Inhalt
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I Einleitung 1
II Definition 3
Kl ärung der Begriffe „Qurʾān“ und „Muṣḥāf“ 3
III Das Wort Gottes 12
1) Text und Kontext. 12
2) Arabisch - Die ewige Sprache Gottes? 15
3) Deutung und Bedeutung. 19
IV Zurück zu den Quellen? 22
V Literaturverzeichnis. 27
V 27
V 27
I Einleitung
Nicht zuletzt aufgrund der Ereignisse des 11. Septembers ist heute das Interesse an der Botschaft des Qurʾāns allgemein geworden. Immer mehr Menschen beschäftigen sich mit dem heiligen Text der Muslime und immer mehr Fragen und Zweifel tauchen bezüglich seiner Gebote und Verbote auf. Ist der Qurʾān ein universelles, also offenes und leichtverständliches Buch, dessen Botschaft für jeden Menschen auf der Welt leicht zugänglich und nachvollziehbar ist, oder ist es ein dunkles Buch voller Geheimnisse und Rätsel? Ist es tatsächlich ein göttliches Buch oder ist es nicht doch vielmehr Menschenwerk?
Die Stimmen bezüglich der Mehrdeutigkeit des Qurʾāntextes werden immer lauter und allgemeiner. Während in den arabischen Ländern zum größten Teil die Vorstellung vorherrscht, dass nur Gelehrte, die in den Islamwissenschaften bewandert sind, die wahre Deutung des Qurʾāns wissen können, wird diese Vorstellung langsam aber sicher von der anderen Position übertönt, nach welcher jeder Mensch den Qurʾān für sich selber auszulegen hat. Diese Arbeit wird sich mit der Frage befassen, ob es denn nicht ein wissenschaftliches Kriterium in bezug auf die Vieldeutigkeit des Qurʾāns gibt, dass uns in Zukunft als ein Maßstab in der Auffindung eines Konsenses dienlich sein könnte. Dabei kann es nicht das Ziel dieser Arbeit sein eine Lösung der Probleme anzubieten. Ich werde mich damit begnügen, die Positionen, die es diesbezüglich gibt, aufzuzeigen.
Für die Zwecke dieser Arbeit wird es angebracht sein zuerst einige Klarheit in bezug auf die Begrifflichkeiten zu schaffen, weshalb in erster Linie die Begriffe „Qurʾān“ und „Muṣḥāf“ näher erläutert werden sollen. Während ich dem Leser die Bedeutung(en) dieser Begriffe näherbringe wird es natürlich unumgänglich sein schon einiges über die Textgeschichte des heiligen Buches der Muslime zu erwähnen. Es ist aber insofern gut, als dadurch die Einführung in die Thematik an sich komplettiert wird.
Viele der Themengebiete, die in dem Zusammenhang meiner Untersuchungen aufgezeigt werden müssten, können im Rahmen dieser Arbeit nicht aufgegriffen, wenn schon nur leicht berührt werden. Diese Berührungspunkte sind dabei im Grunde so essentiell, dass man sie im Besonderen abhandeln müsste. Das rührt daher, dass alle islamischen Wissenschaften ihren Ausgang vom Qurʾān nehmen. Den Qurʾāntext nachzuvollziehen heißt deshalb auch gleich die islamische Wissenschaftsgeschichte und auch die soziale und kulturelle
Entwicklungsgeschichte der muslimischen Bevölkerung nachzuvollziehen. Denn eine grundlegende Einsicht eines Textes erfordert notwendigerweise eine grundlegende Einsicht in die Geschichte des Textes und seiner Kontexte. Nun ist aber von vornherein zu bemerken, dass man sich unter „Text“ nicht gleich eine auf bestimmten Medien festgehaltene Ansammlung von bedeutungstragenden Zeichen vorzustellen hat, sondern auch durchaus und vor allem das mündlich gesprochene Wort als ein Text anzusehen ist. Das bedeutet, dass man eigentlich vor allem besprechen müsste, was „Text“ bedeutet und dabei einen Fokus auf das Phänomen der Literalität und Oralität zu legen hätte. Ferner trägt ein Text nur in und mit seinem Kontext irgendeine Bedeutung.
Was ist dieser „Kontext“? In erster Linie die Sprache: Was bedeutet das Wort? Hat es Wandlungen erlitten? Hat es metaphorische Wendungen? Dieser Aspekt gewinnt besondere Bewandtnis dadurch, dass der Qurʾān sich selbst als ein „Wunder“ und als „unnachahmlich“ tituliert. Dieses führt uns in die Gefilde der Sprachphilosophie, des Kalāms und der Sprache als Dichtung. In diesem Zusammenhang müsste ferner besprochen werden: „Welches Form hat das Buch? Ist es in sich abgeschlossen und komplett? Hat es einen chronologischen oder logischen Aufbau?“ Weiterhin müssten die Themengebiete der Exegese und des Rechts besprochen werden. Denn der Qurʾān bezeichnet sich selbst gleich zu Anfang (Q 2/2) als eine „Rechtleitung“. Wenn wir das weiterverfolgen wollten, so müssten wir uns also auch mit den „Hörern“ der göttlichen Botschaft intensiver beschäftigen. Wer waren diese Menschen, wie lebten sie, was wussten sie etc.
Es ist nur allzu offensichtlich, dass ich diese Untersuchungen hier nicht in die Tiefe verfolgen kann und somit den selbst gestellten Aufforderungen nicht werde nachkommen können. Ich werde gemäß den Rahmenbedingungen dieser Arbeit meine ganze Aufmerksamkeit dem Anspruch der Universalität des Qurʾāns widmen. Nachdem also zuerst ein gewisser Überblick über den Qurʾān gegeben wird, ohne auf seinen Inhalt einzugehen, will ich damit beginnen zu untersuchen, wie der Anspruch der Universalität zu verstehen ist. Die muslimische Perspektive soll mit den Ansichten der westlichen Wissenschaftler kontrastiert werden. Wie gesagt wird diese Arbeit nicht auf ein bestimmtes Schlussurteil hinstreben, sondern sich damit begnügen den aktuellen Standpunkt der Forschung in diesem Themengebiet festgehalten zu haben.
II Definition
Klärung der Begriffe „Qurʾān“ und „Muṣḥāf“
Der Versuch einer Definition ist immer der Versuch einer Antwort auf die Frage: „Was?“. Wenn diese Frage aber nicht auf etwas Allgemeines abzielt, sondern, wenn mit ihr das Interesse auf das Spezifische, das Wesentliche in bezug auf den fraglichen Gegenstand ausgedrückt wird, so muss auch die Antwort versuchen eben dieser Forderung nachzukommen. Das heißt, er muss versuchen das Wesentliche in dem Gegenstand herauszufiltern und prägnant zur Sprache zu bringen. Es gibt gewisse festgeschriebene Regeln der wissenschaftlichen Definitionsaufstellung, worauf ich hier jedoch nicht weiter eingehen kann. Dennoch will ich hier ein klassisches Beispiel anführen wie eine Definition aufzustellen ist und was beachtet werden muss.
Wenn ich auf einen Menschen zeige und sage: „Was ist das?“, so kann man mir Antworten: „Es ist ein Lebewesen.“ Diese Antwort ist zwar nicht falsch, doch es ist offensichtlich nicht die Antwort auf meine Frage. Denn im Grunde ist die „Was-Frage“ immer eine Wesensfrage und zielt immer auf das Spezifische in dem befragten Gegenstand ab. Wir könnten jetzt unsere Antwort ausbauen indem wir sagten: „Es ist ein Lebewesen, welches auf zwei Beinen läuft, Haare auf dem Kopf hat, das lachen und sprechen kann.“, usw. Wenn wir nun die Frage ganz aussprechen wollten, so könnten wir sagen: „Was ist es und wodurch unterscheidet es sich seinem Wesen nach von anderen Dingen?“ Jetzt müssen wir also sehen, was diesem Ding nur akzidentiell, also beiläufig beiwohnt, ferner von allen diesen akzidentiellen Zuständen absehen und schauen, was noch an wesentlichem zurückbleibt. Wesentlich wäre das, wodurch der ganze Gegenstand in sich zusammenfiele, wenn wir es uns von ihm wegdenken würden. Das Akzidentielle jedoch ändert nur die Zustände des Gegenstandes und nicht den Gegenstand selber. Die klassische, etablierte Antwort auf die so gestellte Frage heißt also: „Der Mensch, das ist ein vernunftbegabtes Lebewesen.“
Wie wird das aber in bezug auf den Qurʾān angewendet? Wenn wir uns hier nicht mit dem allgemeinen Verständnis zufrieden geben wollen und nach einer wissenschaftlich differenzierten Antwort auf unsere Frage streben, so werden wir uns als erstes an die Enzyklopädien wenden. Allein den ersten Absatz zu lesen müsste uns viel Aufschluss geben, da gleich der erste Absatz, den wir zu einem Artikel in einer Enzyklopädie finden, stets den
Charakter einer Definition hat, indem es auf das Wesentliche gerichtet ist. Wenn wir nun die Enzyklopädie des Islam nach dem Qurʾān fragen, bekommen wir die folgende Antwort:
„Al- Korʾān, die heilige Schrift der Muhammedaner, enthält die gesammelten Offenbarungen Muhammeds in schriftlich fixierter Form.“ 1
Diese Erläuterung ist jedoch höchst problematisch, wobei das Problematische der Erklärung dadurch geradezu dramatische Formen annimmt, wenn man sich vergegenwärtigt, dass manerstens - eine Enzyklopädie immer mit dem Wunsch nach einer fundierten wissenschaftlichen Perspektive konsultiert und - zweitens - dass gerade der erste Absatz in seiner Funktion als einer prägnanten Definition den Mark des ganzen Artikels ausmacht und den Leser entscheidend beeinflusst. Diese Definition ist bei weitem nicht differenziert genug, um dem Status einer wissenschaftlichen Definition gerecht zu werden.
Hierbei sind zwei Punkte zu erwähnen, wobei der Letztere aus wissenschaftlicher Sicht eine fatalere Aussage ist. Dass die Menschen, die nach den Maßstäben des Islam leben, hier als „Muhammedaner“ bezeichnet sind, ist in der heutigen Forschung zum Glück ein längst überwundener Fehler. Denn allein dieser Missgriff führt zu allerlei Missverständnissen und Aberglauben in bezug darauf wer diese Menschen sind und was im Grunde ihren Glauben ausmacht. Hier zu sagen, dass diese Menschen „Muhammedaner“ sind, impliziert die Idee, dass die Person Muhammeds die Instanz ist, an den diese Menschen glauben. Das ist aber allzu offensichtlich ein Missverstehen des Glaubensinhalts, des Essenz des Islam. In diesem Sinne wäre es vielleicht sogar angebrachter von den „Anhängern des Qurʾān“ zu reden. Muhammad Hamidullah fasst dies wie folgt zusammen:
„Es gibt keine größere Beleidigung für einen Muslim, als dass man ihm sagt, dass der Prophet der Autor dieses Buches sei. Denn Muhammed, Gottes Segen sei mit ihm, ist nur ein bescheidener Beamter, der damit beauftragt ist, es (den Qurʾān) den Menschen zu übermitteln.“ 2
Es ist hier nicht die Frage, ob man die Ansicht der Muslime teilt, sondern dass man die korrekten Benennungen verwendet. Wäre es nicht ebenso ein fataler Fehler, wenn man von Jesuiten spricht, wo man die Christen meint?
1 F. Buhl, „Al-Korʾān“, Enzyklopedie des Islam, Leiden, 1913
2 Hamidullah, Muhammad, Kur’an-i Kerim Tarihi, Istanbul, 1993, S.11 (Übersetzung vom Verfasser)
Was ist aber der Qurʾān? Wenn es nun heißt, dass es „die gesammelten Offenbarungen Muhammeds in schriftlich fixierter Form“ ist, so ist das nur ein wiedergeben dessen, was man im gewöhnlichen Sprachgebrauch unter „Qurʾān“ versteht. Dieser Umstand dürfte auch den Autor des Artikels gestört haben, weshalb er ein paar Absätze weiter unten hinzufügt: „In dem oben erwähnten Sinne „gesammelte Offenbarungen in schriftlicher Form“ findet sich das Wort nicht im Qurʾān selbst, weil ihre Sammlung erst nach dem Tode des Propheten stattfand. Es bezeichnet entweder die einzelnen Offenbarungen, die nach und nach dem Propheten mitgeteilt wurden, (…) oder als Gesamtbegriff die göttliche Offenbarung, die stückweise herabgesandt wurde und die er von Allāh empfing, damit er sie den Menschen mitteilen sollte.“ 3
Jetzt fragt es sich warum nicht diese Erläuterung an erster Stelle angeführt wurde. Denn nach vorangegangener Definition schafft diese Erklärung mehr Verwirrung als Einsicht. Wie sieht es aber mit der englischen Enzyklopädie des Islam aus, welches ja zum zweiten Mal bearbeitet wurde und die aktuelle Forschung eher widergibt? Dort steht geschrieben: „al-ḲURʾĀN (a.), the Muslim scripture, containing the revelations recited by Muhammad and preserved in a fixed, written form.” 4
Es scheint also immer noch einmütiger Konsens darüber zu herrschen, dass man sich unter „Qurʾān“ genau das vorzustellen hat, was auch allgemein als solches angenommen wirdnämlich ein jedes Qurʾānexemplar, das man in den Bücherregalen der Bibliotheken auffinden kann. Wenn wir jedoch in dem Artikel weiterlesen, werden wir in dem Kapitel über die Sammlung der Qurʾānfragmente auf folgendes Wort stoßen: Muṣḥāf. Es ist nun von verschiedenen Muṣḥāfs die Rede, wovon sich einer, nämlich der Muṣḥāf ʾUṯmāns, als der kanonisierte Muṣḥāf durchsetzt. Vom einem Muṣḥāf ist nur dann die Rede, wenn die einzelnen Qurʾānfragmente - schriftlich und mündlich (!) - zu einem ganzen kompletten Exemplar zusammengeschweißt sind. 5 Nun schauen wir einmal genauer was dieses Wort bedeuten soll und wodurch es sich vom Qurʾān unterscheidet:
3 Siehe Anm. 1
4 J.D. Pearson, “Al-Ḳurʾān”, The Encyclopaedia of Islam New Edition, Leiden, 1999 (EI2)
5 Nach traditioneller Sicht fand die Sammlung der einzelnen Qurʽānfragmente erst nach dem Tod des Propheten unter den ersten drei Kalifen statt. Hiernach besorgte erst der dritte Kalif ʾUṯmān, getrieben von Uneinigkeiten in bezug auf die Lesung des Qurʽāns, die endgültige Redaktion des Textes und ließ ferner alle anderen schriftlichen Qurʽānexemplare vernichten. Vgl. dazu: J. Burton, The Collection of the Qurʽān, Encyclopedia of the Qurʽān
“MUṢḤĀF (a.), the name given to a complete text of the Ḳurʾān considered as a physical object.” 6
Wenn aber zuvor vom Qurʾān selbst ausgesagt wurde, dass es ein Text sei, der die an Muhammed gerichteten Offenbarungen enthält - und zwar in schriftlicher Form (!) - wie sollte man sich denn diese schriftliche Form sonst anders vorstellen können als physisch? Doch gerade diese Eigenschaft, nämlich die anfassbare Gegenständlichkeit des Textes, wird ja hier als die besondere Differenz des Muṣḥāf-Textes hervorgehoben. Wenn man noch weiter nachhaken wollte, dann könnte man darüber streiten, ob denn nicht auch das gesprochene Wort an sich als ein physisches Objekt anzusehen ist, zumal es sich den Sinnen ja als solches darbietet. Denn, was anderes wird denn als „physisches Objekt“ beschrieben, als das, was sich durch unsere fünf Sinne wahrnehmen lässt? Wäre so gesehen nicht auch der auswendig rezitierte Text als ein Muṣḥāf anzusehen?
Spätestens jetzt wird deutlich, dass die angebotenen Begriffsdefinitionen unvollständig sind und nicht nach dem Wesen her definieren. Ja, sie sind eher als eine Beschreibung eines beliebigen Qurʾānexemplars anzusehen. Das schafft aber eher Verwirrung als Klarheit, da man jetzt in Verlegenheit kommt zwischen den Begriffen Qurʾān und Muṣḥāf klar zu unterscheiden. Denn wie wir gesehen haben fließen beide Begriffe nunmehr ineinander, ohne dass man sieht, welche Bewandtnis es mit einem jeden von ihnen hat und wodurch sie sich spezifisch voneinander unterscheiden. Wenn wir nun die türkische Enzyklopädie des Islam konsultieren, um auch eine muslimische Perspektive einzubeziehen, so fällt auf, dass der Artikel nicht gleich mit einer knappen Definition anhebt. Dieses findet man erst gegen Ende des Kapitels über die Definition des Qurʾāns, nachdem zuvor allerlei über das Wort selber, seine Bedeutungen und Abwandlungen etc. diskutiert wurde. Über die Definition, die sich an diese Ausführungen anhängt, wird berichtet, dass es eine Zusammenschweißung vieler verschiedener Definitionsversuche ist und lautet dann wie folgt: „Der Qurʾān ist ein Wort/ eine Rede (Kalām), die von Gott vermittels (des Engels) Gabriels in einer uns unbekannten Form (gemeint ist das Wesen -> „mahiyet“) an den letzten Propheten Muhammed herabgesandt wurde, welches in Muṣḥāfs niedergeschrieben ist und durch Überlieferung weitergegeben wird. Durch ihre (Vor)lesung wird das Gebet vollzogen. Sie ist eine Rede, dessen Nachahmung für andere
6 J. Burton, “Muṣḥāf”, EI2
Arbeit zitieren:
M.A Hureyre Kam, 2009, Die Universalität des Qurans, München, GRIN Verlag GmbH
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