Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Lesart. 4
3. Inhalt. 5
4. Leerstellen 7
4.1 Der lyrische Prolog 7
4.2 Die Figur des Ohms Simon Semmler 10
4.3 Das Geständnis des Lumpenmoises 12
4.4 Johannes Niemand und das Doppelgängermotiv. 15
4.5 Der Mord am Förster Brandis 17
4.6 Die Schlussszene 19
5. Fazit. 23
6. Bibliographie. 25
6.1 Primärliteratur 25
6.2 Sekundärliteratur 25
1. Einleitung
Die 'Judenbuche', geschrieben von Anette Droste-Hülshoff ist mit Sicherheit eines der bedeutendsten und meist rezipiertesten Werke deutscher Literatur des 19. Jahrhunderts. Gerade im Schulunterricht wird es immer wieder wegen seiner Vielschichtigkeit, aber auch der einfachen Zugänglichkeit verwendet. Beim Bibliographieren der neusten Droste-Forschung stößt man allerdings unweigerlich auf ein Werk aus dem Jahr 2008 von Norbert Mecklenburg: Der Fall 'Judenbuche' - Revision eines Fehlurteils. Der Autor schlägt, nach eigener Angabe 1 , eine ganze neue, kontroverse Les- und Deutungsart der Novelle vor. Blickt man in der Forschung zurück, stellt man fest, dass Mecklenburg mit seinen Ansichten fast alleine da steht. Die Rezeptionen des Stoffes sind mehr als nur kontrovers 2 , haben aber dennoch alle eine Gemeinsamkeit: Alle Interpreten sind sich einig darüber, dass die Autorin Droste-Hülshoff viele Leerstellen im Text hinterlassen hat, die es gilt interpretatorisch zu füllen. Genau mit diesen Leerstellen beschäftigt sich, mit besonderer Berücksichtigung zweier Interpretationsarten 3 , unterschiedlicher Les-und diese Arbeit. Das
Hauptaugenmerk liegt allerdings auf der, von Mecklenburg und Villö Dorothea Huszai proklamierten, Lesart. Da Mecklenburg und Huszai in ihren Ausführung sehr oft die Gegenseite ihrer Forschung beleuchten und diese sehr gut zusammenfassen, werden somit auch Aussagen von Autoren, deren Werke nicht direkt dieser Arbeit vorliegen indirekt verwendet (natürlich wird hierbei die gängige Zitierweise eingehalten und gekennzeichnet, welches geistige Gut von welchem Autor/Werk stammt).
Zunächst wird ein kurzer Überblick über den Inhalt der Geschichte wiedergegeben. 4
1 Villö Dorothea Huszai und Konrad Schaum haben sich schon vorher mit der
Thematik beschäftigt und vertreten die gleichen Standpunkte.
2 Als Lektüre zur Rezeptionsübersicht sei hier Annette von Droste-Hülshoff -
2. vollst. neu bearb. Aufl. von Roland Schneider empfohlen; zusätzlich
natürlich die Droste-Bibliographie 1981-2003von Jochen Grywatsch.
3 Vgl. Huszai: Denken sie sich. S. 482.
4 Die 'Judenbuche' hat eine historische Vorlage. Einen guten Überblick zur
Quellenlage des Stoffes bietet das Kapitel 'Grundlagen' in: Oldenbourg
Interpretationen, Annette von Droste-Hülshoff, Die 'Judenbuche'
interpretiert von Heinz Rölleke, S. 14-25.
3
Danach werden einige der Leerstellen (die wichtigsten?) an Hand des Textes und der jeweiligen Thesen ausgewählter Sekundärliteratur überprüft. Der Fokus liegt hierbei auf der Schuldfrage der Hauptfigur Friedrich Mergel. Um diese Frage zu beantworten soll geklärt werden, welche Geschehnisse im Text durch die richtige Interpretation eine Schlüsselfunktion erhalten.
2. Lesart
"Die Mehrheit der literaturwissenschaftlichen Untersuchungen zu Droste-Hülshoffs ''Judenbuche'' nimmt an, dass Friedrich Mergel den Juden Aaron erschlagen haben muss. 5 Aber eben nur die Mehrheit. Huszai, Mecklenburg und Schaum allerdings sind da anderer Meinung und gehen somit davon aus, dass Friedrich Mergel nicht der Mörder des Juden Aaron ist. Daraus resultieren zwei unterschiedliche Lesarten 6 . Zusätzlich gibt es noch die Partei, welche die Vorstellung vertritt, dass es an Hand des Textes nicht möglich sei, genau herauszufinden, wer der wirkliche bzw. ob Friedrich Mergel der Mörder ist. So rückt die Mord- oder eben die Unschuldsthese als Kern vieler Untersuchungen in den Mittelpunkt.
Doch wie kann es dazu kommen, dass so viele Literaturwissenschaftler keinen einheitlichen Konsens über die Antwort dieser Frage finden? Der Schlüssel liegt in den erwähnten Leerstellen. Je nachdem, wie man diese interpretatorisch füllt oder eben nicht füllt, ergibt sich ein unterschiedlicher Text 7 . Im Folgenden wird die Bezeichnung Lesart A für Pro-Mordthese und Lesart B für Anti-Mordthese verwendet. Lesart C steht für die These, dass keine wirkliche Aufklärung der Mordfrage möglich ist. 8
5 Huszai: Denken sie sich. S. 481.
6 Vgl. ebd. S. 482.
7 Ebd.
8 Frei nach Huszai: Denken sie sich. S. 482.
4
3. Inhalt
„Viel Unordnung und böse Wirtschaft“ 9 herrscht bei der Familie Mergel. Hermann Mergel, Friedrichs Vater und starker Alkoholiker, heiratete Margret Semmler, nachdem ihm seine erste Frau in der Hochzeitsnacht weggelaufen war. Mitten in dieser schweren Zeit wird Friedrich im Jahr 1738 geboren. Als dieser neun Jahre alt ist, kommt sein Vater durch exzessiven Alkoholgenuss ums Leben, als er mitten im Wald einschläft und dabei erfriert. Dies hat zur Folge, dass Friedrichs soziales Ansehen im Dorf stark nach unten rutscht. Er wird zum Außenseiter der fortan nichts weiter tut als Kühe zu hüten.
Als ihn 1750 sein Onkel Simon Semmler unter seine Fittiche nimmt, verhilft ihm dieser zu einem bedeutenden Ruf 10 und Friedrichs Ansehen wächst wieder. Zugleich schließt er Freundschaft mit Johannes Niemand, dem vermutlich unehelicher Sohn seines Onkels.
Dieser sieht Friedrich zum Verwechseln ähnlich, genießt allerdings kein hohes Ansehen; im Gegenteil, als Schweinehirt und vermutlich uneheliches Kind, befindet er sich am Fuße der gesellschaftlichen Rangordnung.
Im Dorf B. kommt es ständig zu Gesetzesübertretungen, da sich eine Art eigener Rechtsraum gebildet hat. 11
Die bisher vom Dorf nicht groß beachteten Holzdiebstähle durch die sogenannten 'Blaukittel' nehmen immer mehr zu, so dass die Förster zwar ihre Kontrollen verstärken, aber dennoch die Diebe nie auf frischer Tat ertappen können. Friedrich wird in diese zwielichtigen Angelegenheiten durch seinen Onkel Simon hinein gezogen und fungiert im Juli 1756 als Wache bei einem großen Holzdiebstahl. Diesmal gelingt es dem Oberförster Brandis die Fährte der Bande aufzunehmen und trifft auf Friedrich, der vorgibt die Kühe zu hüten. Dieser schickt den Förster genau in die Arme der Holzdiebe. Aus der Falle kommt Brandis nicht lebend heraus, er wird von den Blaukitteln brutal erschlagen. Friedrich fühlt sich, obwohl man ihm vor Gericht nichts beweisen konnte, mitschuldig an Brandis' Tod, hatte er ihn doch in die Richtung der Diebesbande geschickt, als ihn dieser danach fragte.
9 von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche. S. 5
10 von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche. S. 16
11 Ebd. S. 3
5
Die Geschichte macht einen Zeitsprung in den Oktober 1760. Auf einer Bauernhochzeitsfeier wird Friedrich von dem Juden Aaron bloßgestellt, der ihn „laut vor allen Leuten um den Betrag von zehn Talern für eine schon um Ostern gelieferte Uhr gemahnt hatte“ 12 . Aarons Leiche wird wenig später im Wald unter einer Buche aufgefunden. Sofort gerät Friedrich wegen der Vorkommnisse während der Hochzeitsfeier unter Mordverdacht, doch als man dessen Haus durchsuchen will, um ihn festzunehmen, flieht er zusammen mit Johannes Niemand.
Der Verdacht wird später durch das Mordgeständnis eines gewissen Lumpenmoises, ein Wegelagerer und Dieb, entkräftet, wobei nicht geklärt werden konnte, ob sich dieses Geständnis tatsächlich auf den im Dorfe B. ermordeten Aaron bezog.
Eine Delegation der Juden des Dorfes kauft die Buche, unter der Aaron gefunden wurde und ritzt einen Satz in hebräischen Schriftzeichen in die Rinde. Deshalb wird der Baum von den Dorfbewohnern ''Judenbuche'' genannt. Am 24. Dezember 1788, 28 Jahre nach den zuvor geschilderten Ereignissen, kehrt eine alte, kranke Gestalt in das Dorf B. zurück. Die Dörfler erkennen in ihr den damals geflohenen Johannes Niemand. Simon und Margret Semmler sind zu diesem Zeitpunkt schon tot, sie starben beide in Armut. Margret verblieb zudem seit dem Verschwinden ihres Sohnes in einem Zustand „völliger Geistesstumpfheit“ 13 .
Der Heimgekehrte versucht von dort an wieder am normalen Dorfleben teilzunehmen, was ihm nur schwerlich gelingt. Kurze Zeit später wird seine Leiche gefunden, erhängt in der besagten 'Judenbuche'. Man gönnt ihm kein normales Begräbnis, sondern verscharrt ihn auf dem Schindanger.
Der in der Buche eingeritzte hebräische Spruch bedeutet übersetzt: „Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast“ 14 . Die dörfliche Obrigkeit erkennt nun in der Leiche den vermissten Friedrich Mergel und nicht Johannes Niemand. Die Verwechselung kam zustande, da beide sich damals wie eineiige Zwillinge glichen.
12 Ebd. S. 29.
13 von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche. S. 37.
14 Ebd. S. 42.
6
4. Leerstellen
Die 'Judenbuche' hat mannigfaltige Forschungen, vor allem auf interpretatorischer Ebene hervorgebracht. Dies ist nicht zuletzt so, wegen ihrer zahlreichen Leerstellen. "Ein objektiver Grund für die Divergenz der Deutungen sind die auffälligen und unauffälligen Leerstellen im Text. Die Erzählung verschweigt viel." 15 Einige dieser Lücken dienen lediglich der Spannungserhaltung der Handlung, wohingegen andere interpretatorisch gefüllt werden müssen, um die Geschichte zu verstehen und viele Fragen 16 zu beantworten. Gleichzeitig werfen aber genau diese Lücken auch neue Fragen auf.
Im Folgenden werden nun die, von der Sekundärliteratur bezeichneten, wichtigsten Szenen beschrieben und auf ihre Leerstellen hin überprüft. Hierbei handelt es sich um den gereimten Prolog des Textes, verschiedene Auftritte des Ohms Simon, die Figur Johannes Niemand und das Doppelgängermotiv, das Mordgeständnis des Lumpenmoises, und vor allem den Mord an Oberförster Brandis und die Schlussszene.
4.1 Der lyrische Prolog
Der eigentlichen Erzählung steht ein Vorspruch voraus. 17 Mecklenburg sieht in diesem das stärkste Argument gegen die Mörderthese, wohingegen die meisten anderen Droste-Forscher genau hier schon die ersten wichtigen Anzeichen dafür finden. "Der gereimte Vorspruch warnt den Leser in direkter Ansprache vor einer oberflächlichen, unsensiblen, undifferenzierten Bewertung menschlichen Fehlverhaltens, wie es in der Erzählung an der Hauptfigur zu beobachten ist:" 18 Der Appell am Ende des Spruches 19 ist durchaus recht eindeutig als Warnung erkennbar, soweit gehen auch andere Interpreten konform. "Seine Funktion ist klar. Dem Leser wird eine bestimmte Rezeptionshaltung empfohlen: Er wird auf die Beschränktheit seines Wissens und Urteilsvermögens hingewiesen, er wird vor Selbstgerechtigkeit gewarnt, ihm wird Mitleid für das "arm verkümmert sein" nahe
15 Mecklenburg: Der Fall Judenbuche. S. 11
16 Z. B. ob Friedrich Mergel der Mörder des Juden ist?
17 von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche. S. 3
18 Mecklenburg: Der Fall Judenbuche. S. 43
19 “Lass ruhn den Stein - er trifft dein eignes Haupt!“ von Droste-Hülshoff:
Die Judenbuche. S. 3
7
Arbeit zitieren:
Achim Oehm, 2010, Die Leerstellenproblematik in Annette von Droste-Hülshoffs ‚Judenbuche’, München, GRIN Verlag GmbH
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