Inhalt:
Einleitung 3
1. Formen des Antisemitismus/ der Judenfeindschaft 4
2. Soziologische Ansätze Seite5
3. Identitätsbilder im und durch den Antisemitismus 8
3.1 Täter und Opfer-Dichotomie 8
3.2 Gemeinschaft versus Gesellschaft 9
3.3 Identität versus nicht-identische Identität 11
4. Identität und Antisemitismus „nach Auschwitz“ 12
4.1 Die Opfer-Täter-Umkehr 13
5. Versuch eines Fazits 14
Literaturverzeichnis 16
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1. Einleitung
Die vorliegende Ausarbeitung befasst sich mit dem modernen, sog. sekundären Antisemitismus und dessen Funktion für die und in der Identitätsstiftung. Nachdem einleitend kurz die unterschiedlichen Richtungen des Antisemitismus zusammengefasst werden, sollen Arbeiten von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer zum Antisemitismus umrissen werden um aufzuzeigen, wie und welche soziologischen Ansätze der
Antisemitismusforschung für die Themenstellung relevant sind. Ausgehend von poststrukturalistischen Theorien, welche das Augenmerk besonders auf
Konstruktionsbedingungen von Strukturen sowie normative Vorstellungen und theoretische Prinzipien der Identitätsbildung richten, soll erläutert werden, in welcher Form die antisemitische Denkweise Fremd- und Selbstbilder entwirft, und aus welcher Motivation heraus sie dies tut. Der Sammelband „Die Verneinung des Judentums. Antisemitismus als religiöse und säkulare Waffe“ (Holz/ Kauffman/ Paul (Hg.) 2009) dient hierbei als Grundlage um die Verschachtelung der jeweiligen Fremd- und Selbstbilder und ihrer Einbettung ins Gesellschaftssystem darzustellen. Außerdem sind an dieser Stelle die Arbeiten von Wolfgang Wippermann zu nennen, dessen umfangreiche und kritische Auseinandersetzung mit den Vielschichtigkeiten des Antisemitismus, des Faschismus und seiner Anhänger das gedankliche Fundament dieser Ausarbeitung bilden. Zum Schluss soll das komplexe Feld von Antisemitismus und Identität nach der Shoa, bzw. „nach Auschwitz“ wie es anlehnend an Adorno von Holz formuliert wird, beleuchtet werden.
Ich möchte darauf hinweisen, dass das hier bearbeitete Thema in seinem Grundsatz bereits mit Kategorien der Abgrenzung arbeitet: Antisemitismus ist wohl kaum zu denken ohne Begriffe wie „die Juden“ oder die zusammenfassende Betitelung einer Nation etwa als „die Deutschen“. Um mit den mir vorliegenden Quellen, welche diese und ähnliche Formulierungen teilweise unkommentiert nutzen, arbeiten zu können und nicht zu viel Raum mit dem Zurechtrücken politisch zweifelhafter Begrifflichkeiten zu füllen, verzichte ich darauf, diese stets mit Anführungszeichen zu versehen oder zu relativieren. Es genüge der Hinweis, dass ich mich vom Gebrauch solcher Kategorien distanziere. Am Rande soll noch angemerkt werden, dass ich den Begriff der „Wir-Gruppe“ und des „uns“ im Zusammenhang mit „deutscher“ Identitätsbildung der Einfachheit halber direkt von den Autoren übernehme, trotz meiner persönlichen Perspektive als nicht-deutsche Jüdin.
„Die duale Trennung muss man machen. Das ist unausweichlich. Wir haben nicht die Option zu sagen: das wollen wir nicht, das schaffen wir ab. Möglich ist nur, diesen Zwang des Unterscheidens zu reflektieren. (...)Identitätswahn ist die verweigerte Reflexion darauf, dass Identität durch Unterscheiden konstruiert wird.“ (Holz, 138)
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1. Formen des Antisemitismus
Als Einstieg in die Thematik soll ein knapper Umriss der verschieden Formen der Judenfeindschaft dienen. Die ursprünglichste Variante ist der christlich-religiöse Antijudaismus, dessen Verbreitung in der Welt z.B. mittels der offen judenfeindlichen Johannis-Offenbarung oder auch den antijüdischen Hetzschriften Luthers stattfand, um nur die bedeutendsten zu nennen (siehe hierzu: Wippermann 2005 und Pollatschek/ Schmidt 2004). Gehen wir davon aus, dass Antijudaismus eine Form des Antisemitismus ist, die durch ihre primäre diskursive Verbindung zur christlichen Theologie gekennzeichnet ist und zum antijudaistischen Motivrepertoire Bilder des Gottesmordes, der immer währenden, unauslöschbaren Schuld, der Christenfeindlichkeit, des Ritualmordes, der Hostienschändung, der Brunnenvergiftung, der „Blindheit und Verstocktheit“ (dies bezieht sich auf Unbekehrbarkeit, M.R.) gehören. Nehmen wir an, dass Antijudaismus Juden und Jüdinnen als Feinde Gottes annimmt, als „ewigen Juden“, welcher der christlichen Legende nach zu ewigem Herumirren in der Welt verdammt ist weil er Christus nicht als Messias annimmt und verspottet; als „Volk des alten Bundes“, als aus dem „neuen Gottesbund“ ausgeschlossen, das Judentum als Gesetzesreligion begreift, als Religion ohne „Geist“, als das Äußere, das Abstrakte, als Schein, als Paradigma für den Heilsverlust, für Sünde, Verderben und Gefahr. (Wamper in: Holz 2009) Im Laufe der europäischen Entwicklung Richtung Aufklärung verliert die Kirche und damit die Religion erheblich an Einfluss, und so entsteht, beeinflusst von tradierten judenfeindlichen Stereotypen, aus der traditionellen, religiös begründeten Judenfeindschaft die neuzeitliche, säkulare antisemitische Ideologie (Tilly 2007). Der Begriff des Antisemitismus wurde 1879 zuerst von dem Journalisten Willhelm Marr geprägt (Wippermann). Gehen wir also andererseits davon aus, dass moderner Antisemitismus statt christlich-religiös motiviert zu sein nach wissenschaftlicher Legitimation sucht. Es liegt eine Verschränkung mit den Konstruktionen Nation und Rasse vor, die an den Gedanken vom christlichen Eigenkollektiv anknüpfen konnte. Wie bereits früh von Hannah Arendt hervorgehoben, herrscht ein deutlicher Zusammenhang des modernen Antisemitismus mit der Entwicklung der Nationalstaaten (Arendt 1955). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt sich der rassenideologische Antisemitismus, der jüdischen Menschen die Fähigkeit zur nationalen und kulturellen Zugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft abspricht, ihre kulturelle, soziale, religiöse und moralische Minderwertigkeit behauptet, dabei im Wirken des Judentums eine Schädigung nationaler und ethnischer Strukturen erblickt und daraus die Notwendigkeit der Bekämpfung des Judentums ableitet (Tilly). Gehen wir von der rassistischen Annahme aus, dass JüdInnen als „Drahtzieher“ aller wichtigen Positionen und
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Institutionen gesehen werden, dass das Judentum als wurzellos, international und vor allem als abstrakt anzusehen sei. Setzen wir weiter voraus, dass JüdInnen eine ungeheure Macht zugeschrieben wird, die Quelle dieser Macht als verborgen, als konspirativ gilt, dass sie verantwortlich sein sollen für Kapitalismus und Sozialismus, für Liberalismus und Kommunismus, für Universalismus und Anarchismus, für Materialismus und Ausbeutung, für Intellektualität und Progressivität, für Delinquenz und Internationalismus, für Zersetzung, Aufstand und Revolution. (Wamper in: Holz)
Die Legitimation von Antisemitismus wird hier aus dem phantasierten Handeln des (ebenfalls phantasierten, M.R.) Feindes gezogen. Der Kampf gegen „das Böse“ wird zur Gegenwehr deklariert. JüdInnen sind hiernach TäterInnen, „die Völker“ Opfer. Antisemitismus wird als natürliche Abwehrreaktion und als Streben nach einem friedvollen Leben moralisch legitimiert. (ebd.)
Gehen wir schließlich davon aus, dass sekundärer Antisemitismus sich nicht umstandslos an die aufgrund des Holocaust diskreditierten traditionellen Stereotype anschloss, sondern dass dieser viel eher neue, direkt mit der Vernichtung der Juden und der daraus resultierenden Schuldthematik verknüpfte Antriebe und Argumentationsweisen aufwies, aber nicht alte Varianten der Judenfeindschaft ersetzte. Nehmen wir an, dass es sich um eine Variante handelt, der die Schuldfrage Struktur und Dynamik gibt und dass sie sich speist aus Schuldabwehr, Schuldminderung und Projektion, aus Schuldkontenbegleichung und aus einer Konstruktion des „schuldigen Opfers“, die sich von dem Urbild des „schuldigen Juden“ ableitet und schließlich aus der Projektion der „jüdischen Rache“ für die Shoa. Mit diesen Vorannahmen lassen sich Verschränkungen aller drei Formen des Antisemitismus feststellen. (ebd.)
2. Soziologische Ansätze
Wie Max Horkheimer schon früh feststellte, sind soziologisch-historische Erklärungsmodelle zum Verständnis des Antisemitismus nicht hinreichend. In Soziologie und Philosophie, so beklagte er, gebe es keine mit Sigmund Freuds oder Ernst Simmels psychoanalytischen Aufsätzen vergleichbare Untersuchung (Horkheimer in: Simmel 1993 (1946): Anti-Semitism - A social desease). So verband er zusammen mit Theodor W. Adorno diese Ansätze in der „Dialektik der Aufklärung“ zu einer umfassenden Kulturkritik der Neuzeit. Besonders der abschließende Aufsatz „Elemente des Antisemitismus - Grenzen der Aufklärung“ von 1944 ist hier von Bedeutung.
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Arbeit zitieren:
Myrthe Rosenbaum, 2010, Identität, Alterität und Judenfeindschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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