Gegenstand, den man je nachdem als Natur der Dinge oder als Bestimmung des Menschen charakterisieren kann (vgl. S. 363). Schlegels Aussage ist also, dass der Mensch durch Nachdenken nur zu weiterem Nachdenken gebracht wird, dass also Fragen zu neuen Fragen führen. Die Unverständlichkeit und das daraus resultierende Nachdenken liegt in unserer Natur. Das Denken selbst ist schon Unverständlichkeit, sonst würde man nicht denken, wenn man die Antwort schon wüsste. Dieser Prozess lässt sich immer weiter führen und ist unendlich. Nachdenken wird von Schlegel als unsere Natur oder Bestimmung bezeichnet. Er sagt damit, dass die Fähigkeit zu hinterfragen, Antworten zu finden, aber damit gleich neue Fragen aufzuwerfen, den Menschen ausmacht. Der Mensch wird also dadurch definiert, dass er fragt und denkt mit der Intention alle Antworten irgendwann zu finden.
Gleich zu Anfang spricht er auch vom Athenaeum, ein wichtiges Journal der Frühromantik, das von den Brüdern Schlegel herausgegeben wurde. Es bietet Gelegenheit verschiedenste Ideen anderen mitzuteilen, unabhängig davon ob diese letzten Endes dann auch verstanden werden können. Das Athenaeum wird von seinen Lesern oft kritisiert, da das Wesentliche der Schriften ihnen verborgen bleibt. Schlegel sagt, dass für die Unverständlichkeit im Athenaeum in hohem Maße die Ironie verantwortlich sei (Seite 368). Jeder legt die Ironie so aus, wie er sie auslegen will, also so, dass sie zu seinem Charakter passt. Der Mensch versteht in der Ironie, was er verstehen will. Das was er versteht, ist für ihn das Richtige, aber für den anderen ist das Verstandene des einen wieder falsch und etwas anderes ist für ihn richtig. Unverständlichkeit ist also nicht wegzudenken, vor allem damals nicht, als die Texte erschienen.
Weiter erklärt Schlegel, dass es verschiedene Arten der Ironie gibt: die grobe Ironie, die feine oder die delikate, die extrafeine Ironie (Sarkasmus), die redliche, die dramatische, die doppelte und schließlich die Ironie der Ironie (S. 369).
Die Ironie der Ironie scheint eine tückische Form von Ironie zu sein. Schlegel schreibt von ihr als eine Form der Ironie aus der man nicht mehr herauskommen kann, als eine Form, die zur Manier werden kann und so ihren Dichter wieder ironiert, oder, wenn die Ironie wild wird und sich gar nicht mehr regieren lässt (vgl. S. 369). Schlegel sieht Ironie als eine effektive Form der Unverständlichkeit, die den Leser ganz bewusst vom Verstehen abzulenken sucht, was aber wiederum als positiv gewertet werden könnte, da der Mensch dadurch nur noch mehr nachdenkt . Detlef Kremer schreibt in seinem Aufsatz über die Ironie bei Schlegel: „Romantische Ironie soll den sichtbaren Nachweis des Unendlichen im endlichen literarischen Kunstwerk führen und ist damit auf eine innere Ambivalenz verpflichtet, die weniger ihre theoretischer Grenze als ihre praktische Produktivität im Sinne eines unendlichen literarischen Prozesses beschreibt.“ (Detlef
Kremer: Romantik. S. 94). Die Ironie hält also die Unverständlichkeit lebendig, denn wenn sie in einem Text geschrieben steht, so sorgt sie doch bei jedem Leser aufs neue für Unverständnis und Suchen nach Verständnis. So schreibt auch Schlegel, dass diese rethorische Figur eine sehr nachhaltige ist. So seien zum Beispiel Shakespeares Werke so tiefsinnig und tückisch, dass sie die Nachwelt wahrscheinlich immer wieder zu täuschen in der Lage sein werden. Die Ironie der Texte überlebt ihre Schreiber (Über die Unverständlichkeit S. 370) und sorgt so für immer fortwährenden Unverstand.
Aber die Unverständlichkeit sei in der romantischen Hermeneutik die Regel (vgl. Madleen Podewski: Konzeptionen des Unverständlichen um und nach 1800, S. 55) und die Verständlichkeit ist nichts, was sich einfach offenbart, sondern sie muss „gewollt und gesucht werden“. Ohne die Unverständlichkeit gäbe es auch kein Verstehen; das eine ist mehr oder weniger vom anderen abhängig. Dadurch, dass der Mensch nicht in der Lage ist, alle gegebene Umstände zu verstehen, ist er mehr oder weniger gezwungen sie zu ergründen. Wenn er das eine verstanden hat, so wird es nicht lange dauern, bis es ihn zum Nächsten führt, was er zu verstehen sucht. Unverständlichkeit führt also durch Nachdenken zur Verständigkeit, aber durch diese, tun sich neue Fragen auf, die der Mensch zu beantworten versucht. Verstand ist also das Resultat des Unverstandes und umgekehrt. In der romantischen Hermeneutik ist es auch nie sicher, ob der Leser den Autor, so auch im Athenaeum, verstanden hat, es bleiben also nur Vermutungen. Aber ist es laut Schlegel nicht das, wonach der Mensch stets streben soll? Schlegel ist fester Überzeugung, dass die Unverständlichkeit keinesfalls etwas Schlechtes sei: „Mich dünkt das Heil der Familien und der Nationen beruht auf ihr [...] (S.370).“ Vielleicht meint er damit, dass, wenn die Unverständlichkeit nicht mehr bestünde, dann gäbe es auch keine Konflikte, die gelöst werden müssten, keine Probleme, die es zu diskutieren gilt, keine Lösungen, die man für ein friedliches Zusammenleben finden muss und ein großer Teil an Kommunikation fiele wahrscheinlich auch weg. Laut Schlegel brauchen wir quasi Unverständlichkeit und es ist anzunehmen, dass unser Bewusstsein gar nicht wahrnimmt und gar nicht erkennen kann wie viel eigentlich auf ihr beruht. Das menschliche Bewusstsein kann die Bedeutung der Unverständlichkeit wahrscheinlich nur schwer erfassen, da der Mensch ja danach strebt Antworten zu finden und zu Erkenntnis zu erlangen. Es wäre allerdings nicht gutzuheißen, wenn alle Widersprüche sich auflösten, weil damit der ewige „Kampf“ des Menschen mit sich selbst und dem eigenen Unverstand, aufhörte. Man würde sich quasi in seiner Allwissenheit sonnen und sich damit vielleicht sogar Gott ähnlicher fühlen. Für das Mensch-Sein ist es notwendig, dass es Widersprüche und Dinge gibt, die unverständlich bleiben, denn fragen und denken machen uns schließlich aus.
„Wahrlich, es würde euch Angst und Bange werden, wenn die ganze Welt, wie ihr es fordert,
Arbeit zitieren:
Annika Süß, 2010, Textanalyse zu Friedrich Schlegel: Über die Unverständlichkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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