- 2 -
Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung - 3 -
2. Alkohol im historischen Überblick. - 3 -
2.1 Produktion und Konsum vom Mittelalter bis zur Neuzeit - 3 -
2.2 Öffentliche Wahrnehmung von Trinksitten und
Alkoholkonsum - 6 -
3. Alkohol im 19. Jahrhundert - 10 -
4. Die alkoholgegnerischen Bewegungen - 12 -
4.1 Erste Mäßigkeitsbewegung - 12 -
4.2. Zweite Mäßigkeitsbewegung - 16 -
4.2.1 Der „Deutsche Verein gegen den Missbrauch geistiger
Getr änke“ - 17 -
4.2.2 Die wichtigsten Abstinenzverbänd - 18 -
4.3 Das Ende der Branntweinpest und die Erfolge der zweiten
M äßigkeitsbewegung - 21 -
5. Fazit - 22 -
Literaturverzeichnis ..................................................................... - 24 -
- 3 - 1.Einleitung
Das 19. Jahrhundert war eine Zeit tiefgreifender wirtschaftlicher und sozialer Umstrukturierungsprozesse, die eine grundlegende Wandlung der
Lebensverhältnisse zur Folge hatten. Das zeigte sich auch in der sich ändernden gesellschaftlichen Wahrnehmung und Beurteilung des Konsums alkoholischer
Getränke. Auf der einen Seite wurde es möglich, hochprozentigen Alkohol in vorher nicht gekannten Mengen industriell herzustellen, auf der anderen Seite erhöhten sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die pharmakologischen und medizinischen Wirkungsweisen von Alkohol. Aber auch die soziale und ökonomische Funktionstüchtigkeit des Einzelnen gewann in der sich herausbildenden Industriegesellschaft einen neuen Stellenwert. Im Spannungsfeld dieser Entwicklungen wurde erstmals auf breiter gesellschaftlicher Basis der Umgang mit dem Alkohol diskutiert, was im folgenden am Beispiel der Entwicklung und Bedeutung der deutschen Antialkoholbewegungen dieser Epoche nachgezeichnet werden soll.
Zunächst soll ein kurzer historischer Überblick zur Geschichte des Alkohols in die Thematik einführen und die Entwicklungstendenzen hinsichtlich der Produktion, Konsummuster und öffentlichen Wahrnehmung der Trinkgewohnheiten bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts darstellen. Die Ausführungen dieser Arbeit beschränken sich auf Bier und Branntwein, da diese auch in der Debatte des 19. Jahrhunderts im Mittelpunkt des Interesses standen.
2. Alkohol im historischen Überblick
2.1 Produktion und Konsum vom Mittelalter bis zur Neuzeit
Seit vielen Jahrtausenden stellt Bier eines der wichtigsten Nahrungs-, Genuss- und Rauschmittel der Menschheit dar. Schon bei den frühen Hochkulturen Ägyptens und Mesopotamiens war es neben Wasser das beliebteste Getränk. Für den germanischen Raum belegt Tacitus erstmals schriftlich die Verwendung aus Getreide
- 4 - gewonnenenBieres 1 . Doch erst im Mittelalter entwickelte sich das Bierbrauen zu einem spezialisierten Handwerksberuf, ab etwa 800 unserer Zeitrechnung entstanden die ersten gewerbliche Brauereien 2 . Bis dahin hatte das Brauen zu den alltäglichen Tätigkeiten bäuerlicher Haushaltsführung gehört, ebenso wie beispielsweise das Backen, Melken oder Schlachten. Die Einführung des Hopfens im 14. Jhd. führte zu einem einheitlicheren Geschmack und größerer Haltbarkeit des mittelalterlichen Bieres, das dadurch zum transportablen Wirtschaftsgut wurde. Das Braugewerbe erlebte einen rasanten Aufschwung, dessen Höhepunkt im 16. Jahrhundert erreicht war 3 .
In der mittelalterlichen Esskultur spielte das Bier eine zentrale Rolle. In erster Linie war es unverzichtbares Alltagsgetränks und Grundnahrungsmittel, andererseits stellte es aber auch eines der wenigen verfügbaren Genuss- und Rauschmittel 4 dar. Entsprechend hoch war daher sein Verbrauch. In spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Städten lag der Verbrauch bei mehreren hundert Litern pro Kopf jährlich 5 .
Im Gegensatz zum Bierbrauen ist die Kunst des Weinbrennens eine relativ junge Erfindung. Ausgehend von den Kenntnissen arabischer Alchimisten, die eine in der islamischen Welt schon länger gebräuchliche Destillationstechnik zur Herstellung von Rosenwasser benutzten, wurde erst im 11. Jahrhundert die Alkoholdestillation aus Wein entwickelt. Das in der Medizin als Allheilmittel gepriesene „aqua vitae“ war ein in Klöstern und Apotheken hergestelltes teures Medikament, dem magische Kräfte zugeschrieben wurden. So wurde zunächst auch das Wissen um seine Zubereitung eifersüchtig gehütet, und es kam lange Zeit ausschließlich in der Heilkunde zur Anwendung 6 .
Erst das 15. Jahrhundert brachte die Entdeckung, dass sich aus Bier, Bierhefe und direkt aus Getreidemaische ebenfalls Alkohol erzeugen ließ. Damit war die
1 Wolfgang Herborn: Die Geschichte des rheinischen Bieres. (Vortrag vom 12. März 1998). URL:
http://www.menden.org/kultur-bierbrauen.html. 10.06.2009. S. 1.
2 S. Gunther Hirschfelder: Europäische Esskultur. Eine Geschichte der Ernährung von der Steinzeit
bis heute. Frankfurt, New York, 2001. S. 118.
3 Herborn: Die Geschichte des rheinischen Bieres. S. 1.
4 Da der Weinanbau aufgrund von Klimaverschiebungen im Verlauf des Mittelalters zurückging, war
der Wein teuer geworden und als Getränk den reicheren Mittel- und Oberschichten vorbehalten. S.
dazu Hirschfelder: Europäische Esskultur. S. 136 - 137.
5 Heinrich Tappe: Alkoholverbrauch in Deutschland. Entwicklung, Einflussfaktoren und
Steuerungsmechanismen des Trinkverhaltens im 19. und 20. Jahrhundert. In: Der Bürger im Staat,
52/4. 2002, S. 213 - 218. Hier S. 213.
6 Hirschfelder: Europäische Esskultur. S. 159.
- 5 - Grundlageeiner eigenständigen Branntweinproduktion für die Regionen nördlich der Weinbaugrenze geschaffen. Es entstanden die ersten gewerblichen
Hausbrennereien in den Städten. Der Getreidebranntwein entwickelte sich zum Konsumgut und begann allmählich, die neuzeitlichen Trinkgewohnheiten zu prägen 7 . Das einstige Heilmittel wurde zum Nahrungsmittel und aufgrund des bis dahin unbekannten hohen Berauschungspotenzials zur Droge. Allerdings war der Verbrauch von Getreidebranntwein gering, denn er war teuer. Das lag daran, dass Getreide zu kostbar war, um es in größerem Umfang zu destillieren und es außerdem wegen seiner guten Lagereigenschaften auch nicht sofort weiterverarbeitet werden musste 8 . Noch bis in das 18. Jhd. hinein wurde daher oft nach Missernten das Schnapsbrennen verboten 9 . So war Branntwein zunächst ein Getränk des Adels, des reichen Bürgertums und genoss hohes Ansehen.
Im 17. und 18. Jhd. ging der Bierkonsum stetig zurück. Eine Hauptursache war die grundlegende Wandlung der allgemeinen Ernährungsweise weg von Getreidebrei, Bier und Biersuppe zur neuen Brot- und Kartoffelkost. Damit nahm auch die Bedeutung des Bieres als Nahrungsmittel ab. Zudem wurde auch seine Stellung als Genussmittel durch die aufkommende Konkurrenz von Kaffee, Tee und Kakao geschmälert 10 , wobei sich besonders die Konsumentenschicht des Kaffees mit seiner Verbilligung durch eingeschliffene Handelswege ab 1750 auch auf eine breitere ländliche Bevölkerung ausdehnte 11 .
Während des Dreißigjährigen Krieges war der Branntwein durch die umherziehenden Soldatenheere in Europa allgemein bekannt geworden, denn die Soldaten bekamen einen Teil ihres Soldes in Alkohol ausgezahlt. Die Trinksitten der in die Heimat zurückgekehrten Soldaten verfestigten sich und fanden Nachahmung 12 .
Ab dem 18. Jahrhundert stieg der Verbrauch von Korn-Branntwein besonders im deutschen Norden und Nordwesten stetig an, nachdem sich das ursprünglich
7 Hasso Spode: Die Macht der Trunkenheit. Kultur- und Sozialgeschichte des Alkohols in Deutschland.
Opladen, 1993. S. 75 f.; Heinrich Tappe: Auf dem Weg zur modernen Alkoholkultur.
Alkoholproduktion, Trinkverhalten und Temperenzbewegung in Deutschland vom frühen 19.
Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. (Studien zur Geschichte des Alltags Bd. 12), Stuttgart 1994.
S.33f.
8 Hirschfelder: Europäische Esskultur. S. 159.
9 Ernst Schubert: Normen und Rahmenbedingungen des Alltagslebens nach dem Dreißigjährigen
Krieg. In: Concilium medii aevi, Bd. 2. 1999, S. 71 - 104. Hier S. 94.
10 Tappe: Alkoholverbrauch in Deutschland, S. 214.
11 Schubert: Normen und Rahmenbedingungen des Alltagslebens nach dem Dreißigjährigen Krieg. S.
92 - 93.
12 Tappe: Auf dem Weg zur modernen Alkoholkultur. S. 35.
- 6 - städtischeBrennereigewerbe mehr und mehr auf das Land verlagert hatte, wo es als landwirtschaftlicher Nebenerwerb betrieben wurde. Der Branntwein war zum Volksgetränk geworden 13 , das nun zum festen Bestandteil der Festkultur der Unterschichten gehörte. So besagte eine Verfügung im Bistum Osnabrück aus dem Jahre 1773, dass Bauern vier Tonnen Bier und zehn Kannen Branntwein (ca. 20 Liter) zur Hochzeit verbrauchen dürften 14 . Aber noch, das zeigt auch diese Verfügung, war der Branntwein in erster Linie besonderen Anlässen vorbehalten.
2.2 Öffentliche Wahrnehmung von Trinksitten und Alkoholkonsum
Obwohl schon die Mediziner der Antike neben dem nützlichen Gebrauch des Alkohols auch die Entstehung von körperlichen Leiden durch den Missbrauch wie etwa Händezittern und Alkoholdelir 15 beschrieben, fand im Mittelalter keine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Alkohol statt. Ein kausaler Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und physischen Beschwerden wurde nicht hergestellt, wie das Beispiel des Chronisten Thietmarus von Merseburg zeigt, der im elften Jahrhundert über den Prager Erzbischof Thiedagg schrieb, dass dieser:
„wegen einer unverschuldeten Krankheit maßlos trank. Er litt nämlich an einem Zittern der Hände und vermochte daher ohne Hilfe ihm zur Seite stehender Priester nicht mehr die Messe zu lesen. So siechte er dahin bis zu seinem Tode“ 16 .
Hier wurde der Alkohol als Heilmittel gegen eine Krankheit eingesetzt, die wir heute als Entzugssymptom deuten können. Von dem Laster der Trunkenheit nahm man zwar auch Schaden an Seele, Ehre, Leib und Gut, viel wichtiger aber war der Aspekt der Völlerei, der Verschwendung von Nahrungsmitteln, die in der christlich-mittelalterlichen Mangelgesellschaft immerhin als Todsünde galt 17 .
13 Schubert: Normen und Rahmenbedingungen des Alltagslebens nach dem Dreißigjährigen Krieg. S.
94.
14 Spode: Die Macht der Trunkenheit. S. 150.
15 Vgl. dazu Hasso Spode: Die Macht der Trunkenheit. S.116.
16 Zitiert nach Hasso Spode: Der Anspruch auf die Begierde. Die Revolution des medizinischen
Wissens über die Trunkenheit. In: Schuller, Alexander/Jutta A. Kleber (Hrsg.): Gier. Zur Anthropologie
der Sucht. Göttingen, 1993. S. 158-186. Hier S. 160.
17 Ebd.
- 7 - DasIndividuum spielte in der frühmittelalterlichen Gesellschaft eine untergeordnete Rolle. Genossenschaftliche Bindungen und Lebensformen waren wichtiger als der Einzelne. Sowohl die Bewohner der wenigen Städte als auch Adel und Klerus waren genossenschaftlich organisiert. Diese Genossenschaften wurden von zwei Elementen dominiert: dem Eid und dem festlichen Gelage 18 . Besonders das Gelage stellte ein konstitutives Element der Sozialbeziehungen dar, mit dem die Bindung innerhalb verschiedener Gruppen und Gemeinschaften ständig belebt und gestärkt wurde. Mit der rechtsrituellen Handlung des Gelages wurden Freundschaften, Genossenschaften, Bündnisse und Frieden geschlossen 19 .
Mit dem ausgehenden Mittelalter ging die Bedeutung der Gelage mehr und mehr zurück. Die schutzbietende Institution des archaischen Festgelages, wie Hasso Spode es nennt, verlor langsam seine Funktion. Die Strukturbedingungen heidnischer Gesellschaften, aus denen es hervorgegangen war, hatten sich im Laufe des Hoch- und Spätmittelalters allmählich geändert, Städte und Bürgertum gewannen mehr und mehr an Einfluss 20 . So erklärt es sich, dass mit dem Beginn der Neuzeit Humanisten und Reformer plötzlich massiv Anstoß am herrschenden
Trinkverhalten nahmen 21 , wie das Beispiel Martin Luthers zeigt, der gegen die „betrunkenen Schweine“ wetterte 22 . Nach Hasso Spode war die Reformation auch die erste Kampagne zur Abschaffung des archaischen Gelages 23 . Übermäßiges Trinken wurde nun mehr und mehr als Problem wahrgenommen. Waren zuvor die Höllenqualen des sündigen Säufers Thema sittenstrenger Predigten gewesen, rückten nun wirtschaftliche, gesundheitliche und politische Schäden in den Vordergrund 24 . Auch gab es bereits in der Frühen Neuzeit Bestrebungen gegen den übermäßigen Alkoholgenuss. Im Jahr 1600 stiftete der Landgraf Moritz von Hessen einen Temperenzorden, den seinerzeit berühmtesten Mäßigkeitsverein des Adels in Deutschland, der als Vorbild gegen die verbreitete Trunksucht im Volk gedacht war. Die Statuten verpflichteten die Ordensmitglieder unter anderem, sich zwei Jahre lang
18 Hirschfelder: Europäische Esskultur, S. 109.
19 Ebd., S. 110.
20 So war es bei den Germanen üblich, wichtige Gemeinschaftsentscheidungen nur in betrunkenem
Zustand zu treffen. Spode: Der Anspruch auf die Begierde. S. 161.
21 Ebd.
22 S. Heinz Schott: Das Alkoholproblem in der Medizingeschichte. In: Deutsches Ärzteblatt, Jg. 98,
Heft 20. 2001. S. 1958-1962. Hier S. 1961.
23 S. Hasso Spode: Über den Einfluss der Naturwissenschaften auf die Alkoholpolitik. In: Katalyse
e.V./Buntstift e.V. (Hrsg.): Ernährungskultur im Wandel der Zeiten. (Tagungsreihe Neubewertung von
Lebensmitteln Bd. 5). 1997. S. 19 - 24. Hier S. 19.
24 Ebd.
Arbeit zitieren:
Susanne Weise, 2011, Branntweinpest und Temperenz, München, GRIN Verlag GmbH
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