„If I had a world of my own, everything would be nonsense. Nothing would be, what it is. Because everything would be, what it isn’t. And contrariwise, what it is, it wouldn’t be. And what wouldn’t be, it would.“ 3
Was hier gezeigt wird, nennt Marcia eine diffuse Identität. Junge Menschen erscheinen der Außenwelt in dieser Phase oft interessenlos und gleichgültig. Sie sind nicht bemüht, ihren weiteren Lebensweg selbst zu bestimmen, machen sich keine Gedanken über ihre berufliche Zukunft oder persönliche Wertvorstellungen. 4 Passend dazu wird im Film gezeigt, dass Alice’s ideale Vorstellung von der Welt und vom Leben allein auf Nonsense basiert und weit entfernt vom Erwachsensein und Verantwortung liegt. Was Alice im Wunderland erwartet, ist allerdings nicht die perfekte Traumwelt, die sie sich erhofft hat. Vielmehr durchlebt sie eine Reise, die fast ausschließlich aus verwirrenden und verstörenden Erlebnissen besteht. Zu Beginn erfreut sie sich allerdings noch an der Unlogik im Wunderland. Ihre Neugier ist größer als ihre Angst vor der fremden Welt. So lässt sie sich gerne auf das weiße Kaninchen ein, isst ohne Bedenken und wundert sich nicht einmal besonders, dass sie dabei gigantisch wächst, nur um dann aus unerfindlichen Gründen wieder zu schrumpfen.
Von Erlebnis zu Erlebnis befällt Alice jedoch eine unbehagliche Unsicherheit, denn im Wunderland sind alle Regeln außer Kraft gesetzt, angefangen bei der Grammatik, über Hierarchien bis hin zu naturwissenschaftlichen Gesetzen. Die irrationale Welt raubt Alice die Orientierung und deprimiert sie. Sie selbst ist sich ihrer Identität unsicher. Auf die Frage der Raupe, wer sie sei, findet Alice keine befriedigende Antwort:
Alice: „Well, I... I hardly know, Sir. I’ve changed so many times since this morning, you see...“
Raupe: „I do not see. Explain yourself!“
Alice: „ I’m afraid I can’t explain myself, Sir, because I’m not myself, you know? 5
Was folgt, nennt Erik Erikson eine Identitätskrise. In einem solchen Zustand stellt man sich die Frage, wer man selbst ist und wer man sein möchte. Die Not besteht in der Unsicherheit und dem Unbehagen der eigenen Identität. 6 Dass Alice sich in einer solchen Krise befindet, wird im Film gleich auf zwei Ebenen kommuniziert. Erstens redet Alice konkret über ihre Ängste und ihre Unsicherheit, gleichzeitig wird das emotionale Durcheinander auf der inhaltlichen bzw. bildlichen Ebene wiedergegeben. So besteht jede einzelne Szene des Films
3 Vgl. Film, ca. 3. Minute.
4 Mietzel, Wege in die Psychologie. S. 124.
5 Vgl. Film, ca. 30. Minute.
6 Mietzel, Wege in die Psychologie. S. 121.
aus jener Irrationalität, die Auslöser für Alice’s Krise ist. Den absoluten Tiefpunkt erreicht die Handlung, als Alice alleine im dunklen Wald sitzt:
„It would be so nice if something would make sense for a change. [...] Good advice... If... if I’d listenened earlier, I wouldn’t be here. But that’s just the trouble with me. I give myself very good advice, but I very seldom follow it. That explains the trouble that I’m always in. Be patient is a very good advice but the waiting makes me curious. Well I went along my merry way and I never stopped to reason. I should have known there’d be a price to pay someday. [...] Will I ever learn to do things I’m sure?“ 7
Alice fühlt sich allein und hilflos. Sie reflektiert über ihre bisherige Haltung zum Leben und erkennt, dass sie sich mit ihrem kindlichen Verhalten selbst im Weg steht. Zwar stellt sie fest, dass es in der Tat nicht leicht ist, rational zu handeln, doch der Preis, den sie für ihr Fehlverhalten zahlen muss, ist ihr zu hoch. Sie sehnt sich nach ihrem gewohnten Umfeld und ist bereit, sich der Erwachsenenwelt anzunähern. Eine solche Erkenntnisleistung wird von Marcia als erarbeitete Identität beschrieben. Nach Überwindung einer Krise steht demnach eine neue Selbstdefinition. Der Weg zur eigenen Identität führt dabei über die Konfrontation mit anderen Wertvorstellungen, Anschauungen und Überzeugungen. Am Ende einer kritischen Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten steht ein neues Selbstbild. 8 Was bei Marcia die Konfrontation mit Werten anderer Personen ist, ist im Film die Gegenüberstellung von Realität und Fantasie. So lernt Alice, dass ihre kindliche Vorstellung von der Welt sie im Leben nicht weiter bringen wird. Alles was sie jetzt noch will, ist so schnell wie möglich in die Realität zurückzukehren. Vorerst gelangt Alice allerdings in den Rosengarten der Herzkönigin und wird erneut mit purem Nonsense konfrontiert. Allerdings lässt sie sich hier erst gar nicht auf den Unsinn ein. Deutlich wird das in ihrem Ausruf: „I’m not afraid of you! Why, you’re nothing but a pack of cards.“ 9 An diesem Punkt ist sie bereits zu erwachsen und vernünftig, um weiter in ihrer Fantasiewelt zu bleiben. Zwar endet die Handlung direkt nach Alice’s Entkommen aus dem Wunderland, dennoch kann man davon ausgehen, dass Alice sich in ihrer Haltung dem Erwachsensein angenähert hat.
Der Schluss des Films zeigt bereits einen wichtigen Teil des Schemas, das im Folgenden untersucht werden soll. So bietet Disney dem Publikum stets eine lehrreiche Moral. Hier: Brav sein ist nicht immer einfach, aber die Flucht in eine kindliche Fantasiewelt ist kein Ausweg. Die einzige Möglichkeit ist es, ein Stück weit erwachsen zu werden! Neben solchen Moralvorstellungen steht Disney für familienfreundlichen Humor, eine harmonische Ästhetik
7 Vgl. Film, ca. 48. Min.
8 Mietzel, Wege in die Psychologie. S. 124.
9 Vgl. Film, ca. 68. Min.
Arbeit zitieren:
Ulrike Ziegler, 2010, Adoleszenz und Disneyfizierung in Alice im Wunderland, München, GRIN Verlag GmbH
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