2
Inhaltsverzeichnis
1. SYMBOLISCHE FORMEN ALS MODELLE DER ERKENNTNIS 3
1.1 Ordnungsweisen der Welt 4
1.2 Der Raum. 5
1.2.1 Mythischer Raum 6
1.2.2 Ästhetischer Raum. 7
1.2.3 Theoretischer Raum 8
1.3 Funktion des Ästhetischen Raumes 8
2. EDGAR ALLAN POE, DER UNTERGANG DES HAUSES USHER 9
2.1 Topographie. 9
2.2 Mythische Qualitäten 10
2.3 Analogie Haus - Mensch. 12
2.4 Mad Trist 13
2.5 Rationalistischer Gegenpol. 14
3. FRANZ KAFKA, DER BAU 15
3.1 Topographie. 15
3.2 Der Bau als mythischer Ort 15
3.3 Mythenbildung 17
3.4 Analytisch - rationalistisches Denken. 18
3.5 Verhältnis Tier - Bau 19
3.6 Ambivalenz. 21
4. THOMAS BERNHARD, DAS KALKWERK. 22
4.1 Topographie. 22
4.2 Subjectum agens 23
4.3 Mythische Räume. 23
4.3.1 Sicking 23
4.3.2 Das Kalkwerk 24
4.3.2.1 Beziehung Konrad - Kalkwerk 25
4.3.4 Die Bank 28
4.4 Wissenschaft. 29
4.5 Metaphysisches Deutungsangebot 31
5. JENSEITS DER AUFKLÄRUNG? 33
BIBLIOGRAPHIE. 36
Prim ärliteratur. 36
Sekund ärliteratur 36
3
1. Symbolische Formen als Modelle der Erkenntnis
Seit jeher findet sich im Menschen das Bedürfnis, die ihn umgebende Welt und ihre Erscheinungen zu deuten und zu ordnen. Die unendliche Vielzahl der Umwelteindrücke wir vom menschlichen Bewußtsein gegliedert und strukturiert und damit eigentlich erst wird Welt und Wirklichkeit konstituiert und in einen Sinnzusammenhang gestellt. 1
Die Frage nach der Erkenntnis und dem Wesen des Sein ist von der Antike bis hin zu den modernen Naturwissenschaften ein Prozeß zunehmender Abstraktion. 2 An die Stelle sinnlicher, auf physische Grundelemente zurückzuführender und dem unmittelbaren Eindruck noch stark verhafteter Bilder sind nun „höchst komplexe logische Verhältnisausdrücke] getreten“, die „symbolischen Formen“; deren Bedeutsamkeit beruht darin, daß sie die Dinge eben nicht getreu ihrer äußeren Erscheinung widerspiegeln, sondern, „was sie als Mittel der Erkenntnis leisten“, indem sie die Dinge gliedern, ordnen, zusammenfassen und so Kategorien der Welterkenntnis bilden und "Wirklichkeit" dadurch erschaffen. 3
Je nach Wahl oder Setzung dieser Kategorien der Erkenntnis definiert sich das Erkannte anders. 4 Denn es haben sich unterschiedliche Möglichkeiten und Gesichtspunkte herausgebildet, nach denen der Mensch die Vielgestaltigkeit seiner Umgebung ordnet. Die Funktion dieses Ordnens ist jedoch immer dieselbe, gleichgültig, in welchem Bereich sie angewendet wird: „Immer handelt es sich, allgemein gesprochen, darum, das Unbegrenzte zu begrenzen, das relativ Bestimmungslose zu bestimmen - was sich unter sehr verschiedenen Gesichtspunkten und nach verschiedenen Leit- und Visierlinien vollziehen kann.“ 5
1 Ernst Cassirer, Philosophie der Symbolischen Formen Band II (SFII) , S. 39
2 vgl. Ernst Cassirer, Philosophie der Symbolischen Formen Band I (SFI), S. 5
3 ebd. , S. 6
4 ebd., S. 7
5 Ernst Cassirer, Mythischer, Ästhetischer und Theoretischer Raum. In: Alexander Ritter (Hg),
Landschaft und Raum in der Erzählkunst, Darmstadt 1975, S.24 (MÄT)
4
1.1 Ordnungsweisen der Welt
Cassirer unterscheidet drei verschiedene Weisen zur Ordnung der Welt und damit auch zur Gestaltung der Welt: es sind dies die (natur-)wissenschaftliche Methode der Erkenntnis, die Kunst und Mythos und Religion. Alle diese „Grundformen geistigen Schaffens“6 liefern
„Bausteine..., aus denen sich für uns die Welt des 'Wirklichen' wie die des Geistigen, die Welt des Ich aufbaut. Auch sie können wir nicht als einfache Gebilde in eine gegebene Welt hineinstellen, sondern wir müssen sie als Funktionen begreifen, kraft deren je eine eigentümliche Gestaltung des Seins und je eine besondere Teilung und Scheidung desselben sich vollzieht.“ 7
Wissenschaft, Kunst und Mythos und Religion besitzen einen je eigenen Wahrheits- und Wirklichkeitsbegriff: Das wissenschaftliche Denken zergliedert die Dinge und Erscheinungen, um sie wieder neu zusammenzusetzen und in eine neue Relation zueinander zu stellen. Es sucht nach Gesetzen, nach denen die Dinge sich ereignen, und deren Allgemeingültigkeit und Vorhersagbarkeit ist ein Kriterium für die Wahrheit, die den empirischen Phänomenen zugrunde liegt. Alles Besondere wird auf ein Allgemeines bezogen und an ihm gemessen8. Seine 'objektive Bedeutung ' ist abhängig davon, wie sehr „sich in ihm die Form, die Gesetzlichkeit des Ganzen ausdrückt und reflektiert.“9
Auch die Kunst analysiert mit ihren Mitteln die Erscheinungen der Welt und setzt die gefundenen Bestandteile zu einem neuen Kosmos zusammen. „Aber beides vollzieht sich nicht im Medium des Denkens und im Medium des theoretischen Begriffes, sondern in dem der reinen Gestalt.“10 Es handelt sich also nicht um bloß passives Nachbilden, sondern hier setzt sich der Mensch in ein neues Verhältnis zur Welt.
Im Mythos streiten dämonische Gewalten und Kräfte miteinander und aus ihrem Ringen „entsteht das Bild einer Einheit, die alles Sein und Geschehen umfängt und Menschen und Götter in gleicher Weise beherrscht und bindet.“11 ‚Subjectum agens‘ des Mythos ist das menschliche Bewußtsein. D.h. der Mensch selbst setzt sich seine Grenzen und glaubt sich selbst und seine Entscheidungen
6 SFI, S.18
7 ebd., S. 24 ( und SF II, S. 39)
8 SF II, S. 42
9 ebd., S. 45
10 Ernst Cassirer, MÄT, S. 25
11 ebd., S. 25
5
als Verursacher der ihm widerfahrenden Dinge12 - im Gegensatz zum wissenschaftlichen Denken: subjektunabhängige Gesetzte, allgemeine Ursachen und Folgen bestimmen hier das Geschehen und bilden den Begriff der Kausalität. Anders im mythischen Denken:
„Jenes [das wissenschaftliche Denken] ist befriedigt, wenn es ihm gelingt, das individuelle Geschehen in Raum und Zeit als Spezialfall eines allgemeinen Gesetzes zu begreifen, während es für die Individualisierung selbst, für das Hier und Jetzt als solches, nach keinem weiteren 'Warum' fragt. Dieses [das mythische Denken] dagegen richtet die Frage des 'Warum' gerade auf das Besondere, auf das Einzelne und Einmalige. Es 'erklärt' das individuelle Geschehen durch die Setzung und Annahme individueller Willensakte.“13 Die Trennung zwischen Vorgestelltem und Realem, Wunsch und Erfüllung fehlt im mythischen Denken. Es gibt keine verschiedenen Realitätsstufen. Ebenso fehlt die klare Abgrenzung zwischen Leben und Tod, der Übergang ist fließend. Während einer mythischen Handlung findet in einem besonderen Augenblick eine Transsubstantiation statt. Der Mensch verwandelt sich selbst in den Dämon oder Gott, den er darstellt.
Es existieren Bild- und Namenszauber: Bild, Name und auch Schatten stellen nicht bloß dar, sondern sie sind ein alter ego des Dargestellten; was mit ihnen geschieht, widerfährt auch jenem.
Das mythische Denken bindet geistige Eigenschaften und Fähigkeiten oft an Gegenstände und eben diese Eigenschaften und Fähigkeiten können von einem Objekt auf ein anderes übertragen werden. Cassirer nennt diese Verdinglichung von Beschaffenheiten und Kräften, aber auch von Prozessen und Tätigkeiten, das „Prinzip des Emanismus“.14
Alle diese „Grundformen geistigen Schaffens“: Wissenschaft, Kunst, Mythos, erzeugen also eigene symbolische Formen, und sie stehen als Funktionen der Weltdeutung gleichberechtigt nebeneinander.15
1.2 Der Raum
Cassirer stellt die Frage, in welcher Beziehung das Raumproblem zum allgemeinen Symbolproblem steht, ob der wahrgenommene Raum einfach 12 SF II, S. 106
13 ebd., S. 63
14 ebd., S. 76
15 SF I, S. 27
6
gegeben oder nicht vielmehr das Resultat einer besonders orientierten Wahrnehmung, „das Ergebnis eines Prozesses der symbolischen Formung“ ist.16 Cassirer gelangt zu der Einsicht,
„daß es nicht eine allgemeine, schlechthin feststehende Raum-Anschauung gibt, sondern, daß der Raum seinen bestimmten Gehalt und seine eigentümliche Fügung erst von der Sinnordnung erhält, innerhalb deren er sich jeweilig gestaltet. Je nachdem er als mythische, als ästhetische oder als theoretische Ordnung gedacht wird, wandelt sich auch die ‚Form‘ des Raumes - und diese Wandlung betrifft nicht nur einzelne und untergeordnete Züge, sondern sie bezieht sich auf ihn als Gesamtheit, auf seine prinzipielle Struktur. ... Die Sinnfunktion ist das primäre und bestimmende, die Raumstruktur das sekundäre und abhängige Moment.“17
Den einzelnen Ordnungsfunktionen, (Natur-) Wissenschaft, Kunst und Mythos, ordnet Cassirer ihnen entsprechende Raumkonzeptionen zu.
1.2.1 Mythischer Raum
Dem Mythos entspricht der ‚mythische Raum‘. Er entsteht aus dem Zusammenspiel von mythischem Denken, mythischem Lebensgefühl und mythischer Phantasie. Die Orte und Richtungen, die unterschieden werden, besitzen eine bestimmte mythische Qualität, von denen ihre Wertigkeit und ihr Sinn abhängt. Diese Qualitäten lassen sich im Grunde auf die Unterscheidung heilig - profan zurückführen, die weitere Unterscheidungen und Verfeinerungen erfährt, wie Segen - Fluch, Vertrautheit - Fremdheit, Glück - Gefahr etc.. ‚Heilig‘ ist eine Qualität, die nicht von vornherein feststeht und zugeteilt wird, sondern die jedem alltäglichen Gegenstand oder Ablauf zuteil werden kann, sofern er in das Interesse des mythischen Bewußtseins rückt. Demgegenüber bedeutet ‚profan‘, daß etwas für das mythische Denken nicht von Bedeutung ist. Nach der Unterscheidung in ‚heilig‘ und ‚profan‘ ist der mythische Raum gegliedert, und jeder Ort erhält so seinen eigenen Ausdruckscharakter und seine magische Bedeutsamkeit.
Eng verknüpft miteinander sind im mythischen Bewußtsein Raum und Licht. Dem Gegensatz hell - dunkel, Tag - Nacht entspricht die Trennung heilig - profan. Der Raum bildet kein homogenes Ganzes, sondern jeder Bereich besitzt seine besondere magische Bedeutsamkeit und ist damit nicht austauschbar. Es werden
16 SF III, S. 167
17 MÄT, S. 26
7
jedoch, im Sinne einer exakten geometrischen Bestimmung, nur vage, unzulängliche Angaben gemacht, da/dort etc. , mit allerdings je spezifischem mythischem Akzent. Der Raum des Mythos ist ein Strukturraum, da sich in seinen Teilbereichen die Struktur des Ganzen wiederfindet. Wesentlich für den mythischen Raum ist die Umgrenzung, die räumliche Absonderung und Hervorhebung eines heiligen Bereiches. Dieser heilige Bereich wird durch die Schwelle geschützt, und für den Eintritt in ihn, wie auch für den Austritt aus ihm, müssen ganz bestimmte sakrale Vorschriften, Übergangsriten, beachtet werden.
1.2.2 Ästhetischer Raum
Der Kunst ordnet Cassirer den ästhetischen Raum zu. Bei ihm handelt es sich, ebenso wie beim mythischen Raum, um eine konkrete Weise der Räumlichkeit. Allerdings hat er gegenüber dem Mythos „einen neuen Freiheitsgrad erlangt. Auch der künstlerische Raum ist erfüllt und durchsetzt von den intensivsten Ausdruckswerten, ist von den stärksten dynamischen Gegensätzen belebt und bewegt. Und doch ist diese Bewegung nicht mehr jene unmittelbare Lebensbewegung, die in den mythischen Grundaffekten (...) sich äußert.“18 Der Raum ist zum Gegenstand künstlerischer Darstellung geworden. Er ist
„Objekt und dadurch in eine neue Distanz (...) vom Ich gerückt - und in ihr erst hat [er] das ihm eigene selbständige Sein, hat [er] eine neue Form der Gegenständlichkeit gewonnen. Diese neue Gegenständlichkeit ist es, die auch den ästhetischen Raum kennzeichnet. Die Dämonie der mythischen Welt ist in ihm besiegt und gebrochen. Er umfängt den Menschen nicht mehr mit geheimnisvollen unbekannten Kräften; er schlägt ihn nicht mehr in magische Bande - sondern er ist, kraft der Grundfunktion der ästhetischen Darstellung, auch erst zum eigentlichen Inhalt der Vorstellung geworden. Die echte ‚Vorstellung‘ ist immer zugleich Gegenüberstellung; sie geht aus vom Ich und entfaltet sich aus dessen bildenden Kräften; aber sie erkennt zugleich in dem Gebildeten ein eigenes Sein, ein eigenes Wesen und ein eigenes Gesetz - sie läßt es aus dem Ich erstehen, um es zugleich gemäß diesem Gesetz bestehen zu lassen und es in diesem objektiven Bestand anzuschauen. So ist der ästhetische Raum nicht mehr wie der mythische ein Ineinandergreifen und ein Wechselspiel von Kräften, die den Menschen von außen her ergreifen und die ihn kraft ihrer affektiven Gewalt überwältigen - er ist vielmehr ein Inbegriff möglicher Gestaltungsweisen, in deren jeder sich ein neuer Horizont der Gegenstandswelt aufschließt.“19
18 MÄT, S. 30
19 ebd.
Arbeit zitieren:
Mechthild Speicher, 1999, Untersuchung zum mythischen Raum und mythischen Denken bei E. A. Poe "Der Untergang des Hauses Usher", F. Kafka "Der Bau" und T. Bernhard "Das Kalkwerk" , München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft: Untersuchung zum mythischen Raum und mythischen Denken bei E. A. Poe "Der Untergang des Hauses Usher", F. Kafka "Der Bau" und T. Bernhard "Das Kalkwerk" ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft: neuer Titel erschienen: Untersuchung zum mythischen Raum und mythischen Denken bei E. A. Poe "Der Untergang des Hauses Usher", F. Kafka "Der Bau" und T. Bernhard "Das Kalkwerk"
Mechthild Speicher hat einen neuen Text hochgeladen
Die Kunst, die Komik und das Erzählen im Werk Thomas Bernhards
Textinterpretationen und die E...
Anne Thill
0 Kommentare