Inhaltsverzeichnis
Danksagung 4
1 Einleitung 6
1.1 Motivation 7
1.2 Aufbau der Arbeit 8
1.3 Methoden und Vorgehensweisen 10
1.3.1 Teilnehmende Beobachtung 11
1.3.2 Interviews und informelle Gespräche 12
1.3.3 Die Gesprächssituationen 14
1.3.4 Schwierigkeiten der Feldforschung 16
2 Der Forschungsort Segou 19
2.1 Zur historischen Situation 19
2.2 Zur gegenwärtigen Situation 21
2.3 Bevölkerungsmobilität und Wanderarbeit 22
3 Pflegschaftsverhältnisse und soziale Elternschaft 24
3.1 Darstellung von Pflegschaftsverhältnissen in der ethno-
logischen Literatur 24
3.2 Gründe der Pflegschaft 31
3.2.1 Sozio-ökonomische Gründe 31
3.2.2 Kritische Bemerkungen zu den funktionsorien-
tierten Ansätzen 35
3.3 Gesellschaftliche Veränderungen und ihre Folgen für Pfleg-
schaften 38
3.4 Zur Situation der Pflegekinder 43
1
INHALTSVERZEICHNIS 2
4 Dienstleistungsverhältnisse und Lohnarbeit 49
4.1 Begriff und Phänomen der Arbeit aus ethnologischer Sicht 49
4.1.1 Kinderarbeit oder arbeitende Kinder 51
4.1.2 Hausarbeit 53
4.1.3 Pflegekinder und Hausmädchen 56
4.2 Bemerkungen zum informellen Sektor 60
4.2.1 Entstehung des Begriffes 60
4.2.2 Definitionsversuche 60
5 Land-Stadt-Migration 65
5.1 Geschichte der Migration 66
5.2 Gründe der Migration 68
5.3 Migration von Frauen und jungen Mädchen 69
5.4 Folgen der Migration 74
6 Ergebnisse meiner Feldforschung 76
6.1 Biografische Hintergründe 78
6.2 Aufenthalt der Mädchen in Segou 82
6.3 Beschreibung der Hausmädchen 88
6.4 Zu den Beziehungen zwischen Hausmädchen und Pa-
troninnen 89
6.4.1 Zur Sicht der Hausmädchen 89
6.4.2 Zur Sicht der Patroninnen 91
6.4.3 Meine Sichtweise des Verhältnisses zwischen Haus-
m ädchen und Patroninnen 93
6.5 Zur Rolle des Vermittlers 97
7 Fazit 100
7.1 Analyse der Ergebnisse 100
7.2 Bilanz 105
Anhang 109
Abri ß der Geschichte Malis 109
Interviewleitfaden 111
Zusammenarbeit mit Nicht-Regierungsorganisationen in Mali 114
INHALTSVERZEICHNIS 3
Au flistung der wichtigsten Informanten 115
Literatur 118
Danksagung
Die Möglichkeit zur Durchführung dieser Arbeit verdanke ich der Unterstützung und dem Engagement vieler Menschen, die nicht alle namentlich erwähnt werden können.
In meinem Forschungsort Segou traf ich auf enorme Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, ohne die diese Arbeit nicht zustande gekommen wäre. Ich fühle mich allen direkt und indirekt Beteiligten dieser Forschung in besonderem Maße zu Dank verpflichtet. Leider werden viele meiner Informanten 1 diese Forschungsarbeit nie lesen und beurteilen können. Dennoch habe ich mich bemüht, die Situation der Hausmädchen so darzustellen, wie sie mir von ihnen in zahllosen Gesprächen und Diskussionen vermittelt wurde.
Ganz besonders herzlich danke ich Prof. Dr. Egon Renner für seine ausdauernde und kontinuierliche Betreuung der Arbeit, für seine konstruktive Kritik, seine wertvollen Anregungen und Unterstützungen und für sein persönliches Engagement, seine enorme Geduld und seine be-wunderswerte Art, Studenten zu betreuen.
In der Republik Mali möchte ich mich besonders bei Ulla Messerich-Santara und ihrer Familie sowie der Familie Dikore für ihre Gastfreundschaft und ihre enorme Hilfsbereitschaft bedanken. Sie erleichterten meine Arbeit mit einer ganzen Reihe von wichtigen Hilfestellungen und praktischen Tipps. Dankbarkeit verbindet mich auch mit Ami Cissé, meiner Übersetzerin. Sie verhalf mir zu vielen lebendigen Gespräche und zusätzlichen Informationen.
Nicht zuletzt möchte ich meinen Eltern für die vielfältige Unterstüt- 1 Zurbesseren Lesbarkeit verwende ich bei Verallgemeinerungen die maskuline Form, ist dagegen von
Patroninnen, Informantinnen, etc. die Rede, sind ausschliesslich Frauen gemeint.
4
DANKSAGUNG 5
zung danken. Mit ihrer Hilfe konnte ich mein Studium und meinen Forschungsaufenthalt in Mali finanzieren. Ich danke ihnen auch für ihre Geduld und ihre Fähigkeit, mir immer wieder Mut zu machen und mich zu motivieren.
Wolf Blaum danke ich von Herzen für seine manchmal von mir strapazierte Geduld, für die Bereitstellung der notwendigen technischen Geräte und für seine enorme Unterstützung in jeglicher Hinsicht. Außerdem möchte ich meinen Freunden für ihre zahlreichen anre- genden und aufmunternden Gespräche danken.
Kapitel 1
Einleitung
In der vorliegenden Arbeit befasse ich mich mit der Arbeits- und Lebenssituation der Hausmädchen in Segou, Mali. Hausmädchen sind weibliche Jugendliche, die in der Regel aus ländlichen Gebieten in die Stadt kommen, um dort in einem Haushalt zu arbeiten. Als Basis für die vorliegende Arbeit dient meine viermonatige Feld-forschung in Segou, durchgeführt von August bis November 2000. Die gewonnenen empirischen Daten stellen die Grundlagen der Arbeit dar. Das Ziel meiner Forschung ist es, die soziale und ökonomische Situation der Mädchen zu beleuchten. Dazu war es mir wichtig, biographische und lebensgeschichtliche Daten sowie Wünsche und Zukunftsperspektiven zu erfragen. Die Fragen nach der sozialen Herkunft, der aktuellen Lebenssituation der Mädchen sowie der Art ihrer Beziehung zu den Gastfamilien stehen dabei im Mittelpunkt meiner Untersuchung. Die Ausgangshypothese meiner Forschung entwickelte ich anhand der Literatur über Kinderadoption und Pflegschaftsverhältnisse in Westafrika. Ich sah die Hausmädchen als Teil der besonders in Westafrika weitverbreiteten Pflegschaftsverhältnisse, bei denen ein Kind zu einer verwandten Familie geschickt wird, um dort für eine bestimmte Zeit zu leben. In der Literatur werden für diese Fremdplazierungen verschiedene Motive angegeben. So wird beispielsweise davon ausgegangen, dass die Mädchen zum Zweck einer Ausbildung oder einer besseren Erziehung von ihren Eltern in die Stadt geschickt werden. Andere Autoren sehen in der Fremdplazierung der Kinder ein Mittel zur Neubildung und Fe-
6
KAPITEL 1. EINLEITUNG 7
stigung von sozialen Beziehungen und Netzwerken zwischen den ländlichen und urbanen Gebieten (vgl. u.a. Atto 1996, Page 1989, Goody 1982).
In meiner Ausgangshypothese ging ich von einem verwandtschaftlichen Verhältnis zwischen den Hausmädchen und ihren Gastfamilien aus. Während meiner Feldforschung in Segou wollte ich diese Hypothese überprüfen und bestimmen, durch welche Merkmale sich die Beziehungen charakterisieren lassen. Die Intention meiner Forschung war es, neben der sozialen Lebenssituation der Mädchen in der Stadt, die besondere Form der Beziehung zwischen ihnen und ihren Gastfamilien zu untersuchen. Dabei sollten Aspekte der Arbeit von Mädchen in einem Haushalt, ihre Beschäftigung im informellen Sektor und die Land-Stadt-Migration der jungen Frauen eine besondere Rolle spielen. In der ethnologischen Literatur wird der Frage nach den Gründen für Pflegschaftsverhältnisse ausführlich nachgegangen, jedoch gibt es keine mir bekannte Untersuchung, die sich spezifisch mit der Situation der Hausmädchen und ihrer Beziehung zu den Gastfamilien ausein-andersetzt. Die Situation der Mädchen, die in einem Haushalt in der Stadt arbeiten, ist ambivalent: zwischen Familie und Erwerbsarbeit, zwischen Kind sein und Frau werden, zwischen selbstverständlicher Hilfe im Haushalt und Kinderarbeit. 1
1.1 Motivation
Die Idee für mein Forschungsthema entstand in einem Seminar am Insitut für Ethnologie der Freien Universität Berlin. Der Kurs beschäftigte sich mit Kinderadoption und sozialer Elternschaft in Westafrika. Kinder und Jugendliche werden in der Ethnologie relativ selten thematisiert. Insbesondere deren weiblicher Teil wurde in der Sozialanthropologie bisher kaum erforscht. Meine Forschung sollte sich mit jungen Mädchen und Frauen beschäftigen. Zum einem, weil ich selber eine Frau bin und mir dadurch der Zugang zu meinen Informantinnen leichter er-
1 Ichhabe selber als Au-Pair Mädchen ein Jahr in den USA gearbeitet, daher kann ich die schwierige und
komplexe Situation der Mädchen in Ansätzen nachvollziehen. Als Au-Pair stand ich stets in einem Konflikt
zwischen dem Eingebundensein in die Familie und der Rollenzuschreibung als Familienmitglied einerseits
und der Verrichtung einer Lohnarbeit anderseits.
KAPITEL 1. EINLEITUNG 8
schien, zum anderen, weil der weibliche Teil der Jugendlichen in der ethnologischen Forschung bisher so wenig Beachtung erfahren hat. Ich begreife die Hausmädchen als eigenständige Persönlichkeiten, die mit ihren Handlungen die Gesellschaft aktiv mitgestalten. Der Untersuchung von Kindern und Jugendlichen als Handelnde einer Gesellschaft wurde in der ethnologischen Forschung erst in der jüngsten Vergangenheit größere Aufmerksamkeit geschenkt. So beschäftigt sich beispielsweise Ursula Atto in ihrem Buch “...et tout le reste pour les filles” u.a. auch mit dem Tätigkeitsrepertoire von Kindern in der Elfenbeinküste (vgl. Atto 1996).
Die Bearbeitung des Phänomens der Hausmädchen beinhaltet sowohl Aspekte der sozialen Organisation als auch ökonomische Faktoren der malischen Gesellschaft. Da ich davon ausgehe, dass sowohl soziale und wirtschaftliche als auch politische und historische Faktoren in enger Abhängigkeit zueinander stehen, habe ich mich bemüht, diese Aspekte nicht getrennt voneinander zu betrachten. Am Beispiel der Hausmädchen ist es möglich, diese Zusammenhänge zu verdeutlichen. Wichtige Themen der Ethnologie wie Verwandtschaftsbeziehungen, soziale Organisation, Land-Stadt-Migration und Arbeit lassen sich am Beispiel der Hausmädchen beschreiben und analysieren.
Auch die Hausarbeit von jungen Frauen gehört nicht zu den üblichen Themen der Ethnologie; für mich ein Grund mehr, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Hausarbeit wird in der Regel in Abgrenzung vom öffentlichen Raum erledigt. Die Verrichtung der häuslichen Tätigkeiten wird meist als selbstverständlich aufgefasst und dadurch “abgewertet”. Der familiäre Kontext, in dem die Hausarbeit ausgeführt wird, kann die Vernachlässigung dieses Themas teilweise erklären.
1.2 Aufbau der Arbeit
Thematisch ist die vorliegende Arbeit in zehn Kapitel gegliedert. Im Anschluss an die Einführung in Aufbau und Struktur werden die dafür an-gewandten Methoden und damit die Vorgehensweise erläutert. In diesen Abschnitten soll nicht nur auf die konkrete Feldforschungssituation in
KAPITEL 1. EINLEITUNG 9
Segou eingegangen werden, sondern auch auf die aufgetretenen Schwierigkeiten und Probleme.
Im dritten Kapitel werden Untersuchungsort und Strukturmerkmale der Region vorgestellt und dabei die Gründe für die Wahl des Forschungsgebietes erläutert. Des weiteren wird ein Überblick über die Geschichte der Stadt gegeben sowie auf wirtschaftliche und soziale Besonderheiten eingegangen. Es folgt eine kurze Diskussion der Migrations-und Wanderbewegungen in der Region.
Im vierten Kapitel wird die Literatur der Themen Pflegschaftsverhältnisse und soziale Elternschaft diskutiert. Anhand ausgewählter Literatur wird deutlich, was in der Ethnologie unter diesen beiden Begriffen verstanden wird und welche Gründe es für Pflegschaften gibt. Gesellschaftliche Veränderungen und die daraus resultierenden Folgen für Pflegschaftsverhältnisse werden beleuchtet, um anschliessend die Situation der Pflegekinder konkret zu untersuchen. Im fünften Kapitel beschäftige ich mich mit Dienstleistungsverhältnissen und Lohnarbeit von Hausmädchen. Der Aspekt Arbeit und der informelle Sektor sollen im Bezug auf Hausmädchen analysiert werden. Im sechsten Kapitel werden Gründe für die Land-Stadt-Migration der Mädchen vorgestellt. Gleichzeitig soll der Blick auf die Folgen der verstärkten Landflucht sowohl für die ländlichen Gegenden als auch für die urbanen Zentren gerichtet werden.
Die empirischen Ergebnisse meiner viermonatigen Feldforschung werden im siebten Kapitel dargestellt. Zunächst werden biographische Hin-tergrundinformationen der Hausmädchen vermittelt, darauf folgt die Beschreibung der aktuellen Situation der Mädchen in den Haushalten. Anschliessend werden die Beziehungen zwischen den Hausmädchen und ihren jeweiligen Gastfamilien beschrieben. Im achten Kapitel dieser Arbeit versuche ich, die sozio-ökonomische Situation der Hausmädchen zu analysieren. Es folgen eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse und der Versuch einer Bilanz. Zusätzlich wird ein Ausblick auf weitere Forschungsbereiche gegeben. Der Interviewleitfaden und Daten über meine Hauptinformanten so- wie eine Auflistung der Nicht-Regierungsorganisationen, mit denen ich
KAPITEL 1. EINLEITUNG 10
zusammengearbeitet habe, finden sich im Anhang. Angaben zur verwendeten Literatur sind im zehnten Kapitel nachzulesen.
1.3 Methoden und Vorgehensweisen
In meiner empirischen Forschung habe ich mit mehreren Methoden gearbeitet. Neben der teilnehmenden Beobachtung, die für mein Thema sehr wichtig und hilfreich war, habe ich teilstandardisierte Interviews und informelle Gespräche geführt. Teilstandardisierte Interviews habe ich stichpunktartig mitgeschrieben, nach informellen Gesprächen wurden Gedächnisprotokolle angefertigt. In meinem Forschungstagebuch wurden sowohl persönliche Eindrücke als auch fachlich relevante Informationen und Beobachtungen festgehalten, die oft über mein Forschungsthema hinausgingen. Zurück in Deutschland konnte ich mit Hilfe dieser Tagebucheintragungen, Gesprächssituationen rekonstruieren und die zusätzlich gewonnenen Erkenntnisse in meine Arbeit einfliessen lassen. Von meinem mitgebrachten Aufnahmegerät habe ich nur äußerst selten Gebrauch gemacht, da es eine eher “abschreckende” Wirkung auf meine Informanten hatte. Ich hatte den Eindruck, dieses Gerät verunsichere die Hausmädchen und verhindere eine entspannte Diskussion. Aus diesem Grund habe ich mein Aufnahmegerät vor allem bei nicht-alltäglichen Ereignissen eingesetzt, z.B. während einer Hochzeitsfeier zur Dokumentation der vorgetragenen Musik.
Mein viermonatiger Aufenthalt in Mali gestaltete sich wie folgt: Zunächst habe ich einen dreiwöchigen Bamana-Sprachkurs an der Universität in Bamako belegt und versucht, meine neugewonnenen Kenntnisse beim Einkauf und auf der Straße anzuwenden. 2 In diesen ersten Wochen stellte ich bereits Kontakte zu verschiedenen lokalen Nicht-Regierungsorganisationen (NRO) her, die sich später in Segou als sehr hilfreich erwiesen. Nach Beendigung meines Sprachkurses habe ich für weitere drei Wochen den Norden und Osten des Landes bereist. So konnte ich mir einen Eindruck von Mali verschaffen und, über mein Thema hinaus, zahlreiche Informationen über die malische Gesellschaft sam-
2 Der Bamanasprachkurs fand in der “Ecole Nationale d’Etudes Supérieures” (ENSUP) in Bamako statt.
KAPITEL 1. EINLEITUNG 11
meln. Für meine Arbeit mit den Hausmädchen habe ich mich zwei Monate in Segou aufgehalten. Den Abschluss meiner Feldforschung bildeten zwei Wochen in der Hauptstadt Bamako, während derer ich mit Experteninterviews und Literaturrecherche an der Universität beschäftigt war.
1.3.1 Teilnehmende Beobachtung
Die teilnehmende Beobachtung ist die zentrale empirische Forschungsmethode in der Ethnologie. Während meiner Datenerhebung war es mir möglich, an den Arbeitsprozessen der Hausmädchen passiv teilzunehmen und Daten aus diesen Beobachtungen zu sammeln. Aufgrund meiner Rollenzuschreibung als “Helferin von außen” ist es mir nur selten gelungen, gemeinsam mit den Mädchen zu arbeiten. Dennoch habe ich versucht, viel Zeit in den Höfen zu verbringen, um die Mädchen bei ihren Tätigkeiten beobachten zu können, um ihnen Fragen zu stellen, die sich aus den jeweiligen Situationen ergaben und um von mir und meinem Leben in Deutschland zu erzählen.
Während meines viermonatigen Aufenthaltes in Mali habe ich versucht, die täglichen Abläufe in einem Haushalt und die Interaktionen zwischen den Haushaltsmigliedern zu erfassen. Des weiteren habe ich an nicht-alltäglichen Ereignissen wie Hochzeitsfeiern, Freizeitaktivitäten der Mädchen und informellen Treffen teilgenommen. Besonders viele Informationen konnte ich durch die wöchentlich stattfindenden Alphabetisierungskurse gewinnen, da die Mädchen dort außerhalb ihres gewohnten Arbeitsumfeldes auftraten.
Gleich zu Beginn meines Aufenthaltes in Mali hatte ich die Möglichkeit, am Tagesablauf eines Hausmädchens teilzunehmen. Ich habe die ersten drei Wochen in einem möbilierten Zimmer im Stadtteil Faladie in Bamako gewohnt. Meine Vermieterin war geschieden und lebte zusammen mit ihren zwei Söhnen im gleichen Haus. Schon nach kurzer Zeit fiel mir ein Mädchen im Hof auf, die ganztägig im Haus arbeitete, mir aber bisher nicht vorgestellt wurde. Dazu muss ich bemerken, dass mir gleich bei meinem Einzug alle Familienmitglieder vorgestellt wur- den. Der Begrüßung sowie der Bekanntmachung kommt in Mali eine
KAPITEL 1. EINLEITUNG 12
besondere Bedeutung zu. Erst nach mehrmaligen Fragen und ausweichenden Antworten erklärte mir die Hausherrin. “Dieses Mädchen ist unsere Bonne.” Die Tatsache, dass mir das Mädchen nicht vorgestellt wurde, gab Hinweise auf Status und Zugehörigkeit des Mädchen zur Familie. Dem Mädchen wurde kein Familienstatus zugestanden; sie wurde als eine Angestellte betrachtet, die nicht direkt zur Familie gehörte. In der Anfangsphase habe ich viel Zeit im Hof verbracht, so dass sich häufig die Gelegenheit ergab, die täglichen Aufgaben des Mädchens zu beobachten.
Eine Unterhaltung mit dem Mädchen gestaltete sich schwierig, da mein Bamana zu dieser Zeit für ein Interview oder ein weiterführendes Gespräch noch nicht ausreichte und sie kein Französisch sprach. Dennoch konnte ich gleich zu Beginn meiner Forschung wichtige Erkenntnisse aus meinem Aufenthalt in diesem Hof ziehen, auf die ich bei der Darstellung meiner Ergebnisse noch zu sprechen kommen werde. Die teilnehmende Beobachtung gleicht einem Balanceakt. Die Schwierigkeit besteht darin, am täglichen Leben der Informanten teilzunehmen und gleichzeitig genügend Distanz zum Geschehen zu wahren. Einerseits war ich bestrebt, den Abstand zwischen mir und den Hausmädchen soweit wie möglich aufzuheben, um eine vertraute Atmosphäre zu schaffen, andererseits galt es, mir einen wissenschaftlichen Blick auf die Mädchen zu bewahren, um Vergleiche anstellen zu können und die Problematik in einen Kontext einzuordnen. Das Ziel ist es, die aus der teilnehmenden Beobachtung gewonnenen Erkenntnisse der eigenen Kultur zu vermitteln. Es besteht immer eine Diskrepanz zwischen der erforderlichen Nähe und der nötigen Distanz zu den Informanten, zwischen Identifkation mit der zu untersuchenden Gruppe und Reflexion der Alltagspraxis. Die subjektiven Wahrnehmungen sollen in eine generalisierende Form gebracht werden, was sich nicht immer als einfach erweist (vgl. Girtler 1992).
1.3.2 Interviews und informelle Gespräche
Girtler spricht vom Grundsatz der Gleichheit in der Komunikation zwi- schen Informanten und Forscher (1992: 109). Ich hatte selten das Gefühl,
KAPITEL 1. EINLEITUNG 13
eine gleichberechtigte und auf Gegenseitigkeit beruhende Konversation mit den Hausmädchen führen zu können, was vor allem an meiner Rollenzuschreibung lag. Die Mädchen sahen mich aufgrund meines Alters und meiner Forscherrolle als ihnen überlegen an. Als Ergänzung zu meinen teilnehmenden Beobachtungen habe ich Interviews und informelle Gespräche als besonders geeignet erfahren. 3 Mit Hilfe der Gespräche war es mir möglich, Hintergrundinformationen und biographische Daten der Mädchen zu erhalten. Für meine Interviews benutzte ich einen Fragebogen, der mir als Leitfaden durch das Gespräch diente. Dieser wurde im Laufe der Forschung verändert und ergänzt. Insgesamt führte ich mit 22 Hausmädchen Leitfadeninterviews von unterschiedlicher Dauer. In einigen Gesprächen kam es zu angeregten Diskussionen sowohl mit den Mädchen als auch mit den Familienmitgliedern, bei anderen Interviews wurden lediglich meine Fragen beantwortet. Ich versuchte stets, den Mädchen in den Gesprächen die Möglichkeit zu geben, Fragen an mich zu stellen.
Zu Beginn meiner Forschung führte ich mehrere Gruppeninterviews. Diese Vorgehensweise erwies sich jedoch als ungeeignet, da die Mädchen in der Gruppe entweder gar nichts sagten oder alle durcheinander sprachen, so dass keine wirkliche Diskussion zustande kam. Ich bevorzugte Einzelinterviews, da ich in diesen Gesprächen besser auf die Mädchen reagieren und gezieltere Fragen stellen konnte. In den einzelnen Gesprächen nutzten die Mädchen die Gelegenheit, auch mir Fragen zu stellen oder anderweitige Bemerkungen zu machen. Die Qualität der Interviews hing stark von der jeweiligen Situation ab, z.B. von meiner Begleitung und von den anderen beim Interview anwesenden Personen. Ich hatte den Eindruck, dass die Mädchen in den Alphabetisierungskursen, wo sie nicht unter der Kontrolle ihrer Gastmutter standen, wesentlich freier erzählten und mehr von sich preisgaben, als in Gesprächen in Anwesenheit der Hausherrin. 4
3 Ich habe während meiner Forschung die Erfahrung gemacht, dass spontane und zufällig zustande ge-
kommene Gespräche oft informativer waren als langfristig geplante Interviews. Trotzdem haben sich beide
Methoden als hilfreich und notwendig erwiesen.
4 Die Alphabetisierungskurse fanden in der katholischen Mission von Segou statt. Geleitet und durchge-
führt wurden diese Kurse von der Organisation “AFEM”. Die Kosten für Arbeitsmaterialien wie die Unter-
richtshefte u.ä. wurden von der UNICEF übernommen. Die Hefte erscheinen auf Bamana und Französisch.
KAPITEL 1. EINLEITUNG 14
Zusätzlich zu den Interviews mit den Hausmädchen ergaben sich zahlreiche informelle Gespräche über mein Thema und darüber hinaus vor allem mit Mitarbeitern von Nicht-Regierungsorganisationen, aber auch mit Frauen und Männern, die nicht direkt mit dem Thema in Verbindung standen. Meinen eigenen Beobachtungen der Hausmädchen, ihrer Arbeit und ihrer Beziehungen zu den Gastfamilien stehen die Einschätzungen der Hausmädchen selber sowie die der Gastmütter gegenüber. Hinzu kommen Aussagen Dritter, die nicht direkt mit dem Thema verbunden sind. Ich versuchte, meine Leitfadeninterviews mit den Mädchen durch informelle Gesprächen und Expertendiskussionen zu ergänzen. Allen In-formanten teilte ich das Ziel meines Vorhabens mit, eine Forschung für die Universität durchzuführen und darüber eine Arbeit zu verfassen. Die Reaktionen auf meine Erklärung reichten von Unverständnis bis zu regem Interesse an meiner Arbeit.
1.3.3 Die Gesprächssituationen
Girtler schreibt, Ethnologen bräuchten eine gute Kontaktperson, um an adäquate Informationen zu gelangen (Girtler 1992: 69ff). Ami Cissé war für mich die Person, die mich den Hausmädchen und anderen Informanten vorstellte. Zugleich war sie meine Übersetzerin und wurde während meines Aufenthaltes in Segou zu einer guten Freundin. 5 Die Auswahl der Gesprächspartnerinnen wurde mit meiner Dolmetscherin abgesprochen. Zu Beginn wurde ich allen versammelten Familienmitgliedern in einem Hof vorgestellt und meine Übersetzerin erklärte meinen Besuch mit den Worten:
Das ist Salimata Konate. 6 Sie kommt aus Deutschland und studiert dort. Salimata ist in Segou, um eine Forschung über Hausmädchen zu machen. Sie interessiert sich besonders für
5 Ami Cissé übersetzte für mich vom Bamana ins Französische und umgekehrt. Sie war in der Vergan-
genheit selber als Hausmädchen tätig und besaß daher sehr gute Kenntnisse der Situation der Mädchen.
Ami Cissé war zum Zeitpunkt meines Aufenthaltes 22 Jahre alt und lebte im Hof ihrer Tante. Ursprünglich
kommt sie aus Burkina Faso, wo sie aufgewachsen ist. Sie kam nach Segou in der Hoffnung, eine Arbeit
zu finden. Im Hof von Ami Cissé, wo ich die meiste Zeit meines Tages verbrachte, lebten noch drei andere
Frauen mit ihren kleinen Kinder. So hatte ich die Gelegenheit, einen Einblick in eine malische Großfamilie
zu bekommen.
6 Salimata Konate ist mein malischer Name, der mir in den ersten Tagen von meinem Bamama-Lehrern
gegeben wurde.
KAPITEL 1. EINLEITUNG 15
die aktuelle Arbeits- und Lebenssituation der Mädchen und die Beziehung der Hausmädchen zu ihren Arbeitgebern. Salimata würde sich gerne mit den Hausmädchen unterhalten und ihnen einige Fragen stellen (Ami Cissé).
Sowohl die Mädchen als auch die restlichen Familienmitglieder standen meinem Vorhaben zunächst skeptisch gegenüber. Für sie war es schwierig zu verstehen, warum sich eine weiße Frau mit der Situation der Hausmädchen beschäftigen möchte. Begriffe wie ethnologische Forschung und Universität mussten ausführlich erklärt werden. Ami Cissé war den meisten Informanten bekannt und vertraut. Nur mit ihrer Hilfe gelang es mir, den Grund meines Aufenthaltes zu erklären. Es war mir besonders wichtig, darauf hinzuweisen, dass es sich um eine unabhängige Untersuchung handelte, die nicht im Auftrag einer Entwicklungsorganisation durchgeführt wurde.
Die Interviewsituationen waren sehr unterschiedlich, je nachdem, wer an den Gesprächen teilnahm und welche Widerstände und Störungen auftraten. So kam es beispielsweise vor, dass die Mädchen während des Interviews ihrer Arbeit nachgehen mussten, nur wenige Fragen beant-worten konnten und unkonzentiert waren. Des öfteren antworteten die Arbeitgeberinnen anstelle der Mädchen, was natürlich nicht meinen Vorstellungen entsprach. Dennoch gelang es meiner Übersetzerin und mir, einige sehr spannende Diskussionen mit den Mädchen zu führen. Allgemein begrüßten sowohl die Familien als auch die Hausmädchen meine Anwesenheit.
Die meisten Mädchen zeigten sich trotz ihrer Unsicherheit und ihrer Ängste, ein Interview zu führen, sehr gesprächsbereit. Ich denke, durch meine häufigen Besuche in den Höfen und meine ständige Präsenz in der Stadt fassten die Mädchen allmählich Vertrauen zu mir und glaubten an mein Interesse an ihrem Leben und ihrer aktuellen Situation. Die Mädchen waren auch neugierig und interessiert, was diese weiße Frau, von ihnen wissen wollte und was sie selbst von sich und ihrem Land zu berichten hatte.
KAPITEL 1. EINLEITUNG 16
1.3.4 Schwierigkeiten der Feldforschung
Für einen Forschungsort erwies sich Segou als besonders gute Wahl. Ich lebte mich schnell und ohne größere Probleme ein und baute mir innerhalb kurzer Zeit ein Netz von Bekannten und Freunden auf. Dadurch war ich zumindest teilweise in das Leben der Stadt integriert. Während meines Aufenthaltes in der Stadt wohnte ich bei Freunden vom Deutschen Entwicklungsdienst, was für mich persönlich Vorteile hatte, da ich mich bei Bedarf zurückziehen konnte, um zu schreiben oder zu lesen. Außerdem halfen mir Gespräche mit Menschen aus einem ähnlichen Kulturkreis, wie dem meinen, meine Probleme und Schwierigkeiten in der neuen Umgebung zu bewältigen. Die Tage verbrachte ich mit Besuchen von Freunden, Treffen mit Informanten und stundenlangen Aufenthalten in den verschiedenen Höfen. Ich lernte, mich an einen anderen Kommunikationsstil zu gewöhnen. Mit den jungen Frauen zu reden, hieß, an ihrem Alltag teilzunehmen. Das Nonverbale spielt eine entscheidene Rolle: zusammensitzen, Tee trinken, Säuglinge im Arm halten, zuschauen und plaudern (Roost-Vischer 1997: 15). Direkte Einbeziehung in das Alltagsgeschehen und regelmäßiger Rückzug in mein Zimmer wechselten sich ab und machten es mir möglich, sowohl teilnehmend als auch distanziert zu beobachten.
Es war nicht immer einfach, den Grund meines Aufenthaltes in Segou plausibel zu vermitteln. Aufgrund meiner guten und intensiven Zusammenarbeit mit mehreren Nicht-Regierungsorganisationen bekam ich des öfteren die Rolle der Mitarbeiterin einer der lokalen Organisationen zugeschrieben. Viele meiner Informanten sahen in mir eine Entwicklungshelferin, die im Auftrag eines Projektes eine Forschung über Probleme und Schwierigkeiten der Hausmädchen in Segou durchführt. Ich wurde als “Helferin von außen” betrachtet und oft mit unerfüllbaren Erwartungen vor allem materieller Art konfrontiert. So wurden des öfteren Forderungen nach modernen Haushaltsgeräten, vor allem nach Kühlschränken und Waschmaschinen, an mich herangetragen, meist mit der Begründung, sowohl die Arbeit der Mädchen als auch der Familienmitglieder zu vereinfachen. Versuche, meine finanzielle Situation als Studentin in Deutschland darzustellen, scheiterten häufig an Unverständnis und Mis-
KAPITEL 1. EINLEITUNG 17 strauen.
Die Bezahlung der Informanten ist eine viel diskutierte Frage in der Ethnologie (Alber 2000: 48). Ich entschloss mich, meine Informanten nicht mit Geld zu bezahlen, sondern statt dessen ihrem häufig geäußerten Wunsch nach einem Foto nachzukommen. 7 Ich fotografierte jedes Mädchen in verschiedenen Posen, entwickelte die Fotos in Deutschland und schickte sie an die Mädchen. Diese Methode erwies sich als erfolgreich und nützlich zugleich: die Mädchen bekamen Fotos von sich, die sie sich sonst nur in den wenigsten Fällen hätten leisten können, und ich hatte die Möglichkeit, meine Forschung zusätzlich visuell zu dokumentieren. 8 Meine Übersetzerin lud ich des öfteren zum Essen ein und kaufte ihr auf dem Markt Stoffe. Hinzu kamen Gastgeschenke aus Deutschland oder Bamako, vor allem beliebte Kosmetika und Schmuck, die ebenfalls mit großer Begeisterung angenommen wurden. Meine Bamana-Kenntnisse wuchsen im Laufe meines Aufenthalts kontinuierlich, so dass ich den Inhalt von Gesprächen verstehen konnte und es mir möglich war, mich zu unterhalten. 9 Leider reichten meine erworbenen Sprachkenntnisse nicht aus, um Interviews oder Expertengespräche in Bamana führen zu können. Viele der Hausmädchen sprachen nur wenig oder gar kein Französisch, so dass für diese Interviews eine Übersetzerin notwendig war. Obwohl ich grundsätzlich mit den Übersetzungen sehr zufrieden war, kam es immer wieder zu Missverständnissen. So wurden Fragen beispielsweise so umformuliert, dass die Mädchen nur mit “Ja” oder “Nein” antworteten konnten, was nicht in meinem Interesse lag. Ami Cissé fiel es schwer, genaue Übersetzung von Eigeninterpretation zu trennen. Die Antworten der Mädchen wurden häufig von ihr mit ihren eigenen Erfahrungen als Hausmädchen und ihren Auslegungen vermischt. Nach den Gesprächen redete ich mit meiner Begleiterin über die Interviewsituation, über ihre und meine Eindrücke. Durch
7 Eine Auswahl der Fotos befindet sich im Anhang.
8 Besonders interessant war, dass die Mädchen es oftmals ablehnten, sich bei der Arbeit, beim Kochen
oder Waschen fotografieren zu lassen. Sie legten großen Wert darauf, nicht in ihrer Arbeitskleidung abge-
lichtet zu werden. Statt dessen zogen sie ihr bestes und oftmals auch einziges Kleid an.
9 Besonders wichtig waren meine Bamana-Kenntnisse zur Begrüßung und zum Austausch von Höflich-
keitsfloskeln in Mali. Die Begrüßungszeremonie folgt in Mali immer einem ähnlichen Schema: Beide Per-sonen stellen sich vor und begrüßen sich, erkundigen sich nach dem jeweiligen Befinden der Person, fragen
nach der Gesundheit und der aktuellen Situation der Eltern, der Kinder, der Verwandten und der Tiere. Dieser
Akt kann sich über mehrere Minuten hinziehen.
KAPITEL 1. EINLEITUNG 18
diesen Austausch war es z.T. möglich, ihre eigenen Interpretationen und Eindrücke und die Antworten der Mädchen und anderer Familienmit- glieder voneinander abzugrenzen.
Kapitel 2
Der Forschungsort Segou
Nachdem ich auf einer dreiwöchigen Reise den Norden und Osten von Mali näher kennengelernt hatte, begann ich meine Forschung in Segou. Für Segou als Forschungsort sprachen viele Gründe: Zum einen die verkehrsgünstige Lage der Stadt und ihre Nähe zur Hauptstadt Bamako. Segou ist einer der wichtigsten Handelsorte auf dem Weg von Bamako in den Norden und Osten des Landes. Die Stadt ist überschaubarer und freundlicher als die etwas hektische Hauptstadt Bamako und gilt als Anlaufstelle für Hausmädchen aus den Regionen Segou, Mopti und dem Dogonland. Segou liegt direkt am Niger, der Lebensader Malis, und ist Standort wichtiger Regierungs- und Verwaltungsgebäude. Weiterhin konnte ich in Segou meine erlernten Bamana-Kenntnisse anwenden, was im Norden des Landes schwierig gewesen wäre, da dort die Mehrzahl der Bevölkerung nur wenig Bamana spricht.
2.1 Zur historischen Situation
Die Bamanaw 1 , eine Volksgruppe der Mande, sollen Anfang des 13. Jahrhunderts ihr ursprüngliches Wohngebiet südlich von Bamako verlassen haben, um sich um Segou niederzulassen. Segou-Koro, das alte Segou, wurde Anfang des 18. Jahrhunderts gegründet. Die Stadt spielte in Malis Geschichte vor allem als Hauptstadt des Bamana-Königreiches
1 “Die Bamanaw, aus ban (Verweigerung) und mana bzw. mara (Herrschaft), nennen sich selbst ‘die Men-
schen, die fremde Herrschaft zurückweisen’. Sie werden im selben Sinne von ihren Nachbarn, u.a. den So-ninke und Fulbe genannt” (Haidara 1992: 50).
19
KAPITEL 2. DER FORSCHUNGSORT SEGOU 20
eine entscheidende Rolle. Die Bamana bauten im Anschluss an den Zerfall des Songhay-Reiches mehrere Herrschaftszentren auf. Begünstigt durch die Lage am Fluss Niger wurde die Stadt Segou zur Hauptstadt des neu enstandenen Bamana-Königreiches. Zunächst war die Siedlung ein wichtiger Warenumschlagplatz, wurde dann administratives Zentrum des Königreiches und dehnte sich immer weiter aus. Seine Blütezeit erlebte die Stadt zwischen 1808 und 1827. Mitte des 19. Jahrhunderts fielen die Tukulör aus dem Norden ein und besetzten die Stadt: der Islam hielt Einzug. Doch bereits 1890 nahmen die Franzosen die Handelsstadt Segou ein. Die Kolonialzeit unter Frankreich brachte Segou wichtige Entwicklungsimpulse durch die Einrichtung des ‘Office du Niger’, einem der größten Agrarprojekte jener Zeit. Zudem wurden Straßen gebaut und Handel, Gewerbe und Industrie vorangetrieben, so dass die Bevölkerung in der Stadt während dieser Zeit stark zunahm. Die Entwicklung sowohl der Region als auch der Stadt Segou ging auch nach der Unabhängigkeit weiter, was vor allem durch die extrem günstige geographische Lage begründet war. Es wurden Verwaltungsgebäude, Schulen, Krankenhäuser und neue Wohnviertel gebaut. Die Bevölkerung wuchs und wächst weiter vor allem wegen der verstärkten Landflucht in Mali. Allein in den Jahren 1968 bis 1976 stieg die Bevölkerungszahl Segous von 31.000 auf 65.000 an. Somit rückt Segou an die zweite Stelle der städtischen Siedlungen Malis hinter Bamako (Barth 1986: 232f). Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kultur bewohnen die Stadt: so leben hier neben den Bamana, hauptsächlich Fulbe, Dogon, Bobo und Bozo. Die Bamana machen über 40% der gesamten malischen Bevölkerung aus und sind zahlenmäßig die stärkste Volksgruppe 2 (vgl. Barth 1986, Iliffe 1997).
Das historische Segou bestand aus vier Ortschaften, die mit einigen Kilometern Abstand hintereinander am rechten Ufer des Niger lagen. Von West nach Ost waren dies Segou-Koro, Segou-Bugu, Segou-Kura und Segou-Sikoro. In der Blütezeit des Bamana-Reiches standen die Paläste der Dynastie in Segou-Koro. Seither hat sich die Stadt um diesen
2 In vielen Büchern wird immer noch die Bezeichnung “Bambara” sowohl für die Ethnie als auch für die
Sprache verwendet. Offiziell kommt aber der Begriff “Bamana” (Plural: Bamanaw) zur Anwendung, womit
sich die betreffende Volksgruppe auch selbst bezeichnet. “Bamana is the indigenous term as opposed to the
colonial one Bambara” (Gosselin 2000: 195).
KAPITEL 2. DER FORSCHUNGSORT SEGOU 21
Ort herum zu dem entwickelt, was als das moderne Segou bekannt ist. Zu der Stadt Segou zählen heute ebenso die dörflichen Siedlungen Segou-Koura, Sido-Soninkoura und Pelegana als auch die Stadtviertel Camp militaire, Quartier administratif und Quartier commercial, welche keine Wohnviertel sind. Auch im Industrieviertel um die Textilfabrik Comatex wohnen vergleichsweise wenig Menschen. Typische Wohnviertel sind die neuen Stadtteile Hamdalaye, Darsalam und Medine (Müller 1990: 73). Meine Forschung fand zum größten Teil in Hamdalaye statt, da meine Übersetzer- und Vermittlerin dort die meisten Informanten kannte und Kontakte dadurch leicht herzustellen waren.
2.2 Zur gegenwärtigen Situation Mali ist mit einer Gesamtfläche von 1.242.000 qm das größte Land
Westafrikas. Das Land grenzt im Norden an Algerien, im Osten an Niger und Burkina Faso, im Westen an Mauretanien und Senegal und im Süden an Guinea und die Elfenbeinküste. 3 Mali ist ein Binnenland ohne Zugang zum Meer. Zwei große Flüsse bewässern das Land: der Niger und der Senegalfluss. Der Niger, der das gesamte Land durchfließt, hat eine Länge von ca. 4.200 km und bildet zwischen Segou und Timbuktu ein Binnendelta, das bei ausreichenden Niederschlägen das wichtigste Agrargebiet Malis darstellt. Segou liegt in der sudanisch-sahelischen Übergangszone und bildet das Zentrum des mittleren Nigerdeltas (Haidara 1992: 23). Die malische Bevölkerung wurde 1995 auf knapp 10 Millionen geschätzt. Die Einwohnerzahlen in Städten wie Bamako, Segou und Mopti steigt ständig an. 4 1999 lebten mehr als 100.000 Menschen in Segou. Aufgrund der ständig wachsenden Bevölkerung hat sich die Stadt in den letzten 20 Jahren flächenmäßig um mehr als 150% ausgedehnt (Traore 1999: 19). Die malische Bevölkerung ist wie in vielen anderen westafrikanischen Ländern sehr jung. Über 50% der Malier sind unter 20
3 Diese Grenzen sind wie in vielen afrikanischen Ländern Ergebnis der kolonialen Aufteilung. Sie ent-
sprechen weder kulturellen und wirtschaftlichen Gegebenheiten noch historischen Ereignissen. Fast alle in
Mali lebende Ethnien sind auch in den Nachbarländern anzutreffen, wie z.B. die Mande, die Bozo oder die
Tuareg (Haidara 1992: 23).
4 20% der Bevölkerung lebten 1990 in den Städten Malis. Durch die starke Landflucht und die Migrations-
bewegungen steigt die Wachstumsrate in den Städten immer weiter. Inzwischen liegt die Urbanisierungsrate
bei 20 bis 24%. Allein in Bamako leben etwa 10% der Gesamtbevölkerung (Broetz 1992: 35).
KAPITEL 2. DER FORSCHUNGSORT SEGOU 22
Jahre alt (Haidara 1992: 24).
Mali befindet sich wie viele andere westafrikanische Staaten in einer äußerst schwierigen wirtschaftlichen Lage, die teilweise durch die naturräumlichen und klimatischen Faktoren bedingt ist, teilweise aber auch durch die kontraproduktive staatliche Agrarpolitik bewirkt wurde. 5 Neben der Landwirtschaft kommt dem informellen Sektor eine erhebliche wirtschaftliche Bedeutung zu. In den letzten 20 Jahren haben extreme Krisensituationen, vor allem bedingt durch Dürrekatastrophen und Hungersnöte, und der ständig steigende Geldbedarf zu einem Anstieg der Nebenerwerbstätigkeiten geführt. Immer mehr Menschen sehen sich gezwungen, neben ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit zusätzlich etwas Geld zu verdienen. Zu den Überlebensstrategien, die hauptsächlich im informellen Sektor angesiedelt sind, gehören die verschiedensten Formen des Handels, saisonale Lohnarbeiten sowie Tätigkeiten im Dienstleistungsbereich (vgl. Broetz 1992). Sowohl die Region Segou als auch die Stadt Segou spielen eine wichtige ökonomische Rolle im Land. Mali ist in acht administrative Regionen und einen Hauptstadt-Distrikt aufgeteilt, Segou ist eine dieser Regionen. Bedeutende Industriezweige befinden sich in Segou: z.B. der größte und wichtigste Reisproduzent Malis ‘Office du Niger’, die Textilproduktionsfirma ‘Comatex’, die vor allem Baumwollprodukte herstellt, und die Zuckerfabrik ‘Le Sukala’. Die Industrie lockt immer mehr Menschen in die Stadt, vor allem die Bevölkerung aus dem Norden und dem Dogonland hofft hier in Segou Arbeit zu finden (Traore 1999: 12). Dennoch arbeiten nur ca. 6% der Menschen in der Industrie, wohingegen ca. 63% einer Beschäftigung im informellen Sektor nachgehen. Aus einem Bericht von ECOLOG geht ebenfalls her-vor, dass 11% der Beschäftigten im informellen Sektor Hausmädchen sind (Traore 1999: 53f).
2.3 Bevölkerungsmobilität und Wanderarbeit
Barth gibt als Gründe für die weit reichende Bevölkerungsmobilität die
5 Die Höhe des Pro-Kopf Einkommens wurde für 1990 sehr unterschiedlich eingeschätzt: von 200 bis 270
US$ (vgl. Broetz 1992). Es fällt mir schwer, diesen Beschönigungen, welche je nach Quelle sehr voneinander
abweichen, Glauben zu schenken. Meiner Meinung nach werden diese Daten häufig von den verschiedenen
Organisationen benutzt, um bestimmte Entwicklungserfolge nachweisen zu können.
KAPITEL 2. DER FORSCHUNGSORT SEGOU 23
sehr begrenzten Ressourcen Malis, die Binnenstaatlichkeit und die große Entfernung weiter Landesteile an. Die Mobilität der Bevölkerung äußert sich vor allem in der Land-Stadt-Migration, in der Arbeitsmigration und in der internationalen Migration. Zur internationalen Auswanderung gibt es zahlreiche Informationen, jedoch fehlt es an statistischen Daten zur Binnenwanderung, so dass es laut Barth nur möglich ist, auf-grund allgemeiner Beobachtungen Entwicklungstendenzen aufzuzeigen. Als konstant gelten die anhaltende Land-Stadt-Migration ebenso wie die von der Sahel-Region in die Savannengebiete des Südens gerichtete Wanderbewegung. Die südwärts gerichtete Bevölkerungsmigration steht u.a. in Verbindung mit Missernten und Dürrekatastrophen. Die südlichen Landesteile haben nur begrenzte Siedlungsräume und Kapazitäten für die Aufnahme dieser Menschen, so dass es in Städten wie Bamako und Segou zu massiver Arbeitslosigkeit und Wohungsmangel kommt. Fast neun Zehntel der Malier leben im Süden des Landes, wo sich auch die großen Städte befinden. In den nördlichen Regionen Timbuktu, Gao und Kidal, die zwei Drittel der Gesamtfläche einnehmen, leben hingegen nur rund 11% der Gesamtbevölkerung 6 (Barth 1986: 245, vgl. Haidara 1992). Trotz der vielfachen Rückkehr der Migranten in die Heimatregionen ist eine zunehmende Urbanisierung nicht zu übersehen. Dürre- und Hungerperioden treten in Mali immer wieder auf. Besonders dramatisch war die Situation Anfang der 70er Jahre und Mitte der 80er Jahre als zahlreiche Nomaden aus dem Norden gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen. Diese Krisen haben dauerhafte Auswirkungen auf die Lebenssituationen der Menschen sowohl in den Dürregebieten, als auch in Städten wie Segou, wohin viele Menschen aufgrund von Hunger und Ernteausfall fliehen. Segou ist günstig gelegen und bietet neben Bamako die beste Möglichkeit, Arbeit zu finden. Aufgrund der zentralen Lage ist Segou eine beliebte Anlaufstelle für Hausmädchen aus den umliegenden Regionen (Traore 1999: 19ff).
6 Die anhaltende Dürre entvölkert den Norden des Landes. Die Wanderbewegungen in den Süden führen
zu sichtbaren Engpässen im ökonomischen und sozialen Bereich sowie im Transportwesen (vgl. Haidara
1992).
Kapitel 3
Pflegschaftsverhältnisse und soziale Elternschaft
Zu Beginn meiner Forschung bin ich davon ausgegangen, dass die Hausmädchen Teil eines reziproken Austauschsystems zwischen Verwandten sind. Wie ich im folgenden Kapitel darlege, werden ältere Mädchen oftmals vom Dorf in die Stadt zu Verwandten geschickt, um dort für eine bestimmte Zeit zu leben und eventuell auch zu arbeiten. Werden Pflegekinder, die in einem Haushalt mithelfen, und Hausmädchen, die nur für die Hausarbeit angestellt sind, mit den gleichen Begriffen bezeichnet? Es soll der Frage nachgegangen werden, ob Hausmädchen Teil der Pflegschaftsverhältnisse und Pflegekinder sind und als solche im Haushalt einer verwandten Familie leben und arbeiten.
3.1 Darstellung von Pflegschaftsverhältnissen in der eth-
nologischen Literatur
Pflegschaftsverhältnisse sind in Afrika und insbesondere in Westafrika weit verbreitet und bestimmen das alltägliche Leben. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Kinder und Jugendliche für längere Zeit oder auf Dauer in einem anderen Haushalt als dem ihrer biotischen Eltern leben. Den Pflegeeltern wird während dieser Zeit die Verantwortung für die Erziehung der Kinder übertragen. Daraus ergibt sich die Existenz der sozialen Elternschaft neben der biotischen. Das Phänomen der Pflegschaft hat eine lange Tradition in Westafrika und ist bis heute in verschiedenen Formen und Ausprägungen existent (vgl. Goody 1982). Kinder werden
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Arbeit zitieren:
Annett Fleischer, 2003, Die sozio-ökonomische Situation der Hausmädchen in Segou, Mali , München, GRIN Verlag GmbH
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