Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Medienforschung und Volkskunde 3
2.1. Populäre Zeitschriften - ein Forschungsdefizit 3
2.2. Methoden der Lesestoff-Forschung 7
2.2.1. Methodische Vorgehensweise der vorliegenden Arbeit 7
2.3. Abgrenzung zu anderen Wissenschaften 9
3. Die deutsche Zeitschriftenpresse 10
3.1. Die Struktur des Pressemarktes 10
3.2. Die Position von "Tempo" 11
3.3. Die Zeitschriften als populärer Lesestoff - ein historischer Abriß 13
3.3.1. Die Zeitschriften des 17. und 18. Jahrhunderts 13
3.3.2. Entstehung der modernen Presse im 19. Jahrhundert 17
3.3.3. Weimarer Republik und Drittes Reich 19
3.3.4. Zeitschriften in der Bundesrepublik Deutschland 20
4. Die Geschichte von "Tempo" 22
4.1. Vorgeschichte - Der "Wiener" 22
4.2. Die Gründung von "Tempo" 25
4.3. Die Macher von "Tempo" 28
4.4. Statistisches Material 29
4.5. Die "Tempo"-Leser 30
4.6. Das Konzept von "Tempo" 31
4.6.1. Der Titel "Tempo" 31
4.6.2. Konzeption und Grafik 32
4.6.2.1. Das Gründungskonzept 32
4.6.2.2. Das grafische Konzept 37
4.6.2.3. Das Konzept von Michael Jürgs 39
4.6.2.4. Das Konzept von Walter Mayer 42
5. Die Themen in "Tempo" - eine Inhaltsanalyse 44
5.1. Politik 45
5.1.1. DDR und Wiedervereinigung 46
5.1.1.1. Die Darstellung der DDR in "Tempo" 46
5.1.1.2. Das Thema Wiedervereinigung in "Tempo" 46
5.1.2. Glasnost und Perestroika 52
5.1.3. Terrorismus 57
5.1.4. Kriege und Bürgerkriege 59
5.1.4.1. Der Golfkrieg 59
5.1.4.2. Der Balkankrieg 60
5.2. Gesellschaft 62
5.2.1. Das Thema AIDS 63
5.2.2. Drogen 73
5.2.2.1. Drogensorten 73
5.2.2.2. Drogensüchtige und Drogenmilieus 76
5.2.2.3. Legalisierung von Drogen 79
5.2.3. Umwelt und Ökologie 80
5.2.3.1. Enthüllungsgeschichten 81
5.2.3.2. Die "Öko-Szene" und "Die Grünen" 83
5.2.4. Ausländerfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Neonazis 85
5.3. Kultur 88
5.3.1. Musik und Jugendkultur 88
5.3.2. Kino und Theater 89
5.3.3. Literatur 90
5.3.4. Mode 90
5.4. Wissenschaft und Technik 91
5.4.1. Computer und Internet 91
6. Schluß 96
7. Literaturliste 98
Materialien
1. Einleitung
"Eigentlich war 'Tempo' ein ethnologisches Fachblatt. Der Gegenwartsforschung verschrieben, versuchte die Redaktion jene Dinge dingfest zu machen, auf die man in zehn oder 20 Jahren hochvergnügt mit dem Finger zeigt, weil sie Inbilder der Zeit geworden sind." 1 Das Zitat stammt von Peter Glaser, der selbst über zehn Jahre Autor des Zeitgeist-Magazins "Tempo" war, und es faßt den programmatischen Grundsatz dieser Zeitschrift zusammen. "Tempo" war ein Monatsmagazin, das eine große Bandbreite an Themen aufgegriffen und diese mit einem neuen, unkonventionellen Journalismus aufbereitet hat. Dadurch, daß die populäre Zeitschrift "Tempo" alle erdenklichen Themen aus Gesellschaft, Politik und Kultur erörtert hat, eignet sie sich für einen umfassenden Rückblick auf die Zeit zwischen 1986 und 1996. Die nachfolgende Arbeit setzt sich zum Ziel, die wichtigsten in "Tempo" dargestellten Themen dieser Dekade herauszuarbeiten und zu beleuchten
Bedauernswerterweise gibt es in der Volkskunde bis heute keinen etablierten Fachbereich, der sich systematisch mit den Inhalten und den Auswirkungen der Massenmedien auseinandersetzt. Daher erscheint es notwendig, zunächst die Ansätze der Medienforschung in der Volks-kunde darzulegen und die für diese Arbeit relevanten Methoden auszuwählen. Um die Zeitschrift "Tempo" innerhalb der vielschichtigen und beinahe nicht mehr zu überschauenden deutschen Zeitschriftenlandschaft einordnen zu können, wird im dritten Kapitel ein Überblick über die Presselandschaft der Bundesrepublik Deutschland erarbeitet. Da die Medienlandschaft über einen langen Zeitraum gewachsen ist und die Traditionen der Publikumszeitschriften, zu denen auch "Tempo" zählt, weit zurück reichen, soll an dieser Stelle gleichzeitig ein Überblick über die Geschichte des deutschen Zeitschriftenwesens gegeben und wichtige Kontinuitäten ausgemacht werden.
Das vierte Kapitel widmet sich der Entstehungsgeschichte der Zeitschrift "Tempo". Um die Inhalte von "Tempo" richtig verstehen und bewerten zu können, ist es notwendig, die Konzeption des Blattes und den damit verbundenen Anspruch der "Macher" an "Tempo" detailliert vorzustellen.
1 Peter Glaser: "Man muß absolut modern sein". In: Werben und Verkaufen. Nr. 17/96. Aus dem "Tempo"-
Pressespiegel im UA Ganske-Verlagsgruppe
1
Das umfangreichste fünfte Kapitel soll die inhaltlichen Schwerpunkte von "Tempo" transparent machen. Dazu wird sich der Methode der empiriegeleiteten Inhaltsanalyse bedient. 2 Thematisiert werden die wichtigsten in "Tempo" aufgegriffenen Bereiche des Alltagslebens, wie Politik, Gesellschaft, Kultur und Technik.
Neben einer nahezu vollständigen Sammlung der zehn Jahrgänge der Zeitschrift "Tempo", dienen als wichtige primäre Quellen für die vorliegende Arbeit vier umfangreiche Interviews mit Autoren, Chefredakteuren und Grafikern von "Tempo". 3 Des weiteren steht ein umfassender Pressespiegel und statistisches Material aus dem Unternehmensarchiv der Ganske-Verlagsgruppe 4 , in der "Tempo" erschienen ist, zur Verfügung. Daneben wird zahlreiche Sekundärliteratur zur Medien- und Zeitschriftenforschung im allgemeinen und zu bisherigen volkskundlichen Forschungsansätzen verwendet. Da es bislang, bis auf eine Ausnahme 5 , keine veröffentlichte Arbeit über die Zeitschrift "Tempo" gibt, stützt sich die vorliegende Magisterarbeit, wie bereits durch das Thema impliziert, vornehmlich auf die Auswertung der genannten Primärquellen.
Im Anhang dieser Arbeit findet sich ein Materialteil, der die oben genannten Interviews und Auszüge aus einzelnen "Tempo"-Beiträgen in Bild beinhaltet. 6
2 Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann u.a. (Hrsg.): Fischer Lexikon Publizistik Massenkommunikation. Frankfurt a.
M. 1999, Seite 53
3 siehe M 1 - M 4
4 Da die Quellenangaben vieler Dokumente aus dem "Tempo"-Pressespiegel ungenau oder unvollständig sind,
wird beim Zitieren aus diesen Dokumenten nur auf das Unternehmensarchiv (UA) der Ganske-Verlagsgruppe als
Quelle verwiesen.
5 Sigrid Brauer: "Tempo". Eine „Zielgruppenzeitschrift mit General-Interest“ für junge Erwachsene. Hausarbeit
zur Diplom-Prüfung an der Fachhochschule Hamburg, Fachbereich Bibliothekswesen. Hamburg, September
1990. Diese knappe Arbeit (entspricht etwa einer Hauptseminararbeit) befaßt sich mit der Entstehungsgeschichte
der Zeitschrift "Tempo" und nimmt eine kurze quantitative Auswertung des Inhalts der ersten vier Jahrgänge vor.
6 Im laufenden Text wird auf diese Materialien mit "siehe M 1", "siehe M 2" usw. verwiesen.
2
2. Medienforschung und Volkskunde
2.1. Populäre Zeitschriften - ein Forschungsdefizit
Der Wandel von der Industrie- zur Informationsgesellschaft ist in den vergangenen Jahren eines der gängigsten Schlagwörter in Industrie und Öffentlichkeit geworden. Auch wenn noch niemand das Wesen der Informationsgesellschaft zu bestimmen vermag, so wird den Massenmedien eine besondere Rolle bei der Verbreitung von Informationen und Wissen zugewiesen. Doch was sind eigentlich die Medien oder die Massenmedien?
"Massenmedien oder auch Massenkommunikationsmittel sind all jene Medien, über die durch Techniken der Verbreitung und Vervielfältigung mittels Schrift, Bild und/oder Ton optisch bzw. akustisch Aussagen an eine unbestimmte Vielzahl von Menschen vermittelt werden." 7 Demnach sind zu den Massenmedien zu zählen: Flugblätter, Plakate, Bücher, Presseprodukte wie Zeitungen und Zeitschriften, der Rundfunk, Schallplatten und CDs, Film, Fernsehen, Musik- und Videokassetten und vieles mehr.
Im allgemeinen Sprachgebrauch scheint sich die Verwendung des Begriffs Massenmedien allerdings auf wenige der oben genannten Kommunikationsmittel zu reduzieren. Zumeist werden die audiovisuellen Medien wie Radio und Fernsehen damit bezeichnet. Recht geläufig ist zudem noch der Begriff "neue Medien", womit Computer oder das Internet verbunden werden. Die Printmedien 8 allerdings geraten schnell in Vergessenheit, und das, obwohl sie das älteste Massenmedium sind und unter den alltäglich benutzten Medien noch immer eine Spitzenstellung einnehmen. 9
Mediennutzung spielt heute nicht nur für die Bildung oder den Beruf eine herausragende Rolle, sie ist daneben eine der häufigsten Freizeitbeschäftigungen geworden. Im Durchschnitt hört jeder Mensch täglich etwa drei Stunden Radio, sieht knapp zwei Stunden fern und liest noch immer etwas mehr als anderthalb Stunden in Büchern, Zeitungen und Zeitschriften. 10
7 Roland Burkart: Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder. Wien, Köln 1983, Seite 130
8 Der Begriff "Printmedien" wird in der in dieser Arbeit verwendeten Literatur nicht definiert, dafür aber häufig
recht leichtfertig gebraucht. Es werden damit beinahe ausschließlich Zeitungen und Zeitschriften bezeichnet.
Streng genommen umfaßt der Begriff aber alle Medien, die gedruckt werden, also auch Bücher, Flugblätter,
Plakate und ähnliche Druck-Erzeugnisse. In letzterem Sinne wird der Begriff "Printmedien" auch in dieser
Arbeit verstanden und benutzt.
9 Andreas Vogel: Die populäre Presse in Deutschland: ihre Grundlagen, Strukturen und Strategien. München
1998, Seite 1
10 Angela Fritz: Lesen in der Mediengesellschaft. Standortbeschreibung einer Kulturtechnik. Wien 1989, Seite
21
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Und dies, obwohl den Printmedien von Kulturpessimisten keine große Zukunft vorausgesagt wurde: Neil Postman beispielsweise prophezeite in seinen Büchern "Wir amüsieren uns zu Tode" und "Das Verschwinden der Kindheit" 11 in den frühen 80er Jahren, daß die elektronischen Medien eine alles andere erdrückende Vormachtstellung einnehmen würden. Und der amerikanische Kulturkritiker Marshall McLuhan meinte 1962 sogar das Ende der "Gutenberg-Galaxis" vorauszusehen. 12 Hätte McLuhan recht behalten, würden wir heute in einer Gesellschaft ohne Papier leben.
Doch in der Realität hat es ein neues Medium nie vermocht, ein altes ganz zu verdrängen, vielmehr haben sich die verschiedenen Medien in Nischen nebeneinander eingerichtet. Die Nutzung der verschiedenen Medien schließt sich gegenseitig nicht unbedingt aus: Wer Radio hört, kann gleichzeitig eine Zeitung lesen. So halten auch die Zeitungen und Zeitschriften nach wie vor in einigen Bereichen eine Vormachtstellung inne: Nach den Umsätzen durch Vertriebs- und Werbeeinnahmen stehen die Presseerzeugnisse im Vergleich mit anderen Medien in Deutschland noch immer an der Spitze. 13
Zu den wichtigsten Lesestoffen gehören dabei - neben der Tageszeitung - sicherlich die Zeitschriften. Es dürfte wohl kaum einen Haushalt geben, in dem nicht wenigstens eine Zeitschrift zu finden ist - und sei es nur das illustrierte Fernsehprogramm. Ende 1991, so ermittelte das Statistische Bundesamt, gab es in der Bundesrepublik 8740 Zeitschriftentitel, die in Presseverlagen verlegt wurden. Wissenschaftliche Zeitschriftentitel oder auch Vereinsblätter sind in dieser Statistik noch nicht berücksichtigt. Insgesamt erreichten diese Titel eine Druckauflage von 387 Millionen Exemplaren, die verkaufte Auflage belief sich auf 160,7 Millionen. 14
Allein 108,7 Millionen Exemplare (das sind 67,6 Prozent der gesamten verkauften Zeitschriftenauflage) zählen zu den unterhaltenden Publikumszeitschriften. Unter diesem Begriff werden jene Zeitschriften zusammengefaßt, deren Inhalte, im Gegensatz etwa zu Fachzeitschriften, gar nicht oder nur so weit eingeschränkt sind, daß sie von Nicht-Fachleuten und Außenstehenden verstanden werden können. Sie wenden sich also an ein möglichst breites Publikum, unabhängig von Beruf oder sozialer Stellung. Sie dienen weniger der
11 Neil Postman: Das Verschwinden der Kindheit. New York 1982 und: Ders.: Wir amüsieren uns zu Tode.
New York 1985
12 Marshall McLuhan: The Gutenberg-Galaxy. The Making Of Typographic Man. Toronto 1962
13 Andreas Vogel: Die populäre Presse in Deutschland. A.a.O., Seite 1
14 Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.): Medienbericht '94. Bericht der Bundesregierung
über die Lage der Medien in der Bundesrepublik Deutschland 1994. Bonn 1994, Seite 104
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Bildung als vielmehr der Ablenkung, Unterhaltung und Entspannung. 15 Diese Zahlen verdeutlichen die gewachsene gesellschaftliche Bedeutung der periodisch erscheinenden Presseprodukte: "Die ungeheure Masse von alltäglichen und allwöchentlichen Lesestoffen ist ein gewaltiges informierendes, aber auch meinungsbildendes Instrument." 16 Vor diesem Hintergrund ist es überraschend, daß sich die Wissenschaften bisher, oder zumindest nach 1945, kaum für die Sparte Zeitschrift interessiert haben. Die Beantwortung der Frage nach dem "Warum?" läßt kaum mehr als Spekulationen zu: "Neben dem schnellebigen und unübersichtlichen Marktzutritt und Marktaustritt von Objekten ist das Definitionsproblem von Zeitschriften allgemein und den sogenannten Publikumszeitschriften speziell ein wesentliches Forschungshemmnis." 17 In der Tat finden sich in der Geschichte der Zeitschriftenforschung eine Reihe von Definitionsversuchen, die meistens auf eine inhaltliche Grenzziehung zwischen Zeitung und Zeitschrift hinauslaufen, sonst aber wenige gemeinsame Ansätze verfolgen. 18 Gerade diese Trennung führte (und führt) nach Andreas Vogel "die wissenschaftlichen Erkenntnismöglichkeiten in die Sackgasse". 19 Um aus dieser wieder herauszukommen, begreift Vogel nun Zeitschrift und Zeitung als ein und dasselbe Medium, wobei die unterschiedlichen Begriffe lediglich auf formale Unterschiede zurückzuführen sind. Weiter kann auf die Diskussion um die Definition des Begriffes Zeitschrift an dieser Stelle nicht eingegangen werden, das würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Freilich würde eine eindeutige Definition die Zeitschriftenforschung heute kaum einfacher machen, so sind die Gründe für das mangelnde Interesse wohl doch an anderer Stelle zu suchen: Der Zeit-schriftenforscher Wilmont Haacke vermutete schon 1961, daß die Wissenschaft vor der unüberschaubaren Presselandschaft und ihren Millionen Lesern kapituliert habe. 20 Die Volkskunde hat sich bisher wenig mit der Medialisierung unserer (und auch der historischen) Alltagswelt beschäftigt. "Dabei bietet sich der gesamte Bereich der historischen und gegenwärtigen Lesestoffe sowie der Bildmedien vom Flugblatt über die Bilderbogen bis
15 Elisabeth Noelle-Neumann, Winfried Schulz, Jürgen Wilke (Hrsg.): Fischer Lexikon Publizistik
Massenkommunikation. Frankfurt a. M. 1999, Seite 403
16 Rudolf Schenda: Leser- und Lesestoff-Forschung. In: Rolf Wilhelm Brednich: Grundriß der Volkskunde.
Einführung in die Forschungsfelder der Europäischen Ethnologie. Berlin 1994, Seite 458
17 Andreas Vogel: Die populäre Presse in Deutschland. A.a.O., Seite 18
18 zur Wissenschaftsgeschichte der Zeitschriftenforschung vgl. Otto Groth: Die unerkannte Kulturmacht.
Grundlegung der Zeitungswissenschaft, Band 1. Berlin 1960, Seite 383ff
19 Andreas Vogel: Die populäre Presse in Deutschland. A.a.O., Seite 20
20 Wilmont Haacke: Die Zeitschrift - Schrift der Zeit. Essen 1961, Seite 17
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zum Fernsehen für einen systematischen Zugriff auch des Volkskundlers an." 21 Immerhin wurde jüngst die Bedeutung dieses Themenfeldes an prominenter Stelle hervorgehoben. 22 Vereinzelt waren die audiovisuellen Medien oder auch das Internet Gegenstand volkskundlicher Forschung, doch ist man hier noch weit davon entfernt, von Systematik zu sprechen. Es fehlt zudem in der volkskundlichen Lehre an der Vermittlung eines methodischen Rahmens. 23 Vielleicht ist darin die Ursache dafür zu suchen, daß sich Volkskundler bisher nur hin und wieder mit Zeitschriften und anderen populären Lesestoffen beschäftigt haben. Einzig auf dem Gebiet der historischen Lesestoffe ist bereits Vorarbeit geleistet worden. Als Wegbereiter der Lesestoff-Forschung ist Rudolf Schenda zu nennen, der eine Reihe seiner Arbeiten den populären Erzähl- und Lesestoffen der breiten Massen aus dem 18. und 19. Jahrhundert gewidmet hat. 24
Daneben sind noch einige andere volkskundliche Arbeiten zu verschiedenen Formen populärer Lesestoffe der Gegenwart entstanden, allerdings blieb es bei einzelnen Studien. Gegenstände dieser Untersuchungen waren beispielsweise Kriegsromanhefte, triviale Familien- und Liebesromane, Comics und auch - sehr vereinzelt - populäre Zeitschriften. 25 Es sollte aber darauf hingewiesen werden, daß hier die Grenzen zwischen der Lesestoff-Forschung und der Massenkulturforschung fließend sind. 26 Darüber hinaus ist zu vermuten, daß Zeitschriften häufig Gegenstand von Qualifikationsarbeiten, Magister- und Diplomarbeiten waren 27 , die nur in seltenen Fällen publiziert worden sind. 28
21 Rolf Wilhelm Brednich: Quellen und Methoden. In: Ders. (Hrsg.): Grundriß der Volkskunde. A.a.O., Seite 82
22 vgl. den Themenvorschlag für einen Kongreß oder eine Hochschultagung der DGV zum Thema "Medien und
Alltag - Alltag in den Medien - Medienwelten" von Ueli Gyr, Ingrid Tomkowiak und Walter Leimgruber. In:
DGV Informationen. Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde Folge 108, Heft 4. Göttingen
1999, Seite 16
23 Rolf Wilhelm Brednich: Quellen und Methoden. A.a.O., Seite 82
24 Rudolf Schenda: Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der populären Lesestoffe 1770-1910.
Frankfurt a. M. 1970; Ders.: Die Lesestoffe der kleinen Leute. Studien zur populären Literatur im 19. und 20.
Jahrhundert. Frankfurt a. M. 1988
25 Klaus F. Geiger: Kriegsromanhefte in der BRD. Inhalte und Funktion. Tübingen 1974; Johannes Moser,
Adelheid Schrutha-Rechtenstamm: Die Jugendzeitschrift Rennbahn-Express: Produkt oder Produzent jugend-
licher Kultur? In: Klaus Beitl (Hrsg.): Gegenwartsvolkskunde und Jugendkultur. Wien 1997, Seite 158-176;
Ingrid Kroner: Genitale Lust im Kulturkonflikt. Eine Untersuchung am Beispiel der St. Pauli-Nachrichten.
Tübingen 1974; Marianne Schumacher: Frauenbilder in Kurzgeschichten der Massenpresse. Eine inhalts-
analytische Untersuchung der Zeitschriften Brigitte, Freundin, Für Sie, Petra und Playboy. Frankfurt a. M., Bern,
New York 1984
26 Ina-Maria Greverus: Kultur und Alltagswelt. München 1978, Seite 193f
27 Andreas Vogel: Die populäre Presse in Deutschland. A.a.O., Seite 18
28 Zu nennen sind an dieser Stelle: Alrun Kopelke: Mittler zwischen Rundfunk und Hörer. Rundfunkpresse in
Bayern bis zur Übernahme durch die Nationalsozialisten. In: Augsburger Volkskundliche Nachrichten Nr. 5.
Augsburg 1997, Seite59-76; Silke Kral: Kleidungsstile Jugendlicher der 1950er und 1960er Jahre. Die
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Es bleibt am Ende dieser kurzen Übersicht festzuhalten, daß auf dem Gebiet der gegenwärtigen populären Lesestoffe, insbesondere der Zeitschriften, ein enormes Forschungsdefizit herrscht. Obwohl gerade die Publikumszeitschriften millionenfach verbreitet sind und ein wichtiges Instrument zur Meinungsbildung und Wertevermittlung darstellen, interessieren sich die Volkskundler und Wissenschaftler im allgemeinen kaum für die Inhalte und die Wirkung dieser Lesestoffe.
2.2. Methoden der Lesestoff-Forschung
Die wichtigsten Methoden der volkskundlichen Lesestoff-Forschung sind die systematische quantifizierende und die qualifizierende Inhaltsanalyse. 29 Die Inhaltsanalyse ist ein Terminus technicus der Kommunikationsforschung und ihre Grundidee besteht darin, durch eine systematische Untersuchung eines Textkorpus Schlußfolgerungen über dessen Inhalt zu ermöglichen. 30 Die Inhaltsanalyse folgt bestimmten methodischen Regeln, sie muß systematisch sein und intersubjektiv überprüfbar, um wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen. Um eine sinnvolle Inhaltsanalyse durchführen zu können, das heißt, um sinnvolle Fragen an den vorliegenden Text stellen zu können, ist vorab ein Blick auf den Entstehungskontext des Lesestoffes - im Falle dieser Arbeit die der Zeitschrift "Tempo" - nötig.
2.2.1. Methodische Vorgehensweise der vorliegenden Arbeit
Als Textkorpus dieser Arbeit liegen 113 Ausgaben der Zeitschrift "Tempo" aus den Jahren 1986 bis 1996 zu Grunde. Die Jahrgänge 1986 bis 1993 und der nur vier Ausgaben umfassende Jahrgang 1996 sind jeweils vollständig vorhanden, die Jahrgänge 1994 und 1995 standen nur lückenhaft zur Verfügung, hier fehlen neun Ausgaben.
Alle in den vorliegenden Ausgaben veröffentlichten Beiträge wurden im Vorfeld der qualifizierenden Inhaltsanalyse in einer Excel-Datenbank erfaßt und jeweils mit einer Schlag-wortkette versehen. Die Schlagwörter Politik, Gesellschaft, Kultur sowie Wissenschaft und Technik wurden als Begriffe für eine Kategorisierung zuvor festgelegt, mit den anderen Schlagwörtern (pro Beitrag in der Regel vier bis fünf) wurde versucht, den Inhalt des Jugendzeitschrift Bravo im Blickfeld kulturgeschichtlicher Überlegungen. In: Silke Göttsch, Kai Detlef Sievers
(Hrsg.): Kieler Blätter zur Volkskunde Bd. 29. Kiel 1997, Seite 105-129
29 Rudolf Schenda: Leser- und Lesestoff-Forschung. A.a.O., Seite 463
30 Elisabeth Noelle-Neumann u.a. (Hrsg.): Fischer Lexikon Publizistik Massenkommunikation. A.a.O., Seite 42
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Beitrages zu erfassen (ähnlich wie bei Bibliothekskatalogen) Die Erfassung der Beiträge er-
folgte demnach empiriegeleitet. Über eine Filterfunktion des Programmes Excel ließen sich
anschlie ßend "per Knopfdruck" die häufigsten Schlagwörter ermitteln. Die quantifizierende
Inhaltsanalyse ermöglichte schließlich die Ermittlung der am häufigsten in der Zeitschrift
"Tempo" aufgegriffenen Themengebiete, deren Artikel und Beiträge anschließend in der
qualifizierenden Inhaltsanalyse untersucht wurden. Die an die Textbeispiele zu stellenden
Fragen sollen am Anfang des 5. Kapitels, in dem der Entstehungskontext der Zeitschrift
"Tempo" betrachtet wird, formuliert werden.
Diese Methode hat Vor- und Nachteile. Einer der Vorteile liegt zweifellos darin, daß durch
die individuelle Zuweisung eines oder mehrerer Schlagwörter nicht nur manifeste, sondern
auch latente Inhalte eines Textes erfaßt werden können. So ist es etwa möglich, auf die
Wirkung der Bilder einzugehen oder übergreifende Zusammenhänge mit anderen Themen
herzustellen. Ein Beispiel: In "Tempo" Nr. 8/1987 wurde über eine neue unheilbare Krankheit
namens "Epstein-Barr" berichtet. Obwohl in dem Text nur in einem Nebensatz die Krankheit
Aids als Vergleich herangezogen wurde, ist die Geschichte im Zusammenhang mit der damals
herrschenden Angst vor der Immunschwäche oder anderen unheilbaren Krankheiten zu sehen
und sollte daher mit dem Schlagwort Aids versehen werden.
Der Nachteil dieser Vorgehensweise liegt allerdings darin, daß sie nicht mehr zwingend inter-
subjektiv überprüfbar ist - eine Forderung an eine methodisch einwandfreie Inhaltsanalyse.
Der Nachteil kann in diesem Fall aber billigend in Kauf genommen werden, da sich diese
Arbeit der quantifizierenden Inhaltsanalyse lediglich bedient, um die in "Tempo" gesetzten
thematischen Schwerpunkte auszuloten.
Die in Kapitel 5 eingehend behandelten Themen sind nicht grundsätzlich identisch mit den am
h äufigsten erfaßten Stichwörtern. Diese "Manipulation" bei der Themenauswahl beruht auf
einer Schwäche der quantitativen Inhaltsanalyse, die rein numerisch die Häufigkeit eines
Schlagwortes erfaßt. Es liegt in der Natur der Sache, daß bei einer populären Zeitschrift
Bereiche wie etwa Popmusik oder Film in jeder Ausgabe mit drei, vier oder noch mehr
Beitr ägen abgedeckt werden, während ein gerade aktuelles Thema aus dem Bereich Politik
nur in einer, maximal zwei Geschichten abgehandelt wird.
8
2.3. Abgrenzung zu anderen Wissenschaften
Was unterscheidet die Inhaltsanalyse eines Kommunikationswissenschaftlers von der eines Volkskundlers? Während sich Kommunikationswissenschaftler weniger für den reinen Inhalt der Medien interessieren, sondern vielmehr für deren Funktionen, Intentionen, Wirkungen und die Nutzung - der Text als Objekt, das vom Sender zum Empfänger transportiert werden soll - liegt den Volkskundlern sehr viel mehr am reinen Inhalt der dargebotenen Texte. Der Volkskundler sucht in den Texten nach Aussagen über den Menschen, die Zeit in der er lebt und die Art und Weise wie er lebt, er hat eigentlich kein besonderes Interesse daran, mit welchen kommunikativen Mitteln dies passiert.
Die Massenmedien waren und sind noch heute, das ist oben bereits angedeutet worden, eine "Schlüsselindustrie für die Produktion von gesellschaftlichem Bewußtsein" 31 , besser noch, für die Vermittlung von Werten und Normen. Der Begriff "Produktion" impliziert den oft erhobenen Vorwurf, Medien würden ihre eigene Wirklichkeit kreieren. Wilmont Haacke vertritt eine weniger pessimistische Sichtweise: "Die Zeitschrift jeder Zeit wird von und für Zeitgenossen gestaltet. [...] Sie vermittelt jeder Zeit den Genuß des vertieften Eigenerlebnisses im Abbild ihrer selbst." 32 Und sie konserviert natürlich die Sichtweise auf die eigene Zeit, da unterscheidet sich die elitäre Kulturzeitschrift vom millionenfach verbreiteten Boulevardblatt nur durch den Blickwinkel. Für die Volkskunde ist letztere Zeitschrift von größerem Interesse, denn die volkskundliche Lesestoff-Forschung kann "auf Kultur und Alltagswelt der Bevölkerung aus der inhaltsanalytischen Interpretation kulturindustrieller Angebote" schließen. 33 Dazu zählen schließlich auch die Massenmedien.
31 Helge Gerndt: Studienskript Volkskunde. Eine Handreichung für Studierende. München 1992, Seite 141
32 Wilmont Haacke: Die Zeitschrift - Schrift der Zeit. A.a.O., Seite 248
33 Ina-Maria Greverus: Kultur und Alltagswelt. A.a.O., Seite 194
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3. Die deutsche Zeitschriftenpresse
3.1. Die Struktur des Pressemarktes
Um zu zeigen, wo die Zeitschrift "Tempo" auf dem deutschen Pressemarkt angesiedelt war, sei ein kurzer Überblick über die Presselandschaft der Bundesrepublik Deutschland gegeben. Die gesamte Presselandschaft wird von der Presseforschung in elf Gattungen eingeteilt: Tagespresse, Populärpresse, Fachpresse, Mitgliedschaftspresse, Insertionspresse, Kontaktpresse, Werkpresse, Initiativpresse, Politisch-literarische Presse, Bekenntnispresse und Heftreihen. 34 Für diese Arbeit ist ein Blick auf die Gattung der Populärpresse interessant. In der Bezeichnung Populärpresse steckt bereits der Hinweis auf die wichtigsten Merkmale der Zeitschriften dieser Gattung. Es handelt sich um weit verbreitete, weithin bekannte und beliebte Zeitschriften, deren Inhalte von einem allgemeinverständlichen Stil geprägt sind. "Die Populärpresse ist auf allen Ebenen auf einen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb ausgerichtet: Ihre Titel werden in Gewerbebetrieben gefertigt und als Handelswaren vertrieben" 35 Diese Presseprodukte werden nicht selten massiv beworben, so daß sie für einen möglichst großen potentiellen Leserkreis wahrnehmbar werden. Für gewöhnlich sind die populären Zeitschriften auf das Erzielen von Gewinn ausgerichtet, allerdings verbleiben oft auch Objekte über lange Zeit am Markt, die rote Zahlen schreiben. Diese Titel werden als relevanter oder sogar unverzichtbarer Teil des gesamten Verlagsprogrammes angesehen und über Mischkalkulation von erfolgreicheren Titeln mitfinanziert. 36
Der deutsche Zeitschriftenmarkt ist seit längerer Zeit von einigen anhaltenden Trends geprägt: Das Zeitschriftenangebot nimmt ständig zu und wird zunehmend diversifiziert, was zu einer Dynamik führt, die den Markt beinahe unüberschaubar macht. Daher hat sich sowohl für die Forschung als auch für die Praxis die Notwendigkeit ergeben, die Gattung der Populärpresse nochmals in Kategorien bzw. Klassen einzuteilen. Doch diese Klassifizierungsversuche waren bisher genauso vielfältig, wie die Zeitschriften selbst. Die Art und Weise der Einteilung hängt jeweils eng mit dem Ziel der Klassifizierung zusammen. So wird ein Wissenschaftler ein anderes System bevorzugen als etwa die Werbewirtschaft, und deren Kategorien sind wiederum völlig anders als die des Statistischen Bundesamtes.
34 Andreas Vogel: Die populäre Presse in Deutschland. A.a.O., Seite 31
35 ebenda, Seite 38
36 ebenda
10
Als Klassifizierungskriterien dienten bisher der Inhalt der Zeitschrift, die sogenannten Wesensmerkmale (Erscheinungsweise, Reichweite, Wesensmerkmale des Inhalts), die Leserschaft und Zielgruppe der Zeitschrift und letztlich die Funktion der Zeitschrift für den Leser. Interessant erscheint noch der Hinweis darauf, daß Herausgeber, Verleger und Redakteure einer Zeitschrift sowie deren Intentionen und Zielsetzungen als relevante Kriterien bisher kaum Beachtung fanden, obwohl diese Faktoren eher entscheidend für den Charakter einer Zeitschrift sind, als die technischen Größen, die bei der Klassifizierung mit herangezogen werden. 37
Andreas Vogel teilt die Zeitschriften der Populärpresse nochmals in zwei Objektgruppen ein: General-Interest und Special-Interest. Unter General-Interest-Titeln werden solche Zeitschriften verstanden, deren Inhalte durch breite Themenspektren geprägt sind. Zu dieser Gruppe gehören die Rundfunkprogrammzeitschriften, die Frauenzeitschriften, die Gruppe Unterhaltung und Gesellschaft, die Illustrierten, die Kinder- und Jugendzeitschriften, die Zeitschriften für Politik und regionale Zeitschriften, wie etwa Stadtillustrierte. Special-Interest-Zeitschriften dagegen haben eine klare inhaltliche Ausrichtung auf ein spezielles Themengebiet, etwa Sport, Auto, Computer, Wohnen, Ernährung, Musik, Kino oder andere Gebiete. 38 In den letzten zehn Jahren ist der Markt für die Special-Interest-Titel gewaltig gewachsen. Besonders bei den Anzeigenkunden aus der Wirtschaft sind diese Magazine sehr beliebt, weil die Werbung in diesen Blättern gezielt eingesetzt werden kann, da die Interessen der Käufer mit der Ausrichtung der Zeitschrift übereinstimmen.
3.2. Die Position von "Tempo"
Die Zeitschrift "Tempo" war ein monatlich erscheinendes General-Interest-Magazin, das von Vogel der Gruppe der Illustrierten zugeordnet wird. Neben "Tempo" finden sich in dieser Kategorie die Boulevard-Zeitschrift "Bunte", das Lifestyle-Magazin "Max" oder die Sex-Illustrierten "Junge Praline" und "Coupé". Das Nebeneinander solch verschiedener Zeitschriften in ein und derselben Kategorie zeigt, wie schwierig es ist, eine so lebendige und ständigen Veränderungen unterworfene Erscheinung wie eine Zeitschrift in fest vorgegebene Schemata zu zwängen. Die Kategorisierung kann nur einer groben Positionierung dienen,
37 Nina Rolf: Special Interest-Zeitschriften. Münster, Hamburg 1995, Seite 16ff
38 Andreas Vogel: Die populäre Presse in Deutschland. A.a.O., Seite 98
11
genauere Aussagen über ein Magazin lassen sich nur mit Blick auf das redaktionelle Konzept vornehmen. Das Konzept von "Tempo" soll in Kapitel 4 detailliert vorgestellt werden. An dieser Stelle sollen einige im Zusammenhang mit "Tempo" oft verwendete Schlagwörter genügen. "Tempo" wurde dem Genre der "Zeitgeist-Magazine" (zu diesem Begriff siehe auch Kapitel 4) zugeordnet und galt gerade in seinen Anfangsjahren als Unruhestifter unter den deutschen Zeitschriften. "Tempo" bediente sich einer neuen Layout-Ästhetik und eines neuen journalistischen Stils. Das Blatt wollte subjektiv sein, wollte durch Worte und Bilder provozieren, wandte sich bewußt von der "political correctness" etablierter Blätter wie dem "Stern" oder dem "Spiegel" ab. "Anything Goes" war das Schlagwort, welches das "Tempo"-Konzept auf den Punkt brachte. 39
Auf den ersten Blick scheint es, als hätte "Tempo" Anfang 1986 auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt eingeschlagen wie der Blitz aus heiterem Himmel. Es stellt sich die Frage, warum ein Magazin dieser Art zu diesem Zeitpunkt so erfolgreich werden konnte, denn neben "Tempo" gab es schnell noch eine Reihe anderer Magazine, die dem Genre "Zeitgeist-Zeitschriften" zugeordnet wurden: "Wiener", "Joseph", "Magma" sind einige dieser Titel 40 . Außerdem stellt sich die Frage, auf welche Traditionen diese Titel (bewußt oder unbewußt) zurückgreifen, denn " [...] die deutsche Zeitschrift des 20. Jahrhunderts ist nicht von heute, sie ist nicht von gestern und nicht von vorgestern. In ihren sämtlichen gegenwärtigen Erschei-nungsformen geht sie auf historische Traditionen zurück. Der wendigste Verleger, der gescheiteste Chefredakteur, der beste journalistische Mitarbeiter kultureller, unterhaltender, fachlicher und wissenschaftlicher Zeitschriften - sie alle leben in ihrer Arbeit von ihren Vorbildern und Vorgängern." 41 Es erscheint mir daher angebracht, einen kurzen Blick auf die Entwicklung des deutschen Zeitschriftenwesens, konkret der illustrierten Presse, zu werfen und einige wichtige Entwicklungsstränge der Zeitschriftengeschichte herauszuarbeiten.
39 vgl.: Jochen Siemens: Notbremse für den Zeitgeist. In: Stern Nr. 17/1996. Hamburg 1996. Aus dem
"Tempo"-Pressespiegel im UA der Ganske-Verlagsgruppe
40 Business mit dem Zeitgeist. In: ZV+ZV Nr. 19/1986. Düsseldorf 1986, Seite 16f
41 Wilmont Haacke: Die Zeitschrift - Schrift der Zeit. A.a.O., Seite 112
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3.3. Die Zeitschriften als populärer Lesestoff - ein historischer Abriß
3.3.1. Die Zeitschriften des 17. und 18. Jahrhunderts
Die Presse gilt als das älteste publizistische Massenmedium und besitzt eine jahrhundertelange historische Tradition. 42 Die Entwicklung des Zeitschriftenwesens erfolgte zum einen eng an den Wendemarken der politischen Geschichte, zum anderen war sie natürlich verbunden mit den kulturellen und geistigen Strömungen der jeweiligen Zeit und dem technischen Fortschritt. 43 Die Geschichte der Zeitschriften in Deutschland reicht zurück bis ins 17. Jahrhundert, als hier nach englischem und französischem Vorbild erste in Lateinisch oder Französisch abgefaßte wissenschaftliche Periodika erschienen. Diese Zeitschriften waren reine Rezensionsorgane, die einen Überblick über die vielen Neuerscheinungen unter den wissenschaftlichen Publikationen geben wollten. Sie lösten langsam den privaten Austausch von Wissen in Form von Briefen unter den Gelehrten ab und gewährleisteten einen sehr viel schnelleren Informationsfluß auf breiterer Basis. 44 Die zweite Wurzel des Zeitschriftenwesens sind politische Blätter. In diesen Publikationen wurde der Meinungsaustausch über aktuelle Ereignisse gepflegt, hier war Platz für Analysen, Kritik und auch Polemiken. 45 Alles in allem blieben die wenigen Zeitschriften des 17. Jahrhunderts auch nur wenigen Lesern vorbehalten: Staatsbeamte, Adelige, Hochschullehrer und -absolventen, der Klerus oder Mitglieder von Berufsständen, die sich auf den wissenschaftlichen Fortschritt gründeten. Das einfache Volk war zu dieser Zeit des Lesens kaum fähig, nur zehn bis 30 Prozent der Stadtbevölkerung und ganze fünf Prozent der Landbevölkerung (die einen Anteil von 90 Prozent an der Gesamtbevölkerung hatte) konnten lesen. Kommunikation beschränkte sich weitestgehend noch auf Mündlichkeit. 46
Trotzdem waren auch im Volk eine ganze Reihe von Lesestoffen im Umlauf. Lesestoffe, so die Definition, umfassen alle "optische Zeichen tragende Materialien, welche Gedankeninhalte (messages) zu einem Konsumenten transportieren; noch kürzer, sind Träger optischer
42 Elisabeth Noelle-Neumann u.a. (Hrsg.): Fischer Lexikon Publizistik Massenkommunikation. A.a.O., Seite
417
43 Erich Straßner: Zeitschrift. Tübingen 1997, Seite 34
44 ebenda, Seite 26
45 ebenda, Seite 66
46 Rudolf Schenda: Leser- und Lesestoff-Forschung. A.a.O., Seite 450f.
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Signale". 47 Demnach sind also auch die weit verbreiteten Bilddrucke zu den Lesestoffen zu zählen. Diese recht billig herzustellenden Einblattdrucke waren im 17. und 18. Jahrhundert das populärste Medium. 48 Heute sind etwa 3000 verschiedene Bilddrucke bekannt, wobei anzunehmen ist, daß etwa die zehnfache Anzahl dieser Drucke verloren gegangen ist. Die Blättchen zeigten für gewöhnlich Heiligenbilder, die unterschiedliche Schutzbedürnisse befriedigten (Schutz vor Krankheit, Tod oder Unheil). Seltener waren profane Inhalte, wie etwa die Darstellung aktueller Ereignisse (besondere Naturschauspiele, Schlachten, etc.) oder Karikaturen, die den Kaiser oder das Papsttum verspotteten. 49 Daß das Zeitschriftenwesen trotzdem langsam und stetig seinen Aufschwung nahm, ist zunächst dem städtischen Bürgertum zu verdanken. Diese soziale Schicht war gebildet, konnte zumindest lesen und wollte es auch. Doch las das Bürgertum - im Gegensatz zu den Gelehrten - nicht vordergründig um sich zu bilden, sondern um sich die Zeit zu vertreiben, aus Neugierde und Lust auf Unterhaltung. Der Herausgeber der Zeitschrift "Das Neueste von Historisch- und politischen Sachen" hob bereits im Jahre 1711 die Unterhaltungsbegierde der Zeit heraus: "Die Begierde der Menschen nach neuen Sachen ist dergestalt gestiegen / daß sie täglich durch etwas curieuses will contenirt seyn. Zum Ende leset sie nicht allein die gewöhnlichen Gazetten, sondern suchet auch ihre Sehnsucht durch Lesung allerhand artigen und netten Tractaten völlige Satisfaction zu thun." 50
Es entstanden Zeitschriften, die auf das oben genannte Bedürfnis der Leser abzielten, so die Moralischen Wochenschriften, die bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts ihre Blüte erlebten. Sie waren ein Produkt und Organ der Aufklärung, wollten sowohl Wissen und Anregungen aus dem Bereich der Sittlichkeit und Sittenlehre verbreiten als auch unterhalten, indem sie Themen des täglichen Lebens, das verbessert werden sollte, aufgriffen. Sie waren gekennzeichnet durch bestimmte Gattungsmerkmale: vielfach originelle Titel, fiktive Verfasser, enge Leserbindung und Verwendung bestimmter didaktischer Formen. 51 Die Moralischen Wochenschriften markierten bereits den Beginn der Ära der Familienzeitschriften, Erbauungsblätter, Frauenzeitschriften und Gesellschaftszeitschriften. Vorherrschende Themen der Moralischen Wochenblätter waren Familie und Kindererziehung, Abhand-
47Rudolf Schenda: Die Lesestoffe der kleinen Leute. A.a.O., Seite 129
48 Rudolf Schenda: Leser- und Lesestoff-Forschung. A.a.O., Seite 454: Lesestoffe gelten als "populär", wenn sie
mindestens bei einem Prozent der Bevölkerung bekannt sind.
49 ebenda, Seite 455
50 Erich Straßner: Zeitschrift. A.a.O., Seite 6
51 Elisabeth Noelle-Neumann u.a. (Hrsg.): Fischer Lexikon Publizistik Massenkommunikation. A.a.O., Seite
429
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lungen über menschliche Tugenden und Laster, Verhältnis zu Mitmenschen, Kritik an der höfischen Welt und nicht zuletzt Geschmacksbildung: "200 Jahre bürgerlicher Stil wurde mit diesen Zeitschriften geschaffen." 52 In dieser Zeit entstanden bereits die ersten Magazine, die als direkte oder indirekte Vorläufer von Titeln aus der heutigen Zeit gelten, zum Beispiel das "Journal des Luxus und der Moden" als Vorläufer der Zeitschrift "Schöner Wohnen". Freilich ist es problematisch, wie bereits oben dargestellt, immer eine eindeutige Trennung vornehmen zu wollen, und eine Zeitschrift einem bestimmten Genre zuzuordnen. Eine Zeitschrift politischen Inhalts konnte durchaus auch unterhaltsam sein. Als Beispiel sei einer der erfolgreichsten Titel der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts genannt, die von David Fassmann herausgegebene Zeitschrift "Gespräche in dem Reich der Todten", die mit einer durchschnittlichen Auflage von 3000 Stück ungewöhnlich weit verbreitet war. Inhalt dieser Schrift waren imaginäre Gespräche zwischen bereits verstorbenen berühmten Personen, die bestehende politische Verhältnisse kritisierten und kommentierten. Fassmann gilt heute als "einer der ersten Vorbereiter der politischen Reformarbeit an den Regierungssystemen der absolutistischen Fürsten durch das sich zu Raisonnement [...] und Kommentar meldende Bürgertum ..." 53
Eine andere bedeutende Zeitschriftengattung des 18. Jahrhunderts war die der Literarischen Blätter. Es handelte sich hierbei um eine Mischung aus Rezensionsorgan und Moralischer Wochenschrift, die angefüllt war mit Überlegungen zu den jeweiligen Strömungen in Literatur und Kunst, diese kritisch kommentierten und pflegten. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts gab es eine Fülle von Literaturzeitschriften, herausgegeben unter anderem von so bedeutenden literarischen Persönlichkeiten wie Goethe, Schiller, Fichte, Herder, Kant oder Schlegel.
Gab es 1670 im Deutschen Reich 58 Zeitschriften, stieg diese Zahl bis zum Jahr 1790 auf 1225 an. Im Laufe dieser 120 Jahre erschienen 1101 Zeitschriftentitel, die den Unterhaltungszeitschriften zuzuordnen sind. Dem gegenüber stehen 440 allgemeinwissenschaftliche Zeitschriften, 345 historische Zeitschriften, 323 literarische Blätter und 294 theologische Journale. 54 Der Vergleich verdeutlicht nochmals, daß den unterhaltenden Lesestoffen bereits sehr zeitig eine große Bedeutung zukam.
Der starke Anstieg von Zeitschriftentiteln zum Ende des 18. Jahrhunderts verdeutlicht zudem, daß sich in Deutschland ein breites Lesepublikum herausgebildet hatte. Zu verdanken war
52 ebenda
53 Wilmont Haacke: Die Zeitschrift - Schrift der Zeit. A.a.O., Seite 44
54 ebenda, Seite 21
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diese Entwicklung den zahlreichen Volkspädagogen, die im Zuge der Aufklärung die allgemeine Schulpflicht forderten, damit jeder junge Mensch das Lesen und Schreiben lernen könne. Natürlich standen diese Bemühungen ganz im Zeichen der Nützlichkeitsüberlegungen für den absolutistischen Staat. Die Aufklärer hatten nichts weiter im Sinn, als "den neuen Lesern mit Hilfe von praktischen Büchern nützliche Kenntnisse zu vermitteln, und durch die Verbreitung solcher praktischen Hilfsbüchlein sollte dem Staat ein wirtschaftlicher Nutzen erwachsen". 55
Doch das neue und sich ständig vermehrende Lesepublikum wollte nicht fortwährend belehrt werden. Schnell wuchs die Nachfrage nach unterhaltenden Lesestoffen, nach Abenteuerberichten, Märchen, Sagen, Reiseberichten und nach neuen Nachrichten aus der ganzen Welt. Das führte einerseits zu einer Blüte des Buchdruckergeschäfts, andererseits zum oben erwähnten Boom der Zeitschrift. Dieses Medium konnte die Bürger in Stadt und Land täglich oder doch wenigstens wöchentlich über politische Ereignisse im In- und Ausland informieren, diese auch - im Gegensatz zur Zeitung - kritisch kommentieren und erklären. Des weiteren wurde die Entwicklung der Zeitschrift durch die technische Entwicklung der Schnellpresse begünstigt, die es erlaubte, innerhalb kürzester Zeit hohe Auflagen kostengünstig zu drucken. Trotzdem waren Zeitschriften und Zeitungen noch relativ teuer. Interessierte Leser gründeten daher Lesegesellschaften, da sich durch Umlage der Kosten für die Lesestoffe auf mehrere Benutzer der Preis verhältnismäßig gering halten ließ. 56
Seit allerdings nicht mehr nur Gelehrte, sondern eine breitere Masse diese Publikationen las, wurden politische Inhalte immer strenger der Zensur unterzogen. Pressefreiheit wurde in Deutschland im 18 Jahrhundert "allenfalls als fürstlicher Gnadenerweis" 57 gewährleistet. Erst im Jahre 1815 wurde in der Wiener Bundesakte der Erlaß einheitlicher Gesetze über die Pressefreiheit in Aussicht gestellt, doch unter dem Eindruck der nationalen Hochstimmung des Wartburg-Festes 1817 und der Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue zwei Jahre später, einigten sich die Minister der deutschen Staaten in Karlsbad darauf, "revolutionäre und freiheitliche Regungen rigoros zu unterbinden". 58 Jegliche politische Debatte in der publizistischen Öffentlichkeit wurde von den Zensurbehörden rigoros unter-bunden. Da manche Zeitschriften wegen unliebsamer Beiträge auch eingestellt wurden,
55 ebenda, Seite 12
56 Elisabeth Noelle-Neumann u.a. (Hrsg.): Fischer Lexikon Publizistik Massenkommunikation. A.a.O., Seite
431
57 ebenda, Seite 432
58 Hagen Schulze: Kleine deutsche Geschichte. München 1996, Seite 95
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distanzierten sich die Herausgeber solcher Schriften schnell von diesen Inhalten, und so erschienen immer mehr Zeitschriften "für das praktische Leben bestimmten Inhalts" 59 . Der Biedermeier spiegelt sich durchaus auch in den Zeitschriften wieder. Die Zensurbehörden wurden damit zeitweilig der wichtigste die Zeitschriftenentwicklung bestimmende Faktor, oder vielmehr Hemmfaktor.
3.3.2. Entstehung der modernen Presse im 19. Jahrhundert
Vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Zeit des Vormärz erlebte das deutsche Zeitschriftenwesen kaum Veränderungen. Es bleibt lediglich das Jahr 1833 zu nennen, als in Leipzig das "Pfennig-Magazin" gegründet wurde, eine preiswerte Illustrierte, die ein sehr breites Publikum ansprach und als Vorläufer der heutigen Publikumszeitschriften gilt. Dieser Gründung folgten im Laufe der nächsten Jahrzehnte viele ähnliche, darunter die so bekannter Blätter wie die "Illustrierte Zeitung" und die "Gartenlaube". 60 Gelesen wurden diese Zeitschriften fast ausschließlich von den gehobenen sozialen Schichten oder von der Mittelschicht. 61
Die populären Zeitschriften dieser Epoche waren, wie angesprochen, im wesentlichen unpolitischen Inhalts, woran sich auch nach 1848 kaum etwas änderte. Zwar wurde in der Reichs-Verfassung von 1848 die Pressefreiheit garantiert, allerdings trat diese Verfassung nie in Kraft. Es lag an den einzelnen deutschen Staaten selbst, die Freiheit der Schrift zuzulassen. Immerhin teilten die meisten Herrschenden ihre gesetzgebende Gewalt nach 1848 mit einem Parlament, so daß nach der März-Revolution durch die einzelnen Landespressegesetze die Zensur größtenteils aufgehoben wurde. 62 Bis zur einer einheitlichen Gesetzgebung, die die Pressefreiheit für ganz Deutschland garantierte, sollte es noch bis zum Jahr 1874 dauern: "Doch wußten die Herausgeber der populären Blätter, nie daran gewöhnt, zu kritisieren und zu formulieren, gar nicht, was sie mit der neuen Freiheit anfangen sollten. [...] Das Leben der Wochenblätter ging ohne große Veränderung weiter, man blieb schwatzhaft an kuriosen Einzelheiten hängen ..." 63
59 Rudolf Schenda: Volk ohne Buch. A.a.O., Seite 292
60 Erich Straßner: Zeitschrift. A.a.O., Seite 79
61 Heinz-Dietrich Fischer: Publikumszeitschriften - Ein Lehr- und Forschungsdefizit. In: Ders. (Hrsg.): Publi-
kumszeitschriften in der Bundesrepublik Deutschland. Palette - Probleme - Perspektiven. Konstanz 1985, Seite
32
62 Hagen Schulze: Kleine deutsche Geschichte. A.a.O., Seite 109
63 Rudolf Schenda: Volk ohne Buch. A.a.O., Seite 296
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Politik wurde in eigenen Blättern kommentiert. Nach Aufhebung der rigorosen Zensurbestimmungen wurden zahlreiche politisch-satirische Zeitschriften gegründet, darunter "Der Eulenspiegel" oder "Kladderadatsch", die sich an ein gebildetes Publikum richteten. Andere Satire-Zeitschriften, etwa die "Fliegenden Blätter", verkamen bald zur Witzzeitschrift. An Leser mit höherer Bildung wandten sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch die Revuen, die nach französischem Vorbild das geistige Leben der gesamten Nation anschaulich, unterhaltsam und belehrend reflektierten. "Alle diese Zeitschriften basierten auf der Gesinnung ihrer Gründer oder Redakteure." 64 In den Inhalten dieser Blätter - das gilt für die Themenauswahl aber auch für die vermittelten Standpunkte - spiegelten sich Interessen und Neigungen der einzelnen Autoren wider. Sie erreichten meist keine großen Auflagen - oder nur über eine kurze Zeit -und wandten sich größtenteils an ein gebildetes Publikum.
Das einfache Volk dagegen las seit Mitte des 19. Jahrhunderts bereits in den Illustrierten. So war beispielsweise die Leserschaft der "Berliner Illustrirten Zeitung" durch ein kleinbürgerlich-proletarisches Profil geprägt. Der verstärkte Konsum von Zeitschriften auch bei den weniger gebildeten Schichten ist auf die verstärkte Verwendung von Bildern zurückzuführen, zunächst noch in der Form von Holzdrucken, ab 1881 konnten auch Fotografien gedruckt werden.
Mit den steigenden Verkaufszahlen der Zeitschriften wurde ein neues Kapitel in der Geschichte des Zeitschriftenwesens aufgeschlagen: Die kaufmännischen Interessen des Verlegers begannen das Bild eines Magazins mit zu beeinflussen, die Presse wurde zur Industrie, es entstanden die ersten Pressekonzerne, die allein durch den Verkauf von Zeitschriften ihre Gewinne erzielten. 65 Die Presseprodukte wurden in dieser Zeit zu wirtschaftlichen Kuppelprodukten: Die Leser interessierten sich für den redaktionellen Teil, während Inserenten dafür Geld zahlten, daß ihre Anzeigen neben den Artikeln gedruckt wurden, um den im Leserkreis vermuteten potentiellen Käuferkreis anzusprechen. Die drückende Konkurrenz mit anderen Blättern förderte den Sensationsjournalismus, Klatsch und Tratsch hielt mehr und mehr Einzug in die Zeitschriften.
Von 1890 bis 1914 verdoppelte sich die Zahl der Zeitschriftentitel auf 7000, die Gesamtauflage wuchs im gleichen Zeitraum von 650 Millionen auf die astronomische Summe von 1,6 Milliarden Exemplaren. 66 Dem Aufwärtstrend wurde erst durch den Ersten Weltkrieg
64 Erich Straßner: Zeitschrift. A.a.O., Seite 78
65 Hans Bohrmann: Zeitschrift. In: Werner Faulstich (Hrsg.): Kritische Stichwörter zur Medienwissenschaft.
München 1979, Seite 360
66 Erich Straßner: Zeitschrift. A.a.O., Seite 78
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Grenzen gesetzt: Zensurmaßnahmen und Rohstoffknappheit verhinderten ein weiteres Wachstum der Pressewirtschaft. Damit hatte sich Ende des 19. Jahrhunderts das moderne Pressewesen herausgebildet. Begünstigt wurde die Entwicklung wiederum durch verbesserte technische Möglichkeiten, besonders auf dem Gebiet der Satz- und Drucktechnik, der Papierherstellung und nicht zuletzt der Nachrichtenübermittlung (elektrischer, später auch drahtloser Telegraph). 67 In dieser Zeit bildete sich auch eine neue Berufsgrupe heraus: die bei einem Verlag angestellten Journalisten, die weniger aus eigener Motivation und Interesse, als vielmehr im Auftrag eines Wirtschaftsunternehmens, in diesem Falle eines Verlages, arbeiteten. Die größten Pressekonzerne des ausgehenden 19. Jahrhunderts waren die Verlage "Mosse", "Ullstein" und "Scherl".
3.3.3. Weimarer Republik und Drittes Reich
Bewegung kam in die deutsche Presselandschaft wieder in der Zeit der Weimarer Republik. Die Weimarer Reichsverfassung enthielt keinen ausdrücklichen Schutz der Pressefreiheit, die Republikschutzgesetze und Notstandsverordnungen erlaubten sogar die zeitweise Einstellung von Zeitungen und Zeitschriften, wenn etwa die Staatsform kritisiert oder Regierungsmitglieder beschimpft wurden. Anlaß für die gesetzlichen Schranken der Pressefreiheit war eine in den 20er Jahren zunehmende politische Radikalisierung, die sich in Zeitungen und Zeitschriften niederschlug. Es kam neben kommunistischen und deutschnationalen Organen auch zu ersten Gründungen nationalsozialistischer Zeitschriften. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden Zeitschriften zu reinen Propagandablättern. 1933 wurde ein Neugründungsverbot für Zeitungen und Zeitschriften ausgesprochen, unmittelbar danach setzten bedeutende Konzentrationsbewegungen auf dem Zeitschriftenmarkt ein. So wurde der Ullstein-Verlag gezwungen, seine die Gesamtauflage von 3,67 Millionen Exemplaren umfassenden Zeitschriftentitel an den Pressekonzern der NSDAP zu verkaufen. Das Reichsministerium für Propaganda nahm direkt Einfluß auf die Inhalte von Zeitungen und Zeitschriften, es wurden sogenannte Presseanweisungen herausgegeben, deren Nichteinhaltung Kritik und Rüge nach sich zogen, bei wiederholter Nichtbeachtung dieser auch Verbote. Die Massenmedien spielten eine wichtige Rolle in einem breit angelegten Überzeugungsprozeß,
67 Elisabeth Noelle-Neumann u.a. (Hrsg.): Fischer Lexikon Publizistik Massenkommunikation. A.a.O., Seite
436
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auch wenn es nicht gelang, wie als Idealfall angestrebt, die gesamte Presse des nationalsozialistischen Reiches gleichzuschalten. 68
3.3.4. Zeitschriften in der Bundesrepublik Deutschland
Die Geschichte der Presse im Dritten Reich hatte seine Nachwirkungen auf die Neugestaltung der Zeitungen und Zeitschriften in der Bundesrepublik. Der Staat hat heute keine Möglichkeiten der Einflußnahme auf die Inhalte der freien Presse. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg oblag die Kontrolle der Presse zunächst den alliierten Besatzungsmächten. Sie erteilten die Lizenzen für Zeitungen und Zeitschriften, wachten durch diese Einflußnahme über die Demokratisierung und schlossen Verleger, Herausgeber und Redakteure, die an der NS-Presse mitgewirkt hatten, aus. 69
In die Zeit zwischen 1946 und 1949 fielen die Gründungen von Blättern wie der Programmzeitschrift "Hörzu", des "Stern", des "Spiegels" oder der Illustrierten "Quick", die schnell hohe Auflagen erzielten und über einen langen Zeitraum, zum Teil ja bis heute, erfolgreich blieben. Diese Nachkriegszeitschriften wurden im Grunde nach den gleichen Konzeptionen gestaltet, wie die illustrierten Zeitschriften des ausgehenden 19. Jahrhunderts, nur wurde die Konkurrenz härter, das Erscheinungsbild der Zeitschriften und ihr Inhalt den neuen Bedingungen angepaßt: "Sie [die illustrierten Wochenblätter] sind kruder geworden, schamloser, ausschweifender, technisch fortgeschrittener, bildlich teilweise ausdrucksvoller, hemdsärmeliger und indiskreter, ranschmeißerischer und krasser. Sie versuchen vieles - und versuchen es oft mit verzweifelten Mitteln -, ihre Attraktivität (oder was sie dafür halten) zu steigern." 70 Als 1949 die alliierte Lizenzpflicht entfiel, war der Markt unter den unmittelbar nach dem Krieg gegründeten Objekten bereits aufgeteilt und neue Produkte hatten es schwer, sich durchzusetzen. 71 In der Tat setzte sich dieser Trend auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt über lange Zeit fort. Es waren immer nur einzelne Zeitschriftengründungen, die, oft genug auch nur kurzfristig, Erfolge zu verzeichnen hatten, wie etwa in den 60er Jahren die Zeitschrift "Twen". 72 Einen Aufschwung brachte Mitte der 60er Jahre das Fernsehen, das zahlreiche Neugründungen auf dem Sektor der Programmpresse nach sich zog.
68 Elisabeth Noelle-Neumann u.a. (Hrsg.): Fischer Lexikon Publizistik Massenkommunikation. A.a.O., Seite
441ff
69 Hans Bohrmann: Zeitschrift. A.a.O., Seite 363
70 Heinz-Dietrich Fischer: Publikumszeitschriften - ein Lehr- und Forschungsdefizit. A.a.O., Seite 44
71 ebenda, Seite 42
72 vgl.: Michael Koetzle (Hrsg.): Die Zeitschrift Twen - Revision einer Legende. München 1995, Seite 13f
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Mitte der 80er Jahre, etwa zur Gründungszeit von "Tempo", war das Terrain auf dem deutschen Pressemarkt bereits abgesteckt. Die etablierten Blätter hatten keine ernstzunehmende Konkurrenz zu fürchten, entsprechend starr und unbeweglich war ihr Erscheinungsbild. "Die kartellähnliche Konstellation sicherte den Großverlagen stetige Umsatzzuwächse und ein von marktwirtschaftlicher Konkurrenz im wesentlichen ungetrübtes Wirtschaften ..." 73 Neben der kommerziellen Zeitschriftenlandschaft hatte sich in den meisten großen Städten der Bundesrepublik eine lebendige alternative Zeitschriftenszene herausgebildet, die sogenannten Stadtmagazine. Diese Magazine erschienen meist in kleinen unabhängigen Verlagen, die Redaktionen waren personell schwach besetzt, und finanzielle Mittel waren stets knapp. Wichtiger als ein möglicher finanzieller Gewinn war den Machern dieser Zeitschriften die Verwirklichung einer Idee. Diese Zeitschriften waren Magazine für junge aufgeschlossene Erwachsene, ihre unkonventionelle Art in der Themenauswahl, im Schreibstil und in der Gestaltung machte dies deutlich. Inhaltlich konzentrierte man sich bei diesen Magazinen allerdings auf die jeweils eigene Stadt, so daß sich überregionale Erfolge (auch aufgrund fehlender Vertriebsstrukturen) nicht einstellten konnten, wahrscheinlich waren sie aber auch gar nicht angestrebt. "Tempo" wurde aus der Tradition dieser Stadtmagazine heraus geboren (genauer dazu siehe Kapitel 4).
Mit "Tempo" sollte das alteingesessene Establishment der populären Zeitschriften aufgebrochen werden. "Als ‚Tempo‘ auf den Markt kam, hatte es die Funktion eines Hechtes im Karpfenteich. Sie wissen ja, wie Karpfen so sind: behäbig und träge. Sie vergraben sich im Boden und werden immer fauler und sandiger ... bis man zu ihnen einen Hecht in den Teich setzt, der sie wieder aufwirbelt und lebendiger macht. So ungefähr war die Wirkung von ‚Tempo‘ auf die anderen Medien." 74
Überspitzt, aber im Kern doch wahr, brachte "Tempo"-Gründer Markus Peichl die wichtigsten Stationen der bundesdeutschen Nachkriegspressegeschichte auf den Punkt: "'Spiegel', 'Stern', 'Bunte', 'Zeit' - das waren die General-Interest-Zeitschriften der ersten Stunde. Dann gab's 'Twen'. Dann war Flaute. Dann kamen die Stadtzeitschriften. Jetzt gibt's 'Tempo'." 75 Welchen nachhaltigen Eindruck "Tempo" auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt hinterließ, soll in Kapitel 4 noch geklärt werden.
73 Wolfgang J. Koschnik: Von "Die Aktuelle" zu "Ja". In: ZV+ZV Nr. 13/1987. Düsseldorf 1987, Seite 10f
74 Tempo Total. Das Jubiläum. In: "Tempo" Nr. 4/1990. Hamburg 1990, Seite 78. Das Zitat stammt von
Joachim Riedl, damals Mitarbeiter des Magazins der "Süddeutschen Zeitung" und wurde in der 50. Ausgabe von
"Tempo" neben einer Reihe von anderen Heftkritiken abgedruckt.
75 Markus Peichl: Geschiedene Geister. In: Werben und Verkaufen. Aus dem "Tempo"-Pressespiegel im UA der
Ganske-Verlagsgruppe
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4. Die Geschichte von "Tempo"
4.1. Vorgeschichte - Der "Wiener"
Die Geschichte von "Tempo" beginnt indirekt 1979 in Wien. Damals gaben einige junge Leute die Zeitschrift "Wiener" heraus, eine großformatige Kulturzeitschrift, deren Vorbild Andy Warhols "Das Interview" war. Es zeigte sich allerdings schnell, daß sich ein solches Konzept in einer Stadt wie Wien auf längere Sicht nicht verwirklichen ließ, weil den jungen Schreibern die Themen ausgingen. So wurde das Konzept nach wenigen Ausgaben geändert, und man konzentrierte sich fortan auf die sogenannte Wiener Szene. Dabei handelte es sich um eine Jugendkulturszene, die sehr offen war und junge Leute aus verschiedenen sozialen Schichten zusammenbrachte. Diese Szene definierte sich weitestgehend über Popmusik - genauer über die letzten Ausläufer des Punk und die gerade aufkommende New-Wave-Musik. 76 Der "Wiener" entstand aus dieser Szene heraus, verstand sich als ihr Sprachrohr und wurde innerhalb der Szene auch als solches anerkannt. In ihren Anfängen war die Zeitschrift alles andere als professionell, der redaktionelle Teil war schwach besetzt und das Blatt profilierte sich zunächst fast ausschließlich über die grafische Gestaltung. Für diese zeichnete bereits nach vier Ausgaben der Grafiker Lo Breier verantwortlich, der später Artdirector bei "Tempo" werden sollte. Die Ästhetik des "Wiener" orientierte sich sehr stark an der Werbung und über diese ungewohnt kühle Form fiel das Magazin auf. 77 Die Macher der Stadtzeitschrift hatten ihre "Spielwiese" gefunden:
"Das war eine relativ faszinierende Sache, eben unser eigenes Medium zu haben und bewußt nicht zu akzeptieren, daß man als Volontär oder Grafiker bei einer etablierten Zeitschrift arbeitet. Wir haben eben versucht, den Weg mit dem Kopf durch die Wand zu gehen." 78
Nicht zuletzt deshalb bot das Blatt ein zuweilen chaotisches Bild. Inhaltliche Impulse gingen zunächst vom damaligen Chefredakteur Michael Hopp aus, der versuchte, den "Wiener" zu einem Forum für junge Journalisten und eine junge Form von Journalismus zu machen. Die
76 Interview mit Lo Breier (siehe M 1), Seite 2 - Im folgenden wird das Interview mit Lo Breier als M 1 zitiert.
77 Interview mit Michael Hopp (siehe M 4), Seite 2 - Im folgenden wird das Interview mit Michael Hopp als M
4 zitiert
78 M 1, Seite 3
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Themen des Blattes waren auf die oben erwähnte Wiener Szene zugeschnitten und entsprachen folgendem Tenor:
"Die Grundidee des 'Wiener' war, eine eigentlich tolle Stadt, damals in den 70er und 80er Jahren, die weit hinter ihren Möglichkeiten zurückgeblieben war, aus ihrem immer noch nachkriegsbedingten Dornröschenschlaf zu wecken. Wien war damals noch zerfressen von Selbstzweifeln und einem schlechten Selbstwertgefühl. Wir haben gesagt: 'Wien ist toll!'" 79 Der "Wiener" war ein bildlastiges Magazin mit Beiträgen über Musik, Kino und Literatur, Veranstaltungen wurden angekündigt und kritisiert oder auch Reportagen und Stories veröffentlicht. 80 Der "Wiener" war im Prinzip ein General-Interest-Magazin mit Ausrichtung auf die Zielgruppe der Wiener Szene.
Michael Hopp wurde in seiner Arbeit bald von Markus Peichl unterstützt, einem damals 23jährigen Journalisten, der 1980 zum "Wiener" kam. Peichl hatte beim Österreichischen Rundfunk ein Fernsehvolontariat absolviert, hatte dann in der Entwicklungsredaktion der Zeitschrift "Basta" mitgearbeitet und war nach einem Streit mit dessen Herausgebern zum "Wiener" gekommen. Eigentlich sollte das nur eine vorübergehende Lösung sein. "Doch dann war beim 'Wiener' alles ganz anders als bei 'Basta'. Da war alles easy, alles locker, da hat einem niemand etwas gesagt, wir konnten alles machen, was wir wollten, es hat niemanden gegeben, der uns kontrolliert hätte, es gab keinen Verleger, es gab 81 nichts. Das war ein Blatt ohne jegliche Struktur."
Hopp und Peichl bemühten sich, aus dem chaotischen Szenemagazin eine halbwegs vernünftige Zeitschrift zu machen. Sie brachten Struktur in das Heft, planten den Inhalt und analysierten die bisher gemachten Fehler. Die Folge war ein professionelleres Heft, doch die chaotischen und anarchischen Züge - vor allem der Redaktion - blieben. Etwa die Art und Weise
79 M 4, Seite 1
80 zum Inhalt des "Wiener" vgl. auch: Sebastian Turner: Deutschlands Zeitgeist kommt aus Österreich. In:
Form. Zeitschrift für Gestaltung Nr. 114, 2/1986. Aus dem "Tempo"-Pressespiegel im UA Ganske-
Verlagsgruppe
81 Interview mit Markus Peichl (siehe M 2), Seite 6 - Im folgenden wird das Interview mit Markus Peichl als M
2 zitiert.
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wie Markus Peichl zum Chefredakteur aufstieg und in dieser Position arbeitete, belegen dies eindrücklich. 82
Unter Markus Peichl vollzog sich der Wandel des "Wieners" von der auf Wien bezogenen Stadtzeitschrift zur einer in ganz Österreich erscheinenden Illustrierten. Die Themen bezogen sich fortan also nicht mehr nur auf Wien, sondern auf ganz Österreich. Zur gleichen Zeit tauchte auf dem Titelblatt des "Wieners" die Unterzeile "Zeitschrift für Zeitgeist" auf. Das wäre an sich keine Erwähnung wert, hätten Markus Peichl und Michael Hopp damit nicht, wenn auch unfreiwillig, den Namen eines ganzen Zeitschriftengenres kreiert. Es gibt zwei Versionen darüber, wie die Unterzeile "Zeitschrift für Zeitgeist" auf den Titel des "Wieners" kam. Markus Peichl behauptet, er habe den Namen aus seiner Zeit bei "Basta" mitgebracht. In dieser Zeitschrift sei ein Kulturteil geplant gewesen, der mit "Zeitgeist" betitelt werden sollte. Um die Herausgeber von "Basta", mit denen sich Peichl verstritten hatte, zu ärgern, habe er den Begriff auf dem Titelblatt des "Wieners" verewigt und die "Basta"-Redaktion damit gezwungen, sich kurzfristig einen anderen Namen für ihre Rubrik einfallen zu lassen. 83 Andererseits sprechen Lo Breier und Michael Hopp jeweils von einer Ausstellung mit dem Titel "Zeitgeist", die Anfang der 80er Jahre in Berlin stattgefunden habe. Die Idee der Unterzeile "Zeitschrift für ..." auf dem "Wiener"-Titelblatt habe schon länger bestanden und Zeitgeist erschien Michael Hopp wegen der Alliteration eine gute Ergänzung. 84 Die Auflage des "Wiener" stieg im Zeitraum zwischen 1980 und 1984 von 8.000 auf 86.000 Exemplare an. 85 Trotz des wirtschaftlichen Erfolges kam es 1984 zum Zerwürfnis zwischen Markus Peichl und dem Verleger Hans Schmid. 86 Der Grund für die Trennung ist darin zu suchen, daß Markus Peichl - nach eigener Einschätzung - den Bogen überspannt hatte.
82 M 2, Seite 7f: "Und plötzlich stand ich als Chefredakteur im Impressum, weil mich Michael (Hopp, Anm. d.
A.) einfach reingeschrieben hat. Auch das wurde mit niemandem abgesprochen. Das hat Michael, der damals
Chefredakteur war, einfach gemacht. Der hat gesagt: 'Du machst hier eh alles. Dann mußt Du auch als
Chefredakteur da drin stehen!' Und so ging es wirklich zu. So bin ich Chefredakteur geworden. Ich war da ir-
gendwie, auf irgendeine Art und Weise. Typisch österreichisch, man war irgendwie Chefredakteur, und dann
war man irgendwie auch im Impressum."; Und ebenda, Seite 8: "Ich bin dann einfach auch hingegangen und
habe, ohne jemanden zu fragen, so Dinge gemacht, wie die Druckauflage erhöht. Ich habe den Seitenumfang
erhöht ohne zu fragen und obwohl die Anzeigen nicht da waren. Ich bin hergegangen und habe irgendwelche
Schmuckfarben bestellt in der Druckerei."
83 M 2, Seite 17
84 vgl.: M 4, Seite 2f; M 1, Seite 1
85 M 2, Seite 8
86 ebenda: Hans Schmid war der Geschäftsführer der Wiener Filiale der Werbeagentur GGK, die die Zeitschrift
"Wiener" herausgab.
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"... weil es auch irgendwann so war, daß ich den ‚Wiener‘ wie mein eigenes Blatt geführt und gemacht habe. Die verlegerische Verantwortung hat aber jemand anders getragen, und das geht natürlich nicht. [...] Aber der Verleger konnte nicht mehr nur zusehen, den 87 habe ich jeden Monat entmündigt."
4.2. Die Gründung von "Tempo"
Vom Können Peichls war Schmid aber weiterhin überzeugt. Motiviert vom mittlerweile fantastischen Erfolg des "Wieners" in Österreich, begab sich Schmid auf die Suche nach einem deutschen Verlag, der Interesse an einem Joint Venture hatte und zusammen mit Schmid eine deutsche Ausgabe des "Wiener" herausgeben würde. Am Ende dieser Bemühungen entstand "Tempo". Der konzeptionelle Input für diese Zeitschrift sollte von Markus Peichl kommen. Hans Schmid war auf einen deutschen Partnerverlag angewiesen. Er hatte zwar ein erfolgversprechendes, weil in Österreich hervorragend funktionierendes Zeitschriftenkonzept, allerdings mangelte es ihm an der nötigen Infrastruktur, die es erlaubt hätte, schnell eine neue Zeitschrift auf dem deutschen Markt zu plazieren. Dazu bedarf es einer Reihe gut funktionierender Strukturen, etwa im Druckbereich, im Vertriebswesen (Distribution und Verkauf der Zeitschrift auf dem Lesermarkt), im Anzeigenbereich aber auch in der Marktforschung und Werbung. 88
Schmid suchte also nach einem deutschen Geschäftspartner für ein Joint Venture. Darunter versteht man die Gründung eines neuen Unternehmens, wobei die beiden kooperierenden Partner gemeinsam das unternehmerische Risiko tragen. 89 Hans Schmid und Markus Peichl traten mit dem Konzept für ein deutsches Zeitgeist-Magazin nach dem Vorbild des "Wiener" an vier deutsche Verlage heran: an Burda, an Gruner & Jahr, an die Ringier-Verlagsgruppe und an den Jahreszeiten-Verlag. 90 Die verschiedenen Gespräche wurden bereits seit 1984 geführt. 91 Burda und Ringier hatten kein Interesse an einer Zusammenarbeit. Im Hause Gruner & Jahr wurde seit geraumer Zeit selbst eine Zeitgeist-Zeitschrift entwickelt, die den Namen "Fritz" tragen sollte. Zum Zeitpunkt der Verhandlungen hat man bei Gruner & Jahr
87 M 2, Seite 8f
88 Thomas Bleis: Erfolgsfaktoren neuer Zeitschriften: empirisch betriebswirtschaftliche Untersuchung zur
Entwicklung und Markteinführung von Publikumstiteln. München 1996, Seite 65ff
89 Andreas Vogel: Die populäre Presse in Deutschland. A.a.O., Seite 170
90 M 2, Seite 9
91 ebenda, Seite 10
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offensichtlich noch an dieses Projekt geglaubt und eine Zusammenarbeit mit Schmid abgelehnt. Im Herbst 1985 allerdings wurde das Projekt "Fritz" aufgegeben, ohne das je eine Ausgabe der Zeitschrift in den Handel gekommen wäre. Den Verlegern war das wirtschaftliche Risiko zu groß. 92
Der Hamburger Verleger Thomas Ganske aber hatte Interesse an einer deutschen Ausgabe des "Wiener" und nahm die Verhandlungen mit Hans Schmid auf. Zur Verlagsgruppe Ganske gehörten - und gehören noch heute - der Jahreszeiten-Verlag und der Buchverlag "Hoffmann und Campe". Im Jahreszeiten-Verlag erscheinen so populäre Publikumszeitschriften wie die Frauenzeitschriften "Für Sie" und "Petra", die Stadtillustrierte "Prinz", die Wohnzeitschriften "Zuhause Wohnen" und "Architektur & Wohnen" oder die Reisezeitschrift "Merian". 93 Markus Peichl bekam bereits im Sommer 1985 einen Vertrag mit der Verlagsgruppe Ganske und begann mit dem Aufbau einer Redaktion. Bis Mitte Oktober war der Aufbau abgeschlossen, und so begann Anfang November die Arbeit an der Nullnummer 94 von "Tempo". Zu diesem Zeitpunkt waren die Verhandlungen zwischen den Verlegern Thomas Ganske und Hans Schmid allerdings noch nicht zu Ende geführt. Markus Peichl bemerkte im Interview, daß Hans Schmid immer "etwas unrealistische Vorstellungen" von der Zusammenarbeit gehabt habe. Zwar wollte er eine 50-prozentige Beteiligung an dem zu gründenden Joint Venture halten, doch finanziell wollte er sich daran nur in geringerem Umfang beteiligen. Über die finanziellen Fragen kam es im Herbst, kurz vor Fertigstellung der Nullnummer, zum Bruch zwischen Ganske und Schmid. Das österreichisch-deutsche Joint Venture war gescheitert. 95
Thomas Ganske nahm das Risiko auf sich und entschloß sich, die Zeitschrift im Alleingang auf den Markt zu bringen. Markus Peichl war zu einer Zusammenarbeit mit dem Hamburger Verleger bereit. 96 Das späte Scheitern der Verhandlungen brachte für das Projekt "Tempo"
92 Vgl.: M 2, Seite 4 und Sebastian Turner: Deutschlands Zeitgeist kommt aus Österreich. A.a.O.
93 vgl.: Merian Extra. Der Verlag. Ein Medienhaus stellt sich vor. Hamburg 1991
94 Nullnummern von Zeitschriften sind noch nicht im Handel erhältlich. Dennoch sind diese Hefte sowohl
technisch als auch inhaltlich genauso aufwendig gestaltet, wie die später regulär erscheinenden Ausgaben. Die
Nullnummern dienen vor allem der Marktforschung, um die Akzeptanz bei potentiellen Lesern zu testen, und sie
dienen der Anzeigenabteilung für Präsentationen bei möglichen Werbekunden. Vgl.: Andreas Vogel: Die
populäre Presse in Deutschland. A.a.O., Seite 171f
95 M 2, Seite 10
96 M 2, Seite 10f: " Ich mußte mir damals überlegen, ob ich die Koffer wieder packe. Dann hätte es 'Tempo'
nicht gegeben, weil es Ganske ohne mich nicht gemacht hätte. Oder ob ich diese Chance nutze. Dann kam dazu
- damals für mich das Ausschlaggebende -, daß Schmid mit mir nach meinem Rausschmiß (beim 'Wiener',
Anm. d. A.) nie einen Vertrag gemacht hat und mir auch nie eine Mark mehr gezahlt hat. Ich hatte ja ein
Chefredakteursgehalt beim 'Wiener' in Höhe von 21.000 Schilling, also 3.000 Mark. Das für das, was ich für das
Blatt gemacht habe. Nicht besonders viel. Und als er mich rausschmiß, habe ich nicht mal eine Abfindung
bekommen, weil er (Schmid, Anm. d. A.) eben gleich auf der Ebene kam: 'Herr Peichl, Sie machen jetzt mit mir
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allerdings einige Schwierigkeiten mit sich. Noch während der Produktion der Nullnummer war davon ausgegangen worden, daß es zu einem Lizenzvertrag mit dem österreichischen "Wiener" kommt und in "Tempo" etwa die Hälfte der Beiträge vom "Wiener" übernommen werden könnten. So stammte auch in etwa dieser Anteil der Nullnummernbeiträge aus dem "Wiener". 97 Die Besetzung der Redaktion war auf diese Zusammenarbeit ausgerichtet. Da der Lizenzvertrag nun nicht zustande gekommen war, mußte das gesamte Heft von der "Tempo"-Redaktion selbst gefüllt werden. Die Zeit zwischen dem Erscheinen der Nullnummer Ende November 1985 und dem Erscheinen der ersten regulären "Tempo"-Ausgabe war zu knapp bemessen, um die zusätzlich benötigten Redakteure zu suchen und einzustellen. Doch der kurze Zeitraum zwischen der Testnummer und dem Gang an den Kiosk brachte noch weitere Schwierigkeiten mit sich:
"Es hatte nicht die ganz normalen Austestungen in der Drucklogistik, es hatte nicht die Austestungen in der Vertriebslogistik, es hatte nicht die Austestungen im Anzeigenverkauf ..." 98
Für gewöhnlich gehen mit den Testausgaben (Nullnummern) von Magazin-Neuentwicklungen Befragungen über die entsprechende Zeitschrift einher, die sich hauptsächlich an An-zeigenkunden wenden, vereinzelt auch an Rezipienten, also Leser. 99 Die Ergebnisse dieser Tests werden dann in das Konzept der Zeitschrift mit eingearbeitet, so daß die ursprüngliche Idee des Magazins der Nachfrage des Marktes entsprechend variiert wird. 100 Die Dauer der Testphase hängt entsprechend von den Ergebnissen der Befragungen ab. Bei der Markteinführung von "Tempo" spielten die Ergebnisse dieser Befragungen quasi keine Rolle. Die Zeit zwischen dem Erscheinen der Nullnummer und dem Beginn der Arbeit an der ersten regulären Ausgabe war viel zu knapp bemessen, um Erkenntnisse über die Akzeptanz des Magazins "Tempo" mit in das Konzept einfließen zu lassen. Man verließ sich darauf, daß das
das deutsche Projekt!' Da habe ich zu Ganske gesagt, daß ich nochmal drüber nachdenken will, habe mit ein paar
Leuten darüber gesprochen. Und diese Sache, daß mich Schmid nur als Lockvogel benutzt hat, um selber die
Anteile zu bekommen, ich dann auch kapiert habe, daß ich das eigentliche Kapital war, er mir aber noch nicht
mal in diesem Jahr der Verhandlungen etwas zahlte, habe ich gesagt: 'Gut, ich fühle mich nicht mehr an Herrn
Schmid gebunden', und habe Ganske zugesagt."
97 Sebastian Turner: Deutschlands Zeitgeist kommt aus Österreich. A.a.O., Seite 28
98 M 2, Seite 4
99 Thomas Bleis: Erfolgsfaktoren neuer Zeitschriften. A.a.O., Seite 109
100 vgl.: Wilhelm Jacob: Neuentwicklung von Zeitschriften: Eine kritische Analyse unterschiedlicher
Vorgehensweisen von der Idee bis zum Leser. München 1986, Seite 61ff
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in Österreich erprobte Konzept auch in Deutschland funktionieren würde. Die erste Ausgabe von "Tempo" erschien am 27. Januar 1986.
4.3. Die Macher von "Tempo"
Im Laufe seiner zehnjährigen Geschichte hatte "Tempo" fünf Chefredakteure. Markus Peichl wurde als Gründungschefredakteur bereits genannt, ihm folgte nach seiner Entlassung im Dezember 1989 Lucas Koch, der unter Peichl bereits stellvertretender Chefredakteur war. Er führte das Blatt von der "Tempo" Nr. 01/1990 bis einschließlich 10/1990 und wurde dann von Jürgen Fischer abgelöst, der wiederum nur anderthalb Jahre blieb. Ab der Ausgabe 05/1992 zeichnete der ehemalige "Stern"-Chefredakteur Michael Jürgs für das Blatt verantwortlich. Er wurde mit der Mai-Ausgabe 1994 durch Walter Mayer ersetzt, der das Blatt bis zu dessen Einstellung im April 1996 leitete.
Bis auf Michael Jürgs, der als 46-Jähriger Chefredakteur von "Tempo" wurde, gehörten alle anderen leitenden Köpfe einer jüngeren Generation an. Dies trifft auch auf den größten Teil der redaktionellen Mitarbeiter zu. Es macht an dieser Stelle wenig Sinn, alle Chefredakteure, Redakteure und Mitarbeiter von "Tempo" im einzelnen vorzustellen. Es sei lediglich bemerkt, daß bei "Tempo" eine erstaunliche große Anzahl journalistisch hochbegabter Talente groß geworden ist: "Tempo war ein Talentschuppen für Journalisten, Fotografen, Grafiker. Sie kondolieren jetzt aus Redaktionsstuben etablierter, kaufkräftiger Blätter." 101 Ein "Tempo"-Impressum - egal welcher Ausgabe - liest sich heute wie ein "Who is who" des deutschen Feuilletons und der jungen deutschen Literaturszene: Michael Althen (heute "Süddeutsche Zeitung"), Maxim Biller (erfolgreicher Buchautor), Andrian Kreye, Claudius Seidel, Ulf Poschard, Moritz von Uslar, Tobias Kniebe, Christian Kracht und viele andere begannen ihre journalistische Laufbahn bei "Tempo".
101 Adolf Theobald: "Tempo"-Limit I. In: Die Zeit, vom 19.4.96. Hamburg 1996. Aus dem "Tempo"-
Pressespiegel im UA Ganske-Verlagsgruppe
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4.4. Statistisches Material
Der wirtschaftliche Erfolg einer Zeitschrift - und auf Dauer ist nur der für ihr Überleben entscheidend - läßt sich anhand der Auflagenzahlen nachvollziehen. Sie zeigen an, wie gut sich ein Heft auf dem Zeitschriftenmarkt verkauft. Und über die Höhe der Auflage werden die Preise für die in den Zeitschriften geschalteten Anzeigen bestimmt, was eine der wichtigsten finanziellen Einnahmequellen für einen Titel ist und somit sein Überleben sichert. Die Entwicklung der verkauften Auflage von "Tempo" läßt sich in der Grafik (siehe M 5) ablesen. Die Kurve zeigt den Verlauf für die durchschnittlich in einem Quartal verkauften Exemplare. Die Zahlen beruhen auf Verlagsangaben und sind sprichwörtlich "mit Vorsicht zu genießen". Wie in den Interviews mit Markus Peichl und Michael Jürgs deutlich wurde, entsprechen die in der IVW-Statistik 102 veröffentlichten Auflagenzahlen nicht immer den tatsächlichen Werten. Es ist in der Verlagsbranche ein offenes Geheimnis, daß die Zahlen in einem gewissen Rahmen manipuliert werden, vor allem natürlich dann, wenn die Auflage sinkt. 103
Der Verlauf der Auflagenentwicklung von "Tempo" läßt sich folgendermaßen umschreiben: Nach einer verhaltenen Startphase, in der sich die Auflage immer knapp unter der Marke von 150.000 Exemplaren bewegte, zog das Heft zwischen dem Quartal 3/1987 und dem Quartal 3/1988 merklich an. Zum letztgenannten Zeitpunkt erreichte die verkaufte Auflage den für die zehnjährige "Tempo"-Geschichte absoluten Höhepunkt von etwas mehr als 185.000 Exemplaren. Danach hielt sich die Auflage bis zum ersten Quartal 1991 konstant im Bereich zwischen 160.000 und 170.000. Bis Anfang des Jahres 1993 ist dann ein deutlicher Abwärtstrend zu verzeichnen. Die letzten drei Jahre (1993 bis 1996) sind gekennzeichnet durch eine recht konstante Auflage, die sich auf einem Niveau von knapp über 100.000 Exemplaren einpendelt. Mit einiger Zeitverzögerung spiegelt der Auflagenverlauf damit die wichtigsten konzeptionellen Veränderungen der Zeitschrift wider (siehe auch Kapitel 4.6. "Das Konzept"). Etwaige Ausreißer nach oben sind entweder auf einzelne hervorragend verkaufte Ausgaben zurückzuführen oder auf gezielte Werbeaktionen des Verlages. Langfristig zeigten diese Erfolge allerdings wenig Wirkung.
102 Die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) ist eine unab-
hängiger Verein, der die Daten zu Zeitschriften-Auflagen sammelt und veröffentlicht. Andreas Vogel: Die
populäre Presse in Deutschland. A.a.O., Seite 72f
103 vgl.: M 2, Seite 2f; M 3, Seite 4f
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Dennoch ist in der Auflagenstatistik am Ende ein klarer Abwärtstrend erkennbar. So sank beispielsweise die Zahl der Abonnenten bis Ende 1995 auf knapp 10.000, der Verkauf im Einzelhandel wies ebenso einen deutlichen Abwärtstrend auf. Gleichzeitig stieg die Anzahl der Exemplare, die an den "Leserkreis Daheim" 104 ausgeliefert wurden. Der "Leserkreis Daheim" wiederum gehört, wie der Jahreszeiten-Verlag auch, der Ganske-Verlagsgruppe an. 105 Der Verdacht, daß die Auflage von "Tempo" am Ende über den "Leserkreis Daheim" künstlich hoch gehalten wurde, drängt sich auf, weil die dort abgesetzten Exemplare im klaren Mißverhältnis zu den Entwicklungen der Abonnements und Einzelhandelsverkäufe stehen.
4.5. Die "Tempo"-Leser
Jeder Verlag hat ein Interesse daran, die Leser seiner Zeitschriften möglichst genau zu kennen. Zum einen, weil sich die Inhalte besser auf die Zielgruppe abstimmen lassen, zum anderen, weil sich mit genauen Kenntnissen über die Leserschaft leichter Anzeigenkunden gewinnen lassen. Daher hat man auch beim Jahreszeiten-Verlag bereits im Sommer 1986 die Käufer der ersten drei "Tempo"-Ausgaben unter die Lupe genommen und aus etwa 600 Interviews ein Leserprofil erstellt. Dieses Profil ist freilich kritisch zu betrachten, es ist gespickt mit blumigen Begriffen, denen anzumerken ist, daß sie Werbekunden für das Heft begeistern sollen. Dennoch lassen sich diesem Leserprofil einige Rahmendaten entnehmen, die Aufschluß über den "typischen" "Tempo"-Leser geben.
Demnach ist der überwiegende Teil der Leser von "Tempo" männlich, zwischen 20 und 40 Jahre alt und größtenteils ledig. Er hat einen mittleren bis gehobenen Bildungsstand, arbeitet meist als Arbeiter oder Angestellter und hat ein gehobenes Einkommen. Weit über die Hälfte der "Tempo"-Leser wohnt in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern. Damit entspricht der typische Leser von "Tempo" in etwa dem Typen des "Yuppies", des "Young Urban Professionals", das in den 80er Jahren in Werbeagenturen und Marketingabteilungen geborene Stereotyp für den jungen und aufstrebenden Großstadt-Menschen. 106
104 Der "Leserkreis Daheim" ist ein Lesezirkel, der Zeitschriften vermietet. Der Kunde erhält wöchentlich eine
Mappe mit sechs aktuellen Zeitschriften und gibt diese nach der Lektüre wieder an den Lesezirkel zurück.
105 Merian Extra. Der Verlag. A.a.O., Seite 138
106 Zu den "Tempo"-Lesern: Jahreszeiten-Verlag (Hrsg.): "Tempo"-Exklusiv. Ergebnisse zur Käuferschaft.
Hamburg 1986. UA Ganske-Verlagsgruppe und: Hartmut Bühler: Der Geist, er ging. In: ZV+ZV Nr. 48/1986.
A.a.O., Seite 32f
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Andreas Hentschel, 2000, Tempo (1986 - 1996) - Eine Dekade aus der Perspektive eines populären Zeitgeistmagazins, München, GRIN Verlag GmbH
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