Inhalt
I. Einleitung. 2
II. Einführung. 3
1. Das Vorwort 4
2. Gliederung und Methode 6
III. Die Konzeption 9
1. Augustinus 9
2. Der Tractatus. 12
3. Sprachspiele und Lebensformen 13
4. Eine Partie Schach 19
5. Die Taufe. 23
6. Nothung - Das Schwert 25
IV. „Denk nicht, sondern schau “ 26
2
I. Einleitung
Diese Arbeit hat es sich zur Aufgabe gemacht die Bedeutungskonzeption von Wittgenstein, soweit sich dies aus den ersten 65 Paragraphen der „Philosophischen Untersuchungen“ 1 erschließen lässt, erläuternd darzulegen. Dabei werde ich als erstes auf die Bedeutungskonzeption des Augustinus eingehen. Aber dies nur insoweit, als sie aus dem ersten Paragraphen der PU ersichtlich ist. Die Position Augustinus ist die Grundlage auf der Wittgenstein seine eigenen Ansichten und Einsichten in Bezug auf das Funktionieren der Sprache entwickelt. Eben deshalb soll in dieser Arbeit auch stets versucht werden einen Rückbezug zu dieser Grundlage zu finden, um die Sachlage besser zu kontrastieren. Dieser Kontrast soll dazu dienen, dass man erstens das von Wittgenstein neu herausgearbeitete besser erkenne und zweitens, dass man somit ein Verständnis dafür gewinne, worin gerade das Besondere an seiner Konzeption besteht.
Weiterhin soll im Verlauf der Arbeit der „Tractatus Logico Philosophicus“ kurz angeschnitten werden, zumal schon Wittgenstein im Vorwort der PU erwähnt, dass er die PU am liebsten mit dem Tractatus zusammen veröffentlichen wollte, da diese erst durch den Kontrast zum Tractatus besser eingesehen werden könne. Ich werde versuchen mich während der Arbeit ausschließlich mit dem Originaltext zu beschäftigen. Es wird also keine Sekundärliteratur zur Hilfe gezogen werden. Zumindest nicht insofern, dass ich meine Betrachtungen von Interpretationen aus zweiter Hand bezöge und im Weiteren darauf aufbaute. Wenn Informationen aus externen Quellen verarbeitet werden, so nur um manche Kontexte oder Rückbezüge klarzustellen, ohne die die Arbeit nicht fortkommen würde. Das Ergebnis dieser Arbeit wird - ob zufrieden stellend oder nicht - das Ergebnis meiner Bemühungen sein im Rahmen meiner Möglichkeiten Wittgensteins Gedanken nachzuvollziehen. Das Ergebnis soll schließlich allein die Bestrebungen eines Geistes widerspiegeln, welcher auf nackten Sohlen die Gedankenschritte eines großen Philosophen nachzuspüren sucht.
Im Folgenden liegt es mir im Sinn während der Ausarbeitung chronologisch vorzugehen - obschon das nicht immer möglich sein wird. Bevor jedoch mit der Hauptarbeit begonnen wird, scheint es mir von Vorteil zu sein aufgrund seiner Bedeutsamkeit auf das Vorwort näher einzugehen. Auf eine Zusammenfassung des
1 Die „Philosophischen Untersuchungen“ werden künftig mit „PU“ abgekürzt werden.
Gesamtwerkes soll in diesem Zusammenhang verzichtet werden, da es nicht von unabdingbarer Relevanz für das Verständnis der ersten 65 Paragraphen ist.
II. Einführung
1. Das Vorwort
Wie erwähnt, will ich zuerst auf das Vorwort der PU eingehen, da meines Erachtens gerade in dieser kurzen Passage ein wichtiger Moment, ein Schlüssel geliefert wird, durch dessen Benutzung wir überhaupt in das Vorzimmer der PU gelangen können. Hier erhalten wir nämlich nicht nur Hintergrundinformationen über die Entwicklungsgeschichte des Werkes, sondern auch einen elementaren Verweis darauf, wie die ungewohnte numerische Gliederung des Textes zu lesen sei. „In dem Folgenden veröffentliche ich Gedanken, den Niederschlag philosophischer Untersuchungen, die mich in den letzten 16 Jahren beschäftigt haben. (…) Ich habe diese Gedanken alle als Bemerkungen, kurze Absätze, niedergeschrieben. Manchmal in längeren Ketten, über den gleichen Gegenstand, manchmal in raschem Wechsel von einem Gebiet zum andern überspringend.“ 2
Obwohl Wittgenstein im Präsens spricht, wenn er sagt, dass er die Arbeit „veröffentliche“, hat er in der Tat die Veröffentlichung der PU selbst nie veranlasst. Die PU erschienen erst zwei Jahre nach seinem Tode durch das Engagement seiner Freunde. 3 Wenn Wittgenstein im Weiteren sagt, dass er die Hoffnung fahren lassen habe, diese seine philosophischen Bemerkungen zu einem in sich abgeschlossenen ganzen Buch „zusammenzuschweißen“, so gewinnt der Umstand, dass die PU erst postum veröffentlicht wurden eine besondere Bedeutung. Diese besondere Bedeutung hängt in enger Weise mit dem Geständnis Wittgensteins zusammen, mit der er das Scheitern seiner ursprünglichen Absicht begründet: „(So sah ich ein), dass das Beste, was ich schreiben konnte, immer nur philosophische Bemerkungen bleiben würden; dass meine Gedanken erlahmten, wenn ich versuchte, sie, gegen ihre natürliche Neigung, in einer Richtung weiterzuzwingen. - Und dies hing freilich mit der Natur der Untersuchung selbst zusammen.“ 4 Warum also hat er die Veröffentlichung dieser Manuskripte nicht schon zu seinen Lebzeiten selber veranlasst? Es scheint mir einfach die strikte Konsequenz des
2 Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2003, S.7
3 ebd., im Nachwort des Herausgebers, S. 281
4 ebd., S.7 - (Hervorhebung durch den Autor dieser Arbeit)
letzten zitierten Satzes und im Grunde seiner ganzen Auffassung von Sprache überhaupt zu sein, die er vollzog oder besser gesagt lebte. Denn, was ist es eigentlich, was er mit der „Natur der Untersuchung“ meint? Der Gegenstand der Untersuchung ist die Sprache und dieses ist laut Wittgenstein wiederum ein Etwas, dass sich nicht fassen lässt. Das heißt: nicht im Ganzen und als ein Ganzes - und „fassen“ heißt hier den Wesen zu erfassen. Und zwar deshalb nicht, weil die Sprache nichts Stetes, Festes ist. Sie befindet sich in ständiger Veränderung. Denn sie ist nichts, was außerhalb des Menschen existieren kann. Der Mensch aber befindet sich stets in einer Entwicklung. Und so die Sprache mit ihm. Das, so scheint mir, ist es was er meint, wenn er sagt, dass er seine Gedanken nicht „gegen ihre natürliche Neigung, in einer Richtung“ weiter zwingen könne. Denn das wäre so, als ob man eine frisch sprießende Blume in eine enge, quadratische Form zwingen wollte, um somit am Ende behaupten zu können, dass die Pflanze eine klar strukturierte Form habe. Dieses Vorgehen widerspräche der Natur(!) der Untersuchung. Die Sprache entwickelt sich mit dem Menschen mit. Manche Wörter verändern dabei im Laufe der Zeit ihre Bedeutung. Manche Wörter kommen neu hinzu und manche geraten in Vergessenheit. Mitunter entwickeln sich die Abzweigungen der Sprache auch in unvorhergesehener Weise. Deshalb muss man die Sprache in ihrer natürlichen Entwicklung untersuchen. Aber unter diesen Umständen ließe sich auch nichts Endgültiges mehr über die Sprache aussagen, als eben dieses, nämlich, dass man nichts Endgültiges über die Sprache sagen kann. Es wäre weder möglich eine Logik der Sprache zu entwerfen, noch auch nur eine in sich abgeschlossene Theorie zu formulieren. Das Einzige, was man noch tun könnte, wäre die Sprache in ihrer alltäglichen Anwendung zu studieren und das Allgemeinste, was man hieraus als Erkenntnis formulieren könnte, wäre zu sagen, dass der alltägliche Gebrauch der Sprache die Definition der Sprache bestimmt. Dieses jedoch ist ja gerade die Kernaussage der PU. Wenn man aber bestreitet, dass der Gegenstand der Untersuchung eine manifeste, allgemeine Form hat, die man definieren könnte, welche Form, welche Gestalt soll dann das Werk annehmen in dem diese Gedanken erörtert werden? Wie und in welche Richtung sollen sich die Gedanken entwickeln?
„Wesentlich aber schien es mir, dass darin die Gedanken von einem Gegenstand zum andern in einer natürlichen und lückenlosen Folge fortschreiten sollten.“ 5 Wie schon erörtert, war ihm dies jedoch nicht möglich. Zumindest nicht in diesem Stadium seiner Untersuchungen. Das Fehlen gerade dieser Form, der in dem Werk ausgedrückten Gedanken, war, wie Wittgenstein es auch selbst schon sagt, mit Sicherheit ein elementarer Punkt, was zum Scheitern der Veröffentlichung führte. Oder treffender gesagt: was zu der Entscheidung führte es nicht zu tun. Denn das im Vorwort gesagte entschuldigt ja gerade diesen Mangel des Werkes auch überzeugend. Es scheint also, dass diese Entscheidung eine strikte Konsequenz der in dem Werke errungenen Erkenntnisse sei.
Nichtsdestotrotz kann ein weiterer Punkt aber auch darin liegen, dass Wittgenstein sein Werk als unvollendet angesehen haben könnte. Denn nicht alle Themenbereiche, die er als in den PU behandelte Themen im Vorwort anspricht, sind auch tatsächlich in dem Werk verarbeitet. So z.B.: die Grundlagen der Mathematik. Auf einen weiteren naheliegenden Umstand soll später eingegangen werden.
2. Gliederung und Methode
Schon bei dem ersten Durchblättern der Seiten der PU wird man sich schnell bewusst, dass es sich hier, allein der Form halber, um ein ungewohntes Werk handelt. Denn weder besitzt das Werk eine eindeutige Gliederung, noch auch eine für philosophische Abhandlungen gewohnte Struktur. So gibt es in den PU keine Kapitel und Abschnitte, die das Werk übersichtlich einteilen. Die PU sind eine Ansammlung verschiedenster Betrachtungen und Aphorismen, die alle hintereinander aufgelistet und einzeln nummeriert sind. 693 an der Zahl. Aber auch inhaltlich stellt die PU den Leser vor neue Herausforderungen. Denn im Gegensatz zu Wittgensteins Frühwerk kann man in der Art und Weise der Problembehandlung der „Untersuchungen“ keine logischen Schritte erkennen, so dass ein Argument aus dem anderen folgen würde, um endlich zu einer allgemeinen Schlussthese zu gelangen. Vielmehr werden verschiedenste Fragestellungen anhand von simplen Beispielen erörtert und analysiert, wobei eigentlich nie konkrete Lösungen für die Probleme angeboten werden. Es gibt ferner keine eindeutigen Abschnitte, in denen ein Thema, oder ein Gesichtspunkt zur Gänze abgehandelt
5 ebd., S.7
wird, sondern es wird jeder Themenbereich immer wieder von neuem und aus anderen Kontextpunkten heraus erörtert.
Dennoch kann man nicht einfach behaupten die PU hätte keine eindeutige Methode, weil man es nicht gewohnt ist, so an philosophische Themen heranzugehen, wie Wittgenstein es tut. Auch, wenn man genauso viel nicht sagen kann, es sei eine neue Methode in diesem Werk angeboten, so doch soviel, dass man sagen kann, es ist eine neue Art und Weise des Denkens. Eben eine für den späten Wittgenstein spezifische Art. So sagt auch Wittgenstein selber in Bezug auf die Form und Methode seiner Untersuchungen:
„Die gleichen Punkte, oder beinahe die gleichen, wurden stets von neuem von verschiedenen Richtungen her berührt und immer neue Bilder entworfen. Eine Unzahl dieser waren verzeichnet, oder uncharakteristisch, mit allen Mängeln eines schwachen Zeichners behaftet. Und wenn man diese ausschied, blieb eine Anzahl halbwegser übrig, die nun so angeordnet, oftmals beschnitten werden mussten, dass sie dem Betrachter ein Bild der Landschaft geben konnten. - So ist also dieses Buch eigentlich nur ein Album.“ 6
Es ist also ein Album voller Skizzen und Beschreibungen von philosophischen Problemen. Diese Bescheidenheit Wittgensteins sollte jedoch nicht allzu wörtlich genommen werden. Die Form, die er der PU gibt, möge sie auch noch so formlos wirken, erfüllt durchaus einen bestimmten Zweck. Denn bei weitem sind die Bemerkungen nicht so willkürlich aneinander gesetzt, wie es zuweilen bei Photoalben geschehen kann. Allein der Umstand, dass er 16 Jahre lang an diesen Bemerkungen gearbeitet hat, würde uns zur Genüge reichen es einzusehen, wenn nicht Wittgenstein selbst schon folgendes gesagt hätte:
„Und wir dürfen keinerlei Theorie aufstellen. Es darf nichts Hypothetisches in unsern Betrachtungen sein. Alle Erklärung muß fort, und nur Beschreibung an ihre Stelle treten.“ 7 Hier wird deutlich, dass gerade diese „Beschreibungen“, diese Landschaftsskizzen Wittgenstein so wichtig waren. Tatsächlich geht es Wittgenstein in dem ganzen Werk eigentlich um das Beschreiben. Es geht ihm nicht darum eine neue Theorie aufzustellen - nein, davon distanziert er sich ja ausdrücklich, sondern alle seine Bemühungen gelten einer neuen Art und Weise des Betrachtens, des Denkens. Dieses Denken soll sich distanzieren von allem theoretisieren und soll im praktischen
6 Siehe: Wittgenstein, Ludwig, Werkausgabe: Bd. I. Tractatus logico-philosophicus [u.a.], Frankfurt am
Main, Suhrkamp, 1995, S. 231 f.
7 PU, § 109
Arbeit zitieren:
M.A Hureyre Kam, 2008, Die Bedeutungskonzeption von Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen §1 – 65, München, GRIN Verlag GmbH
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