnis von Forscher und Akteur, von soziologischer Theorie und den Weltdeutungen der Interviewten zu bestimmen, möchte ich den rekonstruktiven Charakter von biografischen Interviews deutlich machen und zunächst auf die Schwierigkeit eingehen, die moralischen Werte einer Person, welche sich sicher nicht nur in expliziten Rechtfertigungen äußern, herauszufinden.
Die immanente Gesellschaftskritik, also eine Kritik, die ihre Maßstäbe zur Beurteilung sozialer Schieflagen aus der Gesellschaft selbst entnimmt (also aus Interviews, Literatur, Presse (Kunst?) etc.), hat ein Interesse daran, dass diese moralischen Prinzipien auch einen gewissen Grad an Stabilität, bzw. Validität aufweisen und sich tatsächlich im Leben der Akteure, in ihren Entscheidungen und praktischen Vollzügen widerspiegeln. Bei der Analyse eines Interviews ist es dabei oft schwer zu sagen, ob man sich gerade auf der Spur wirklich handlungsleitender Werte befindet, oder ob man die Lebensgeschichte der interviewten Person unter dem falschen Licht mal hier mal da eingestreuter Allgemeinplätze, die den Gesprächsverlauf beschleunigen oder vermeintliche Sünden rechtfertigen sollen, rekonstruiert. 8
Halbseitenheit dieser Anstellung, mit der er unzufrieden ist, da sie ihm die Fürsorge für den Band-Proberaum entreißt.
8 Das Phänomen der „sozialen Erwünschtheit“ oder „sensibler Fragen“ ist in der Psychologie hinreichend dokumentiert. Vgl. Zimbardo, P.G. und Gerrig, R.J.: Psychologie. 16. Auflage, München: Pearson, S. 43.
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Für die Aufdeckung solcher ideologischer Hülsen, bzw. für die Herausarbeitung der Selbstverständnisse und Weltdeutungen, die sich in den biografischen Erzählungen verbergen, ist zum einen natürlich die genaue Analyse des Interviews entscheidend. 9 Zum anderen gibt aber auch die Tiefe der reflexiven Prozesse des Interviewten, die es ihm erlauben während des Interviews seinen vergangenen Handlungen eine Bedeutung zuzuweisen, den Ton an. Die Aufgabe der Forscherin besteht darin, diese Interpretationen biografischer Ereignisse, die sich als Konstituenten des Weltverhältnisses lesen lassen, zu hinterfragen, um sie so der Aktualisierung durch den Interviewten zu unterziehen. Hierbei ist wichtig, dass dem Gegenüber Platz gelassen wird, seinen Standpunkt auszuformulieren und zu erarbeiten, so dass er ihn nicht schlimmsten Falls komplett aufgeben muss. Es gilt letztlich ihn zu befähigen, Kritik zu üben an Maßstäben, die seinem Selbst nicht gerecht werden, sowie die moralischen Prinzipien, die in seinem Leben tatsächlich eine Rolle spielen, herauszustellen. Meist reichen auch schon eine Pause und ein nachdenklicher Blick, um den Interviewten anzuleiten, tiefer zu gehen detaillierter zu beschreiben oder auch Voreiliges zu revidieren. Schon die bloße Anwesenheit des Interviewers also, bzw. die im Raum stehende Annahme, dass Schimpfwörter zur Charakterisierung von Personen dem Interviewer nicht ausreichen oder dass bestimmte Handlungsweisen plausibilisiert werden wollen (z.B. Gewalttaten), leitet die immer wechselseitig zu denkende Rekonstruktion impliziter Weltinterpretationen an. Ein Großteil der Kritik, die in einem biografischen Interview zutage gefördert werden kann, bleibt jedoch impliziert in den Handlungen der Akteure verborgen, kann erst in der anschließenden Analyse herausgearbeitet werden und ist dann der Begutachtung durch den Interviewten und damit einer weiteren Rekonstruktion entzogen.
Hinterfragen von Alltagsdeutungen als Stärkung der kritischen Praxis
Wie ich zeigen möchte, ist es aber gerade die Konfrontation mit alternativen Perspektiven, die die Interviewerin mehr oder weniger stark betreiben kann, welche dabei hilft weitere Erinnerungen und Motive zu erfahren und ein detaillierteres Bild der Wertungen des Interviewten zu erhalten. Hierbei besteht sowohl die Gefahr der Verfälschung eigentlicher Ansichten, aber eben auch die Chance, die Reflexion über soziologische Fragen anzuregen und den Sinn für die Bedeutung kritischer Auseinandersetzungen zu wecken.
9 Auch die Analyseinstrumente wie Objektive Hermeneutik oder Dokumentarische Methode setzen bei der Interpretation der verschiedenen Sinnspuren des Textes auf Teamarbeit, also die wechselseitige Rekonstruktion und Diskussion von Deutungsangeboten. Vgl. Bohnsack, Ralf: Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden. 5. Aufl., Opladen 2003.
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Das Motto Nehmt mich so wie ich bin, oder lasst es 10 , welches Werner F. gegenüber bohrenden Fragen einnimmt, die seine Tätowierungen betreffen, lässt sich bspw. im nachhinein und zusammen mit anderen Aussagen folgendermaßen interpretieren: Es zeigt, dass Werner seinen Standpunkt zu verteidigen weis und auch, dass er es als ungerecht empfindet, wenn er aufgrund seiner Vergangenheit abgestempelt und ausgeschlossen wird. Es besteht jedoch auch die Möglichkeit, dass er sich durch diese Haltung, mit der er Autonomie und Authentizität ganz in sich hinein verlagert 11 , von jeglicher Kritik abschirmt, die auf sein Selbst-Weltverhältnis zielt und somit die Chance aufgibt, sich weiterzuentwickeln, sowie selbst hinterfragend tätig zu werden, da er letztlich seine Weltanschauung von denen der anderen isoliert. Wie gut ist es also für Werner seinem Motto treu zu sein? Idealerweise könnte diese Interpretation, diese Frage, schon während des Interviews ad hoc zur Debatte gestellt werden und Werner gegebenenfalls auf ein Hindernis seiner Selbstverständigung oder Inkonsistenzen seines Weltbezugs, auf „reflexive
Inkompatibilitäten“ hinweisen. 12 In Anbetracht der Tatsache, dass bereits bei dem Versuch, die Weltdeutungen der Akteure im biografischen Interview zu erfragen, eine Rekonstruktion auf Seiten des Interviewten stattfinden muss, die nicht unabhängig von den Gegebenheiten und Einwürfen der Interviewerin sein kann, ist es nur ein kleiner Schritt, das Welt- und Selbstverhältnis des Akteurs in einer Debatte zu hinterfragen. Trotz der gebotenen Zurückhaltung im Umgang mit den Ansichten der Akteure muss es im Sinne der kritischen Theorie sein, so auch Robin Celikates, eine Kritik der Kritik zuzulassen, die um die Förderung der reflexiven Fähigkeiten der Akteure bemüht ist und hierzu Blockaden auf Individueller Ebene und letztlich in den Institutionen ausfindig machen will.
10 WF: „Also wenn mich eener fracht ‚Hier - was steht ‘n da an deinem Hals?’ oder ‚Wieso steht das Skinhead im Nacken?’ oder keine Ahnung oder ‚Was ist das hier?’ dann sag ich denen das(.) sach ich ‚Hier - ich war früher so drauf un ja(.) akzeptiert mich oder akzeptiert mich nich’ […] Ne also ich sag denen halt, so un so war ich damals drauf un so bin ich heute(.) und leb damit oder lass es, ne(.) so war’s halt. Naja und das ham’se och akzeptiert so.“; „Also ich zeig dann schon lieber so, dass es halt(.) so bin ich halt, das gehört zu mir dazu un wen's stört, den stört’s und(.) hat er halt Pech gehabt. Aber die Meisten ham damit keen Problem. Also heut gar nich mehr.
11 Das zeigt sich auch in Werners Gelassenheit, was die Umsetzung von Zukunftsplänen oder den Umgang mit Freizeit angeht. I: „Wie is das für dich, wenn du so viel freie Zeit hast, wenn du arbeitslos bist? WF: „Wie das is?“ I: „Ich mein, du hast ja viel Zeit?“ WF: „Ja, klingt vielleicht blöd aber ich find's super. Ja, also ich bin nich 'n Mensch so(.)wie viele von sich sagen halt vielleicht so(.) ah und wenn ich arbeitslos bin, da fällt mir zu Hause die Decke auf'n Kopf un ich weiß nix mit mir anzufangen. Also das is bei mir gar nich so. Wenn ich frei hab, ich weiß immer was mit mir anzufangen, immer“.
12 Celikates, Robin: Kritik als soziale Praxis. Gesellschaftliche Selbstverständigung und kritische Theorie, mit einem Vorwort von Axel Honneth. Frankfurt a. M.: Campus 2009, S. 217ff.
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Das Ziel der kritischen Theorie soll es sein, sogenannte „Pathologien zweiter Ordnung“, also Hindernisse die der Kritik der Akteure an alltäglichen Missständen und somit indirekt einem gelingenden Leben im Wege stehen, aufzudecken. 13
Kann es also Aufgabe des Soziologen sein, auch an den Welthaltungen zu rütteln, wenn sie die Kritikfähigkeit der Akteure behindern? Im Fall Werners ist mit ihr ja eine durchaus verständliche Kritik gegenüber Vorurteilen und Stigmatisierungen, welche Werner aufgrund seiner Tätowierungen an sich haften sieht, verbunden, die nicht abgewälzt werden darf. Zum einen geht es bei der Rekonstruktion darum die Kritik mit der Werner sein Recht auf Teilhabe einfordert zu explizieren: So fordert er Anerkennung als Mensch im hier und jetzt und wehrt sich gegen Stigmatisierung auf Grund von Äußerlichkeiten, stereotypisierter Vergangenheit, oder auch Krankenversicherungsniveaus 14 . Zum anderen soll diese Kritik und die dahinterliegende Welthaltung aber auch der Verständigung geöffnet werden. Mit der Androhung sich zu entziehen, wenn er nicht schweigend angenommen wird, blockt Werner jedoch Verhandlungen und Reflexion über moralische Werte und deren Umsetzung ab. 15 Ähnlich wie bei der Frage nach seiner zukünftigen Arbeit hält er also auch hier die Option bereit, sich aus allen Angelegenheiten zurückzuziehen. Reflexion bedeutet jedoch auch die Fähigkeit, Kritik, die das eigene Selbst betrifft, zu interpretieren, zu verarbeiten oder auch zurückzuweisen und Reflexion bedeutet letztlich auch, fähig zu sein das eigene Verhalten selbst zu kritisieren und eigene Maßstäbe weiterzuentwickeln, den eigenen Standpunkt im lebendigen Austausch mit der Umwelt zu testen.
So kann die Aufgabe einer kritischen Soziologie, die die normativen Potentiale der Akteure zu mobilisieren versucht und Kritikfähigkeit fördern will, nicht allein darin bestehen, sich auf die Seite der Akteure zu stellen und Empörungen aller Art zu verstärken, sondern sie muss im Dialog mit den Akteuren auch ihre Kenntnisse einbringen und versuchen eine gemeinsame Richtung zu erarbeiten, sodass ein wechselseitiger Prozess der Rekonstruktion von Weltinterpretationen entsteht, in dem jede Kritik auch wieder kritisiert werden kann.
Ein Problem bei der Identifikation von Weltdeutungen und kritischen Praktiken, aber auch einen Ansatzpunkt rekonstruktiver Kritik stellen widersprüchliche Aussagen dar, die zunächst den Anschein eines inkonsistenten Selbstverständnisses erwecken. Hierauf kann die kritische
13 Ebd., S. 236f, 250.
14 Die ungenügende ärztliche Behandlung seiner Rückenschmerzen führt Werner darauf zurück, dass er gesetzlich krankenversichert ist. Siehe auch Fußnote 44.
15 WF: „Ne also ich sag denen halt, so un so war ich damals drauf un so bin ich heute(.) und leb damit oder lass es, ne(.) so war’s halt“.
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Theorie im Gespräch deuten, um entweder Missverständnisse beizulegen oder aber den Interviewten zur Reflexion anzuhalten. Es ist also, wie im Eingangsbeispiel angedeutet, weder notwendig die Deutungen der Akteure zu bezwingen und ihnen jegliches Reflexionsvermögen abzusprechen, noch mit den eigenen Weltdeutungen und soziologischen Theorien gänzlich unter dem Tisch zu halten.
Die Tiefe der kritischen Rekonstruktion im biografischen Interview und somit auch der Gehalt der gefundenen Maßstäbe hängt also davon ab, ob es gelingt die Weltinterpretationen zu Tage zu fördern, aber auch den Interviewten anzuleiten, in einem weiteren Schritt der Reflexion diese tradierten Deutungen wiederum aus seinem aktuellen Standpunkt heraus und in der Auseinandersetzung mit den theoretischen Vorkenntnissen, bzw. der Persönlichkeit des Interviewers an sich zu hinterfragen. Zudem lässt sich das Verhältnis von soziologischer Theorie und Akteursdeutungen als ein gleichberechtigtes festhalten, in einer Debatte in der reflexive Schranken gehoben werden sollen.
Nach diesen Überlegungen zum rekonstruktiven Charakter biografischer Interviews, komme ich zu dem Schluss, dass ich Werner noch einmal auf seine Entscheidung ansprechen und ihn fragen muss, ob es wirklich in seinem Sinn liegt, nach dem Grundsatz Nehmt mich so wie ich bin, oder lasst es den Hut zu nehmen und sich wieder zuhause vor dem Computer in die Rolle eines Online-Charakters einzufinden. 16 Das biografische Interview kann ein Aufeinandertreffen kritischer Theorien und der im Selbstverständnis der Akteure liegenden Kritik gewährleisten und somit als Ort der kritischen Praxis dienen. Unter dem Ziel der gegenseitigen „Rekonstruktion“ ist es dem Interviewten, wie auch dem soziologischen Forscher möglich, die ausgetretenen Pfade des Gedächtnisses zu verlassen und nach verschollenen Erinnerungen, neuen Weltdeutungen und kritischen Maßstäben zu suchen. Wie genau kann aber ein solch tiefgreifender Reflexionsprozess angestoßen werden? Um dieser Frage nachzugehen, möchte ich die Entfremdungskritik aufgreifen und im Anschluss zunächst auf individuelle Pathologien beziehen, bevor sie gegen Ende der Arbeit auch in ihren gesellschaftskritischen Varianten mit den kritischen Praktiken der Akteure verknüpft werden soll.
16 Hinter dieser Aussage steht auch die Annahme, dass man in Online-Rollenspielen ein gelungenes Leben auch nicht einmal simulieren kann. Memo: Werner Selbst empfindet den Erfolgsdruck in „World of Warcraft“ erdrückender als in der Realität.
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3. Entfremdung als Indiz für kritische Blockaden
Unter der Annahme, dass die Natur des Menschen immer ein interpretatives Konstrukt und nicht etwa rein objektiv festzustellen ist und damit letztlich zu wandelbar, um für die Erarbeitung transzendenter Maßstäbe der Gesellschaftskritik zu dienen, erscheint es schwierig nicht in Relativismus zu verfallen. Und so sucht die Soziologie immer auch nach Maßstäben, die es ihr erlauben, neben dem Herauspräparieren von gesellschaftsimmanenten Werten auch gerade über diese hegemonialen Menschenbilder und Weltanschauungen zu verhandeln. 17 Jedoch auch die im ersten Abschnitt zugrunde gelegte Annahme, dass den Akteuren etwas an ihrer Reflexionsfähigkeit liegt, ist nicht ohne weiteres als eine transkulturelle, natürliche Erscheinung der Mensch-Seins zu deklarieren 18 - genauso wenig wie das Streben nach materiellem Wohlstand, Verteilungsgerechtigkeit, Optionenvielfalt oder Anerkennung. In Anknüpfung an die Tradition der kritischen Theorie lässt sich aber argumentieren, dass eine immanente Kritik, die nicht nur eine Reartikulation und Umsetzung verschüttetet gegangener gesellschaftsinterner Ideale fordert, sondern, die versucht die widersprüchliche, bzw. verkehrte Wirkung gesellschaftlicher Werte in ihrer praktischen Umsetzung aufzuzeigen, so über sie hinausgreift und auf eine Veränderung sowohl der Normen, als auch der Realität drängt. 19 die Entfremdungskritik, welche diesem Prinzip folgt und die subjektive Anverwandlung der Welt durch immanent nachweisbare Pathologien gefährdet sieht, scheint mit der im ersten Abschnitt beschriebenen Idee der Beförderung kritisch reflexiver Fähigkeiten der Akteure auf interessante weise verknüpft.
Mit Rahel Jaeggi möchte ich einen Entfremdungsbegriff anlegen, der sich auf den formalen Charakter von Beziehungen konzentriert und es so weitgehend vermeidet ein substanzielles Wesen des Menschen bestimmen zu müssen, von dem sich Individuum und Gesellschaft
17 Hartmut Rosa zufolge ist Soziologie gerade nur durch diesen grundlegenden Bezug auf eine Suche nach gelingendem Leben zu rechtfertigen. Rosa, Hartmut: „Kritik der Zeitverhältnisse. Beschleunigung und Entfremdung als Schlüsselbegriffe der Sozialkritik“. In: Rahel Jaeggi und Tilo Wesche (Hg.): Was ist Kritik? Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2009b, S. 26f.
18 Hierzu auch Celikates (2009), S. 219 nach Honneths starker These, dass Menschen sich gegen die Einschränkung ihrer reflexiven Fähigkeiten wehren.
19 Jaeggi (2009b), S. 286ff. Hierzu auch Rosa der aber, wie er selbst herausstellt, in Verbindung mit seiner Beschleunigungskritik, stärker vom Autonomie-Ideal der Moderne abrücken will, als Jeaggi, die sich meines Erachtens aber auch zumindest um eine Reformulierung desselben bemüht. Rosa (2009), S. 38.
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entfremden könnten. 20 Das Paradoxon einer „Beziehung der Beziehungslosigkeit“ findet seine Erscheinungsformen in einem verarmten, gleichgültigen, sinnentleerten, instrumentalisierenden oder auch ohnmächtigen bis zwanghaften Verhältnis zur Welt. Eine Welt, in der sich das Individuum zwar verortet, aber mit der es nicht in Kontakt treten kann. Solche Beziehungen kennzeichnen das Fehlen eines Anschlusses an eine Welt, der es dem Individuum erlauben würde, ein Selbst unter der Möglichkeit gleichzeitiger Transformation gegebener Umstände auszubilden. 21 Das positive Gegenstück zur entfremdeten Beziehung soll also nicht die letztgültige, versöhnliche Einheit von Welt und Selbst darstellen, sondern eine Existenz in wechselseitiger Aneignung. Aneignung meint hierbei einen gestalterischen Prozess der Selbstverwirklichung „in dem was man tut“, der es dem Individuum erlaubt, „sein Leben (im Ganzen) an Zielen, die man um ihrer selbst willen verfolgt“, auszurichten. 22 Die soziologische Diagnose kann sich an dem Wie des substanziell offen zu haltenden Wollens orientieren. 23 Sie kann prüfen, ob es ein wahrhaftes ein eigentliches Wollen ist, das die Akteure gleichzeitig in die Lage versetzt sich zu etwas zu bestimmen. 24 Hier wird auch deutlich, dass unter Entfremdung keine unvermeidliche Konsequenz der Vergesellschaftung verstanden werden soll. Auch ist unter dem Begriff nicht eine kritikförderliche Distanz zu begreifen ist, die bei Bedarf eingenommen wird um nach Lösungsmöglichkeiten für Probleme zu suchen und die lediglich eine zu leidenschaftliche Beziehung zur Welt zu zügeln vermag. Im Gegenteil, mit Entfremdung ist genau die Art der Weltbeziehung gemeint, die eine kritische Auseinandersetzung ad absurdum führt. 25 Es kann nicht sinnvoll erscheinen, eine Welt zu kritisieren, in der ich mich als austauschbares Rädchen im Getriebe begreife, eine Welt, die mir gegenüber indifferent ist. Eine Beziehung zur Welt, die mir in der Unsicherheit über mein eigenes Wollen nicht als durch mich gelenkt, sondern durch fremde Mächte oder den Zufall bestimmt erscheint, kommt der Zerstörung jeden
20 Jaeggi stellt hier essentialistische (nach Marx) und existenzialistische (nach Heidegger) Entfremdungsdiagnosen gegenüber, um dann vor allem an einer existenzialistischen Definition weiter zu arbeiten und in einer pragmatischen Wendung zur formalen Definition der Entfremdung als Beziehung der Beziehungslosigkeit zu gelangen. Jaeggi, Rahel: „Entfremdung. Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems“ Frankfurt a. M. [u.a.]: Campus 2005, S.19ff.
21 Ebd., S. 43.
22 Ebd., S. 246.
23 Ebd., S. 52.
24 Ebd., S. 239.
25 Jaeggi (2005), S. 49f.
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kritischen Potentials gleich. Man kann nichts kritisieren, zu dem man sich nicht in Beziehung setzen kann. 26
Um also vor Werner und für ihn annehmbar begründen zu können, warum ich seiner Entscheidung nicht gleichgültig gegenüberstehen kann, möchte ich einer Soziologie folgen, die es mir erlaubt, in seinen Erfahrungen Einsichten aufzustöbern, die für ihn defizitär sein könnten, die bisher noch nicht ausreichend reflektiert, nicht ausreichend auf Umsetzbarkeit geprüft wurden. Eine Rückbindung solcher Diagnosen an die entfremdenden Erfahrungen des Akteurs sowie das Ziel die reflexiven Fähigkeiten zu erweitern und das Primat der wechselseitigen Kritik von Akteur und Forscherin sehe ich dabei als Bedingungen Paternalismus zu vermeiden und einer emanzipatorischen Soziologie treu zu bleiben. 27 Einzelne Lebensbereiche der Interviewten (wie Kindheit, Beziehung zu den Eltern, Freundschaften, Bildungsweg, Beruf) lassen sich als Inseln der Kritik bzw. der Welt- und Selbstverhältnisse lesen, die nicht unbedingt gleiche Formen annehmen müssen. Das Bild der Inseln ist aber insofern trügerisch, als dass Subjekte in der Praxis Verbindungen zwischen ihnen herstellen, sie ihre restliche Welt nicht von einer auf die andere Situation komplett ausblenden können und somit bspw. eine unheimliche Distanz in familiären Beziehungen auch zur „Beziehungslosigkeit“ oder Gleichgültigkeit in Bezug auf andere Menschen seiner Umwelt führen kann, was wiederum auf das Verhältnis des Individuums zu sich Selbst ausstrahlen würde. Die Fähigkeit der Aneignung ist also schwer nur auf einen Lebensbereich zu beziehen, dennoch möchte ich im nächsten Kapitel, versuchen zunächst von der Kindheit und den familiären Verhältnissen der Interviewten ausgehend ihre Aneignung der Welt und die damit zusammenhängenden Formen der Kritik zu betrachten.
26 Auch der Fremde, den Michael Walzer beschreibt und der durch die Erfahrungen der Außenwelt eine Randposition in einer Gemeinschaft einnehmen wird, kann nur kritisch wirksam werden, sofern er sowohl den Herrschaftsanspruch der gesellschaftlichen Mitte hinter ihren Bemühungen einer universellen Weltdeutung durchschaut, als auch Distanz zu seiner Randständigkeit einnehmen kann und seinen privilegierten Zugang zur Moral in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen weis. Walzer, Michael: Kritik und Gemeinsinn: drei Wege der Gesellschaftskritik. Berlin: Rotbuch-Verl. 1990, S. 47ff.
27 Einen Anspruch, der sich schließlich auch in der Soziologie eines Pierre Bourdieu findet. Bourdieu, Pierre: Soziologische Fragen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993 [franz. Orig. 1980], S. 22. Zur Widersprüchlichkeit dieser Intuition mit dem teilweise paternalistischen Vorgehen Bourdieus auch: Boltanski, Luc und Ève Chiapello: „Die Rolle der Kritik für die Dynamik des Kapitalismus: Sozialkritik versus Künstlerkritik“. In: Max Miller (Hg.), Welten des Kapitalismus. Institutionelle Alternativen in der globalisierten Ökonomie. Frankfurt: Campus 2005, S. 286.
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4. Zwei Typen kritischer Praxis
Das Material der biografischen Interviews bietet es an, gestörte Aneignungsverhältnisse, die kritische Fähigkeiten der Akteure blockieren könnten, von entfremdenden Situationen her zu betrachten. Wenn sich also in den Erinnerungen der Interviewten prägende Ereignisse finden, in denen das Selbst-Weltverhältnis erschüttert wird, lassen sich auch andere Situationen daraufhin beurteilen, ob ein anschließender Prozess der Aneignung stattgefunden hat, oder ob die einst erfahrene Entzweiung vom eigenen Selbst und der Welt immer wieder auftritt und Reflexionsprozesse zur Einordnung auch aktueller Ereignisse und die Entfaltung kritischen Potentials gestört sind.
4.1 Frühkindliche Entfremdungserfahrungen Werners
Ein Ereignis, das Werners junges Weltbild zu erschüttern scheint, findet sich in einer elterlichen Gewaltausübung, die sein sonst so harmonisches Familienbild und Nachbarschaftsverhältnis trübt. Er kündigt es mit den Worten an: „Also ich hatte ein einziges Erlebnis gehabt, wo ich, wo ich halt nich genau wusste, wo ich, was ich damit machen sollte, oder wie ich damit klar kam.“ Werner erinnert sich an dieses Geschehen aus dem Kontext seiner Kindheit in der DDR heraus. Er beschreibt, wie er als Kind im Treppenhaus des Plattenbaus, in dem er mit seinen Eltern wohnte, das Werbe-Lied einer westdeutschen Biermarke gesungen hat. Was sein Vater mitbekommen haben muss und ihn aus Angst vor Denunziation heftig und wahrscheinlich lautstark verprügelte. Werner musste daraufhin und noch Jahre später lernen, dass westdeutsches Fernsehen zu gucken, seinen Eltern den Job kosten könnte und dass „der nette Onkel von nebenan“ als Mitglied der Staatssicherheit genau das in die Wege geleitet hätte. 28 Die Frage nach dem Warum blieb sicher lange Zeit im Dunkeln. Es scheint als wird Werner, auch wenn sich die Hintergründe dieses Ereignisses erst später manifestieren, aus seiner kindlichen Geborgenheit hinausgeworfen, in eine gespaltene Welt voller Misstrauen geworfen.
28 WF: „Ganz unten links hat halt einer gewohnt, der war bei der Staatssicherheit […] Wusst ich als kleener Wanst nich. So das war für mich halt der nette Onkel von nebenan un mein Vater wusste's aber so un, dass das halt 'n Spitzel war. So. Naja da gab’s natürlich ganzschön Dresche. Hab's auch dann dasselbe nie wieder gemacht so un im Nachhinein hab ich's verstanden mh, weil er [der Vater] halt dadurch im Prinzip, er hätte seine komplette Karriere damit beenden können oder vielleicht sogar ins Gefängnis kommen können und so weiter. Er war ja Geheimnisträger.“
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In seinem späteren Leben sollen sich solche Erfahrungen die eine Enttäuschung von Sichergeglaubtem darstellen wiederholen. Markant ist hier vor allem die Wende, die er als elfjähriger erlebt; das plötzliche unerklärte Verschwinden seiner Freunde, die, wie er erst lange später feststellen kann, mit ihren Familien nach Westen gezogen sind; 29 die erste Fahrt ins Land des ehemaligen Klassenfeindes; 30 weiterhin sicherlich das gleich zweifache Fremdgehen seiner Freundin mit seinen Kumpels aus der rechten Szene, das ihn bewusst werden lässt, wie dürftig es um die propagierte Kameradschaft in seinem Umfeld bestellt ist. 31 Interessant in diesem Zusammenhang ist auch Werners Verständnis von Vertrauen. Vertrauen erweist sich Werners Ausführungen zufolge im Sinne einer sicheren Gewissheit über den Anderen und absoluten Redlichkeit letztlich als unmöglich. 32 Insofern haben die Konfrontation mit dem Problem der Staatssicherheit und andere Erfahrungen seine Bereitschaft anderen Menschen zu vertrauen auf eine harte Probe gestellt. 33 Dennoch setzt Werner diesen Erfahrungen ein Ideal des gemeinschaftlichen Zusammenhalts entgegen. Hierzu finden sich Beispiele in seiner Beschreibung der Nachbarschaften zu DDR-Zeiten, den Prügeleien die den Zusammenhalt der Nazi-, bzw. Hooligan-Banden schüren und das Engagement in Musik-Bands. Dieses Ideal bringt er auch in Anschlag, wenn er Gesellschaft kritisiert.
29 WF: „So ‚Un, was mach'mer am Wochenende? - Ja, Fahrradfahren. Trallala. Oh, das wird schön’ Zack, den nächsten Tach - komplett verschwunden. Alle weg. Un dann halt 'n paar Jahre später hat mer's dann erst geschnallt“.
30 WF: “Ja. Naja und dann ging das halt so mit der Wende dann halt los. Ja dann is halt erstma irgendwie alles zusammengebrochen, was man so die ganzen Jahre so überhaupt gedacht und geglaubt zu haben hatte.“
31 WF: „So ich bin dann(.) gab's halt 'n paar Vorfälle, dass halt 'n paar Kumpels, damalige Kumpels , hat mer jedenfalls gedacht, ehm da der Meinung waren, sie müssten mal 'n bisschen mit meiner Freundin anbändeln un so'ne Sachen ne. So ich war 'n Wochenende in Frankfurt, 'n andern Kumpel besuchen so und da hat einer meiner besten Freund damals, hat mit meiner Freundin geschlafen, so. Wo 's doch eigentlich dann immer in der rechten Szene so hieß: Orh Kameradschaft un Wir halten zusammen un Wir sin alle so die(.) uns kann nix auseinander bringen so ne (I: mhm). Das hat dann natürlich so 's Weltbild ganz schön dann erschüttert ne“.
32 WF: „’S is schwer heutzutage leider, weil(.) jeder is sich selber der nächste, weißte. Jeder denkt nur an sich un sein eignen Vorteil so un wenn's so is, wie soll man da noch jemanden Vertrauen, ne, wenn's nich die eigene Familie is.“; „Ehrlichkeit is ja nich nur, immer die Wahrheit zu sagen, sondern auch gewisse Sachen nicht weg zu lassen(.) ne. […] Wer erzählt heut jeden schon alles, ne“.
33 Hier ist auch die Tatsache anzuführen, dass erst kürzlich ein Kind in Werners Arbeitsstelle Geld geklaut haben soll. Unter Anbetracht dieses Ereignisses, so Werner, komme auch Kindern in der Vertrauensfrage keine Sonderrolle zu.
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4.2 Werners kritische Praxis
Gut aufgearbeitet hat Werner anscheinend, das Problem eines Überwachungsregimes, das die Bürger in Angst hält vor Sittenkontrolle und Denunziationen aller Art und so letztlich die Menschen gegeneinander aufbringt. Dieses Element findet sich auch in seiner Gesellschaftskritik, wenn er vor der Vorratsdatenspeicherung und ähnlichem warnt, dass uns das noch auf die Füße fallen wird, wenn es für Zwecke missbraucht wird, die uns Faschismus und Sozialismus demonstriert haben. 34 Wenn Werner im Interview Gesellschaft kritisiert mit der Feststellung, dass sie „total krank“ ist, beschreibt er zunächst, was ihn alles „ankotzt“. Er redet sich also mehr oder weniger in Rage und tendiert dabei dazu, die Probleme aus der Sicht der Anderen zu beschreiben, die, einem verblendeten Bewusstsein verhaftet sein und sich dem entsprechend Gedanken machen sollten, während er sich seiner Selbst sicher ist. 35 Ein zentraler Aspekt bei dem geschilderten Ereignisses der Gewaltanwendung des Vaters ist, dass Werner die Tat des Vaters in Bezug auf die Umstände entschuldigt. Auch in späteren Situationen rechtfertigt Werner Gewalt, die als Möglichkeit Konflikten zu entgegnen ständig präsent bleibt. Die Bedrohung gemeinschaftlicher Zustände, bzw. der Integrität seiner Person ist es, die diese radikalen Praktiken (der Kritik) für Werner nötig erscheinen lassen. 36 Ein
34 Die Rede geht über Überwachungstechniken im Internet, Telefon und auf der Straße. WF: „das wird irgendwann(.) wird 'n [(den Anderen)] das barbarisch of de Füße falln […] Da kannst du doch nich die ganze(.) nich die ganze Welt als als potentielle Verbrecher sehn, […] die jeder Zeit geordnet werden müssen. […] Wer weiß was in 'n paar Jahren is - komm irgendwelche Nazis oder Kommunisten wieder an die Macht, die genau die Sachen nutzen dürfen (I: mhm) und können - Was'n dann“.
35 „dieses Mediengehype, weißte. So, dass(.) dass jungen Menschen, Leuten z. B. durch DSDS oder Next Top Model oder (.) eh Popstars oder was weß ich, was soll'sch sagen, dass den halt vorgegaukelt wird, sie könnten oder jeder könnte irgendwo 'n totaler Superstar werden und pipapo […] dass den Leuten dann vorgegaukelt wird wirklich hier (.) das ganze Leben dreht sich nur um Berühmtheit und un Geld un un so Sachen, weßte, das find'sch das find'sch extrem krank. die kucken nich um gute Musik zu hörn, die kucken's halt weil Dieter Bohlen irgendwelche Leute runter pöpelt, ich find das so zu wider“
„[…] ich guck fast den ganzen Tach Fernsehn, weißte. Aber ich sach mir da manchmal: ach du großer Gott ey. Wenn das jetz noch andere Leute gesehn ham un das wirklich glauben(.) dann wird’s enge“. Siehe auch Fußnote 34.
36 Beispiele hiefür finden sich in der Loslösung von andauernden Konflikten mit dem Bruder. WF: „Un er [(Werners Bruder)] hatte ja 'nen andern Vater irgendwie un hatte was gegen meinen leiblichen Vater gesagt, un da hab ich(.) bin ich ausgerastet un hab den - der is noch 'n Kop größer wie ich un noch breiter, wisste, aber 's war mir egal. Ich bin off den droff gesprungen un dann ham die sechs Leute gebraucht um uns wieder auseinander zu zerrn. So und ich hab den so fertsch gemacht hier un hab dann gesacht hier "Ab heute bist du für mich gestorben“.
„Wir sin halt Richtung Kneipe gelaufen un so, war halt eener na ja oh wahrscheinlich aus der linken Szene halt. Fuhr mit 'm Fahrrad an uns vorbei un zeigt mir so 'n Stinkefinger, weißte, war och noch drei Meter vor mir so, bin ich auf die Straße gesprungen so un hab dem voll eine reingezogen, so der klatscht vom Fahrrad,
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Beispiel hierfür ist die gewalttätige Befreiungsreaktion gegenüber einem Vorarbeiter, der ihn aus seiner damaligen Sicht über Wochen hinweg ungerecht behandelt hat. 37 Die einzige Alternativstrategie zur Gewalt, die Werner in dieser Situation sieht, wäre die der Verdrängung. Eine artikulative Form der Kritik scheint ihm aus der untergebenen Rolle unmöglich 38
Werner sieht sich bis heute nicht in der Position Kritik an seinem direkten Umfeld zu üben, was sich auch in seinem Zögern äußert, wenn er an seiner Arbeitsstelle von seinen Vorgesetzten um einen Rat unter Kollegen gefragt wird, 39 oder in der Geduld, mit der er auf Job-Angebote wartet und die Befristetheit seiner Anstellungen anerkennt. 40 Hiermit verknüpft scheint die Form seines Selbstverständnisses, bzw. der Selbstsicherheit, die sich für ihn in einer psychischen Beständigkeit 41 , aber auch in physischer Stärke begründet. 42 Für ihn haben
klatscht hin(.) so(.) ich geh weiter so, was ich nich gesehen hab, dass fünf Meter hinter uns Polizeiwagen gefahrn is. Die gleich raus, zack mich of 'n Boden geschmissen, verhaftet, mitgenommen“ Memo: Aber auch heute und trotz des Abstandes den Werner zur Prügelszene gewonnen hat, fällt es ihm manchmal nicht leicht, Konflikten nicht mit Gewalt zu entgegnen. So hätte er auf einer Party im Kulturzentrum, in dem er auch hinter der Theke arbeitet, einem alkoholisierten Gast, der ihn angepöbelt hat, „fast eine gedonnert“.
37 WF: „Hat dir dann halt immer entweder beschissene Aufgaben gegeben oder die niedrigsten Arbeiten oder hat dich dumm vollgesabbert von der Seite oder sogar beleidigt. Weil du konnst ja nich viel machen als Stift, so wenn de Lehrling bist biste Lehrling, der 's Vorarbeiter. […] Auf jeden Fall war ich dann den eenen Tag total gereizt, wisste schon un dann fing der wieder an zu sticheln un(..)a(..)bin 'sch, wiss'ch nich, hat’s klick gemacht, einfach so, aus der Drehung raus, boing. […] 'S war für mich irgentwie fast ‘ne Befreiung so […]“.
38 WF „Heut könnt 'sch mich in Arsch beißen, dass 'sch das gemacht hab, dass 'sch nich Zähne zusamm'gebissen un runner'geschluckt hab, weßte,“ „Weil du konnst ja nich viel machen als Stift, so wenn de Lehrling bist, biste Lehrling, der is Vorarbeiter“.
39 WF: „Als die dann irgendwann anfingen mich zu fragen, wie se irgendwelche Sachen machen sollten. Weßte. Wiss ich nich irgendwie ham die mir da so'n bisschen die Vorarbeiterrolle aufgedrückt. Also die beiden selber. Warum, keine Ahnung. Ich weiß es nich, hab genau so viel zu sagen wie die, also gar nüscht“.
40 WF: „[…] also schon bevor ich dort gearbeitet hab- und dann irgendwann hat mich halt die Chefin dort angerufen - Eva, weisste hier - „Naja wie schauts aus un haste nich Lust hier Bandproberaum-Betreuung zu machen un so un“ - öäöähh was? - es war früh morgens um 7, weißte(.) normalerweise schlaf ich bis um viere nachmittags, wisste, wenn ich arbeitslos war. - Ich hab gedacht äh is das jetz ‘n schlechter Traum oder so was, wisste so Bandproberaum-Betreuung ohr geil(.) ’s beste was de haben kannst(.) besser geht's nicht(.)“.
41 Auch wenn Werner das Vorarbeiterwesen in seinem Betrieb geradezu revolutioniert hat, zeugt sein Statement von Bescheidenheit. WF: „So, von daher bei meinen Leuten so also wir ham's nur normal gemacht.“ Allerdings finden sich auch keinerlei Bemühungen die anderen Vorarbeiter von seiner Herangehensweise zu überzeugen; Auch der Rat, den Werner seinen Vorgesetzten im Kulturzentrum auf deren Anfragen gibt, äußert sich nur in einem Hinweis auf seinen Standpunkt, ohne dass auch an seiner Umsetzung interessiert wäre: „so(.) ‚wie mach'mer das am besten?’ - un(..)tja. ‚Von meinem Standpunkt aus so un so’ - ‚Ja alles klar da mach' mer’s so’. (lacht) Ok.“; Auch gegenüber der „Meinungsmache“ im Fernsehen sieht sich Werner resistent: „Ich
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seine Ansichten eine Selbstverständlichkeit, die es nicht nötig hat Überzeugungsarbeit zu leisten.
Die verschluckte bis rabiate Form Werners Kritik führt dazu, dass sich eine insgeheim kritisierte Welt des Außen abspaltet. Eine Welt der Lehrer 43 , der Vorarbeiter, der Polizei, der Superstars aus den TV-Musiksendungen, eine Welt also, mit der er nicht kritisch in Kontakt treten kann. Es kommt zwar durchaus zu Konfrontationen, in denen Werner sich auch teilweise durchzusetzen weiß, nicht aber in der Form einer argumentativen Überzeugung, sondern so, dass der Gegenüber aufgrund Werners Handlungen fassungslos zurückbleiben muss. Es ist dann jedoch mehr als fragwürdig, ob Werners Kritik vom Gegenüber angemessen interpretiert werden kann oder ob er nicht einfach als verrückt oder selbstsüchtig abgestempelt wird. Ein Beispiel hierfür ist die Szene, in der er an einem Bandscheibenvorfall und unter großen Schmerzen leidend, aufgrund mangelnder Diagnosegenauigkeit, lange Zeit mit Schmerztabletten abgespeist wird. Auch hier scheint sich einiges angestaut zu haben, bis es schließlich dazu kommt, dass Werner in Tränen ausbricht und unter Einsatz seines gewichtigen Körpers, der auf im Behandlungszimmer liegend verharrt, auf eine Computertomografie insistiert. 44
guck fast den ganzen Tach Fernsehn, weißte. Aber ich sach mir da manchmal: ach du großer Gott ey. Wenn das jetz noch andere Leute gesehn ham un das wirklich glauben(.) dann wirds enge“.
42 WF: „Ehm ja mer wurde auch sehr schnell akzeptiert [(in der rechten Szene)], schon alleine, dass weil halt schon alleine durch meine Statur, das hat halt auch schon 'n bisschen Eindruck gemacht. Also ich war schon immer groß und kräftig gebaut so, wenn de dann noch mit Glatze und Stiefeln ankommst un sowas, solche Leute suchen se halt immer un so is halt so.“; „So Frauen stehn halt so 'n bisschen auf die, wiss ich nich, (gehen nach drinnen) äußerlich gesehen böser Bubetyp oder so was“.
43 Es gibt es keine Lehrer über die Werner hätte reden wollen, oder die er als Einflussgrößen ansieht. Und so steht als Fazit seiner Ausbildungszeit - WF: „Schule war der Hass“.
44 „Ich konnte nachts nich mehr schlafen. Ich hab am Tach sechs, sieben Schmerztabletten genomm', weißte, 600er […] Also über 'n dreiviertel Jahr hinweg. So. Bin von Arzt zu Arzt gelatscht. […] wo die Ärztin dann gemeint hat: na ja, müss mer se ma in de Röhre schieben, so in sechs Wochen is was frei. Weißte, da hab ich mich dann bei der Ärztin vorn Tresen gelegt un hab gesagt: hier müssen se mich jetz wegtragen oder sonst irgendwas, ich kann nich mehr, 's geht nich mehr. Weßte, ich hab geheult, so un ich heul sehr selten. […] Un 20 Minuten später lag ich eine Etage tiefer im Computertomographen.“ In anbetracht dieser Erfahrung verwundert auch Werners Wut auf die „Zwei-Klassen-Medizin“, die er für die Fehlbehandlung seines Falls verantwortlich zeichnet, nicht - Ein Gedanke der ihm auf die Frage nach der Beschaffenheit der heutigen Gesellschaft als erstes ergreift. „[…] weil de keen Geld hast dich privat zu versichern oder solche Sachen, dass de halt dann so so fallen gelassen wirst, is totaler Wahnsinn“.
Ähnliche Ereignisse der abrupten Entladung eines kritischen Potentials finden sich in seiner Kündigung beim Gerüstbauunternehmen, in dem Werner lange Zeit als Vorarbeiter von seinem Chef ausgenutzt wurde. WF: „Der Chef is dann halt voll (.) hat nur noch mist gemacht. Un hat einen dann immer angepflaumt, wegen irgendwelchen Sachen, die mer angeblich vergeigt hätte - was aber im Endeffekt er vergeigt hat oder so. Un dann hingste nur noch zuhause, musstest dann Aufmaße machen un so weiter, Rechnungen schreiben, was
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Einerseits bleibt also festzuhalten, dass Werner auf die Rechtfertigungsweisen des Außen keinen Bezug nehmen will oder kann - sie sind ihm fremd. So bleiben die kritischen Argumentationen, die Werner durchaus gegenüber einem Außen hegt, oft der Selbstverständlichkeit verhaftet, die sie in den Gesprächen mit Gleichgesinnten besitzen. Anstatt sich die Kritik an die kritisierten Personen oder Institutionen selbst richtet, verlässt sie die Kreise der Eingeweihten nicht oder verbleibt gar unartikuliert in Werners Gedanken. 45
In der Konstellation eines zwiespältigen Weltbezugs wird andererseits jedoch auch die Kritik der Welt des Innen, in der sich Werner verortet problematisch, da sie die Selbstverständlichkeit der Gemeinschaft 46 bzw. den authentischen Kern Werners Persönlichkeit in Frage stellen würde. 47 So ist auch Werners Abwendung von der Gewalt von einem Zwiespalt belegt. Er möchte heute von den Prügeleien Abstand nehmen, die nicht nur seine, sondern auch die Gesundheit der Anderen, die er nicht auf dem Gewissen haben möchte, gefährden. Jedoch macht er es sich mit der Erklärung dieses Sinneswandels durch der bewusstseinserweiternden Wirkung des Drogenkonsum zu einfach und vergisst, dass, wie er selbst sagt, sich sein Menschenbild während der Jahre in der rauen Gemeinschaft der rechten
eigentlich sein Job gewesen wäre. So mustest zu irgendwelchen Aufmaßschulungen hin am Wochenende, was die nich bezahlt gekriegt hast. Mir hing das dann irgendwann so zum Hals raus, da bin ich dann, von Heut auf Morgen hab ich dann gesacht hier "Tschüss" ich hab keene Lust mehr“.
Auch die Zusammenschluss sich prügelnder Banden gegen die Polizei, den Werner schildert, trägt das Muster der sich schlagartig entladenden bislang unterdrückten Kritik.
45 Memo: Es fällt Werner nicht schwer, über die Arbeitsmarktpolitik zu reden, wenn dazu angeregt wird. Dann kritisiert er auch, dass Soziale Arbeit immer mehr in die Ehrenamtlichkeit gedrängt wird. Auch im Interview spricht er oder auch im Interview spricht er über seine Ansicht der gesellschaftlicher Prozesse. Hier braucht er allerdings auch keine Gegenwehr zu befürchten.
46 Das direkte Verhältnis, welches Werner zu seinem Berater im Arbeitsamt hat, ist einerseits ein guter Schlüssel zur Kommunikation mit der Behörde, andererseits ein Hindernis, wenn Werner meint, die Beziehung auf Spiel setzen zu müssen, um Kritik zu üben und seinen Vorstellungen Respekt zu verschaffen. WF: „[…] ich kenn ja den Herr Franke so, war ich nach'm ersten Tach per du, weißte. Alle andern "Tag Herr Franke“, ich "moin Reinhart" (lacht), wisste. Wiss ich nicht, der war mir von Anfang an sympathisch, ich dem wahrscheinlich auch. So und das hat halt gepasst, ne.“; Memo: Auch die Auseinandersetzung mit Bandmitgliedern über den Stellenwert der Probezeiten und der Band an sich, bleibt in den Diskussionen über das Erscheinen zur nächsten Probe eher Implizit. Das kann zu Missverständnissen und Enttäuschungen führen, wenn Werner, der der Band den Vorrang vor familiären Angelegenheiten einräumt, plötzlich merkt, dass diese dem Anderen doch wichtiger sind.
47 Memo: Ein Ereignis, dass ich auch in diese Richtung interpretieren würde, ist dass sich Werner, auf die Frage nach der Möglichkeit Lebensweisen oder Weltanschauungen zu vergleichen und zu beurteilen, schnell für die Unerklärbare Pluralität eben dieser ausspricht. Und so aber auch weiteren Fragen der Selbstverständigen aus dem Weg geht. Auch so, wenn er seine Tatoos mit einem Lächeln als „Böse“ bezeichnet und damit gleichzeitig die Empörung über solche Symboliken parodiert.
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Szene und der Hooligans geformt hat. 48 Sowohl seine rechtsradikale Vergangenheit als auch das Potential zur Gewaltausübung bleiben Teil seiner unantastbaren Identität, die die Mitglieder seiner Welt so akzeptieren müssen, wie sie ist. Werner steckt sich somit ein Territorium ab, das in Harmonie gehalten werden soll und dessen scheinbare Naturwüchsigkeit weder von Außen noch von Werner selbst in ernsthafter Weise in Frage gestellt wird. 49
Diese Blockade der kritischen Praxis Werners, die sich aus Erlebnissen der Enttäuschung von Erwartungen und immer wieder verworfenen Weltbildern sowie dem damit einhergehenden Mangel von Aneignungsverhältnissen mit der (äußeren) Welt speist, verstärkt sich wechselseitig mit einer Zurückgezogenheit in ein unhinterfragbares Innen der Persönlichkeit, bzw. der Gemeinschaft unter Gleichgesinnten. Werners Kritik nimmt dann eine Form des Zynismus an. Zum einen weiß er bissig über die Unaufrichtigkeit und Inkonsequenz der Politik und die leichte Verführbarkeit der Massen vor den Fernsehbildschirmen zu berichten, zum anderen ist er damit einverstanden, das die Zurschaustellung seiner als naturwüchsig betrachteten Moral andere vor den Kopf stoßen könnte. 50 Aber nicht nur in bissigen Worten, sondern auch in den Handlungen Werners spiegelt sich die Haltung eines Zynikers wieder, die dem Kritisierten keinen Platz zur Rechtfertigung lässt, sondern den gegnerischen Standpunkt als grundlegend falsch annimmt und nach seiner Zerstörung trachtet, ohne noch die Meinungsverschiedenheiten in ihren Ursachen detaillierter herauszuarbeiten. Eine Aufhebung der (wechselseitigen) Kritik in der Kritik. 51
Dem hier aus den Erinnerungen Werners zugespitzt formulierten Zynismus und die Abspaltung einer verwerflichen äußeren von einer harmonischen Inneren Welt als Grundlage und Konsequenz eben dieser eher konfrontativen kritischen Praxis möchte ich eine weitere
48 WF: „Also wenn ich ehrlich bin, hat's mir zu der Zeit 'ne Menge Spaß gemacht, weißte. (I: mhm) Und im Späteren betrachtet, war's halt gesellschaftlich vielleicht falsch, wenn du's so siehst, also wie die Gesellschaft halt so im allgemeinen denkt, so aber für mich war's halt ehm prägent, von daher auch nichts schlechtes.“zumindest für ihn.
49 WF: „[…] weil wenn ich unseren Gitarist nich hätte, wär das mit der Band garnich zu Stande gekommen, weil so mit wildfremden Leuten hätt ich niemals 'ne Band aufgemacht, weißte. (I: mhm) Nur mit dem, wisste wir verstehn uns halt schon seit Jahren so wir wissen genau was der andere denkt so.“ Siehe Auch Fußnote 36.
50 Im Gegensatz hierzu: Sloterdijk, der einen etablierten Zyniker und den Zynismus als Massenphänomen der Modernen Gesellschaft beschreibt. Sloterdijk, Peter: Kritik der zynischen Vernunft. Bd.1. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1983, S.36f.
51 In Anschluss an Sloterdijk, der den kynischen Impuls in der Neuzeitlichen Philosophie als die Aufhebung des Philosophierens im geistesgegenwärtigen, an Natur und Vernunft gleichzeitig orientierten Lebens fest machen will. Sloterdijk, Peter: Kritik der zynischen Vernunft. Bd.2. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1983, S. 930.
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Strategie der Kritik gegenüberstellen, die die Kontinuität wechselseitiger Interpretation hervorhebt und damit bemüht ist, trotz ständiger Überzeugungsarbeit ein Einvernehmen auf abstrakterer Ebene mit der kritisierten Welt zu erhalten.
4.3 Frühkindliche Entfremdungserfahrungen Steffens
Auch im Fall Steffens kam es in der Kindheit zu Gewaltanwendungen der Eltern und das weit häufiger als bei Werner und sogar bis ins pubertäre Alter hinein. Wie der heute 38jährige beschreibt, trennten sich seine Eltern drei Jahre nach seiner Geburt, woraufhin er in den „berliner Hinterhöfen“ und bei seiner Mutter aufwuchs, die er als typische Lehrerin bezeichnet. 52 Das Gespann aus Stiefvater und Mutter beschreibt er als sehr streng und autoritär. So wurden seine Versuche Kritik an den Handlungen der Eltern anzubringen mit Gewalt abgeblockt. Er scheint sich bereits in einer sehr frühen Phase seiner Kindheit von den Eltern zu distanzieren. 53 Sein damaliges Zuhause sieht Steffen als Beschränkung seiner Freiheiten, als Käfig, aus dem es auszubrechen gilt. 54 Gegenpole zu seinen Eltern, die ihn charakterlich anziehen und seine Leidenschaft für die Welt da draußen wecken, findet er bspw. in Gestalt seines weltgewandten Onkels oder des Zeichenlehrers, der ihn in seinem Wunsch, Kameramann zu werden, bestärkt hat. 55
52 Auf die Frage wie er seine Mutter als Mensch bescheiben würde, antwortet Steffen: „Ja Stereotyp - Lehrerin (lacht) (I: Hm) (..), so weiß alles, kann alles, weiß alles besser“. „Ja, na die war ziemlich streng und hat (..) hm naja hat, hat mir wenig wenig Möglichkeiten gegeben selbständich irgendwie was zumachen, so das war bis ich 18 war, ging das (..) und zwar (..) das fand ich ziemlich furchtbar“.
53 S: „Also da warn so einige unschöne Sachen, die ich bis heut nich verstehe. I: Also auch vielleicht, es gibt ja unterschiedliche Arten zu schlagen und die wahrscheinlich unschönere ist vielleicht die, wo dann vielleicht schon das Kind merkt, dass es eigentlich nicht darum geht, dass jetzt bestraft wird, dass es vielleicht auch garnich weiß welche Regel es übertreten hat, sondern dass Mama oder Papa halt schlechte Laune haben und (S: Hm, ja).“ „Also das ging los, dass ich den [Stiefvater] nich leiden konnte, da saßen wir beim Abendbrot un irgendwie hab ich mir ne Kartoffel gesteckt un die war irgendwie zu heiß. So Mund ufjemacht und dann fing der an: ‚Öh mach den Mund zu, des sieht ja eklich aus’ Dann hab ich jesacht: ‚Du kannst, musst ja da nich hinkucken, kannst ja woanders hinkucken’, rumms hat ich eine sitzen“.
54 S: „[…] aber was mich richtich gestört hat so ich musste abends um 8 auch mit 16 musst ich abends um 8 zuhause sein, egal obs Wochenende war oder in der Woche (I: Ok) Und des war ätzend (I: Ja) das war ätzend und überhaupt fand ichs dann Zuhause ätzend und hab beschlossen, also wenn, wenn ich mit der Schule bin, dann zieh ich aus Zuhause“.
55 Der Erinnerung an ein Gespräch beim Essen an dem Onkel, Tante, Mutter, Stiefvater und der 12jährige Steffen teilnahmen, entnimmt Steffen: „[…] wie offen er [der Onkel] och war. Hat er so erzählt so von Venedich, wie er da so angekommen is un so und hat er irgendwo zur Untermiete gewohnt und da meint er: ja, und dann so mit, mit der Vermieterin so irgendwie hat er dann noch n Glas Wein getrunken und noch n Glas Wein und schwupps lagen se im Bett (beide lachen) Hat der am Tisch ganz offen erzählt, meine Tante war auch dabei.
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4.4 Steffens kritische Praxis
Interessanter Weise fällt auch im Interview mit Steffen das Wort „Befreiungsschlag“ und auch bei ihm äußert sich an dieser Stelle der Wunsch nach der Überwindung als illegitim empfundener Autorität. In Steffens Fall stellt dieser Befreiungsschlag jedoch keine Gewalttat dar und steht auch eher für einen Schritt in die ihm offen stehende Welt, als für einen Rückzug. Er zieht gleich mit 18 Jahren von zuhause aus, wie er es sich schon lange vorgenommen hatte und sieht selbst über die widrigen Bedingungen der neuen Freiheit in einem schweriner Azubi-Wohnheim zu DDR-Zeiten hinweg. 56
Auch bei der geschickten Umgehung eines Studiums im Sinne des Betriebes (in welchem Steffen sein Abitur mehr oder weniger machen musste) war die Aussicht auf ein fernes aber mit voller Zuversicht angegangenes Ziel, nämlich Kameramann zu werden, handlungsleitend. 57 Als er an den Protesten zur Zeit der Wende teilnimmt, hat er nicht die Wiedervereinigung im Sinn. So beklagt er, dass im Osten einfach nur das System des Westens übernommen wurde. Für Steffen war auch hier das Ziel eine neue Welt, die er mit gestallten kann und auf die er vielleicht hoffte, als er bei einer Demonstration „irgendwie“ in der ersten
So meiner Mutter is die Gabel aus der Hand jefallen (beide lachen) (.) (I. Hm) So war der“. Hier wird die gegenpolige Beziehung zwischen Mutter und Onkel in Bezug auf Steffen deutlich.
S: „Ja, (..) das war mir schon in der fünften Klasse klar, dass ich studieren will, nämlich Kameramann (I: Weil?, also) Na der Herr H., der hatte och die (..) äh (.) Arbeits- äh Photographie-Arbeitsgemeinschaft betreut und da bin ich och in der fünften Klasse rein (..) und da ham mehr och immer ganz viel, ganz oft was unternommen, mit ihm zusammen, dann den Photoapparat geschnappt und dann durch die Gegend gezogen, photographiert und denn hinterher späten Nachmittag, abends noch Filme entwickelt und Bilder vergrößert“.
56 S: „[…] als ich dann raus war Zuhause, da hab ich dann so ziemlich alles nachgeholt (..) (I: Un-), was ich bis dahin nich durfte, nich ausprobieren durfte„ I: „Und das wäre? (..)“
S: „Na bis, bis sonstwann wegbleiben, durft ich zwar och nich (Lachen) (.) dort, aber das war mir wurscht (..) so Kneipe gehen und (.) Disko und was wees ich nich noch alles (..) das war wie son, wie son Befreiungsschlag (..)
Die unangenehmen Seiten der Ausbildung werden erst später angesprochen: S: Uch na, (.) hatte allerdings großes Pech mit meinen Zimmer(.)genossen.“ I: „Was aber die Erfahrung nicht trübte, dass es an sich erst mal wesentlich schöner war als Zuhause (S: Nee, nee)“
57 S: „Nee, aber ich sag mal, ich war clever (.) Also ich stand im, also hab auch wirklich ne Weile überlegt, was mach ich denn jetzt […] das Studium der Mathematik (.) wäre im Sinne des Betriebes gewesen und mit meinem Mathezeugnis, meinen Mathezensuren gabs keine Chance auf- äh das Studium anfangen zu dürfen. Also hab ich mich für Mathema- Mathematikstudium beworben, da wusst ich: mich nehmen die nich(..), und denn bin ich raus ausm Schneider(.), dann krieg ich die Ablehnung und dann bin ich fertig mit der Schule, dann könnense mich mal, dann kann ich mich fürs Kameramann-Studium bewerben“.
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Reihe den Polizisten gegenübersaß oder sich in die frisch gegründeten „Republik“ Utopia einbürgern ließ. 58
Entfremdende Momente sind für Steffen also solche, in denen es (bspw. auch in seiner Arbeit als Kindertherapeut und Betreuer) darum geht „irgendwelche Regeln“ durchsetzen: „[…] die ham sicherlich alle ihren Sinn (..) aber wenn ich mir so so vorstelle, wie's in den Kindern aussieht, (..) sind se gar nich in dem Augenblick in der Lage dazu“ An diesen Stellen fühlt er sich in seinen Handlungen nicht mehr wohl. Es sind für ihn: „Momente, bei denen ich weiß, das is jetzt Arbeit“. Steffen hat ein Verständnis von dem, was es heißt, als Autorität Anderen gegenüberzutreten und Verantwortung für sie zu tragen, welches deutlich von dem Werners abweicht. 59
Dem bloßen Durchsetzen von Regeln stellt Steffen Verhältnisse gegenüber, in denen es den Kindern und (in einer idealen Gesellschaft) dem Menschen allgemein ermöglicht ist, sich selbst auszuprobieren. 60 Das Verhältnis zur Autorität ist hierbei entscheidend. Eine Autorität ist für Steffen dann legitim, wenn sie es dem ihr unterworfenen ermöglicht, eigene Wege zu finden und somit auch letztlich Unabhängigkeit von der Autorität zu erlangen. Als Beispiel lässt sich hier Steffens Arbeit mit einem Jungen anführen, gegenüber dem Steffen als Autorität in Form des Kindergartenbetreuers auftritt und ihm einerseits zeigt: „wer der
58 S: „[…] also n nächsten Tach war dann Sitzblockade, da ham wer die Schönhäuser Allee gesperrt (..) Und es hat sich irgendwie ergeben, dass ich ziemlich weit vorne saß und uns und uns gegenüber standen so LKWs mit Schneeschiebern vorne dran montiert (.) Un wir wurden aufgefordert dort die Strasse zu verlassen, sonst machen die die Strasse frei und wir sin natürlich sitzen geblieben und dann ham se da diese LKWs mit den Schneeschiebern vorne dran angemacht und sin och losjefahrn (..) Sin aber trotzdem sitzen geblieben und dann ham se ihre LKWs wieder ausjemacht und da war mir dann eigentlich klar: Ja Ok, dis (..) könnte jetzt was werden“.
S: „ […] Ende Oktober wurde dann in Berlin am, am Kollwitzplatz wurde die autonome, autonome Republik Utopia gegründet (..) So mit richtich mit: ‚Jawoll wir machen, wir machen dis wir machen was neues, wir machen was ganz andres’ […]“.
59 Zu Werners Auffassung seiner Tätigkeit als Vorarbeiter siehe Fußnote 41.
60 I: In was für ner Gesellschaft würdest du gerne leben?
S: Mh (..) in der es allen ermöglicht wird, sich äh so zu entfalten, sich so zu entwickeln wie's (..), in den Umständen in denen dieser Mensch aufwächst, sich, nach seinen, eigenen Bedürfnissen (..) entwickelt und mit seinen eigenen Bed- dass die Bedürfnisse, akzeptiert werden (..) und, naja, sagen wir mal dass man, quasi alle Zeit der Welt hat, sich auszuprobieren […] ohne Erfolgsdruck, dass äh, die Kinder, des lernen dürfen, was se grade lernen möchten, weil jedes Kind will jeden Tag, irgendwas lernen. […] Und wenn se eben schon in der Zeit lernen, dass des, was ich will, auch niemanden interessiert (..) so denn:, wird man och irgendwann nischt mehr wollen. (..) Denn sitzt man nämlich den ganzen Tag vorm Fernseher.
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stärkere ist“, ihn gleichzeitig aber auch in seiner Eigenwilligkeit gewähren lässt. 61 Auch hier sind es die Eltern, die nach Steffens Ansicht das Kind in seiner Entwicklung zurückwerfen. Die Pflegemutter und stärker noch der Kindergarten, bzw. das Kinderheim treten hingegen als Orte der Entfaltung und der Auseinandersetzung mit Autoritäten auf, die auch den Anspruch hegen im Auge des Kindes als legitim zu erscheinen. 62 Das Jugendamt, welches ohne Rücksicht auf Steffens Empfehlungen über den Verbleib des Kindes entscheidet, zieht wiederum Kritik auf sich. 63
Es zeigt sich, dass Steffen einen Zugang zu den Menschen findet, der ohne das Bedürfnis nach absoluter Sicherheit über den Anderen auskommt, wie es im Gegenteil bei Werner zu sein scheint. Steffen findet sich damit ab, dass er das Denken und Handeln der Menschen nicht vorhersehen kann. Es geht ihm aber nicht vorrangig darum, sich von den Bedürfnissen der Anderen abzukoppeln, sondern um eine gegenseitige Akzeptanz der menschlichen Bedürfnisse und von Freiheits- und Gestaltungsansprüchen. Wie sich aus dem Zitat in Fußnote 60, in dem Steffens gesellschaftliches Idealbild zum Ausdruck kommt, entnehmen lässt, bleibt der Mensch für Steffen ein Kind seiner Umstände, diese sollten es ihm gleichzeitig ermöglichen, sich frei zu entfalten. Seine Kritik wendet sich nicht nur aber hauptsächlich an Bildungseinrichtungen, in denen das Wollen der Akteure ausgeklammert wird und das Desinteresse am gegenseitigen Austausch gepaart mit dem Erfolgsdruck, dem Druck allen Anforderungen zu genügen, letztlich die Motivation, sein eigenes Leben in die Hand zu nehmen, erstickt. Antriebslosigkeit ist wahrscheinlich auch die Diagnose, die Steffen in anbetracht Werners Fernsehkonsums diagnostizieren würde.
Das eine Institution den Individuen eine Anleitung zur Hand geben muss, sich ihrer zu bemächtigen und nicht der stumpfen Reproduktion von Rollenmustern zu verfallen, lernt Steffen während seiner Schulzeit im Kontakt zu den Lehrern, die ihm gerade dann in ihrer Position authentisch erscheinen, wenn sie sich nicht bloß den institutionellen Vorgaben
61 S: „pfiffiges, pfiffiges Kerlchen, echt. (5) Und sehr liebenswert. (..) Obwohl er oft (..) genau das Gegenteil von dem gemacht hat was er sollte“. Auch arbeitet Steffen darauf hin den Jungen ab einem Gewissen Zeitpunkt ziehen lassen zu können: „nach m Kindergarten ist es vorbei, aber ne, das, das, so auf eine Person, die ganze Zeit das, wär mir zu eng gewesen. (I: Hm) Das hätt ich nicht jewollt.“
62 Diese Auffassung scheint stark mit den Unstimmigkeiten zusammenzuhängen, die Steffen in der Erziehung durch seine Eltern Wahrgenommen hat: „wenn ich so an mein eigenes Heranwachsen denke ist das schon, liegt mir schon sehr am Herzen dass [die Kinder], dass se selber nachdenken, über des was passiert und nicht einfach alles übernehmen, (I: Hm) was ihnen vorgelebt, vorgesagt wird. […]Des is mir wirklich, sehr bedeutsam, für das Heranwachsen eines Menschen“.
63 S: „Da kann man empfehlen wie man will. (..) Und das ist dann echt schade“.
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unterwerfen, sondern ihre eigene Interpretation der Situation vertreten und ihr Selbst nicht hinter der Rolle verstecken müssen, wenn sie mit den Kindern zusammenarbeiten, tatsächlich an ihrer Entwicklung interessiert sind und eben auch für das Wollen der Kinder empfänglich sind. 64 Hier stellt Steffen andere Lehrer gegenüber, die ihm falsch vorkommen, die vor und nach der Wende den jeweiligen Status Quo repräsentieren und auf einer subtilen Ebene ihren Frust über die Kinder, denen die Regeln unverständlich bleiben, auslassen. Regeln mit denen sich die Lehrer vielleicht selbst nicht identifizieren können.
Was letztlich auch Steffens Vorstellung von Authentizität von der Werners unterscheidet, ist, dass Steffen sie nicht allein in sich verortet, sondern im spielerischen Umgang mit den Institutionen, den er bei seinen Vorbildern (dem Onkel, dem Zeichenlehrer etc.) erkennt und der sich auch in seinen fernen Zukunftsträumen äußert. So will er eine Segeltherapie oder auch seine akademische Karriere so gestallten, dass sie für seine Launen offen sind. 65 Seine Kritik legt es gleichfalls auf Kompromisse an, die aber eine radikale Umgestaltung der Verhältnisse nicht ausschließen, bzw. orientiert sich seine Kritik nicht an mehr oder weniger institutionalisierten Normen, die aus seiner Sicht oft zu starr und geistlos umgesetzt werden, sondern am Ziel der besseren Entfaltungs- und Durchsetzung des Wollens der Akteure in den Institutionen. 66
64 S: „Mein Zeichenlehrer beispielsweise oder unsre Klassen- unsre stellvertretende Direktorin, das warn och so Leute, die ehrlich waren (..) Also wie gesagt wir waren wirklich die, wie auch die stellvertretende Direktorin sagte, die schlimmste Klasse (.) aller Zeiten, aber die mochte uns, so die hat uns so genommen wie wer sind (..) und weil sie eben so ehrlich war und und och n paar Sachen, die na die waren zwar aufm Papier irgendwie nich erlaubt, aber (.) des des war sinnlos(.), dass es nich erlaubt war (..) da hat se och gesacht naja, macht ja nischt, is ja nich schlimm (..) Das waren so die ersten und ich dachte: ja (..), so kann man das machen (.), die waren och streng (..), aber eben of ne, of ne ziemlich besondere Art und Weise und eben och nur dann wenn’s och wirklich sinnvoll war (..) wo denn die Strenge uns Kindern och äh weitergebracht hat […]“.
65 S: „[…] wenn ich Gutes tun will fahr ich mit denen [(verhaltensauffällige Jugendliche)], halt irgendwo rum, und da kann man ganz viel machen. So eben, sich einfügen in die Gruppe, och mal ne Autorität, akzeptieren. [… und wenn ich] in so ner Phase bin wo ich (..) nich vordergründig Gutes tun will sondern Geld verdienen will dann fahr ich eben, mit zehn gestressten Managern da, ph, im Februar über de Ostsee.“; Für eine akademische Laufbahn wünscht sich Steffen folgendes. S: „[…] irgendwie wird das denn hier halt nach Deutschland in irgend so ne Uni auf die Leinwand, projiziert, so da hab ich halt n Hemd an mit m Schlips, unten hab ich die Badehose an, und denn solln die irgendwie ne Aufgabe machen und denn schalt ich ab und schlürf da mein Coctail. […] und, mach da meene Forschungen“.
66 Da war nämlich am ersten Schultag, sollten zwe Mädels Politinformation machen, […] und unsre Klassenleiterin die Frau S., die hat sich fürchterlich aufjeregt wie das es keene Politinformation is und also die ha- die hat richtich rumjebrüllt - das es nischt war. Und dann hab ich sie gefragt (.), woher die das wissen sollen wie man ne vernünftige Politinformation macht.“
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4.5 Gegenüberstellung: Zynismus vs. wechselseitiger Interpretation
Um die aus diesen beiden Fällen generalisierbaren Typen kritischer Praxis noch schärfer entgegenzusetzen, möchte ich zunächst noch einmal den Zusammenhang ihres Selbst und Weltverhältnisses mit ihren Verhaltensweisen bei der Ausübung von Kritik betrachten. Hierbei ist sicher nicht von einem einseitig gerichteten Prozess der Hervorbringung bestimmter Formen der Kritik durch mehr oder weniger entfremdete Weltverhältnisse auszugehen. Es ist vielmehr zu erwarten, dass sich Form der Kritik und Selbst- und Weltverhältnis wechselseitig verstärken.
Wir haben zum einen Werner, der sich in der Welt, sein eigenes Territorium abzustecken scheint. Er beschränkt sich sowohl räumlich auf die Stadt Jena, die er als Gerüstbauer aktiv mitgestalten kann, so dass es ihm erlaubt ist, die Früchte seiner Arbeit zumindest zu betrachten 67 , auch seine Wohnsituation ist ihm zu einer lieben Gewohnheit geworden. Vor allem aber die enge Verbindung zu seinem Freundeskreis insbesondere seiner Band macht seine Welt aus. Aus dieser Welt heraus schöpft er ein Selbst, das für sich genügsam ist. Es bedarf keiner Überzeugungsarbeit weder nach innen noch nach außen. Wenn Werners Standpunkt nicht angemessen registriert wird, kann diese Einschränkung expliziter Kritik aber zum Rückzug aus dem Konflikt und letztlich zum Versuch der Abspaltung führen, die sich ob mit oder ohne Gewalt meist in plötzlichen, affektiven Befreiungsaktionen vollzieht. Diese Grenze zwischen Innen und Außen kann wiederum zu Entfremdungserscheinungen führen, sofern sie brüchig wird und Werner das Gefühl bekommt, die ihm Anvertrauten führen ein doppeltes Spiel. 68 Seine Kritik nimmt dann die Form eines beißenden Zynismus an, der die kritikwürdigen Personen oder Institutionen
67 WF: „Ja das is halt meine Heimat, 's(..)hier leb ich seit(..)meinem ganzen Leben un 's is, weß 'sch nich, 'sch finds total super hier. (zeigt sein Quer-über-den-Bauch-“Jena“-Tatoo) […] Mh hast of jeden Fall ‘ne sin meine ganzen Leute, die ich halt(..)die mir wichtich sin, sin hier. Is so. Könnt mir keine schönere Stadt vorstelln. […] Macht halt Spaß, fühl mich hier wohl. Kenn mich hier aus un(..)also 'sch würd hier och nie weggehn, wenn's nich unbedingt sein muss. Also jedenfalls nich für nen Job, für keene Frau, für gar nix, eigentlich fällt mir nix ein.“; „Da hab ich gesacht: alles klar, du musst jetz hier 'n Gerüst bauen, weil de da jetz halt(.)keine Ahnung(.)weil das Haus neu gemacht wern muss, wisste, oder sonst was. Un da freuste dich z. B. im Nachhinein, wenn ich so durch Jena fahre, sach ich: ach hier das Haus, das haste ma eingerüstet un so, ach sieht ja schön aus un trallala. Da freut mer sich irgendwo, weil mer(.) weil mer was sieht, weißte, so. mer sieht, mer hat da un da was gemacht, hat was(.) irgendwo ‘ne Spur hinterlassen, weißte.“
68 So fühlt er sich an den Tagen, an denen sein Bruder und er bei seinen Eltern aufeinander treffen in seiner eigenen Familie unbehaglich. WF: „Wenn mer uns sehn mal, dann höchstens zu Familienfeiern oder sowas, aber selbst dann wechseln mer kein Wort miteinander, nichts gucken uns nich an, sagen uns nich Guten Tag. So wenn ich mal bei mein' Eltern bin un der kommt durch Zufall vorbei, naja dann latscht er in de Küche un ich bleib in der Stube un so“.
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verhöhnt. Hierbei folgt Werner auch gerne einem Messias, dessen Botschaft er sich aneignet, wenn ihm die Autorität als legitim erscheint in dem Sinne, dass sie Erfahrung besitzt und ihre Äußerungen authentisch, bzw. selbstsicher vertritt. 69
Dass Steffen im Gegensatz hierzu bei einer Autorität Wert darauf legt, dass sie sich einfühlsam zeigt und bestrebt ist dem ihr Untergebenem von sich unabhängig zu machen und zu seiner Selbstverwirklichung beizutragen, lässt vermuten, dass er sich beim erarbeiten von Wertmaßstäben eher dem Spiel wechselseitiger Interpretation hingeben will. Steffens Welt ist weiterhin ein Raum, den er nicht begrenzen will und der viele Möglichkeiten zur Entfaltung seiner weitgesteckten Ziele bietet. Sein Utopia ist ein Platz, an dem es gelingt einem jeden Freiheit und die Möglichkeit zur Entfaltung zu bieten. Seine Kritik stellt sich hierbei stets in den Dienst der Souveränität des vermeintlich Untergebenem. 70 Die Unterdrückung, bzw. Ausblendung seiner Kritik, in seinem Elternhaus, der Schule und im Umgang mit den Behörden, dient ihm als Negativfolie einer Gesellschaft, die er verändern will, etwa indem er Managern oder verhaltensauffällige Jugendliche auf einem Segelboot, also in einer Situation, die das gegenseitige Verständnis erfordert, zu sich selbst finden lässt. 71 Während Werner dazu neigt gegnerische Ansichten auszuklammern und so letztlich Kritik von Außen und auch die eigene Kritik verdrängt, bis sie sich schlagartig durchsetzt, geht es Steffen gerade um die wechselseitige Akzeptanz der Kritik, die sich wie von selbst äußert und stets auf Gleichberechtigung drängt.
69 Personen, die bei Werner solches Ansehen genießen sind zum Beispiel Gregor Gysi und vor allem Peter Scholl-Latour. WF: „Orh, der is herrlich. (..) Mh der is in fast jeder Talkshow so wenns hier was wiss ich über hier irgendwie Terrorismus oder sonst irgendwas geht. Der Typ hat so viel erlebt. Den find ich total klasse.“ „Du kennst Peter Scholl-Latour nich? (I: mhmh) Das is aber 'ne Bildungslücke“; „Der hätte eigentlich Politiker werden müssen, Außenminister oder irgendwas. is gebürtiger Franzose. (trinkt) Und der, der erklärt dir die Welt. Vom Sehen kennst 'n bestimmt“.
Das Erfahrung und Vertrauenswürdigkeit Werners Bild einer legitimen Autorität ausmachen zeigt sich auch in der Beschreibung seiner Ausübung der Vorarbeiterrolle. WF: „So, ich war grade mal zwei Jahre beim Gerüstbau un bei in Firma 3 Monate(.) un ich war wiss'sch nich 20, 21 so na alle(.) ich war der jüngste dort ne un alle Ältere da drinne. So naja hast's natürlich nich so einfach […] als 21-jährischer Wanst dann irgend 'nen 40-jährigen zu erklären was er zu machen hat, der schon länger im Gerüstbau is als ich un sowas. Die Leute warn halt nich zuverlässich, sach mer's mal so“.
Werners Kritik der Sozialarbeiter, die ihn früher in Jugendclubs betreuten, ist ambivalent. Zum einen lobt er sie für ihre Geduld, zum anderen muss er auch sagen: „Aber im Endeffekt is Sozialarbeit in diesen Schuppen war so gut wie bei null, wisste. Also da hat dir nie jemand ins Gewissen geredet, oder so: ‚Ey was machst'en eigentlich für'n Scheiß’ oder sowas. Vielleicht ham se Angst gehabt, weiß mer auch nich, sicherlich wird's auch gegeben ham. Oder sie ham halt ihren Job noch nich richtich verstanden“. Die Kompetenz der Sozialarbeiter sucht Werner hier vergebens in einem Insistieren auf fachlicher Überlegenheit was Weltanschauungen angeht.
70 Siehe Fußnote 66
71 Siehe Fußnote 65
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4. Schlussfolgerung
Wie meines Erachtens in dieser Ausarbeitung deutlich geworden, bleibt mit der Hinterfragung der kritischen Praxis der Akteure auch ihr Selbst- und Weltverhältnis nicht unberührt. Für das biografische Interview ergibt sich nun die Notwendigkeit die Selbstverständnisse in Anschlag zu nehmen, um die kritische Praxis der Akteure nicht nur zu verstehen, sondern auch ihre Wirksamkeit zu erörtern.
Eine Soziologie, die an den Weltverhältnissen der Akteure ansetzt und sich als Kritik der Alltagsinterpretationen von Wirklichkeit versteht, betrifft somit zwar auch die Persönlichkeiten der Akteure, dennoch entfaltet sie ihre kritische Kraft immer dazu, den Akteuren ein gelingendes Leben, in der Auseinandersetzung mit den Institutionen zu ermöglichen. Wie bei der Entfremdungskritik Jaeggis oder auch in der Rollentheorie deutlich wird, ist das Selbst schwer ohne Rollen und Institutionen zu denken, da es sich erst mit ihrer Aneignung konstituiert. 72 Weiterhin geht eine Veränderung der Interpretation von Normen auch immer mit der Veränderung der Norm an sich und damit der Realität einher. 73 Daraus lässt sich schließen, dass eine Kritik von Selbstverständnissen und kritischen Praktiken immer auch eine Kritik der Institutionen, ob implizit oder explizit, nach sich zieht. Um zunächst die zwei hier beschriebenen kritischen Praktiken noch einmal zusammenfassend gegeneinander zu halten, lässt sich das Bild der verschiedenen Wege der Moralphilosophie anhalten, welches Michael Walzer zeichnet. So scheint für Werner eher der Weg der Erleuchtung plausibel. Der Drogenkonsum, der seinen Horizont erweiterte und sein Dasein als Jünger des Kriegsjournalisten Peter Scholl-Latour lassen ihn mit dem scharfen zynischen Blick diejenigen erkennen, die der Eigentlichkeit menschlichen Zusammenhalts zum trotze über scheinbare Unabhängigkeiten lamentieren und einem falschen Bewusstsein anhängen. Werner stützt sich bei seiner Kritik auch auf die Erfahrungen aus seiner Kindheit im Sozialismus und seiner Jugend in der rechten Szene. Aus diesen Erfahrungen heraus betreibt er eine Art „Freilegung moralischer Prinzipien - dergestalt, dass wir diese nun zwar nicht zum ersten Male, jedoch in neuer Frische erblicken können, befreit von verkrusteten Interessen und Vorurteilen“. 74
72 Jaeggi (2005) S.98ff.
73 Auch stellt Jaeggi klar, dass nicht nur falsche Interpretationen der Wirklichkeit, sondern auch die Beschaffenheit der Situationen, die diese Interpretation fördert (also die Wirklichkeit selbst) Zielscheibe der Kritik sein muss. Jaeggi (2009b), S. 276.
74 Mit dieser Entdeckung objektiver Prinzipien verbindet Walzer vor allem eine messianische Herangehensweise an Moralphilosophie und Gesellschaftskritik. Walzer (1990), S. 14f. Im Falle Werners das entdeckte Prinzip
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Steffens Idealbild der besseren Gesellschaft mag hingegen zunächst den Anschein einer Erfindung erwecken, im Gegensatz aber bspw. zur habermasianischen Diskursethik findet sich bei Steffen kein festgelegtes Verfahren um dieses Ziel zu erreichen. Vielmehr kommt seine diffuse Bestimmung eines Utopia einem Traum gleich, der sich nie mit letzter Sicherheit verwirklichen lassen wird, sondern mit jedem Schritt, den man auf ihn zu geht, immer wieder neuer Interpretation unterworfen werden muss. 75 Die Interpretation letztlich stellt den dritten Weg in Walzers Konzeption dar und den er unter dem Ziel einer Gesellschaftskritik letztlich als einzig gangbaren kennzeichnen will.
Walzer möchte klarstellen, dass Entdeckung und Erfindung einer Moral und Maßstabs für Kritik eben auch Interpretationen der Wirklichkeit sind (und nicht Wirklichkeit an sich), nur dass sie diese Facette ihres Wesens verschleiern und damit der Gesellschaftskritik ein Ende bereiten, bzw. es in Aussicht stellen. 76 Allein die Interpretation moralischer Werte ist so Walzer in der Lage, wie die neue Lesart eines Gedichtes, die Sicht auf die Wirklichkeit und damit die Wirklichkeit an sich zu verändern. 77 Bedenken gegenüber einer solchen Herangehensweise finden sich in der Ideologiekritik der hegelschen Traditionslinie, die sich nicht mit der Analyse der faktischen Normen begnügen will, sondern auf die Widersprüchlichkeit oder Verkehrtheit von Werten wie Freiheit und Gleichheit in der gesellschaftlichen Konstellation ihrer Wirkung deutet, bzw. Institutionen auf Grund ihrer „Lebendigkeit“ also der Ermöglichung von Aneignung und Identifikation durch die Subjekte, sowie der Transparenz ihrer kollektiven Gemachtheit und Transformationsfähigkeit beurteilt. 78 Dieser gegensätzlichen Deutungen immanenter Kritik könnten auch zur tieferen Hinterfragung Steffens kritischer Praxis und seines Selbstverständnisses herangezogen werden, aber anders herum finden wir auch in den kritischen Praktiken der Akteure Indizien für die Anwendbarkeit solcher Konzeptionen von Gesellschaftskritik. Aus Sicht der Kritik als Rekonstruktion könnte Werner sein kritisches Potential besser entfalten, indem er vermehrt auch nach Argumenten sucht, die seinen Standpunkt für den
der kameradschaftliche Zusammenhaltes und als Maßstab das Engagement des Einzelnen für die Gemeinschaft unter Gleichgesinnten.
75 In Exodus und Revolution beschreibt Walzer ausführlich, wie das Bild eines Aufbruchs in das gelobte Land die Menschen zum Ausbruch aus der Unterdrückung und zum Marsch durch die Wüste im Laufe der Geschichte immer wieder motivierte. Walzer, Michael: Exodus und Revolution. Berlin: Rotbuch-Verl. 1988., S. 154ff oder auch Walzer (1990), S. 106.
76 Walzer (1990), S. 29f, 62.
77 Ebd., S. 40.
78 Jaeggi, Rahel: „Was ist eine (gute) Institution“. In: Rainer Forst, Martin Hartmann, Rahel Jaeggi und Martin Saar, (Hg.): Sozialphilosophie und Kritik. Frankfurt a. M.: 2009a, S. 542f oder auch Jaeggi (2009b) 285f,
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Gegenüber plausibilisieren, ihn zur Debatte zu stellen und eben dadurch erst als relevant einzubringen. In gewisser Weise ließe sich ihm vorwerfen, dass er mit zu wenig Leidenschaft in die Auseinandersetzung mit anderen geht und bevor er sich zu große Mühe mit Überzeugungsarbeit macht, lieber den Rückzug antritt und seine kritischen Gedanken für sich behält.
Andererseits lässt sich Werners kritische Praxis insofern verteidigen, als das sie auf eine Möglichkeit der Kritik verweist, die sich auf die Suche nach transzendenten Maßstäben begibt. In Werners Beharren auf seiner Zugehörigkeit zur Gesellschaft als Mensch zeigt sich auch, dass er es leid ist je nach den Werten seines Umfeldes ein früheres Selbst zu verwerfen und sich neu zu definieren. Wenn er sich als Opfer des Schulsystems zu DDR-Zeiten, des gesellschaftlichen Umbruchs mit der Wende, als Spielball wirtschaftlicher Flauten, oder auch unfähiger Vorgesetzter beschreibt, sucht er auf der anderen Seite nach transkulturellen Maßstäben, um sich in der Welt und mit ihr verbunden zu begreifen, was ihm jedoch Angesichts eines Individualismus den er gesellschaftlich diagnostiziert schwer fällt. 79 Hier kann eine Kritik anknüpfen, die das Autonomie-Ideal der Moderne hinterfragt und stattdessen „responsive Weltverhältnisse“ der Subjekte als Maßstab einer Gesellschaftskritik etablieren will - Art und Weisen des „In-die-Welt-gestellt-Seins“, die es dem Menschen erlauben, sich im „Einklang“ mit einer antwortenden und eben nicht indifferenten Welt zu erfahren. 80 Diese Variante soziologischer Kritik könnte sich Werner aneignen, sowohl um seinen Rückzug in eine Welt der Fernsehabende mit Bier und der Online-Rollenspiele, die die Interaktionsmöglichkeiten der Individuen auf besiegen oder unterliegen minimieren, mit anderen Augen zu sehen, als auch um für die Relevanz seiner Anstellung als Bandbetreuer und unbürokratischer Ansprechpartner-für-Alles in dem Jugend und Veranstaltungszentrum seines Zuhauses zu argumentieren.
Letztlich hoffe ich, dass mit dieser Arbeit auch Parallelen zwischen der Kritik der Reflexionsfähigkeiten der Akteure und der Kritik gesellschaftlicher Institutionen und Werte deutlich geworden sind. Die Bedeutung des biografischen Interviews als Mittler eben dieser rekonstruktiven Zusammenarbeit von soziologischer und alltäglicher Kritik lässt sich sicherlich noch weiter ausbauen. Letztendlich möchte ich hier auch für mich persönlich und in
79 WF: „’S is schwer heutzutage leider, weil(.) jeder is sich selber der nächste, weißte. Jeder denkt nur an sich un sein eignen Vorteil“. Memo: Den Vorrang den Werners Bandmitglieder den familiären oder anderen persönlichen Angelegenheiten vor Probeterminen einräumen, mag Werner auch als mangelnden Gemeinsinn interpretieren, wenn er sich beleidigt aus Diskussionen dieser Art zurückzieht.
80 Rosa (2009), S. 31ff. Hierzu auch Rosa, Hartmut: „Punktförmiges, poröses und abgeschottetes Selbst: Charles Taylors Religionsgeschichte als Prolegomena zu einer Soziologie der Weltbeziehung“. (Aufsatz im Erscheinen).
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Bezug auf die Führung und die Analyse biografischer Interviews noch einmal festhalten, dass sich Kritik und der Austausch über Weltanschauungen lohnt und dass, so naiv wie es klingen mag, bzw. so trivial es auch scheint, es bei Kritik nicht um Sieger und Gewinner geht, sondern um die gegenseitige Perspektivübernahme, Selbstverständigung und die Frage nach dem guten Leben.
30
Literaturverzeichnis
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Bourdieu, Pierre: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz: UVK 1997 [franz. Orig. 1993]
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Boltanski, Luc und Chiapello, Ève: Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK 2003 [franz. Orig. 1997].
Boltanski, Luc und Ève Chiapello: „Die Rolle der Kritik für die Dynamik des Kapitalismus: Sozialkritik versus Künstlerkritik“. In: Max Miller (Hg.), Welten des Kapitalismus. Institutionelle Alternativen in der globalisierten Ökonomie (S.285-321). Frankfurt: Campus 2005.
Celikates, Robin: Kritik als soziale Praxis. Gesellschaftliche Selbstverständigung und kritische Theorie, mit einem Vorwort von Axel Honneth. Frankfurt a. M.: Campus 2009.
Jaeggi, Rahel: Entfremdung. Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems. Frankfurt a. M. [u.a.]: Campus 2005.
Jaeggi, Rahel: „Was ist eine (gute) Institution“. In: Rainer Forst, Martin Hartmann, Rahel Jaeggi und Martin Saar, (Hg.): Sozialphilosophie und Kritik. Frankfurt a. M.: 2009, S. 528-544.
Jaeggi, Rahel: „Was ist Ideologiekritik?“. In: Rahel Jaeggi und Tilo Wesche (Hg.): Was ist Kritik? Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2009, S. 266-295.
Rosa, Hartmut: „Kritik der Zeitverhältnisse. Beschleunigung und Entfremdung als Schlüsselbegriffe der Sozialkritik“. In: Rahel Jaeggi und Tilo Wesche (Hg.): Was ist Kritik? Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2009, S. 23-54.
31
Rosa, Hartmut: „Punktformiges, poröses und abgeschottetes Selbst: Charles Taylors Religionsgeschichte als Prolegomena zu einer Soziologie der Weltbeziehung“. (Aufsatz im Erscheinen)
Sloterdijk, Peter: Kritik der zynischen Vernunft. 2 Bände, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1983.
Walzer, Michael: Kritik und Gemeinsinn: drei Wege der Gesellschaftskritik. Berlin: Rotbuch-Verl. 1990.
Walzer, Michael: Exodus und Revolution. Berlin: Rotbuch-Verl. 1988.
Zimbardo, P.G. und Gerrig, R.J.: Psychologie. 16. Auflage, München: Pearson, S. 43ff.
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